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Full text of "Heidelberger Jahrbücher der Literatur"

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HEIDELBERGER 

JAHRBÜCHER 

DER 

LITERATUR. 



DR E ISSIGST KR JAHRGANG. 

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EK§T£ HiLFTF, 

Jan U a r b i s J u ff i. 

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HEIDELBERG. 

In der rniversitÄts-Buchuandlung von C. F. Wixtkh. 

# 1 8 3 7. 

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HEIDELBERGER 



JAHRBÜCHER 



DE II 



Wj I T E R t T U lt. 



DREISSIGSTER JAHRGANG. 



/«KHK HAliFTK. 

Juli bin December. 



HEIDELBERG. 

In der Vniversitats-Buchhsndlung von C. F. Wixtkb. 

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1 8 3 7. 



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N°. I. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Archive* Ott Correspondance incdite de la maieon d* Orange- Naeeau. llccu.cil 
public avee aulorisation de S. M. le roi, par Mr G. Groen van Prin$tcrer $ 
Chevalier de l'ordre du Lion Uelgique , Sicritairedu Cabinet de S. M. 
Conteiller d'etat. Premiere Serie. Tim. f. Anntt 1552—1565. 2!Ht .V. 
Tom. //. Anni* 1565. 516 s. Tom. III. Annie 1567-1512. 520 S. 
Leydc, Luchtmanne 1835. 8. 

Älebrere Holländer versicherten neulich dem Referenten, der 
daran zweifelte, dafs ganz im Stillen in Holland die historischen 
Studien von angesehenen Männern mit Liebe und Interesse ge- 
trieben wurden, und dafs ein van Kampen und Andere, deren 
Originalarbeiten oder Uebersetzangen Ref. bisher zu Gesicht ge- 
kommen sind, des Beifalls des eigentlichen Kerns der Nation eben 
so wenig geniefsen , als ähnliche für den Buchhändler oder 1 lu- 
den Effect arbeitende Schriftsteller unter uns des Beifalls der 
Bessern alles Lärmens in Journalen und Zeitungen ungeachtet je 
genossen haben. Dafs dies in der That der Fall sey, sieht er aus 
dem anzuzeigenden Werk und aus des Baron von Keverberg 
neuester Geschichte des Königreichs Holland. Was das letzte, 
hauptsächlich gegen Nothomb gerichtete Buch angeht, so wird 
Ref. nächstens eine harze Anzeige davon machen, jedoch das 
politische Feld, dem es angehört, so viel als möglich meiden. 
Das Buch macht aber unstreitig dem Verfasser und dem Könige, 
dessen edle Bemühungen darin gepriesen werden , um so mehr 
Ehre, je geschichter Herr von Nothomb alles zusammengestellt 
hatte, was für seine Landsleute und für ihr Beginnen sprechen 
konnte. 

Hr. Groen van Prinsterer ist, wenn sich Ref. nicht täuscht, 
I dem gelehrten Publikum schon als Kenner des klassischen Alter- 
thums durch eine treilliche Probeschrift bekannt, und wird sich 
durch d icse Bekanntmachung der Urkunden aus einer Zeit, in 
welcher sein Vaterland unter den Helden des Hauses Nassau zur 
Hauptmacht von Europa geworden war, ein unsterbliches Ver- 
dienst erwerben. Man vergleiche einmal Alles, was die Franzo- 
sen bekannt gemacht haben, und besonders die Einleitungen und 
Noten der Herausgeber mit dem, was hier geleistet ist! Die Ein- 
leitungen, Noten, Inhaltsanzeigen der einzelnen Briefe bilden ein 
XXX. Jahrg. 1. lieft. 1 



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2 Groen van PriiMtcrer 

eignes sehr schätzbares historisches Werk; der Druck und das 

Papier sind der Leydcner Presse, aas der es hervorgegangen ist, 
würdig. 

Ref. glaubt dem deutschen Publikum einen Dienst zu thun, 
wenn er dieses Werk sehr genau und ausführlich anzeigt , damit 
Kenner und Forscher und auch die Freunde historischer Leetüre 
sehen können , was sie darin zu suchen haben. Er wird sich da- 
bei soviel möglich an die Worte des Herausgebers halten, um 
zu zeigen, wie vortrefflich dieser den Gebrauch der Materialien, 
die er bekannt macht, andeutet. Nur hie und da will Ref. den 
Bericht des Vfs ergänzen, wäre es auch nur, um ihm zu bewei- 
sen, mit welcher Aufmerksamkeit er diese Briefe durchgesehen hat. 

Wenn Ref. in Rücksicht des Charakters Wilhelms L nicht 
ganz mit Herrn Groen van Prinsterer übereinstimmen sollte, so 
geschieht dies nicht, weil er mit einem deutschen Reurtheiler, 
den Herr Gioen van Prinsterer am Ende der Einleitung zum drit- 
ten TJieil mit vieler Artigkeit und Höflichkeit widerlegt, sich des 
Herzogs von Alba und Philipps II. als der legitimen Macht gegen 
einen Rebellen annehmen wollte , dazu hat er weder Reruf noch 
historische Gründe; ebenso weuig als er wie die Leute, die der 
Herausgeber der Briefe Vol. II. pag. XVI hart anfährt, dem Hel- 
den den caractere assez commun assez ignoble , d'intrigont poli- 
tique giebt, da er seine historische Ueberzeugung keinen rerai- 
niscences appärtenantes ä un autre ordre et d'hommes et de rc- 
volutions verdankt. Ref. hält dafür, dafs es genug seyn sollte, 
zu beweisen, Wilhelm war ein grofser, kluger, unsterblich um 
die Menschheit verdienter Mann , seine politischen Tugenden über- 
stiegen bei weitem seine moralischen Fehler — weiter führen 
Ref. diese neuen Documente nicht, und so urtheilte er auch vor- 
her. Wir übrigen Menschen, in der Stille des einfachen Privat- 
lebens oder der blöfsen ganz gewöhnlichen und unbedeutenden 
Beschäftigung mit den Studien begraben, haben den Trost, dafs 
Genialität und Gröfse mit der bürgerlichen oder, wenn man 
will, christlich apostolischen (nicht byzantinischen) Mora- 
lität fast nie vereinigt gefunden werden. Man denke an alle 
grofse Männer von Alcibiades und Cäsar bis auf Peter den Gro- 
ssen , Bonaparte und Wellington ; man studiere Göthe's und An- 
derer Leben, oder lese nur die Lobschrift, die Herr Körte neu- 
lich Wolfs des Philologen Leben genannt hat. 

Herr Groen van Prinsterer sagt in der Vorerinnerung zum 
i. Theii zuerst im Allgemeinen Folgendes über sein Buch: 



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Corretpondanre inedite de )a mniton d'Orange-Natiau. 8 

Der Konig hat mir erlaubt , einen Theil seines Hausarchivs 
bekannt zu machen. Der Reichthum dieses unschätzbaren Vor- 
raths besteht besonders in Privatbriefen. Die Sammlung, welche 
8. M. mir zu veranstalten erlaubt, wird daher besonders und so- 
gar fast ausschließend nur solche Briefe enthalten , die nicht ei- 
gentlich officiell sind, und man weifs , dafs gerade diese Art 
Nachrichten oder Urkunden am brauchbarsten ist, um die eigent- 
lichen Ursachen der Begebenheiten , die geheimen Beweggrunde 
der Handlungen, oft sogar die Falten des Herzens zu ergrunden, 
und Dinge aufzuschliefsen , die ganz eigentlich historisch , aber 
mehrentheils den mühsamen Forschungen der Geschichtschreiber 
unzugänglich sind. 

Keine Dynastie war reicher an merkwürdigen, an grofsen 
Männern, als die nassauische« und beinahe Alles, was wir hier 
abdrucken lassen wollen, ist entweder von diesen Personen selbst, 
oder von Fürsten und Privatpersonen, die sie mit ihrem Vertrauen 
beehrten, geschrieben worden. Die beschichte der vereinigten 
Niederlande, welche so innig mit der Geschichte des Hauses Ora- 
nien-Nassau zusammenhängt, wird durch diese Sammlung bedeu- 
tende Autklärungen erhalten. ' 

Diese Familie , die mit fast allen Dynastien von Europa zu- 
sammenhing und an der Spitze einer Bepublik stand, welche auf 
das ganze europäische Staatensystem grofsen Einllufa übte, hatte 
immer sehr viele Verbindungen in fremden Ländern. Viele Für- 
stenhäuser werden in dieser Sammlung wichtige Nachrichten über 
Charakter und Handlungen ihrer Vorfahren finden, und man wird 
aus derselben viele Lucken der Geschichte mancher Staaten füllen 
und viele Urtheile über Personen und Sachen bedeutend berich- 
tigen können. Man wird mit diesen Briefen in der Hand das 
Labyrinth der verschiedenen Verwicklungen leichter durchlaufen, 
wenn man von dem Faden geleitet wird, den die feste und ge- 
wandte Hand des Stadhouders einst gehalten hat. 

Die Geschichte "dieser Familie hängt ferner mit der Geschichte 
der Reformation aufs engste znsammen, und ihre Geschichte zeigt, 
was eigentlich die wahrhafte Kraft eines christlichen Helden und 
eines christlichen Volks ausmacht. Diese Geschichte bietet über- 
all Beweise von derjenigen Wahrheit , welche die beste Lehre 
ist, die man überhaupt aus der Geschichte ziehen kann, dafs 
nicht die Menschen, sondern Gott die Welt regiert, und dafs jede 
Gewalt an dem Felsen der christlichen Kirche scheitern wird. 




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Groen »an Prinitcrer 



Ref. will noch einige Seiten der Einleitung, soweit sie mit 
dem Inhalt in unmittelbarer Verbindung steht, auch schon ans 
dem Grunde übersetzen, weil man daraus am besten sehen wird, 
welcher Unterschied zwischen dem Herausgeber der Papiere des 
franzosischen Archivs und dem der holländischen Sammlung statt 
findet. Der Eine macht windige Phrasen und leere Sophismen , 
der Andere deutet ganz einfach dasjenige an , worauf es allein 
ankommt — die Tbatsachen und ihren Zusammenhang. Er laTst, 
wie billig, ganz unentschieden, was noth wendig, was zufallig 
war, denn das weifs nur Gott und die Philosophen und Theolo- 
gen zu entscheiden. Es heifst hier: 

Die erste Reihe von Banden wird die Zeiten Wilhelms des 
Ersten in sich fassen; also einen Zeitraum, der in jeder Bezie- 
hung von grofser Bedeutung ist. Die Archive enthalten eine sehr 
bedeutende Zahl von Docuraenten , welche sich darauf beziehen, 
die wichtigsten derselben sollen in diese Sammlung aufgenommen 
werden. Sie beziehen sich grofstentheils auf den Kampf, den der 
Prinz bestehen mufste, ein Kampf, der grofse und glückliche 
Folgen hatte. Dieser Hampf war ein europäischer, er ging von 
der Religion aus. Spanien, überwiegend durch Reichthümer, 
durch die Macht seiner Beherrscher, durch den Einflufs seiner 
Literatur und die Unerschrockenheit seiner Soldaten, war damals 
in mancher Beziehung dasselbe, was später Frankreich ward. 
Der Krieg mit den vereinigten Niederlanden erschöpfte Spanien 
und veränderte das bisherige Verhältnifs der Staaten unter ein- 
ander ; dem unaufhörlichen Fortschreiten des Hauses Habsburg 
ward eine Schranke gesetzt ; allein der damalige Kampf galt noch 
aus einein andern und viel wichtigern Grunde nicht blos dem 
Schicksal der vereinigten Niederlande. Es mufste dabei entschie- 
den werden, ob es gelingen werde, durch Vertilgung aller bür- 
gerlichen und politischen Freiheit auch alle Gewissensfreiheit zu 
unterdrücken ; es galt dem Siege des Evangeliums über Aber* 
glauben und Unglauben. Dies war eine Sache der ganzen christ- 
lichen Welt, welche an Allgemeinheit noch diejenige übertraf, 
deren Held ein Jahrhundert später Wilhelm III. war. Wir über- 
gehen die folgende Seite, wo der Verf. seine sehr richtige An- 
sicht des Wesens der ersten Kämpfe in den Niederlanden ent- 
wickelt, und führen nur dasjenige an, was sich unmittelbar auf 
die bekannt gemachten Aktenstücke bezieht. Der Briefwechsel 
Wilhelms I. , den wir hier bekannt machen, fahrt er fort, wird 
«in neues Licht über seinen Charakter verbreiten. Man wird 



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Corretpondance inedite de la inniton cfOrang© Nanta«. 5 



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sehen, dafs er weder ein Freund republikanischer Einrichtungen, 
noch Haupt eines Aufstandes war, oder unter der Hand Empö- 
rung vorbereitete. Er war kein egoistischer Staatsmann , der 
seine Pflichten verletzte und die Ruhe und das Blut der Natio- 
nen seinen ehrgeizigen wohlberechnetcn Planen opferte u. s. w. 

Der Verf. giebt hernach noch folgende kurze Notiz in Be- 
ziehung auf den ersten Band : 

Die hundert und drei und zwanzig Briefe, welche dieser 
erste Theil enthält, sind alle in den Jahren i55a bis i565 ge- 
schrieben. Der grofste Theil (acht und neunzig) derselben gehört 
in die Jahre i56i — 1 565. In Deutschland hatte der Religions- 
friede, so wenig er in vielen Beziehungen genügte, wenigstens 
die Gemüther einigermaßen beruhigt. In England setzte die Ho- 
nigin Elisabeth seit i558 die Reformation fort ; in Frankreich 
veranlafsten (i56s) die Verfolgungen der Huguenotten einen bür- 
gerlichen Krieg ; In Spanien erstickte man den Protestantismus in 
der Geburt. Was die Niederlande angeht, so entwickelte sich 
dort der Keim der Unruhen mit einer wachsenden Schnelligkeit. 
Man bemerkt dabei zuerst , bis zur Abreise des Cardinais Gran- 
vella im März 1 56.f , die Bemühungen, diesen, durch seine Ta- 
lente, seinen Einilufs, seine Plane furchtbaren Mann, zu entfer- 
nen ; dann bemerkt man bis zum Ende des Jahres i565 die Be- 
strebungen, vom Konige Gewissensfreiheit zu erlangen. Die Wei- 
gerung , Duldung zu gewähren , führte die furchtbare Krisis her- 
bei, deren endliches Resultat indessen der Sturz des Fanatismus 
und der Triumph der Grundsätze des Christenthums war. 

Der Herausgeber zeigt übrigens grofse Bekanntschaft mit der 
neuem deutschen historischen Literatur; er hat alles gelesen, was 
in Deutschland in Beziehung auf die Zeiten, denen die von ihm 
bekannt gemachten Briefe angehören, geschrieben ist, sowohl die 
allgemeinen Geschichten, als die Documente , welche die Herren 
Arnoldi und von Rommel haben drucken lassen. Dabei mochte 
Ref. dem Herrn Groeo van Prinsterer fast vorwerfen, dafs er, 
mit dem Alterthum innig bekannt, das Bedeutende und Unbedeu- 
tende zu wenig zu unterscheiden wisse; vielleicht ist das aber nur 
Bescheidenheit und Höflichkeit. Ref. will einiges Einzelne aus 
den drei Bänden der Sammlung anführen , um das Verdienst des 
Herausgebers anschaulich zu machen. Von Kritik kann nicht die 
Rede seyn , sondern ganz allein von der Beziehung , worin diese 
neuen Urkunden zu dem schon Bekannten stehen. 



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Groen van Prinsterer 



Herr Groen van Prinsterer eröffnet den ersten Band der 
Sammlung mit einer Bemerbung über Memoires de Üuillaume L, 
welche dieser selbst verfafst haben soll und die der Graf d'Estra- 
des sieb rühmt, im Cabinet seines Sohnes aus besonderer Gunst 
gelesen zu haben. Die Bemerkung des H. G. v. P. geht dahin, 
zu beweisen, dals der Gral aufgeschnitten hat, und dafs derglei- 
chen Denkwürdigkeit weder jetzt in einem Archive gefunden 
werden , noch auch jemals vorhanden gewesen sind. Der Verf. 
gebraucht freilich nicht das harte Wort von d*Estrades Nachricht, 
dessen sich Bef. bedient hat , sondern er sucht die Wahrhaftigkeit 
des Grafen auf eine Weise zu retten, die uns so wenig einleuch- 
ten will, dafs wir lieber gerade heraus sagen, es ist ein Irr- 
thum, eine Lüge, als zu einer so wunderlichen Fiction, wie 
die S. XIX ist, unsere Zuflucht nehmen. Am Ende, was lernten 
wir aus den Memoires? Dafs Wilhelm Meister seiner Feder ist, 
das lernen wir auch aus den Briefen. 

Unter den 21 ersten Briefen des ersten Bandes, welche Wil- 
helm 1., damals wenig üher einundzwanzig Jahre alt, und den- 
noch Oberbefehlshaber von Carls V. Truppen, an seine Gemahlin 
schrieb, sind uns besonders Lettre XVII. und Lettre XIX, pag. 
21 und a3 aufgefallen. Wir bewundern zugleich den richtigen 
Takt, mit welchem der Herausgeber, durch eine einzige Zeile, 
die historische Beziehung der beiden Briefe hervorgehoben hat. 
Ueber No. XVH würden wir uns anders ausdrücken als Herr 
Groen van Prinsterer. Wir würden sagen, man sehe daraus, 
wie freundlich und herzlich Wilhelm schreiben und reden konnte, 
wenn er Herzen gewinnen oder sieb alte Freunde erhalten wollte. 
No. XIX dagegen zeigt, wie sehr sich alle Verhältnisse in den 
Niederlanden unter Philipp II. schon vor dem Tode Carls V. und 
vor der Schlacht hei Set. Quintin geändert hatten. Ref. ergreift 
die Gelegenheit, um anzudeuten, dafs ein rüstiger Schriftsteller 
für Romanleser aus diesen Bänden sehr leicht eine Anzahl unter- 
haltender und belehrender Stücke für das grofse zum Zeitvertreib 
lesende Publikum, das jetzt mit Briefsammlungen aller Art über- 
schwemmt wird, sammeln und dem Geschmack dieses Publikums 
onpassen könnte ; er will deshalb einen Brief ganz übersetzen. . 
Er wählt No. XVII; doch darf er nicht verheelen, dafs man Wil- 
helms Grofsmuth in Geldsachen dabei nicht hoch anschlagen darf. 
Diese erste Gemahlin brachte nämlich dem Prinzen von Oranien , 
ausser Geld und andern bedeutenden Gütern, die Markisate 
Breda und Diest. Er schreibt : 



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Corretpondaoce iuedite do U mai-on d* Orange Numau. V 

Liebe Frau (ma ferome). Ich hatte dich in zwei Briefen 
gebeten, Du möchtest Dich meiner Geldangelegenheiten wie der 
Deinigen annehmen, wie ich* Dir ebenfalls geschrieben habe, dafs 
alles Meinige auch Dein sev , weshalb ich mich Dir auch ganz 
überlassen hatte, besonders auch aus dem Grunde, weil mir hier 
•o viel durch den Hopf geht (j'e issi tant de rompemens de teste), 
dafs ich mich um meine eigene Angelegenheiten gar nicht be- 
kümmern kann. Uebrigens, liebe Frau, wenn Du mir in Deinem 
letzten Briefe schreibst, dafs Du sehr betrübt (en paine) bist, 
dafs ich Dir so lange nicht geschrieben habe, und nicht weifst, 
ob das nur zufällig sich ereignet, oder ob ich Dir böse sey (<me 
je sei ois courouse ä tous) , so hätte ich doch gedacht", die Freund- 
schaft unter uns wäre so gut, dafs dergleichen Argwohn gar nicht 
Statt finden konnte (ces suspicions seriont aravoie). Ich dächte 
auch, Du hättest mich für zu versiiiudig gehalten, als dafs ich 
ohne alle Ursache zürnen sollte. Wenn ich Dir so lange nicht 
schrieb, so geschah das nur, weil ich gern wollte melden kön- 
nen , was denn König Philipp eigentlich mit dem Lager und Heer 
vorhabe. Ich kann Dir versichern, dafs ich nichts so sehr wün- 
sche, als dafs ich von Dir eben so sehr geliebt werden möge, 
als ich Dich liebe. Nächst Gott bist Du, denke ich, am mehr- 
sten von mir geliebt, und wäre ich nicht in mir so fest uber- 
zeugt, dafs Du mich liebst, ich wäre nicht so gutes Muths , als 
ich gegenwärtig bin; das weifs der Schöpfer, zu dem ich bete, 
dafs er uns die Gnade gewähre, dafs wir unser ganzes Leben 
hindurch in unverstellter Freundschaft leben könnten, und ich 
empfehle mich ganz aufrichtig Deiner Gewogenheit. « Wir müs- 
sen leider dem Herrn Groen van Prinsterer sagen, dafs dieser 
Brief, wie vieles Andere, dem Kopfe Wilhelms mehr Ehre macht 
als seinem Herzen ; Wilhelm hatte gerade damals die Gemahlin 
in den Armen anderer Weiber ganz vergessen, und Philipp von 
Hessen, dessen Enkelin Anna er nach dem Tode der ersten Ge- 
mahlin (März i558) um 1661 zur Ehe suchte, schreibt, sich der 
Ehe widersetzend , an Kurfürst August von Sachsen , dessen Bru- 
ders (Moritz) Tochter Anna war: Vonn der tugennt des piin/.en 
Ton Vranien lassenn wir inen einen weldt thugent samen mann 
sein. So er aber bej dieser unser dochter dochter sein ehe haltenn 
wirt, wie bei der vorigen, so wirt es Ir beschwerlich genug sein. 
Die Heirath ward dennoch geschlossen , und Philipps Voraus, 
sagung , die wir aus den von Herrn von Rommel bekannt ge- 
machten Urkunden entlehnen , traf wörtlich ein. Da wir auf die 



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Groen ?an Prinst<*rer. 



Geschichte der unglücklichen Anna, die von Hur fürst August, 
der gar zu yiel mit der lutherischen Orthodoxie und der Con- 
cordienforrnel zu thun hatte, um sich der Erziehung seiner Nichte 
anzunehmen, schlecht erzogen ward, der hernach Wilhelm nach 
dem Tode seiner Gemahlin in ihrem löten Jahre den Kopf ver- 
drehte , oft zurückkommen müssen, so bemerken wir gleich, dafs 
Herr Groen van Prinsterer in einiger Verlegenheit ist , seinen 
Helden in dieser Beziehung zu rechtfertigen. In politischer Rück- 
sicht ist das leicht möglich , auch hat Wilhelm bei weitem mehr 
Behutsamkeit angewendet, als die leichtsinnige Anna anwenden 
konnte. Dem Herrn Groen van Prinsterer ist übrigens nichts da- 
hin Gehöriges entgangen. Er fuhrt in der Einleitung zum drit- 
ten Theil auch das an, was der Herr Bottiger neulich in v. Rau- 
mers Tascbenbuche darüber gesagt hat , und in der Note auch 
Weisse 's Museum für sächsische Geschichte. Bekanntlich findet 
man viele hieher gehörige Urkunden in Arnoldi's historischen 
Denkwürdigkeiten (Leipzig 1817) S. 103—117 und in von Rom- 
mels Geschichte von Hessen. Herr Groen van Prinsterer citirt 
übrigens von Rommels Biographie Philipps des Grofsmüthigen 
S. 3i nicht ganz richtig auf die Weise, als wenn sie aus drei 
Theilen bestände: Ir S. 586—590. Hr 656— 661. Illr 3i4— 33o. 
Ref. bemerkt die Kleinigkeit nur, weil sie einen deutschen Leser 
in Verlegenheit setzen konnte. Der Verf. hätte citiren sollen, 
Philipp der Grofsmüthige , Landgraf von Hessen u. s. w. oder 
Geschichte von Hessen dritten Theil s zweite Abtheilung S. 586 
—590. Anmerkungen S. 656 — 666. Urkundenbuch S. 3i4 — 33o. 
Was Arnoldi angeht, so sagt Herr Groen van Prinsterer zum 
siebenundzwanzigsten Briefe : Dieser Brief steht in Arnoldi's hi- 
storischen Denkwürdigkeiten S. 112. In diesem Buche findet man 
65 Briefe, welche aus dem Archive des Hauses Oranien-Nassau 
gezogen sind. Von diesen 65 Briefen gehört die gröfsete Zahl 
. der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts an , doch sind 
darunter mehrere, die sich auf Wilhelm I. beziehen. Wir haben 
einige derselben wieder abdrucken lassen, nicht blos, weil das 
Buch, worin sie stehen, nicht sehr verbreitet ist, sondern auch, 
weil dort oft Stellen weggelassen sind , die nach unserer Meinung 
hätten beibehalten werden müssen. Wir setzen hinzu, dafs das 
Letztere besonders von No. XXVIII gilt* Dies ist nämlich das 
Schreiben des Landgrafen Philipp an Wilhelm, worin er die 
Gründe der Verweigerung seiner Einwilligung zur Heirath seiner 
Enkelin aogiebt. Arnoldi hat es nicht vollständig mitgetheilt, 



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I 



Corrcipondancc iaedite de U maifon d'Orange-Nassau. 9 

sein Abdruck ist daher nicht so passend zur anziehenden Vergiei- 
chung mit dem Briefe Philipps an Kurfürst August über dieselbe 
Angelegenheit , der sich bei v. Bommel im Urkundenbuche No. 81 
findet, als der, den H. G. v. P. giebt. Wenn bei Gelegenheit 
Ton No. XXX , einem Briefe des jungen Grafen Ludwig von Nas- 
sau , die beiden Historiker, Arnoldi und unser Verfasser als be- 
günstigte Diener des Hauses Nassau und jedes Wort vorsichtig 
wägend, welches der hohen Herrschaft konnte hinterbracht wer- 
den , über Schiller erbost sind , dafs er Ludwig mit seinem wah- 
ren Namen nennt, so ist das ganz in der Ordnung; auch weifs 
Bef. recht gut, dafs Schiller als Dichter oft mit der Geschichte 
umgeht , wie Walter Scott ; aber Hr. Groen van Prinsterer thut 
doch Schiller zu viel Unrecht. Er sagt S. 45: En general on 
doit se defier d'un historien poete, — damit stimmt Bef. voll- 
kommen überein , besonders in Beziehung auf Schiller und Her- 
der; was aber jetzt folgt, ist eben so ungerecht, als unwahr. Er 
sagt nämlich , Schiller sey trop imbu des opinions et des prejuges 
(Schiller und Vorurtheile I! ) dun siecle soidisant philosophique 
pour apprecier a leur juste valeur les hommes et les evenemens 
eminemment chrelicns, Schiller wäre also nicht im Stande, das 
Christliche zu würdigen ? Er, der den historischen Gustav Adolph 
christlich idealisirt? So giebt es denn also auch in Holland wie 
in Deutschland exclusive Christen, Orthodoxe und Eiferer, die 
jeden steinigen, der ihnen nicht aufs Wort glaubt, oder der noch 
einen Funken Menschenverstand übrig behalten will! Mochte 
doch Gott geben, dafs jedermann nur Chretien und niemand 
eminement Chretien seyn wollte!! üebrigens folgert Herr Groen 
van Prinsterer aus der von ihm angeführten Stelle des Van Beyd 
viel zu viel. Es hat niemand geleugnet, dafs Ludwig onverdro- 
ten war, om te atbeiden het zij met zinnen of ligchaam, bovenal 
God vrezende. Das pafst ja vortrefflich zum Charakter eines 
abentheuernäen Bitters — und so nur nennt ihn Schiller! Ja, 
van Beyd sagt sogar, Ludwig würde ein ausgezeichneter Kriegs- 
mann geworden seyn, wenn er u. s. w. Er giebt ihm aber aus- 
drücklich die Eigenschaft eines irrenden Bitters, wenn er hinzu, 
setzt, er hätte schier altcveel stoutheid in het vechten ge- 
habt. — Dies mag dienen , um anzudeuten , dafs man aus den 
vom Verf. selbst angeführten Worten eines nassauischen Getreuen 
(van Beyd) leicht beweisen konnte , dafs Herr Groen van Prin- 
sterer entweder Schiller nicht verstanden oder ihm Unrecht ge- 
than hat. 



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10 Groeo Tan Prinsterer. 

Von den unmittelbar auf No. XXX folgenden Briefen über* 
gehen wir viele, theils weil sie sich immer noch auf die Heirath 
mit Anna von Sachsen beziehen , theils weil sie aus Arnoldi be- 
kannt sind. Auch unter den Briefen bis zur Zeit der Entfer- 
nung des Cardinais Granvella wollen wir keinen besonders erwäh- 
nen, weil man diejenigen, welche für deutsche Geschichte wich- 
tig sind, aus Arnoldi oder v. Bommel kennt. Aus den mehr- 
•ten lassen sich nicht unbedeutende Züge zur Schilderung der 
Zeiten kurz vor dem Ausbruche der niederländischen Unruhen 
hernehmen. Im Vorbeigehen will Bef. bemerken , da Ts ihm bei 
dem Tode von Wilhelms erster Gemahlin sehr aufgefallen ist, 
dafs Wilhelm I, der sich rühmt, dafs er in der Augsburgischen 
Confession auferzogen war, und beim Tode seiner Gemahlin i558 
seinem Vater (S. 26 — 27) zwei ruhrende deutsche Briefe, voll 
biblischer Salbung und ganz im Geiste und Sinne der Reforma- 
tion schreibt , im Briefe an den Pabst d. h. im XXXIXsten ( der 
auch bei Arnoldi zu finden ist) gar nicht merken läfst, dafs er 
kein gehorsamer Diener des Pabstes sey. Er war und blieb Ka- 
tholik und schreibt dort: Interim tarnen, quemadmodum dixi, 
nihil intermittam operae, quin faciam ea, quae mearunx partium 
et Calholici principis propria futura esse arbitror. Diesem gemäfs 
handelt er auch. Dies hat übrigens der Herausgeber dieser Briefe 
auch in der beigefügten Note bemerkt, und hat sogar, aller Vor- 
liebe für Nassau ungeachtet, zum 5iste Briefe die Verschwen- 
dung erwähnt, deren sich die Herren dieses Hauses und ihre 
Freunde in Brüssel schuldig machten. Schade, dafs er nicht das 
Begister der einzelnen Ausgaben , das er im Archiv gefunden, 
hat abdrucken lassen. Er sagt zwar, es sey unleserlich, da er 
aber sogar den Talleyrand der Zeiten Karls des Fünften, den 
Granvella (von dem Landgraf Wilhelm von Hessen dem Prinzen 
schreibt: Es mag sich die K. M. in Spanien wol fursehen, dafs 
nicht gemeldeter Cardinal derselben in iren Erblanden ein spiell 
anrichte, wie er ihrer K. M. Vater Kayser Carolo seligen vor 
Zeiten einen Lärm im reich angerichtet hat) zu retten versucht y 
weil er ein monarchischer Minister war, so glauben wir fast, 
dafs das Begister wohl lesbar war , aber nicht zum Zwecke diente. 
Dies scheint uns um so wahrscheinlicher, als Hr. Groen van Prin- 
sterer aus dem 68sten Briefe, der auch aus Arnoldi bekannt ist, 
beweisen will , dafs sein Prinz nicht zu denen gehört habe , von 
denen Strada sage : Aliis ad tuendam dignitatem , profusis jam 
domesticis opibus, turbata republica opus erat. U übrigens sind 



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Correapondance inedite de la mauon d' Orange- Nassau. 11 

die Bemerkungen and Noten, die der Herausgeber beigefugt, ge- 
lehrt, geschmackvoll, passend, kurz, und erhöhen den Werth der 
Sammlung ganz ungemein. Vergleicht man sie mit den Phrasen 
des Herausgebers der französ. Sammlung, so wird man erkennen 
duo cum faciuot idem, non est idem. 

Der 76ste Brief, August Kurfürst von Sachsen an den 
Prinzen von Uranien , wie er hier abgedruckt ist (S. i53), er- 
gänzt, was man bei Arnoldi S. «77 findet, auf eine anziehende 
Weise. Am angeführten Orte fehlte das Wesentlichsie. Uebri- 
gens macht es der Klugheit Wilhelms mehr Ehre, als seinem 
Herzen, dafs er, während Ludwig und Johann von Nassau sich 
in ihren Briefen so besorgt zeigen um das Seelenheil des 14 jäh- 
rigen Bruders Heintz, der in Löwen studierte , er darüber ganz 
ruhig bleibt, und während er mit den deutschen Fürsten poli- 
tisch-protestantisch correspondirt , doch immer gut päbstlich ver- 
harrt. Kurfürst August ist deshalb auch viel zu klug, sich für 
das protestantische Fürstenthura Oranien , welches für Wilhelm 
der protestantische Gaspard Pape, Herr von Set. Alban, verthei- 
digte, dem der Vicomte von Usez es zu vertheidigen überlassen 
hatte, sehr zu interessiren , ausserdem waren dort ja nur Calvi- 
nisten ! Wir wollen eine Stelle aus dem Briefe des Kurfürsten 
anführen, woraus man sehen wird, dafs wir nicht Unrecht haben, 
wenn wir behaupten, dafs August, vom Lutherthum und lutheri- 
schen Dogmatikern und Concordienformeln schmiedenden eiteln 
und herrschsüchtigen Professoren geblendet und zur grausamen 
Verfolgung der Calvinisten und Kryptocalvinisten getrieben, eben 
so heftig gegen den Pabst ist, als gleichgültig über das Schick- 
sal der unterdrückten Reformirten in Frankreich. Er antwortet, 
fein genug, S. i55 — i56: 

Wir haben auch vernommen was der Babst an E. L. ge- 
schriebenn, und siehett uns der handel fast dafür an, dasz riiesz 
Spie) E.h. durch den schwartzen Pfaffen überzwerch zu- 
geschoben werde; wollten auch E. L. Irer bitt nach, gern un- 
sern Rath und bedencken darinnen mittbeilen, weil wir aber nichtt 
wissen , wasz für veraenderung inn der religion oder andern von 
1 L. und den Irem zun Uranien vorgenommen, wer der Sanct- 
Albanus scy , und was der Bapst für iurisdiction oder rechtmäs« 
sigkeit über die Stadt Uranien habe , so können wir hirzu fuglich 
nicht kommen. Wir achtten aber dafür, wo sich E. L. sonst 
gegenn der Kon, Würde zu Hispanien so vorhalten, das sie mitt 
derselben zufrieden sein, der Bapst werde es auch bei einem 



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IS 



Rroen van Frinstcrer - 



gleichenn bleibenn lassenn und derhalben irer Koenigl. Wurde 
keinen einfal inn die Niedererblände und derselben incorporirte 
furstenthumb thun. Dieses war im März 1564. Wilhelm suchte 
indessen, da die ßachen in den Niederlanden immer bedenklicher 
wurden, den Kurfürsten, wenn es immer möglich sey , in seine 
Angelegenheiten zu ziehen, und läTst ihm deshalb im April, lettre 
t. XXXII S. 169 antworten: Und ist nemblich ahndeme das be- 
meltes furstenthumb Uranien mein aigen frey gutt ist , und von 
niemandt, weder dem Bapst, Iiispanien, noch Frankreich zum 
leben hcrruert, dahero auch klarlich erscheinet das die Juris- 
diction und was dero anhaenget, mir als dem Oberherrn und 

Landtsfursten allein und sunsten niemandt zugeboert — — 

— Ob ich nuhn wohl vom Bapst seidhero dem ersten 

kein weider schreiben entpfangen und verhüllen er werde es also 
darbey beruhen lassen, so bith ich gleichwohl noch wie zu vorn, 
dieweill dem anders nit als obbemelt E. Churf. Gn. wollen mir 
iren trewen rath mittheilen , weszen ich mich gehalten solle , da 
mir der Bapst über mein Versehens und verschulden nach ausz- 
weissunge seines Schreibens zusetzen wurde. 

Bei Gelegenheit des Danksagungsschreibens des Erzbischoff 
von Uetrecht, Friedrich Schenk von Tautenburg an den Prinzen 
scheint der evangelisch fromme Herausgeber sogar diesem gelehr« 
ten katholischen Geistlichen einen Vorwurf darüber zu machen, 
da Ts er in den lateinischen Dichtern belesener scheine, als in der 
heiligen Schrift. In Deutschland macht man jetzt ja gerade der 
vornehmen , oberflächlichen Welt , wie vorher den Pfaffen ihre 
Entfernung von allem mühsam zu erstrebenden Wissen , aller 
klassischen Bildung , und ihre kecke Verachtung alles dessen , was 
wir studia bumanitatis nennen, zum grofsen Vorwurf. Das er- 
wähnte Schreiben (Lettre XC) ist ausserdem ein bloses artiges 
Danksagungsbillet; wäre es schicklich gewesen, dieses im Styl 
des A. T. oder einer Predigt abzufassen ? Diese Bemerkung be- 
zieht sich auf die kurze Note zum oosten Brief, welche lautet: 
Cette lettre fort respectueuse , semble indiquer un homme moins 
verse dans les saintes Ecritures que dans les poetes Latins. 

Weiter unten folgt eine Anzahl Briefe über die Abendmahls- 
lehre oder vielmehr über die Zänkerei über das Abendmahl, die 
einem Manne , der in jeder Beziehung so grofse Aehnlichkeit mit 
Carl V. hatte, als Wilhelm L höchst lächerlich vorkommen mufste. 
Der Prinz hatte damals ganz etwas andres zu thun, als an die 
Gegenwart Christi im Abendmahl zu denken. Man hatte gerade 



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Corrc«pondance inedite de U maiton d'Orange-Nasaau. 13 

um die Zeit (i565) die Absendung des Grafen Egmont nach Spa- 
nien beschlossen. 

Bei dieser Gelegenheit erklärt sich Hr. Groen ran PHnstcrer 
zum toiten Briefe über das, was er für wahres Christen, 
thum hält, und Ref. will, weil er gewifs weifs, dafs Hr. G. v. P. 
diese Blätter zu Gesicht bekommen wird, gerade weil er ihn 
sehr achtet , ganz freimüthig seine Meinung sagen. Er hält ihn 
für gebildet genug , um Offenherzigheit nicht übe! zu nehmen , 
und für edel genug , um eine andere Ansicht gottlicher und mensch- 
licher Dinge als die seinige zu dulden, wenn er sie auch nicht 
billigen kann. Hr. G. v. P. schliefst sich nämlich förmlich an die 
Exclusiven und Ueberschwänglichen an , die jetzt in Deutschland 
besonders unter preufsischem Schutz gedeihen, und nicht eher 
lernen werden , wie sehr sie sich und Andere täuschen , bis sich 
der Abgrund aufthut, der ihre verkehrte Kirche, aber leider zu- 
gleich auch alle Sittlichkeit verschlingen wird. Dies bezieht sich 
darauf, dafs S. 222 eine lange Stelle aus der ausserhalb Preufsen 
sehr berüchtigten Berliner Kirchenzeitung angeführt wird, und 
dann triumphirend ausgerufen: qui (die Kirchenzeitung) a fait 
de ja tant de bien , en exposant franchement la verite. Wir wol- 
len es dem Holländer zugute halten , dafs er nicht weifs , welches 
Unheil diese dogmatischen Zeloten anrichten, wie sehr sie der 
Religion schaden , indem sie nur Extreme übrig lassen und die 
aus Furcht und aus Klugheit einstweilen schweigenden sehr zahl- 
reichen Zweifler erbittern. Wir hoffen übrigens, dafs es nicht in 
Holland wie in Deutschland ist, wo man mit der Frömmigkeit nach 
Gunst, Besoldung, Stellen und Orden jagt, oder in England, wo ein 
Lyndhurst und andere durch Iramoralität berüchtigte Große sich 
stellen , als wenn sie von dem zelo domus dei entbrannt wären , 
und niemanden täuschen , als wer gern getäuscht seyn will. Ref. 
hält für genug , sich einmal ganz bestimmt über diese Sache er- 
klärt zu haben; er wird künftig Alles, was sich auf die Religion 
bezieht, ganz übergeben. 

Merkwürdig sind die Briefe Wilhelms an Ludwig, ganz be- 
sonders aber No. CVI. CVH. CV1H. Schreiben des Herrn von 
Brederede an Ludwig von Nassau und an den Prinzen von Ora- 
nien , dessen Schlauheit, Verstecktheit, Vorsicht auch in diesem 
heimlichen Briefwechsel nicht zu verkennen ist. Er bittet daher 
auch in einem der vorhergehenden Briefe, sein Bruder möge 
doch bei seinem Verkehr mit'dem Landgrafen von Hessen mehr 
Behutsamkeit anwenden und diesem anempfehlen. Er schreibt 



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14 



Groen van Priniterer 



S. «43: parquoy me sembleroit que deussiez forire au dit 

Lantgrave, le priant que yos lettres fassiont tenues secrctes, oa 
poar le moings, si les vouldroit communiquer a des aultres, que 
se fasse sur ua auitre nom, potfr plusieurs respects trop longues 
a cmre. 

Ungerecht ist Hr. Groen van Prinsterer gegen die unglück- 
liche Anna von Sachsen, der Wilhelm, als sie noch nicht sieb- 
zehn Jahre alt war, den Hopf so voll Eitelkeit gesetzt hatte, dafs 
sie darauf bestand , ihn zu heirathen , obgleich ihr Grofsvater 
Philipp Alles aufbot, um zu hindern, dafs das leichtfertige Mäd- 
chen so jung unter die ausschweifende und schwelgerische belgi- 
sche Aristokratie geriethe. Als ihm Kurfürst August schrieb, die 
Prinzessin bestehe auf der Heirath und der Prinz sey reich und 
habe ein grofses Gouvernement, so antwortete er: Ist uns wie 
vorgemelt seltzam zu hören, das ein sollich Jung Mint von 16 
Jahren solt macht haben , sich zu verloben ohne der eitern wis- 
sen. Was das Andere angeht, sagt Philipp spöttisch, so glaube 
er Alles gern, denn der Prinz habe neulich ein Bankett gegeben, 
wobei Tischtucher und Twelen und Alles andere von Zucker ge- 
wesen , und da er schon etliche seiner Herrschaften erblich ver- 
kauft, so werde, wie man sage, die Heimfuhrung wahrscheinlich 
von den Katzenellenbogenschen Abstandsgeldern bezahlt werden. 
Ist es wohl recht , dafs der Herausgeber der Briefe Wilhelms , 
der schon vier Jahre nach seiner Vermählung mit der kaum 21- 
jährigen Gemahlin in bitterm Zwist lebt, alle Schuld von ihm ab 
auf die unglückliche Anna wälzt? Der note Brief nämlich be- 
trifft den Ehezwist, und Herr Groen van Prinsterer schickt fol- 
gende sonderbare Bemerkung voraus: II seroit facile de produire 
de preuvea nombreuses de l'inconduite (ist das ein gutes Wort?) 
d'Anne de Saxe, qui ne tarda pas a se livrer ä son humeur aca- 
riätre et a ses mauvais penchans. Dabei macht es seiner Treue 
gegen das Haus Oranien und seiner Ergebenheit allerdings Ehre , 
nicht aber seinem Eifer für reine historische Wahrheit , wenn er 
hinzusetzt : Nous n'en comptons guere faire usage (von vorgefun- 
denen Briefen der Anna), que lorsqu'elles prouvent en mime lems 
le bon droit , In moderation et la palience de son epoux. 

Der Ehezwist war damals schon so weit gekommen, dafs 
Junii i665 Hans Looser, marescallus ducis Saxoniae, wie er hier 
genannt wird, nach Brüssel hatte geschickt werden müssen. Wil- 
helm schreibt indessen ganz in seiner feinen und schlauen Art 
seinem Bruder folgendermafsen : 



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Corre.poncUncc inetlite de la maison d'Orange- Nassau. 15 

lieber Bruder. Da ich sowohl Morgens als Nachmittags ver- 
hindert bin , und mit dem Cavalier des Herzogs von Sachsen nicht 
reden kann, so scheint es mir, Du wurdest wohl thun, ihn rufen 
zu lassen und ihm zu sagen , dafs meine Gemahlin die Versiche- 
rung gegeben hat, dafs sie sich künftig in Allem gehorsam ge- 
gen mich betragen wolle, und dafs sie auch das Vergangene be- 
reue, gleichwohl damit es nicht scheine, als wäre alles, was 
ich und auch Du ihm gesagt hast , von uns erfunden , wünschte 
ich, dafs er die Haushofmeister verhörte, den van der Eike und 
wen er sonst wolle, selbst ihre Hammerfrau, die kleine Deut- 
sche. Auf diese Weise wird er erfahren, wie und auf welche 
Weise sie sich auffuhrt. Wenn er hernach Alles gehört hat, 
kann er desto besser auf Mittel denken, dem Uebel abzuhelfen; 
denn was meine Gemahlin ihm gesagt hat , das hat sie hundert- 
mal auch mir und Andern gesagt, ich fürchte daher, dafs, sobald 
er weg seyn wird, die alte Geschichte wieder beginnt. Sollte 
sich aber gegenwärtig kein Mittel finden lassen, so wird die von 
ihm eingezogene officielle Nachricht dem Herrn Kurfürsten die- 
nen können , damit er desto besser irgend ein Mittel ausfinden 
und meiner Gemahlin darüber schreiben könne. 

Sehr verständig schreibt hernach Landgraf Wilhelm von Hes- 
sen, Lettre CXI V S. 270, unter vielen andern Dingen auch über 
diese Sache. Wilhelm schreibt erst, Kurfürst August habe ihn 
von Hans Lofers Sendung benachrichtigt, und er habe seiner 
Muhrae geschrieben , sie solle sich künftig besser gegen Wilhelm 
betragen; dann fügt er hinzu: dan ich wol auch in gutem ver- 
trauwen nit verhalten, dasz man in der Pfalz, im Wirtemberg, 
Elsas und dem ganzen oberland da ich itzo kürzlich gewesen, 
mher als zuviel von diesem Unwillen so zwischen baiden iren 
liebten sein soll, waisz zu plappern, nit ohne grosze bekummer- 
nus alles derer, so es baiderseits gut mainen. Dann fügt er hinzu, 
er hoffe, seine und des Kurfürsten Ermahnungen würden bei 
Anna fruchten, sie würde das Versprechen halten, welches sie, 
wie Wilhelm schreibe, gegeben habe, endlich aber fügt er bie- 
der und wahr hinzu: So ist auch ihre Liebden (Anna) noch ein 
jung mensch und dero Landssitten vilaicht nit gew£nt, darumb 
musz man i. L. auch etwas zu gute halten: bit und erman euch 
der halben . als mainen insbesondere gelipten und vertrauten freund, 
Ir wollet an euch nichts lassen erwinden , so zu ablegung aller- 
hand misverstands und erhaltung gutes , freundlichen willens zwi- 
schen baiderseits irenLibten, immer mag dienstlich erfunden werden. 



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16 Green v. Priniterer Corretpoadance ioed. de la maia. d Orangc Nassau. 

Uebrigens ist es sehr anziehend, zu bemerken, mit welcher 
Klugheit Wilhelm sich in eben dem Mafse , als er einen völligen 
Bruch mit Spanien immer mehr ahndet, den Protestanten nähert 
und sich auf eine solche Weise erklärt, dafs er nur noch einen 
Schritt zu thun braucht, um als Protestant zu erscheinen. Die- 
sen Schritt verzögert er absichtlich. 

Im noten Briefe S. 283 schreibt Wilhelm seinem Bruder 
allerhand Neuigkeiten. Aus der Nachricht von Philipps Sohn, 
Don Carlos, wird man gelegentlich sehen können, wie man schon 
damals von diesem Prinzen dachte, der zwei Jahre später be- 
kanntlich auf eine ganz eigene Weise wahnwitzig ward , ohne 
gerade den Verstand zu verlieren. Etwas Aehnliches ist bekannt- 
lich dem Erben eines nordischen Honigreichs in unserer Zeit auch 
begegnet. Es soll auch , schreibt er , boebgedachter Prinz von 
Hispanien, gleich wie vorhin 16 Pfund Obst also itzunder 4 Pf. 
Trauben geszen und darauf zween wasser trunck gethan haben, 
daraus er in Schwachheit gefallen und krank worden seye. 

Den Schlufs des ersten Bandes machen 6 lithographirte Fac- 
simile's, unter denen anch die Handschrift des unglücklichen Gra- 
fen von Egmont und des Lazarus Schwendi sich findet. 

Der zweite, an Seitenzahl stärkere, Band enthält nur Briefe 
eines einzigen Jahres; aber es ist das für die Geschichte der 
Niederlande so wichtige Jahr i566. Der "Verf. hätte sich also 
nicht entschuldigen dürfen, dafs er so viele Briefe eines ein- 
zigen Jahres bekannt gemacht hat; die Wissenschaft und Jeder , 
der aus dem Studium des Menschen ein Geschäft macht , wird 
ihm vielmehr sehr dankbar seyn , dafs er diesen Schatz ans Licht 
gebracht. 

(Die Fortsetzung folgt.) 



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SPfg.'"' HEIDELBERGER 1887. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Oroen van Prin*t er e r : Correspondance inedite de la 

mation d'Orange-Nattau. 

( Fortsetzung.) 

Ref. mufs des Zweckes dieser Blätter wegen sich bei dem 
aten and 3ten Bande kurzer zu fassen suchen , als bei dem er- 
sten, weil sonst seine Anzeige einen zu grofsen Raum einnehmen 
wurde; er verweilt daher etwas länger bei der Einleitung, welche 
Herr Groen yan Prinsterer vorgesetzt hat, damit die Leser , der 
Jahrbucher urtheilen können, was sie hier zu suchen haben und 
Ton wie grofser Bedeutung das Buch für die allgemeine Geschichte 
von Europa während des i6tcn Jahrhunderts ist Er sagt zuerst, 
dafs er sich entschuldigen müsse, dafs der 2te Band nur Briefe 
eines einzigen Jahres begreife, dann fahrt er fort: 

In der That entwickelten in ( diesem Jahre unvorhergesehene 
Umstände plötzlich, was der Gang der Dinge schon lange vorbe- 
reitet halte. Seit einem halben Jahrhundert war durch den Pro- 
testantismus ganz Europa in Bewegung gebracht. Carls V. Macht 
and politischer Berechnung zum Trotz herrschte er in vielen 
Gegenden von Deutschland , auch hatten die nordischen König- 
reiche Schweden, Dänemark, Norwegen die Reformation einge- 
führt.. Sie siegte nach manchen Abwechslungen endlich in Eng- 
land, auch in Schottland war sie durch eine kräftige Bestrebung 
der Nation durchgesetzt. Frankreich wurde durch Zwistigkeitcn 
und innere Kriege zerrissen , welche dadurch erzeugt waren , dafs 
man die entstehende Kirche durch blutige Verfolgung zu unter- 
drucken suchte. Auch in den Niederlanden hatte sich die 

Zahl der Bekenner der neuen Lehre bedeutend vermehrt ; das 
merkte man aber dort nur allein aus Verfolgungsdecreten und aus 
grausamen Bestrafungen. In den letzten Zeiten von i56i — 1565 
hatten sich Klagen erhoben ; aber was hatten sie gefruchtet ? Die 
Bitter des goldnen Fliefses hatten sich einigemal versammelt, da- 
durch war nichts ausgerichtet ; es hatten sich sturmische Debat- 
ten im Staatsrathe erhoben , man hatte dem Könige Philipp Vor- 
stellungen getban , dadurch war nur eine Verdoppelung der Strenge 
herbeigeführt worden. „ 

Im Jahre 1 566 hörte dieser Zustand auf. Es galt in diesem 
Jahre nicht mehr blos dem Evangelium und den frommen Mar- 
XXX. Jahrg. 1. Heft. 2 

* 

■ 

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tyrern desselben, ein großer Theil des Adels erkannte, dafs die 

bisherige Verfassung bedroht werde; man fürchtete eine kö- 
nigliche Macht, welche sich auf die Inquisition stutze und eine 
nach spanischer Weise furchtbare Unterdrückung übe. Ein be- 
deutender Theil des Adels schlofs daher eine Verbindung und 
erklarte sich offen gegen die Verfolgungsmafsregeln des Königs. 
Dieser Schritt ward entscheidender, als selbst die Verbündeten 
vielleicht geahndet hatten. Die Protestanten, die sich bisher ver- 
borgen gehalten und schon sehr zahlreich waren, kamen her* 
vor, überall traten Prediger auf; das Volk erhob sich, so zu sa- 
gen, in Masse, um Gottes Wort zu hören u. s. w. Aber 

ein unvorsichtiger Feuereifer und unbedachtsame Handlungen 
schadeten dem glücklichen Fortgange der Sache. 

Viele Katholiken, welche die Verfolgung nicht billigten, wa- 
ren gleichwohl sehr erbittert über die Unordnungen , die ihnen 
gottloser Frevel schienen; die Bande, welche die Verbündeten 
zusammenhielten, loseten sich; der Konig, der anfangs schwankte, 
rührte sich; die deutschen Fürsten mi Istrauten einer Sache, die 
so viele Excesse veranlafste. Die Verfolgung, die einen Augen- 
blick aufgehört hatte , begann aufs neue ; viele Protestanten nah- 
men, als sie sich verlassen sahen, ihre Zuflucht zu dem Mittel t 
welches den Verzweifelten allein übrig bleibt, zu den Waffen. 
Sie können fortan nur grausame Strafe von einem Monareben er- 
warten, der sich zum Bacher der Gottheit aufzuwerfen berufen 
fühlt u. s. w. 

Dies sind die Ereignisse, welche sich in diesem kurzen aber 
merkwürdigen Zeiträume zusammendrängen. Man findet in den 
hier abgedruckten Briefen eine fast ununterbrochene Erzählung 
der Ereignisse. Dann geht der Verf. mehr auf das Einzelne ein, 
wir wollen aber nur noch wenige Sätze ausbeben, da wir ihm 
weder in der Apologie von Wilhelms moralischem Charakter, noch 
in der Lobrede auf die verschiedenen Glieder des Hauses, dem 
er dient, folgen können. Was das Erste angebt, so ist es uns 
genug, dafs Wilhelm ein grofser Mann war, wie Carl V., der 
ihn so sehr hervorzog, und dafs er, wie auch v. Rommel sehr 
richtig gesehen und geurtheilt hat, sich durch italienische Maccbia- 
vellistische Politik der ähnlichen Schlauheit der Jesuiten und Spa- 
nier überlegen zeigte. Was das Andere betrifft, so mag man 
darüber nachlesen, was Herr Groen van Prinsterer aus den Brie- 
fen anfuhrt. Uebrigens bleibt Hr. G. v. P. ganz auf dem histo- 
rischen Wege, er giebt keine Orakel, er macht keine Sophismen, 



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Corretpondance incditc de la maison d'Oran£«-Nastau. 19 

er setzt uns nicht dadurch in Verlegenheit, dafs, sobald wir nur 
in einem Punkte von ihm abweichen, wir nicht mehr folgen, sei- 
nem U itheile nicht mehr trauen können. Nein, er fuhrt die Stel- 
lten an an, worauf er sein Urt heil stützt, er stellt seine Ansicht 
einfach und ohne Machtspruch ganz unbefangen auf, and über- 
läfst es dem Andersdenkenden, die gegebenen Elemente seines 
Urtheils in ganz andere Verbindung zu bringen. Ref. erwähnt 
dies , weil die in Frankreich und in Deutschland herrschende 
Metbode eine ganz andere ist und ein Absprechen Mode wird, 
dessen man bisher nur in der speculativen Philosophie und in 
Becensionen der Philologen gewohnt war. 

Herr Groen van Prinsterer fuhrt S. IX u. X einige bedeu- 
tende Fürsten und Herren an , die man ans ihren eigenen Brie« 
fen hier naher kennen lerne, und zwar unter den deutschen Für- 
sten besonders Kurfürst August von Sachsen und seine lächerliche 
and verderbliche Wuth gegen Calvin und Calvinistische Meinun- 
gen, Wilhelm von Hessen und seine edle und verständige Tole- 
ranz, auch der alte Philipp, noch auf dem Todesbette dem Prin- 
zen in der Sache rathend, für welche er sein Lebelang gekämpft 
hatte. Unter den Niederländern, heifst es S. IX, wird man hier 
naher kennen lernen : zuerst den tapfern aber unglücklichen Gra- 
fen von Egmont , der mehr für den Krieg als für bürgerliche 
Bewegungen geboren war. Er war grofs in Schlachten, zeigte 
aber wenig Scharfsichtigkeit, wenn es darauf ankam, politische 
Ereignisse vorherzusehen«. Er bedachte sieb, wenn er hatte han- 
dein sollen, und Bernard von Merode meldet in einem Briefe, 
den man S. 424 dieses Bandes findet, »quo non obstant toutes 
les fasoheries que Ton lui faict, ne se resoudrat si non au grand 
besoigne et extremite. « Dann den Grafen von Brederode, des- 
sen Briefe überall verrathen , dafs er ohne Sitten und ohne Grund- 
sätze ist, und sich auch in seinem lobens würdigsten Beginnen 
von einem unüberlegten und heftigen Eifer treiben läfst, der mit 
jenem ruhigen Muthe, an welchem sich alle sturmischen Wogen 
brechen, ohne ihm zu schaden, nichts-gemein hat. Den Herrn 
Bernard von Merode, der, wie so viele Belgier jener Zeit , bereit 
ist, Alles zu thun , Alles zu opfern, um Religion, Hechte des 
Landes und wahre Freiheit zu vertheidigen. Den Grafen von 
Hoogstraten, den der Prinz, der das Verdienst so gut zu schätzen 
wtifste, ungemein werth hielt; den Baron von Montigny, den 
seine Treue gegen den König und seine Anhänglichkeit an die 
katholische Religion , von der man S. 359— 36 1 dieses Bandes die 



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20 Groen van Printterer 

Beweise findet, von einem gewaltsamen Tode nach kläglicher 

Gefangenschaft nicht retten konnten. Was hernach Herr 

Groen van Prinsterer von dem Nassauer Hause sagt, ubergehen 
wir, um noch zu bemerken, dafs man aus den von uns anzufüh- 
renden Worten sehen wird, wie gut Hr. G. v. P. einsieht, dafs 
sein Wilhelm I. ebensogut- als Ludwig Philipp verstand, bald den 
Katholiken , bald den Protestanten , bald den Monarchisten , bald 
den Republikaner zu spielen. Freilich ist dabei der grofse Un- 
terschied , dafs Wilhelm seine Geschicklichkeit fürs Vaterland, 
Ludwig Philipp für sich gebrauchte. 

Herr G. v. P. sagt S. XV: Besonders anziehend ist es, in 
diesen Briefen das Benehmen des Prinzen von Oranien in dieser 
Zeit zu verfolgen. Man wird in seiner Art zu handeln Dinge 
finden, welche dem Anschein nach widersprechend sind. 
Die Verbindung der Herren mifsfällt ihm nach S. i58 ; er ist 
nicht damit zufrieden, dafs öffentlich gepredigt wird nach S. i45 
u. i58; er mifsbilligt die Heftigkeit "der Bilderstürmer, und läfst 
die Urheber des Bildersturms bestrafen. Er versucht die Ord- 
nung und den Gehorsam gegen die Obrigkeit wieder herzustellen 
und verlangt unbedingte (complcte) Unterwerfung unter dem 
Konige als natürlichen und rechtmäfsigen Herrn. Auf der an- 
dern Seite knüpft er immer neue Verbindungen mit den deut- 
schen Fürsten an und nimmt geheimen, jedoch sehr tha'ti- 
gen Antheil an allen Schritten, welche gethan werden, um zu 
jeder Zeit über eine bedeutende Anzahl Soldaten schalten zu 
können. Wie, fragt er, soll man dieses widersprechende Beneh- 
men reimen? Er vereinigt es hernach auf seine Weise und 
gebraucht dabei die Briefe, die er hier herausgiebt, auf eine 
Weise, diese liefsen sich aber sehr leicht äuch auf eine andere 
gebrauchen. 

Ref. findet keinen Beruf in sich , einen grofsen Mann , der 
das Gröfste geleistet und mit dem Leben bezahlt hat, was der 
Mensch auf Erden leisteu kann — nämlich die Gewalt der Waf- 
fen , des Geldes und der Macht mit dem Verstände und ausdauern- 
den Willen zu bekämpfen — von der Schattenseite zu zeigen; 
es soll ihn freuen, wenn Hr. G. v. P. jedermann überzeugt; doch 
mufs er ihn bitten etwas vorsichtiger im Urtheilen zu seyn. Er 
scheint gar nicht daran zu glauben , dafs auch der gröfste Mensch 
dennoch Mensch bleibe, dafs der Menschheit daran liege, dafs 
dies historisch bewiesen werde, dafs der stille Forscher, der un- 
bekümmert um den Beifall der Menge oder der vornehmen Lese- 



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Ton Helden und Gittern und Zwergen und 

Schattenseite der Dinge andeutet, darum nicht 



Ipra^eJpU boshafter , ein gallsüchtiger , ein neidischer, ein hc- 
schrankter Mensch, oder gar ein Jakobiner oder Radikaler, wie 
man jetzt schimpft, zu seyn brauche. Wir nehmen es ihm daher 
sehr übel, dafs er sagt: C'est ainsi que dans un tems de philo- 
Sophie incredule (so sind die Frommen) on a cru preconiser 
Guillaume de Nassau en lui assignant le caractere assez common, 
atsez ignoble, d' intrigant politique. 

Am Ende der Einleitung giebt Herr Groen van Prinsterer 
noch folgende Notiz : Wir haben , sagt er , geglaubt , den Briefen 
einige Abhandlungen oder Denkschriften beifügen zu müssen, 
welche ausserdem gewissermaßen wesentlich zu den Briefen ge- 
hören und viele anziehende einzelne Nachrichten enthalten , z. B. 
über die Unternehmungen der Verbündeten S. 57 — 64, die Be- 
rathungen des Prinzen von Oranien mit dem Grafen von Egmont 
No. 2i5 a, mit den deutschen Fürsten No. 206 a, 237 a, die 
Werbung der Truppen No. 193 , den Zustand von Antwerpen als 
Mittelpunkt des damaligen Welthandels No. 216 a, die Lage des 
Landes im Allgemeinen No. 236 a. 

Zu der von dem Verl, selbst gegebenen Andeutung der be- 
deutendsten Stucke in diesem Bande will Ref. nur Weniges hin- 
zufügen, was ihm für deutsche Forscher wichtig darin scheint, 
ausser dem, was der Verf. schon bemerkt hatte (das VerhältmTs 
der deutschen Fürsten zu Wilhelm von Oranien). Zuerst bemerkt 
er noch im Vorbeigehen, dafs er einen ihm noch unbekannten 
Brief von Theodor Beza hier gefunden hat. Dies bemerkt Ref., 
weil er zuerst in seinem Leben Beza s einige in Gotha hand- 
schriftlich aulbewahrte Briefe dieses Reformators und hernach 
Herr Generalsuperintendent Bretschneider die übrigen hat drucken 
lassen. Dieser Brief (hier der hundert ein und neunzigste) ist an 
einen Prediger geschrieben und handelt von der Abendmahlslehre, 
also von einem Punkte , durch dessen unvorsichtige Berührung 
und durch den declamatorischen v Ausdruck über die Meinungs- 
Verschiedenheit der Lutheraner und Calvinisten Beza wenige Jahre 
vorher auf dem Religionsgespräche zu Poissy Urheber vieles Un- 
glücks geworden war. Da der Brief den Prinzen und sein Haus 
nichts angebt, so vermuthet Ref. , dafs er sich darum hier findet, 
weil August von Sachsen darauf drang und Wilhelm von Hessen 
dazu rieth, dafs die Niederländer durch Annahme der Augsburgi- 
schen Confession sich an die Lutheraner anschliefsen sollten. Die 



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22 Groen van Frinsterer 

Spanier und Jesuiten erkannten wohl , dafs das Letztere nie ge- 
schehen werde, sie hatten daher sehr fein dem fanatisch lutheri- 
schen Kurfürsten Augast and den Geistlichen wie den theologischea 
Juristen, die ihn leiteten, in den Kopf gesetzt, wenn aar der 
radikale und bilderstürmende Calvinismus aulhöre und der Ta- 
binger symbolische Bucher angenommen wurden, dann werde 
Spanien Duldung proclamiren. Darauf bezieht sich, was Au- 
gust durch einen seiner Juristen, über die sich der wackere Phi- 
lipp von Hessen, der seine Briefe selbst schrieb, oft so heftig 
beschwerte, im September i566 schreiben liefs. Lettre CCY1I. 
p. «93 : 

wir wollen aber hoffeun f Gott werde Gnade 

verleihenn , das es zu keinem weitteren aufstandt oder thetlichen 
Handlung gerathe, sonderlich weill es mitt bewilligung der kcen. 
Würde und der Guvernantin dabin gerichtet seyn soll, das 
die Augsburgische Confession mit fernerm rath un zuthun der 
Ijandstende freigelassen und gute policeyordnang angerichtet wer- 
den solle. Welcher ordentlicher wege auch wohl der sicherste 
und beste ist und wann die Augsburgiscbe confession also ange- 
nommen würdet, so kann alsdann der neben einreifsendeu Secten 
halben von der Christlichen Obrigkeit inn einer jeden Stadt und 
gebiet auch gebürlicbes einsehen geschehen. Er erklärt hernach 
ganz fromm: Er halte dafür, alle die gegen seinen Glauben in 
Bücksicht des Katechismus und der Theologie kämpften , wären 
des Satans Werkzeuge zu seinem Wüthen gegen den 
Sohn Gottes, und verdienten daher ausgerottet zu werden. 
Dann ermahnt er zur Ruhe u. s. w. und schliefst den Brief mit 
erneuter Erwähnung der Augsburgischen Confession. Es heifst: 
(Es wird von) E. L. und andern Ordensherrn dahin zu sehenn 
seyn das es weitter zu keinem auffstandt der underthanen wieder 
die obrigkeit gerathe. Wann solchs geschiehett and die under- 
thanen die Augsburgische Confession annehmen, und 
sich derselben durchaus gemefz halten, so haltten wir 
dafür die Kcen. Würde solte es auch bei dem Beligionfrieden 
beruhen lassen. Zu bewundern ist daher, mit welcher Klugheit 
in der Instruction No. CG VIII, die Wilhelm dem Grafen Ludwig 
von Wittenstein ortheilt , gerade dieser Punkt umgangen wird. 
Wilhelm schickt den Grafen an Kurfürst August, um in ihn zu 
dringen, dafs er seine Glaubensgenossen für die Niederlande in 
Bewegung bringe; doch verhehlt er ihm nicht, dafs es dort zwar 
Anbänger der Augsburgischen Confession , aber auch Calvinisten 



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Corrctpondance i n.dite de Ii miUon d'OraageäNaatau. 28 

4tocb Vrit der *eit mit unterboffen. Wahren7 aller dieser Unter- 
handlungen hatte sich Wilhelm noch gar nicht für den Protestan- 
tismus eingesprochen , weil er immer noch mit der Herzogin von 
Parma gut stand sind noch nicht sah , dafs es zum Aeussersten 
kommen werde; als aber die Herzogin selbst ihm die nahe An« 
kunft einiger (wie sie sich aufdruckt) spanischen Truppen ankün- 
digte und er erkannte, man werde mit Philipp II. brechen müs- 
iefl, Hefa er sich durch Landgraf Wilhelm von Hessen ein Gut- 
achten aus Deutschland kommen, ob er die Augsburgische 
• Confession annehmen solle. Dies Gutachten findet man hier 
No. CCXVl a p. 338. Dieses Schreiben so wie ein anderes des 
Grafen Johann an Ludwig von Nassau, No. CC Will , welches 
sehr lang ist , hat es nur mit der politischen Seite der Frage zu 
thnn. Das letzte warnt den Prinzen und seine Freunde sehr, 
sich für den in Deutschland verhalsten Zwinglianismus zu erklä- 
ren. Der Dr. Meixner, der dies Bedenken aufgesetzt hatte, wur- 
de, wie der Herausgeber in einer Note bemerkt, hernach vom 
Grafen Johann und vom Prinzen in vielen Sachen gehraucht. 
Dieser Nassauer (das Gutachten ist datirt Dillenburg October i566) 
mag ein guter theologischer Jurist gewesen seyn, denn er sagt, 
Tor dem Calvinismus warnend: Nebenn deme zum achten wirdt 
auch hiebey erwogen, daa gleichwol im religionsfrieden Anno 55 
zu Augsporg uftgericht , nicht allein die Zwinglischen , Calvini- 
sche und dergleichen lähren ausdrucklich verboten nnd vom Re- 
ligionsfrieden ausgeschlossen worden u. s. w. Das lange Memo- 
rial über den Zug seiner spanischen Truppen in die Niederlande, 
welches Philipp an Christoph von Wurtemberg und Wilhelm von 
Hessen durch die Herzogin von Parma ergehen liefs, findet man 
hier Lettre CCXXV. Man lernt freilich aus dergleichen diploma- 
tischem Gerede gar nichts, die Hauptsache hal schon Strada an- 
gegeben. Wichtig ist aber der Nachdruck , mit dem auch Wil- 
helm von Hessen , der wie sein Vater von dem Lutherischen Fa- 
natismus sehr entfernt ist, doch darauf dringt, die Niederländer 
mulsten dem Calvinismus entsagen und das Lutherthum annehmen. 
Darauf bezieht sich der ganze Brief No. CCXXVII , wo es unter 

andern S. 3<)3 heifst ; das sie auch sämtlich sich zue der 

Augsburgischen Confession erclertt und derselben gerne 1/ beid in 
Lher und Ceremonien sich verhielte/m, deszen auch ein etil ent- 
liche Confession ausgehen lieszen, so trugen wir keinen zweifei — 
der König von Spanien werde die Verfolgung einstellen , die Deut- 



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t 



24 Grocn Tan Prinaterer. 

sehen werden sich mit vorschrifft, vorbitt und anderen guetten 
befurderungen der Niederländer annehmen. Uebrigens geht aus 
des Grafen von Wittgenstein Bericht an den Prinzen 9 der ihn 
naeh Hessen und Sachsen geschieht hatte, deutlich hervor ( No. 
XXXIV), dafs der Kanzler Craco, der hernach durch die Lu* 
therischen Zeloten so grausam verfolgt und nebst allen Schulern 
Melanchthons wegen Oyptocalvioismus als Staatsverbrecher be- 
handelt ward , damals noch einen so bedeutenden Einilufs übte, 
dafs man die niederländischen Calviniaten wenigstens nicht ganz 
von sich stiefs. Wie wenig aber dem Prinzen an der ganzen 
Religionssache , die ihm durchaus Nebensache war , gelegen seyn 
mochte, bewies er dadurch, dafs er sich gar nicht öffentlich 
über Beligion erklärte , sondern nach wie vor die Messe besuchte ; 
er spricht es aber auch ausserdem in dem langen Briefe an Wil- 
helm von Hessen (No. CCXXXVII.) ganz bestimmt aus. Hier 
heilst es in Beziehung auf die armseligen Streitigkeiten der pro- 
testantischen Theologen S. 402 : Was uns den E. L. der Praedi- 
kanten halben vorgeschlagen, das befinden wir woll und treulich 
gerathen, und wolten, das wir da hie n befördern und brengen 
kÖnnthen. Eis beruften sich aber die Predicanten uff die erste 
Augspargische Confeszion , die weilendt Kaiser Karolus dem funff- 
ten von den Cbur und Fürsten zun Augsburg in original! ist über« 
antwordt worden und berühmen sich das sie dieselbig lauter und 
rein dociren und bebhennen und wollen dabei und denn Prophe- 
tischen und Apostolischen schritten nach dem Symbolo Athanasü 
und was ferners in denn ersten vieren Concilüs nach eynander 
bestettigt worden ist, stehen und pleiben und mit kheiner weit- 
tern Apologien oder erblerungen zuthun haben. Sie wollen auch 
keine Cercmonien noch den nahmen der Augspurgischen Con- 
feszion gebrauchen , auch die Apologiam , so der Augspurgischen 
Confeszion angehefftet, nit ahnemen, noch sich nach derselben 
richten. Das wir besorgen, dieweil wir uns hiebevhor hiemit 
mehrmals bemühet haben und nichts erhalten koennen, sie wer- 
den nachmals von solcher opinion schwerlich zu bringen sein. 
Und ist laider zu erbarmen, dasz diesze hehr liehe und 
schone Laender umb solicher Ursachen willent so 
jämmerlich überzogen und verderbet werden sollen« 
Dann folgen viele Seiten, wo er immer nur von politischen Grün- 
den redet, und andeutet, dafs ihm, obgleich er Christ sey, doch 
Alles Andere ziemlich gleichgültig, hauptsächlich aber meint er 
pag. 454 : Ob wir uns nun gleich zur Augspurgischen Con- 



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icosiun cruiaerion , so itutuv uns oocn nil giaum Wcroen t son- 
dem müsst ca gleich woll den Calvinischen nahmen behalten , und 
wurde uns sovil desto steiffer zugelegt werden, das wir alles 
diszes handels ein ursacher und atifiter geweszen weren, und 
stunde also zu besorgen das uns and diszen landen durch solche 
unsere erklerung , ? il mehr unraths und gefhar als bails und 
gutts endstehen mochte. Dennoch wiederholt der Landgraf ins 
folgenden Briefe , Lettre CCXXXI X , seinen Rath und unterstutzt 
ihn mit neoen politischen Gründen; da hier überall von theo, 
logischen gar nicht die Bede seyn kann, weil Wilhelm wiederholt 
erklärt , dafs er diese Streitigkeiten ganz richtig für Lappalien h al- 
te , die höchstens auf den Katheder oder die Kanzel gehören. Die 
Theologen bewiesen sich dort ond damals, wie uberall und zu allen 
Zeiten. Baptiste Vogelsang, den Ludwig von Nassau nach Breda 
geschickt hatte, um zwischen den Zänkern Frieden zu stiften, 
fand die Lutheraner ganz taub. Er schreibt Lettre CCXL : »Ceulz 
de la religion permise par provision ne desirent aultre chose et 
se presentent toosjours volunlaires, mais ceulz de la confession 
n oyent goutte, quoique je lenr ay sceu dire. Als indessen mit 
König Philipp IL nichts mehr anzufangen war, als die Noth 
drängte, als Kurffirst August mit Calvinisten, die er des Feuers 
würdig hält und gern der spanischen Inquisition preisgiebt , durch« 
aus nichts zu thnn haben wollte, als Wilhelm von Hessen in al- 
len den zahlreichen Briefen , die wir hier von ihm finden , drin* 
gend und wohlmeinend zur Annahme der Augsburgiscben Con- 
fession räth, so schreibt endlich im November i566 der Prinz 
von Oranien im 478ten Briefe p. 496 an Wilhelm und an Kur- 
fürst August: 

Wiewoll uns auch sehr beschwerlich falt uns der religion 
halben öffentlich zu erkleren , wie E. I*. desfals etliche unser 
bedenken in unserm schreiben unterm fünfften bujus, gesehen, 
nichts desto weniger, dieweil wir vor unser person, auch unser 
geliebte gemahl wegen (hier mufs also auch Anna bei ihren Ver- ' 
wandten ein Motiv werden) eben so tief! bey der Koenigl. Mat. 
in Verdacht stecken , als wan wir uns erklert betten , so weren 
wir woll bedacht uns kegent der Kön. Mat. in einem gehaimbten 
schreiben zu erkleren, und ire Majt. underlheniglich zu bitten, 
wie wir das mit allerhandt bewegniszen und umbstenden ahm 
besten fugen koennen, nachdem mahl wir in der Augspur- 
gischen Confession geboren und ufferzogen, auch die- 
selbig in unserm herzen je und allwege getragen undt 



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26 . Groen van Prinstcrer. 

bekendt haben, das ihre Mat. uns and unsern ondortbanen die- 
selbig Confession Frey and sieber zulassen wollen. • 

Darüber ist denn August hocherfreut and drückt in allen 
möglichen theologischen Floskeln seine Freude über den Triumph 
•eines lutherischen Zions aas; wir wollen nar eine korze Probe 
aas dem zweihundert und fünfzigsten Briefe S. 509 anfuhren : 
Das L L. sich bedacht sich zu der Aogspurgiscben Confession 
öffentlich zu bekennen, thun wir uns kegen E. L. freundlich be- 
danken und vf Untschen von Got dem Almechtigen das ehr E. L. 
in solchem Christlichen vorhaben durch seinen Heiligen Geist 
(von dem schreibt Wilhelm nie etwas) Sterke, leithe and fhure, 
wie den das wahre erkenntnüs des Herrn Christi und seines allein 
seligmachenden worts, von Got alleine zu erbitten und zu erlan- 
gen , und gar nicht menschenwerk ist. 

Auch diesem Theile sind wieder 4 Platten mit eilf Facsimi- 
les angehängt. 

Der dritte Theil begreift die Briefe der Jahre 1567 — »573, 
and Herr Groen van Prinsterer hat diesem Bande com grofsen 
Vortheil der Freunde grundlicher historischer Forschung eine 
Einleitung von neunzig Seiten vorgesetzt, worin die Resultate, 
welche für die Geschichte aus diesen Briefen hervorgehen, klar 
and vollständig hervorgehoben werden. Bef. darf, da er seibat 
noch von seiner Seite auf einige in diesem Bande enthaltene 
Briefe besonders aufmerksam machen mochte, nur einige Stellen 
der Einleitung übersetzen, um zu zeigen, wie vortrefflich der 
Herausgeber das Bedeutende vom Unbedeutenden unterscheidet f 
und wie weit er von der herrschenden Sucht, Phrasen zu ma- 
chen , entfernt ist. Ref. hat schon oben erklärt, dafs er mit der 
Art, wie Hr. G. v. P. Wilhelms von Nassau Tugendhaftigkeit 
demoostrirt und alle hohe Anverwandten desselben in Schutz 
nimmt , nichts zu thun hat ; er hält es aber gerade deshalb für 
PAicht , aus einigen Stellen einleuchtend zu machen , wie gut der 
Herausgeber die Sache seiner dienten führt, und wie er durch- 
aus keine Sophismen der neuen Schule gebraucht. 

Man schreibt gemeiniglich, sagt Hr. G. v. P. pag. VII, den 
geheimen Aufhetzungen Wilhelms die Unternehmungen zu , wel- 
che in den ersten Monaten des Jahres 1567 auf eine so traurige 
Weise scheiterten. Wir haben in den Documenten gar nichts 
gefunden , was diese Vermuthang rechtfertigen konnte , man kann 
sie sogar schwerlich mit dem Zustande der Dinge vereinigen. 
Der Prinz fand ja weder in dem Grafen von Egmont eine Stütze, 



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Co, respondanje inedita de U maisoa ri'Orangc Nawau. ff 

d d* All iifbo *ch d ofe b 

so wenig in den Verbündeten, von denen die mehrsten entweder 
feige oder verwegen waren; noch weniger in den Ständen oder 
den städtischen Magistraten, die im Allgemeinen gegen die Re- 
formation sehr eingenommen waren; auch nicht in der Masse des 
Volks, dessen unruhige (demokratische ?? ) Bewegungen er gar 
nicht gern sah. Weiter unten sucht der Verf. diese Satze aus 
Stellen der Briefe zu beweisen; da aber die Briefe alle hier 
abgedruckt sind, so wird nicht nothig seyn , dafs Ref. seine ent- 
gegengesetzte Ansicht durch Stellen belege, jeder Forscher mag 
selbst zusehen ; den Andern ist es heilsamer , die Behauptung des 
Herrn G. t. P. anzunehmen, als das Gegentheil. Herr G. v. P. 
fährt S. VIII fort: 

Wenn hernach der Prinz dennoch aus dem Lande geht, so 
geschiebt das keineswegs, um es ganz zu verlassen. Er geht 
nach S. 67 nach Deutschland »pour prendre conseil de set 
teigneurs et srais«. Wenn er aber auch in demselben Briefe 
sagt: Soviel ich voraussehen kann, so ist es um diese Provinzen 
geschehen, weil in den jämmerlichen Niedermetzelungen tausende 
guter und frommer Christen ihr Leben und ihre Guter verlieren 
werden , so setzt er unmittelbar darauf hinzu : Es sej denn , dafs 
der allmachtige Gott dies Unglück abwenden wolle und dafs die 
deutschen Fürsten und Hurfürsten das Land vor so schrecklichen 
Verwüstungen retten. Der Herzog von Alba erscheint Mit den 
Worten Ketzerei nnd Empörung scheint ihm Alles rechtmä'fsig, 
Einkerkerung, Verbannung und Aecbtung, Verletzung der Pri- 
vilegien, Vernichtung der Rechte und Freiheiten, Beraubungen, 
Tortur und Todesstrafen. Man klagt den Prinzen an , man zieht 
seine Güter ein, man entführt seinen Sohn. Er ist durch die 
Stellen, die er vorher bekleidet hat, durch die Güter seiner Fa- 
milie, durch seine Talente, durch seine bekannten Gesinnungen, 
durch seine Hülfsmittel und Verbindungen der bedeutendste and 
geachtetste Mann in Belgien. An ihn wenden sich daher die Un- 
terdrückten, damit er sich der Freiheiten annehme, die er zu 
schützen gehalten ist; sie rufen ihn an im Namen des Honigs, 
den die Spanier mißbrauchen und verrathen ; im Namen der hei- 
.Kgen Sache, welche er, wie man weifs , aufrichtig liebt. Man 
bittet ihn, man ermuntert ihn, man beschwurt ihn, er möge 
doch nicht zugeben , dafs die Provinzen ohne Widerstand zu 
Grunde gerichtet, die Bewohner niedergemacht werden. Darum 
sagt er dann endlich (in dem Entwürfe, den der Herausgeber 



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28 Groen van Priotterer m 

No. CCCIV tut einem von dem Prinzen eigenhändig aufgesetzten 

und corrigirten aber nicht vollendeten Aufsätze mit der Ueber- 
schrift: Cesi est la declaration que faict le Prince d'Orange sur 
l'instante requisition qui lui ast estc faict de la part de la plus 
grande pai tie des inhabitant des Pays Bas maintenant par tant de 
fassons opprimes, S. ao5 bekannt gemacht hat): »Der Prinz bat 
sich endlich entschlossen, der Bitte eines getreuen Volks Gehör 
zu geben, welches gegenwärtig ganz sich selbst überlassen ist; 
und zwar um soviel eher, als er gewifs weifs, dafs, wenn die 
Sachen bleiben , wie sie gegenwärtig sind , dies nicht blos der 
Ruin des Landes, sondern höchster Nachtheil des Honigs seyn 
wird.« Ref. bemerkt noch einmal, dafs Alles dieses Worte des 
Herrn Groen van Prinsterer, nicht aber die seinigen sind. Ref. 
will noch die folgenden Bemerkungen beifugen S. X : 

Ein grofser Theil der in diesem Bande enthaltenen Akten- 
Stucke betrifft die kriegerischen Unternehmungen in den Jahren 
i568 und 157a, und man wird künftig anter den Beweisen der 
strategischen Talente des Prinzen die Ratbschläge aufzählen kön- 
nen, die er dem Grafen Ludwig giebt Diesem wird darin die 
Niederlage bei Jemmingen , wenn er nicht die Belagerung von 
Groningen aufgiebt, ganz bestimmt vorausgesagt, denn in dem 
auf Wilhelms Befehl geschriebenen Aufsatze No. ( ( CXI V a S. 208 
heifst es: Surtout faut avoir esgard que la oü ils seroyent forcea 
de se retirer ils sont asseures ne le pouvoir faire, ayant l'ennemy 
ä doz, sans etre ou deffaits ou grefvement endommage. 

Die Archive, heifst es weiter, enthalten wenig über die Jahre 
i56q, i570, »571, weil der Prinz diese entweder in Frankreich 
zubrachte, wohin er mit einem kleinen Heer den Huguenotten 
zu Hülfe zog , oder in Deutschland , wo er mit Unterhandlungen 
und Vorbereitungen beschäftigt war u. s. w. Was dann von der 
Familie des Prinzen bis S. XVII aus den Documenten beigebracht 
wird, wollen wir den Lesern überlassen in dem Buche selbst auf- 
zusuchen , und nur noch Einiges über einige andere Personen 
jener merkwürdigen Periode anfuhren. Unter diesen sagt der 
Herausgeber von Brederode, er sey i568 gestorben und es sey 
ihm für das Andenken desselben lieb, dafs er keine Briefe von 
ihm gefunden habe. Der Graf Hoogstraten, der hier S. 170 
Nachricht von seinem Tode giebt , und der in demselben Jahre 
umkam, zeigt sich S. 3io voll Theilnahme am traurigen Schick, 
sale des Vaterlandes und voll Eifer, es zu befreien. Die Denk, 
schritt über die Hülfe, die man Ludwig von Nassau schicken solle, 



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Correapondancc inedite de In niaison d'Orange-NoMan. 



19 



No. CCCX b , ist ein neuer Beweis , dafs der Prinz ihn um seine 
Rathschlage ersuchte. Man wird hier mehrere Beispiele seines 
lebhaften und naiven St vis finden. Er schreibt p. 241 : La con« 
science de cestus Nero d'Alre le jage, qui vault mille temoings. 

J'ai en advertence que sommes estes banniz a jamait 

— mais espere pour n'y avoir fondement, que monstreront 

de brief que nous en soulcions peu et que ce bon dieu noos en 
fera quelque jour la raison. Oder pag. 281: Je sin journellement 
entendant a faire exerciter mes gens a tirer auz butes puisque 
ne s'ofTrit eneoires occasion a le faire sur les ennemis. Wir 
wollen die andern weniger bekannten Männer übergehen , und 
statt dessen einige vortreffliche historische Bemerkungen, welche 
Herr Groen yan Prinsterer mit Steilen aus den Briefen dieses 
Bandes belegt, anführen. Es heifst S. XVIII: Die niederländi- 
schen Herren, welche, nachdem sie kürzere oder längere Zeit 
angestanden , nachdem sie ein ziemlich offnes Bestreben , Wider* 
stand zu leisten, gezeigt hatten, sich endlich ganz unbedingt auch 
in die willkührlichsten Befehle des Regenten ergaben , waren bei 
Alba 's Ankunft in einer sehr traurigen und falschen Stellung. Die- 
ser Band giebt merkwürdige Urkunden ihrer Kleinmuthigkeit. Die 
Grafen Egmont und Mansfeld wagen nicht, einem Nachtessen bei- 
zuwohnen, zu dem sie der Gesandte Maximilians II. einladet, weil 
sie fürchten, sie mochten dort die Abgeordneten der deutschen 
Fürsten finden, die sich für die Protestanten verwenden sollten 
(pag. 97). Sobald der Herzog von Alba nur über die Grenze 
kommt, so drängt man sich und stürzt ihm entgegen; S. i«5 
heifst es: Viele Herren und Cavaliere sind ihm entgegen gegan- 
gen, unter andern der Herr Admiral. Seite n5 fgg. : Herr von 
Meghem kam Nachts in Antwerpen an, schon am frühen Morgen 

nahm er Post und fuhr dem Herzog von Alba entgegen 

Der Herzog von Aerschot suchte den Herzog auf, und der Herr 
von Egmont ist mit etwa vierzig Cavaüeren abgefahren, um eben- 
falls dem Herzog seine Aufwartung zu machen, so dafs Madame 
jetzt hier ganz allein ist, ohne einen einzigen Bitter vom Kliefse. 
Der Graf Megen erhält (p. s53) vor Groningen einen sehr merk* 
würdigen Brief von dem Grafen Ludwig von Nassau und von 
Hoogstraten , worin diese ihn ermahnten , dafs er und die Uebru 
gen, welche verbunden seyen dem Vaterlande zu dienen, doch 
nicht dem besondern Ehrgeiz einer Nation, die aller Gerechtig- 
keit, Vernunft, Staatsklugheit fremd und feindlich ist, dienstbar 
seyn mögen. Er antwortet (p. i5.\) : Meine Herren, ich habe 



80 Grocn van Prinsterer 

• 

Ihren Brief empfangen, und da der Herzog mir verbot, 

Ihnen auf einen frühem, den ich von Ihnen erhalten habe, zu 
erwiedern , so wage ich auch auf diesen nicht zu antworten und 
habe ihn Sr. Excellenz übersendet. 

Vom Herzog von Alba sind zwar keine Briefe da, doch fin- 
den sich in den andern Briefen einige Zuge, die wir für untere 
Leser herausheben wollen. Zuerst die Art , wie er den Sohn des 
Prinzen empfangt. Ea heifst 8. I*i : »Der Graf von Buren wurde 
Tom Herrn Herzog sehr gut empfangen und sehr geliebkoset. 
Er erklärte ihm, dafs, wenn sich die Gelegenheit darbieten sollte, 
ihm einen Dienst zu leisten, er sie mit Freuden ergreifen wurde. 
, — - — Den aasten nahm der Herr von Buren Abschied ; der Her- 
zog umarmte ihn, und that ihm aufs neue dieselben und ähnliche 
Anerbietungen. Man hatte damals die Grafen von Egmont und 
Hoorn verhaftet, ein grofser Theil der Burger von Brüssel be- 
giebt sich zum Herzoge und wünscht die Ursache ihrer Verhaf- 
tung zu erfahren. Darauf läTst dieser ihnen sagen (pag. 126): 
Ich bin eben beschäftigt meine Troppen zu vereinigen , spanische, 
italienische, deutsche; bin ich damit fertig, so will ich euch 
Antwort geben. Er betheuert zugleich (p. 137), dafs er so auf- 
richtig wünsche, dafs die Grafen sich rechtfertigen könnten, als 

wenn die Sache seinen eignen Vater anginge. — TJeber 

den Anfang der Grausamkeiten ist hier pag. 239 sqq. das Zeug- 
nifs eines Augenzeugen: »Enthauptet wurden' die beiden Herren 
von Battenburgh, Cock, die Herren von Dhu und Villers. Die 
andern Namen, sagt dieser Augenzeuge, habe er nicht behalten, 

weil sein Herz nicht ausgehalten habe, es ferner anzusehen 

C'estoit, wird in der naiven Sprache der Zeit hinzugefugt, une 
chose de lautre monde les crys, lamentation et juste compassion 
qu'aviont ceux de Bruxelles, nobles et ignobles, ponr ceste bar- 
bare tyrannie Was Honig Philipp II. angeht, so findet 

man hier wenig über ihn. Einige Angaben (sagt Hr. Groen van 
Prinsterer) über die Gefangenschaft des Prinzen Don Carlos schei- 
nen zu beweisen, dafs der Honig in Beziehung auf diese traurige 
Geschichte zu hart beut theilt worden. Da der Verf. blos auf die 
hieher gehörigen Briefe verweiset, vielen Lesern der Jahrbucher, 
denen das Buch nicht zur Hand ist, aber vielleicht gerade diese 
Notizen anziehend seyn könnten , so will Bef. die hauptsächlich« 
sten kurz angeben. Die Sache wird übrigens nicht weiter ge- 
bracht , als sie vorher schon war, weil auch hier die zwei be- 
kannten verschiedenen Angaben sich zusammen finden. 



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- r Carrespondance inedite d*«la malaon .«"Orange- Nw.au. 81 

• 

, Landgraf Wilhelm von Hessen nämlich schreibt hier Na. CCCII 
p. 188 u. f. an den Prinzen von Oranien , er habe den Spanier 
de Luis, der jetzt bei ihm sey, gefragt, ob Philipp »einen einzi- 
gen Sohn wirklich habe verhaften lassen, nie die Königin Elisa« 
beth an ihre Mutter nach Frankreich geschrieben. Dieser habe 
es bejaht, die Ursache aber nicht gewußt Es wären drei Ge- 
ruchte darüber, etzliche sagen, der Printe sey Calvinisch und 
man habe in seine cahmmer Calvinische Bücher fanden — andere 
sagten, er habe wollen in die Niederlande gehen f andere, er 
habe seinem Vater nach dem Leben getrachtet. Er habe sich 
krank gestellt, in der Erwartung, dafs ihn sein Vater, wie ge- 
wöhnlich, besuchen werde, dieser sey aber gewarnt worden, 
denn sein söhn der Printz bette zwo gespanter feuerbuchsen an- 
der seinem hauptkuszen liegen ; es sey aber die Koenigl. Wurde 
gleich woll zu ihm , dem Printzen , in sein chammer gangen , ihnen 
angesprochen und gefragt, wie es ihm gehe; bab der Printz ge- 
antwortet^ er were gahr schwach, daruff die Koenigl. Wurde 
ihn bey der Hand genohmen und gesagtt, er soltt uffstehen, er 
wehr nicht so gahr schwach wie er sich annehme, het auch nls- 
palt das hauptkuszen ander dem Printzen abgeworffen und die 
zwo gespante Buchsen darunder funden und den Printzen ge- 
fragt, was er damit vorgehaptt und gemeint und was ihn dartzu 
verursacht; hab der Printz geantwort,. er hette über zwantzig 
uhrsachen, die ihnen dartzu bewegt; daruff der Honig zu ihm 
gesagt, so hett er über dreiszig uhrsachen derwegen er ihnen 
hart straffen wollte, unndt also den Printzen a Ispalt dem Conte 
de Feria zu custodiren bevolhen. Es wird auch geschrieben, das 
bis in die achtzehn groszer und vornehmer Spanischer herren 
solcher Conspiration halben, auch gefänglich eingezogen sein sollen. 
Das wichtigste Actenstück ist Lettre CCCIV pag. 194. Wilhelm 
von Hessen an den Prinzen von Oranien über Don Carlos. Wir 
wollen den Brief ganz hier einrücken , die Sache wird dadurch 
nicht weiter gebracht, doch ist Ref. immer noch der Meinung., 
die er schon oben geäussert hat, welche auch Herr v. Raumer 
;n einer hier angeführten Stelle als die seinige angiebt. Wilhelm 

schreibt: Es hatt uns jetze (den «3. März i568) Hertzogh 

Heinrich zu Braunschweigk Copien zugefertigt was der Koenig 
zu Hispanien seines Sohnes Caroli gefänglicher intziehung halb 
an S. L. geschrieben , wie E. L. aus biebey verwartter abschritt 
freundlich and vertrewlich zu sehen. Nachdem nuhn in solchen 
der Koenigl. Wurde schreiben die wortte stehen : » Das solcher 



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unser väterlicher ernst nicht der uh rsach erfolgt , noch wir die- 
sen eussersten weg gegen 8. L. darumb furgenohmeo , das wir 
von derselben so hoch and schwerlich beleidigt sein oder sie sich 
to weit und strafillich gegen ans vergeszen noch auch sonst ichtes 
anders dergleichen ongepürlichs solle begangen haben. Item am 
ende solcbs schreiben : Was wir hierin aus Christlichem and vat- 
terlichen eiffer thun und furnhemen soll tzuvorderst seiner Goett- 
Hchem Allmacht tzu ehren und dan onsern Königreichen, Fur- 
stenthuraben , Landen und Leuthen , auch ingemein der gantzen 
Christenheit tzu ruhe und wolfarth gereichen.« Koennen wir, 
setzt der Landgraf hinzu , daraus anders nicht abnhemen dan das 
der Koen. Wurde zun Hispanien söhn ettwa durch die Inquisition 
der Religion halben ingezogen sey. Da auch solchs also wehre, 
trugen wir mit berürtem Printzen ein freundliches und Christ- 
liches mitleiden. 

Weiter unten in der Einleitung hat Herr Groen van Prio- 
sterer einzeln hervorgehoben , welche deutsche Herren und auf 
welche Weise sie sich der Niederländer annahmen, wir dürfen 
ihm aber in dem Einzelnen nicht folgen, da uns der Baum man- 
gelt. Im Allgemeinen erscheint August, wie immer, vor lauter 
Eifer für das Lutherthum , um die Pflichten der Menschheit ganz 
anbekümmert, Wilhelm von Hessen und Christoph von Wurtem- 
berg edel und hui fr ei eh , die Reformirten und ganz besonders der 
edle, wahrhaftig fromme Friedrich von der Pfalz voll Eifer den 
Leidenden zu helfen , Freiheit und Recht gegen Despotismus und 
WillUuhr, Religion gegen Aberglauben und pfäffischen Wort- 
glauben in Schutz zu nehmen. Zwei Stellen müssen wir jedoch 
ausheben, weil darin zuerst von Lutheranern die Rede ist, wel- 
che Reformirten helfen, dann aber, was weit mehr ist, von Kauf- 
leuten, die ihren Geldvnrtheil der Theilnahme an einem Kampfe 
für Menschenrechte opfern. Graf Ludwig von Nassau schreibt 
nämlich, als er bei Groningen liegt, zuerst S. a33: Die benach- 
barten Grafen und Herren sind sehr wohlwollend für unsere Sache 
gestimmt, namentlich die Grafen von Embden, Oldenburg, Hen- 
tern ; und S. «34 : Auch die Burger von Bremen und andern See- 
städten sind uns sehr gewogen. 

(Der Beschlufg folgt.) 



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N°- 8- HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Qroen van Prinsterer: Correspondance inedUe de la 

nutison d Orange-Nassau. 

(Beschlufs.) 

Ja, man findet hier Lettre CCCLXXXIV pag. 4 9 3 sqq. einen 
Brief des Herzogs Adolph von Holstein , worin er dem Herzoge 
von Alba (1572) den traurigen Stand der spanischen Sache, die 
er verfechten hilft, schildert, und unter andern S. 495 schreibt: 
Wir wollen auch E. L. freund tiieh un verhalten sein lassen das 
wir uiT die zehen tausend thaler, darauf Caspar (Schetz) sich 
obligirt nicht mehr den viertehalb tausendt thaler in Hamburgk 
bekommen können, und haben uns selbst dafür obligiren müssen; 
den in den Stetten Hamburgk und Bremen sint die kaufTleute und 
der gemeine man den rebellen dermassen zugethan , das sie wie- 
der dieselbige, so hoch und guet sie auch versichert 
werden mügen, kein Geld ausleihen wollen. Ref. uber- 
geht das Uebrige, was der Herausgeber der Briefe in der Ein- 
leitung anfuhrt, um seinerseits noch eiqen nnd den andern Punkt 
hervorzuheben. Zuerst mufs er noch einmal auf Anna von Sach- 
sen zurückkommen , weil Herr Groen van Prinsterer der Apo- 
logie seines Helden in Beziehung auf sein Betragen gegen diese 
zweite Gemahlin die Seiten XLIV — LI, also sechs Seiten, sowie 
dem Beweise, dafs sein Held aufrichtig fromm gewesen sey, 
einige folgende Seiten widmet. Ueber den letzten Punkt hat Bef. 
wiederholt seine Meinung ausgesprochen , und er bleibt dabei, 
auch nachdem er Alles gelesen, was Hr. G. v. P. gesagt und an- 
geführt. In Beziehung auf Anna von Sachsen scheint der Heraus- 
geber der Briefe, besonders in Beziehung auf einen Aufsatz Bö't- 
tigers in v. Baumers historischem Taschenbuclie immer noch ge- 
sonnen zu seyn, alle Schuld allein auf die unglückliche Prinzessin 
zu schieben. Dafs die Prinzessin unleidlich war, dafs sie zuletzt 
alle Schaam und Scheu verlor und nothwendig in Haft gehalten 
werden mufste, wird niemand leugnen; nach Allem, was der 
Herausgeber als Defensor des Prinzen vorbringt, kann man aber 
immer noch fragen : warum liefs man es so weit kommen ? wo 
und wie lebte der Prinz, während seine Gemahlin allein war? 
XXX. Jahrg. 1. Heft. 3 



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t 



84 Griten tan Prtnsterer 

Ref. hält indessen dafür t dafs dieser Streit von gar keiner histo . 
rischen Bedeutung ist. Er glaubt, dergleichen Dinge gehören zu 
den Curiositäten , die Untersuchung giebt eine angenehme Unter- 
haltung, eine Uebung des Scharfsinns u. s. w. Es mochte nach 
den Akten zu urtheilen, Wilhelm seiner sehlechten zweiten 
Gemahlin wohl nicht mehr Aufmerksamkeit und Treue bewiesen 
haben, als er der vortrefflichen ersten erwiesen hatte, und 
doch opferte, wie aus den von Herrn G. v. P. selbst angeführten 
Stellen hervorgeht, die leichtfertige Anna ihm noch später das 
Ihrige ! ! 

Wir wollen weiter unten das Nähere andeuten, und bemer- 
ken im Allgemeinen zuerst, dafs wir in diesem Theile unsere 
deutschen Fürsten gerade so finden , wie überall , sie geben Rath, 
sie lassen lange Briefe schreiben und schicken Gesandte, ohne 
irgendwo Nachdruck zu beweisen oder auch nur vernünftiger 
Weise erwarten zu können , dafs die Spanier oder Catharina von 
Medicis, an welche sie ebenfalls Gesandte schicken, die mindeste 
Rucksicht auf Vorstellungen ohne Nachdruck oder Anstalten , im 
Nothfall den Unterdruckten zu helfen, nehmen werden. August 
bleibt sich in Rücksicht des Lutherthums getreu. Man kann es 
aber dem Zeloten nicht verdenken , wenn er die scheinbare In- 
differenz des Prinzen von Oranien anders deutet, als Hr. G. v. P. , 
da man sieht, wie der Prinz sich bald für die Augsburgische 
Confession erklären will , bald wieder einmal nicht. Friedrich II. 
von Dänemark schreibt No. CCLXXIX im Juli 1667 einen sehr 
herzlichen Brief an den Prinzen, um ihn einzuladen, nach Däne- 
mark zu kommen, wo er mit ihm theilen möge, so gut er es 
habe. Wilhelm, der damals in Dillenburg lebte, dankt ihm 
pag. 111 sehr verbindlich und höflich, und schreibt in Beziehung 
auf seine Entfernung aus den Niederlanden: — — ob ich schon 
itze aus den Niederländen gezogen bin und mich noch ein Zeit- 
lang derselben enthalten muesz. Darzu mich under andern fur- 
nemblich bewogen hatt, das man die Ron. Mat. nit allain die lehr 
des hailigen Evangelii der örten underdrücken und in derselben 
iren landen^ underdrücken, vertilgen und die armen Cristen hien 
und wieder jaemerlich' vervolgen und umb leib und guett bringen 
lassen, sondern mir auch ein newen und ungewönlichen aidt ufT- 
dringen wollen, damit ich mich verpflichten solte das ich die 
Bäbstische rclligion erhatten helfen und ire Mat. wieder mennig- 
lich, niemand ausgenommen dhienen solte, neben dem das auch 
die frau Regentinn aus sondern gefasten mistrauwen un versehener 



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Correspöndfince intSditc de U malton d'Orange-NaMao. W 

sachen hinder mir und ohne mein wissen fremdes Kriegsvolk in 
mein* gou?ernement*li f5ren and dieselbigen hat einnehmen las- 
sen u. s. W. 

Bei Gelegenheit Entwurfs zu einem Traktat , Welchen der 
PHnz reu Comic* und der Admirai Colighy mit dem Printen ab* 
schliefsen wollen, utti Gewissensfreiheit in Frankreich Und in des 
Niederlanden zu erhalten, sucht der Herausgeber dieser Brief« 
Iii einer langen Note den Punzen von Conde* durch einzelne Stel* 

leu aus Schriften jener Zeit ton allem Ehrgeiz freizusprechen} 
das ist keine gute historische Methode Die Tbattaeben ter- 
gleicben, das ist das einzige Mittel, aber Motive abzusprechen \ 
anzuführen, der urtheilt So über den Mann, jener anders, das 
führt nicht weit. Ucber Coligny stimmen wir ihm bei. Was 
Anna betrifft, SO ist zwar Wilhelms Brief No. CCOXXX ganz vor. 
trefflich und rührend, wir würden aber eben darum keinen Be- 
weis für sein Betragen gegen seine Gemahlin daraus herleiten. 
Er ist ßberdies für eine Person, wie Anna war, viel zu VeMtan. 
dig geschrieben , das konnte nur geschehen , um ostensible Briefe 
in schreiben, deren Copien hernach, wie aus dem Folgenden 
hervorgeht, an Kurfürst August Und an Wilhelm von Hessen ge- 
schickt worden; bei der Prinzessin war damit nichts auszurich- 
ten. t>er Prinz hatte verlangt, Seine Gemahlin solle za ihm nach 
Dillcnburg kommen , sie (wahrscheinlich fürchtend , was auch her- 
nach geschah, man möchte sie in Deutschland einsperren) hätte 
ihm geschrieben, Sie hafte ein GelSbde gethan, nie ins Nas- 
sau i sc he zu gehen; er solle mit ihr nach Frankreich oder Eng- 
land reisen; darauf antwortet er, und sagt ihr, er wßnsche sie 

ZU sehen , um ihren Rath ZU hören , CS sey ihm ein Trost , sie • 
bei sich zo haben, sie nur wenige Tage zu sehen u. s. w. Wer 
kann das glauben? Obgleich Anna, bei allem ihren Leichtsinn f 
doch die Worte sehr schmeichelhaft finden mochte. Wie studiert 
der Brief war, kann man daraus sehen, dafs er ganz franzö- 
sisch geschrieben ist, Und dafs gleichwohl hier noch der Anfang 
desselben deutsch Sich findet, also zweimal und zwar ?on der 
eignen Hand des Prinzen. Auch ist darin eine offenbare Unwahr- 
heit (man sehe den oben angeführten Brief Friedrichs ton Da'ne- 
mark). Es heifst : car tant en viles que re'publiques je pense 
cju'ils le penseront plus de deux fois arant que rae receroir; 
comme je pense aussi que Ia Hoyno d'Angleterre, Rof de Danemark, 
Boy de Poloni et bien de Princes dWIemaigne feront le mOme- 
Uebrigns ist der Brief in schriftstellerischer Rücksicht mefeter«. 



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30 Groen t. Printteror Correspondance ined de la mai». dOrange -Nassau. 

baft. So versichert er in dem deutschen Aufsatz desselben seine 
Gemahlin, dasz in der gefahr und elent , worin er itzunder sey , 
kain grössere» trost zu finden sey , dan wan ain man befind t und 
siebt das seine hausfraw beweiset das sie mit gedult ires herrn 
creutz, das Gott im bat zugeschickt gern wil mitt helffen dra- 
gen, sunderlich, wan es im darumb kompt, da er batt ge- 
maint Gottes ehr zu befordern und seines Vaterlands 
freibeit zu suchen. Auf diesen Brief vom Dec. antwortet 
sie im Febr. , und schreibt : in sein Nassauer Land wolle sie nicht 
kommen , wohl aber nach Leipzig oder nach Braubach , wo der 
Landgraf hause : leb weisz deine bessere und bequemere oerter 
als in meiner zwei vettern landt, und dar mich dünkt, Ir wol 
sicher werdet sein. Diesen Brief hat Wilhelm eigenhändig co- 
pirt, wahrscheinlich weil er das Original wie sein Schreiben den 
Verwandten der Prinzessin mittheilte. Diese stand allerdings blos 
aus den Briefen sehr im Schatten. Den weitern Gang der 
Sache findet man bei v. Bommel; hier hat man noch einen Brief 
der Anna aus Köln No. CCXLl, wo sie sagt: Was angehet das ir 
schreibet (warumsind nicht auch die Briefe hier abgedruckt?) 
das ir nicht mittel habt mihr gelt zu schicken, ich habe es bisz 
daher wol befunden, das ir nicht grossen willen habt gehabt, mir 
zu helffen, ob es an der macht hat gebrochen wist ir besser. 
Sie schliefst diesen Brief: und will euch biemitt in Gottes schütz 
bevelen , den ich bitt er besser ahn Euer selbst wolt thun, dan Ir 
ahn mir habt gethan. In einem Briefe des Prinzen vom Mai i!yjo 
No. CCCXL V ist er wieder sehr zärtlich , versichert sie , sein 
Bruder werde sie in Siegen, wohin sie jetzt sehr gern gehen 
will, aufs beste aufnehmen. Die weiter unten folgenden Briefe 
der Prinzessin beweisen dann freilich, dafs sie sich ganz allein 
überlassen, heftig und sinnlich, wie sie war, ganz herunter- 
sank. Wilhelm heirathete hernach zum drittenmal — und 
zwar politisch. Die Prinzessin, als sie, des Ehebruchs uberfuhrt, 
sich Lettre CCCL1I an Wilhelms Bruder wendet, Alles einge- 
steht, bittet, man möge die Sache nicht an den Kurfürsten brin- 
gen, erinnert mit Recht daran, dals ihr als sechzehnjährigem 
Mädchen von dem Meister aller höfischen Feinheit der Kopf ver- 
rückt sey, und fleht: und das man will meine ehre sauveren — 

das ich nicht ursach mag haben mich vor dem letzten ge- 

richt Gottes zu beiklagen, dasz das heiradt, so ich zu dem Pre- 
tzen von Uranien gethan habe , mihr ursach sein gewest von 
verlust guttes, ehre, leibes und der scle. 



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Monument» Germaniao ed. Poris. T. III. 37 

' Ref. mufa hier abbrechen, weil er, .um die Wichtigheit der 
übrigen in diesem Bande enthaltenen Documente , die grobe Sorg- 
falt und den historischen Fleifs, den der Herausgeber auf die 
trefflichen Noten and Bemerkungen gewendet hat , anschaulich 
zu machen, zu tief in das Einzelne der Geschichte der Gueusen 
und der französischen Protestanten eingehen muTste. Bef. be- 
merkt nur noch , dafs auch diesem dritten Theil 4 Platten mit 
17 Fac Simile's beigefugt sind. Die erste Platte enthält das Fac 
Simile eines Billeta der Anna von Sachsen, unter den andern sind 
die Signatur Friedrichs von Danemark , die Handschrift von Wil- 
helms Schwester u. s. w. 

Schlosser. 



Monument a Germanitie hittorica. Tom. Hl. (tive legum T. I.) Rdidit 
6. H. Perts. Hannoverae , impenti» bibHopotii autki Umkniani. 
MDCCCXXXr FoL 

Endlich ist der dritte Band der Monumente erschienen. Die 
Hindernisse, die dessen frühere Herausgabe verzögerten, sind also 
gehoben. Gewifs wird nun künftig , da auf Verwendung des deut- 
schen Bundestages die hohen Regierungen Deutschlands diesem 
wahrhaften NationalwerUe eine bestimmte und bedeutende Unter- 
stutzung zugesichert haben , wohl keine andere Unterbrechung 
desselben mehr Statt finden , als die durch den Druck selbst be- 
dingte. 

Vielleicht hatte man aber erwartet, dafs von den Geschicht- 
schreibern die Fortsetzung, oder dafs von den Legionen der Ur- 
kunden einige geliefert werden wurden , und doch enthält dieser 
Band nichts von beiden. Gleichwohl giebt er eben so Werth- 
volles und Willkommenes , als Unerwartetes , nämlich Gesetze. 
Bei der grofsen Menge des höchst Wichtigen, Neuen, und viel- 
fach Verbesserten , was hier dargeboten werden konnte , ist es 
mit Dank anzuerkennen, dafs dieses nicht länger zurückgehalten 
und vielmehr eine neue Abtheilung der Monumente damit ange- 
fangen wurde. Statt der Urkunden können ja einstweilen die 
vortrefflichen Regestenwerke des Herrn Dr. Böhmer mit Nutzen 
gebraucht werden; die Fortsetzung der Geschichtschreiber hin- 
gegen durfte doch bald zu erwarten seyn. 

Was enthält nun dieser neue Foliant? Er enthält die soge- 
nannten capitularischen Gesetze der meroviogischen und karolio- 
gischen Regenten, von 554 — 921 ; jedoch nicht blos die eigent- 



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38 * Monumenta German iac ed. Pertt. T. III. 

Heben Capitularien , sondern auch manche? zu ihrer Erklärung 
wichtige Document, damit uns die Art und Weise, wie damalt 
die Gesetze zu Stande kamen, veröffentlicht und vollzogen wur-t 
den, so wie deren Geist, Umfang and Einfluß, möglichst deut- 
lich und anschaulich werde. Dafs in diesem Binde der Freund 
der deutschen Staats- und Rechtsgeschiehte, dafs der Kirchen« 
Historiker und Canonist eine reiche Fundgrube für »ich entdecken 
werden, braucht kaum angedeutet zu werden. So mufs es z. B, 
klar werden, dafs und warum in der Blüthezeit der Karolinger 
christlicher Staat und christliche Kirche keine Gegensätze bilde« 
ten und die Priester es noch nicht wagen konnten) sich allein 
für die christliche Kirche zu erklären. Hieraus läfst sich ferner 
die Frage beantworten , ob Karl d. G. wegen seiner Feindschaft 
gegen die Verehrung der Bilder und der neuen Heiligen , und 
wegen seiner üeberzeugung , dafs man Gott nicht in einer be- 
stimmten , sondern in jeder Sprache verehren dürfe, für einen 
Ketzer zu erklären sey , oder nicht. Auch wird es sich deutlich 
machen lassen, wie es kam und kommen mufste, dafs unter sei- 
nen Nachfolgern die Geistlichen sich zu erheben und unter dem 
Namen der Kirche sich vom Staate unabhängig zu machen such- 
ten, und wie dann ihr wahres und verfälschtes canonisches Becht 
sammt den verfälschten Gapitularien auf die Gesetzgebung des 
Staates, vorzuglich hinsichtlich der Ehe, einen überwiegenden 
Einflute erhielt. Doch die Fortsetzung dieser und ähnlicher An- 
deutungen würde zu weit führen, deshalb gehen wir gleich über 
zu der Angabe der Verschiedenheit dieser Capitularienausgabe von 
den früheren. Sie unterscheidet sieb von ihnen durch das, was 
sie weniger, mehr und besser enthält, als sie. 

Vergebens wird man das bei Baluze aufgeführte Capitular 
von 744 ex concilio regum etc. suchen und eben so erfolglos 
folgende : von 799 die Capitolarien über verbrecherische Presby- 
ter, über die Chorbischofe und über die dem romischen Stuhle 
zu beweisende Hochachtung ; von 8o3 das erste Capitular nebst 
denen , die de purgatione sacerdotum handeln ; das achte Capitu- 
lar von 8o3 ; das fünfte von 8o5; dafs zweite und dritte von Lud* 
wig und Karl d. G. aus ungewisser Zeit und das ingelheimische 
von 826 de rapinis, Warum diese Stücke hier fehlen, darüber 
giebt theils die Vorrede einigen Aufschlug , thcils wird der hof- 
fentlich noch in diesem Jahre erscheinende zweite Band der Ge- 
setze das Weitere lehren. Es sind nämlich diese Capitularien aus 
äusseren und inneren Gründen unächt. Die meisten finden sich 



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0 



Monumrnia Germaoiae eil. l'erti. T. HI. «0 

nur in der Sammlung verfälschter Capitularien des mainzischen 
Diaconus Benedict und sind entweder von Goldast, Sirmond und 
Baluze aus dieser excerpirt, oder waren, so fiel sich deren in 
Bandschriften finden, am Ende des neunten Jahrhunderts, oder 
später, aus ihr genommen. Es kommen auch in diesen Karl dem 
Grofseo angedichteten Gesetzen Stellen aus den Briefen des Erz- 
bischofs Bonifacius von Mainz und der 836 zu Achen gehaltenen 
Synode vor, was allein hinreichend ist, sie aus dem Kreise der 
ächten Capitularien so verbannen und sie mit dem Werke des 
Benedict und anderen falschen Gesetzen in den Anhang des fol- 
genden Bandes zu verweisen. Dort wird auch der Unterzeichnete 
in der Einleitung zum Benedict zeigen , worauf es bei der Be- 
trachtung dieser Machwerke ankommt. — Um indefs eine voll- 
ständige Säuberung vorzunehmen und alles Verdächtige und Un- 
gewisse aus der Gesellschaft des Zuverlässigen wegzuweisen, hät- 
ten die S, 191 fg. zum ersten Male mitgetheilten langobardischen 
Capitel entweder gleichfalls in den Anhang des zweiten Bandes 
gesetzt , oder , um Mifs Verständnisse zu verhüten , mit' der Be- 
zeichnung versehen werden müssen, dafs sie nur verschiedene 
Auszuge wären. Sie finden sieb ja nicht in alten und gleichzei- 
tigen, sondern nur in späteren Handschriften; Karl dem G. kön- 
nen sie aber deshalb nicht zugeschrieben werden , weil Cap. 6 
(S. 192) von ihm als einer dritten Person geredet wird. Ist aber 
auch das eine oder das andere Capitel später aus seinen Gesetzen 
entlehnt, so sind doch andere ans anderen Quellen geflossen, 
z. B. Cap. 3. S. 19a und Cap. 2. S. 191. Bei dem letzten ist zu 
bemerken, dafs es sich nicht suf die in der Einleitung dazu von 
Blume angegebenen Quellen beziehe ; vielmehr ist es wörtlich aus 
einem, dem alarichschen Breviar angehängten, falschen Gesetze 
geschöpft , das Sirmond als das aoste seines Anhanges zum theo- 
dosianischen Codex bekannt gemacht hat. (Operum Tom. I.) Ohne 
die Vergleichung dieser Quelle ist das Capitel durchaus unver- 
ständlich , weil der Epitomator , oder auch der Schreiber der 
Handschrift, viele Wörter ausliefs, andere aber entstellte. Aus- 
ser diesen Capitularien wird man noch das dritte von 8i3 ver- 
missen; allein dieses, das sich als ein Lokaliccht Xanthens er- 
geben hat, konute deshalb nicht hier, sondern mufs mit den 
Yolksrechten erscheinen. 

Grofs ist die Zahl der Veränderungen und Verbesserungen, 
die den schon bekannten ächten Capitularien zu Theil geworden 
sind. So ist Karlmanna Gesetz von 742, das durch den Text des 



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40 Monumente Germania? ed. Perts. T. III. 

Benedict (1,2) Einwirkungen erfahren hatte , mit Hülfe der 
Handschriften rein und in seiner ursprunglichen Gestalt herge- 
stellt. Nicht weniger berichtigt erscheint das vernensische Capi- 
tular Pipins von 755. Von dem aus ungewisser Zeit herstam- 
menden Gesetze eben dieses Königs sind auf Auetoritat der Hand- 
achriften Cap. 4 und 5 ausgelassen , weil sie sich aus Benedict 
(I, i3, 14) eingeschlichen hatten. Das langobardische Gesetz 
des italischen Königs Pipin von 782 und Karls admonitio generalis 
Ton 802 , deren erste Hälfte früher dem ersten Capitular dieses 
Jahres angehängt war, sind gleichfalls vervollständigt. Mancher- 
lei Berichtigungen erfuhren die Decrete Childeberts I. von 554, 
Childeberts IL von 5q5 und 596, Karls d. G. von 794 zu Frank- 
furt und 80 1 zu Tessino, Ludwigs L von 822 zu Attigny, Lo- 
thars L von 8a3 zu Olona , Ludwigs II. von 85o zu Tessino. 
Ganz vorzugliche Sorgfalt ist indefs auf die Herausgabe der an. 
segisischen Capitulariensaramlung verwendet. Diejenigen Capitel 
* derselben, die man mit oder ohne Hülfe einer Handschrift ein- 
geschaltet hatte , sind auf die Auctorität der meisten und besten 
Codices wieder entfernt worden. Demnach enthält jetzt das zweite 
Buch nicht 48, sondern 46 Capitel, weil die beiden nach Cap. 32 
eingeschobenen Stücke weggelassen sind. Aus dem dritten Buche 
ist aus demselben Grunde Cap. 91 , und aus dem vierten Cap. i5, 
26 und 27 verbannt. Dadurch hat dieses Werk des fleifsigen und 
redlichen Abtes seine ursprüngliche Gestalt wieder gewonnen. In 
den Vorbemerkungen zu demselben werden die Appendices mit 
Recht dem Ansegis selbst zugeschrieben , denn er schreibt sie 
sich ja selbst zu ; dann wird auf die zweifache Ausgabe dieser 
Sammlung aufmerksam gemacht. Die zweite , in welcher die 
Dedication den Namen Lotbars neben Ludwig dem Frommen weg- 
läfst , konnte erst um 83o entstehen , denn damals wurde in Folge 
der Zwistigkeiten zwischen Vater und Sohne auch in den Urkun- 
den der Name Lothars nicht gesetzt, was Erzbischof Agobard 
von Lyon in seinen Schriften heftig tadelt. 

Bisher redete man auch von einer Capitulariensammlung Lo- 
thars II.; von nun an mufs dieses aufhören. Dieselbe Handschrift, 
welche zu dieser Meinung Veranlassung gegeben hatte , wurde 
jetzt wieder benutzt. Sie enthält aber keine solche Sammlung, 
sondern nur einen Auszug oder eine kurze Wiederholung frühe- 
rer, wichtiger Gesetze, die Lothar seinen Unterthanen als vor- 
züglich zu beachtende und noch immer zu befolgende darlegte; 



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Monnmenta Gcrmaniac cd. PerU. T. III. 



41 



ihnen hat dann der Schreiber der Handschrift noch einige andere 
Stucke hinzugefugt (8. 36o ff.). 

Die langobardischen Capitularien , unter denen beinahe gar 
keine Ordnung herrschte und die mit den fast gleichlautenden 
fränkischen gewöhnlich verwechselt wurden, sind erst jetzt recht 
zu gebrauchen , weil man weifs, wenn und von wem sie abgefaßt 
worden und in welches Verhältnifs zu den ähnlichen fi-Snkischen 
Gesetzen sie gebracht werden müssen (S. 46, 70, io3, 109, i53, 
157, 248). Anderen Capitularien ist eine richtigere Zeitbestim- 
mung gegeben, z. B. Pipins ron 753 zu Worms erlassener Ver- 
ordnung; jener Karls von 811 de exercitu promorendo , jetzt 8o3; 
dem baierschen Gesetze von 806, jetzt 8o3; dem wichtigen De« 
crete Ludwigs aus Achen von 823, jetzt 825. 

In Bucksicht der hier zum ersten Male gedruckten Stucke 
mufs zuvor bemerkt werden, dafs zwar einige derselben keine 
Capitularien, aber dennoch wichtig sind für das genauere Ver- 
standnifs dieser Gesetzgebung. Dahin gehört das leider nicht 
vollständig erhaltene , an die Suffraganbischofe gerichtete Umlauf* 
schreiben des Erzbischofs Biculf von Mainz aus dem Anfange des 
neunten Jahrhunderts, worin er ihnen die nach dem Willen des 
Kaisers zu feiernden Fasttage anzeigt. Hierher sind auch zu reeb- 
nen die S. 77 ff. roitgetheilten , unter dem Erzbischofe Arno von 
Salzburg am Ende des achten Jahrhunderts auf den Synoden zu 
Rispach, Preising und Salzburg abgefafsten Synodalcanonen. Auf 
diesen Synoden wurde nicht nur die von Karl d. G. eingeführte 
dionysio- hadrianische Canonensammlung gebraucht, sondern et 
wurden auch die Beschlüsse ganz dem Geiste der karolischen Ge- 
setzgebung gemäfs abgefafst , während man später den Vorschrif- 
ten der Capitularien sich zu entziehen suchte. S. 4*0 ff. sind die 
Canonen einer grofsen , unter dem Erzbischofe Bhaban zu Mainz 
im Jahre 85 1 oder 85« gehaltenen Synode bekannt gemacht. Sie 
wiederholen zwar viele Bestimmungen früherer mainzer Kirchen- 
versammlungen , allein sie enthalten doch auch manches Neue, 
was einiges Licht auf den damaligen Zustand der deutschen Kirche 
wirft, Uebrigens war der von dem anstufsigen Leben der Pres- 
byter handelnde Canon schon bekannt, nur wußte man die Zeit 
und den Ort seiner Abfassung nicht. Canisius fand ihn , als ex 
concilio magno sub Ludovico rege genommen, einem alten PÖni- 
tenzialbuche angehängt, mit welchem er ihn herausgab. (Lectt. 
antiqq. Tom. II. part. 9. pag. 129.) Merkwürdig sind, ausser die- 
sen, noch folgende neue Stucke: das mantuasche Capitular von 781, 



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42 Monument* Gcrmaniac cd. Perlt. T. III. 

das achensche von 8oa und 8o5; das über die Räuber von 804 , 
über kirchliche Angelegenheiten von 804 ; die Instruction für ei- 
nen kaiserlichen Sendgrafen S. i35 und i36; das lango bardische 
Gesetz von 808; über das Münzwesen S. 159; wegen der Jaden 
S. 194 (cf. Icgg. Wisigothorum XII, i5.); über Freie und VaseW 
ien S. 196; der Bericht der Bischöfe an Ludwig von 804 S. 238 5 
Lotbars I. Verordnung aus Marengo von 8a5 S. 2/4 1 ; eben so das 
S. 363, 434, 437 t 439, 523,568 Mitgetheilte. Aufmerksame Er« 
wägung verdient endlich der aus einer wolfenbüttelschen Hand- 
schrift bekannt gemachte Bericht (S. 33 1 ff.), den die Bischöfe 
829 zu Worms dem Kaiser über die Beschlüsse der kurz vorher 
. gehaltenen Synoden abstatteten. Ludwig der Fromme hatte näm- 
lich an vier Orten seines Reichs die Geistlichen zu Synoden zu- 
sammenberufen , damit sie sich über gewisse , von ihm bezeich- 
nete Gegenstände berathen, den Grund mehrer Uebei und die 
Mittel , diesen abzuhelfen , aufsuchen und ihm angeben sollten« 
Nach/ Beendigung dieser Kirchen Versammlungen begaben sie 
sich auf den Reichstag nach Worms , um dem Kaiser das Ergeb- 
nifs ihrer Berathungen mitzutheilen und ihm die Beschlüsse der 
Synoden zur Bestätigung vorzulegen. Sie fanden aber für gut, 
ihren hierauf bezuglichen Bericht ganz in dem Sinne und selbst 
zum grofsten Theile mit den Worten der Synodslacten abzufas- 
sen, die auf einer dieser vier Kirchenversammlungen, auf der zu 
Paris, aufgenommen waren. Allein auf dem Reichstage wurden, 
weil wahrscheinlich die weltlichen Grofsen widersprachen, nur 
wenige Satze dieser Relation allgemein gebilligt und in das 
wormsische Capitular aufgenommen. Die Bischöfe suchten indefs 
diese Grundsätze weiter zu verbreiten und geltend zu machen. 
Der Bischof Jonas von Orleans, der auf der pariser Synode ge- 
genwärtig und bei der Abfassung ihrer Synodalactcn thätig ge- 
wesen war, 'schrieb seine beiden Werke de institutione regia und 
de institutione laicali fast ganz mit ihren Worten und ganz in 
ihrem Geiste. Die im Jahre 836 zu Achen versammelten Geist- 
lichen nahmen unter ihre Canonen ebenfalls viele aus jener Sy- 
node wieder auf. Dem Erzbischofe Otgar von Mainz und seinem 
Diaconus Benedict war auch viel an ihrer Verbreitung gelegen. 
Obwohl sie ihnen, wie ihre falsche Capitularsammlung beweist, 
noch zu gemäfsigt waren, so verschmäheten sie es doch nicht y 
die wichtigsten Stellen derselben und der daraus geflossenen Werke 
aufzunehmen. So benutzte Benedict die Pariser Synode, die Re- 
lation der Bischöfe , die Werke des Jonas und das Concilium von 



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Monument« Garmaniae ed. Paris. T. III. 43 

Achen für seine CapituUrsaramlung , in der er alle diese Grand, 
aätze für wirkliche Capitularien atisgiebt ; ja seine aweite Addition 
entnahm er ganz der gedachten Relation. Dadurch aber wird be- 
truglich etwas für ein allgemein angenommenes und allgemein zu 
befolgendes Gesetz aufgestellt, waa nie Gültigkeit gehabt hatte 
und nur die Ansichten und Wunsche einzelner Bischöfe oder der 
Geistlichkeit enthielt. 

Bs wäre überflüssig, über diese neue, mit Hülfe von mehr 
denn hundert Handschriften veranstaltete Auagabe der Capitularien, 
die nach ihrer Beendigung alle bisherigen Ausgaben völlig anti- 
cjuiren wird , noch mehr hier anzuführen ; nur folgende Bemerkun- 
gen mögen schliefslich noch Raum finden. 

In den capitulia ezeerptis Ingelheimensibua von 826 ist der 
Druckfehler » constitntionis Juliani imperatoris septimae« zu ver- 
bessern in »constitutionis Juliani antecessoria septimae«, denn ea 
ist hier nichts Anderes gemeint, als die Novellensammiong in der 
lateinischen Bearbeitung dea Julian, eines Rechtsgelehrten. 

Die unter dem acbenschen Capitular von 789 angeführten 
Beweisstellen sind eigentlich überflüssig. Das Capitular giebt aus 
dem Codex der Canonen und Decretalen, den Karl d. G. von 
Hadrian I. erhielt, die wichtigsten und gelten sollenden kurz an; 
wer sie aber im Zusammenbange lesen wollte , müfste die erwähnte 
Canonensammlong, die allgemein verbreitet wurde, aelbst nach- 
sehlagen. Allein die unter dem Gesetze angeführten Canonen sind 
gar nicht aus dieser Sammlung, sondern aus jener entlehnt, wel- 
che zuerst Quesnel bekannt machte und worin die griechischen 
Synoden in einer anderen , alteren Uebersetzung aich vorfinden. 
Die gedachten Canonen rühren also , falls sie sich wirklich in ei- 
ner Handschrift finden sollten, nicht von der Redaction des Ca- 
pitulara her, sondern von irgend einem klösterlichen Abschreiber 
desselben. 

Die Freunde der altdeutschen Sprache werden das S. 67 am 
Ende des acbenschen Capitulars von 789 zum ersten Male ge- 
druckte alte Gebet und die S. 261 mitgetbeilte verbesserte alte 
Uebersetzung von Ansegis IV, 18. willkommen heifsen. 

Frankfurt a. M. 

F. U. Knti9(. 



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Hävernick Einleitung in das A. T 



i 



Handbuch der hütorisck-kritischcn Einleitung in da» Alte Testament, von 
H. A. CA. Hävernick , der Theologie Licentiaten und Privatdocenten 
an der Universität Rostock. Erster Thcil , erste Abtheilung. Erlan- 
gen, Verlag von Carl Heyder. 1836. Vlll und 312 & 8. 

Herr Ha Vernich, ein Theologe von der strengen Observanz, 
hat schon in der Auslegung Daniels seine dogmatische Überzeu- 
gung walten lassen ; dieselbe durchdringt diesen Anfang einer Ein- 
leitung allenthalben, aber nicht zum Vortheile des allerdings fleifsig 
gearbeiteten und gelehrten Buches. Vergebens bemüht sich der , 
Verf., seinen Standpunkt als wissenschaftlich zu rechtfertigen, und 
sich gegen die Andersdenkenden in Vortheil zu setzen. Er meint 
S. 3, die Betrachtung der biblischen Urkunden nach religiöser 
Ansicht zu verwerfen, wie de Wette gethan habe, sey eine ir- 
religiöse Betrachtung, und somit eine parteiische , während sie 
doch als unpartheiisch dastehn wolle. Nun hat aber de Wette 
die Betrachtung nach religiöser Ansicht nicht verworfen , sondern 
sie für die Einleitungswissenschaft nur in die nöthigen Schranken 
gewiesen; und weifs denn Hrn. Ha Vernichs Logik nicht, dafs 
zwischen nicht religiös und irreligiös ein Unterschied be- 
steht ? Der Verf. gibt S. 4 zu , die Einleitung wolle und müsse 
historisch seyn. »Geschichte ist aber ohne sichere und feste zu 
»Grund liegende Principien keine Wissenschaft: nicht eine ge- 
»priesene, aber in der Praxis unmöglich zu Stande kommende 
» Unpartheilichkeit verleiht der historischen Forschung ihren Werth, 
»sondern allein die wahre und allein haltbare ihr zur Basis die. 
» nende Überzeugung. « Meint Herr H. , es sey überhaupt nicht 
möglich, je unpartheiisch zu seyn, so spricht er sich sein eignes 
Urtheil; sagt er aber, eine vollkommene Unpartheilichkeit sey 
nicht zu erreichen , so fragen wir , soll man sie etwa darum nicht 
anstreben? Soll der Mensch, weil Sundlosigkeit in praxi hienie- 
den unmöglich zu Stande kommt, die Sunde nicht ernstlich mei- 
den ? Auch glaube uns der Vf. , eine zu Grunde liegende Über- 
zeugung, wie er sie wünscht, gibt nicht der Geschichtforschung, 
sondern der Geschichtschreibung einen Werth , wenn sie anders 
die wahre ist Aber da liegt es eben. Was nennt Herr H. die 
wahre Überzeugung, welche der Geschichtforschung zur Basis 
dienen soll? Schwerlich etwas anderes, als das feste zum Voraue 
Fürwahrbai ten von Sätzen, welche doch erst das Besultat der 
Forschung und Prüfung seyn sollten. "Des Vfs Forschung weifs 
also theil weise- und gerade in den Hauptsachen zum Voraus , was 
sie herauszubringen hat; sie kennt das Ziel, bei welchem sie an- 



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Hävernick Einleitung in da« A. T. 



kommen mufft, und richtet sich darnach ein, ei um jeden Preif 

zu erreichen. Ist ein solches Verfahren kritisch ? Herr H. sagt 
ferner: »die Einleitung will und mufs aber auch kritisch leyn. 
»Wahres von falschem, achtes vom unechten, lauteres von un- 
lauterem zu unterscheiden ist unmöglich ohne Prüfstein, ohne 
»das richtige Princip, welches das Vorurtheil abhält und der 
»Willkühr steuert. In beiden Bucksichten ist es also (!) die 
»Dogmatil«, die wahre dogmatische Überzeugung, welche in hoch- 
»ster Instanz als Schiedsrichterin auftritt u. s. w. « Man ist Hrn. 
H. für die Offenheit, mit welcher er seine Grundansicht aus- 
spricht, zu Dank verpflichtet. Mit Consecrucnz auf seiner einmal 
eingeschlagenen Bahn vorwärts strebend , dringt er bis zum Ady« 
tum des Irrthums selber vor, und erspart uns die Muhe, ihn ad 
absurdum zu führen. Der Prüfstein des Einzelnen ist das All- 
gemeine, dessen Anschauung aus. der Kenntnifs des Einzelnen 
emportaucht; und das Einzelne im gegebenen Falle an diesen 
Prüfstein hält die prüfende Vernunft. Wäre die Dogmatik der 
Prüfstein, so würde sie wohl das Urtheil abhalten und der Frei- 
heit steuern. Der Verf. sagt aber nicht blos : die Dogmatik , 
sondern setzt hinzu : die wahre dogmatische Überzeugung. Meint 
er etwa, es könne nur eine wahre Dogmatik geben? Nicht doch! 
Tbatsächlich existiren neben einander widersprechende dogmati- 
sche Überzeugungen ; und S. ia findet Herr H. , es sey unwissen- 
schaftlich , von vorgefafsten dogmatischen Meinungen auszugehn. 
Also greift auch hier eine Sonderung des Wabren vom Falschen 
Platz; auch die Dogmatik unterliegt der Kritik; und natürlich 
kann sie, das zu prüfende Objekt, nicht sein eigener Prüfstein 
seyn, an welchen es gehalten werde. Hr. H. aber statuirt nicht 
nur dies , indem er eine von vorn wahre Dogmatik , nämlich die 
seinige postulirt, sondern will sogar, wie er defs gar kein Hehl 
hat | die Dogmatik zum Prüfstein erheben , dessen die Kritik sich 
bedienen solle ! * 

Die vorliegende erste Abtheilung der allgemeinen Einleitung 
handelt in drei Capiteln von der Geschichte des Canons, von der 
Geschichte der Grundsprachen des A. Test, von der Geschichte 
des Textes. 

Einem „ Irrthum huldigend, den mit dem Verf. die meisten 
Zeitgenossen theilen , geht er für die Sammlung des A. Test, von 
dem Begriffe einer regula veritatis aus , was für das Neue Test, 
ganz in der Ordnung seyn mag. Man vergifst, dafs im A. Test, 
die sämmtlichen Überreste der Literatur eines Volkes bis zum 



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Hävernick Einleitung In das A. T. 



seiner Sprache enthalten sind , während das N. T. aus 
den heiligen Buchern einer religiösen Sekte besteht; und man 
setzt unbedenklich beide Sammlungen auf gleiche Linie. Ja Hr. 
H. glaubt sogar aus der frühzeitigen Sammlung des Corans auf 
eine baldige des A. Test, schliefsen zu dürfen (S. 12) , während 
doch der Coran gleich dem Neuen Test, das Gesetzbuch einer 
Beltgionsparthei bildet, ferner das Werk ist Einer Zeit und Ei- 
nes Mannes , so dafs er nicht einmal für den Pentateuch eine voll- 
kommene Analogie bettt, und endlich neben ihm noch eine höchst 
bedeutende, auch religiöse Literatur besteht, welche bisher nicht 
gesammelt worden. Was die altern Kirchenväter und jüdisch«* 
Gelehrte lange nach der Sammlung der alttestamentlichen Schrif. 
ten von derselben sich vorstellten, wird ohne weiters adoptirt, 
und der unerlfifsliche Beweis , dafs die Sammler des A. Test, eine 
regula veritatts sammeln gewollt, unterlassen. So legt denn auch 
Herr H. dem Gerede des Josephus gegen Apion I, §. 8. ein be- 
sonderes Gewicht bei. Zwar findet er, es enthalte thcils Privat- 
raeinungen des Josephus , theils allgemeines Ui theil seiner Zeit, 
genossen ; nichts destoweniger erklärt er es S. 35 fiir das nach- 
drucklichste Zeugnifs, dafs bald nach dem babylonischen Exil 
der Canon abgeschlossen sey. Auf dieses Resultat nämlich mufs 
der Verfasser , welcher den Daniel für authentisch ansieht , hin- 
steuern; dies zu erhärten, gibt er sich alle erdenkliche Muhe. 
Die Periode des Esra und Nehemia soll schon fn sich selbst be- 
trachtet als die passendste für jenes Geschäft erscheinen S. *8. — 
O ja ! wenn damals die hebräische Sprache ausstarb. — In der* 
Periode nach Esra und Nehemia finde man überall den Canon im 
Ganzen als eine heilige Urkunde behandelt, und mit der tiefsten 
Ehrfurcht angesehn. — Die ältesten Stellen , welche Herr H. 
§. 10 beibringt, lassen eine Lücke von ein Paar Jahrhunderten, 
und sagen nur vom Pentateuch und den Propheten etwas aus. 
Der Pentateuch galt noch viel früher für gottlich ; von ihm han- 
delt es sich noch weniger, als von den Propheten; die Frage 
dreht sich um die Hagiographen. Das weifs Herr H. sehr wohl; 
also fragt er S. 3o : wie kam es, dafs das ursprünglich hebräisch 
geschriebene Buch Sirach, welches mit grofsen Ansprüchen auf- 
tritt, nicht in den Canon aufgenommen wurde? Die Antwort 
könne nur die sejn , dafs nur eine fest und sicher gestellte Au- 
torität des Canons allein im Stande war, dies zu verhindern. — 
Eine positive und doch auf Schrauben stehende Äusserung ! So* 
gleich nachher sagt Herr II., Sirach sey nur dem Anschein und 



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Hü vor nick Einleitung in da« A T. 



den Ansprüchen nach der Aufnahme in den Canon würdig ge- 
wesen. Also mufste das Buch , auch wenn der Canon spater erst 
geschlossen wurde, dennoch d müssen bleiben; und nun argumen- 
tum Herr H. aus seiner Ausschliefsung auf einen frühem Abschlufs 
des Canons. Wie dann aber, wenn wir sagen, der hebräische 
Text war bei Sammlung der llagiographen bereits verloren , und 
somit konnte das Buch in eine Sammlung hebräischer Schriften 
natürlich nicht aufgenommen werden ? Was kann Herr H. er- 
wiedern ? Er beruft sich freilich auf Sirach selbst C. 44? 5. 3. 
Allein wenn dieser neben den Weissagungen noch tnn iv y^a<ff 
kennt, so beweist dies eben nicht ihre Sammlung in ein corpus, 
sondern lediglich ihr Vorhandenseyn zu Sirachs Zeiten ; aber nicht 
einmal, welche, oder daf alle, die jetzt im Canon der Iftubim 
stehn, vorhanden waren, sondern nur, dafs überhaupt welche 
existirten, lernen wir aas jener Stelle Sirachs, d. h. wir lernen 
daraos, was wir langst gewufst und niemals bestritten haben. 
Auch der -Prolog des Obersetzers hilft um keinen Schritt weiter. 
Herr H. steift sich trotz Allem, was längst gesagt worden ist, 
wieder auf die Worte xa dXka ndx^ia ßißXla und rä Xomd 
Ttnv ßtßXUov. So und ähnlich, sagt er, seyen die K'tubim auch 
bei Philo, Josephus nnd im N. Test. Bezeichnet. — Ist erstens 
theils nicht wahr, und wurde zweitens, wenns wahr wäre, nichts 
beweisen. Dafs zu PhüVs Zeit der Canon geschlossen wer, wis- 
sen wir schon sonst; und also, wie der Prolog tbut, konnte man 
Tor und nach der Sammlung von den IVtubim sprechen, weil man 
damit nicht einmal negativ , geschweige positiv etwas Bestimmtes 
über die Sammlung aussagt — Der Ausdruck sey auch keines- 
wegs ein vager; es heifse ja nicht etwa »andere« oder » einige 
übrige Schriften « , sondern » die andern c , » die noch übrigen « . 
— Hierauf erwiedern wir Herrn Hävernick: der Ausdruck konnte 
allerdings noch vager seyn , als er ist. Da der Übersetzer den 
Artikel braucht , so redet er offenbar von bestimmten , ihm be- 
kannten Schriften , nicht von solchen , von deren Zahl , Namen , 
Inhalt er nichts wüfste; und dafs er die zu seiner Zeit vot-han- 
' denen Hagiographen alle , oder viele von ihnen , gekannt habe , 
ist noch nicht bezweifelt worden. Dafs aber der Ausdruck »die 
andern Bücher« die* Vereinigung »der andern Bücher« in Ein 
corpus aussage und beweise , ist eine so grelle Behauptung , dafs 
Ref. kein Wort weiter dagegen verlieren mag. Wolle Herr H. in 
Zukunft seinen Matthiä zu eigenem Gebrauche nachschlagen , und 
nebenbei auch lernen, dafs die Wahrheit hebräisch mhi heifst, 



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Hävernick Einleitung in das A. T. 



und nicht emei, wie die Schuler aussprechen, und 8. 173 Herr 
H. geschrieben hat 

Die Annahme so frühe geschehener Abschliefsung des Canons 
macht ein gleich frühes Aussterben der hebräischen Volksspraohe 
wünsebenswerth ; allein wir vermissen S. 240 ff. den S. 26 ver- 
heifsenen ausführlichen Beweis. Die Argumentation läuft im 
Grande darauf hinaus: weil man nach dem Exil noch hebräisch 
schrieb, so war das Hebräische also noch Schriftsprache, ergo 
war es nicht mehr lebendige Volkssprache. Herr H. beruft sich 
wieder auf das mindestens höchst zweifelhafte EPBB Neb. 8, 8; 
selbst das bekannte Glossem Jer. 10, it«, das jedes Zusammen- 
hanges spottet, wird nicht verschmäht. Er meint S. 242, es aey, 
wofern das Chaldäische nicht die Volkssprache war, unerklärbar, 
wie die chaldäischen Abschnitte in Esra und Daniel Eingang fin- 
den konnten. Wie aber, wenn der gelehrte Esra zu seiner Mut- 
tersprache auch das Aramäische erlernt hatte? Und glaubt Herr 
H. nicht auch selber , dafs das Aussterben des Hebräischen in 
der verhängnifsvollen Periode von Antiochus Epiphanes bis He- 
rodes den Grofsen wenigstens eben so passend gedacht werde, 
als in der viel kürzern des Exils , wo die Juden beisammen wohn- 
ten, ihre eigenen Ältesten und Richter hatten, und weitere An- 
griffe auf ihre Nationalität gar nicht versucht worden sind ? 

Wo der Verf. seinen dogmatischen Prüfstein der Kritik zu 
befragen unterläfst, da nimmt seine Forschung sofort einen wis- 
senschaftlichen Charakter an. Zeuge dessen ist .das Capitel von 
den Grundsprachen des A. T. an vielen Stellen. Doch ist das- 
selbe für den Zweck der Einleitung zu breit angelegt , und t heil- 
weise in eine Geschichte der Literatur ausgeartet. Namentlich 
ist von der arabischen Sprache und Schriftstellerei ausfuhrlicher 
die Rede, als nothig war, um auf die wirklichen Grundsprachen 
des A. T. vom verwandten Arabismus aus das hinreichende Liebt 
zu werfen. Wenn der Verf. dagegen S. 145 f. das Hebräische 
gern für die Ursprache der Menschheit erklären , oder es wenig- 
stens in ein besonderes inniges Verhaltnifs zur Ursprache treten 
läfst, so kommt auch dies wieder auf Rechnung seiner Unfreiheit; 
und es wäre allzu langweilig, mit ihm darüber zu streiten. 

(Der Besehlufs folgt.) 



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N°. 4. HEIDELBERGER iSS7 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Hävernick : Einleitung in das Alte Testament. 

(Beschluft.) 

Mit S. i55 beginnt eine allgemeine Charakteristik der hebräi- 
schen Sprache als Schriftsprache : ein Abschnitt, welcher vieles 
Brauchbare aufweist, z. B. S. 162 — 164 die Beiträge zur Syno- 
nymik, neben Vielem, was zweifelhaft oder verfehlt, z. B. wenn 
er 5 Mos. 33, 2. die Punktation Jfl CK für richtig halt, für 

01^2 Hob. L. 4, i3. eine semitische Etymologie sucht, und sich 
gegen den griechischen Ursprung des Wortes ]^P30B r)an » 3, 
5. 7. noch jetzt wehren mag. Die meiste Veranlassung aber zu 
Ausstellungen bieten die §§. 3i — 34« in welchen die verschiede- 
nen Perioden der hebräischen Sprache bis zur Zeit des Exils ab- 
gehandelt werden. Dem Vf. gebeut bekanntlich seine Dogmatik, 
vor den augenscheinlichsten Besultaten der neuern Kritik die Au- 
gen zu verschliefsen ; zum Voraus gläubig, nimmt er den ganzen 
Pentateuch für mosaisch, hält für uralt nicht nur Hiob, sondern 
auch das Buch Josua , und kämpft für die Authentie des ganzen 
Büches Jesaja. Sein Kampf für das Deuteronomium lehrt deut- 
lich, dafs ihm ebenso sehr, als seinen Gegnern, Jeremias Wirk- 
samkeit und schriftstellerischer Charakter unerkannt geblieben; 
und in der Verteidigung des zweiten Theils des Jesaja läfst er 
sich in dem Maafse von der blinden Leidenschaft übermannen, 
dafs er poltert, sich auffallende Versehen zu Schulden kommen 
läfst, und sogar untreuen Bericht erstattet. Wir heben Einiges 
aus. In der Auslegung Jesaja s soll S. 273 Ref. behauptet haben, 
HjT heifse bei Spätem geradezu Verkehr treiben. Ref. aber 
sagte, dies sey C. 23, 17. der Sinn des Wortes ; die Bedeutung buh- 
len wird in der Übersetzung ausgedrückt. »Die Form »IDDÜ^i 

wirft er ferner ein, »soll nicht vor dem Exil gebildet seyn, und 
doch kennt sie schon der Pentateuch.« Ref. aber schrieb: »vor 
dem Exil wurde das W 7 ort als Substantiv nicht gebildet vgl. zu 
C. 49, 7.,« wo gesagt wird, es sey ein Verbalsubstantiv, von 
Piel abgeleitet. Vgl. Ewald kl. Gr. §. 339 am Schlufs. Diese 
Verbalsubstantive aber verwechselt Herr H. , wie auch zu Daniel 
S. 385 sein Gerede über DEtöE verrütb , acht empirisch mit dem 
XXX. Jahrg. 1. lieft. 4 



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50 



Hävernick Einleitung in das A. T. 



Participium , welches freilich auch 3 Mos. 9, 19. (Tgl. 2 Mos. 
29, i3.) vorkommt. Was Ref. ferner S. 395 zu Jesaj. 34. Begr. 
d. Rr. S. 76 f. gesagt hat, wird von Herrn H. gänzlich untreu 
und schief referirt. Ganz vergeblich verweist Herr H. den Ref. 
weiter für TIP ySIl Jes. 42, 21. auf die erst in der Zwischen- 
zeit erschienene zweite Ausgabe von Ewalds Grammatik S. 33i , 
wo auch aus der reinsten hebr. Prosa durchaus ähnliche Fälle 
citirt seyen. Rein einziger ist wirklich analog, aber am Tage 
liegt, dafs Herr H. in diesem Punkte wenigstens weder die he- 
bräische, noch die arabische Syntax versteht. Wenn ausserdem 
Herr H. S. 222 glauben kann, Jes. 54, i5. stehe VHXE der 
Pausa wegen für ">flXE; wenn er die Stelle Jes. 47, 11. /nach- 

dem das Richtige gezeigt worden, und zugleich auch Joel 2, 2. 
gröblich mifs versteht , so verlangt er damit offenbar zuviel, dafs 
wir ihm auf sein Wort glauben sollen, TX!"! Je«. 34, *3., Ge- 

hofte, sev nicht das gleichlautende arabische j & * n*w = Ge- 
höfte, sondern ein sonst nirgends als solches vorkommendes 
Ädjectiv von Herrn Hävernicks Fabrik. Eine ansehnliche Zahl 
noch anderer Machtspruche und Flausen, welche sich überall 
breit machen , übergeht man am besten mit Schweigen. 

Das dritte Capitel: von der Geschichte des Textes des A. T. 
ist von allen dreien wohl das unbedeutendste, und hat die we- 
nigsten gelungenen Parthieen. Um die Fragen nach dem Alter 
der Buchstabenschrift bei den Semiten, nach dem Schreibematerial, 
nach der Genesis der Quadratschrift u. s. w. genügend zu be- 
antworten, scheint der Vf. nicht hinreichend ausgestattet zu seyn, 
und auch nicht immer gewufst zu haben, worauf es eigentlich 
ankomme. Wir verweilen deshalb auch nur kürzere Zeit bei 
demselben. 

Der Verf. entscheidet sich dafür , dafs die Buchstabenschrift 
zu den Hebräern, wie zu den Griechen übergegangen sey von 
den Phoniciern (S. 268), welche er auch für die Schrifterfinder 
selbst zu halten scheint. Die Aramäer, heifst es S. 263, als 
Schrifterfinder zu denken , sey eine Hypothese , welche leicht zu 
machen , aber auch eben so leicht zu widerlegen sey. Versuche 
es doch Herr H. einmal , ob er auch nur den Schein einer Wi- 
derlegung zu produciren vermöge ! Aber die Beweisführung 
müfste sorgfältiger geschehen , als sie von S. 265 an sich ent- 
wickelt. Was für Cadmus und die Phonicier gilt, wird hier ganz 



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Olahauson : ObserT. ad V. T. 



»1 



in der Stille auf die Vorderasiaten überhaupt und somit auch auf 
die Hebräer auagedehnt; und weil die Phönicier die Schrift wei- 
terhin nach Griechenland verbreiteten, »so dürfen wir bei den 
9 stamm verwandten Hebräern ihre Verbreitung mit Fug und Recht 
* voraussetzen. « O. E. D. Und zwar noch vor Mose. Bei die- 
sem Punkte gebehrdet sich der Verf. gewaltig kritisch. Da die 
mosaische Abfassung des Pentatedohs kritisch angefochten ist, so 
will er sich nicht suf diese berufen, jedenfalls aber »müssen wir 
Ton dem mosaischen Zeitalter ausgehen, als von demjenigen, in 
welchem uns die ersten schriftlichen Urkunden der Hebräer dar- 
geboten Werdern * Wenn wir sie annehmen ! Dafs schritt liehe 
Urkunden bis in Mosis Zeit hinaufreichen , wird ja von der Kri- 
tik gleichfalls beanstandet; und die Frage hängt mit der nach der 
Mosaischen Abfassung des Pentateuches enge zusammen. Des Vfs 
ganz* Entwickelung bis S. 277 ist demnach vollkommen vergeblich. 

In dem Abschnitte vom Schreibematerial herrscht arge Ver- 
wirrung. Das notwendigste Hülfsmlttel, die bekannte treffliche 
Abhandlung von Hug in der Zeitschrift für die Geistlichkeit des 
Erzbisthums Freiburg , ist Herrn H. entgangen. Also glaubt er, 
die Hebräer hätten sich zu allen Zeiten nur Eines Materials , des 
Pergamentes, bedient, und zwar auf .solches mit dem Griffel 
(Ps. 45, 2.) geschrieben, welchen man ohne Zweifel in Tinte 
(Jer. 36, 18.) getaucht hat! 

- Mochte Herrn Hävernick eine ruhige, klare Erwägung des- 
sen, was er tbut, möglich werden! Möchte er mit demselben 
Maafse von Fleiß und Eifer, demselben Vorrat he mannigfaltigen 
Wissens einst der Wissenschaft dienen , mit welchem er sie jetzt 
noch zu Gunsten seiner Dogmatik zu untergraben sucht! Schwer 
wird es auch ihm werden, wider den Stachel zu lecken. 
Zürich. Hitzig. 



Solemnio Natatitta regte augustissimi et serenimmi Fridetiei VL die XXV III 
mensis Januarii artni MDCCCXXXFI hora XII in auditorio majore 
ritt cchbranda academiae Chris tianae Albertinae reetor et ienatus in- 
dicunt per J tut um OUhausen LL. 00. Pt P. Ord. (Innrnt obeervatio- 
nee criticae ad vetue teetamentum.) Kiliae , ex offieina Christiani Fri- 
derici Mohr. 

Herr Prof. Olshausen, welcher einer der Ersten die Gebre- 
chen erkannt hat , an denen unsere Kritik und Exegese des A. T. 
kränkelte und noch kränkelt, gibt in diesem sehr lesenswerthen 



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52 Logik tod Twesten, Bachroann, Troxler, 

Programrae einige Textverbesserungen zum Besten, als Proben 
. aus einem zu erwartenden kritischen Commentar. Herr Dr. Ols- 
hausen beabsichtigt ihn zunächst zum Nutzen der Studirenden ; 
doch ist ein solcher überhaupt ein Bedurfnifs geworden auch für 
die Gelehrten und Lehrer, und Bef., der dasselbe längst lebhaft 
fühlt, hofft, Herr O. werde sich der verdienstlichen Arbeit in 
ausgedehnterem Maafse unterziehn. Zugleich möchten wir dem 
verehrten Manne den Wunsch ausdrücken, des Guten doch nicht 
zuviel zu thun, sondern den Werth seines Buches durch jene 
vorsichtige Mäfsigung zu erhöhen , welche in dem Schriftchen 
vom Begriffe der Kritik dessen Verfasser jetzt vermifst. 

H i t % i g. 



1) Die Logik, insbesondere die Analytik , vorgestellt von A. D. Cfc. T«>«- 
sten. Schleswig, im K. Taubstummeninstitut. 1825. 

2) System der Logik. Ein Handbuch zum Selbststudium von Dr. C. Fr, 
Bachmann. Leipzig, bei Brockhaus. 1828. 

8) Logik- Die Wissenschaft des Denkens und Kritik aller Erkennt nifs , 

von Dr. Troxler. Stuttgart und Tübingen, bei Cotta. 1828. ^ 

4) Lehrbuch der Logik, als Kunstlehre des Denkens, von Dr. F. B. 
Benecke. Berlin, bei Mittlen 1832. 

5) Denklehre, zum Gebrauch bei Vorlesungen von F. J. Zimmermann. 
Freiburg, bei Groos. 1831. 

(Zweiter Artikel.) 
(e. Jahrg. 1836. Nr. 56.) 

Ein zweiter Hauptpunkt der Logik, welcher gänzlicher Re- 
vision bedarf, ist die Eintheilung der Urtheile. 

Und hier ist es denn billig , weil sie allgemein reeipirt oder, 
bei Abweichungen im Einzel nen, wenigstens zu Grunde gelegt 
wird, von der Hantischen (in der Kritik der reinen Vernunft vor- 
getragenen) Eintheilung auszugehen und sie einer desto strenge- 
ren Kritik zu unterwerfen, je unbefangener sie wiederholt wird, 
ungeachtet sie ein ganzes Nest von logischen Verstöfsen einschliefst 
und zu einem Specimen fast aller gegen die logischen Regeln der 
Eintheilung möglichen Fehler dienen kann. 

Nach Kant kann die Function des Urtheilens unter vier Titel: 
Quantität, Qualität, Relation und Modalität, gebracht werden, 
deren jeder wieder drei Momente unter sich enthält. Unter dem 
vagen Ausdruck: Titel mit drei Momenten, der in der Termino- 
logie der Eintheilung gar nicht vorkommt, versteckt sich der 



- 



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* 



Benecke und Zimmermann 53 

schwankende und unausgetragene Grundgedanke der Kantischen 
Einteilung, und es wird namentlich unentschieden gelassen, ob 
jene vier Titel ebenso viele Hauptarten oder aber vier Einthei- • 
lungsprineipien der Urtheile bezeichnen sollen. Im ersteren Falle 
wären die je dreigliedrigen Momente Unterarten, im letzteren 
Falle dagegen wären erst sie die unterschiedenen Arten des 
Urtheils. Diese schwankende Haltung konnte Bachmann ver- 
leiten, die Hantische Eintheilung nach der Voraussetzung zu be- 
urtheilen, als ob sie durch jene vier Titel vier Hauptarten des 
Urtheils hätte bezeichnen wollen; was freilich ein ganz unverzeih- 
licher Verstofs wäre, da jene vier Titel einander nicht ausschlic- 
fsen, wie Arten es sollen, nach der logischen Regel: membra 
sint disjuneta , sondern vielmehr in jedem Urtheile nothwendig 
zusammen vorkommen. Allein die vage Haltung des Hantischen 
Ausdrucks läfst freie Hand , jene vier Titel in einem richtigen 
Sinne zu fassen: als die vier Hauptgesichtspunkte oder Seiten, 
wonach die Urtheile eingetheilt werden können , kurz als die vier 
Eintheilungsprincipien des Urtheils. Jede Classe von Gegenstän- 
den läfst sich nämlich von mehr als einer Seite eintheilcn, so 
z. B. die Hute in weifs und schwarze nach der Farbe, in Filz- 
und Seidenhute nach dem Stoff, in runde und spitze nach der 
Form. Hiebei schliefsen sich immer nur die nach einer und der- 
selben Seite unterschiedenen Arten aus , können sich dagegen mit 
sii «amtlichen nach andern Seiten unterschiedenen Arten combi- 
niren. 

Die Eintheilungsprincipien den unterschiedenen Arten voran- 
zustellen, war nun ganz in der Ordnung und getreu der logi- 
schen Begel : divisio ne careat fundaroento. Allein die Begriffe 
der unterschiedenen Eintheilungsprincipien hätten, etwas deutlicher 
und bestimmter angegeben werden sollen, als durch die unbe- 
stimmten und unverständlichen Titel geschehen ist. Nach allen 
Andeutungen versteht Hant unter Quantität den Umfang des Sub- 
jects, in welchem ihm das Prädicat beigelegt wird; unter Quali- 
tät die Beschaffenheit der Aussage , also der Copula ; unter Re- 
lation das Verhältnis der zwei Urtheilsglieder zu einander, und 
endlich unter Modalität den Grad der Uberzeogung , mit welchem 
. das Urtheil gefällt wird. 

Nach jedem dieser Gesichtspunkte sollen die Urtheile in drei 
verschiedene Arten zerfallen ; so dafs es also am Ende zwölf ver- 
schiedene Formen des Urtheils gäbe , die aber , da sie verschie- 
denen Seiten angehören, nicht alle aussereinander fallen, sondern 



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54 Lofcik von Twetten, Bochmann, Troxler, 

nur je zu drei einander ausschliefsen , dagegen mit snmmtlichen 
Gegensätzen aller übrigen Seiten sich combiniren können. 

Eine solche mehrseitige Einteilung dei Urtheils vorerst zu- 
gegeben , vermifst man freilich den Beweis: warum das Unheil 
gerade vier Seiten zum Behuf der Eintheilung darbieten soll und 
nicht mehr; so wie auf der andern Seite die durchgängige Drei- 
gliedrigkeit gar zu nett ist, als dafs sie nicht fast zum Voraus 
Verdacht erweckte. Doch betrachten wir erst die Eintheilung 
im Einzelnen : 

1. Der Quantität nach zerfallt Kant die Urtheile in all- 
gemeine, besondere und einzelne, je nachdem das Urtheil von 
allen, oder von mehreren, oder von einem einzelnen Dinge einer 
Ciasse gelte. Gleich diese Eintheilung, so scheinbar sie klingen 
mag, hat einen (indefs ziemlich allgemein gerügten) Fehler, den 
Kant selbst, indem er ihn fühlte; nur mit Muhe verdecken kann. 
Bei der Quantität eines Urtheils handelt es sich nämlich nicht 
▼ob dem Umfang des Subjekts an sich, sondern von dem Umfang, 
in welchem es genommen wird; mit andern Worten: es handelt 
sich nicht darum r ob der Subjekt begriff weit oder eng ist, son- 
dern wie weit von ihm die Rede ist. Nun ist ein individuelles 
Subjekt zwar die möglichst kleinste Begriffssphäre ; allein diese 
Beschränktheit der Individualsphäre kommt bei der Quantität des 
Urtheils eben so wenig in Betracht, als die Beschränktheit einer 
Artsphäre gegenüber von der Gattung. Auch fragt sich wirklich 
bei einer Individualsphäre, so klein sie auch seyn mag, immer 
noch, wie weit sie genommen werde, namentlich aber, ob ganz 
oder blos tbeilweise ? Denn es giebt , wie allgemeine Individual- 
urtheile, z. B. Cajus ist ein Genie, so auch partikuläre Aussagen 
von Individuen, z. B. Cajus ist tbeilweise ein Narr; — was nun 
freilich Kant, ohne wie es scheint, sich lange zu besinnen, laug, 
net, Kant fiel mit Aufzählung des individuellen Urtheils aus dem 
Eintheilungsprincip , in dem er ungefähr folgendermafsen aufzählt: 
Der Subjektbegriff wird entweder ganz oder theilweise genom- 
men , oder aber ist er ein Individuum. 

2. Nach der Qualität oder nach der Beschaffenheit der 
Aussage zerfallen, wie Kant richtig aufzählt, die Urtheile in be- 
jahende und verneinende; ganz verfehlt dagegen ist die Aufzäh- 
lung der dritten Art, welche er bald unendliche, bald limitirende 
nennt. Es werden hierunter die Urtheile verstanden, wo die 
Negation nicht zur Copula, sondern zum Prädikate gehört, z. B. 
die Seele ist unsterblich, du bist nicht- klug u. dgl. Unendlich 



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Bcnucko und Zimmermann 55 

nennt Kant diese Urtheile, weil er sich vermöge des herrschen- 
den yagen Begriffs Tom negativen Gegensatze einbildet, das Sub- 
jekt Wierde dadurch in die weite, unendliche Welt ausser dem 
negirten Prädikate hinausgesetzt. Allein in Wahrheit erhalt durch 
solche negative Prädikate das Subjekt seine ganz bestimmte Stelle, 
so die Seele in obigem Beispiele im Gebiete der Dauer auf der 
dem Sterblichen entgegengesetzten Seite, der Unkluge auf der 
der Klugheit entgegengesetzten Seite der Intelligenz; und- es ist 
somit ein solches Urtheil , da das Subjekt in eine bestimmte Prä- 
dikatssphäre versetzt und wirklich etwas von ihm ausgesagt wird, 
in Wahrheit positiv, nämlich Beilegung des negativen Gegen- 
satzes. Wenn man im Kantiscben Sinne von einem unendlichen 
Urtheile reden will, so ist es das negative. — Merkwürdiger 
Weise gesteht Kant selbst die Positivität seines unendlichen Ur- 
tbeils zu , fuhrt es aber doch , der Trilogie zu lieb , als dritte 
Art auf. 

Dem Zusammenhange nach hat der Ausdruck limitirendes Ur- 
theil bei Kant ungefähr den gleichen Sinn , nämlich Freistellung 
aller möglichen Prädikate bis aui eines. In einem andern Sinne 
konnte man unter dem Titel des limitirenden Urtheils wirklich 
eine dritte, der Bejahung und Verneinung coordinirte Art der 
Aussage aufzählen, nämlich eine solche, die weder ja noch nein 
sagt , sondern durch allerlei Limitationen , z. B. so zu sagen , 
ziemlich, ge wisser raafsen u. dgl. die Aussage unbestimmt halten 
will. 

Das eigentliche Nest von Fehlern , welche denn auch bis jetzt 
noch nicht gerügt worden sind , sitzt jedoch in der Eintbeilung 
der Urtheile 

3. % nach der Relation. Hierunter ist, nach Yergleichung 
der Kategorientafcl , das Yerhältnifs der zwei Glieder des Urtheils 
zu einander zu verstehen. Je nach Verschiedenheit diesess Ver- 
hältnisses sollen nun die Urtheile entweder kategorisch, oder 
hypothetisch, oder disjunetiv seyn. Das kategorische Urtheil soll 
.das Verbältnifs von Subjekt und Prädikat, das hypothetische das 
Ton Grund und Folge aussprechen; es werden wenigstens nach 
der Kategorientafel unter jener Urtheilsform die Begriffe von 
9 Substanz und Accidens , unter dieser der von Ursache und Wir- 
kung gefunden. Das disjunetive Urtheil endlich soll das Veihält- 
nifs des Subjekts zu den verschiedenen Eintheilungsgliedern der 
Sphäre des Prädikatbegriffes angeben. 



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Logik von Twcstcn, Hachmann, Troxlcr, 



Zwei verschiedene Arten des Urtheils sind , abgesehen von 
den falschen Titeln , das kategorische and das hypothetische, und 
zwar besteht ihre Verschiedenheit darin, dafs in beiden ein ganz 
verschiedenes inneres Verhältnifs der zwei Urtheilsglieder ausge- 
sprochen wird: in dem kategorischen ein Verhältnifs der Identität, 
io dem hypothetischen dagegen ein Verhältnifs der Causalitat. 

Das disjunctive Urtheil hingegen ist den beiden übrigen nicht 
coordinirt; denn die Disjunction oder die Aufzählung der Einthei- 
lungsgliedcr statt des Gattungsbegriffes kommt in den beiden Ur- 
theilsformen , der hypothetischen wie v der kategorischen, vor; 
wobei sich denn der weitere Fehler zeigt, dafs Kant unter dem 
Titel des disjunetiven Urtheils blos die kategorische Disjunction 
berücksichtigt hat. Es giebt nämlich 1) ein kategorisch -disjunc- 
tives Unheil, z. B. die Thiere sind (was ihr Geschlecht anbe- 
langt) entweder Männchen oder Weibchen. Hier werden dem 
Subjecte, anstatt des Gattungsbegriffes des Prädikats, die Art- 
begrifle desselben beigelegt ; und es liegt dem Urtheile ganz das- 
selbe Verhältnifs wie bei dem einfachen kategorischen Urtheile zu 
Grunde, nämlich das von Subjekt und Prädikat. Allein es giebt 
nun 2) auch ein hypothetisch - disjunetives Urtheil , wenn die ver- 
schiedenen möglichen Grunde oder die verschiedenen möglichen 
Folgen aufgezählt werden, so dafs also im hypothetischen Urtheile 
sogar eine gedoppelte Disjunction vorkommt, von Seiten des Grun- 
des wie von Seiten der Folge, z. ß. man mufs hungern oder 
borgen, wenn man zu viel ausgiebt oder zu wenig einnimmt. 
Die Disjunction ändert auch hier an dem Grundverhältnisse nichts. 

Die Disjunction wird, da sie sich mit den beiden Formen 
der Relation verträgt, eine anderswohin gehörige Abänderung 
des Urtheils seyn. Sie ist eine Zusammensetzung des Urtheils, 
deren es noch eine ganze Reihe giebt, welche aber von der bis- 
herigen Logik kaum rhapsodisch sind aufgezählt worden. 

Der schlimmste Fehler der Kantischen Eintheilung der Re- 
lationen des Urtheils liegt jedoch in den verfehlten Titeln kate- 
gorisch und hypothetisch, welche auf eine mangelhafte Unter- 
scheidung des Eintheilungsprincips der Relation von dem folgen- 
den der Modalität, welchem jene Namen eigentlich angehören, 
deutet. Denn kategorisch heifst eine bestimmte, der Gewifsheit 
correspondirende Aussage, und besagt auf Griechisch nichts an- 
deres als das lateinische assertorisch; hypothetisch ist dagegen 
nur eine besondere Modifikation des Problematischen, nämlich 
eine von einer Bedingung abhängige Möglichkeit. Indem so die 



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Benecke uml Zimmermann. 



51 



Kantische Unterscheidung des kategorischen and hypothetischen 
Urtheils in zwei ganz verschiedene Eintheilungsprincipien hinein- 
schwankte, der Sache nach ein Yerhä'ltnifs der Urtheilsglieder 
meinte, dem Worte nach aber einen Überzeugungsgrad sagte, 
haben sich bei Kant und seinen Nachfolgern sub titulo der Re- 
lation die wunderlichsten Wechselbälge schillernder und schwan- 
kender Begriffe erzeugt. 

Eine Folge des unklaren Begriffs von hypothetischem Urtheil 
war gleich: dafs, während es doch die Aussage des Causalverhält- 
nisses seyn sollte, seine Ausdrucksform auf die Conjunction, 
wenn — so, beschränkt wurde; ungeachtet in jeder Grammatik 
nachgesehen werden kann, dafs es, ausser wenn — so, noch eine 
ganze Reihe causaler Conjunctionen giebt. Daher ferner die Her- 
einziehung des unmittelbaren Schlusses, und selbst des disjunkti- 
ven Urtheils, welche nicht selten die Conjunction wenn — so 
annehmen, unter dem Titel des hypothetischen Urtheils. 

Um wirklich verschiedene Arten der Relation oder des Ver- 
hältnisses zwischen den zwei Urtheilsgliedern zu bezeichnen, 
müfste man die Aussage des Verhältnisses zwischen Subjekt und 
Prädikat das prädikative, die Aussage des Verhältnisses zwischen 
Ursache und Wirkung dagegen das causale Urtheil nennen. 

4. Von Seiten der Modalität oder des Überzeugungsgi ades 
ist endlich die Trilogie der Eintheilung richtig, indem das Ur- 
theil wirklich hienach in das problematische, assertorische und 
apodiktische zerfällt. Dagegen aber schlich sich wieder ein Feh- 
Jer in die Specification dieser drei Abtheilungen ein , wie Kant 
in der Kategorientafel als correspondirend dem problematischen 
Urtheile die Begriffe der Möglichkeit und Unmöglichkeit, corre- 
spondirend dem assertorischen die Begriffe der Wirklichkeit und 
Nicht Wirklichkeit , und endlich correspondirend dem apodiktischen 
Urtheile die Begriffe der Nothwendigkeit und Zufälligkeit auf- 
fuhrt. Es ist Zwar ganz richtig, dafs das assertorische oder, wie 
man es ebensogut nennen könnte, das kategorische Urtheil das 
Verbältnifs der Urtheilsglieder als ein wirkliches oder nichtwirk- 
liches aussagt ; ganz falsch ist dagegen , wenn gemeint wird , das 
problematische Urtheil spreche die Zusammengehörigkeit der Ur- 
theilsglieder auch als unmöglich aus, indem die Aussage der Un- 
& roöglicheit vielmehr dem apodiktischen Urtheile angehört, woge- 
gen das problematische Urtheil die Negation wie die Bejahung 
Mos als möglich darstellt. Die Ausdrucksform der problemati- 
schen Negation ist nun auch nicht: es kann nicht, sondern: viel- 



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Logik ron Twestcn, Bachmann, Troxlcr, 



leicht nicht u. dgl. , wenn nicht jener Ausdrucksform durch eine 
ganz besondere Betonung ein blos problematischer Sinn gegeben 
wird. Ebenso verfehlt war es , unter dem Titel des apodiktischen 
Vrtbeils oder der nothwendigen Überzeugung die Aussage des 
zufälligen Verhältnisses aufzufuhren, denn dieses wird vielmehr 
assertorisch, als eine blofse Wirklichkeit ausgesprochen. 

Die Kantische Eintheiiung hat nun aber nicht blos die man- 
nigfachen , gerügten Fehler im Einzelnen , sondern ist nun auch 
noch im Ganzen als Eintheiiung des Urtheils oder als Aufzahlung 
seiner Arten verfehlt. Es ist eine Eintheiiung, wie wenn man, 
um die verschiedenen Arten des Reisens anzugeben, untereinan- 
der aufzählen wollte: langsam oder schnell; zu Fufs, zu Pferd, 
zu Wagen, zu Schiff; bequem oder unbequem. Der Fehler, den 
die Kantische Eintheiiung nur in minder auffallender W eise be- 
geht , springt hier in die Augen : nerolich dafs neben den wirk- 
lichen Arten des Reisens, welche in den verschiedenen Weisen 
des Fortkommens bestehen, ganz untergeordnete Abänderungen 
in gleicher Reihe aufgezahlt werden. Ein Fehler, welcher auf 
mangelhafter Unterscheidung des wesentlichen und der unwesent- 
lichen Eintheilungsprincipien beruht. 

Sollte man nun im Unklaren seyn, welches das wesentliche 
Eintheilungsprincip der Urtheile seyn mochte , so gibt es ein sehr 
sicheres Mittel, darüber ins Reine zu kommen: es ist, wie bei 
jeder einzuteilenden Classe von Gegenständen, so lange sie we- 
nigstens in rein wissenschaftlicher Absicht betrachtet werden, ihr 
Gattungsbegriff; nur bei einem speciellen Zwecke der Betrach- 
tung kann eine andere, untergeordnete Seite als die wesentliche 
hervortreten. Da nun der Gattungsbegriff des Urtheils einstim- 
mig dahin angenommen werden wird: dafs es die Aussage des 
inneren Verhältnisses zweier Vorstellungen sey, so kann das we- 
sentliche Eintheilungsprincip der Urtheile kein anderes seyn, als 
die Relation, An dieser allein zerfallen die Urtheile in ihre wirk- 
lichen Arten , die übrigen Sorten des Urtheils mögen dagegen 
blos zu Unterabtheilnngen dienen, um innerhalb der Hauptarten 
die verschiedenen Abänderungen des Urtheils zu unterscheiden. 

Ein dritter Hauptpunkt der Logik , welcher dringend einer 
Revision bedarf, ist die bisherige, ebenfalls wieder, und zwar 
noch ausnahmsloser als bei dem Urtheil, Kant nachgeschriebene 
Eintheiiung der Schlüsse; daher wir wiederum Kant zum 
stellvertretenden Gegenstande unserer Kritik der bisherigen Logik 
nehmen können. 



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Benecke und Zimmermann. 



Die bisherige Einteilung und Aufzählung der Schlösse ist 
unvollständig und mangelhaft, indem gerade die wichtigsten und 
fruchtbarsten Schlüsse, nämlich die auf den Verbältnissen der 
ürtheile beruhenden , noch gar nicht beachtet und dargestellt sind; 
wogegen die Logiker die einfacheren und unergiebigeren Elemen- 
tarschlüsse mit desto grofaerer Breite ausgesponnen haben und 
müßigen Hirngespinsten, wie den Soriten, und ähnlichen, dem 
wirklichen menschlichen Denken gänzlich fremden Künsteleien 
nachgegangen sind mit ungemeinem Aufwand von Spitzfindigkeit. 

Die bisherige Eintheilung der Schlüsse in unmittelbare und 
mittelbare ist übrigem, abgesehen von ihrer UnVollständigkeit, 
richtig. Unmittelbare Schlüsse sind solche, welche durch blofse 
Veränderung eines Urtheils entstehen , wobei sonach nur mit zwei 
Hauptbegrifien operirt wird, z. B. wenn alle speeifisch schwere» 
ren KSrper im Wasser untersinken, so wird dies auch bei die- 
sen und jenen eintreten. — Mittelbar nennt man dagegen den 
Schlufs, wo das Schlufsurtbeil durch Zwischenurtbeile vermittelt 
wird, z. B. das Gold sinkt im Wasser unter, weil es ein speei- 
fisch schwererer Horper ist, diese aber im Wasser sinken, Die 
zwei letzteren Ui theile treten gleichsam zwischen das Subjekt und 
Prädikat des ersteren vermittelnd ein; sie entstehen durch einen 
Mittelbegriff, welcher in dem einen mit dem Subjekte, in dem 
andern mit dem Prädikate in Verhältnis gesetzt wird und so das 
zu erschliefsende Verhältnis zwischen diesen beiden vermittelt 
In diesen mittelbaren Schlüssen wird mit drei Begriffen operirt , 
nämlich mit dem Subjekt und Prädikat des Scblufssatzes und dem 
Mittelbegriffe. Diese Zusammensetzung des mittelbaren Schlus- 
ses aus drei Hauptbegriffen, sowie die vermittelnde Stellung des 
Mittelbegriffs leuchtet am deutlichsten ein in der compendiösen 
Ausdrucksform des täglichen Lebens, so in unserem Beispiele: 
das Gold sinkt, als speeifisch schwererer Körper, im Wasser unter. 

Indem wir den Unterschied der unmittelbaren und mittelba- 
ren Schlüsse, welcher durch die einfache Abzahlung der Haupt- 
begrifTe, mit denen operirt wird, fixirt werden kann, anerkennen, 
können wir aber nun auf der andern Seite diesem Unterschied 
nicht die Wichtigkeit geben , wie manche Logiker nach dem Vor* 
gange Kants, dafs wir die unmittelbaren Schlüsse Verstandes-, 
die mittelbaren dagegen Vernunftschlüsse nennen und somit ein 
gedoppeltes Denkvermögen für beide unterscheiden mochten. 
Denn der mittelbare Schlufs ist wesentlich dieselbe Denkoperation, 
nur mit einer kleinen Complikatioo vermittelst des MittelbegrifTa ; 



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60 Logik von Tveiten , Bachmann, Troxler, 

so dafs er denn auch im täglichen Lehen meist in der Form des 
unmittelbaren ausgesprochen wird. 

Der unmittelbare Scblufs ist in der bisherigen Logik rich- 
tig eingeteilt; er entsteht durch die Veränderungen, welche an 
einem gegebenen Urtheile oder an dem gegebenen Verhältnisse 
zweier Hauptvorstellungen vorgenommen werden können ; diese 
aber sind so vielfach als das Urlheil Seiten hat, an welchen die- 
selben angebracht werden können. Es giebt demnach unmittel- 
bare Schlüsse durch veränderte Quantität , Qualität und Modali» 
tat. Was die Relation anbelangt , so kann kein Urtheil aus einem 
gegebenen prädikativen Verhältnisse in ein causales verwandelt 
werden, oder umgekehrt; es ist demnach kein Schlufs möglich 
von einer Art der Relation auf die andere, wodurch sich die 
Relation wiederum als das wesentlichere Eintheilungsprincip er- 
weist. Wohl aber kann bei dem prädikativen Urtheile durch 
Conversion und Contraposition aus dem gegebenen Verhältnisse 
des Subjekts zum Prädikate auf ein Verhältnifs des Prädikats als 
Subjekt zum Subjekte als Prädikat geschlossen werden; weil diese 
Urtheilsglieder in Identitätsverhältnifs stehen und sonnt bei ver- 
schiedener Ansicht ihre Rollen tauschen können , was bei Ursache 
und Wirkung nicht der Fall ist. . 

Ausser den genannten vier Arten von unmittelbaren Schlüs- 
sen, welche alle Veränderungen umfassen, welche mit dem ge- 
gebenen Verhältnisse zweier Hauptvorstellungen vorgenommen 
werden können, findet man in der bisherigen Logik zu den un- 
mittelbaren Schlüssen noch ferner gerechnet: die Gleichheits- 
schlüsse und die Schlüsse durch den Gegensatz. Letztere wer- 
den an die Schlüsse durch veränderte Qualität eines gegebenen 
Urtheils angeknüpft; ersterc dagegen als eine eigene Art aufge- 
führt , welche gemeiniglich die Reihe der unmittelbaren Schlüsse 
eröffnet. Man hätte schon an dem umfassenden Fortschritte des 
Denkens, welcher in diesen beiden Schlufs weisen liegt, abneh- 
men können, dafs sie nicht zu der einfachen, fest auf der Stelle 
des gegebenen Urtheils verweilenden , nnmittelbaren Schlufsweise 
gehören. Denn selbst die Gleichheitsschlüsse bilden einen sehr 
bedeutenden und ungemein häufig gebrauchten Fortschritt des 
Denkens: wenn z.B. ein und derselbe Gedanke, dadurch dafs er 
verschieden gewendet wird , sich von immer neuen Seiten auf- 
schliefst und sich gleichsam eben so oft für die Erkenntnifs ver- 
doppelt. Sodann war es, was die Schlüsse durch den Gegensatz 
anbelangt, nicht ohne Zwang möglich, sämmtlicbe Abänderungen 



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Bcncckc and Zimmermann. «I 

■ • 

derselben bei dem unmittelbaren Schlüsse durch veränderte Qua- 
lität einzureihen. Dieser läfst sich zwar als Schlufs durch den 
contradiktorischeo Gegensatz der Copula oder der Abfolge dar- 
stellen. Allein nun giebt es auch noch Schlüsse durch den con- 
tradih toriseben und endlich Schlüsse durch den conti aren Gegen- 
satz der Prädikate und Wirkungen, welche auf keinerlei Weise 
unter die blofse Veränderung der Qualität eingereiht werden 
können. 

Diese beiden Schlufsweisen durch die Gleichheit und den 
Gegensatz gehören oflenbar in die von der bisherigen Logik noch 
gar nicht dargestellte Abtheilung der Verhältnifsschlüsse. 

Der mittelbare Schlufs, welcher durch einen dritten, zwi- 
schen die Glieder des Schlußsatzes vermittelnd eintretenden , Be- 
griff entsteht, correspondirt der Zusammensetzung des Urtheils, 
wie die unmittelbaren Schlüsse den möglichen Abänderungen ei- 
nes einfachen Urtheils correspondiren; wie denn auch im täglichen 
Leben die mittelbaren Schlüsse durchweg als zusammengesetzte 
Urtheile ausgesprochen werden, z. B. Ca jus, als Mensch, ist 
sterblich. 

Der Gewinn an Fortschritt oder Begründung der Erkenntnifs 
durch den mittelbaren Schlufs ist ziemlich unbedeutend und ver- 
lohnt kaum die ungemeine Breite und Sorgfalt der Ausführung, 
welche diesem Theile der Logik noch jetzt gegeben wird. In- 
dessen hat diese Parthie der Logik auf der andern Seite wieder 
das Interessante, dafs sie, wenigstens was den sogenannten kate- 
gorischen Schlufs anbelangt, absolut im Reinen und abgeschlossen 
ist, und zwar gröfstentheils schon seit Aristoteles. Die Lehre 
vom kategorischen Schlufs darf sich, an Präcision und Notwen- 
digkeit der Darstellung , mit jeder Parthie der Mathematik mes- 
sen; denn nur Logiker, welche sich nicht die Mühe nehmen sie 
zu studiren oder muthwillig revolutioniren , werden versuchen , 
zu einer Darstellung , wie sie z. B. Twesten gegeben , noch ein 
Titelchen davon oder dazu zu thun 

Die Eintbeilung der mittelbaren Schlüsse, welche 
wiederum die Kantische geblieben ist , überbietet an Fehlern noch 
die Eintbeilung der Urtheile. 

Als die drei Arten der mittelbaren Schlüsse werden aufge- 
zählt: der kategorische, hypothetische und disjunktive. 

Das Eintheilungsprincip, wovon hiebei ausgegangen wird, ist 
die Relation. Schon hieran hätten die Logiker rückwärts abneh- 
men können , dafs dieselbe auch das Haupteinthcilungsprincip der 



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62 Logik von Twesten, Bachmann» Troxtor, 

ürtheile scyn mufs, indem bei der Verwandtschaft der Urtheüe 
and Schlüsse offenbar ein and derselbe Hauptunterschied durch 
beide gehen mufs; welchen die Logiker nur beim Schlüsse weni- 
ger verkennen konnten , als bei den Urtheilen , indem je ver- 
wickelter die Formen werden , desto mehr die Nebenunterschiede 
in den Hintergrund treten und die Hauptunterschiede durchgreifen. 

Dagegen machen die Logiker nun den grofsen Fehler, nur 
auf die Relation des Obersatzes zu sehen , während sie auf die 
durch den ganzen Schlufs hindurchgehende Relation hätten re- 
flectiren und fragen sollen : welches Verbältnifs zwischen den zwei 
Gliedern des Schlufssatzes wird durch den Mittelbegriff vermittelt? 

Wenn schon dieser Fehler nichts Gutes von der gebrauch, 
liehen Eintheilung der Schlüsse erwarten läTst, so wird dieses 
vorläufige Mifstrauen noch verstärkt durch einen Rückblick auf 
die Eintheilung der Urlheile. Nach Analogie der letztern werden 
wir vermuthen dürfen , einmal dafs die Titel der drei Schlufs- 
arten verfehlt und unpassend seyn werden, sodann aber, dafs es 
der Hauptarten des mittelbaren Schlusses nicht diei, sondern nur 
zwei geben wird, nämlich einen prädikativen und einen causa len. 
Die disjunktive Form wird wohl eben so wenig eine dritte Haupt- 
art des Schlusses seyn , als sie eine dritte Hauptart des Urtheils war. 

Beginnen wir mit einer Untersuchung der letzteren Vefmu- 
thnng: der angeblich disjunktive Mittelschlufs besteht darin, dafs 
von einer Alternative, welche im Obersatze von dem Subjekte 
prädicirt wird, im Untersatze das eine Glied gesetzt und somit 
im Schlufssatze das andere gelnugnet, oder aber im Untersatze 
das eine geläugnet und somit im Schlufssatze das andere gesetzt 
wird. Haben wir z. B. die Alternative: dieser Körper ist entwe- 
der fest oder flussig, so läfst sich der gedoppelte Schlufs bilden: 
nun ist er fest, also nicht flüssig, oder nun ist er nicht flussig, 
also fest. 

Diese disjunktive Schlufsweise kann schon darum keine be- 
sondere Art des mittelbaren Schlusses seyn, weil kein Mittclbe- 
griff vorhanden ist, sondern blos mit zwei Hauptbegriffen operirt 
wird, indem die Alternative des Obersatzes, welche nur für Ei- 
nen Begriff, nämlich für den Gattungsbegriff ihrer Glieder, zählt, 
sich nur in veränderter Form im Unter- und Schlufssatze wieder- 
holt. Eine nähere Betrachtung zeigt denn auch : dafs der dis- 
junktive Schlufs bereits, nur noch etwas richtiger, unter den 
unmittelbaren Schlüssen abgehandelt ist und somit von der bis- 
herigen Logik, welche sich durch die verschiedene Ausdrucks- 



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Beneclo und Zimmermann. f>3 

form täuschen Hefs, doppelt aufgeführt wird. Cr ist nämlich 
nichts anderes ats eine, überflussiger Weise durch den Obersatz 
vermehrte , Darstellung des unmittelbaren Schlusses vermittelst 
veränderter Qualität , wie solcher gemeiniglich zum Schlüsse ver- 
mittelst des Gegensatzes erweitert wird. Der modus ponens oder 
ponendo tollens ist die Folgerung aus der Wahrheit des einen 
yon zwei entgegengesetzten Urtheilen auf die Falschheit des an- 
dern ; der modus tollens oder tollendo ponens dagegen ist der 
Schlufs von der Falschheit des einen Gegensatzes auf die Wahr* 
heit des -andern. Letzterer Schlufs geht, was die Logiker bei 
dem disjunktiven Schlüsse anzumerken vergessen, nicht bei allen 
Gegensätzen an, nämlich nicht zwischen zwei universellen. 

Der Darstellung der einen Hauptart des mittelbaren Schlus- 
ses, des prädikativen, wenngleich unter dem falschen Titel det 
kategorischen, haben wir bereits die verdiente Gerechtigkeit wie- 
derfahren lassen. Er selbst zerfallt wieder nach der Stellung oder 
Relation des Mittelbegriffs zu den beiden SchluPsbegriften in die 
vier Figuren oder Unterarten; und diese nach den Abänderungen 
der Quantität und Qualität in verschiedene modos oder Modifika- 
tionen , wobei sich die verschiedene Dignität dieser Eintheilungs- 
prineipien noch einmal schlagend herausstellt. 

Die gewöhnliche Darstellung der andern Hauptart des mittel- 
baren Schlusses, des causalen , unter dem schiefen Titel des hy- 
pothetischen, ist dagegen leider wieder verfehlt and zwar wie- 
derum eine, wir mochten fast sagen gedankenlose, Wiederholung 
bereits abgehandelter, unmittelbarer Schlüsse. 

Der sogenannte hypothetische Vernunftschlufs hat zwei Ab- 
änderungen , 1) den modus ponens, %o von der Existenz der 
Ursache auf den Eintritt der Wirkung, und s) den modus tollens, 
wo von dem Nichtantritt der Wirkung auf die Nicbtexistenz der 
Ursache geschlossen wird; beidemal vorausgesetzt, dafs ein noth- 
wendiger und allgemein gültiger Causalzusammenhang vorhanden 
ist , der nun freilich nur in seltenen Fällen mit Sicherheit statu irt 
werden kann. 

Das Schema der schulgerechten. Darstellungsform des modus 
ponens ist: wenn A ist, so ist auch B: nun ist A, also ist auch 
B ; z. B. wenn die Sonne scheint , so wird es warm : nun aber 
scheint die Sonne, also wird es auch warm werden (wenn anders 
keine störenden Umstände dazwischen treten). Wenn dem ober- 
flächlichen Anschein nach hier ein Ober-, Unter* und Sehl ufssatz 
und somit ein mittelbarer Schlafs vorzuliegen scheint, so wird 



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64 Logik Ton Twetten, Bächmann, Troxlcr, Beneckc u. Zimmermann. 

diese Illusion doch sogleich schwinden, wenn man auf die Zahl 
der HauptbegrifFe reflektirt: denn deren sind es in der That nur 
zwei , A und B , Sonnenschein und Wärme. Wir haben somit 
nur einen unmittelbaren Schlufs vor uns , der auch als solcher 
vor Augen gestellt werden kann, wenn wir nur die für den Lo- 
giker ganz gleichgültige Aus drucks form verändern: da, wenn 
die Sonne scheint , es allgemein und nothwendig warm wird , so 
wird diese Wirkung auch im vorliegenden Falle eintreten. Zu- 
gleich springt nach dieser die Gedankenverbindung nicht ändern- 
den Veränderung, die Denk form hervor, unter welcher der mo- 
dus ponens anderweitig schon abgehandelt ist, nämlich als unmit- 
telbarer Schlufs durch Veränderung der Quantität oder Modalität. 
Denn der modus ponens ist nichts, als ein Schlufs von dem All- 
gemeinen auf das Besondere oder, wie er auch betrachtet wer- 
den kann, von der Noth wendigkeit auf die Wirklichkeit. 

Nach dieser Entdeckung wird sich zum voraus, der Analogie 
nach, vermuthen lassen, dafs der modus tollens auf einem un- 
mittelbaren Schlüsse durch veränderte Qualität oder vermittelst 
des negativen Gegensatzes beruhen wird und so ist es denn auch 
in der That. Sein Schema ist: Wenn A ist, so ist auch B: nun 
ist B nicht, also existirt auch A nicht; z. B. so lange die Sonne 
über dem Horizonte ist, ist es Tag: nun ist's aber nicht mehr 
Tag, also ist auch die Sonne nicht mehr über dem Horizonte 
(wenn anders keine totale Sonncnfinsternifs oder eine ganz ausser- 
ordentliche Wolkenbedeckung 'oder ein Londner Nebel eintritt). 
Der nervus probandi dieses Schusses liegt in dem Widerspruche, 
welcher zwischen der Position und Negation derselben Wirkung 
bei der Position der glcicl^en Ursache stattfinden würde. 

Übrigens giebt es nun wirklich einen mittelbaren causalen 
Schlufs, an welchen denn auch schon hin und wieder einige Lo- 
giker, z.B. Bachmann, gedacht haben, ohne ihm jedoch zu sei- 
nem Bechte als alleinigem Gegensatze des prädikativen Mittel- 
schlusses zu verhelfen. Er entsteht durch Angabe einer Mittel- 
ursache, ist übrigens wogen der unveränderlichen Belation der 
letzteren ganz einfacher Art oder Figur: z. B. wenn der Hund 
geschlagen wird, so schreit er, weil es ihm wehe thut, was leicht 
in einen Schlufs in Barbara wird auseinandergelegt werden können. 

(Der Bcschlufs folgt.) 



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N # .ö. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Logik von Tweslen, Bachmann, Troxler, Benecke ttnd 
A immermann* 

(Beichtuf:) 

Was nun die dritte, von den Logikern bis jetzt noch nicht 
dargestellte, Classe von Schlüssen, die Verhältnifsschlüsse, 
anbelangt, so ist es hier nicht der Ort dieselben zu entwickeln y 
und wir begnügen ans mit einer blofsen Aufzählung derselben. 

Die Urtheile stehen mit einander in verschiedenen , von der 
bisherigen Logik übrigens wiederum mangelhaft dargestellten, 
Verhältnissen. Vermittelst dieser Verhältnisse bann der schlies- 
sende Fortgang des Denkens von einem Urtheile auf ein anderes 
übergeben, während er in dem mittelbaren wie in dem unmittel- 
baren Schlüsse sich nur innerhalb des Umfangs Eines gegebenen 
Unheils bewegt, dort nämlich in blofsen Abänderungen, hier in 
einer Vermittlung desselben besteht. Durch diesen Übergang von 
einem Unheil auf das andere macht das Denken wesentlich gro- 
fsere und fruchtbarere Fortschritte ; wie denn auch in dem Bä- 
sonnement des täglichen Lebens und dem wissenschaftlichen Ge- 
dankengange der achliefsende Fortschritt im Grofsen jenen Ver- 
hältnissen der Urtheile untereinander nachgeht, und nur bei der 
Durcharbeitung im Kleinen, wenn er gleichsam stille steht um 
sich umzusehen und seine gemachten Fortschritte zu begründen , 
jene Eiementarschiüsse innerhalb einzelner, meist schon gefällter, 
Urtheile macht. 

Die Verhältnisse der Urtheile untereinander sind theils In- 
halts- theils Umfangs-Verhältnisse. In jener Beziehung sind die 
Urtheile entweder gleich, oder verschieden, oder schliefsen sie 
einander ein, wie das Ganze den Theil ; die verschiedenen Ur- 
theile aber zerfallen wieder in die absolut verschiedenen oder 
einstimmigen und in die verwandten oder entgegengesetzten. Die 
Schlüsse durch Gleichheit wie durch den Gegensatz der Urtheile 
sind in der bisherigen Logik bereits dargestellt; dagegen fehlen 
yon den auf Inhaltsverhältnissen gegründeten die Einstimmigkeit«- 
und die Einschliefungsschlüsse ; nur letztere werden hin und wie- 
der unter den Gleichheitsschlüssen beispielsweise aufgeführt. Da- 
hin gehurt z. B. folgendes von Bachmann zur Erläuterung des 
' XXX. Jahrg. 1. Heft. 5 



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66 Logik von Twisten, Bachmann, Troxler, Benecke u. Zimmermann. 

Gleicbheitsschlusses gebrauchte Beispiel : Der Meosch ist endlich, 
also beschränkt in seinen Erkenntnissen und Handlungen; also 
mannigfachem Irrthum biosgestellt u. s. w. Die Einstimmigkeits- 
schlüsse gehen auf die Möglichkeit des Zusammenbestehens ver- 
schiedener Urtheile und Sätze. 

Dem Umfange nach stehen die Urtheile in Subordinations- 
und Coordinationsverhältnissen. Hiervon bat die bisherige Logik 
blos das Subordinations verbal tnifs in Betracht genommen , oh n ge- 
achtet die Coordinationsverbältnisse der Urtheile gar nicht ohne 
logisches Moment sind ; auch hat sie blos die Subordination der 
Subjekte ins Äuge gefafst , während es ebensogut auch eine Sub- 
ordination der Prädikate, ja eine Subordination ganzer Urtheile gibt. 

Coordinirt sind Urtheile, welche sich zu einander verhalten 
wie Arten desselben Gatturigsurtheils, in welches sie denn auch 
-müssen zusammengefafst und wieder daraus abgeleitet werden 
können. Dieses kann nun aber auf dreifache Weise der Fall seyn 
und es findet also ein dreifaches Coordinationsverhältnifs zwischen 
Urtheilen statt, nämlich entweder zwischen den Urtheilen im Gan- 
zen , oder blos zwischen ihren Vordergliedern oder blos zwischen 
ihren Hintergliedern. Die eoordinirten Urtheile können, unge- 
achtet sie Gegensätze bilden, nicht nur nebeneinander bestehen, 
sondern setzen auch einander voraus als nothwendige Ergänzungs- 
glieder des gemeinsamen Gattungsurtheils , und es dient demnach 
das eine zur Auffindung, ja zur Erzeugung und Beleuchtung des 
andern. 

Das Subordinationsrerhältnifs der Urtheile gestattet den dop- 
pelten Schlufsgang : von dem Gattungsurtheile vorwärts auf die 
Arturtheile und von diesen wieder rückwärts auf das Gattungs- 
urtheil ; indem dieses dem Inhalte nach in jenen , dieselben aber 
wieder dem Umfange nach unter ihm begriffen sind. 

Durch Gleichheit und Gegensatz, wie durch Entwicklung des 
Eingeschlossenen, namentlich aber durch Subordination und Co- 
Ordination gliedert sich jeder geordnete Gedankengang im Grofsen; 
der schliefsende Fortgang nach diesen sich von selbst vollziehen* 
den Verhältnissen ist die bewegende Seele alles Gedankenfort- 
schritte, die immanente Methode alles wissenschaftlichen Denkens. 
Möchte demnach die Logik, statt der nutzlosen Fortspinnung der 
Soriten , sich bald mit Entwicklung dieser wichtigsten aller Schlufs- 
formen, der Verhältnifsschlusse , befassen. 

Fit eher in Basel. 



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Schriften über Irrenanstalten von Pinel , Nowok und Engelken. «1 



1) Scipion Pinel, TraiU eompltt du ngime »anitaire des alients ou Ma- 
nuel de» itablu—mtn» , gut leur »ont consaa tn. Avec dt» plancket ex- 
plicative», exe'cute'e» »ur le modele dt» tonttruetion» que Vadministration 
de» höpitaux a faxt ilever a la Salpetriere , d'apri» le» plan» de M. Hut)4. 
A Paria che: Mauprivez , iditeur, et ehe» Bittet, libraire. 18». gr. 4. 
VI und 32t Seiten. 

2) AXau» Nowak, Votizen über die Präger k, k Irrenanstalt und die Vtr~ 
ander ungen in derselben »eit dem Jahr 1830, nebst 2 über sieht st abellen 
und einigen Krankheitegtschickteu. Prag 1835. 8. 79 Seiten. 

3) Friedrich Engelken, die Privatirrenauttalt zu Oberntuland bei Bre- 
men. Mit 2 Steindrucktaftin. lirtmen 1835 bei J. G. //eyte. 8. 38 S. 

r 

Dafs abermals drei Schriften über Irrenanstalten erschienen 
find, nachdem in kurzer Frist sieben solcher in diesen Jahrbü- 
chern angezeigt worden waten, zeugt, ganz abgesehen von dem 
sehr verschiedenen Werth der einzelnen Schriften, von einem 
grofsen, weitverbreiteten Interesse, das sich glücklicherweise nicht 
nur in Büchern, sondern in den humansten Einrichtungen und 
Vorkehrungen kund gibt. 

Der Verf. von No. i , medecin surveillant an der Irrenabtheu 
long der Salpetriere und Sohn, aber nicht geistiger Erbe des 
hochverdienten Ph. Pinel , sagt selbst von seinem Buche I » 1' ordre 
des matieres et le titre des chapitres suflisent pour indiquer qu*un 
tel ou trage peot et re egalement consulte par le medecin , le ma- 
gist rat , le jure et par les families qui ont besoin d'un guido pour 
cette aflligeante infirmite.« Jeder Sachverständige wird schon 
wegen einer solchen vielseitigen Bestimmung eines und desselben 
Buches bedenklich werden. Einer höchst unvollständigen , zum 
Theil aus Ferrus entlehnten geschichtlichen Notiz über die Ver- 
besserung der französischen Irrenanstalten entlehnen wir nur den 
Umstand, dafs die ersten neuen Gebäude in der Salpetriere 1820 
aufgeführt wurden. Esquirols Ausspruch , dafs die Irrenanstalt 
selbst schon ein Heilmittel wäre , wird von dem Vf. dahin amen- 
dirt , dafs ohne zweckmässige Baueinrichtungen (construetions) 
und Verkeilung der Kranken die Behandlung der Seelenstörung 
unmöglich wäre. [Hierin geht der Verf. offenbar zu weit Gei- 
steskranke können ebensowohl in Privathäusern genesen als in gut 
organisirten , wenn auch nicht neu erbauten, Irrenanstalten, ob- 
wohl in der Regel die Behandlung in einer Anstalt der in einem 
Privatbause vorzuziehen ist und obwohl eine eigens zu ihrem 
Zweck erbaute Anstalt ceteris paribos günstigere Resultate liefern 
nnd auch nicht viel kostspieliger seyn wird, als eine, zu der ein 
altes ScWofs oder Kloster »kkommodirt werden raufste.] — Ohne 



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G8 Schriften übet Irrenanstalten 

weitere Erörterung gibt der Verf. in der Einleitung alt Grand* 
bestimmung einer Irrenanstalt an , dafs sie heilbare und unheilbare 
Kranke, höchstens 3 — 400 aufnehmen und in sechs, weiter unten 
anzuführende, ünterabtheilungen zerfallen soll. Die Grunde, 
warum die heilbaren nicht gänzlich von den unheilbaren getrennt 
werden sollen — ein Punkt, der jetzt zu den wichtigsten gehört 
— sind nirgends angegeben. 

Erster Abschnitt Über Lage und Bau. Die Zahl 
der beiden Geschlechter nimmt der Vf. gleich, jedes zu i5o an, 
[wodurch freilich manche Schwierigkeit beseitigt ist ; in den aller- 
meisten deutschen Anstalten würde aber dadurch auf der Frauen* 
seite viel disponibler Baum entstehen. Auch in England, Bel- 
gien, Italien, Spanien und Sicilien, welche der Verf. als Beleg 
für seine Meinung anfuhrt, mochte das Verhältnifs nicht so gleich 
seyn.] Für die Lage der Anstalt wird die Nähe einer grofsen 
Stadt, eine leichte, gegen Norden durch einen Hügel geschützte 
Anhöhe, sodann Wasser und endlich Sandboden gefordert, der 
nicht feucht sey und einen soliden Baugrund darbiete. Die Ge- 
bäude sollen gegen Osten gerichtet seyn , unter Anderm auch 
defswegen, weil alsdann der Scorbut [diese Schmach der fran- 
zosischen Irrenanstalten] seltener vorkomme. Für 3oo Kranke 
werden mindestens a5 Morgen Land gefordert [wohl zu wenig]. 
Die zweckmäTsige Vertheilung der Kranken , wie sie von seinem 
Vater empfohlen worden, hätten zwar alle Arzte anerkannt, aber 
keiner ausgeführt. Die Desportes'sche Eintheilung wird von dem 
Verf. sehr gerühmt und mit Vereinfachungen angenommen. Ge- 
gen die Strahlenform des Ferrus sehen und mancher andern Pro- 
jekte bemerkt der Verf. sehr richtig, dafs die damit bezweckte 
Aufsicht von einem Punkte aus eben so unausführbar als unnütz 
wäre. Gegen den Esquirol'schen , dem Verf. aus Löwenhayn's 
Schrift bekannt gewordenen, Plan führt er die allzu zahlreichen 
Unterabtheilungen an , sodann die Quadratform , wodurch die 
Kranken allzu isolirt würden und die Luit nicht frei genug durch- 
streichen könne, und endlich den wegen durchgebends einstocki- 
ger Gebäude erforderlichen enormen Hostenaufwand. Des Verfis 
eigener Plan ist dem von Desportes, wie er ihn in seinem Pro- 
gramme und sodann in den einzelnen Neubauten der Salpetriere 
und des Bicetre dargelegt hat , entnommen und durch Zeichnun- 
gen erläutert. Zwischen den parallel laufenden Gebäuden für 
die beiden Geschlechter befinden sich die für die gemeinschaft- 
lichen Raumbedüi fnisse , zuerst die Kapeile. Gottesdienst hält 



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von riot-1, Nowak und Engelken. 69 

der Verf., wenn die Kranken nach dem ärztlichen Ermessen zu- 
gelassen wurden , für heilsam. Zu beiden Seiten ist eine Pfört- 
nerswohnung ; folgt sodann nach der Seite zu der Saal der Auf- 
nahme für jedes Geschlecht. Noch weiter seitlich , auf jeder der 
beiden Tordern Ecken, ist eine Wohnung für den Chefs- und eine 
für den Hülfsarzt. Hinter der Kapelle ist das Verwaltungsgebäude 
mit Bureau, Magazinen, Wohnungen für Angestellte, Anspracbs- 
zimmer; hinter diesem ein Pavillon, im untern Stock mit gemein- 
schaftlichen Speisezimmern für das Wärterpersonale; im ohern 
mit einem Saal, der für Lektüre, Musik, Tanz und Unterhaltung 
der Kranken höherer Stände bestimmt ist. Oben im Betvedere 
befindet sich der eleve de garde. Folgt hierauf nach hinten die 
Küche und Pharmacie in einem Gebäude; hinter diesem das für 
Bäder, sodann das für die Lingerie und endlich das für die Wasch- 
anstalt und die Meierei , wovon die erste den weiblichen , die an- 
dere den männlichen Reconvalescenten zur Beschäftigung bestimmt 
ist. . Alle diese in der Mitte befindlichen Gebäude sind zwei- und 
dreistockig. Rechts und links ton diesen Gebäuden befinden sich 
auf jeder Seite 6 Abtheilungen. Die erste, die Infirmerie, be- 
steht aus zwei Sälen, jeder zu 6 Betten. Für Unreinliche schlägt 
der Verf. Betten mit einem konkaven Boden von Zink vor und 
erwähnt einer in der Salpetriere eingeführten Vorrichtung, wor- 
nacVi das aus Stroh bestehende Mittelstück der Matratze gewechselt 
wird. Die zweite Abtheilung ist für die Reconvalescenten, die dritte 
für die ruhigen Heilbaren und die \tc für die ruhigen Unheilbaren 
bestimmt. Die fünfte, für die unruhigen Unheilbaren, hat eine 
besondere Unterabtheilung für die Epileptischen. Diese Kranken 
schlafen sammtlich in Sälen. Jeder der beiden Säle einer Abiheilung 
fafst 14 Betten. Auf der einen Seite ist der Versammlungs- und 
Arbeits- , auf der andern der Speisesaal. Die sechste Abtheilung 
enthalt für die Tobsüchtigen einzelne Logen , deren hölzerne 
Zwischenwände auf steinernem Grunde ruhen. Die FufsbÖden, 
unter dem hölzernen ein steinerner, sind abhängig. Die Fenster 
sollen durch Gitter und Läden verwahrt seyn , aber keine Glas- 
scheiben besitzen. Die Logen bilden nur eine Reihe. Zu jeder 
Abtheilung gebort ein kleiner, etwas entfernt stehender Pavillon 
mit einigen Zellen zur schnellen Unterbringung ruhestörender 
Kranker. Ganz zuletzt befindet sich mit einem eigenen Ausgang 
nach aussen der Saal für die Todten und die Scctionen. Abtritte 
im Innern der Logen verwirft der Verf. Statt deren will er für 
die Nacht Leibstühle und zum Gebrauch am Tag Abtritte in der 



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Schriften aber Irrenanttalteo 



Mitte der Höfe [also im Freien], die durch da« Walser der eben, 
daselbst befindlichen Brunne» gereinigt werden. Die einzelnen 
Gebäude sind durch bedeckte Gallerieen verbunden. Für Luft- 
heizung gibt er eine voh Maupri vez verbesserte Methode an , wozu 
Zeichnungen auf der ersten Tafel gehören. Die Gebäude für die 
Irren sind durchgehends einstöckig. Unter denselben sind keine 
Keller, sondern nur Luftzuge angenommen. Die Kosten der Aus- 
führung sollen 1 Million, nach Desportes nur 600,000 Franken 
betragen. 

Zweiter Abschnitt. Beamte, Leitung, Hausordnung. 
Für den ärztlichen Dienst will der Verf. einen dirigirenden Ars*, 
einen Hulfsarzt, * interne und 4 externe Eleven, 3 Personen für 
die Apotheke. Er dringt auf uneingeschränkte Stellung des Arz- 
tes, besonders auch der Verwaltung gegenüber, will aber den 
agent comptable, welcher die obere Behörde in der Anstalt re- 
präsentiren soll , dem Arzte nicht untergeordnet wissen , sondern 
dafs beide sich wegen Vorschlagen zu neuen Anstellungen be- 
rat hen. [Gewifs ein höchst unpraktischer Vorschlag.] Den Ober- 
aufsehern räumt der Verf. sehr grofse Befugnisse, selbst die der 
Entlassung des untern Wärterpersonals ein. Jeder der 6 Männer- 
Abtheilungen soll ein Oberaufseher, jeder Weiberabtheilung eine 
Oberaufseherin vorstehen, und ausser den garicons und tilles de 
Services sollen noch drei Unteraufseher für jedes Geschlecht be- 
stimmt seyn. Zur obern Leitung will der Verf. eine nicht ärzt- 
liche , dem conseil general der Pariser Spitäler ähnliche Behörde. 
Dieser sehr verdienstvollen Stelle ist auch das vorliegende Buch 
zugeeignet In einem sehr dürftigen Überblick über die in der 
innern Leitung dieser Anstalten stattgehabten Verbesserungen ist 
nur die nähere , von dem ) ungern Pinel übrigens bereits anderswo 
mitgethcilte, Angabe der Umstände interessant, welche 179a vor- 
fielen , als der ältere Pinel im Bicetre die Ketten so vieler Un- 
glücklichen löste. Ks verdient gelesen zu werden, mit welchem 
Muthe und welcher Ausdauer dieser edle Menschenfreund sein in 
der damaligen Schreckenszeit nicht ungefährliches Vorhaben durch- 
führte , und wie gerade einer der von den Ketten befreiten Irren 
ihm später das Leben rettete, als eine Horde Unsinniger den 
menschenfreundlichen Arzt zur Laterne schleppen wollte. Dafs 
übrigens Ketten und andere Mifsbräuche noch jetzt in französi- 
schen Irrenanstalten fortbestehen , gibt der Verf. nach Ferrus an. 
In dem Kapitel über die Nahrungsmittel wird des altern Pinel 
grofse Sorgfalt zur Verbesserung der Kost im Bicetre, wie sie 



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von Pioel , Nuwük und fcogclkcu . 71 

dieser selbst erzählt, mitgetheilt. Dem anter den Irren der Sal- 
petriere verabreichten Wein wird das Aufhören des Skorbutes 
Bogeschrieben. Nach der dortigen, von dem Verf. für seine Mu- 
steranstalt angenommenen, äusserst wunderlichen Speiseordnung 
erhalten die Kranken des Morgens um 7 Uhr Brod , um 9 Uhr 
Suppe, um 10% Fleisch, Brod und Wein, um 2 Suppe, um 4 
Bohnen, Linsen, Pilaumen oder Käse. Eine ernste Buge aber 
verdient die ebenfalls in der Salpetriere bestehende und vom Vf. 
empfohlene Einrichtung, wornach sich die Kranken im Winter 
um 5, im Sommer um 7 Uhr schlafen legen, und um 6 Uhr im 
Winter, im Sommer um 5% Uhr aufstehen, sie also im Winter 1 3, 
sage dreisehn, im Sommer 10 Vi Stunden im Bette zubringen!! 
Efsgeschirr und Löffel will der Verf. von Holz und nur fSr die 
bettlägerigen Kranken und die Reconvalescenten von Zinn. Zur 
Auetheilung des Nachts soll sowohl Brod als die gewohnliche Ti- 
sane vorhanden seyn. Zum Lob der Beschäftigung citirt der Vf. 
abermals, eine Stelle seines Vaters. 36 Jahre aber waren nöthig, 
bis es von Worten zu Thaten kam, da erst im J. i835 ein Pachtgut 
für die genesenden Kranken des Bicetre angekauft ward. Belehrt 
durch den dortigen günstigen Erfolg will der Vf. ein hinreichend 
grofses Gebiet zur Beschäftigung für alle Klassen, selbst die Idio- 
ten, die empörend genug noch uberall [ein französisches überall] 
einer stupiden Unthätigkeit überlassen wären. Von den Zwangs- 
mitteln will der Verf. nur die Zwangsjacke, und diese nur auf 
kurze Zeit, gelten lassen. Den grofsten Werth legt er auf die 
Mittel, welche die Hausordnung darbietet, auf Isoiii ung, zweck- 
mäßige Behandlung, Milde, sodann auf die Douche. Alle andere 
Mittel, wie Sturzbäder , Drehrad , Drehstuhl, Drehbett, das Zwang- 
liegen (lemboitement) und der Zwangstuhl heifst der Vf. Folter- 
instrumente, würdig des i3ten [nach Löwenhayn des löten] Jahr- 
hunderts, <|ui placent ceux, qui ont encore le courage de s'en 
servir au dessous des insenses, qu'ils pretendent guerir ainsi. 
[Ref. glaubt, dafs solche Aussprüche mehr einer leichtfertigen 
Unwissenheit als einer groben Unverschämtheit zuzuschreiben sind.] 
In der Aufzählung der einzelnen Heilmittel folgt er gröfstentheils sei- 
nem Vater; so namentlich im Urtheil über die Aderlässe, die er übri- 
gens nicht unbedingt verwirft. Um dasselbe mit der pathologischen 
Ansicht von Gehirnreiz oder Entzündung in Einklang zu bringen, 
adoptirt er die Hypothese, dafs nicht der färbende, sondern der 
seröse Theil des Blutes das wirkliche Element der Beizung abgäbe. 
Parisets Methode, Melancholischen mit Blutandrang gegen den 



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71 Schriften über Irrennnsialten 

Kopf zwei Blutegel in die Nasenlöcher zu setzen, wird rühmend 
erwähnt. Bäder werden gebühiend gewürdigt, zumal in Verblö- 
dung mit der Douche, welche letztere man erst gegen das Ende 
des Bades und nur einige Minuten , nie aber während der Ab- 
nahme der Krankheit, anwenden soll. Beachtung verdient die 
zu oft vernachlässigte Bestimmung, dafs die Douche nur in Ge- 
genwart des Arztes angewandt werden dürfe. Von ihrem unge- 
eigneten Gebrauche können der Kopf sehr heftig , sympathisch 
auch der Magen, und zaraal die Lungen afficirt werden, wie aus 
Esquirols an sich selbst angestellten Versuchen bekannt ist. Nie 
soll man die Douche als Mittel zur Furcht gebrauchen. Vortreff, 
lieh sollen die von Pariset nach den Bädern angewandten trocke- 
nen Friktionen wirken. Äussere Ableitungsmittel werden im An- 
fang der Manie nicht gutgebeifsen. Ganz vorzüglich wird das 
Haarseil im Nacken beim Beginn der allgemeinen Lähmung [wohl 
mit Recht] gerühmt. Das Glüheisen soll besonders dann indicirt 
seyn, wenn nach den Anfällen der Manie oder Monomanie ein 
Ungewisser Zustand mit leichten Verstandesverwirrungen, Ver- 
nachlässigung der Reinlichkeit eintrete, sodann in den mit Hallu- 
cinationen, namentlich des Gehörs, verbundenen Seelenstörungen, 
wo es in i3 Fällen umal vollkommen geholfen haben soll. Die 
Gebörstäuschungen sollen von einer besondern Neurose der Ge- 
horwerkzeuge herrühren. Zu den allgemeinen Vorschriften rech- 
net der Verf. die Isolirung der Kranken, die Art der Beschrän- 
kung, zweckmässige Ernährung und Sorge für Reinhaltung der 
ersten Wege, frische Luft und den ganzen Tag über möglichst 
freie Bewegung, säuerliche, schleimige und erschlaffende Ge- 
tränke, die Benutzung jedes freien Augenblicks, um die Kranken 
zu ermuthigen oder zu beruhigen, die Entfernung schädlicher 
Eindrücke, die Unterdrückung etwaiger Aufwallungen, ein leich- 
tes Beruhigungsmittel bei Schlaflosigkeit , alle 2 Tage ein laues 
Bad. Des Verfs werth vollste Vorschriften besteben darin, dafs 
man von Zeit zu Zeit mit den Arzneimitteln aussetzen und der 
Heilkraft der Natur vertrauen soll »devant le constant et raer- 
veilleux privilege de l'organisme, l'observateur a le couiage de 
savoir nc rien faire. « Bei Melancholischen , wo durch einen 
Schwäcbezustand die Verirrung unterhalten wird , räth er China 
und Opium ; in der Verstopfung und Empfindlichkeit des Darm, 
hanals, welche der periodischen Manie vorangeben, reichliche 
Getränke von einer Cichorienabkochung mit einem Sali*. Diese 
und andere schleimige, oder säuerliche oder mit Zucker versetzte 



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▼OU Pinel , Nowak und Engclkcn. 18 

t 

C ntrn'nLp 0 in« P pr«tf»n»hUnr>V»iino Mnl Ii An T imAnirlo f*tn hält 
utirüuhü , eine uti »itiittUButiiuii^ , xuuinvn | ijimuiiaut tric. naiv 

er för sehr wichtig, zumal weil dadurch die Wirkung der Bader 
unterstützt werde. Die Anwendung so vieler Arzneimittel wird 
getadelt Am Schlüsse spricht er als von zwei wesentlichen 
Punkten: i) von den kritischen Bewegungen des Organismus in 
der Seelenstörung , die viel sichtbarer als in andern Krankheiten 
wären und die auf die mannigfaltigste Weise, besonders aber als 
stinkende Schweifse , schaumichter Speichelilufs , als Hautaus- 
schläge , A bscesse und Diarrhöen aufträten, wozu er bemerkt, 
dafs nach einer auf solche Weise erfolgten Heilung kein Becidiv 
mehr einträte; a) von den in dieser Krankheit stattfindenden Ver- 
änderungen, welche zuerst von Foville und Pinel -Grandebarops 
and dann von Calmeil und ihm selbst einer nähern Beobachtung 
unterworfen worden wären. Die rothe Färbung des Gehirns ent- 
spricht den Symptomen von Tobsucht. Im Blödsinn sind nur 
einzelne marmorirte Flecken auf demselben zu sehen ; die graue 
Substanz ist entfärbt, wird weifs; das Gehirn hart. Die merk- 
würdigste Erscheinung bei der Manie oder Tobsucht ist die rothe 
und violette Färbung der mittlem Lage der grauen Substanz. 
Mit der Fortdauer der Krankheit wird sie weich, verliert ihre 
Farbe, verwandelt sich in einen Brei oder wird hart. In dieser 
Lage ist der Sitz der intellektuellen Exaltationen. Die Marksub- 
stanz wird livid, braun, bisweilen gelb, erhält schwarze Flechen, 
Ekchymosen. Häufig sind bei Gehirnreizung die Markfibern zer- 
stört Je nach dem verschiedenen Grade der Beizung gibt es 
eine ceVebrie (so nennt der Verf. die $eelenstorung zum Unter- 
schied von cerebrite) aigue, sur-aigue und sous-aigue. Immer 
ist es eine blutige Injektion der Kapillargefafse im Gehirn, welche 
die Symptome der Tobsucht bedingt. Der akute Blödsinn ent- 
steht von Serosität oder Ödem des Gehirns und wird am besten 
.durch Drastika in grofsen Gaben und durch Diuretika geheilt. 
Den Übergang zu den chronischen SeelenstöYungen bildet die 
periodische Manie, die in Beziehung auf die ihr zu Grund liegende 
Gehirnrerletzung und auf ihre Behandlung der akuten Manie ana- 
log ist. Zu den chronischen Übeln dieser Art gehört der Blöd- 
sinn , die Irobecillität, die allgemeine Lähmung und der Idiotism. 
Hier finden sich die bedeutendsten Gehirnverletzungen. — In 
dem Kapitel über regime moral wird als erster und heilsamster 
Eindruck der Anblick und die innere Einrichtung der Anstalt 
genannt. Der Verf. schildert hier die woblthätigen Folgen der 
Isolirung, der uneingeschränkten Gewalt des Arztes und der K'as- 



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U Schriften über Irrenanstalten 

sificirung der Irren. Bekannt Ut gleichfalls, meist aus seines 
Täters Buch, das über moralische Behandlung und Hausordnung 
Gesagte. — In einem wettern Kapitel spricht er von PrivatanstaL 
ten, beklagt es, dafs , wie keine öffentliche, so auch keine Pri- 
vatanstalt zu ihrem Zweck neu erbaut worden wäre [wobei es 
nur schwer abzusehen ist, warum der Verf. die Estjuirolsche 
nicht dafür gelten lassen will; denn der Vorwurf, dafs diese 
nach einem allzu engen Plan ausgeführt wäre und die nöthigen 
Unterabtheilungen nicht gestatte , scheint wohl unbegründet, stufst 
jedenfalls die Thalsache nicht um, dafs jenes Pri?atinstitut su sei- 
nem Zwecke fast ganz neu errichtet worden ist und am wenigsten 
sollte sich ein solcher homuncio berufen fühlen y das Werk eines 
Meisters zu bekriteln.] Bei dieser Gelegenheit erwähnt der Verf. 
der übrigen Pariser Prirat-Irrenanstalten, der von Falret und Voisin 
bei Van v es , deren Gebäude alt, allzu nah bei einander und deren 
Hofe eng wären; der maison de Montmartre, die reine Luft, 
eine herrliche Aussicht, aber keine Gärten besitze und keine Ab- 
theilungen zulasse; der des D. Pressat im Faubourg SL Antoine ' 
und der des D. Belbomme, rue de Charonne. Bücksicbtlich der 
Lage macht der Vf. dieselben Forderungen, wie für seine grofse 
Anstalt; ebenso mufatis mutandis rucksichtlich der Stellung der 
einzelnen Gebäude ; sie soll für 70 heilbare und unheilbare Kranke 
beiderlei Geschlechts bestimmt seyn. 

Dritter Abschnitt. Psychisch gerichtliche Medicin. 
Die Zeichen des Wahnsinns und seiner Formen gibt der Verf. 
nach Chambeyron an , den^ Idiot ism theilt er ein in abrutissement, 
stupiditc, betise. In der ersten Form stehen die Geisteskräfte 
unter denen einer Auster; in der letzten findet sich die Fähig* 
keit der Sprache; hierauf folgt die imbecillite, sodann die de- 
xnence. Diese 5 Klassen sind unheilbar. In die sechste gehört 
die Monomanie und zwar die eigentliche , sodann die mit Neigung 
zum Selbst- oder Menschenmord. Die ebenfalls hierher su rech- 
nenden Hallucinationen zerfallen in Täuschungen äusserer und 
innerer Wahrnehmungen. Die siebente Form ist die Manie, 
Wuth , allgemeines Delirium. Als achte fuhrt der Verf. deraison- 
nement auf, einen Mittelzustand zwischen Wahnsinn und Vernunft, 
wo die Tausende von Ideen, die durch den Kopf gehen, nicht 
zurückgehalten werden, z. B. im Rausch. Unter JSo. 9 steht merk- 
würdigerweise die Vernunft ! — Zu den Ursachen des vorüber- 
gehenden Wahnsinns rechnet der Verf. die Trunkenheit, gewisse 
Arzneimittel, plötzliche Leidenschaften und, wie in der meningitis 



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von Pincl , Nowak and Engelkeo 15 

und Epilepsie, eine krankhafte Reizung der Peripherie des Ge- 
turnt. Ein ausführlich aus der Gazette des tribunaux mitgeteil- 
ter Fall, zum Beleg für die heftigen Wirhungen der Liebe als 
Leidenschaft , ist besonders defswegen merkwürdig , weil hier in 
einem wirklich, zweifelhaften Falle Freisprechung erfolgte , wäh* 
read sonst in Frankreich Seelengestorte , über deren Unzurech- 
nungsfähigkeit kein Zweifel obwalten konnte, zum Tode verur- 
theilt wurden. Auch wird hier von den Zwischenzustanden zwi- 
schen Schlaf und Wachen f vom Somnambulismus gesprochen und 
in all den hier angeführten Zuständen die Unzurechnungsfähigkeit 
als erwiesen angenommen , aber nirgends deren nähere Merkmale 
angegeben. Nur darauf macht der Verf. sehr aufmerksam , ob 
diese Zustände wahr oder nur vorgeschützt seyen , und kömmt 
bei dieser Gelegenheit auch auf den simulirten, verborgen gehal- 
tenen oder angeschuldigten Wahnsinn zu reden. Nach Marc gibt 
er hiefür folgende Verhaltungsregeln r man forsche nach den Mo- 
tiven einer in Untersuchung gekommenen Handlung; man er- 
mittle, zu welcher Form von Seelenstörung die vorhandenen Zei- 
chen gehören; ob die körperlichen Erscheinungen der geistigen 
Störung entsprechen ; wann die Seelenstörung begonnen hat ; man 
wende bei solchen Untersuchungen Milde an. Am meisten spricht 
für vorhandene Geisteskrankheit die Anlage der Erblichkeit und 
des Temperaments, die Lebensweise, die Erziehung, der Einflufs 
des Klima. Vorzugsweise sind die Umstände zu beachten, welche 
dem Verlust der Vernunft vorausgingen oder ihn begleiteten. Bei 
dem simulirten Wahnsinn fehlen die Vorläufer. Zur Erkenntnifs 
der Monomanie homicide ist eine sehr lange Einschliefsung des 
Subjektes und eine von ihm nicht bemerkte Beobachtung nöthig. 
[Unter vielem Spreu zwei werth volle Bemerkungen.] Ist diese 
Krankheit wirklich vorhanden , so bemerke man eine ausserordent- 
liche Aufregung [die übrigens mit der unten erwähnten Ruhe nicht 
recht harmoniren will], Ruthe im Gesicht, funkelnde Augen und 
vielleicht auch, wie beim Selbstmord , erhöhte Temperatur in den 
Hypochondrien. Frauen seyen diesem Uebel mehr unterworfen, 
hauptsachlich während der Menses und der Schwangerschaft. End. 
lieh sollen die Beweggründe maafsgebend seyn. Bei dem Ver- 
brecher sey immer ein persönliches Interesse mit im Spiel. Wo 
der Mord von Diebstahl begleitet sey, fehle der Wahnsinn. Hier 
ist noch von wahrer und falscher Nostalgie , Ekstase und Dämo- 
nomanie die Rede; vom Simuliren der Stummheit und derJCon- 
vulsionen. Der Blödsinn soll nie periodische Anfalle bilden. Rich- 



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76 Schriften über Irrenanstalten 

tiger scheint dem Ref. die Vorsichtsmaßregel , daft man -Sich in 
Benrtheilung der Geisteskräfte durch Taubheit, Stottern und 
Gliederzucken nicht soll täuschen lassen. — In einem zweiten, 
* Straf barkeit und Unvernunft« überschriebenen Kapitel gibt der " 
Verf. auf 35 Quartseiten die von Georget erzählten Processe des 
Leger und Papavoine. Nach Esquirol nimmt er von der Mono- 
manie bomicide zwei Formen an. In der einen liegt dem Mord 
eine tief begründete, falsche Vorstellung, ein bestimmtes aber fal- 
sches Räsonnement zu Grund; in dem andern folgt er aus einem 
blinden Instinkte. Der Verf. eifert gegen die Vei ui theilung sol- 
cher Kranben, und glaubt, sie wurde nicht vorkommen, wenn 
man wüfste, dafs das Gehirn der Sitz des Erkenntnifs Vermögens 
und der Neigungen (intelligence et penchans) ist und dafs jedes 
dieser Vermögen unabhängig vom andern erkranken kann. Man 
müsse eine Art monora. bomicide anerkennen, in der sich durch- 
aus keine Unordnung in den Ideen wahrnehmeu lasse, wo der 
Morder durch einen fremden Impuls hingerissen werde und ihn 
gegen seinen Willen handeln liefse. Verschieden hiervon sey ein 
gewisser habitueller Mordtrieb, ein wahrer Blutdurst. Solohe 
Menschenfresser, von denen einige, glücklicherweise seltene, Bei- 
spiele erzählt werden, sollen lebenslänglich eingeschlossen aber 
nicht hingerichtet werden. Merkmale der monom. homicide seyen, 
dafs Mitschuldige fehlten, dafs der Mord gerade an den theuer- 
sten Personen begangen wurde, dafs nach demselben der Thäter 
ruhig sey , den Folgen nicht zu entgehen suche. Der Verf. will 
die Wirkung einer Leidenschaft oder einer idee delirante von der 
monomanie homicide geschieden wissen , und stimmt Georgets 
Urtheil bei, dafs Feldtmann nicht wohnsinnig gewesen sey, doch 
will er gewisse Leidenschaften als Milderungsgrunde angesehen 
wissen. Die Schlufssätze der 60 Quartse'iten grofsen Abhandlung 
sind: es gibt Neigungen zum Mord, Diebstahl und Feuereinlegen, 
welche wahre Seelenstorungen sind ; es gibt andere , welche aus 
einer angeblichen Verirrung, aus einem leidenschaftlichen Deli- 
rium entstanden sind , welche nur als Milderungs- und nicht als 
nechtfertigungsgrunde angesehen werden dürfen. Im ersten Fall 
ist lebenslängliche Einsperrung im Irrenhause, im zweiten dieselbe 
in einer Strafanstalt nGthig. Als Amendement für den Art. 64 des 
code^penal, nach welchem nur demence Straflosigkeit begründet, 
schlägt der. Verf. vor, dafs auch die monomanie daselbst aufge- 
führt werde. Die Art der Festnehmung dieser Kranken und ih- 
res Transportes wird nach Ferrus angegeben; von den bezüglich 



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von Pinel, Nowak and Kngelken 17 

der Isolirung dieser Kranken bestehenden und mangelnden Ge- 
setzen Georgets und Calmeils An/icbt angeführt. Von den Irren 
in Charenton mufs der dirigirende Arzt oin Jahr nach ihrer Auf- 
nahme ein Certifiltat über den Krankheitszustand ausstellen. Wird 
dieser für unheilbar erklärt, so wird der Staatsanwalt ersucht, 
die Entmündigung einzuleiten. Erfolgt diese nicht 18 Monate 
nach der Aufnahme, so wird der Kranke entlassen. Wo nach 
dem ersten Jahre noch Hoffnung zur Heilung vorbanden ist, wird 
ein zweites abgewartet. Zur Abwendung von Mißbrauchen wer- 
den in Paris die Privatirrenanstalten vom Polizeipräfekten und 
Staatsanwalt, und die öffentlichen überdies von dem Hospital- 
Administratioos-Conseil beaufsichtigt. Der Code civil läfst unter 
den Formen, welche die Entmündigung nöthig machen, die ha- 
bituell gewordene imbecillite' , dcmence und fureur gelten , selbst 
wenn freie Zwischenzeiten vorhanden sind , während im code penal 
nur die demence aufgeführt ist. Mit Recht wird die mündliche 
Vernehmung vor dem Richter, welche der Entmündigung voraus- 
geben mufs, als unsicher verworfen. Auch Zeugenaussagen rei- 
chen hier nicht aus ; es wird das Zeugnifs sachverständiger Ärzte 
▼erlangt. Der Verf. hält die Entscheidung bei der Melancholie 
für die schwierigste. Zu den entschieden unheilbaren Formen 
rechnet er ausser dem Idiotism, der Epilepsie, der Imbecillitat , 
dem Blödsinn, der allgemeinen und partiellen Lähmung, merk- 
würdigerweise auch die Monomanie von Aberglauben und Grüfte 
und die Melancholie. Die Geistesverwirrung , welche häufig den 
apoplek tischen Anfällen vorhergeht, bildet, ebenso wie die Alters- 
schwäche, einen Grund zur Entmündigung. Der Verf. will nach 
den verschiedenen Graden der Seelenstörung eine vollständige 
oder beschränkte, jährlich sich erneuernde Entmündigung. — 
In dem letzten, »principes de legislation pour les alienes«, über- 
schriebenen Kapitel dringt er darauf, dafs die Rechte der mit jeder 
bedeutenden geistigen Entwicklung zunehmenden Zahl von Geistes- 
kranken gewahrt und ihre Mitmenschen sicher vor ihnen gestellt 
würden. Er verlangt zur Aufnahme in eine Anstalt das Zeugnifs 
zweier Ärzte und die Ermächtigung der Polizeistelle, wie dies bereits 
in Paris der Fall ist. Eine authentische Krankheitserklärung soll auch 
die Entmündigung in sich schliefsen und diese mit der Heilung und 
Entlassung wieder aufhören. [Ref. bat, um die mit der Entmün- 
digung der Irren verbundene odiose Publicität zu umgehen, einen 
ähnlichen Vorschlag vorbereitet.] Die ersten Spuren einer Seelen- 
stSrnng sollen der Polizeistelle angezeigt und von dieser zwei 



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98 S«fcriftenlftler Irrenanstalten 

Arzte zur Untersuchung abgeschickt werden. Wird der Kranke 
als wahnsinnig erklärt , so müsse seine Abführung in die Irren- 
anstalt erfolgen, es sey denn, dafs die Familie ihn zu Hause be- 
halten wolle und dazu das geeignete Lokale besitze. [Bemerkun- 
gen , die wohl gutgemeint sind , aber allzusehr in die Rechte der 
Familien eingreifen mochten.] Dem von Breton entworfenen, 
Ton Ferrus mitgetheilten Gesetzesentwurf über Entmündigung und 
Entmündigte löTst der Verf. die für öffentliche und Privatanstal- 
ten von Staatswegen zu treffenden Maßregeln folgen, woraus 
Ref. nur den seltsamen Vorschlag hervorhebt, dafs Ärzte nie Ei- 
gentümer der letztern seyn durften, weil ihnen dadurch zu viel- 
Gewalt eingeräumt wurde. Zur Beschränkung der Zahl der Gei- 
steskranken macht er folgenden [bei unsern Juristen schwerlich 
Beifall erndtenden] Gesetzesvorschlag: Pendant 60 ans a partir 
des presentes nul individu ne pourra contracler mariage s'il est 
sujet a l'alienation mentale ou a lepilepsie : le mariage sera nol , 
• il est ne de parens dont l'alicnation mentale ou Pepilepsie pour- 
ront etre constatees. c Er motivirt denselben mit den Gefahren 
der Erblichkeit dieser Krankheit und der grofsen Irrenzahl der 
jetzigen Zeit. Die Julirevolution allein habe, nur was er wisse, 
mehr als 35o Menschen verrückt gemacht. England sey das ei- 
gentliche Land des Wahnsinns, doch hält er Fodere's Angabo 
von 32000 Irren in Frankreich nicht für übertrieben. Weniger 
und mehr nur religiöser und verliebter Wahnsinn komme in Ita- 
lien vor; in den Gegenden des Nordens [wozu die Franzosen be- 
kanntlich auch Deutschland zählen] entstünden aus der Unwissen- 
heit des Mittelalters vielfache Damonomanieen , der Vampirism 
und jede Art von Aberglauben. 

Ref. hat sich die Mühe nicht verdriefsen lassen, das Wesent- 
liche, wofern solches vorhanden war, aus diesem voluminösen 
Buche hervorzuheben. Am schwierigsten war dies in dem Ab- 
schnitt über die Zurechnungsfahigkeit , in welchem der Mangel 
aller logischen Ordnung nur von der Oberflächlichkeit der Be- 
arbeitung ubertroffen wurde. Erleichtert war dem Ref. diese 
Arbeit freilich dadurch , dafs so vieles schon aus andern Schriften 
bekannt ist. Mit kindlicher Ehrfurcht schreibt der Verf. seines 
Vaters Buch zu einem guten Drittheile ab, aber dieselbe Pietät 
übt er auch gegen andere Schriftsteller aus. Von Deutschland 
und deutscher Literatur läuft nur das unter, was ihm aus Löwen- 
hayns Machwerk bekannt geworden ist Ausgesöhnt wird man 
etwas durch den vielfach hindurchblickenden guten Willen und 



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durch die YV arme , nrn weicnen uer vert. menrere tur das uren- 
wohl wichtige Punkte geltend zu machen sacht und womit er, 
wie Ref. wünscht and hofft, auch manchen Nutzen stiften wird. 
Dafs aber aas der sogenannten Hauptstadt der Civilisation kurz 
hintereinander zwei Werke erscheinen, die wie das vorliegende 
and das von Ferrus (vgl. das 3te Heft Jahrg. i836 dieser Jahrbb.) 
den billigsten Anforderungen so wenig entsprechen , reranlafst 
vielleicht Esquirol , die Ehre seiner Landslente zu retten and die 
Erwartungen endlich zu befriedigen , die er durch seine bisheri- 
gen Mittheilungen rege gemacht hat. 

Der Verf. von No. 2, zweiter Arzt der Prager Irrenanstalt, 
gibt hier eine Fortsetzung der vor 5 Jahren erschienenen Schrift 
von Dr. Riedel: »Prags Irrenanstalt und ihre Leistungen in den 
Jahren 1627, 1828 u. 1820« Prag i83o. « Die hier vorliegende 
ist dem verdienstvollen Primarärzte dieser Anstalt, D. Rilke, dedicirL 
Die im Eingang befindliche Bemerkung des Vfs, dafs Prags Irren- 
anstatt den jetzigen Anforderungen an solche Institute , die er übri- 
gens mit Amelung zu hoch gestellt findet , nicht wobl entsprechen 
könne, weil sie keine neue zu ihrem Zwecke besonders erbaute und 
eingerichtete Anstalt ist, veranlagte einen Ree. im letzen Marzhefte 
der AI Ig. med. Zeitung, Birds würdigen Zögling, wenn es dieser 
Meister nicht selber ist, gegen den Neubau von Irrenanstalten und 
gegen die Ärzte zu eifern, welche ihre Bucher mit pallastähnlichen, 
idealen Aufrissen ausschmückten , wofiir kein deutscher Staat Geld 
besitze etc., von welchem Allem, beiläufig gesagt, nichts wahr 
ist, weil solche Bucher — in Deutschland wenigstens — gar nicht 
ezistiren und weil es in deutschen Staaten , in kleinen wie in gro- 
fsen , wirklich weder am Geld noch am guten Willen für diese 
wichtige Angelegenheit fehlt. Alles wohl erwogen, kommt der 
Neubau nicht viel hoher , ja oft nicht einmal so hoch zu stehen , 
als die Herrichtung alter Gebäude, wie niedrig hier auch die 
ersten Kostenuberschläge lauten. Wer sich hierin Erfahrung 
erwerben konnte, weifs, dafs man in den alten Hausern nie mit 
den Verbesserungen, wohl aber mit grofsen Summen fertig wird. 
Man frage einmal, was z. B. auf die Siegburger und die erst vor 
wenig Jahren errichtete Winnenthaler Anstalt schon verwendet 
worden ist, was man künftig noch darauf verwenden mochte und 
welche Nachtheile auch dann noch übrig bleiben , schon wegen 
so mancher unabänderlicher Lokal Verhältnisse , and man wird 
nicht ferner versucht seyn , die Wohlfeilheit dieser Hergänge allzu 

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80 Schriften über Irrenanstalten von Pinel , Nowak and Engelken. 

sehr anzupreisen. Von dem segenvollen Wirken der beiden ge- 
nannten Anstalten ist übrigens Niemand inniger überzeugt als Ref. y 
der sie beide, aus mehrmaliger Anschauung kennt und mehr alt 
einmal empfohlen hat. Wenn aber die beiden dortigen Ärzte 
unter beengten Verhältnissen schon so Treffliches leisten, was 
liefse sich von ihren Bemühungen in einer neuen md zweckmäfsi- 
gen Irrenanstalt erwarten ! Dafs der vorhin erwähnte Recensent 
alten Gebäuden darum den Vorzug gibt, weil die Neubaue oft 
mifsriethen , war dem lief, nur um defswillen interessant, weil 
derselbe Unsinn von einem andern Recensenten in Schmidts Jahrbb. 
schon einmal ausgesprochen worden ist. Immer ist es eine un- 
erfreuliche Erscheinung, wenn Ärzte mit Hintansetzung ihrer 
natürlichen Pflicht die Errichtung neuer Irrenanstalten für über- 
flüssig erklären , während sie gewifs den Bau anderer Spitäler als 
preiswürdig anerkennen und aus den da und dort sich erhebenden 
neuen Kasernen , Schauspielhäusern , Gemäldegallerieen etc. doch 
wohl folgern dürfen , dafs es an Geld zu edlern Zwecken nicht 
fehlen könne. In allen menschlich fühlenden Gemüthern nimmt 
die Sorge für Irren, je hilfsbedürftiger sie sind, eine um so 
höhere Stelle ein, und gerade die deutschen Staaten lassen sich, 
wie in mancher andern, so auch in dieser Pflicht edler Mensch- 
lichkeit, von keinem Reiche der Welt überbieten. Neu gebaut 
wurde schon eine Irrenanstalt , die Sachsenberger unter Dr. Flem- 
ming, in Mecklenburg-Schwerin und eine andere, die Marsberger 
unter Dr. Buer, in der preufsischen Provinz Westphalen; neu 
gebaut wird eben jetzt eine dritte im bayrischen Rezatkreise bei 
Erlangen, eine vierte, wie Ref. versichert worden ist, in der 
preufsischen Provinz Sachsen, und eine fünfte endlich im Grofs- 
herzogthum Baden, bei Achern, eine für mehr als 400 Kranke 
bestimmte, vereinigte Heil- und Pflegeanstalt, welche durch die 
herrliche Gegend und durch die mit vieler Sorgfalt entworfenen 
Plane bereits überall die lebendigste Theiinahme erregt bat. 

(Der Beichlufs fol^t.) * 



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N°. 6. HEIDELBERGER 1837 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Schriften über Irrenamialten von Pinel, Nowak u. Engelken. 

b ( Bachlufi.) 

Auf eine zwec&mäfsige Weise wurde, wie der Verf. berich- 
tet , der Raum der Prager Irrenanstalt erweitert durch Zimmer 
für Kranke aus hohem Ständen, für Genesende, durch ein Ge- 
sellschaftszimmer mit einem Billard und einer Hausbibliothek, 
durch ein eigenes Arbeitszimmer. Mehrere der mit Ziegeln ge- 
pflasterten Corridore wurden mit Quadersteinen ausgelegt; meh- 
rere Gärten acquirirt, so dafs die Anstalt deren jetzt sechs zählt, 
einer mit schonen Anlagen und einem Sommerhaus ausgestattet, 
und der Plan dazti sowie die Ausfuhrung von Geisteskranken 
besorgt. Die der Anstalt gehörigen seither nur zur Hälfte von 
Geisteskranken bestellten Felder werden nun ganz von ihnen be- 
arbeitet. Die pünktliche Handhabung der Hausordnung wird 
hauptsächlich durch Strenge gegen das Dienstpersonale und durch 
milde Behandlung der Kranken erreicht. Hier stehen die Kran« 
ken des Sommers um halb 5 Uhr, des Winters um 6 Uhr auf 
und legen sich auch im Winter erst um o, Uhr zu Bett , was Ref. 
für einen grofsen Vorzug der Prager vor vielen öffentlichen Irren-' 
anstalten hält. Morgen- und Tischgebete werden gesprochen , den 
meisten Kranken gewöhnliche Bestecke verabreicht. Vor und nach 
dem Abendessen und zumal an Sonn- und Feiertagen wird die 
Zeit mit Musik ausgefüllt , an den letzten Tagen auch die Erlaub- 
nifs zu Besuchen bei den Kranken ertheilt, kleine Feste gehalten. 
Die Anwendung der Zwangsmittel wird immer seltener. Schläge 
bleiben , trotz Amelungs neuerlicher Empfehlung , verbannt. [Dies 
gewifs mit Recht; nur kann es Bef., obwohl er selbst einen klei- 
nen Apparat von Zwangsmitteln möglichst sielten gebraucht, für 
keinen Vorzug erklären, dafs der Zwangstuhl nie in Anwendung 
kommen soll, durch welchen die Anwendung so mancher anderer 
Mittel erst möglich gemacht und ein so mächtiger und beilsamer 
Eindruck hervorgerufen wird. Viel wird in der Prager Irrenanstalt, 
trotz der Abmahnung unverständiger Ärzte, auf Beschäftigung 
gehalten und der in Gärten und Feld die erste Stelle eingeräumt. 
Überdies ist verschiedenen Handwerkern, wie Schustern, Schnei- 
dern , Tischlern , Zimroerleuten und Maurern Gelegenheit zur Ar- 
XXX. Jahrg. 1. Heft. . 6 



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beit gegeben ; andere werden durch verschiedene hausliche Ar- 
beiten , durch das Kleinmachen des Brennholzes, das Umzupfen 
der Matratzen, Gebildete durch Musik, Lektüre, manchfacbe 
Verstandesübungen, durch Zeichnen, die Frauen überdies mit 
Nähen, Stricken etc. beschäftigt. Mit Erfolg werden Geldbeloh- 
nungen ausgetheilt. »Wo Beschäftigung bei Seelengestörten nicht 
Mittel zur Heilung, zur vollkommenen Genesung ist, da schafft 
dieselbe doch häutig Linderung und Zerstreuung.« 

Im zweiten Abschnitt werden tabellarische Übersichten über 
das Verhältnifs der Geschlechter, über den ledigen und verhei- 
rateten Stand , über das Alter, über Genesung, Besserung , Sterb- 
lichkeit und sonstigen Abgang, sodann über den frühem Stand und 
das Gewerbe der Kranken mitgetheilt. Die männl. Kranken verhal- 
ten sich in der dortigen Anstalt zu den weibl. wie 3 zn 3; geheilt 
und gebessert wurden zwischen V* und s /s 5 vollkommen genesen 
sind zwischen Vs und 1 [welches Verhältnifs in einer vereinig- 
ten Heil- und Versorgungsanstalt, um glaubwürdig zu bleiben, 
kaum gunstiger seyn durfte, ünzweckmäfsig aber scheint dem 
Ref. die Anordnung dieser Tabellen zu seyn. Unter der ersten 
Bubrik «Zahl der Aufgenommenen« versteht der Verf. die im 
Laufe des Jahres Hinzugekommenen , obwohl man wegen ihrer 
grofsen Zahl fast irre werden könnte. Dadurch erfahrt man nicht, 
wieviel am Anfang und Ende eines Jahres (das Ende von 18S4 
ausgenommen) zugleich in der Anstalt waren oder wieviel in ei- 
nem Jahre überhaupt genesen und gestorben sind. Die Irrenzabi 
belief sich übrigens zur Zeit, als Ref. diese Blätter schrieb, 
auf 190.] 

Die erste der im diitten Abschnitt erzählten fünf Krankbeita- 
geschichten betrifft ein 1 - jähr. Mädchen, das nicht menstruirt war 
und 1 Jahr lang oder länger alle 4 Wochen von einem Anfall mit 
unwiderstehlichem Trieb zu lügen und zu stehlen heimgesucht war 
und vor Eintritt der «Wenses, die übrigens noch in der Anstalt 
erfolgten, davon befreit wurde. Auch die vier weitern rationell 
behandelten und erläuterten Fälle verliefen glücklich. Wenn sich 
Ref. eine Bemerkung erlauben darf, so ist es die, dafs Blutent- 
ziehungen hie und da, namentlich die allgemeinen, im zweiten 
Falle wenigstens theilweise hätten unterbleiben Können. 

Die ganze Schrift ist eine recht willkommene Erscheinung. 
In prunkloser Darstellung gibt der Verf. Nachricht von einer der 
bessern deutschen Irrenanstalten, in welcher die Ärzte, fern von 
einseitiger Betrachtungs- und Handlungsweise das wahre Beate 



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von rioei , novik uoa rungeikcn 



dieser Krankeo mit einfachen Mitteln zu fördern suchen und , wie 
▲lies zeigt, auch wirklich fördern. Uoier den wenigen Schrift. 
eieHern, welche der Verf. citirte, hefte der Plagiaruis Löwen, 
hayn wohl wegbleiben können, Bird dagegen bei den roanchfachen 
Gelegenheiten etwas derber, als geschehen, abgefertigt werden 
•ollen, dagegen war nach den verdeckten Angriffen dieses un- 
sauber n Geistes auf Jacobi die ihm vom Verf. an verschiedenen 
Stellen gezollte Anerkennung recht an ihrem Platze. 

Der Verf. von No. 3 ist Besitzer und Arzt der hier beschrie- 
benen Privat-Irrenanstalt Hodeuberg in Oberneuland bei Bremen 
und von einem andern Engelken-, der in jener Gegend, zu Rock- 
Winkel, ebenfalls einer Privat-Irrenanstalt vorsteht, zu unterschei- 
den. Jener hatte die Irrenbehandlung als ein Geschäft seines Va- 
ters und Großvaters ererbt und mufste dasselbe, nachdem er 
eben seine Studien zu Heidelberg beendigt hatte, schon 1839, m 
welchem Jahre sein Vater starb, antreten, Die Gegend des Ho* 
denberger Institutes wird als lieblich und angenehm beschrieben. 
Das Areal beträgt zwischen 8 und 9000 oButhen und besteht 
ans Äckern, Wiesen, Gärten, Obstbaumschule und Wald. Ein 
Fischteich kann mit einem kleinen Nachen befahren werden. In 
mehreren isoliiten, nahe bei einander liegenden, zum Theil neu 
gebauten , grofseren und kleineren Gebäuden sind die Wohnungen 
der Kranken und die übrigen Raumbedürfnisse der Anstalt ver. 
theüt, welche Einrichtung der Verf., und mit Recht, nur bei 
einer kleinen Anstalt für passend halt, da sonst die Einheit ver- 
letzt und die Aufsicht erschwert werden würde. Die Benützung 
älterer Gebäude hält er gleichfalls für einen Lbelstand. Daa 
Äussere erscheint nach dem beigegebenen Steindruck als eine 
freundliche ländliche Wohnung. Der Vf. spricht offen aus, dafr 
öffentliche ohne Privat - Irrenanstalten , aber nicht umgekehrt , be- 
stellen konnten , hält jedoch die letzten in manchen Fällen für 
sehr nützlich, und wünscht nur, daß sie bei den Verbesserungen 
der ersten nicht zurückbleiben und auch über sie öffentliche Mit- 
theilungen erscheinen mochten. [Eine Beschreibung seiner Privat- 
anstalt lieferte auch Dr. Gorgen schon 1820; da sie aber seither 
in ein viel schöneres Lohale verlegt worden ist, so wäre wohl 
eine zweite Auüage erwünscht] Von 1800 bis 1814 wurden i34 
Kranke aufgenommen, 37 ungeheilt , 84 geheilt, 9 gebessert ent- 
lassen, 4 starben. Von i8i5 bis 1 834 wurden 426 aufgenommen, 
147 ungeheilt, a3o geheilt, 28 gebessert und 21 starben. [Dar- 



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84 Schriften aber Irrenanstalten von Pinel , Nowak u. Engelken. 

nach sind */• genesen, Vis wurde gebessert, im Ganzen also Vi» 
gebeilt und gebessert entlassen.] Diese Anstalt ist für Kranke 
beiderlei Geschlechts, meist höherer Stände, bestimmt. Ausge- 
schlossen sind Kranke mit unreinen, schweren und unheilbaren Kor- 
perübeln ; ungern werden die aufgenommen , deren Krankheit 
schon 3 Jahre gedauert hat und wenig Hoffnung zur Genesung 
übrig läfst. Zu gleicher Zeit sind meist 20 bis a5 Kranke in der 
Anstalt. Über das Wesen und die Behandlung dieser Krankhei- 
ten werden vom somatischen Standpunkte aus kurze Betrachtun- 
gen in deutlicher und populärer Sprache mitgetheilt. Dafs der 
Irre sich nie für geisteskrank halte, dafs er Störungen, die ihm 
durch das Gemeingefübl zugeführt werden, entweder gar nicht 
bemerke, oder nicht darauf achte, oder sie absichtlich verschwei- 
ge, erkennt Ref. nicht als allgemeingültige Bemerkungen an. Psy- 
chische Behandlung ist gebührend gewürdigt und der Werth des 
Zusammenlebens des Kranken mit dem Arzte, eines Vorthciles 
von Privatanstalten, hervorgehoben. Sehr oft hält es der Verf. 
für gerathen , den Irrthum der Kranken direkt anzugreifen. Reich- 
lieh ist für Beschäftigung und Unterhaltung gesorgt; die erste, 
zumal die, welche körperlich ermüden soll, wird von dem Verf. 
bei Kranken aus hohem Ständen für sehr schwierig erklärt und 
durch Spaziergänge und Fahrten ersetzt, welche er mit psychi- 
schen Beschäftigungen abwechseln läfst Auch dieser Arzt bat es 
erfahren, wie viel sich durch Güte, gepaart mit Geduld, ausrich- 
ten lasse. Die Honorare, von denen übrigens Abweichungen vor- 
kommen , sind für die erste Klasse jährlich 4 bis 600 Rthlr.; für 
die zweite 3 bis 4<x>; für die dritte i5o bis a5o; worunter nur 
besondere Bedürfnisse nicht begriffen sind. Das Dienstpersonale 
besteht ausser dem Oberaufseher, der zugleich Apotheker ist, und 
der Oberaufseherin aus i5 Personen, wovon 3 männliche und 3 
weibliche Wärter für den eigentlichen Krankendienst bestimmt sind. 

Auch diese Schrift trägt das Gepräge einer lebendigen An- 
schauung an sich und gibt, wie die vorige, ein Bild von dem Le- 
ben und Treiben der jetzigen bessern Irrenanstalten in Deutsch, 
land. Es zeugen die wenigen Blätter von reicher Erfahrung und 
erregen den Wunsch, dafs der Verf. bald einmal als Arzt zu 
Ärzten reden möge. 

Roller, 



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Kcch(« und Staats^ ieienechaft. 



ÜBERSICHTEN und KUKZE ANZEIGEN. 



HECHTS- und STAATSWISSEXSCHAFT. 

t 

Bemerkungen über den Stand der Gesetzgebung u. Jurisprudenz in Deutsch- 
land, von Ludwig Minnigerode t GH. Hessischem quiesc. Hofge- 
richts-Präsid. u. G Hat he , Command. 1. Klasse des GH, H. Ludwigs» 
Ordens. Darmstadt 1836. J. W. Hcyer's Hofbuchhandlung, G. Jong- 
haus. 134 & 12. 

Der Verf. theilt in dieser Schrift, (wie in einer frühern in 
unsem Jahrbuchern schon angezeigten Schrift,) Resultate der Er- 
fahrungen mit , welche er in einem viel jährigen Geschäfts] eben 
zu machen Gelegenheit hatte. Die Abhandlung enthält nicht blos, 
wie der Titel vermuthen läfst , Bemerkungen über die Mängel und 
Gebrechen unserer Civil - und Criminal - Gesetzgebung und Juris- 
prudenz, z. B. über die Menge und Verschiedenheit unserer Rechts- 
quellen, über die sowohl hieraus als aus der Beschaffenheit die- 
ser Bechtsquellen entstehenden Unsicherheit des Rechts, über den 
Eintlufs, welchen die wissenschaftlichen Untersuchungen der neue- 
ren und der neuesten Zeit auf die festere Praxis der Vorzeit ge- 
habt haben. Sie verbreitet sich zugleich über einige verwandte 
Gegenstände , z. B. über die Besserung der Verbrecher , über die 
zweckmäßige Einrichtung der Detentions- und Strafgefängnisse. 
Sie erörtert überdies, von S. n5 an, mehrere den Staatsdienst 
betreffende Aufgaben unter folgenden Aufschriften: Anstellung 
der Staatsdiener; Versetzen derselben; Pöniten z- Posten ; Prüfung 
der Staatsdiener; Wiederbesetzung erledigter Stellen; Visitatio- 
nen; Vorschläge bei Besetzung der öffentlichen Ämter durch 
Wahl der Staatsbürger oder ihrer Repräsentanten; Organisation 
and Centralisat i i — Fast immer wird man Ursache haben , den 
Äusserungen des Vfs. vollkommen beizustimmen. Ref. wenigstens 
hat nur bei der Stelle der Schrift Anstand gefunden, in welcher 
sieb der Verf. gegen die Rechtsregel erklärt, dafs ein in einer 
Strafsache gefälltes Erkenntnifs zum Vortheile des Angeschul- 
digten sofort rechtskräftig werde. Allerdings kann diese Regel 
die Folge haben, dafs der Schuldige der wohlverdienten Strafe 
entgeht Allein müfste man nicht aus demselben Grunde eine 
jede Förmlichkeit des Strafverfahrens verwerflich finden ? Liegt 
nicht in einem jeden Gesetze, welches die individuelle Freiheit 
in Schutz nimmt, zugleich die Erlaubnifs, von dieser Freiheit, 
so weit sie geht, auch einen Mifsbrauch zu machen? 



Germanntische Rechtsfälle zum Gebrauch bei Forlesungen und zum Privat- 
studium, nebst einem Repertorium für germanistische Rechtsfälle und 
Abhandlungen. Von Dr. C. F. L. Fr hm. v. Ldw, ord. Prof, dar 
Rechte in Zürich. Heidelberg 1836, in der afead. Buchhandlung vom 
J. C. B. Mohr. Fl und 388 S. 8. - 

Die Rechtsfalle, welche das vorliegende Werk (eine den 
Freunden des deutschen Rechts gewifs sehr willkommene Erschei- 
nung) enthält, beziehen sich nicht blos auf das bürgerliche, son- 
dern auch auf das Verfassung- und Regierungsrecht. Die Fälle 
sind nach der Verschiedenheit ihrer Gegenstande unter gewisse 
Überschriften geordnet; z. B. I. Collision der Gesetze: II. Stan- 
des Verhältnisse ; III. Nachsteuer und Abschofs; IV. Juden. (Die 
Zahl dieser Rubriken ist 34.) — Ein jeder Fall wird mit muster- 
hafter Kurze und Klarheit erzählt, mit Hinzufügung der streiti- 
gen Frage, übrigens ohne die Entscheidung der Frage. Bald ist 
der Fall allgemein bald speciell (mit Bezeichnung der Partheien) 
gefafst. Z. B. 

Ein Landesherr erklärt ein uneheliches Kind für legitim. Mufs 
dasselbe überall für ein eheliches gehalten werden ? 

Nach Errichtung des Rheinbundes verordnete der Grofsberzog 
von Hessen am ersten August 1807: »Der Standesherrn bis. 
berige und künftige Familien vertrage, Fideicom misse und be- 
sonders ihre Successionsordnungen erfordern zu ihrer Gültig, 
keit Unsere Einsicht und Bestätigung. Die bereits vorhan- 
denen Familienstatuten sind binnen drei Monaten an Unier 
Staatsministerium einzusenden.« Eine hessische standesLerr- 
liehe Familie, in welcher durch ein Hausgesetz Primogenitur- 
Ordnung und Unveräusserlichkeit der Stammgüter eingeführt 
war, versäumte jene Bestätigung einzuholen, und so hielt 
sich im J. 181 3 der Besitzer der Standesherrschaft für be- 
rechtigt , einen Theil der Stammgüter zu verkaufen und in 
einem Testament ausdrücklich zu verordnen, dafs seine drei 
Sohne in seiner Erbschaft zu gleichen Theilen succedirea 
sollten. Er starb am Ende des Jahres 181 3, und es entstand 
nun Streit zwischen dem Erstgebornen und seinen Brüdern 
über die Erbfolge, sowie zwischen ihm und dem Besitzer 
der veräusserten Immobilien über die Gültigkeit der Ver- 
äosterung Wie ist zu entscheiden? 

Auf die Darstellung der Rechtsfalle folgt in einem Anhange: 
I. Ein alphabetisches Verzelchnifs der Werke, aus welchen die 
Fälle entlehnt sind. II. Die Nachweisung der Orte , an welchen 
sich die mitgctheilten Fälle abgedruckt finden. (Die Citate folgen 
in derselben Ordnung auf einander, wie in dem Werke die ein- 
zelnen Falle.) 



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darauf bezüglichen öffentlichen Rechte. AWA 
Quellen bearbeitet und mit Urkunden belegt vom Juetinamtmann B. J. 
J. Pfister zu Heidelberg. - Erster Th*iL Auster* Staat, Verhält- 
nis** des Grofahcrzogthums. Verfassung »einet Regentenhautet. — Mit 
dem Bildnute de* Großher zogt Carl Friedrich. — Heidelberg , A. Oft- 
Vniv. Buchhandlung. 1*36. I UI u. 601 S. 



Das Werk, weichet der Gegenstand dieser Anzeige ist, — 
eine geschichtliche Entwicklung des heutigen Staatsrechts des 
GH. Baden, — wird aus drei Th eilen bestehn. — Der jetzt 
erschienene erste Theil enthält das auswärtige Staatsrecht des 
Grofihersogthums und dss Familienrecht des regierenden Hauses. 
(Einen Abschnitt dieses Theiles, den ersten, hatte der Verf. he. 
reits im J. 1829 herausgegeben. Jedoch die seit diesem Jahre 
eingetretenen Veränderungen haben den Verf. bewogen, diesen 
Abschnitt mit einigen zeitgemäfsen Verbesserungen in dem vor- 
liegenden Werke wieder abdrucken zu lassen. Der Verf. fugt 
hinzu, dafs er die Käufer der früheren Schrift ersuche, diese 
gegen seine neue Bearbeitung desselben Gegenstandes umzutau- 
schen.) Der zweite Theil wird das innere Staatsrecht des Grofs- 
herzogthums, das Verfnssungs- und das Regierungsrecht, umfassen. 
In dem dritten und letzten Theil e will der Vf. die das Baden- 
sche Staatsrecht betreffenden Haupturbunden abdrucken lassen. 

Der vorliegende erste Theil zerfällt in zwei Abtheilun- 
gen. — Die erste dieser Abtheilungen ist uberschrieben: Die 
Regierung Carl Friedrichs, des ersten Grofsherzogs von Baden. 
(1806 — 1811.) Errichtung des Grofsberzogthums Baden und seine 
Constituirnng zu einem Rheinischen Bundesstaate. Verfassung 
des Grofsherzogliehen Hauses. S. 1— a63. Die zweite Abtei- 
lung hat die Überschrift: Die Regi erung der Grofsherzoge Carl 
und Ludwig, nebst dem Anfange der Regierung Leopolds. (1811 
bis i836.) Constituirnng des Grofsberzogthums zu einem deut- 
schen Bandes-, RheinschiflTahrts- und Zollvcreinsstaate. Weitere 
Ausbildung der Verfassung des grofsherzogliehen Hauses. Die 
eine und die andere Abtheilung zerfallt wieder in zwei Ab- 
schnitte. ( Auswärtige Verhältnisse. — Verfassung des regie- 
renden Hauses.) In den einzelnen Abschnitten befolgt der Verf. 
bald die chronologische bald eine von der Verschiedenheit der 
Gegenstände entlehnte Ordnung , so wie es der Inhalt eines jeden 
einzelnen Abschnittes mit sich brachte. So enthält z. B. der erste 
Abschnitt der ersten Abtheilung folgende Rubriken: 1. Das Kur- 
furstenthum Baden , seine Bestandteile und staatsrechtlichen Ver- 
hältnisse. II. Die Souveränetät des badischen Staates ; ihre Aus- 
bildung und Befestigung. III. Das GH. Baden; seine Bestandteile 
und staatsrechtlichen Verhältnisse. IV. Rheinische Bundeskriege 
mit Preufsen und Österreich. V. Staatsverträge mit den Nachbar- 
staaten. VI. Grenzen des GH.; seine Enclaven. Umfang seiner 



1 



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Hechts- und Staatswissenschaft. 



Man hat es dem Verf. zum Verdienst anzurechnen, dafs er 

seinem Werke nicht die Form eines Lehrbuchs sondern die einer 
geschichtlichen Entwickelung des Staatsrechts des GH. Baden ge- 
geben hat. Ein Werk dieser Art hat auch für den Geschäfts- 
mann ein besonderes Interesse. Denn diesem bieten sich nicht 
selten Fragen dar, über weiche er sich nicht aus den Gesetzen, 
sondern nur aus der Geschichte belehren kann. Sollte sich auch 
der Verf. bewogen finden, in dem zweiten Theile seines Werkes, 
(welchem das Publikum mit Verlangen entgegensehn wird,) we- 
gen der Beschaffenheit der diesem Theile vorbehaltenen Gegen- 
staude , eine mehr systematische Ordnung und Darstellung zu 
wählen, so bitten wir ihn doch gar sehr, deswegen nicht die 
ursprüngliche Idee des Werkes ganzlich zu verlassen. Ja es 
würde gewifs Vielen willkommen seyn , wenn der Verf. an den 
geeigneten Stellen zugleich auf den vormaligen Rechtszustand der 
heutigen Bestandtheile des GH. Baden einige Rucksicht nähme. 

Zachariä d. Aelt. 



Dr. B. W. Pfeiffer (Kurfürstlich Hessischem Oberappellationsrathe ) , 
Praktische Ausführungen aus allen Theilen der Rechtswissenschaft. Mit 
Erkenntnissen des Oberappellationsgerichts zu Cassel. Werter Band. 
Hannover, Hahn' sc he Hofbuchhandlung. 1836. 4. 

Der ruhmlichst bekannte Herr Verf. setzt ein Werk fort, 
dessen dritter Band im J. 1 83 1 erschienen ist und, gleich den 
frühern Bänden, die Fortsetzung um so wünschenswerther ma- 
chen mufste, als zu erwarten war, derselbe werde der Schrift: 
»Prüfung der neusten Einwendungen gegen die Zulässigkeit der 
Verwaltungsjustiz und gegen ihren Umfang. Von Carl v. Pfi- 
zer. Stuttgart 1 833. , welche vorzüglich gegen die lote Abhand- 
lung des dritten Bandes dieser Ausführungen gerichtet ist, einige 
Aufmerksamkeit schenken und nicht, wie in der Vorrede ge- 
schehen, sie kurz mit den Worten abfertigen: »Gegen einzelne 
»Ansichten, z. B. über Administrativjustiz, bat sich wohl hin und 
»wieder eine Stimme erhoben, deren Befangenheit sich jedoch 
»schon durch die Art ihres Ausdruckes selbst kund giebt.« Je- 
den Falles hätte durch genauere Bestimmung einzelner Grund- 
sätze und durch Widerlegung der dagegen gemachten Einwen- 
dungen die Wissenschaft und die Legislation gewonnen, und Ref. 
glaubt in dieser Beziehung den Herrn Verf. bitten zu dürfen, in 
dem versprochenen fünften Bande noch einige Mittheilungen über 
des rechtliche Verhältnis der Justiz zur Administration zu ma- 
chen. Der Herr Verf. entschuldigt das späte Erscheinen dieses 
Bandes mit überhäuften vielfachen Dienstgeschäften, welche der 
Eintritt in die Ständeversammlung und die Versehung der Präsi- 
deuteostelle bei dem Oberappellationsgerichte verursacht habe. 



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Der Torliegende Band enthält 7 Abhandlungen des römischen 
4 des deutschen Privalrechts. Der Inhalt ist folgender: 1) 
Ton dem Rechte , Fenster in der eigenen Wand anzulegen and 
das Verbauen oder Verdunkeln der schon vorhandenen dem Nach- 
bar zu untersagen. 2) Über die Befugnifs eines Gemeinschuld, 
ners zur Erbschaftsausschlagung nach erkanntem Concurse. 3) 
Von den wesentlichen Bedingungen eines Stundungsvertrages zum 
Zwecke einer Nothigung der Minderzahl der Gläubiger, demsel- 
ben beizutreten. 4) Über die rechtliche Unwirksamkeit eines zu 
verbotenem Hazardspiele gegebenen Darlehens , mit besonderer 
Bücksicht auf das in Badeorten ausnahmsweise erlaubte Spielen. 
5) Über die Zinsverbindlichkeit in Beziehung auf die bei einer 
Erbvertheilung zu conferirende Gegenstande. 6) Von den not- 
wendigen Einschränkungen des römisch -rechtlichen Verbots der 
Übertragung von Schuldforderungen an einen Mächtigem. 7) Von 
den eigentümlichen Merkmalen einer TbeiJung der Eltern unter 
ihren Kindern. 8) Von den durch die deutsch -rechtliche Gut- 
abtretung (Guteransatz) begründeten Rechten und Verbindlichkei- 
ten, insonderheit von dem elterlichen Auszuge oder der Leibzucht. 
q. lieber das Vorzugsrecht der Erbgelder im Concurse der Gläu- 
biger. 10. Von der Notwendigkeit einer Nachweisung der Er- 
mächtigung dessen , welcher das Indossement eines Wechsels 
Namens eines Andern (per procura) unterzeichnet hat , im Wech- 
se/processe. 11. Mehrere Rechtsfragen, die Curatel über Abwe- 
sende (Verschollene) betreffend : insonderheit über Todeserklärung. 

In die Beurtheilung der einzelnen Abhandlungen und der 
darin ausgeführten Ansichten sowie der jede Ansicht unterstutzen- 
den Gründen einzusehen , ist hier der Ort nicht und gestaltet der 
Zweck der Jahrbücher nicht. Nur soviel kann angeführt werden, 
dafs der Herr Verf. dieselbe Gelehrsamkeit , dieselbe Schärfe des 
, dieselbe Umsicht entwickelt und darlegt , welche aus den 
n sichtbar sind. Möge es dem Herrn Verf. gefal- 
den fünften Band nachfolgen zu lassen, der, wenn 
Ministerprocefs nicht enthält, doch sehr willkommen 
Die Hahnsche Holbuchhandlung als Verlegerin hat 
würdig ausgestattet. 

Handelsgesetzbuch der Kbnigl. Preufsischen Rheinprovinzen, übersetzt 
und erläutert von C. A. Broicher und F. F. Grimm, Kdni&l. Land- 
gerichtsräthen. Köln 1835. 8. 




Schrift enthält nicht blos eine Übersetzung des fran- 
zösischen Handelsgesetzbuches, sondern erläutert dasselbe vor- 
züglich durch die in Frankreich und in den preufsischen Rhein- 
Binzen ergangene Urtheile. Es sind die Rechtscontroversen 
angegeben mit den Gründen, welche sich für eine oder an- 
Ansicht anführen lassen , mit Hinweisung z. B. auf Sirev 
Recueil general etc. Sind gleichwohl dadurch die gröTsern Scbrif- 



grovi 



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Römische Literatur. 



ten von Locre , Pardessus , Sirey etc. nicht überflüssig geworden, 
•o wird durch dieses Werk dem Geschäftsmann , der oft die Zeit 
nicht hat, lange zu suchen, doch Gelegenheit gegeben, s ; ch schnell 
zu orientiren und selbst bei dem Mangel der gröTsern Schriften 
ein richtiges Unheil, wenn auch nicht vollständig motivirt, zu 
geben. Es verdiente diese Schrift in die Hände eines jeden prak- 
tischen Juristen zu kommen. Es ist nicht zu zweifeln, dafs die 
Erläuterung des französ. Civilgesetzbuchcs auf gleiche Weise dem 
Geschäftsmanne angenehm seyn wurde , besonders da die Bearbei- 
tung des Gesetzbuches von Sirey und de Yilleneuve noch Man- 
ches zu wünschen übrig läfst. 

Dr. Uihlein. 



HÖMISCHE LITERATUR. 

P. Ovidii A'asoni» Metamorphoscon libri XV. Mit kritischen und 
erläuternden Anmerkungen von R. C. Chr. Bach, Director am Gymna- 
sium zu Schaffhausen , wie auch Professor der lat. Sprache am dasigen 
Cotleg. Human und Mitgliede des Schulraths. — Zweiter Band, 
VIII — XV. Nebst nachträglichen Bemerkungen des Hrn Prof. 0 c hs- 
ver , Register über die Anmcrkk und eine Übersicht der abweichenden 
Lesarten in Jahn's Ausgabe. Hannover 1836. Im Verlage der Hahn'- 
sehen Hof buchhandlung. VIII u. 632 Ä. in gr. 8. 

Wir freuen uns, mit dem Erscheinen dieses zweiten Bandes 
die Vollendung dieser werthvollen und nützlichen Ausgsbe anzei- 
gen zu können, über deren ersten Band in diesen Jahrbb. ( i83q 
pag. 70a fT. ) berichtet wurde. Der längere Zwischenraum seit 
dem Erscheinen des ersten Bandes (mit durch gehäufte Berufs* 
geschälte , aber auch durch das Streben möglichster Sorgfalt und 
Genauigkeit in Ausarbeitung der Noten herbeigeführt, wie, auch 
ohne die ausdrückliche Erklärung des Herausgebers in der Vor- 
rede, leicht ein Blick in die Noten selbst lehren kann), ist auf 
diese Weise nur zum Vortheil des Ganzen ausgefallen, dessen 
Brauchbarkeit durch möglichst vollendete Ausarbeitung des Ein- 
zelnen nur gewinnen konnte. Die Grundsätze, nach denen der 
Verf. arbeitete, sind im Ganzen dieselben geblieben, so wie der 
Plan der Ausgabe, die zunächst Lehrer sowohl als reifere Schü- 
ler beabsichtigt und von Jenen ebensowohl mit Vortheil beim Un- 
terricht als auch von Diesen beim Privatstudium im Allgemeinen 
benutzt werden kann. In der Constituirung des Textes hat sich 
der Verf. noch mehr als bei dem ersten Bande an die Autorität 
der Handschriften und altern Ausgaben gehalten, aus Gründen, 
denen man schwerlich den Beifall versagen kann ; er bat daher 
noch manche von Heinsius eingeführte Lesart beibehalten , zumal 
da manche angebliche Conjectur des geistreichen Mannes steh bei 
näherer Nachforschung als handschriftlich beglaubigt auswies und 



« 



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feigere und passendere Lesart erschien; überdem die Mehrzahl 
der Handschriften , welche die schlechtere Lesart darbieten , nicht 
in Vergleich kommen bann mit der Minderzahl der altern Hand- 
schriften, die eine bessere Lesart darbieten: ein Satz, der beson- 
ders bei einem im Mittelalter so fiel gelesenen, darum so häufig 
abgeschriebenen und auch so häufig interpolirten Dichter, wie 
Ovid, besonders beachtet werden sollte, so wenig dies auch frü- 
her geschehen ist. Indessen würde man sich wohl irren, wenn 
man in dieser Ausgabe die Mittheilung eines vollständig gesam- 
melten, kritischen Apparates erwarten wollte; das lag nicht im 
Plane des Herausgebers, das konnte nicht darin liegen, wenn mau 
Veranlassung und Bestimmung seiner Ausgabe bedenkt, wornach 
zunächst nur solche Varianten erwähnt werden konnten, welche 
auf die Gestaltung des Textes einen wesentlichen Einflufs aus- 
üben und den Sinn der Urschrift verändern, oder welche wenig- 
stens Veranlsssung zu sprachlichen und andern Bemerkunsen, 
oder Gelegenheit zu weitern Erörterungen , die für den Lehrer 
wie für den Schüler gleich erspriefslich und dienlich ausfallen, 
geben konnten. Eine gleiche Rücksicht auf den Zweck und die 
Bestimmung der Ausgabe hat auch den Umfang, Inhalt und die 
Einrichtung der Noten bestimmt, die, wie bereits früher bemerkt, 
unter dem Text gedruckt, neben den bemerkten kritischen Anga- 
ben zugleich das Wesentlichste darbieten, zumal in sprachlicher 
Hinsicht, was für Verständnifs und richtige Auffassung des Dich- 
ters erforderlich ist, der bisher im Ganzen doch mehr in Absicht 
auf sachliche, insbesondere mythologische und antiquarische Punk- 
te , als hinsichtlich der genaueren Hunde des Sprachgebraucht 
und der davon abhängigen Auffassung des Sinns so mancher Stel- 
len, sowie der richtigeren Würdigung und Beurtheilung so man- 
cher Varianten, seine Erklärung gefunden hatte. Die gedrängte 
Kürze, die Bestimmtheit, und die vollständige Auswahl, die wir 
in diesen Noten auch bei diesem Bande , bei allem Reichthum 
derselben anerkennen müssen, erhöht den Werth und die Nütz- 
lichkeit dieser Ausgabe für die oben bemerkten Zwecke. Eine 
sehr schätzbare Beigabe sind die Bemerkungen des Herrn Prof. 
Ochsner, die am Schlüsse von S. 5i5 bis Si5 reichen und eine 
grofse Anzahl von Stellen kritisch und exegetisch bebandeln oder 
durch eine feine Auswahl von Parallelsfellen erläutern; dann folgt 
S. 576 ff. ein Verzeichnifs der vom Herausgeber benutzten kriti- 
schen und exegetischen Hulfsraittel, worin er zuerst die verschie- 
denen Sammlungen von Varianten nennt, die sich in der Bur- 
mannschen Ausgabe v. 1727, bei Bothe u. A. finden, dann die 
vollständigen Collationen der Jahnschen Codd. und des Codex 
Hhenovanus (der jedoch nur bis XIII, 753 reicht) und darauf die 
von ihm selbst für diese Ausgabe verglichenen Handschriften, 
eine Dresdner, zwei Gothaer und vier Basler, zum Theil in das 
zwölfte Jahrhundert zurückgehend, verzeichnet und beschreibt; 
dann folgt ein stets mit kurzen Urlheilen über Gehalt und Werth 



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des Einzelnen begleitetet Verzeichnifs der Ausgaben und ande- 
rer, Kritik und Erklärung der Metamorphosen berücksichtigenden 
Schriften, bis auf eine bekannte deutsche Übersetzung herab, die 
indefs nur einzelne Partien giebt, obwohl (wie der Vf. bemerkt) 
» das Original leichter als die Übersetzung zu verstehen ist. « Man 
wird übrigens nicht wohl eine Ausgabe oder eine die Metamorpho- 
sen betreffende Schrift von einiger Erheblichkeit nennen können, 
die hier übersehen wäre. An diese Verzeichnisse reiht sich ein 
genaues Register über die Anmerkungen (denn grofsere Wort- 
register lagen wohl ausser dem Plan und der Bestimmung der 
Ausgabe) von S. 582 — 6a 1, und dann zum Schlufs S. 6*3: »Ab- 
weichende Lesarten der Jahn'schen Ausgabe von i832», nebst 
einigen Berichtigungen. Die möglichste Correctheit des Drucks 
und eine empfehlenswerthe typographische Ausstattung verdienen 
rühmliche und dankbare Anerkennung. 

Ein besonderer, zunächst zum Behuf der Schulen veranstal- 
tete^ Textesabdruck erschien unter folgendem Titel: 

P. Ovidii Nasonis Metamorphoseon Ubri XV. Mit Inhaltsanteigen 
und Varianten de$ Gierig- Jahn'schen und Bothe'schen Testet versehen 
von K. C. Chr. Bach, des Gymnasium* in Schaffhausen Director etc. 
Nebst Übersicht der abweichenden Lesarten der Jahn'schen Ausgabe vom 
Jahre 1832. Hannover 1836. Im ( erlag der Hahn' sehen Hofbuchhand- 
lung. IV und 361 S. in 8. 

Die auf dem Titel genannte Übersicht ist am Schlufs des 
Textes beigefugt ; unter dem Texte stehen die Varianten der auf 
dem Titel genannten Ausgaben, der Gierig- Jahn sehen vom Jahr 
1821 und i8*3, und der Bothe sehen ?om J. 1818, welche aus 
dem Grunde beigegeben wurden, weil jene Ausgabe die durch 
vielfältige Abdrücke noch bis jetzt fielfach verbreitete Heinsius- 
Burmann sehe Textesrecension im Ganzen reprasentirt , die Bothe- 
sebe Ausgabe aber manches Eigene darbietet; auf diese Weise 
aber eine Übersicht der Abweichungen im Texte der gangbarsten 
Ausgaben gewonnen ist, welche dem Lehrer manche Gelegenheit 
darbieten kann zu kritischen, grammatischen und sprachlichen 
Erörterungen. Wenn ein moglicht correcter Druck, gute Let- 
tern und Papier eben so wie ein möglichst berichtigter Text eine 
Schulausgabe insbesondere empfehlen müssen , so kann dies von 
der vorliegenden in jeder Hinsicht gelten. 



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M. Tulliu* Cicero «fciWarwv. Düpuuitio de philo, oph iac Cicero- 
nianaefonte pr aeeipuo, quam — pro gradu doctoratui summisque 
in philüsophia tkeorttica et Uteri* humanioribus , konoribu» ae privitegiie, 
in Acadcmia Rheno-Trajectina altcria succularibus aeudemiae concele- 
brandia more majorum consequendis , publico nc $olemni esamini tub- 
mittit Joannee Adolphue Carolue van Heuede, Rkeno Trajectl- 
nus. Trajecii ad Rhcnum, ex officina J. Altheer, MDCCCXXXVL 
XVI und 292 & in gr. 8. 

Diese Schrift, zunächst eine Gelcgenheitsschrift, obwohl vor 
andern Schriften der Art sowohl durch Form wie durch den um- 
fassenden Inhalt ausgezeichnet, umfafst in jeder Hinsicht weit 
mehr, als man nach dem Titel derselben erwarten sollte, indem 
der Vf. die ganze Bildungsgeschichte des Cicero und eine Wür- 
digung der meisten und bedeutendsten seiner rhetorischen und 
philosophischen Schriften mit in den Kreis seiner Darstellung ge- 
zogen, die, unmittelbar aus den Quellen selbst entnommen und 
auch die neuere Literatur stets berücksichtigend, nirgends die 
Beweise grundlicher Bildung vermissen läfst. So erklärt sich der 
verhältnifsmä'fsig bedeutende Umfang des Buches , das von Cice- 
ro's frühester Jugendbildung ausgehend diese weiter bis in die 
Jahre verfolgt, wo Cicero die öffentliche Laufbahn begann, dio 
bald darauf durch eine Heise nach Griechenland und Asien unter- 
brochen , nur dazu beitrug, Cicero 's Liebe für die Wissenschaft 
zu nähren und seinen Studien eine bestimmtere und festere Bich- 
tung zu geben, die ihn mitten unter den folgenden Stürmen des 
Lebens nie verliefs und in späteren Jahren, als er von öffentlicher 
Tbätigkeit sich zurückzuziehen genothigt sah , ganz einer wissen- 
schaftlichen Thätigkeit zuführte. Das was Cicero als Schriftstel- 
ler in der Redekunst und in der Philosophie in dieser Periode 
seines Lebens geleistet hat, ist Gegenstand des gröfseren Theils 
dieser Schrift vom dritten Abschnitt an , indem der Verf. darin 
nachzuweisen sucht , wie Cicero's ganze wissenschaftliche Bildung 
aus Plato hervorgegangen, gegen den daher auch Cicero, wie dio 
vom Vf. am Eingang der Schrift gesammelten Belege und Zeug- 
nisse beweisen, eine Achtung und Liebe, ja eine Verehrung be- 
wies, die den griechischen Philosophen fast wie ein höheres, 
übermenschliches Wesen betrachtete. Dies ist dann auch der 
Grund, warum der Verf., so ausführlich in den beiden ersten 
Abschnitten, freilich auch manche damit verwandte, zunächst 
literarhistorische Punkte berührend, die ganze Bildungsgeschichte 
Cicero's darzustellen sucht, dessen besondere Neigung und Vor- 
liebe für Plato er zugleich aus der verwandten Denk- und Sin-, 
nesweise des Börners, den geistigen Anlagen und der sittlichen 
Richtung desselben zu erklären bemüht ist. 

So lehtt uns denn der erste Abschnitt, überschrieben: M. 
TuWi Ciccronis adolcscentia , Uterarum et philosophiae studio. , prae* 
ceptores, inprimis Philo, ab ineunte attatt ad annum duodctrict&i- 
mum , Cicero's ganze Erziehung kennen, seinen Unterricht und 



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seine Jugendbildung sowie seine Lieblingsstudien und Neigungen, 
namentlich auch seine Beschäftigung mit der Poesie und die dar- 
aus hervorgegangenen Versuche, die am Ende doch meistens nur 
Gegenstände der Übung und formeller Ausbildung wareo. Der 
Verf. durchgeht selbst die einseinen unter Cicero's Namen vor- 
kommenden Dichtungen, so wenig wir auch Näheres über deren 
Inhalt, ja oft bäum mehr als den blofsen Namen wissen. So hält 
er z. B. die Alcyone für ein elegisches Gedicht , worin Cicero 
gleich andern römischen Dichtern , wie z. B. Ovid , nach dem 
Vorbilde der Griechen, den Mythus von Ceyx und Alcyone ele- 
gisch bebandelt (p. aj ff. ), den Glaucus aber hält er für eine 
lateinische Bearbeitung eines Äsehyleischen Drama's (p. ao), wie 
denn Cicero auch an Stücken des Sophokles und Euripides in 
ähnlicher Weise sich versucht. Den gleichen Zweck einer Übung 
und Ausbildung halten wohl auch die Übersetzungen des Aratus, 
wobei jedoch der Verf. auch (vgl. p. 41 fl.) an Cicero's Liebe 
für das Landleben, Naturbetrachtung u. dgl. erinnert, um daraus 
den Grund abzuleiten, warum Cicero gerade diesen Gedichten 
sich zugewendet, ebenso wie er auch damals eine Bearbeitung 
des Xenophonteischen Oeconomicus unternahm , die leider so we- 
nig wie andere Versuche aus jener Periode auf uns gekommen 
ist. Wir wollen bei dieser Gelegenheit auf eine Stelle des Ca- 
pitolinus in Vit. Gordian. 3. aufmerksam machen, welche der Vf. 
S. 35 ff. kritisch behandelt, weil durch die Veränderung, welche 
der Verf. vorschlägt , zwei angebliche Gedichte Ciceros , über 
deren Inhalt man freilich auch nicht das mindeste bisher nur mit 
einiger Sicherheit anzugeben wufste, aus der Reihe derselben 
verschwinden. In jener Stelle heifst es nämlich : » Adolescens 
quum esset Gordianus, poemata scripsit, quae omnia exstant et 
cuneta il In , quae Cicero ex Demetrio et Arato et Alcyonas et Uxo- 
rium et Nilum: quae quidem ad hoc scripsit, ut Ciceronis poemata 
nimis antiqua viderentur«: eine offenbar verdorbene Stelle, an 
der schon Salmasius sich versuchte, der eben so wenig alt An- 
dere über den hier genannten Demetrius nähere Auskunft zu ge- 
ben wufste. Unser Verf. schlägt daher die Verbesserung vor i 
9 — et cuneta illa, quae Cicero hexamclris ex Arato haiueinatui 
* est, Exorlum et Nixum: quae quidem etc.« Da oämlich des 
Aratus Phänomena in zwei Bücher abgelheiit waren , wovon das 
eine die Aufschi ift WoTpo^eoLa 9 das andere die Aufschrift 'Ava- 

mm 

toXij führte, so seyen Exorlus und Nixus die lateinischen Über- 
setzungen dieser Titel der beiden Bücher. Mehr Anstofs Könnte 
vielleicht der Ausdruck halucinatus est erregen , welchen der 
Vf. auf d»e irrige und falsche Auffassung mancher Stellen des 
Aratus, auf einzelne Nachlässigkeiten dei lateinischen Übersetzung 
bezieht. Auch über den muthmafslichen Inhalt des Marius, eines 
epischen Gedichts, bei dem wohl die Verherrlichung seiner mit 
Marius gemeinsamen Vaterstadt ein Hauptgegenstand seyn mochte, 
Terbreitet sich der Vf. S. 44*ff , desgleichen über Ciceros Vor- 
liebe für den alten Enoins (wovon die vorhandenen Schriften 



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zeigen) und für den Komiker Terentius, bei welcher 
er auch die Vermuthung ausspricht , daft das unter 
tischen Versuchen aufgeführte Gedicht Limon , eine 
mlong, eine Blumenlese ( — — ■) von ein reinen klei- 
nem Gedichten, von Epigrammen auf einzelne, ausgezeichnete 
Manner, wie etwa Terentius, gewesen. Dann lallt die Ton A. 
Schott vergeschlagene Änderung, hier Libon statt Limon zu lesen, 
Ton selbst weg. Vgl. pag. 5o. 5i. Das Gedicht De Consuiatu , 
das Cicero zwei Jahre nach der Verwaltung des Consulats schrieb, 
wird hier S. 55 , und wir glauben mit Recht , sorgfaltig unter- 
schieden von dem andern Gedicht De temporibus suis, das erst 
nach der Rückkehr aus dem Exil geschrieben wurde; ein anderes 
elegisches Gedicht, TameUstis , woraus Servius Einiges anfuhrt, 
wird vom Verf. muthmafsungsweise in Tempestas (8. 58) verwan- 
delt , was freilich immerhin etwas gewagt ist; das Buch, das die 
Aufschrift führte: Uber jarularis , wird als eine Sammlung von 
Epigrammen betrachtet. Nachdem so der Vf. die verschiedenen 
einzelnen Poesien, deren Hunde uns zugekommen, durchgangen, 
schliefst er mit einer Zusammenstellung der Urtheile über Oice- 
ro's Poesie und über Cicero's poetische Leistungen im Allgemei- 
nen, wie sie bei spatern Schriftstellern Roms vorkommen, wobei 
er insbesondere der bekannten Stelle des Quintilian Inst. Or. XI, i. 
$. 34* (in carminibus ut triam pepercisset , quae non desierunt car- 
pere maligni etc.) ihre richtige Deutung zu geben sucht, da sie 
nicht sowohl eine tadelnde Äusserung über Ciceroa Poesie im 
Allgemeinen — denn darüber dachte Quintilian wohl anders — 
als vielmehr den Wunsch ausspreche, Cicero hatte doch in sei- 
nen, die Zeitereignisse berührenden Gedichten — De consuiatu, 
De temporibus suis — die von allzugrofser Selbstgefälligkeit und 
Eigenlob zeugenden Stellen, die seinen Neidern und Gegnern nnr 
neuen Stoff gaben , lieber unterdrucken und in dieser Beziehung 
mehr Schonung beobachten sollen. An diese Urtheile alter Kri- 
tiker und Dichter über Cicero's poetische Leistungen reihen sich 
einige Urtheile neuerer Kunstrtcnter. Wir wollen nur Voltaire^ 
Unheil hier anführen, dem auch unser Verf. vollkommen bei- 
pflichtet , aus der Pre face zu Rome sau vee : » Ciceron etait un 
des premiers poetes [?] d un Steele oü la belle poesie commencait 
a naitre. 11 balancait la reputation de Lucrece [7]. I a-t-il rien 
de plus beau que ces vers, qui nous sont res t es de son poeme 
sur Marius et qui font regretter la perte de cet ouvrage? etc. c 
Ref., so günstig er auch über Cicero denkt, würde darum doch 
nicht wagen , dieses Urtheil , obwohl eines berühmten französischen 
Kunstrichters, der ja auch selbst ein Dichter war, unbedingt zu 
unterschreiben, da er den Werth der poetischen Leistungen Cice- 
ro's, so weit nach dem, was wir noch davon besitzen, ein Schlufs 
zu machen erlaubt ist , mehr in die Form , in die gefällige und 
anziehende, Behandlung des Gegenstandes, als in den Inhalt sel- 
ber setzen au müssen glaubt. — Nun bespricht der Verf. die 
Zeit fallenden rhetorischen Studien Cicero's , wovon seine 



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Römische Literatur. 



damals versuchten Übersetzungen einzelner Reden des Demosthe- 

nes und Aschines zeugen , sowie seine philosophische Auabildung 
in befriedigender Weise. Über Philo, den Lehrer des Cicero, 
und über dessen System wird S. 73 ff. 88 ff. mit Ausführlich- 
keit geredet und der Bekanntschaft, die Cicero damals mit der 
Platonischen Philosophie machte, wie man aus der Übersetzung 
des Platonischen Protagoras und vielleicht auch noch anderer 
Dialoge schliefen kann, gedacht, sowie seiner Verhältnisse zu 
dem gelehrten Stoiker Diodotus : lauter Gegenstande , die wir hier 
nur im Allgemeinen andeuten können , um auch noch über die 
übrigen Theile der Schrift Einiges zu bemerken. Der nächste 
Abschnitt befafst die beiden nächsten für Ciceros wissenschaftliche 
Bildung so wichtigen und einflufsreichen Jahre: >0/. Tullii Cice~ 
ronis philosophiae studio ac praeeeptores , infirimis Antiochus et Po- 
sidonius; ab anno aetatis duodetricesimo usque ad tricesimum — 
Iter in Grarciam.* Den Mittelpunkt bildet die eben erwähnte 
Heise nach Griechenland und Asien , die personliche Bekannt- 
schaft, die Cicero mit den Häuptern griechischer Hedekunst und 
Philosophie machte und die für seine ganze Folgezeit so wichtig 
geworden ist, da sie in ihm mitten unter dem Gewühl praktischer 
Thätigkeit und mitten nnter allen politischen Stürmen die Liebe 
und den Sinn für die Wissenschaft erhalten hat, der ihn später- 
hin zu dieser, als zu einer siebern und nützlichen Zuflucht statte 
des Alters, zurückgeführt hat. Dafs der Grund zu dieser Reise 
Ciceros in politischen Bücksichten gelegen , die ihn zu einer 
Entfernung von Rom veranlagt, kann der Verf. so wenig glau- 
ben, als Ref., der sich schon in der zweiten Auflage seiner Rom. 
Lit. Gesch. S. 490 darüber in gleichem Sinne ausgesprochen hat, 
mit Bezug auf die Haupt st eile in Cicero 's Brutus cap. 91 , die 
auch für unsern Verf. in dieser Hinsicht entscheidend ist. Es 
wird kaum noch einer besondern Bemerkung bedürfen , dafs auch 
in diesem Abschnitt alle einzelnen, dahin einschlägigen Punkte 
mit gleicher Genauigkeit behandelt und insbesondere Cicero's 
Verhältnisse zu den berühmten Männern, die er auf jener Reise 
kennen lernte, namentlich zu Posidonius und Molo, ausführlich 
besprochen werden. 

(Der ücschlufs folgt.) 



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PI». 7. HEIDELBERGER i837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Römische Literat u r. 

(Beichlufs.) 

Nun erst , nachdem der ganze Gang der wissenschaftlichen 
Bildung Cicero's, insbesondere seiner philosophischen, entwickelt 
worden, kommt der Verf. mit dem dritten Abschnitt, der die 
nächsten sechszehn Jahre seines Lebens umfafst, auf die Schrif- 
ten Cicero's innerhalb der genannten Zeit, zunächst die rhetori- 
schen, in denen sich "die Spuren dieser philosophischen Bildung 
und die Früchte derselben bald mehr bald minder nachweisen 
lassen. Es werden zuerst die Bücher De inventione rhttorica be- 
sprochen . auch mit Rucksicht auf die Rhetonca ad Herennium, 
die der Verf. dem Bhetor Gnipho beilegt, ganz nach Schützens 
Vermatbung (vgl. S. 149 not.), die wir indefs aus manchen Grün« 
den für noch nicht so sicher und ausgemacht halten; dann wird 
Inhalt und Tendenz der Schrift , sowie der innere Werth und 
Gehalt derselben, untersucht, und aus einzelnen Spuren der Be- 
weis versucht, dafs Cicero durch seine Platonischen Studien, durch 
seinen F.ifer und seine Vorliebe für Plato und dessen Ittalogc, die 
in dieser Schrift überall durchblicken soll, zu Ablassung dersel- 
ben überhaupt veranlafst worden. Vgl. S. i54: »Postrerao vero 
loco animadvcrtimus, Ciceronem, studio Platonis imbutum, ad 
hujus operis scriptionem accessisse. Cujus rei vestigia non diffi- 
cile est invenire (?) etc. etc. 1 nebst den Schlufsworten der gan- 
zen Untersuchung S. 160: »Sic igilur, quod operae pretium est 
animadvertere , in his rudibos inchoatisque praestantioris discipli- 
nac eiementis , quae a Cicerone puero aut adolescentulo conflata, 
e commentariis exciderunt, juvenem jam statim (ptXonXd'vova 
agnoscimus. * Sollte, namentlich was die erste Stelle betrißt, 
der Verf. hier aus natürlicher Vorliebe für das Thema seiner 
Schrift, nicht zu weit gegangen seyn und die Sache zu speciell 
aufgefafst haben? Es ist dies eine Frage, die sich uns auch im 
Verlolg mehrfach aufgedrängt hat, wo wir nämlich glauben, dafs 
einzelne Schlüsse und Folgerungen zu speciell und bestimmt ge- 
nommen sind , während höchstens nur allgemeine Folgerungen 
zulässig waren. Oer Vf. nämlich , um Cicero's Vorliebe für Plato 
zu erweisen, durchgeht mehrere Beden, in denen er die Be- 
lege einer philosophischen Bildung (was gewifs nicht in Abrede 
zu stellen ist) , und zwar zunächst der platonischen Philosophie, 
sowie eines besonderen Einflusses derselben auf Fassung und In- 
halt dieser Beden nachzuweisen versucht; so die Bede pro Boscio 
Amerino, die Verrinen, die Bede für die Manilische Bill, die 
Catil inarischen Beden, deren Leetüre uns, wie es S. 178 heifat, 

XXX. Jahrg. 1. Heft. 7 



einen Redner erkennen lasse, der nicht aus den Schulen der Rhe- 
toren sondern »ex Academiae spatiis« hervorgegangen, wefshalb 
denn auch mehrere einzelne Stellen , die der Verf. für Nachbil- 
dung Platonischer ansieht, hervorgehoben werden. Den in neue- 
ren Zeiten mehrfach erhobenen Zweifel an der Achtheit einiger 
dieser Reden berührt der Verf. nicht; was wir ihm nicht auch 
gerade verargen wollen. Ebenso betrachtet der Verf. , mit glei- 
chen Erörterungen über Inhalt und Tendenz , die Reden für den 
Murena und für den Dichter Archias, in welcher Rede er ganz 
besonders ein Vorherrschen Platonischer Philosophie . findet , so- 
wohl in Absicht auf Form wie auf Inhalt. An der Achtheit der 
Rede zweifelt der Verf. so wenig wie an ihrer Trefflichkeit , da 
er sie nach dem Vorgang eines Victorius und Wyttenbach mit 
zu den vorzuglichsten Geistesprodukten des Cicero reebnet. Ei- 
nige Bemerkungen über Cicero's verlorene Schrift De Gloria be- 
schliefsen diesen Abschnitt. — S. hat der Verf. eine Ver- 
muthung seines Vaters , des berühmten holländischen Philologen, 
über eine Stelle bei Cic. Tuscull. III, 1., wo unseres Wissens 
bisher Niemand angestofsen ist (wir finden auch in Mosers großer 
Ausgabe Nichts darüber bemerkt), angeführt. Statt: »nunc par- 
vufos nobis (natura) dedit igniculos etc.« soll gelesen werden: 
» nunc parvu/ts nobis etc. 

Der nächste, vierte Abschnitt: »JH. Tullii Ciceronis Diahgi 
inprimis de eloquentia et de republica, ab anno actatis sexto et qua~ 
dragesimo ad sexagesimum secundum « durchgeht in ähnlicher W eise 
den Inhalt der Bücher De Oratore, Orator und Brutus, der Bu- 
cher De republica und De legibus, um auch in ihnen überall die 
Spuren und den vorherrschenden Einflufs Platonischer Philosophie 
im Einzelnen nachzuweisen, und in dem fünften Abschnitt, der 
die in die letzten Lebensjahre fallenden Schriften berücksichtigt, 
werden diese Untersuchungen über die verlorenen Schriften, die 
Consolatio und den Hortensius fortgesetzt und mit allgemeineren 
Bemerkungen über Cicero'a Art und -Weise, die Philosophie zu 
behandeln , beschlossen. 

Der letzte Abschnitt stellt nun noch einmal im Allgemeinen 
die Resultate zusammen , welche der Verf. durch seine Untersu- 
chung gewonnen zu haben glaubt, dafs nämlich Piatons Philoso- 
phie eine Hauptquelle der Ciceronianischen bilde, und knüpft 
daran noch einige Bemerkungen über die Art und Weise, in der 
Cicero diese seine Quelle benutzt, namentlich auch im Vergleich 
und im Verhältnifs zu den Schriften anderer Philosophen, deren 
Werke Cicero gelesen und benutzt, und wie Cicero selbst die- 
jenigen Dialoge Piatos, welche dialektische Fragen behandeln, 
z. B. einen Sophistes, oder Philcbus, oder Parmenides, durchaus 
nicht berücksichtigt (eben aus dem natürlichen Grunde, wie wir 
glauben, weil sie seiner weniger spekulativen, sondern rein prak- 
tischen Natur nicht zusagen Konnten und ihm für die Zwecke, 
zu deren Erreichung er überhaupt die philosophischen Studien 
betrieb, nutzlos waren), dagegen vorzugsweise an einen Phödros 



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Römische Literatur. »9 

Gormas, an den Phadon oder die Politia steh hält: was die 
Geistesrichtung und Tendenz des Romers zur Genüge cha- 



indem wir unsere Anzeige einer Schrift schliefen , die sieh 
auch von Seiten der reinen und fließenden Sprache empfiehlt, 
können wir nicht umhin, der Pietät zu gedenken, mit welcher 
der dankbare Sohn und Schuler sich hei dieser Gelegenheit ge- 
gen seine Lehrer wie gegen seinen würdigen Vater ausspricht , 
der ibn in die Laufbahn eingeführt, die er mit so Tieler Ehr« 
betraten und auf eine so ruhmliche Weise weiter zu verfolgen 
tertpricht: und dieser Umstand veranlafst uns, auch hier mit ei» 
nem Worte der trefl liehen Bede zu gedenken, welche der glei- 
chen Veranlassung, die auch die Schrift, die wir eben näher be- 
sprochen haben; ihre Entstehung verdankt: 

Ormtio dt naturali artium et doetrinarum c onjunetione , alte- 
ru eeUbraudie Academiac Rheno - Trajectinae saccularibus , habita d. 
XULm.Ju*ii c MDCCCXXXri. Accedit Protrepticu» ad /•- 
Ii um promotionis more majorum opportunitute. Auetore Phil. G uil. 
van Heus de. Trajeeti ad Rhenum , apud Joh. Altheer, 
1836. 40 8. gr. 8. 



Die geschmackrolle Behandlung des Gegenstandes, eine schone 
Sprache und ein inniges Gemuth, das sich besonders in dem 
Protrepticus ausspricht, lassen dieser Bede recht viele Leser wün- 
schen; für die zahlreichen Freunde und Verehrer des berühmten 
holländischen Gelehrten wird es dazu auch bei uns keiner beson- 
dern Aufforderung bedürfen. 

Wir verbinden damit zugleich die Anzeige einer andern al- 
teren in Holland erschienenen Preisschrift, die eine andere Seite 
des romischen Alterthums in einer gefälligen und fliefsenden Spra- 
che auf eine nicht minder bef riedigende Weise behandelt : 

Cowmentatio de Mllitum Praetorianorum apud Romano» historia. Auetore 
$. A* J. Gr oneman, in Acad. - Rheno -Traj. theolog. »tud. Praemio 
omatu die XXVI m. Martii o. MDCCCXXXI. Trajeeti ad Rhenum, 
apud Joh. Altheer, academiae typographum. 1832. 101 S. in 8. 

Die von der philosophischen Facultä't zu Utrecht gestellte 
Aufgabe, welche in dieser Schrift auf eine Weise gelöst wurde, 
der die Facultät — und mit Becht — den Preis ertheilen konnte, 
lautete folgendermaßen : »Sic enarretur militum Praetorianorum, 
sb Augusto inde ad Septimium Severum , historia, ut demonstre- 
tur simul , quam illi vim , hoc temporis spatio, in imperium Bo- 
manorum habuerint.« Dem Geist und Sinn dieser Aufgabe ge- 
mifs giebt der Verf., nachdem er in einem Vorwort den Begriff 
und den Sinn des Wortes Praetoriani und damit die Entstehung 
und der Ursprung der Leibgarde, die unter dies/m Namen seit 
Auflustus vorkommt, entwickelt, einen geschichtlichen , un<mtteU 



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100 Römische Literatur. 

bar aus den Quellen geschöpften Überblick dieses Instituts bis 
auf die oben in der Aufgabe selbst als Gränze bestimmte Periode, 
abgetheilt in zwei Abschnitte, wovon der erste bis auf Commodas 
reicht, der zweite die ungleich wichtigere Periode von Commo- 
dus bis Septimius Severus befafst, weil in dieser Zeit, besonders 
seit dem Tode der Antonine, der politische Einflufs und. die po- 
litische Wichtigkeit der Prätoriani und ihres Chefs sich eigent- 
lich entwickelte und ausbildete. Die weitere Geschichte, die uns 
die furchtbare Entartung dieses Institute und den frechen Über- 
muth dieser Satelliten bei jeder Gelegenheit zeigt, bis unter 
Constantin ihre Auflösung erfolgte, hat der Verf., als ausserhalb 
der Gränzen seiner Aufgabe liegend, nicht behandelt. Zur Ver- 
vollständigung und Vollendung des ganzen Bildes möchten wir 
wohl von seiner Hand auch die Erörterung dieser Punkte in gleich 
befriedigender Weise wünschen. 

An die historische Darstellung schliefsen sich Betrachtungen 
über den Grund und die Veranlassung des Entstehens dieser Art 
von Leibwache unter August, dann Angaben über ihre Anzahl 
unter den verschiedenen Imperatoren , welche alsbald deren Macht 
fühlen und selbst in Abhängigkeit von denselben kommen mufs- 
ten, seit jene in frechem Übermuth über alle Schranken der Ge- 
setze und des Lebens sich wegsetzend blos diesem Übermuth und 
ungestümer Willkühr sich überlassen konnten. Dafs in dieser 
Schilderung auch der Praefectus praetorio nicht übergangen ist, 
wird kaum zu bemerken nöthig seyn. Der Verf. schliefst seine 
Untersuchungen damit , dafs er aus der Geschichte dieser Leib- 
wache nachzuweisen sucht , wie die durch Augustus gegründete 
_ römische Militärherrschaft nach und nach in die einer Soldateska 
überging, die damit den Grund des Falls und Untergangs des 
römischen Reichs legte oder vielmehr beforderte, wie sich dies 
wohl kaum wird bezweifeln lassen. 



Zu der öffentlichen Prüfung und Redeübung, welche am 12. und 13. Sept. 
1836 in dem königl. Gymnasium und der Hedetchule zu Duisburg ge- 
halten werden sollen, ladet ehrerbietigst ein der Director Land/ er- 
mann. Duisburg 1836, gedruckt bei Schmaehtenberg u. Korschefsky. 
Inhalt: 1. Commentatio in Quintiliani Instit. orat. lib. X. 
c. 1. §. 104. 2. Schulnachrichten. 44 Ä in 4. 

Die vorliegende Abhandlung hat sich zu ihrem Thema die 
vielbesprochene und vielgedeutete Stelle Quintilian's in der Instit. 
orat X, i. §. 104. gewählt: »Superest adhuc et exornat aetatis 
nostrae gloriam vir saeculorum memoria dignus, qui olim nomi- 
nabitur, nunc intelligitur. Habet araatores nec imitatores ; ut li- 
bertas, nuamquam circumeisis , cjuae dixisset, ei noeucrit. Sed 
elatum abunde spiritum et audaces sententias deprehendas etiam 
in iis, quae mgnent. « Es ist bekannt, wie die Allgemeinheit die« 
ser Äusserung verschiedene Deutungen und Erklärungen hervor- 

/ 



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Literatur. 10t 

v fr 

rief, wer denn eigentlich hier gemeint tey, welchen Geschicht- 
schreiber Ouintilian hier vor Augen habe, ohne ihn ausdrücklich 
zu bezeichnen und mit seinem Namen zu nennen. Man dachte an 
Tacitus, was jedoch Andere bestritten, indem sie zugleich an» 
dere Namen von Geschichtscbreibern , welche in Quintilians Zeit 
zunächst fallen und hier gemeint seyn sollten , in Umlauf brach- 
ten , ohne jedoch ihre Ansichten oder vielmehr ihre Vermuthun- 
gen auch nur einigermaßen naher durch sichere und bestimmtere 
Beweise begründen zu können. Ref. will seine Lieser nicht mit 
Aufzahlung der verschiedenen Namen , die man hier geltend ge- 
macht hat, oder der verschiedenartigen Deutungen und Beziehun- 
gen dieser Stelle ermüden, zumal da er schon früher in der 
Rom. Lit Gesch. §. 2i3. not. a. Einiges darüber angeführt hat, 
was er jetzt noch mit Mehrerem Andern vermehren konnte, wel- 
ches indessen auch dem Herrn Vf. dieser Abhandlang keineswegs 
entgangen ist, der vielmehr am Anlange seiner Untersuchung die 
verschiedenen Deutungsversuche und Erklärungsversuche der Stelle 
sorgfältig durchgeht und prüft: woraus man denn freilich bald 
die Überzeugung gewinnt , wie ungenügend und unbefriedigend 
eigentlich alle die zahlreichen bisher angewendeten Versuche sind, 
den wahren Sinn der Stelle auszumitteln, um dann mit mehr Glück 
und Sicherheit eine weitere Vermuthung wagen zu können. Der 
Verf. schlägt daher einen andern Weg ein , den einzig sichern 
gewifs, der zu einem erspriefslichen Resultate führen konnte, in- 
dem er nämlich , ehe er über die Beziehung der Stelle sich irgend 
eine Deutung und Vermuthung erlaubt, den wahren Sinn und die 
wahre Bedeutung der einzelnen Worte* auf streng philologisch 

grammatischem Wege und mit besonderer Rücksicht auf den 
prachgebrauch und die Redeweise Quintilians, in einer sicheren 
und zuverlässigen Weise auszumitteln sucht, was die zahl- 
reichen Vorgänger mehr oder minder vernachlässigt, oder woran 
sie vielmehr nicht gedacht hatten. So zeigt sich denn z. B. 
dafs gleich der erste Ausdruck superest nicht mit Niebuhr und 
Andern in dem Sinne von superstet est: es lebt noeb, son- 
dern in dem Sinne von regtat , aufzählungsweise zu nehmen ist, 
dafs ferner die nachfolgenden, bei der weiteren Frage nach dem 
Sinn und der Bedeutung des Ganzen besonders in Betracht kom- 
menden Worte: libertas, elatus Spiritus, audaces sententiae, nicht 
sowohl auf den Inhalt des Vorgetragenen , als auf die Form des 
Vortrags, den rednerischen Ausdruck und Vortrag zu beziehen 
sind, keineswegs aber einen moralischen oder politischen Sinn ha- 
ben, zumal da, wie S. i3 f. ganz richtig bemerkt wird, Quinti- 
lians Beurtheilung und Kritik im Allgemeinen nicht sowohl auf 
den Inhalt der von ihm angeführten Schriftsteller, deren Moral, 
politische und andere Ansichten u. dgl. sich erstreckt , sondern 
rein formell, auf Darstellung und Vortrag sich bezieht, in wie- 
fern der junge Mann, der Schüler aus deren Lcctüre für seine 
rednerische Ausbildung, die damals den Mann allein machte und 
immer noch das einzige Bildungsmittel war, um im Staate zu 



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102 Römische Literatur. 

Ehren und Wurden, zu Ansehen and Einfluß) zu gelangen, Et« 
was gewinnen konnte. Da wir dem Vf. in seiner Beweisführung 
im Einzelnen nicht folgen können , so wollen wir wenigstens ans 
S. 21 die deutsche Übersetzung der Stelle anfuhren, wie sie nach 
den von ihm gegebenen Erörterungen und nach der Erklärung 
der einzelnen Worte mit Sicherheit sich herausstellt : » Noch bleibt 
zu erwähnen und vollendet unsers Zeitalters Ruhm ein Mann, des 
Andenkens der Jahrhunderte würdig, den man einst nennen wird, 
jetzt schon kennt. Er wird geschätzt, aber auch nicht nachge- 
ahmt, so dafs sein freier Styl ihm sogar geschadet haben mag, 
obgleich er beschnitten hatte, was er gesagt hatte. Aber erha- 
benen Schwung und gewagte Stellen findet man auch in dem, 
was bleibt« 

So weit wird man mit dem Vf. gern und auch sicher gehen 
oder vielmehr mit ihm gehen müssen , da Alles Einzelne wohl 
begründet, und die gegebene Übersetzung in dem wahren Sinne 
der Stelle durchaus gerechtfertigt erscheint. Die nächste Frage, 
wer aber nun der so charaklerisirte Historiker sey, läfst sich nur 
vermutungsweise beantworten und wird daher immer mehr oder 
minder problematisch bleiben. Der Verf. nämlich stellt hier die 
Verroutbung auf, dafs dieser so gerühmte Historiker kein anderer 
gewesen, als der Kaiser Domitianus, und er weifs auch ge- 
schickt S. 21 — a3 Alles das anzuführen, was für diese Vermn- 
thung sprechen und sie einigermafsen begründen konnte. Der 
Vorwurf einer wirklich übertriebenen und darum verächtlichen 
Schmeichelei würde dann freilich den römischen Bhetor noch in 
weit gröTserem Grade treffen, als wir dies bisher nach einigen 
in der Institutio oratoria vorkommenden Äusserungen thun zu Kon- 
nen glaubten , zumal da diese Äusserungen aus äussern Verhältnis- 
sen , wenn auch nicht gerechtfertigt , so doch einigermafsen ent- 
schuldigt werden konnten, was indefs bei vorliegender Stelle, 
wenn sie wirklich auf Domitian zu beziehen ist, schwerlich mög- 
lich wäre. — Eine klare Entwicklung des Gegenstandes, eine 
fliefsende und classische Sprache macht die Leetüre der Abhand* 
long sehr angenehm. 



Index Lcctionum in Acadcmia Turiccnsi inde a die XXVll mensis Jprilis 
usque ad diem XXV meniie Septcmbri$ MDCCCXXXV h abend ar um. 
Intunt Jo. Caep. Orellii Symbolae nonnullae ad historiam philolo- 
giae, adjectU duobus Poggii epittolis. Turici, es offieina Ulrichiana 
MDCCCXXXV. 82 S. in 4. 

Dieses Programm enthält interessante Mittheitungen aus den 
Schriften , namentlich aus den Briefen einiger ausgezeichneten 
Humanisten des fünfzehnten Jahrhunderts, auf den Fund einiger 
der bedeutendsten römischen Schriftsteller und deren Kritik be- 
züglich, begleitet von dem Herausgeber mit manchen kritischen 
und literarhistorischen Bemerkungen, die den Werth dieser Mit- 



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theilungen nicht wenig erhohen. Zuerst Einiges aus den Briefen 
des Gasparinas Barzigius aus Bergamo (1870 — 143t), über 
Cicero's Bücher Deoratore; dann folgt Mehreres aus den Briefen 
des Florentiners Poggi , dessen Anwesenheit auf dem Costnitzer 
Concilium bekanntlich die Veranlassung zur Auffindung des bis 
dahin nur stückweise bekannten Quintiiianus und einiger andern 
römischen Classiker gab. Herr Prof. Orelli hat aus den Briefen 
des gelehrten Mannes die interessante Nachricht über den Fund 
des Oaintilianus zu St. Gallen abdrucken und diesem Abdruck 



weitere erklärende und ergänzende Bemerkungen folgen lassen, 
die sich z. B. unter Anderm auch über das Schicksal der durch 




Poggi zu St. Gallen entdeckten und jetzt nicht mehr dort vor- 
findlichen Handschrift verbreiten und es wahrscheinlich machen, 
dafs Poggi durch welche Mittel auch immer den Codex an sich 
gebracht, der jetzt bekanntlich in der Laurentiana zu Florenz 
sich befindet, weshalb Ref. auf Bandinis Catalog II. p. 382 f. 
▼erweist Die spater nach Zürch gekommene Handschrift des 
tyuintilian (von der uns Herr Prof. Orelli in dem andern , dem- 
nächst anzuführenden Programm 8. 18. 19 Nachricht giebt , nebst 
einem Fac Simile) ist es in keinem Fall gewesen; sie mochte wohi 
dem Poggi nicht unter die Augen gekommen seyn, was bei der 
schlechten Verwahrung der Handschriften »in teterrimo rjuodam 
et obscuro carcere , fundo scilicet alieujus turris , quo ne cajutalis 
qoidem rei damnati detruderentur « wohl denkbar ist. 

Aber aimch* über die anderen merkwürdigen Funde des ge- 
sntiners , der bekanntlich so glücklich war , einen 
larcellinus, Asconius Pedianus, Calpurnius Siculus, 
Firmicus, Frontinus, Petronius, Valerius, Mehreres 
von Cicero u. s. w. aufzufinden , verbreiten sich die belehrenden 
Miüheiiungen des Hrn. Prof. Orelli, der bei dieser Gelegenheit, 
veranlalst durch einige Angaben Poggi's über die von ihm gefun- 
denen Handschriften des Plautus, seine Ansicht über die kritische 
Behandlung dieses Autors mittheilt, die wir um so mehr hier 
anführen wollen, da wir bei Gelegenheit der Ausgaben des Bac- 
chides von Herrn Prof. Bitsehl dieses Punktes mehrmals gedacht 
haben. Herr Prof. Orelli nämlich nimmt eine vierfache Abstufung 
oder Classification der Handschriften des Plautus an ; vor 1429 
seyen in Italien blos Handschriften der acht ersten Stücke gewe- 
sen, welche nun die erste Classe (A) bilden, zu welcher auch 
die Wolfenbüttler Handschrift bei Bothe gehöre. Im Jahr 1429 
kam nach Rom der Codex Nicolai Treverensis mit sechszehn 
Stücken , indem vier Stücke (Curculio, Casina , Cistellaria, Fpi- 
dicus) fehlen , deren Lesart sich auf die Autorität der ersten Classe 
A stützt; eine Abschrift dieser oder einer ähnlichen sey die Pfal- 
zische (jetzt Heidelbergische) Handschrift, welche die 19 letzten 
Stücke enthält, und somit dieser zweiten Familie (B) angehört 
(ob wohl auch die andere grofsere, noch in Born befindliche alto 
Pfälzische Handschrift?); eine dritte Classe (C) bilden die nach 
»4*9 geschriebenen Codd. und die Editt. prineipes , gemischt aus 



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104 Komische Literatur 

den beiden andern Classen oder aus A und B. Eine vierte, ei- 
gene Classe bildet das Ambrosianische Palimpsest. Was demnach 
für die Kritik des Plautus nun zu thun sey , spricht der Verf. in 
folgenden Worten aus S. 9 : » Sed nulla prorsus Plauto Salus ferri 
potest, nisi xpfocc ejus de integro instituta erit. Ante orania 
opus est, ut praestantior aliquis codex veteris Plaut i (A) fidel iter 
exprimatur , eique varietas solorum faroiliae A Codicum subjunga- 
tur: idem faciendum in familia B, ut si fieri potest, investigetur 
Cod. Treverensis postea Ursinianus vel saltem Optimum aliquod 
ejus exemplar. Benovandus, quantum ejus condicio patietar, Co- 
dex Ambrosianus Palimpsestus idemque separatim edendus: inqui- 
rendum deinde, utrum in quattuor fabulis prioribus exstent Codd. 
aec. XV et Edd. vett. mixtum ex familiis A et B contextoro ex- 
hibentes: tum denique in editione vere critica e trium familiär um 
A B D varietat e (nam familiae C nulla fere est auetoritas) et e 
conjecturis V. V. D. D. nova recensio artis legibus satisfactora 
constitui poterit. Vides igitur minimum quattuor editiones di- 
plomaticas requiri , priusquam nepotibus nostris Plauti lectione 
vere f rui licebit. « Diese Worte können immerhin zeigen , wie 
viel noch für die Kritik des Plautus zu thun ist und wie wenig 
Ersprießliches im Ganzen hisher noch dafür geschehen ist, wenn 
man von den bereits genannten Versuchen des Hrn. Prof. Bitsehl 
und Einigem Andern absieht. In wiefern es möglich seyn wird, 
den oben gestellten Anforderungen in ihrem ganzen Umfange zu 
genügen, mag die Zeit lehren; immerhin aber wird es gewifs 
fruchtbringender und ersprießlicher seyn , bei der Kritik des Plau- 
tus vorerst mehr auf die Handschriften und zwar auf die älteren 
zu sehen, als dies bisher der Fall war, und den von Hrn. Prof. 
Orelli bezeichneten Weg einzuschlagen , nicht aber in Verviel- 
fältigung der bisherigen Textesabdrucke und Wiederholung der 
alten Ausgaben Zeit, Kräfte und Mittel zu verschwenden. 

Auch über die vorgeblichen Hoffnungen des Poggius, einen 
ganzen Livius oder Cicero De republica oder des Plinius Werk 
über Deutschland und die darin geführten Kriege der Römer, 
zu gewinnen und irgendwo aufzufinden, erhalten wir in diesem 
Programm noch einige weitere Mittheilungen; den Schlufs bildet 
ein erneuerter Abdruck der beiden herrlichen, in ihrer Art ge- 
wifs unübertrefflichen (darum wohl auch von Shepherd in dem 
Leben des Poggi p. 58 (T. der französischen Übersetzung wort- 
lich aufgenommenen) Briefe desselben Poggi, von denen der 
eine die letzten Schicksale des Hieronymus von Prag auf eine in 
der That erhebende, und im Ganzen, mit wenig Ausnahmen, par- 
teilose Weise erzählt , der andere aber eine äusserst anmuthige 
Schilderung des Lebens in den warmen Bädern zu (Schweizerisch) 
Baden, des gemeinschaftlichen Badens daselbst, der dort üblichen 
Unterhaltung und Belustigung u. dgl. m. enthält , die zumal aus 
der Feder eines Italieners gewifs recht anziehend für uns ist. 



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DM nächste Programm zu den Winter Vorlesungen (i835 — 
i836) enthält von demselben Verfasser und unter demselben Ti- 
tel : Index Uctionum etc. etc. 

I. M. Tullii Ciceroni* in P. l'atinium Interrogatio. 11. Specimen Codd. 
Turicensium et Kinsicdlensium. Turici ex offxc. Ulrickiana MDCCCXXXF. 
22 £ und 8 S Faaimile'* der Handechriften. 

Dieses Programm läfst sich in seinem ersten Abschnitte als 
ein Nachtrag zu der auch in diesen Blättern (i836 pag. qo3 ff.) 
angezeigten Ausgabe einer Auswahl von Reden des Cicero be- 
trachten, in welche die Vatiniana nicht aufgenommen werden 
konnte. Dann soll aber auch dieser erneuerte und berichtigte 
Abdruck der genannten Bede als Probe einer neuen, minder um- 
fangreichen , aber desto berichtigteren Ausgabe der Werke Cice- 
ro's , welche der um diesen Schriftsteller so hochverdiente Kriti- 
ker beabsichtigt, gelten. Benutzt zur Gestaltung des Textes wur- 
den ausser den in einem Programm vom Jahr 1 834 enthaltenen 
Bemerkungen Madvigs zu dieser Bede und den darin gleichfalls 
mitgetheilten Varianten einer Pariser Handschrift, eine Berner, 
die der Herausgeber aufs neue verglich , ferner die Erfurter und 
Vaticana und die Ascensiana Editio v. i53i. Unter dem so be- 
richtigten Texte stehen die Abweichungen von Ernesti und die 
Lesarten der genannten Handschriften, auch wohl mit einzelnen 
Bemerkungen begleitet , unter denen wir nur beispielshalber auf 



aufmerksam machen wollen. Auf den Abdruck' der Rede folgen 
Nachrichten über eine Anzahl alter und wichtiger Handschriften 
zu Zürich (wohin sie zum Theil von St. Gallen aus gekommen 
sind) und zu Einsiedfen , aus dem achten , neunten und den fol- 
genden Jahrhunderten. Diesen Nachrichten sind auf vier grofsen 
Quartblättern trefflich ausgeführte Facsimile's der in diesen Nach- 
richten aufgeführten und beschriebenen Handschriften beigefügt. 



Das dritte Programm oder der Index Lectionum für das 
Sommersemestcr i836 enthält 

Jo. Caep. Orcllii Lcctiones Petronianae. Turici, es oßteina Ul- 
_ riehiana MDCCCXXXVL 28 S. in 4. 

Es sind genaue Zusammenstellungen verschiedener Lesarten 
des Petronius, begleitet mit kritischen Bemerkungen und Verbes- 
serungsvorschlägen, die bei einem Autor, für den seit der Mitte 
des vorigen Jahrkunderts in kritischer Hinsicht gar Nichts ge- 
schehen ist , und der in Sache wie in Sprache so manche Schwie- 
rigkeit darbietet, doppelt erfreulich seyn müssen, zumal da Herr 
Prof. Orelli sich nicht zur Herausgabe eines Pal ronius, wie wohl 
zu wünschen wäre, entschlossen hat. 




von Partes d. i. Actien, 



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106 Römische Literatur. 

Hern Dr. G. IS. A'Iau»cn, Professor und Rettor des königl Chri- 

slianeum in Altona etc. , am 22. Mai 1836 gewidmet von Dr. K. L. 
Struvc, Director dee altstädtischen Gymnasium in Königsberg. Kö- 
nigsberg, gedruckt in der Uartung'schen Hof buchdruckerei. 15 8. 8. 

AU einen Nachtrag zu der durch eine gleiche Veranlassung 
hervorgerufenen (i836) S. 725 ff. dieser Jhrbb. angezeigten Schritt 
glauben wir auch dieses Programm nennen zu dürfen, das neben 
den personlichen Beziehungen zugleich einen wissenschaftlichen 
Gehalt durch die Bemerkungen erhalten hat, die der Herr Vf. über 
eine Anzahl Horazischer Stellen beigefugt hat, deren Unächtheit 
hier mit Bezug auf die bekannte Recension Peerlkamps bespro- 
chen wird. So wird als eine solche Stelle, die bei näherer Be- 
trachtung als unächt, mithin als untergeschoben erscheint , Od. 
IV, 8, 17. bezeichnet; als verdächtig werden ferner bezeichnet 
die Strophen IV, 4, 18 — 22. III, 17, 5 — 8. III, 11, 17—20. 
I, 2, 9 — 12 oder III, 4, 69 — 72; sie enthalten meist historische 
oder mythologische Notizen, die seit Horatius Schulautor gewor- 
den und in die Hände gelehrter Grammatiker gefallen war , leicht 
eingefügt werden konnten , eben darum aber auch , unbeschadet 
des Sinns und der Verbindung, wieder ausfallen können. Ein 
solches, weiteres Einschiebsel wird denn auch in Od. IV, 4» 61 
— - 65. erkannt. 

Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch nachträglich auf die 
schone Rede aufmerksam machen , welche derselbe Herr Verfasser 
am Jubelfeste der Obergabe der Augsburgischen" Confession am 
26. Juni i83o gehalten und welche später als Einladungsscbrift 
zu den Prüfungen des Altstädter Gymnasiums (Honigsberg i833. 
32 S. in gr. 4.) im Druck erschienen ist. Inhalt und Form zeich- 
nen diesen Vortrag in jeder Hinsicht aus. 



Dbcr den Strafsenzug der Peutin gersehen Tafel von Vindonissa nach Sa- 
mulocenis und von da nach Regino. Von August Pauly, Professor 
der alt. Lit. am Ober- Gymnasium zu Stuttgart, des königl. wärtemb, 
Vereins f. Vaterlandskunde ordentl. und d. archdol. Vereins zu Rotvoeü 
corresp. Mitglied. Stuttgart, gedruckt bei d. königl. Hof- u. Kanzlei- 
buchdruckern , Gebrüder Mäntler. In Commission der Metzler'schen 
Buchhandlung. 33 5. in gr. 4. JVe6tt einer Karte. 

Der Gegenstand, den diese Schrift behandelt, gehört zu de- 
nen, welche, ihrer eigentümlichen Schwierigkeit wegen, vielfach 
in der neuerer Zeit die süddeutschen Alterthumsforscher beschäf- 
tigt , ohne jedoch zu einem befriedigenden und sichern Resultate 
bisher geführt zu haben ; denn es galt hier , einen Strafsenzug , 
dessen Anfangs- und Ausgangspunkte allein sicher waren , eine 
Strecke von wohl hundert Meilen hindurch im Einzelnen nachzu- 
weisen, während die auf jenem Strafsenzuge, wie ihn die Peutin- 
gersche Tafel angibt , verzeichneten einzelnen Orte innerhalb der 
beiden bemerkten Endpunkte, keineswegs in ihren Benennungen 



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irgend eine Ähnlichkeit mit jetzigen Orten in dieser Richtung 
darboten, noch weniger aber alte Denkmale der R5merzeit selbst 
nns Ton diesen Orten Kunde geben oder nur auf eine nähere und 
sichere Spur der auf diesem Strafsenzuge nach den einzelnen Di- 
stanzen bezeichneten Orte fuhren konnten. Die natürliche Folge 
davon war, dafs man sich durch Verrauthungen zu helfen suchte, 
die aber, eben weil sie der festen und sichern Basis ermangelten, 
meist mehr oder minder verunglückt ausfallen mufsten und den 
Gegenstand selber in der That fast mehr vet wirrt und verdun- 
kelt, als aufgebellt haben. Um so nothiger war daher eine neue 
Prüfung und eine streng kritische Untersuchung des GcgensUn- 
des, die auf fester und sicherer Grundlage, das Unsichere und 
Ungewisse ausscheidend, damit zugleich das, was nach den vor- 
handenen Forschungen und nach aufgefundenen Resten römischer 
Bauwerke als sicher und wahr sich zur Erläuterung des auf jener 
Tafel angegebenen Stralsenzugs herausstellt, nachweise, und die 
wissenschaftliche Forschung so bis auf den äussersten Punkt führe, 
von wo aus nur durch die Ergebnisse neuer Funde der Gegen- 
stand weiter fortgeführt und aufgeklärt werden kann. Eine sol- 
che Untersuchung haben wir durch die vorliegende , den Gegen- 
stand allerdings erschöpfende Schrift erhalten, insofern nicht neue 
Thatsachen , aus dem Schoofse der Erde hervorgerufen , neue 
Aufschlüsse über das bringen werden, was der Verf. nach den 
vorhandenen Daten als problematisch ausscheiden und damit dem 
Reiche der Verrauthung uberlassen mufste. 

Der Verf. zeigt uns zuvörderst, wie und warum die bis- 
herigen Versuche, jenen StraPsenzug in der jetzigen Localität 
aus/u mittel n und nachzuweisen, schon darum scheitern in nisten, 
weil sie von durchaus falschen Voraussetzungen ausgingen, wie 
dies z. B. bei Mannert der Fall war, der, gleich Andern, von 
dem Satze ausgehend, dafs die Donau Gränzflufs der römischen 
Herrschaft gewesen, diesen Strafsenzug auf der rechten Donau- 
seite suchen wollte, und sich dadurch zu grundlosen Annahmen 
genöthigt sah , oder in Widersprüche sich verwickelte , die auf 
das ganzlich Verfehlte v und Mifsglückte des Versuchs hinreichend 
aufmerksam machen konnten. Weit richtiger sahen die, welche 
diesen Strafsenzug auf der linken Seite der Donau suchen woll- 
ten : wefshalb der Verf. auch das Verdienstliche der Forschungen 
eines Herrn v. Stichaner, Leichtlin, mit Gebuhr anerkannt bat. 
Des Letztern Untersuchungen waren es, die den Grund weiterer 
Forschung legen mufsten : denn er hatte nachgewiesen , dafs von 
Windisch aus die nordliche Richtung nach dem Neckarthale ein- 
zuschlagen war, über Burg bei Zurzach , Stühlingen , Hüfingen 
in die Nähe von Rottweil , wo die Arae Flaviae nun nach so 
reichen Entdeckungen nicht mehr zu bezweifeln sind ; dann wei- 
ter zu dem von Leichtlin nur geebneten, jetzt ebenfalls urkund- 
lich bestätigten Samulocennis , d; i. Rottenburg. Die weitere 
Strecke von da nach Regensburg ward muthmafslich bestimmt 
und daher auch manchen Einwürfen ausgesetzt. 



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108 Römische Literatur. 

Ungeachtet dieser Bestimmungen verliefs man nachher wie- 
der diese Bahn; Herr Prof. Pauly sucht deshalb insbesondere die 
entgegengesetzte Ansicht Oken's zu widerlegen , die zu ähnlichen 
Widersprüchen und Unrichtigkeiten wie Mannert's Meinung fuhrt, 
und es zeigt seine Widerlegung dieser Ansicht zur Genüge, dafs 
der auf der Peutingerschen Tafel angegebene Strafsenzug von 
Yindonissa oder Windisch nach Reginutn nicht den directen Ver- 
bindungsweg zwischen beiden Orten darstellen konnte, zumal für 
die wirkliche Donaustrafse die Zahl der Millien zu bedeutend ist 
und dabei auch das auf der Tafel nicht genannte Augsburg nicbt 
fuglich umgangen werden konnte. Man mufs also einen Bogen 
nördlich von der Donau schlagen und der oben bezeichneten, 
von Leichtlin schon bestimmten Richtung bis Samulocennis folgen, 
dessen Existenz durch neue Funde in der Nähe des heutigen Rot- 
tenburg am Neckar ausser Zweifel gesetzt ist. Bis hierher un- 
terliegt die Richtung des Zugs keinem weiteren Zweifel ; von da 
aber bis Reginum oder dem diesem zunächst liegenden Iciniacum 
(Itzing) sind wir auf Muthmafsungen beschränkt, da von Rotten- 
burg drei Strafsenzüge auslaufen, die sich bei Bopfingen vereini- 
gen und weder Alterthumer , an Ort und Stelle aufgefunden« 
noch Ähnlichkeiten der heutigen Ortsnamen mit den auf der Tafel 
angegebenen, uns hier mit Sicherheit auf die wahre Strafse fuh- 
ren können. Grinarione in dem heutigen Kannstadt zu suchen, 
hat gcwifs Manches für sich , mehr , wie wir glauben , als wenn 
man in die Nähe von Pforzheim zurückgehen und in den in des- 
sen Nähe entdeckten romischen Niederlassungen den Ort suchen 
wollte. , Nur neue Funde, die wir hoffen und wünschen, werden 
über diese Punkte ein befriedigendes Licht zu weifen und unsere 
Zweifel zu läsen im Stande seyn. 

Ref. hat , indem er die Hauptrcsultate dieser gründlichen und 
darum so befriedigenden Untersuchung in der Kürze angedeutet 
bat, Manches Andere übergangen, was man in der Schrift selber 
näher und nicht ohne manmebfache Belehrung nachlesen wird. 
Dahin geboren auch die Bemerkungen und Ansichten des Verfs 
über das merkwürdige Document selber, das die Veranlassung zu 
der ganzen Untersuchung gegeben hat, S 27 ff» Er hält nämlich 
nicht Viel auf Mannerts Gründe, wornach die Abfassung der Peu- 
tingerschen Tafel oder vielmehr des Originals , wovon diese die 
Copie ist , unter Alexander Severus fallen soll ; er hält es über- 
haupt nicht leicht für möglich, das Alter der Tafel zu bestimmen, 
da Altes und Neues auf merkwürdige Weise zusammengetragen 
sey; indefs sey es ihm wahrscheinlich, dafs die Tafel einer Zeit 
angehöre, wo die Donau Reichsgränzc gewesen: eine Ansicht, 
die wir, anderer Ansichten über die Zeit der Abfassung der Ta- 
fel zu geschweigen (s. meine Rom. Lit. Gesch. §. 327), mit der 
von Eichhorn (Deutsche Staats, u. Rechtgescb. I. p. 114 der 4. 
Ausg.) aufgestellten Behauptung nun zusammenhalten , dafs näm- 
lich die Tafel die Gestalt, in der sie auf uns gekommen, nicht 
früher als in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts habe 



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Uoroi.che Literatur. 



erhalten können, und dafs sie in eine Zeit gehöre, wo das römi- 
sche Vorland in Germanien schon aufgegeben worden. Übrigens 
hält Herr Pauly die Tafel nicht sowohl für eine Landkarte , als 
vielmehr für eine Tabelle in Form einer Landkarte, und darum 
hält er auch Mannerts Behauptung , dafs wir in der Tafel eine 
Copie der auf Befehl des Augustus durch genaue Messungen zu 
Stande gebrachten grofsen Reichskarte besäfsen, für unwahrschein, 
lieh oder vielmehr für unverträglich mit der gegenwärtigen Be- 
schaffenheit der Harte, indem aus den Aufnahmen der Romer 
gewifs eine bessere Landkarte, als die, welche wir jetzt besitzen, 
voll von manchen groben Fehlern und Irrthümern , hätte hervor- 
gehen können. Er sagt S. 29 : » Das Verfahren der Letzlern ist 
kein, die Gegenstände verzeichnendes, sondern blos ein andeu- 
tendes. In die allerdings sinnreich angelegte, aber höchst seltsam 
in die Lance gezogene Länderconstruction worden nun, so gut 
sichs thun lief» , Distanzen aus den vorhandenen Itinerarien ein« 
getragen und die Orte ohne sorgfaltige Vergleicbung mit ihrer 
wirklichen Situation oder ohne Kenntnifs derselben, angesetzt.« 
Mannerts Annahme unterliegt allerdings manchen Bedenken, wäh- 
rend andrerseits es sich wohl erklären läfst , wie man , nachdem 
schriftliche Itineraria , eine Art von Guides zu militärischem Ge- 
brauche zunächst bestimmt, und die Entfernungen der einzelnen 
Stationen von einander angebend, aufgekommen waren, dann auch 
weiter darauf verfiel , diese Ortsverzeichnisse mit ihren Entfer- 
nungen auf eine Art von Karte einzutragen, die das Ganze noch 
mehr zu versinnlichen und zu veranschaulichen fähig war. Vgl. 
Krause in Büschin gs wochentl. Nachrichten IV, 4. p. 235. 

Für das beigegebene nette Kärtchen, auf dem alle alten, 
römischen Strafscnzüge durch Schwaben genau angegeben und 
alle Orte , die sicheren sowohl als die unsichern und bezweifelten 
(durch besondere Zeichen kenntlich) möglichst genau verzeichnet 
sind , hat man dem Verf. alle Ursache zu danken. 



Die beiden 

Karten der westlichen und östlichen Hälfte des Römischen Hcichs 
mit beigefügten ' Warnen der neuen Geographie, von Dr. Georg Lau- 
teschläger, Grofsh. Hess. Hofrath. Verlag von C. W. Leske in 
Darmstadt. 

kann Ref. als ihrem Zweck entsprechend, als nutzlich und brauch- 
bar beim Unterricht in der alten Geographie (wo solcher beson- 
ders ertheilt wird) oder zum Privatgebrauche bei der Leetüre 
der Alten empfehlen : wozu die jedem Orte beigefügten jetzigen 
Benennungen gewifs recht dienlich sind. Stich und Ausführung 
der Karte auf Steindruck ist sehr befriedigend ausgefallen. 

Chr. Bäh r. 



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MATHEMATIK. 



Des Apollonius von Perga zwei Hücker vom Ferhältnifsichnltt (de sectione 
rationis). Aus dem Lateinischen de* IIa Hey übersetzt und mit Anmer- 
kungen begleitet und einem , Anhange versehen von August Richter. 
Mit 4 Tafeln Figuren. Elbing , Druck und Verlag von F. W. Neu- 
mann-Hartmann. 1836. 8. XXXU u. 143 S. 

Die Schrift des Apollonias de sectione rationis ist nicht in 
der Ursprache , sondern nur in einer arabischen Übersetzung er- 
halten. Der codex ins., der diese Übersetzung mit mehreren! 
andern enthält, gehörte früher dem bekannten Gelehrten Seide- 
nus, und kam 1659 mit den übrigen Ms s. dieses Mannes durch 
Schenkung in die Bibliotheca Bodleiana zu Oxford. Dies ergiebt 
sich aus dem Catalog die er Bibliothek (Oxonii, 1697, toi.) , io 
dem die Handschrift S. i5-, Nr. 3 140 mit der Inhaltsangabe: 
v Apollonius de Sectione linearum secundum proportionem , cum 
aliis scriptis Mathematicis, Arab. « aufgeführt wird. Aus dem 
Umstände, dafs Seldenus den Codex besessen hat, darf man wohl 
rückwärts schliefen , dafs die Handschrift eine lange Zeit in den 
Händen der Orientalisten war , und so ist es nicht zu verwun- 
dern, dafs die Mathematiker über den Verlust der Apollonischen 
Schrift klagen konnten , während sie sorgfältig aufbewahrt wurde. 
Unter den Mathematikern war Eduard Bernard (geb. i638, gest. 
1697) der erste, der von dem Vorhandenseyn der Handschrift 
Kenntnifs erhielt und zugleich die zur Benutzung ndthigen Sprach- 
Kenntnisse inne hatte. Bernard war schon im J. 1668 nach Lei- 
den gereist , um von einer dort befindlichen arabischen Hand- 
schrift des 5ten , 6ten und -u-n Buches der Kegelschnitte des 
Apollonius eine lateinische Übersetzung zu verfertigen ; welches 
Vorhaben jedoch nicht zur Ausführung kam, wohl deshalb, weil 
er von der Übersetzung derselben Bücher, welche Ravius in Kiel 
am diese Zeit drucken liefs (sie kam 1669 heraus) Nachricht er- 
halten hat. Desto erfreulicher mufste für ihn, nachdem er 1673 
alt Professor der Astronomie nach Oxford gekommen war, der 
Fund in der Bibl. Bodlei. seyn ; er machte sich auch daran , eine 
lateinische Übersetzung der Schrift auszuarbeiten, liefs jedoch, 
nachdem er kaum den zehnten Theil übersetzt hatte, die Sache 
wieder fallen. Dies mufs schon vor 1684 gewesen seyn : denn 
schon einige Zeit vorher hatte Bernard alle Freude an der Astro- 
nomie und Mathematik verloren und der Theologie sich zugewen- 
det ; und uro 1684 legte er endlich seine Professur nieder. Nach 
•einem Tode (1697) kamen seine Papiere in die Bibl. Bodleiana, 
und dadurch war die angefangene Übersetzung gerettet. Ein 
Fortsetzer wollte sich jedoch nicht sobald finden : denn Gregori, 
dem Bernards Arbeit übergeben worden, liefs es bei einigen 
Verbesserungen bewenden. Endlich kam jedoch Edmund Halley 
(geb. i656, gest. 1742), welcher nach VVallis's Tode 1703 die 
Professur der Geometrie in Oxford erhalten hatte, an die Sache. 



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III 



Dieser, ein rüstiger Geist, der uberall mit kräftiger Harn] an- 
und eingriff, wo er nfitzen konnte, lief» sieb durch den € bei- 
stand, dafs er erst das Arabische lernen mufste, and sich durch 
die Schwierigkeiten eines schlecht geschriebenen Codex dm abzu- 
arbeiten hatte; nicht abhalten, sondern übersetzte die noch feh- 
lenden neun Zehntheile, verbesserte, wo im Codex Fehler, er« 
gänzte, wo Lücken waren, und gab das Ganze 1706 heraus. 

Diese Apollonius-Halley'sche Arbeit giebt Herr Richter in 
einer deutschen Übersetzung. Obwohl man den Gedanken, des 
Griechen Arbeit treu wiedergegeben zu finden, völlig aufgeben 
mufs, so mochte die deutsche Arbeit dennoch als eine willkom- 
mene Gabe zu begrüTsen seyn , aus der zweifachen Ursache : weil 
aus den Gründen, welche Hallt- v , und nach diesem Herr Richter, 
für die Acht hei t des Werkes anfuhrt, das wenigstens mit Zu ver- 
siebt anzunehmen ist, dafs man das Werk des A pol Ion ins der 
Hauptsache nach habe ; und weil die HalJey'sche Übersetzung nur 
sehr schwer zu bekommen ist. Es wird jetzt jedem , dem es 
um eine historische Ausbildung zu thun ist, leicht möglich, über 
den Gegenstand und die Behandlungsweiso sich zu unterrichten, 
und dies genügt. 

Wenn in einer ebenen Fläche zwei gerade Linien gegeben 
sind, in jeder derselben ein Punkt, und ausserhalb derselben, 
aber in der ebenen Fläche, noch ein dritter Punkt festgesetzt ist, 
und wenn durch diesen dritten Punkt eine gerade Linie angenom- 
men wird, welche den zweien anderen begegnet, so ergeben steh 
in erstem zwei Linien zwei Segmente, jedes von dem festgesetz- 
ten bis zum Durchschnittspunkte gerechnet. Die Gröfse dieser 
Segmente ist von der Lage der dritten oder schneidenden Linie 
abhängig, wenn alles übrige, einmal festgesetzt, unverändert bei- 
behalten wird. Deshalb kann eine Reihe von Aufgaben, welche 
bestimmte Bedingungen für die Lage der dritten Linie enthalten, 
aufgestellt werden, z. B. : die dritte Linie so zu ziehen, dafs das 
Produkt aus den zwei Segmenten, als Ausdruck für den Inhalt 
eines Rechtecks genommen , einem gegebenen Rechteck gleich 
werde; oder: die dritte Linie so zu ziehen, dafs das Verhältnifs 
der zwei Segmente einem gegebenen Verhältnifs gleich werde ; 
oder : die dritte Linie so zu ziehen , dafs irgend eine (bestimmt 
zu nennende) Function der zwei Segmente einer gegebenen ent- 
sprechenden Gröfse gleich werde. Die zweite der hier genann- 
ten Aufgaben ist der Gegenstand der vorliegenden Schrift. 

Behufs der Auflösung betrachtet Apollonius viele einzelne 
Falle , deren Unterscheidung sich leicht darbietet , zugleich aber 
auch ein sicheres Mittel ist , um nichts zu ubersehen und der 
Gefahr auszuweichen , allgemeinen Sätzen eine weitere Bedeutung, 
als logisch zulassig ist , beizulegen. Hinsichtlich der Lage der 
zwei gegebenen Linien sind zwei Fälle möglich: die parallele, 
und auch jene Lage, bei welcher ein Durchschneiden stattfindet; 
weiter ist rucksichtlich der zwei Punkte, welche in den Linien 
Torausgesetzt sind, eine Mannichfaltigkeit von Fällen untersebeid- 



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112 



Mathematik. 



bar; dazu kommt noch die Möglichheit verschiedener Stellungen 

des dritten Punktes, und endlich in jedem Falle die Möglichkeit 
mehrerer Lagen für die schneidende Linie. Die Einzelnbeiten 
dieser grofsen Mannigfaltigkeit hält nun Apollonius dadurch fest, 
dafs er das Ganze in verschiedene Aufgaben vertheilt und bei 
jeder Aufgabe wieder die einzelnen möglichen Fälle anfuhrt. 

Ausser dem Texte hat Herr R. auch Halley's Anmerkungen 
in der Übersetzung raitgetbeilt. Unter diesen sind besonders jene 
wichtig, in welchen Halley das von Apollonius behandelte Pro- 
blem nochmals vornimmt und die Gesammtheit der Einzelfalle 
auf drei reducirt. 

Zugleich hat Herr R., der schon bei der Wiederherstellung 
der Apollonischen Schrift de sectione spatii seine .Bekanntschaft 
mit der Metbode der Alten dargethan hat, uberall, wo es nÖthig 
schien, eigene Bemerkungen beigefugt, theils zur Berichtigung, 
theils zur Ergänzung. Dafs er dabei einen interessanten Beitrag 
zu geben unterlassen, soll hier zwar ausgesprochen, jedoch ihm 
nicht zum Vorwurf gemacht, sondern nur in der Absicht erwähnt 
werden, damit irgend jemand vielleicht zum Versuche einer Aus- 
fuhrung Veranlassung nehme. Nämlich das Problem, wie es Apol- 
lonius gefafst hat, ist ein specieller Fall; allgemeiner genommen 
müfste es so gestellt werden: Es sind zwei gerade Linien, die 
nicht in einer Ebene liegen, und in jeder derselben ein Punkt 
gegeben; ausser den Linien ist noch ein dritter Punkt gegeben, 
und ein Verhältnifs : man soll durch den dritten Punkt eine Ebene 
legen, welche die zwei Linien so schneidet, dafs das Verhältnifs 
der Segmente dem gegebenen Verhältnifs gleich ist. Die Auf- 
losung dieses Problems, rein geometrisch und einfach gehalten, 
ohne Calcul, wurde natürlich auch die Auflosung des Apolloni- 
schen Problems enthalten , und es wäre ein höherer Vereinigungs- 
punkt für eine grofsc Masse von Einzelnheiten gefunden, anderer 
interessanter Gegenstände nicht zu erwähnen , die sich dabei not- 
wendig darbieten würden. 

M iille r. 

» 



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N\8. 1JEIDI I BERGER . i887. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

t * 

- 

Die Religion der Römer nach den Quellen dargestellt von J. 4, Bar- 
tun g. Erster Theil Erlangen, bei Palm und Enke. 1836. XVI und 
320 S. Zweiter Theü. Ebendas. 1886, mit dem Register. 298 & gr. 8. 

Der Zusatz: »nach den Quellen dargestellt« enthält die Erklä- 
rung der Unabhängigkeit von den Vorarbeitern. Und wirklieb 
sind die wenigsten Hilfsmittel auch nur erwähnt, z. B. das ältere 
Werk des Dallaeus de cultibus religiosis Latinorum Genf 1671. 
Benjamin Constant Du Polytheisme Romain Paris 1 833. 2 Voll., 
Spangenberg de veteiis Latii reügionibua Güttingen 1806; Frand- 
sen Haruspices, Berlin i8a3; Thorlacius de privatis Romanorum 
sacris, Kopenh. 1823 ; Jaekel de Diis domesticis priscorum Italo- 
rum, Berlin i83ö. Doch da der Verf. sich nun einmal blos an 
die Quellen halten wollte, so will ich darüber mit ihm nicht 
rechten ; — wohl aber Tragen > warum er doch auf diesem dun« 
kelen Gebiete , wo jeder Lichtstrahl willkommen seyn mufs, meh- 
rere neugewonnene Quellen grofsentheils gar nicht oder sehr 
sparsam zu Rathe gezogen ? — wie die Werke des Fronto , die 
Mythographi Vaticani , die von Ph. Ed. Huschke zu Breslau 1829 
zuerst edirten und trefflich erläuterten: Incerli auctoris Magistra- 
tuum et Sacerdotiorum eipositiones ; des Jo. Laurent. Lydus Bü- 
cher de magistratibus rei publicae Rom.; dessen Fragmente de 
• ostentis; und warum er desselben Autors Buchlein de mensibus 
vett. Romanorum lange nicht gehörig benutzt bat , dessen ziem- 
lich neuer Verfasser doch manche von ihm selbst angeführte äl- 
tere romische Schriftsteller, die uns abgehen f excerpirt hat. 

Zu dieser beschränkteren Quellenbenutzung gehört auch die 
Vernachlässigung der bildlichen Denkmahle, deren Einsicht . 
heut zo Tage doch so sehr erleichtert ist. Auf dem jetzigen 
Standpunkt der Alterthumswissenschaft ist es doch wohl fast all- 
gemein anerkannt, dafs Archäologie und Mythologie untrennbar 
sind, und dafs eine Betrachtung altclassischer Religionen und 
Culte, welche die bildlichen Monumente von der Hand weiset, 
sich selber nicht nur der sinnlichen Anschauung, sondern auch 
einer Fülle von Aufklärungen beraubt, die allein von dorther zu 
gewinnen sind. 

XXX. Jahrg. 2. Heft. 8 



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114 Härtung : Religio» der Römer. 

Doch abgesehen von diesen Beschränktheiten mofs an on- 
serm Verfasser eine höchstlöbliche Selbstständigkeit, Terbanden 
mit grofser Wahrheitsliebe , gepriesen werden. In Wahrheit , 
Herr H. ist ein Selbstdenker, und sein Forschungsgeist kennt 
keine Autoritäten. Nirgends wird mit Vorliebe irgend einem 
grofsen Namen gehuldigt , sondern eine und dieselbe Notabilität 
der neuern Philologie gewinnt jetzt seinen Beifall , ein andermal 
trifft sie sein unumwunden ausgesprochener Tadel. Eine so männ- 
liche Unabhängigkeit verdient alle Ehre, und Ref. erweiset sie 
ihr mit wahrer Freude; und wenn er das Verdienstliche dieses 
Werkes, wo nicht im Ganzen, so doch in manchen Einzelheiten 
gern und willig anerkennt, so furchtet er Ton einem solchen 
Schriftsteller hinwieder auch den Verdacht oder Vorwurf der 
Partheilichkeit oder unreinen Absichtlichkeit nicht, wenn er sich 
ganz freimutbig im Voraus darüber erklärt, dafs er mit vielen 
Grundsätzen und Ansichten des Vcrfs. , ja mit dem Geist und 
Tone seines Buches grofstentbeils sich nicht vertragen kann. 

Herr H. ist ein tüchtiger Grammatiker , und hat davon in 
mehreren nützlichen und werthvollen Schriften bundige Beweise 
geliefert. Wenn er aber nun die Förderung der Mythologie und 
Religionsgeschichte zu sehr in blos grammatischen Forschungen 
sucht, so giebt dies seinem Buch eine grofse Trockenheit, die 
gegen die lebendige und seelenvolle Art, womit solche Gegen- 
stände behandelt seyn wollen, sehr unangenehm absticht. Mit 
den Zangen der Grammatik lassen sich wohl Gotter- und Heroen- 
namen und Cultusformeln ans Licht der Welt ziehen; aber am 
jene Wesen nun auch zu beseelen , sie in sprechende Handlang 
za versetzen , dazu gehören andere Kräfte. Solche aus Beseelung 
der Natur und aus den Bedurfnissen des Herzens geborne Wesen 
der antiken Religionen sollen vom Mythologen aus den Elementen 
jener Natur und aus der Denk- und Sinnesart der Vorwelt, die 
sie geglaubt und angebetet , aufs Neue ins Leben gerufen werden« 
Dazu gehört eine Gewandtheit des Geistes, ein Reproductiont- 
vermögen, eine Assimilationskraft, wie ich sie in diesem Buche 
mit Bedauern vermisse. Mit dem Heruberziehen von Parthien 
aus den sogenannten romischen Antiquitäten und mit der . : i leser- 
lichen Beschreibung von Cultushandlungen , wie sie hier, zum 
Theil sogar aus der Compilation des Maternus von Cilano , gege- 
ben werden , treten uns die Personalitäten des römischen Pantheon 
noch nicht anschaulich gegenüber; und ist uns noch nicht gehol- 
fen , wenn wir nun auch das Walten jener italischen Junonen and 



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_ 

Härtung : Religion Je* Römer * Hft 

das geisterhafte Leben und Thun jener Laren * und Penaten be- 
greifen, ja, so so jagen, mitempfinden wollen. 

Dies bangt mit einer andern Beschränkung zusammen, wo- 
durch sich der Verf. um viele Mittel einer tiefeien Erkenntnif» 
gebracht, indem er nämlich das Latinisch - nomische Religionige. 
biet von dem Etruskischen fast gänzlich abscheidet. Er gehört 
nämlich auch zu der in Deutschland jetzt ansehnlichen Classe der 
Neuerer, d. b. solcher Alterthnmsforscher, welche vermeinen, 
nicht für originell und selbständig gehalten zu werden, wenn sie 
irgend einen Einflufs des Orients auf griechische Länder und 
Dinge, und wenn sie Verzweigungen morgenländischer Götter- 
wesen, Mythen und Cultushandlungen mit den abendländischen 
anerkennen. Demgemäfs wehret auch unser Verf. jeden Gedanken 
an die ursprungliche Verschmelzung ägyptischer, phonicischer, 
pelasgischer und hellenischer Elemente mit den italischen hart- 
näckig ab, — während er doch andererseits sich recht empfäng- 
lich zeigt für die Aufnahme mancher Ergebnisse der neuesten 
orientalischen Sprachforschungen, und verschiedentlich Latinisch- 
Römische Worte und Namen aus dem Sanskrit herzuleiten nicht 
verschmähet. Überhaupt ist eine idlosynkratische Neigung zum 
Etymologisiron ein recht eigentlicher Charakterzug des Verfs. — 
Belege dazu werden sich im Verfolg, bei Betrachtung einzelner 
Sätze, ergeben. 

Denn genug im Allgemeinen , dessen weitere Ausführung ich 
absichtlich fallen lasse, einmal weil damit, wie die Sachen auf 
diesem Felde jetzt stehen, doch nicht viel ausgerichtet ist, und 
weil ich nicht schon wieder als ein Cicero pro domo zu sprechen 
scheinen jnöchte. Deswegen begnüge ich mich, Diejenigen, wel- 
che unsers Verfs. Grundsätze im Allgemeinen kennen lernen und 
sie mit meinen obigen Ausstellungen controliren wollen, auf fol- 
gende Stellen des ersten Theils dieses Werkes zu verweisen: 
I. S. 30. ia3. I. 244 ff. 280. 237 — 240. 269. 273 — 277. 279, 
294 fT. 3i2 ff. 

Mit Grondansichten des Herrn H. hängt die Behauptung zu- 
sammen , dafs Symbol nicht Bild, sondern Zeichen oder 
Pfand sey. S. 14 sagt er (und schon in der Vorrede S. VII f. 
hatte er diesen Satz eingeschärft): »Doch haben sie (gewisse 
Gelehrte) bei aller Sorgfalt, mit der sichs Einige derselben an- 
gelegen seyn liefsen, den Begriff und die Anwendung des Bildes 
zu erörtern , und die Bilder der Religion .von andern Bildern zu 
unterscheiden, nicht beachtet, was das Lexikon einen jeden lehrt, 



* 

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1 J 

116 . Härtung: Religion der Römrr. 

dafs nämlich das Wort ovpßoXov gar nie und nirgends Bild , son- . 
dern immer und überall nur Pfand oder Zeichen bedeutet. Der 
Unterschied zwischen beiden ist aber, mein' ich, sehr grofs. Denn 
das Bild wird durch einseitige Wahl geschaffen oder erhören, 
und durch einseitige Deutung errathen, das Zeichen aber beruht 
auf Einverstä'ndnifS oder Übereinkunft. « Um vom Letzteren zu- 
erst zu sprechen , so Sagt Aristophanes der Byzantier von Privat- 
gastfreunden , ifii6$evoi — an Herodiani Partitiones p. 286 Bois- 
son.): «welche vermittelst Siegeln und andern Symbolen 
mit einander verkehren können, ot xal 9tä fKppayldav mal ak- 
X&v avp$6X®v aXXtfXou, tivvavxui o^iiXtlv). Nun ist doch wohl 
ein Siegel etwas Bildliches, es zeigt uns beim Anblick ein Bild, 
und doch rechnet es der Scharfe Grammatiker durch den Beisatz 
andern zu den Symbolen. Ferner, ein Siegelbild ist doch wohl 
eine Sache der einseitigsten und eigensinnigsten Wahl, und doch 
wird es nicht blos einseitig gedeutet, sondern beiderseitig, vom 
Schreiber des Briefs und vom empfangenden Gastfreund, erra- 
then und anerkannt. — Wie vertragen sich hier mit des Verls. 
Definition Logik und Grammatik ? Ferner faeifst es , die Orphi- 
sebe, d. i. die alttheologische Lehrart sey symbolisch gewe- 
sen ; d. h. bildlich , wie wenn die sich selbst aufnehmende Schlange 
als da« Bild der Ewigkeit gebraucht wurde; wenn in derselben 
Lehrart der Begriff der sich unaufhörlich verjüngenden Zeit in 
verschiedenen Momenten, der Entstehung und des Bestandes, als 
* die Geburt und das Wachsen einer Schlange mit verschiedenen 
aus dem Zodiakus entlehnten Thiertbeilen aufgefafst wurde, so 
hief» das erstere dta avytßöXav , das letztere diu pt&iic&ly ovp- 
ßoXav lehren. (Proclus in Theolog. Piatonis I. 4. p. 9. Suidas 
in 'Op(pev<; und Eudocia Violar. p. 3i8.) Sind dies keine Bilder? 
ist dies keine bildliche Lehrart? — Aber, wird man einwen- 
den , von den Pythagoreern heifst es doch , und zwar zur Unter- 
scheidung von den Orphikern und Andern , sie hätten 9t6t t®v 
tlxnvav, durch Bilder, gottliche Personen und Dinge darge- 
stellt; wo also das Bildliche nicht mit: ovpßoXinmq oder mit Sia 
ovpßoXap bezeichnet wird (Proclus a. a. O.). — Es wird nicht 
damit bezeichnet , weil hier von der mathematischen Construction 
im Baum die Rede ist, wodurch die Pythagoreer Begriffe und 
selbst theologische Begriffe anschaulich machten , z. B. die Mut- 
ter der Gotter (Rhea) durch die mathematische Fignr des Cubos. 
Wenn aber dieselben Pythagoreer die beiden Bären am Polarkreis 
die Hände der Rhea nannten , so bemerkt Aristoteles (apud Por- 



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Hartwig Religion der Römer. • 117 

phvr. de Vit. Pythag. §. 41. p. 4a. Kust.), das sey symbolisch 
(avußoAixoc) — das heilst doch wohl bildlich oder sinnbildlich 
T gesprochen. Und wenn des Aristoteles Schüler Aristoxenus 
meldet, die Pytbagoreer hätten durch die Bohne (xrcm< ; >) einen 
gewissen Theil des thierischen Körpers angedeutet , so sagt der 
lateinische Berichterstatter (Gellius N. A. IV. 11 p. 286 Gronov.), 
das sey operte et symbolice geredet, d. h. pvoTixa rpönio ovp~ 
ßoXtxdc (Porphyr, a. a. O.) das heifst bildlich auf verborgene 
Weise > indem nun noch eine weitere Belehrung dazu gehört, 
um einzusehen , warum jenes vegetabilische Gewächs zur Bezeich- 
nung eines organischen Korpertheiles gewählt worden. — Ich 
denke, dies wird hinreichen, den Vf. von der Nichtigkeit seiner 
vermeinten neuen Entdeckung zu überzeugen und ihn gegen sein 
Lexikon mifstrauisch zu machen. Gelehrte non trepidant circa , 
Leiica , wie J. A. Ernesti sagte , sondern sehen sich hübsch in 
den Autoren selber um. 

Nach allgemeinen Betrachtungen über Religion, die Motive 
des religiösen Glaubens und der Cultusarten wird der zweite Ab- 
schnitt mit einer Erörterung der Begriffe Numeo und Deus er- 
öffnet, und wir lesen S. 3i f.: »Deus ist meistens noch lange 
nicht so viel als ein Heiliger: denn die Seele des Verstorbenen t 
wenn sie den Leib verlassen hatte, ward nach Verrichtung ahn. 
ücher Ceremonien , wie bei der Apotheose der Baiser, deus ge- 
nannt: deus hiefs ferner der unsichtbare Geleiter jedes einzelnen 
Menschen , der ihm von oben beigegeben war: deus bezeichnet 
sowohl ein gutes als auch ein schlimmes Wesen.« — Hier wäre hei 
mehrerer Umsicht ein höherer Standpunkt zu gewinnen gewesen. 
Ich mufs jetzt. auf das, was zum Porphyr, de vita Plotini p. i3o 
ed. Oxon , und in einer Anmerkung Symbolik I. S. i56 f. dritter 
Ausg. bemerkt worden, verweisen. Hier will ich den Appuleius 
(nicht Apuleius, wie Herr H. S. 57 und öfter schreibt, s. Ruhn- 
ken. Praefat. ad Appuleii Metam.) sprechen lassen (de deo Socrat. 
Tom. II. p. 1&3 ed. Bosscha.) : — nomine Manem Deum nuneu- 
pant. Scilicet honoris gratia Dei vocabulum additum est. Quippe 
tantum eos Deqs appellant, qui ex eodem numero iuste ac pru* 
denter yitae curriculo gubernato , pro numinibus postea ab homU 
nibus prodiii fanis ac caerimoniis vulgo advertuntur : ut in Boeo- 
tia Amphiaraus, in Africa Mopsus etc., und wie der Verf. S. 57 
selbst bemerkt, war ja Labeo vorzüglich der Führer des Appu- 
leius in diesen Lehren. — Wenn Herr H. (S. 56) selbst auf diese 
ältere Quelle mit den Worten hinweiset : »Aus Servias ( Aen. 

4 



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118 « Härtung : Religion der Römer. 

III. 168) entnehmen wir, dafs der Rechtsgelebrte Labeo eine 
Schrift über die Götter, welche ihren Ursprang aas 
Menschenseelen haben [Ich fuge aus dem Originaltext, der 
hier wohl hätte mitgetheilt werden sollen hinzu : sie war De Diis 
animalibus betitelt] verfafst, and unter denselben die Laren sowohl 
des Hauses (penates [?] ) als auch der Strafsen ( viales) verstanden 
hatte « , so bemerke ich , dafs aus dieser Schrift des Labeo auch 
ohne Zweifel die Stelle des Jo. Laar. Lydus (IV. 1. p. 17« Roe- 
ther.) über den Februarius als Trauermonat entlehnt ist, denn er 
wird dort zwar nur im Allgemeinen als Gewährsmann genannt, 
die sacra dieses Monats besogen sich aber grofsentheils auf Tod. 
tendienst und Geisterwesen. Wenn der Verf. kurz darauf fort« 
fahrt: vA pule jus, welcher nach deutlichen Sparen die Schrift 
des Labeo vor Aagen gehabt hat, überliefert uns folgendes Sy- 
stem von Geistern der Verstorbenen : Jeder Geist eines Verstor- 
benen, welcher umgeht, ist ein leraur: wenn er friedlich und 
wohltbätig im Hause waltet und den Nachkommen Sicherheit 
und Seegen bereitet, so heifst er lar [Es heifst aber im Original 
de Deo Socratis p. 688 sq. p. 1 5a Bossch. : Ex hisce ergo Le- 
rn uribus, qui posterorum suorum cur am sortitus placato et quieto 
numine domum possidet Lar dicilur familiär is , und von YVohltha- 
ten und Seegen ist nicht die Rede. Seegen verleihen die Pena- 
ten , Sicherheit und Ruhe die Laren , der Familie der Lar farai- 
liaris, welches Beiwort der Verf. ganz weggelassen hat]; wird er 
vom Bewufstseyn seiner Übelthaten gepeinigt and rastlos unter- 
getrieben [vielmehr in anstätem Umherschweifen wie in einer Art 
von Verbannung, incerta vagatione , ceu quodam exilio] zum nich- 
tigen Spuk für die Guten und zar Qual der Bosen, so nennt man 
ihn [meistens, plerique] Larva: ist er endlich indifferent [wenn 
es aber ungewifs ist, welches Loos einen jeden von ihnen betrof- 
fen, cum vero incertum est, quae cuiqae eoram sortitio evenerit], 
so wird er zu den Manengöttern gezählt.« Enthält diese classi- 
sche Stelle ein System, wie der Verf. selbst mit Recht sagt, 
und sie ist ja auch, fuge ich bei, vom Martianos Capella (IL 
162 — 164, wo man jetzt die Anmerk. des Fr. U.Kopp p. 217 sq. 
nachsehe) aufgenommen werden, so hätte sie wohl schon an dem 
Anfange dieses Abschnittes, nämlich S. 43 an den Anfang des, 
Manes übersebriebenen , §. 4. gehöret. — Doch über die oft sehr 
unsystematische Anordnung wollen wir mit dem Verf. nicht rech- 
ten. Er fährt fort: »Die Laren unterscheiden sich von den ge- 
meinen Manen wie in der katholischen Kirche die Heiligen von 



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Härtung: Religion der Römer. 119 

den Seligen: denn diese geniefsen ihren Zustand nur für sieb, 
jener Verdienst ist so überschwenglich, dafs es auch auf andere 
überquillt, c Wie vertragt sich dies mit der obigen ersten Stelle 
des Äppnlejus, wonach das Deus dem Manis beigesetzt worden 
seyn soll, honoris gratia und um sie den durch Apotheose öffent- 
lich göttlich verehrten Menschen gleichzustellen ; und wie ver> 
trägt sich ein solcher Manis Deus mit dem obigen Satze des Vfs.:' 
»Deus ist meistens noch lange nicht so viel wie ein Heiliger« — ? 
Einen andern Satz unsers Vei fs. S. 42 : » Diese Annahme macht 
erstlich den Grund begreiflich, durch welchen Varro veranlagt 
werden konnte, den Bang der Semonen so niedrig zu stellen« u. 
s. w. findet der ausserdem mit Herrn H. in diesen Punkte über- 
einstimmende Klausen (de carmine Fratrum arvalium Bonn. i836 
p. 04 ) bedenklich ; und ich verweise den Vf. überhaupt auf des- 
sen Äusserungen über die Herabsetzung des Varro. 

Es ist oben angedeutet worden, dafs in dieser ganzen Er- 
örterung ein Hauptpunkt verfehlt, und die Bedeutung der Pena- 
ten und der Laren nicht gehörig gesondert ist. So manches Gute 
und Richtige der Verl. (1. S. 60 f. vgl. S. 3oo und II. 49) über 
die Haus- und Stadt-Laren , von den Örtlichkeiten ihrer Vereh- 
rung, vom Juppiter Hercius, von heretum, heres und herus u. 
s.w. vorbringt, so hat er doch meines Bedünkens sich selbst den 
richtigen Einblick in diese Dinge durch hartnäckiges Abweisen 
aller griechischen Worte und Sachen verdüstert Daher er auch 
(IL 49), nachdem er doch kurz zuvor aus Festus angeführt hatte: 
» Hercius Jupiter intra conseptum domus cuiusque colebatur, quem 
etiara 3euro penetralem appellabant« gleich darauf in einer An- 
merkung sagt : » Vielleicht hat die lat. Form ursprünglich nicht 
Hercius sondern Hortius gelautet, und ist erst durch Vermengung 
mit ifxtlot in Hercius umgewandelt worden.« Hier stört ihn die 
juristische Formel de familia berciscunda so wenig wie andere 
Dinge. Es gebort die Vergleich ung mit der gesammten antiken, 
namentlich altdorischen ond jonischen Hausreligion dazu , um hier 
das Rechte zu treffen. Der Zets Ipxetoc hatte als Schutzgott 
neben dem schützenden Heros dem lar familiaris manchmal 
allerdings am kqxiov 9 an dem Zaune oder an der Ringmauer 
des Hauses sammt dem Hofe , seinen Altar , manchmal aber 
auch im Innern einer Kapelle, wie z. B. im Pandrosium. Doch 
hat Dionysius (A. R. I. 67. p. 169 Reisk.) die römischen Penaten 
richtig mit den ütoiq J pX fio#« der Griechen zusammengestellt; 
und wie die Bedeutung des Schutzgottes solchen Göttern ihren 



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120 Härtung i Religion der Römer. 

Platz am epxoq, oder k^nioy anweiset, so mufs sie folgerichtig 
dem Zeus- Juppiter als Penaten auch einen Altar im Innern des 
heiligen Hauses anweisen ; und darum nennet Festus a. a. O. den 
Juppiter Hercius auch Deus penetralis. Da ich hier in ausfuhr- 
liche Erörterung nicht eingehen bann, so verweise ich der Kurze 
wegen auf Stuarts Altert Immer von Athen I. p. 472. 481. 498 f. 
der deutsch. Übers, auf die Commentatt. HerodotL I. p. a32 sqq. 
und auf Raoul-Rochette Lettre a M. Panofka in den Annales de 
l'Institut de Francs III. p. 4i5 sqq. S. 61 beifst es: »Die lares 
praestites hüteten sowohl die Wohnungen als auch die Strafsen 
und Kreuzwege , nach dem doppelten Geschäfte aller Laren , so- 
wohl daheim als auch ausserhalb die Angehörigen zu beschützen. 
An diesen zwei Laren wird man um so gröfsere Ähnlichkeit mit 
den Dioskuren gewahren u. s. w. « Hier hätte man nun aber 
auch die verschiedenen Angaben des Nigidius (beim Arnobius III. 
41. p. i33 Orelli) über die Laren erwarten sollen; wo es heifst : 
»In diversis Nigidius scriptis modo tectorum domuumque custo- 
des, modo Curetas illos, qui occultasse perhihentur Joris aeribus 
aliquando vagitum , modo digitos Samothracios , quos quinque in- 
dicant Graeci Idaeos daetylos nuneupari.« obschon wir keines- 
wegs diese Zusammenstellungen alle zu vertreten gesonnen sind. 
Von den Dioskuren aber berührt unser Verf. zwar (IL 273) die 
Sage von ihrer Erscheinung und darauf erfolgter Verehrung nach 
der Schlacht am Regillus. Dagegen läfst er sich (IL 3i) so ver- 
nehmen : » Der freieren griechischen Religioo genügten kaum 
zwei Zeussohne mit ihrem unendlichen Reichthum ?on Kämpfen 
und Heldcnthaten, wo wir die einseitige römische bei Einem He- 
ros (dem Herkules) und Einem Mythus sich beruhigen sehen.« — 
Aber die Römer hatten doch auch den Cultus der Dioskuren ; 
hatte unser Verf. die alten amykläischen und alt - samothrakisebeu 
Elemente in den latinisch -romischen Religionen ins Auge gefafst, 
so würde er einerseits den Grund gesehen haben , warum die Ro- 
mer auf eine solche Sage verfallen konnten , andererseits sich die- 
ser letzteren Bemerkung über Herkules enthalten haben, obschon 
wir gerne zugeben, dafs die Römerreligion nicht jene epische 
Ausbreitung wie die griechische hatte. Es ist hier nicht der Ort, 
über den inneren Zusammenhang der Einsetzung von zwei Con- 
suln mit dem Cult zweier Dioskuren u. s. w. zu sprechen. Auf 
jeden Fall hätten die Dioskuren in einem Buche über die römi- 
sche Religion ein Capitel verdient. — S. 64: »Bei derjenigen 
ehelichen Verbindung, welche coemptio hiefs, kam die Braut mit 



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Härtung? Religion der Römer. 121 

drei Kauf'schillingen ins Haus des Bräutigams : den einen gab sie 
dem Gatten, den zweiten legte sie auf den Herd der Haaslaren, 
den dritten auf die nächste Kreuzung der Gassen für die oft ent- 
liehen Laren, womit sie ihre Rechte symbolisch erkaufte. Nonias 
p. 53i Merc.« Von der juristischen Handlung der coemtio 
sagt Nonias kein Wort. Jene rechtliche Eheschliefsung, per aes 
et libram genannt, hatte einen ganz andern Hergang. Auch kaufte 
die Frau den Mann nicht, noch Rechte auf den Mann. Jenes Dar- 
bringen von 3 Asses war eine blos symbolische, zu den Hoch- 
zeitfeierlichkeiten (das Rechtliche gar nichts angehende) 
gehörige Handlung. Jene juristische coemtio war eine Form der 
in manum conventio. (Grupen de uxore Romana p. s3i sq. vgl. 
Gau Institutt Commentar. I. 110.) Auch widerspricht schon, was 
(IL 88) nach Plutarch (Quaest. Rom. c. io5 aus dem Varro) er- 
zählt wird, jenem angeblichen Kaufen. — Nicht blos die Hbch- 
zeitgebrauche , sondern die altrechtlichen Formen des Eheschlus- 
ses machen aber ein bedeutendes Moment in der Religion der 
Romer aas, und hatten in ihren Gründen Betrachtung verdient. 
Das gleich folgende (nach Cato de r. r. c. 1 43. I. 144 Schneider) 
lautet im Original vollständig so: »Kalendis, Idibus, Nonis, fe- 
stus dies com erit coronam in focum indat. Per eosdem dies 
Lari familiari coronam in focum indat (villica) « Die Kaienden, 
Idus und Nonen waren der Juno, dem Juppiter and den Laren 
geheiligte Tage. Der Neumond (nascens luna) war aber nach 
dem alten Kalender identisch mit den Kälenden (s. die Ausleger 
p. 83 d. Schneider and Torrentias zum Horat Odarr. III. 23. 2.) 
S. 65. Mit der Erwähnung der Opfer und Gebete der Arvalbruder 
mufs das Gebet (II. 146) selbst verbunden werden. An beiden 
Stellen hätte unser Verf. aus Foggini in Verrii Flacci fastos p. 
127 , Marini gli Atti des fratelli arvali II. 600 , Lanzi Saggio d. 
Ung. Etrusca L p. 142 sqq. viele Belehrung ziehen können. Jetzt 
findet Herr Klausen (de carmine fratrr arvall. pag. VI.) des Vfs. 
Erörterung ungenügend , und konnte sie wohl nicht anders finden. 
So ist z. B. von der Ceres einigemal die Rede (I. 47* H. 1 35 ff.) 
— aber warum ist denn von dem so bedeutenden und langbe- 
standenen Cult und Wesen der italischen Aqa, bei den Latinern 
Dea Dia genannt, gar nichts gesagt? worüber ich (ausser Sym- 
bolik IL 329—686. 880. 905 zweiter Ausg.) jetzt auf die Erör- 
terungen des Herrn Klausen in der angefahrten Schrift (p. 56— 
65) der Kurze wegen verweisen will. 



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IM Härtung: Religion der Homer, 

S. 66: »Satornus ist aber Herr der sämmtiieheo Geisler, 
gleichwie Jopiter Herr der Genien ist, und sein Name kommt 
gleich dem der Semonen von serere her. Denn auch Kpnvoc 
bedeutet keineswegs die Zeit (xpövo^), sondern ist vielmehr von 
creare — karomi [?] benannt: beide Namen bezeichnen den Ur- 
heber der Existenz.« Da der Verf. in den Berichtigungen alle 
diese Sätze ausgelöscht wissen will, so enthalte ich mich gegen 
ihn zu sprechen und verweise kurzlich auf raeine Erörterungen 
in diesen Jahrbb. 1837. Nro. 34. S. 539 — 54 1. Eben so hat der 
Verf. eine andere unglückliche Etymologie getilgt II. S. 
wo wir lesen: »Die Molae des Mars (Gell. XI II. 22. 1.) haben 
wir im ersten Tbeile (p. i3o) für Musen (Moai) erklärt: be- 
rücksichtigen wir indefs , dafs ein dem Mars sehr nahe stehender 
Gott von der Morserkeile, womit man das Getreide stampfte, 
benannt worden war, so scheint es uns nicht unmöglich, dafs sie 
mit der Muhle in Verbindung standen.« — Eine Vergleichung 
dieser Molae mit der Molione und den Molioniden oder Aktoriden 
wurde diesem Satze mehr Sicherheit und Ausbreitung gegeben 
haben, zumal wenn benutzt worden wäre was Herr Welcher und 
ich selbst (Symbolik II. S. 387 ff. ater Ausg.) über diese letzte- 
ren ausgeführt haben. Wir nehmen gleich mit , was ebendaselbst 
über die Gattin des Mars Nerio oder Neri na bemerk wird. Hier 
ist Jo. Laor. Lydus de menss. IV. 43. von ihm angeführt, und 
weil dieser und Andere diesen Namen aus dem Sabinischen in der 
Bedeutung fortis ableiten [man füge bei Lydus de magist ratibus 
Rom. p. 44 : Kai Ni?ap 6 ia^r^s tjj Zaßivmv so er- 

innert Herr EL an das indische nri und an das griechische av^pt 
Mann. Ich habe nichts dagegen, hätte aber doch eine Erläute« 
rung erwartet, ob jene Nerina mit der Minerva oder mit der 
Venus identisch sey. Letzteres läugnet Lydus , und thut sich auf 
einen Homerischen Vers, den er geltend macht, etwas zu gut, 
aus Unkunde samothrakischer Gotterordnung. Dies hängt mit 
zwei andern Stellen (II. 5 und I. i65) zusammen. An letzterem 
Orte heilst es: »Bei ausserordentlichen Veranlassungen aber hat 
man sehr feierliche Kissenbreitungen ( lecti sternia) für mehrere 
Gottheiten zugleich, deren Bilder an geweihten Plätzen (fana) 
paarweise auf die Polster gelagert zu werden pflegten, veranstal- 
tet. « Hier frage ich : » paarweise « aber wie,? und was kann man 
daraas über den Ursprung des altromischen Cultus für Folgerun- 
gen ziehen , z. B. dafs Venus wie in der pompa circensi mit Mars 
und nicht mit Vulcan verbunden erschien ? nämlich nach sauao- 



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Härtung t Religion der Römer. 123 

ihrakischer Gotterordnung. Ware dies erwogen worden, so 
wurde (II. 5) diese Verbindung von Mars und Venus ?om Verf. 
njcht als un römisch, sondern als uralt samothrakisch- romisch 
bezeichnet worden seyn. — Übrigens, um auf den ersten Punkt 
zurückzukommen , so waren noch weit mehrere gewagte Etymo- 
logien zu streichen gewesen; z. B. wer möchte wohl geneigt 
seyn die Ableitungen des Verrius Flaccus (Festus p. 509 Dacer.) 
silicernium ron silentium und cernere, welches den Vorstellungen 
der Alten von der Unterwelt so angemessen ist, oder die des 
Jos, Scaliger (a. a. O.) von selucernium (dX«x»*«f s. dessen Note) 
mit folgender des Herrn H. zu vertauschen (l iß): »In silicer- 
nium ist der zweite Bestandteil aus coesium geworden, und 
von coesna oder coena hergeleitet, der erste aber vielleicht 
aus situs unorganisch verändert. « ? — 

Zu S. L 68 und II. 16a, woselbst der Verf. seine Unabhän- 
gigkeit von den Sanscritgelehrten beweiset und über die oft 
schwankende Quantität in den Götternamen eine beachtungswerthe 
Anmerkung macht, verweise ich noch auf Servius ad Aen. I. 282: 
»Mars quura saevit, Gradivus dicitur, quura tranquillus est, Qi/i- 
rjmu«, womit man Martianus Capella I. 4 «nd 4& den 
Auslegern p. o3 ed. Kopp, vergleiche ; wie auch auf derselben 
Seite zu maniae und larvae denselben Martianus II. 162 sqq. mit 
p. 119 und K. O. Mullers Etrusker 11. 8. 101. — Ohne 8. 76 
der ans Dionysius Hai. (I. 68) mitgetbeilten Notiz von der Vor- 
stellung der Troischen Penaten: »immer zwei Junglinge im krie- 
gerischen Anzüge« geradezu widersprechen zu wollen, mufs ich 
doch auf eine ganz abweichende Angabe aufmerksam machen. 
In einem Scholion einer sehr alten Trierer Handschrift des Per- 
sius (zu Satir V. 81) fand ich: »Quia Gabino habitu cincti Pena- 
tes formabaotur , obvoluti toga super humero sinistro et dextro « 
Auch mit verschleiertem Hinterhaupte sind sie in den Bildern des 
Vatikanischen Codex des Vigilius und daraus in Miliin s Gallene 
mythol. pl. CLXXVI vorgestellt ; also togati , friedlich und prie- 
sterlich oder den verborgenen Gottheiten, wie dem Kronos-Sa- 
turnus ähnlich ; welche Nachweisung zum Beleg dienen mag, dafs 
die Religionsgeschichte der antiken Denkmahle der Bildnerei nicht 
entbehren kann. Zu S. 79 verweise ich, wegen der meteorolo- 
gischen und astronomischen Seite , von welcher die Penaten auch 
betrachtet wurden, wieder auf Martian I. 41 ™d ^ 45 wie auf 
K. O. Mullers Etrusker II. 81 f. Dort heifst es: »Qui Penatet 
ferebantur Tonantis ipsius«. NämHch nach diesem System 



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IM mrtun* f Religion der Römer. 

men unter den 16 Regionen des Himmels die erste ein: post ip- 
som Jovem dü Consentes, Penatet , Salus ac Lares, Janus, oper- 
tanei, Nocturnusque. « — Zu S. 81 oben bemerke man die In. 
sebrift bei Muratori: »Dibus Penatibus ob rem mililarem votum 
solyit T. A. Largus« vgl. des Marini fratelli Arvali p. 120. 

S. 68 f. erzählt der Verf. nach Virgilius (Aen. VII. 678) die 
Mythen von den dii Indigetes und vom Caeculus , und macht zu 
den Worten: »Zu Praeneste gab es Pontiüces und Dii indigetes 
so gut wie zu Rom. Es gab nämlich daselbst zwei Bruder, wel- 
che indigetes genannt wurden«, die Anmerkung: »Im Texte [des 
Servius] Heist es: erant etiam duo fratres, qui divi appellabantur. 
Allein der Zusammenhang zeigt deutlich, dafs enim oder autem 
für etiam [?] und indigetes für divi geschrieben werden mufs.« 
Hierzu bemerke ich: La Gerda zum Virgilius I. 1. wollte: digitii. 
Aber der Mythographus Vaticanus II. 184 hat divini und die In- 
terpretes Virgilii L I. ed. Ang. Mai haben : Varro a Dipidiis pa- 
storibus educatum , ipsique Dipidio nomeo fuisse et cognomentum 
Caeculo tradit libro , qui inscribitur Marius aut de fortuna. Hier- 
auf wird (S. 89) aus Solinus berichtet : » Praeneste ist laut den 
Piaen es tinischen Urkunden von Caeculus gegründet, den, wie die 
Sage geht, die Schwestern der Digitii neben einem zufälligen 
Feuer gefunden haben«. [Es mufs heifsen: zufallig neben einem 
Feuer, denn es mufs fortuito gelesen werden s. H. Grotius zum 
Martianus VI. 642.] Hierauf fährt der Verf. fort : Aber was sol- 
len hier die Digeti oder Digitii , womit die Romer die idäischen 
AgcxtüXoi zu übersetzen pflegen ? denn von diesen ist keine Spur 
in der latinischen Religion [? S. oben die Stelle des Nigidius bei 
Arnobius III. 41.] Offenbar mufs Indigetum geschrieben werden, 
welches Wort auch bei Arnobius und anderwärts mit Digeti ver- 
wechselt ist. [Aber die Codd. Palatini haben Digitorum sorores. 
Dagegen wollte Salmasius in Solin. p. 46 : Jgidiorum sorores, i.e. 
ieidiorum, otxidimv i. e. Lamm. Allein alsdann müTste es oeci- 
diorum heifsen, da die Lateiner von olxoq oecus bildeten. Ohne 
triftige Autorität mochte ich also Digitorum oder Digitiorum nicht 
ändern. Im Verfolg beschliefst dee Verf. seine Ausdeutung die- 
ses latinischen Mythus mit den Worten : » Caeculus ist sein Name, 
ein Name, der ohne Zweifel aus xcuo (caleo) gebildet ist, und 
dessen Bedeutung mit der Sage übereinstimmt, dafs die Flamme 
des Herd gottes ihn umleuchtet hatte.« Dieser Herleitung kommt, 
wie es scheint, Martianus zu Hilfe (a. a. O. p. 5a5 Kopp.): 
»Praeneste ab Ulyisis nepote Praeneste (conditum) , licet alii ve- 



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liot Caecollim conditorem , quem pignus asserunt fmsse ßamma- • 
rum.c Aber in der Beschreibung des Caeculus heifst es beim 
Servius (a. a. O. Tgl. die Mytbogr. Vaticc. 1. 84« H. 1Ö4. und die 
Interprr. Virgilii 1. 1.) : oculis minoribus, quam rem cfTicit fumus; 
— also die Alten dachten beim Caeculus an caecus , und in cae- 
cal ta fit (beim Festus p. 60 Daccr. ), wo das / erscheint, liegt 
die nähere Etymologie. Das Naturliche des genealogischen My- 
thos leidet darunter nicht; des Feuers Sohn ist der Rauch, und 
der hinkende Vulcanua hatte einen blinzelnden Sohn Caeculus 
ganz in der naiven Sprache der Vorwelt , welche naturliche Er- 
scheinungen in ihrem ursachlichen Zusammenhang personificirt ; 
and wenn die alten Pränestiner den Caeculus abgebildet haben, 
so haben sie ihn , in der Kunstsprache zu reden , o^paat peuv* 
xöai vorgestellt, wie wir auf alt - sicilischen Münzen die chtbo- 
nische Demeter - Ceres vorgestellt sehen. Wer endlich diesen 
mythisch- genealogischen Spuren weiter nachgeht, wird in einem 
von Flammen umleuchteten und halbblinden Sohn des Vulcanus 
einen Feuerarbeiter und demzufolge auch seine Verwandt- 
schalt mit den mythischen Digitis oder was einerlei ist AaxTvXoK 
nicht verkennen. 

S. 94: »Nehmen wir an, dafs novcnsides aus novc insidcs 
zusammengezogen sey, und im Gegensatz von indigetes, den alt« 
heimischen, die neu eingebürgerten Gotter bezeichne« In 
diesem Sate über die noyensiles stimmt Kopp zum Martianus p. 
94 mit Herrn H. uberein, mit der Bemerkung, dafs auch R. O. 
Müller (Etrusker II. 84) die Neunzahl zu bezweifeln scheine, 
aber auch wieder mit dem Beisatz: »modo eam voccm (noven- 
siles) Latinam putemus. « — Zu S. 96 f. über omen, ostentum, 
portentum , monstrum , prodigium wäre wohl das Büchlein de dif- 
ferentiis vocabulorum hinter den Werken des Fronto ed. Mediol. 
Ii p. 467 sq. zu vergleichen gewesen. '[ ^ 

**S. 110 heifst es von den Auguren: »Die Macht dieser Yrie- 
ster war sehr grofs. « Aber die Auguren waren keine Priester. 
In dem Schriftchen : Incerti auctoris roagistratuum et sacerdotio- 
rum expositiones p. 4 werden von den yerschiedenen romischen 
Priestern die Auguren abgesondert , und so bezeichnet : » Colle- 
giam augurum ordo hominum prudentum erat , qui prodigiis pu* 
biicis praeerant ; — eine Unterscheidung , welche der Herausge- 
ber Herr Pb. Ed. Husch he p. 187 sqq. gelehrt findet und selbst 
sehr gelehrt beleuchtet und bestätigt hat. — Auf der folgenden 
Seite mufs Z. 11 Cic. Philipp. II. 3a ergänzt werden. 



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Härtung» Religion der Römer 



S. 118 heifst es: »in dessen (des Krummstabs, lituas des Aa- 
gnrs) Gestalt in der That die Pflughrütnme nachgeahmt zu seyn 
scheint.« Hätte der Verf. sich in den bildlichen Denkmahlen 
anderer Völker umgesehen, so wurde er diese Vermutbung un- 
terdrückt haben; auch geben uns 'die Alten über den Ursprung 
und über die Gestalt des Lituus viel naturlichere Erklärungen, 
die ich zu Cic. de divinat. (I. 17. p. 82 — 84 ed. Moser.) ange- 
führt habe; .wo besonders die Stelle aus den neuaufgefundenen 
Bruchstücken der Rom. Gesch. des Dionysius von Halik. zu be- 
achten ist. Ebendaselbst (nämlich zu I. 41 p. 2o3 sq. Moseri und 
in der Symbolik II. S. 836 f. zweiter Ausg.) habe ich mich für 
eine Meinung erklärt, die auch, wie ich aus S. ia3 f. ersehe, 
die des Heern H. ist : » Um jene Kunst zu lernen , und sich nicht 
immer mit gedungenen Etruskern behelfen zu müssen, sandten 
die Romer einst in ganz früher Zeit in die einzelnen etruskischen 
Staaten entweder sechs oder zehn der vornehmsten Junglinge in 
Unterricht.« Für diesen Satz, dafs ehemals romische Junglinge 
in Etruskerstädte zur Unterweisung gesendet worden, bringt der 
Verf. in einer Anmerkung noch mehrere sehr triftige Grunde bei. 
Nun aber höre man, wie sich derselbe (t S. »4* ) vernehmen 
läfst: »Diese Nachricht (nämlich von jenen Absendungen römi- 
scher Jünglinge) ist jedoch sicherlich, wo nicht erdichtet [?], 
doch sehr übertrieben, da sich nicht einsehen läfst, was diese 
Junglinge, ausser der Opferschau, irgend von den Tuskern hat« 
ten holen können. Denn da deren Fortschritte in Kün- 
sten und Wissenschaften nicht beneidenswerth waren, 
so konnte blos ihre pedantische Genauigkeit und abergläubische 
Scrupulosität in Beobachtung von Ceremonien den Römern, wel- 
che an demselben Fehler krankten , nachahroungswerth scheinen.« 
Im Verfolg wird sodann der Einflufs jenes gegenseitigen Verkehrs 
auf die römische Religion als nicht so gar wichtig be- 
zeichnet und mit den Worten geschlossen: »Kaum Erwähnung 
verdient endlich dafs Mifszerständnifs , dafs die alten römischen 
Ritualbücher ganz oder zum Theil etrurbch (Festus p. 333) wohl 
gar in etrurischer Sprache verfafst gewesen seyen. « Ich sage da- 
gegen : Kaum Erwähnung verdienen solche Behauptungen , zumal 
heut zu Tage. Es sey also nur ganz kurz bemerkt, dafs die Bau- 
ten des ältesten Roms über und unter der Erde etruskisch wa- 
ren , dafs die Römer ihre ältesten Götterbilder gröfstentheils von 
den Etruskern erhalten hatten , die dit fictiles , neben andern 
Tcmpelgerathen , Insignien und Ornamenten , dafs die römischen 



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Härtung : Religion der Romer. y \ Ml 

Schriftsteller übereinstimmend den et russischen Eu>f1uiS«*uf ru- 
mischen Cult und römische Sittigung anerkennen , dafs die Etrus- 
ker ihre eigene Literatur hatten, zumal eine priesterliche, wie 
die Bücher des Tages u. a. beweisen, dafs, trotz der Vorherr- 
schaft des griechischen Mythus zumal des Heroenmythus , in den 
Bilderdenkmahlen der Etrusker sich noch eine Menge von Eigen- 
* thumlichkeiten zeigen , die auf nationalem Mythus und Cultus be- 
ruhen; wovon sich der Verf. hätte uberzeugen können, hätte er 
sich in den Monumenten umsehen wollen, die seit Dempster bis 
auf Micali , Inghirami u. A. besonders auch durch das römisch- 
archäologische Institut bekannt gemacht werden. — Sollte aber 
nun einmal die Religion der alten Römer durchaus als ganz ei- 
gen , originell und abgeschlossen vorgestellt werden , so mußten 
nicht nur fast alle orientalische und griechische Verzweigungen 
mit ihr geleugnet , sondern es mufste auch das tiefsinnige , eigen- 
thumlich in seiner Art durchgebildete und in Künsten erfahrene 
Volk der Etrusker als eine Schaar von Pedanten und peinlich- 
ängstlichen Kleingeistern dargestellt wurden. Durch solche Vor- 
urt heile hat sich der Verf. eine freiere Umsicht selbst verschlos- 
sen und sich des Gewinnes beraubt, den er aus der in neuerer 
Zeit durch K. O. Mullers u. A. Werke gewonnenen tieferen Kunde 
des Etrusker volkes hätte ziehen können. — Wir haben hiermit 
einen Hauptfehler dieses sonst in manchem Betracht brauchbaren 
Buchs bezeichnet, und mufsten ihn im Interesse der Wissen- 
schaft bezeichnen. 

Bei einem solchen Urtheile , das sich mir aus der Lesung 
dieses Buches gebildet, konnte es nicht fehlen, dafs ich an den 
Rändern desselben eine Menge von Fragezeichen machen mufste, 
die, wollte ich sie in wirkliche Zweifel oder Einwurfe verwan- 
deln , hinlänglichen Stoff zu einer eignen Schrift darbieten w (ir- 
den. Ich unterdrücke sie der Kurze wegen, und beschränke mich, 
das Weitere betreffend , auf einige Bemerkungen und Nachwei- 
sungen über Einzelnes: 

Bei I. S. 129 und 219 habe ich die Stelle des Festus p. 96 
(p. 217 Ducer.) aber auch noch eine zweite in Aemiliam gentem 
(p. 14 Dac.) verglichen, und mich von Bentley (Respons. ad Boyl. 
p. 188 Lips.) darüber belehren lassen, welcher dazu bemerkt: 
»Narrat enim Festus v. Aemiliam g. fuisse Pythagorae filium no- 
mine Mamercum ; quod formatum videtur e Dorico Mvdpapxoc«. 
Aber auch des Pythagoras Vater hatte diesen Namen. (S. meine 
Schrift: Zur Gemmenkunde S. i34-) — 8. i3o : »Einstimmig 



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128 Härtung : Religion der Römer. 

melden die Zeugen , dafs dies die cu maische Sibylle gewesen sey, 

deren Namen auf Maltea zurückzuführen, dergestalt dafs er mit 
Martea — Martia identisch wäre, ich grofse Lost hatte. « Diese 
Lust wurde ihm wohl vergangen seyn, hätte er den Sobrates ap. 
Stob. (Serm. LIV. p. 40g Gaisford) , den Jo. Laur. Lydus de mens«, 
p. iq3 sqq. ed. Roether mit den Noten, und besonders Bottigers 
Ausfuhrung in den Amalthea L S. 18 einsehen wollen. Diese Sy- 
nonymie der Sibylle mit Juppiters nährender Ziege Amalhea, die 
zum Sternbild und Vorzeichen geworden, leitet bei einer Weis- 
sagerin auf einen ganz andern Kreis von Anschauungen und Vor- 
stellungen hin. — Bei S. i5i über die Zeiteintheilung der Ro- 
mer verweise ich den Verf. auf Pb. Ed. Huschke's Abhandlung 
über die Stelle des Varro von den Liciniern, Heidelb. 1 835 S. 59. 
— Zu dem ganzen §. 4 von den Priestern mufste das bereits 
oben angeführte Büchlein Incerti auctoris Magistratt. et Sacerdo- 
tiorum Expositiones mit Huschke's Commentar zu Rath gezogen 
werden. — S. 157 (vgl. 1. S. 209 f. und II. S. 116): »Jede 
Gottheit hat ihre eigenen Priester, und alle Priester stunden un- 
ter der Aufsicht der Pontifices (Cic. Leg. II. 8.)« — Hier und 
dort war 1) zu zeigen, wie Religion und Staatsregierung sich bei 
den Römern zu einander verhielten ; 2) wie der Pontifex Maximus 
sich zu den Magistraten verhielt (s. Incert. auct. de Magistratt. 
p. 3 mit den Erörterungen Huschke's p. 121 sqq. vgl. meinen 
Abrifs der rom. Antiqq. p. 167 sqq. 2ter Ausg.); 3) wie in der 
römischen Hierarchie die Aufsicht und die Gewalt des Pontif. Max. 
über die Vestalinnen sich gestaltet hatte. Zu I. S. i58 und II. 
S. 267 bemerke ich, dafs Husch ke ad Incert. auctor. p. i36 sq. 
die Herleitung des Hamen von filum, filare sehr unwahrscheinlich 
findet, und wohl mit Recht — Derselbe neugefundene Schrift- 
steller (pag. 3 et 4) und sein Ausleger (p. 128 sqq.) hätten auch 
den Erörterungen (L S. 159. II. i63 und 267 f.) über den rex 
sacrificulus und namentlich über seine Verhältnisse zum Pontifex 
M. , über die Fetiales und den Pater patratus so wie über die 
Salier manche Erläuterungen und Berichtigungen an die Hand 
geben können. Bei I. S. 171 über den ludus Troiae würde der 
Verf. gaoz andere Aufschlüsse gewonnen haben, hätte er Raoul- 
Rochettes Monumens inedits, im Abschnitt Oresteide, nachgesehen. 

(Der Betchlufs folgt.) ' 

s 



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N°. 9. HEIDELBERGER 1837, 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR* 



Härtung , Die Religion der Römer. 

( Bcschlufs.) 

S. 207 f. Die Urtheile des Polybius (VI. 56) über die romi- 
sche Religion sind eine Aasgeburt des damals unter den Aufge- 
klarten und Weltleoten eingerissenen Euhemerismus , welchem 
entgegengetreten zu seyn wenigen andern, wie einem Arrianus 
und Plutarchus, desto gröfsere Ehre und Achtung sichert. — S. 
sis. Den Handel zwischen dem Pontifex M. Aemilius Lepidus 
und dem VolUstribunen Cn. Tremellius (Liv. Epitom. 47) hat neu- 
lich Herr Husch he zum Incert. auctor p. 122 sq. sehr lichtvoll 
dargeslel/t. — Zu 8. 2i3 oben von den Religionsurbunden ge- 
hörten die libri augurales im engeren Sinne nicht, wie die au- 
gures anch nicht Priester waren (s. oben). Es waren vielmehr 
hieratisch- wissenschaftliche Bucher, der disciplina Etrusca ange- 
hörig, und von den Römern aufgenommen. Das Fetialenrecht soll 
erst Ancus Martins eingeführt haben. — Zu S. 226 bemerke ich, 
dafs Herr Husche in der Abhandlung über posessio und posses- 
siones (Heidelb. 1 835) mit unserm Verf. in der Vergleichung der 
ersten röm. Konige nicht in der Etymologie der Namen überein- 
stimmt. Huschke sagt (S. 82) : » Dem Romulus gleicht wieder 
Tullus Hostilius, dem Nuroa , Ancus Martins, welche sämmtlich 
anch schon durch ihre Namen bestätigen, was die Geschichte 
bezeugt, dafs sie alternirend vom Römer- und Quiritenstamme 
ausgingen. — Numa Pompilius von vopoq und pompa ; Tullus 
Hostilius von tollere hostibus; Ancus (verwandt mit saneus, san- 
ctus) heiligte zuerst den Krieg durch das Fetialenrecht. Sein 
Name zeigt aber auch , dafs mit ihm der Gegensatz beider Stam- 
me erschöpft war, und anfing zusammenzufallen. « Ich lasse zwar 
auch diese Etymologien dahingestellt seyn , bemerke jedoch , dafs 
Herr Huschke wegen der Verwandlung des o in u auf die Ana- 
logie von vopoq (vöfu dp«) und dem dorisch- sicilischen vovppo^ 
numus, hätte verweisen können (Pollux IX. 79 Bentley Resp. ad 
Boyl. p. 41 5 und Ekhel üoetr. N. V. Prolegomm. p. II.) — S. 
226: »Dieser kleine Staat im Staate, oder die Famili«'ngemeinde 
hatte ihre eigenen Götter.« Hier hätte zur Verhütung irriger 
Vorstellungen gleich bemerkt werden sollen, dafs diese GotiheU 
ten der Sacra privata keine von denen der Sacra publica verachie- 
XXX. Jahrg. 2. Heft. 9 



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Härtung: Religion der Römer. 



dene waren; und über das Folgende (S. 227) hätte aas v. Sa- 
vigny's Abhandlung über die sacra privata der Römer viel Licht 
gewonnen werden können. 

Der siebente Abschnitt, betitelt: Geschiebte der romi- 
sehen Religion und schon §. 1: Charakter der r ö m. R e- 
lig. konnte einem Ref. reichen Stoff zu allgemeinen Betrachtun* 
gen über den Geist der röm. Religion darbieten. Da ich mich 
jedoch erst neulich im allgemeinen Theil der Symbolik und My- 
thologie (S. 120 ff.) auch mit Berücksichtigung der Vorlesungen 
über die Philosophie der Religionen von Hegel (II. S. i32 ff.) 
darüber ausgesprochen habe , so unterdrucke ich dieses im Allge- 
meinen , und bemerke nur nachträglich^ dafs seitdem ein geist- 
reicher und philologisch durchgebildeter Rechtsgelehrter diese 
Punkte berührt hat (s. Ed. Platneri Qaaestiones historicae de 
criminum iure antiqoo Romano Marburg. i836. pag. 21 sqq.), wo 
auch ein Satz Hegels gehörig eingeschränkt wird. Sodann über 
den angenommenen grofsen Wendepunkt in der romischen Sitten- 
geschichte (S. 219) und der religiösen Denkart seit dem zweiten 
punischen Kriege schliefse ich mich mehr der Meinung des Herrn 
Klausen (de carm. fratrr. arvall. pag. VI sq. und p. 3i sqq.) an: 
» lmo qaamdiu exstitit quisquam , qui iure suo Romami m se dice- 
ret , religionum, quas prisci instituerant Quirites , non omnino in- 
terisse potest conscientia et intellectus. « Wie wenig der grie- 
chische Mythus und Cultus in das römische Volk im Ganzen ein- 
gedrungen war, zeigen die Fasti des 0?idius jedem Unbefange- 
nen, ja wer sich in den Schriften des Augustinus, Lactantius, 
Amobius, Minutius Felix und anderer Kirchenschriftsteller um- 
sehen will, ja selbst noch in den Autoren des sechsten Jahrb. 
nach Chr. Geb., wie z. B. im Jo. Laur. Lydus, wird auf allen 
Blättern sehen können , wie fest der gemeine Mann in Rom und 
in den latinischen Orten, an den religiösen Örtlich keiten , an den 
heimischen Gottheiten , Genien und Heroen und an den Gebräu- 
chen hing, die ihm seit undenklichen Zeiten von den Altvordern 
überliefert worden waren. Ist doch Manches der Art bis auf den 
heutigen Tag in dem Sitze der katholischen Christenheit wie in 
Roms Umgegend aus dem Leben und den Gewohnheiten des Volks 
noch nieht ganz entschwunden, sondern behauptet, mit christ- 
lichen Vorstellungen und Gebräuchen vermengt, noch immer eine 
Art von Leben; worüber neuerlich/ der Engländer Blunt manche 
interessante Tbatsachen zusammengestellt hat 

Es wäre die Aufgabe einer eigenen 8chrift, wollte man in 



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Härtung : Religion der Römer. 131 

■ 

eine Epikrise der non folgenden Kapitel über die einzelnen 
Gottheiten der römischen Religion eingehen. Hier vermifst 
Ref. gerade am meisten jene poetische Kraft, die längst in den 
Hintergrand der Zeiten zurückgetretenen Personalitäten der alt- 
römischen Colte wieder in den Vordergrund hervorzurufen und 
in den Bereich unserer Anschauung zu stellen; und manche Par- 
teien, welche doch in Her lebendigen Sage ihre Local färben mit 
sich bringen , wie- z. B. der geniale Cultus und Mythus der Anna 
Perenna, erschienen ihm ziemlich farblos. 

11. S. 14 ff. Über die Bedeutung des Juppiter in der römi- 
schen Staatsreligion , seine irdische Repräsentation durch den 
Konig, den Vorsitzenden Consul , den triumphirenden Imperator, 
über die religiöse Seite des Triumphs u. s. w. wird der Verf. 
jetzt aus dem zweiten Theil der von Herrn Sillig redigirten Konst- 
mjthologie des sei. Böttiger manche Aufklärungen und Berich- 
tigungen schöpfen können. — 8. 59 über den Summanus ver- 
weise ich den Verf. auf Kopps Noten zum Martianus Capella II« 
161. p. st6 sqq. — S. 61, wo es vom Juppiter heifst: »Im 
Gegensatz zu den Todesmächten war dem Fürsten des Lichts die 
weifte Farbe heilig u. s. w. « , hätte aus Jo. Faur. Lydus (IV. 3. 
p. »5e Rother.) beigefugt werden sollen, dafs in dem sogenann- 
ten processus consularis einer der Consuln auf einem weifsen 
Rosse zum Capilolium hinaufreiten mufste. Auch bemerken die 
Kunstkenner, dafs die alten Lithoglyphen die Bilder des Zeus- 
Juppiter vorzugsweise in weifsen Chalcedon einzugraben pflegten. 
— S. io3 zu §. 6-: »Die Argecnopfer« vermifst man ungern die 
Benutzung von K. O. Müllers Abhandlung: Uber die Fragmente 
der Sacra Argeorum bei Varro de L. L. V. (IV.) 8. in Bätti- 
gers Archäologie und Kunst I. 1. 8. 69 — 94. — Ebenso möge 
der Verf. (zu II. S. i55) über den Mars-Silvanus jetzt Klausen 
de carm. fratrr. arvall. p. 36 — 43 einsehen; der ihm übrigens 
(zu S. 258) in Betreff der Erörterung über den Mutinus (p. 64) 
seinen Beifall bezeigt. 

Hiermit beschließe ich meinen Bericht über ein Buch , das 
ich, bei manchem Verdienstlichen, das es hat, und hei dem un- 
verkennbaren Fleifse, womit es bearbeitet worden, seinen Grund- 
sitzen und seinem Geiste nach nicht für ein gelungenes halten 
kann. Ich- glaube dies sine ira et studio auszusprechen , da ich 
mit dem achtbaren Verfasser in keinerlei Verhältnissen stehe, und 
mein Name in seinem Werke weder in Gutem noch im Büsen 
genannt ist. F r. C r e u % e r. 



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132 



Uotcrholzner : De raut. rationc Centt. Coraitt. 



C. A D. Unterholzner, de mittat a ratione Centwiatorum Comitiorum 
a Servio Tulllo Rege inititutorum. fratislaviae 1835. 

Es ist eine bebannte Sache, dafs die genaue Kenntnifs der 
Staatsordnung in der Periode der römischen Republik von der 
L6sung dieser in der neueren Zeit so oft und hier am neuesten 
aufgeworfenen Frage abhängt. Am auffallendsten ist es dabei, 
dafs die Meisten darüber einig zu seyn scheinen, dafs auch in der 
umgeänderten Centurienverfassung das Vermögen (die Schätzung) 
noch Bedeutung gehabt habe, aber Einige davon am Ende doch 
glauben, auf Livius I. 43. i. f. bauend, die Centurieneinrichtung 
sev später lediglich darin bestanden, dafs in jeder der 35 tribus 
eine Centurie seniorum und eine Centurie juniorum gezählt wor- 
den sey. Was soll hier die Schätzung bedeuten ? Hieher gehört 
z. B. unter den neuesten Büchern Dahlmanns Politik S. 4 2 « — 
Viel consequenter sind diejenigen , welche geradezu annehmen , 
auf die Schätzung sey in der späteren Zeit bei der Centurien- 
einrichtung Nichts mehr angekommen, und man habe von dem 
System der Centurien nur die Eintheilung in den ritterlichen und 
nichtritterlichen Stand, und den Unterschied der seniores et ju- 
niores beibehalten — die Classen seyen abgeschafft worden, und 
Alle von i Million Assen bis zu 4000 Assen seyen sich gleich ge- 
wesen. Diese Ansicht verlheidigt vorzuglich Niebuhr III. Bd. 
S. 382. Abgesehen davon, dafs das Wesen der Centurienein- 
richtung auf die Vermögens classen gerichtet und der Unter- 
schied des Alters nur secundär war, welcher letztere gewifs auch 
leicht gefallen wäre, wenn er nicht mit dem ersteren in Verbin- 
dung gestanden: abgesehen davon, dafs die römischen Schrift- 
steller selbst immerhin von den classes reden, namentlich auch 
Cicero de republica in einer Stelle, die man gewöhnlich in das 
vierte Buch stellt: Quam commode ordines descripti, aetates, clas- 
ses, equitatus, in quo suffragia sunt etc. — so ist der Unter- 
schied zwischen der Abstimmung in den Tributcomitien und jener 
in den Centuriatcomitien gar nicht leicht zu fassen , wenn man 
annehmen soll, dafs die letzteren allein das voraushatten, dafs die 
Alteren die eine Hälfte, und die Jüngeren die andere Hälfte der 
Stimmen hatten. Sicherlich hätte man wegen dieser Bücksicht 
von einer Beibehaltung der Centuriateinrichtung nicht sprechen 
hönnen. Die gröfste Schwierigkeit macht freilich der Umstand, 
dafs man gewifs ist, dafs der alte Maasstab der Vermögensabthei- 
lung sich geändert hat, aber nicht weifs, welcher Maasstab an die 



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UnterhoUner i De mut. ratione Ctnü Comitt. 128 

» 

Stelle getreten ist. Allein auch hier bann man wohl annehmen, 
dafs die erste Classe einen Maasstab hatte, welcher die ganze 
Zahl der bemittelten Burger umfassen konnte, was schon 
aus dem Verhältnisse von 80 Centurien zu 20 und 3o hervor- 
geht, and dafs daher von jeher der Geist der Centariencinthci- 
lung darin zu soeben ist , — dafs die erste Classe die wirblich 
gut bemittelten Burger sämmtlich umfafst, und so ein Gegensatz 
dieser ersten Classe zu allen andern entstanden ist. Mit Recht 
wurde daher von jeher gesagt, dafs, wenn die Stimmen der Cen- 
timen der ersten Classe vereinigt seyen, von den andern Classen 
nicht mehr die Rede seyn hÖnne. — Unter solchen Voraussetzun- 
gen mufs auch die Hauptstelle bei Livius I. 43. ausgelegt werden, 
und Niebuhr hat daher nicht nur von Gegnern, wie z. B. von 
Schultz, sondern auch von Freunden und Anhängern, wie z. B. 
von Walter, Widersprach erfahren. Auch dürfte schwerlich 
v. Savigny seine frühere Meinung geändert haben. Dieser be- 
rühmte Rechtgelehrte vertheidigt nämlich die in Drahenborch ad 
Livium L 43. angeführte Ansicht des Antonias Aagastinas oder 
vielmehr des Ottavio Pantagatho , wornach in jeder der 35 tribus 
nach Classen gefragt wurde , und folglich schon die erste Classe 
aas 35 Centurien seniorum und ebensoviel Centurien juniorum 
bestand. Abgesehen davon , ob hinsichtlich der Ritter etwas ge- 
ändert wurde, in welcher Beziehung wir auf Burchardi über 
den Census der Romer S. 67 verweisen — ist diese Ansicht die- 
jenige , welche sich als naturliche Fortentwicklung der Census- 
anstalt nach der hauptsächlich auf Regionen sich beziehenden 
Abtheilung der grofsen Römerstadt am meisten empfiehlt.' Es 
hat auch nicht an solchen gefehlt, welche bei der Annahme, dafs 
nur 70 Centurien gewesen seyen , weil sie das Zeugnifs des Livius 
f3r unangreifbar hielten , doch eine Vermogensrücbsicht damit zu 
verbinden wtifsten , wie z. B. Zachariä in seinem L. Cornelias 
Sulla, welcher der Ansicht ist, dafs nach der Bedeutung der 
ganzen tribus in Hinsicht auf das Vermögen die zwei Centurien 
der tribus in eine der fünf Classen gebracht worden seyen; allein 
es mufs doch wohl angenommen werden, dafs in jeder tribus 
sowohl Reiche als Arme waren, und dafs im Geiste des Census 
die Einzelnen in Bcrüchsichtigung genommen wurden, worauf 
auch schon die mitverbundene praefectara morum hinweist , und 
der Umstand , dafs die Einzelnen in die tabulae censuales einge- 
tragen wurden. Die Meinungen von Nie. Gruchius de comitiis 
RomaDorum, von Schulze von den Volbsversammlungen der 



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134 Unterholsner : De mut. ratione Ceott. Comilt. 

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Börner, von Frannlte de tribuum, curiarum atque centuriarum 
ratione, von Hüllmann in seinem Staatsrechte des Alterthums, 
von Boner in seiner Dissen, de comitiis Romanorum centuriatig 
sind bekannt. Nur das Einzige ist noch zu erwähnen, daft Schultz . 
in seiner Grundlegung zu einer geschichtlichen Staatswissenschaft 
der Börner von der sicherlich falschen Idee ausgeht, dafs bei der 
Bildung des Census nicht die einzelnen Bürger angeschlagen wor- 
den, als vielmehr eine bestimmte Vermögenssumme , so , dafs 
Caput nicht die Person als vielmehr den Capitalstock gleichsam 
bedeute, welcher als Typus der Classification angenommen wor- 
den. Endlich wollen wir noch erwähnen, dafs die neueste Stirn- 
me, eine Recension über Zachariä in den gelehrten Blattern 
der Akademie der Wissenschaften zu München, ebenfalls der An* 
sieht des Ottavio Panthagatho beitritt. 

Allein unser Verfasser verwirft dieselbe, und will , dafs man 
bei den 70 Centurien als dem Totale festhalte* Zuerst bezieht 
er sich auf die bekannte Stelle von Livius I. 43. ond darauf, 
dafs Livius immer in jeder tribus nur eine Centurie juniorum 
und eine seniorum nach dem Namen der tribus aufführe, sodann 
darauf, dafs die Annahme von 35o Centurien, wozu noch die 
Ritter- und andere Centurien kommen, die Abstimmung in einem 
Tage fast unmöglich gemacht habe, endlich darauf , dafs Niemand 
von dem neuen Vermogensmaasstabe etwas wisse , und man bei 
Gelegenheit der Contributionen , z. B. im zweiten punischen Krie- 
ge , ein neues System erfunden habe, was nicht noth wendig ge* 
wesen wäre , wenn ein allgemeines Vermogensstcuersystem des 
Census existirt hätte, im besten Falle könne man das System der 
Classen nur zum Schein als beibehalten annehmen, so dafs etwa 
die 35 tribus in 5 Classen geordnet worden , wornacb jede Ciasso 
7 tribus umfafst habe , und wo dann die 4 tribus urbanae in der 
letzten Gasse gestimmt hätten. Wir sind von diesen Gründen 
nicht überzeugt worden , denn Livius Endworte im 43» Capitel 
müssen mit Rücksicht auf das Vorhergegangene gedeutet werden. 
Hier beifst es: non enim viritim suffragium eadem vi, eodemque 
jure promiscue omnibus datum est: sed gradus facti, ut neque 
rxclusus quisquam suftragio videretur, et vis omnis peuos pri- 
mores civitatis esset. Equites enim vocabantur primi : LXXX 
inde primae classis centuriae; ibi si variaret, quod raro incide« 
bat, ut secundae classis vocarectur: nec fere unquam inft-a ita 
descenderent, ut ad intimos pervenirent Nun kommt unmittelbar 
die Stelle über die Abänderung, in welcher Nichts von dein Auf- 



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Uoterholmoer: üe mut. ratione Ceatt. Cocnitt. 135 

geben der Clauen Tiod des ganzen Systems , sondern blos von der 
Verkeilung der Centurien über die 35 tribus gesprochen ist. 
Dabei konnte Livius nur die Bildung der ersten Classe um so 
leichter im Auge haben, als er gerade zuvor gesagt hatte, nur 
sie stimme in der Regel, und zu einer weiteren Abstimmung 
am wenigsten iu einer niederen Classe scy es je gekommen. Was 
Li vi us schon von der älteren Zeit sagt , mufs noch mehr von der 
spateren angenommen Herden , wo gerade , wenn man nicht tri- 
butim im engern Sinne d. i. viritim stimmte , blos auf die primo- 
res dachte. Also wollen wir auch zugeben, dafs die Aufstellung 
des Volkes in 35o und mehr Centurien nicht leicht vorkam oder 
vielleicht gar nicht de facto vorkam ; dies ändert aber nicht das 
juristisch angenommene Princip der Classenabtheilung. Auch thut 
es nichts zur Sache, dafs wir die Veränderungen in der Quanti- 
tät des census nicht mehr kennen : noch wichtigeres wissen wir * 
nicht mehr genau aus der mittelalterischen germanischen Geschich- 
te, und gar leicht läfst es sich denken, dafs für einzelne Zwecke 
ein neues System der Vermögenssteuer erfunden werden 
mnfste, wie in den Hriegszeiten in Deutschland zum öftesten vor- 
gekommen ist Am wenigsten behagt uns der Versuch des ge- 
lehrten Verfassers , doch wieder in das System der Gassen zu* 
rückzukehren, weil dieser Versuch zu seinen historischen Argu- 
menten nicht pafst, und an sich eine ganz ohne Stütze stehende 
Conjectur ist. Warum Unterholzner die bekannte Stelle bei Ci- 
cero Philipp. IL 33. nicht näher gewürdigt hat, ist uns ebenfalls 
aufgefallen; daraus geht nämlich hervor, dafs die Aufrufung der 
zweiten Classe als Form sicher beibehalten war, wobei aber wie- 
der folgt, dafs der Theorie nach das wenn immerhin erschütterte 
alte Comitialsystem blieb. Ecce Dolabellae comitiorum dies ; sor- 
titio praerogativae : quiescit. Renuntiatur : tacet. Prima classis 
vocatur; renuntiatur; deinde ut assolet, sufTragia; tum secunda 
classis quae omnia sunt citius facta , quam dixi. Ich vveifs wohl, 
welche kritische Schwierigkeiten die Stelle hat; aber die End- 
worte sind jedenfalls gegen die Bedenklichkeiten gerichtet, weU * 
che wieder Niebuhr und Unterholzner aulgestellt haben, 
nämlich, dafs die Ausführung der Classenabstimmung in einem 
Tage unmöglich gewesen sey: denn gesetzt auch, Cicero spricht 
mit Bücksicht auf den coneteten Fall, so kaun man annehmen, 
dafs, wenn auch für andere Falle die Abstimmung ein und das 
andremal mifsglückte , der Kalender reich genug mit dies comi- 

tiales ausgestattet war. Doch es ist hier nicht der Ort, diesen 

< 

V 



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1&6 UoterhoUner : De mut rationc Ccntt Comitt. 

* 

Gegenstand weiter auszuführen, sondern unter Zweck gebt ledig- 
lich dahin, auf die Versuche der neueren Zeit in diesem schwie- 
rigen und wichtigen Punkte in unsern Annalen aufmerksam zu 
machen und die Vermuthung zu äussern , dafs die Auctorität auch 
eines Niebuhr und Unteholzner schwerlich die gelehrte Welt 
tür die neuere Ansicht gewinnen werden. Noch sey uns erlaubt, 
einen ähnlich schwierigen Punkt und unsre Ansicht darüber zu 
berühren. Es ist dies die famose Stelle bei Cicero de republica 
II. 22 : Nunc rationem videtis esse talem , ut equitom centuriae 
cum sex lall ragiis et prima classis , addita centuria , quae ad 
sammum usum urbis fabris tignariis est data , LXXXYIIII centu- 
rias habeat ; quibus ex centum quatuor centuriis (tot enim reliquae 
sunt) octo solae si accesserunt, confecta est vis populi uni versa : 
reliquaque inulto maior multitudo sex et nonaginta centuriarum 
neque excluderetur suff ragiis , ne superbum esset , nec valeret 
nimis, ne esset perniciosum. Wir wollen hier durchaus nicht 
auf die verschiedenen Versuche, diese Stelle mit Livius und Dio- 
nys, zu vereinigen , eingehen ; sondern nur Folgendes bemerken : 
die centuriae equitum waren nach Livius und Dionys 12 , und die 
6 suffragia dazu genommen waren 18 centuriae; dieser Stand laTst 
sich nicht läugnen . oder die Sache sich so darstellen , als wenn 
3 centur. aus Romulus Zeit und 6 su.il ragia aus späterer Zeit, 
also nur 9 centur. gewesen wären; wo würde dann der Satz una 
addita centuria Bedeutung haben? Also es waren 18 Rittercen- 
turien und unä addita 19. Demnach aber bleiben nach der Zäh- 
lung Cicero s nur noch 70 andere Centurien. So scheint er auch 
die Sache angesehen, aber leider aus seiner Zeit der zweimal 35 
tribus Centurien auf die alte Zeit zurückgeschossen zu haben. 
Freilich wäre dann auch die ganze andere Rechnung falsch, und 
dies anzunehmen wird keine grofse Überwindung kosten , da Li. 
vius und Dionys übereinstimmend anders rechnen , und Cicero 
mehr nach dem Resultate zu streben scheint , die Übermacht 
der Reicheren zu zeigen, als eine historisch treue Darstellung 
der allen Centurieneinricbtung zu geben. War einmal der Irr- 
thum der Berechnung der ersten Classe gemacht, so ist der dar- 
auf gegründete Zahlencalcul, da Cicero das Totale der 19^ Cen- 
turien im Kopfe hatte, leicht erklärlich, und wievielen ist es 
nicht schon begegnet, dafs, wenn sie aus zwei Zahlengrüfsen 
Berechnungen machten und die eine falsch hatten, sie sich durch 
gewagte und falsche Annahmen zu helfen suchten, sich und an- 
dere täuschend ! Eine mir erst , nachdem ich diese Zeilen schon 



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v. Savigny: Zar RechUgeacbkhte de* Adel«. 181 

■ 

hingeworfen hatte, bekannt gewordene Ausführung von Orelli in 
seinen in diesem Jahre herausgegebenen selectis orationibus, and 
zwar im Excurse ad Philipp. II. 33 , ist mit uns zwar darin über- 
einstimmend, dafs Cicero de republ. II. 22. seine Berechnung der 
ersten CJasse von der Abstimmung der Centurien nach der Ein- 
richtung der Tribuiim geschehenen Zusammenberufung genommen 
habe, so dafs 12 centuriae equitum , 35 centuriae juniorom, 
35 c. seniorum und die 6 suffragia die erste Classe gebildet hät- 
ten: allein er gladbt, dafs auch in der späteren Zeit wirklich die 
alte Zahl von 193 Centurien bestanden habe, was ihn auf Con- 
jecturen fuhrt , die nicht nur ohne Bestätigung sind , sondern 
auch in sich unverlässig scheinen. So sollen nämlich in der 2ten 
Classe 35, in der 3t en und 4ten ebensoviel, oder in der aten 
Classe 70 und in der 3ten 35 Centurien gestimmt , damit aber 
die Abstimmung beendigt gewesen seyn , ja , daher erkläre es 
sich, dafs wenn nach Cicero die 89 Centurien der ersten Classe 
einig waren , nur noch 8 der zweiten Classe dazu zu kommen 
brauchten. Von uns weicht also der gelehrte Herausgeber Cicc- 
ro's darin ab, dafs er für die erste Classe 70 Centurien zugibt, 
aber die Durchführung für die übrigen Classen nach dem Maas- 
stabe von 35 Centurien juniores und 35 Centurien seniores lütig- 
net. Seine Ansicht wäre plausibler — wenn er annehmen würde, 
dafs in der 2ten bis 5ten Classe die Centurien nicht in gleicher 
Zahl bestanden hätten , und die vollen 70 Centurien nur in der 
ersten Classe hervorgetreten seyen. 

Rof shirt. 



v. Savigny , Beitrag zur Heehtsgcschichtc de$ Adel» im neuem Kuropa. 
Eine in der königl. Akademie der H'icscnsehaßcn am 21. Januar 1836 
gelesene Abhandlung. 

Dem Unterzeichneten, welcher sich in seinen germanistischen 
Studien auf den engern Kreis des Strafrechts beschränkt, sey es 
erlaubt, diese durch ihre eben so gründliche als klare Darstellung 
ausgezeichnete Schrift in uhsern Jahrbüchern anzuzeigen. Gleich 
1 will er gesteben, dafs er die Resultate des ersten und zweiten 
Abschnittes der Schrift über den Adel in der Urzeit und nach 
den Volhergesetzen nicht prüfen kann und will , wenn er auch 
mit dem berühmten Verfasser der Meinung ist, dafs immerhin die 
Grundlage der Beurtheilung unsers Gegenstandes dort gefunden 



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138 



v. Savigny : Zur RcchUgescIiichte de« Adelt. 



werden wird. Mit der Bildung einer festeren Ordnung, mit der 
Gewinnung eines neuen Anhaltspunkts für neue Gesittung durch 
die Herrschaft Karls des Grofsen beginnt eigentlich die Geschiebte 
des deutschen Adels, und nur aus jener Zeit sind die einzelnen 
Familiengeschichten abzuleiten, von welchen wir zu einer allge- 
meinen Geschichte des deutschen Adels aufsteigen können. Immer 
war der Unterzeichnete des Dafürhaltens, dafs nur dann, wenn 
die Archive der Dynasten mehr noch, als bisher geschehen, 
geöffnet sind , wir zur rechten hinsieht ihres ursprünglichen Ver- 
hältnisses gelangen werden, und dafs die beste Kenntnifs der al- 
ten Volkergesetze nicht im Stande ist, den Bau der Brücke in 
die Zeit, wo wir durch die bekannten Forschungen unsrer Ge- 
lehrten fester stehen, zu vollenden. In der neuesten Zeit hat 
man besonders in Baiern Manches geleistet, und mehr wird durch 
die überall organisirten historischen Vereine daselbst noch ge- 
schehen. Das Land in Franken, Schwaben und am Bhein ist für 
die Geschichte des deutschen Adels das richtig gewählte Theater, 
ohne dafs wir daduroh die Ausdehnung der Forschungen begren- 
zen wollen. 

1. Als Kennzeichen des Adels aus der Karolingiscben Zeit 
sind von dem berühmten Verf. richtig angeführt : a) die Dienst- 
iölge freier Männer (active Gefolgschaft; b) die Dienst, und Ho£. 
folge für den Konig (passive Gefolgschaft). Mit Becht sagt v. 
Savigny S. aÖ : »das eine war die Fortdauer der alten Zeit, 
das andere hatte die neuere Zeit entweder zuerst hinzugefügt 
oder doch allgemeiner und wichtiger gemacht.« Das erste Kenn- 
zeichen ist das Hauplkriterium des Adels, oder des Herrenstandes 
durch das ganze Mittelalter in Deutschland geblieben, wie aus 
einer Reihe archivalischer Urkunden dargethan werden kann. 
Dies geht nebstdem hervor aus den Spiegeln »wir zelen dreier 
hande vreien der heizen eine Semper freien daz sind 
die freien herren als fürsten und ander freien ze man 
bant. So heizzen die andere mitervreien, das sind die 
die der hohen freien man sind. Auf dieses Vcihultnifs des 
wahren und alten Adels war man besonders im i6ten Jahrhundert 
noch höchst eifersüchtig, denn so steht in dem PräsenzproJocoü 
des Reichstags vom Jahre i52i.« Georg, Bischof zu Bamberg, 
aus dem Geschlechte von Limpurg semperfrei, und darneben 
andrepBischofe mit dem Pradicat » aus dem adelichen Geschlechte« 
was schon den Adel der neueren Zeit, den Ritterahnenadel be- 
deutet. Was die passive Gefolgschaft des Adels in Beziehung 



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▼ . Snvigny : Zar Rcchtagctchichte de« Adels. 

auf den König anseht , so bildete sieh daraus die Umgebung des 
Königs im Rath und Gericht, und Manches, was bis snf die spa- 
teste Zeit herunter davon abgeleitet werden raub, z. B. die Reichs- 
standschaft , dafs der Reichskammerrichter vom Herrenstande seyn 
mufste u. s. w. Diese passive Gefolgschaft, die such in der Ver- 
sehung der Reichsämter hervortrat, und zwar in Ober* und Un- 
terämter, wo aber auch die Unterämter nur dem Herrenstande 
gebührten , z. B. das Schenkamt dem obengenannten Geschlechte 
von Limpurg , war natürlich nach dem Standpunkte der Ministe- 
rialität nicht zu beurtheilen ; ebenso wenig war Ministerialrat vor. 
banden, wenn Fürsten blos honoris causa Ämter bei den geist. 
liehen Fürsten ubernahmen , obgleich sie deshalb Ehrenbaiber 
aber ohne weitere Folgen um einen Schritt zurücktreten mufsten. 

IL Die Ent wickelung des Herrenstandes in Deutschland wäh- 
rend des Mittelalters erfordert noch grofser vorbereitender Unter- 
suchungen , denn wenn die Ssche vor und mit den Spiegeln fest- 
steht hinsichtlich derjenigen Geschlechter, welche 
damals als Fürsten anerkannt waren, so ist von der 
andern Seite, nämlich hinsichtlich der domini , die nicht als 
Fürsten aneikannt waren, Alles höchst im Trüben. Aus den 
Archiven in Franken läTst sich nachweisen, dafs mancher Burg, 
mann eines Herrn später durch eine mit Einwilligung des Herrn 
erhaltene kaiserliche Immunität selbst zum Herrn , später zum 
Grafen und Fürsten geworden, ferner dafs manches Herrenge- 
schfecht ausgestorben, der Name desselben aber von Burgleuten 
jenes Geschlechtes fortgcfükrt worden, und dafs mit einem Worte 
verschiedene Erscheinungen dies Gebiet so ängstlich machen, dafs 
die Schwierigkeiten der Geschichte des Adels nicht in den Er- 
innerungen aus den ältesten Zeiten, sondern vielmehr in dieser 
uns so nahen Zeit liegen. 

III. Im übrigen mufs man wieder mit dem gelehrten Verf. 
darin übereinstimmen, dafs der Rilterstand, auch wenn er wegen 
der Rückführung des ordo miJitaris in seine Ahnen eine Art von 
Adel in Anspruch nahm, nur zjj den geraeinen Freien oder Schöf- 
fenbarfreien zu rechnen war, und der sprechendste Beweis hie- 
für liegt in der Bestellung der kaiserlichen Landgerichte, von 
welchen Eichborn III. S. 178 der neuesten Auflage mit Recht 
sagt, dafs die Geschichte dieser Gerichte soviel wie noch gar 
nicht geschrieben sey. Wenn auch in einzelnen unmittelbar aus 
Archiven gearbeiteten Büchern Materialien hiefür liegen , z. B. in 
Lang's Baireuther Geschichte, so ist doch hier nichts ex pro- 



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140 v. Savignj : Zur Rccht&gcschichtc des Adelt. 

posito dargestellt , und man darf nur die Verzeichnisse ansehen , 
die sich von den Gerichtspersonen in diesen Landgerichten , z. J3. 
des Herzogthums Franken in Wurzburg, des kaiserlichen dem 
Bischof von Bamberg überlassenen Landgerichts zu Bamberg fin- 
den, um zu erkennen, dafs die Besetzung bis in die ganz neue 
Zeit aus den Geschlechtern dieser freien Bitterleute vorgenom- 
men wurde. Der Zustand der Schoflen bar freien bildet also einen 
Gegensatz zum Herrenstande. 

IV. Soweit sind wir mit den Besul taten des berühmten 
Verls, für die neuere Zeit, die wir allein in dieser Anzeige vor 
Augen haben, einverstanden: dagegen scheint uns etwas nicht 
einmal angezeigt zu seyn , was in Beziehung auf den deutschen 
Adel von der gröfsten Wichtigkeit ist. Wir meinen die Berüh- 
rungspunkte des Herren- und Bitterstandes , welche die Veran- 
lassung des Unterschiedes in hohen und niederen Adel wurden, 
und den einen Theil offenbar dem andern näher rückten; so dafs 
eine strenge Grenzscheide, die fürstlichen Geschlechter abgerech- 
net, wenn sie auch früher vorhanden war, schon im Mittelalter 
gefallen ist, wie wir dies ja auch in den Ländern ausser Deutsch- 
land wahrnehmen. So sehr Bef. überzeugt ist, dafs Pütter und 
jetzt v. Savigny den rechten Punkt eines Fundamental -Unter, 
schiedes des eigentlichen oder Herrenadels und des uneigentlichen 
oder Bitteradels getroffen haben , so kann man doch die Gestal- 
tungen der späteren Zeit nicht ausser Betracht lassen, welche 
gebieten, im Leben und in der Wissenschaft bedenklicher bei 
Aufstellung fester Grenzen zu seyn. Wir erinnern hier nur an 
die Concurrenz des Herrenstandes und des Bitterahnenstandes in 
den Domstiftern, und die dadurch bewirkte Erleichterung des 
Ineinandei heirathens dieser beiden Classen des Adels, an die Er- 
werbung reichsfreien mit Immunitäten versehenen Guts in blos 
rittermäfsige Hände und an den Einilufs dieses Punktes auf das 
Geschlecht , an die Einigungen des Herren- und Bitterstandes ' 
zum Schulze und Trotze — später an das Zusammentreffen bei- 
der Arten des Adels im Kriegsdienste eines angesehenen Fürsten, 
ebenso in den Beichsgerichten, an das Erheben von einem Stande 
in den andern durch die kaiserliche Macht u. s. w. Das früh- 
zeitige Ineinanderlnufen der Herren- und Bittergeschlechter sieht 
man am besten aus den Tafeln der Geschlechtsverwaodten , die 
gewöhnlich bei den Grabmalen der Bischöfe und Domherren in 
den Domkirchen sich befinden. Gewifs aber läfst es sich nicht 
läugnen , dafs die an Land und Leuten mächtigen Herren , die 



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alten Furstengeschlechter , ihres Herrenthums and der angestamm- 
tcn Rechtsgrundsätze bei allen Schritten des öffentlichen and des 
Familienlebens mehr eingedenk waren , als die anderen Herren , 
die ihrerseits mit mächtigen Rittern den Weg der Ehre und des 
Lebens gingen , so dafs in der That in letzterer Hinsicht die 
grofse Erzeugerin des Rechts, die Gewohnheit, hier Manches 
that, womit sich eine Rückführung in die Zeiten der alten Völ- 
kergesetze nicht verträgt. Die Welt war durch und durch eine 
andere geworden , und verband und schied sich nach neuen WahU 
verwandschaften. Ebendeshalb werden wir für das neuere Recht 
neben dem Fürstenadel in Deutschland noch einen andern Adel 
annehmen müssen, in welchen manche Dynastengeschlechter fiel- 
leicht herabgesunken sind (obgleich die meisten sich durch die 
Gunst der deutschen Reichseinrichtung und selbst bei der Media- 
tisirung erhalten haben ) ; wogegen einzelne rittermäfsige Ge- 
schlechter allerdings zu dem wirklichen Adel sich hinaufgehoben 
haben. Was den praktischen Punkt des jus connubii oder die 
Ebenbürtigkeit betrifft, so haben sich im Mittelalter gewifs Dy- 
nastenfamilien mit rittermafsigen verbunden, wenn auch die Für- 
sten die alte Sitte wohl in Obacht nahmen. Dann ist und bleibt 
es eine noch nicht verhandelte Frage, wenn man hierin den Dy- 
nasten an sich keine Schwierigkeit machte, aus welchem Grunde 
man den fürstlichen Dynasten gegenübertreten wollte? Gerade 
deshalb sorgte man durch Hausgesetze, und aus diesen geht ei- 
gentlich das Fürstenrecht hervor, so dafs hierin dann Betrach- 
tungen der älteren Sitte und des alten Volksrechts praktisch un- 
fruchtbar werden. Im Übrigen raufs die Wissenschaft immer den 
Grundstein so legen, wie ihn auch hier der berühmte Rechts- 
historiker gelegt bat. 

Rofahirt. 



Geschichte des Hellenismus von Joh. Gust. Droysen. Erster Theil. 
Geschichte der Nachfolger Alexanders. Homburg 1836, bei Eriedrich 
Perthes. XVI und 166 S. gr. 8. 

Der Verfasser ist dem gelehrten Publikum schon durch seine 
Geschichte Alexanders des Groden bekannt Dieselbe soll als 
die Einleitung des vorgenannten Werkes angesehen werden. Suchte 
Herr Droysen in der Geschichte Alezanders nachzuweisen, wie 
von demselben das altheimische macedonische Wesen und die Be- 



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142 Droysen : Geschichte der Nachfolger Alexander«. 

schränktheit des Griecbentboms uberwunden und die neue Zeil 
Torgebildet, kurz das abendländische Leben mit dem morgenlän* 
dischen verschmolzen habe, so setzt er sich in der Geschiebt« 
des Hellenismus die Aufgabe, die Entwicklungen , welche aus 
Alexanders Eroberungen hervorgegangen sind , in allen ihren Rich- 
tungen und Beziehungen zum frühem Griecbenthum und zu der 
romischen Weltherrschaft, zum Christenthum und zum Islam, 
darzustellen. Der Verf. meint, man habe bisher in dem Hellenis- 
mus nichts als Negatives, nichts als Verschlechterung, Verwor- 
fenheit und Untergang gesehen: jedoch sey es gewifs, dafa er 
ausser der Schwache auch Kraft enthalten und wäre es auch nur 
die des Verneinens und der Zerstörung, des Leidens und der 
Trägheit; von dieser Ansicht, von diesem Principe aus müsse 
die Geschichte des Hellenismus begriffen werden. 

In dieser Beziehung unterscheidet sich des Verfs. Darstellung 
und Auffassung der Zeiten, welche nach Alexanders Tod folgten, 
wesentlich von der Behandlung derselben durch frühere Bearbei- 
ter, und es ist daher natürlich, dafs er nicht mit Flathe (Ge- 
schichte Macedoniens und der Reiche, welche von macedonischen 
Konigen beherrscht wurden) in der Art der Auffassung überein- 
stimmen konnte. Bei dem, was Flathe als macedonisch bezeich- 
net, findet der Verf. nichts Macedonisches als nnr den Namen 
und einige Formen in Bezog auf das Hofleben , alle Einrichtun- 
gen, alle Sitte, Mode, Bildung, alle Verhältnisse der neuen Staa- 
ten und der alten Bevölkerung, der Unterthanen zu ihren Herr- 
schern und der Reiche zu einander bezeichnet Herr Droysen als 
hellenistisch. Mit Recht erklärt er sich dagegen , dafs die höch- 
ste Aufgabe des Historikers darin bestünde, den historischen StofT 
fleifsig und sorgfältig zu sammeln, mit Kritik von dem Fremd- 
artigen zu reinigen und ihn zu einem Ganzen zusammenzufügen: 
ihm ist die historische Kunst ihrem Wesen nach, dafs sie den 
Gedanken geschichtlicher Entwicklungen erkennt und in Bezie- 
hung auf ihn den Verlauf des ä'usserlich Faktischen begreift und 
durch die rechte Vertheilung der Massen das Ganze als eine viel 
gegliederte Einheit darstellt, die ein Bild von dem Werden und 
der Gestaltung eines einigen und wesentlichen Gedankens in der 
Erinnerung haften läfst. Jedoch wird Herr Droysen bei dieser 
philosophischen Auffassong der historischen Kunst einräumen , dafs 
ohne Gelehrsamkeit, ohne Kritik, der Gedanke geschichtlicher 
Entwicklungen zwar errathen , aber nicht nachgewiesen , nicht be- 



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Drosen i Geschichte der Nachfolger Alexandere. IIS 

gründet werden kann , und dafs ohne diese fette Grandlage leicht 
ein Verlieren in die Nebelbilder philosophischen Räsonnements 
stattfindet. 

Von dem in dem Vorworte ausgesprochenen Princip ans stellt 
der Verf. die Geschichte der Nachfolger Alexanders im Buche 
selbst dar. Sie ist ihm die Antistrophe der Geschichte Alexan- 
ders: sie entwickelt die negativen Bestimmungen, die sich an 
dem Werke des grofsen Eroberers herausstellen mufsten : sie stellt 
die blutigen Kämpfe dar, durch welche aas dem Weltreiche die 
Anfange der hellenistischen Staaten sich gebildet haben. Dem- 
gemäfs theilt er den ersten Theil in Tier Bücher oder Stadien, 
deren jedes das von Alexander gegründete Reich dem Untergange 
naher fuhrt. Im ersten Buche ( v. J. 3g3 — 319 vor Chr.) steht 
Perdikkas im Mittelpunkt der Geschichte, im zweiten (v. J. 3io, 
- — 3 1 5 ) stellt der Verf. Polysperchon und Eumenes in den Vor- 
dergrund, den einen im Abendlande, den andern im Oriente; im 
dritten Buche (v. J. 3i5 — 3oi) gruppirt sich alles um Antigonus, 
der das Reich Alexanders wieder herzustellen sucht, aber in der 
Schlacht bei Ipsus unterliegt; im vierten Buche (v. J. 301—278) 
verschwindet mit dem Tode des Demetrius Poliorcetes und Sc- 
leueus, indem sie dem Gedanken, Wiederhersteller des grofsen 
Alexanderreiches zu werden , vergeblich nachhängen , jeder ähn- 
liche Versuch. Es ist in derselben Zeit als Pyrrbus mit den Rö- 
mern kämpft und. die Pest und gallische Völkerwanderung Thra- 
eien , Macedonien und Kleinasien heimsuchen. 

Es ist nicht zu bestreiten, dafs für eine klare, leicht zu 
ubersehende Darstellung wenige Zeiten des geschichtlichen Alter- 
thuras so viele Schwierigkeiten darbieten, als die der Nach- 
folger Alexanders, da die vielfach sich kreuzenden Verhältnisse 
und die Menge der handelnden Hauptpersonen in verschiedenen 
Reichen und Gegenden, wie auch der Mangel und die Einseitig- 
keit der Nachrichten verhindern ein überschauliches Bild zu lie- 
fern. Herr Droyscn hat in seiner Geschichte diese Schwierigkei- 
ten so viel als möglich glücklich überwunden, indem er die 
Hauptpersonen und die Hauptmotive in den Vordergrund stellt 
und sie mit scharfen Umrissen zeichnet. Es war freilich, was 
der Verf. selbst gefühlt hat, nicht zu vermeiden, dafs an den 
bestimmten Urtheilen, an den scharfen Zeichnungen, die strenge 
historische Kritik Manches konnte zu' tadeln finden. 

Dafs der Verf. die Quellen sorgfältig studirt und auch die 



1 



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144 Droyten: Geschichte der Nachfolger Alexanders. 

Hülfsschriften von Bedeutung benutzt bat, läTst sieb aus der 
ganzen Bearbeitung nicht verkennen. Nach den jetzigen Anfor- 
derungen, die man an ein historisches Werk macht, genügt es 
nicht mehr, die Quellen allein zu kennen, man verlangt auch, 
dafs der Schriftsteller die Vorarbeiten über seinen Gegenstand 
berücksichtigt und die Ansichten der Vorgänger über streitige 
Punkte, insofern sie Beifall oder Widerlegung verdienen, be- 
leuchtet. Über den Charakter der Quellen selbst bandelt der 
Vf. in der ersten Beilage S. 667 — 688. Bekanntlich sind sa'mmt- 
Hche gleichzeitige Quellen über die Nachfolger Alexanders ver- 
loren gegangen : wir haben über ihre Geschichte nur solche 
Schriftsteller, welche mehrere Jahrhunderte später gelebt haben, 
doch haben sie zum Theil aus gleichzeitigen Quellen geschöpft. 
Bei der Würdigung der jetzt noch vorhandenen Schriftsteller 
über die Diadochen, haben Diodor von Sicilien, Arrian, Plutarch, 
Justin , Pausanias als die Hauptquellen besondere Beachtung er- 
halten ; kürzer ist über Pnlyän, Frontin, Appian, Cornelius Nc- 
pos, Memnon von Heraclea gesprochen: die fragmentarischen 
Berichte und Notizen , die sich sonst noch bei den alten Schrift- 
stellern, Kirchenvätern etc. finden, sind zwar in dieser Beilage 
S. 688 nicht näher bezeichnet, jedoch zeigt der Verf. in den 
Noten zur Geschichtsdarstellung, dafs er mit dem Material der 
Geschichte bekannt ist, auch selbst mit zerstreuten, ganz kurzen 
Notizen. In Bezug auf die Quellen und die Zeitbestimmungen 
ist die zweite Beilage über die Angabe einiger Chronographen 
(S. 689 — 697) wichtig. Sie enthält vorzüglich über des Euse- 
bius (Porphyrius) , Syncellus (Dexippus) und des Ptolemäus Kanon 
Untersuchungen , deren Resultate in der chronologischen Ta- 
belle (S. 726 — 738) von Alexanders Tod bis zum Jahr »78 vor 
Chr. niedergelegt sind. 

(Der Beschlufs folgt.) 



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N°. 10. HEIDELBERGER * i837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Dr oyten: Geschichte der Nachfolger Alexanders. 

» 

(Betehlufs.) 

In Betreff der Hilfsschriften und Vorarbeiten, welche Herr 
Droysen benutzt hat, so zählt er dieselben in der Vorrede auf. 
Er nennt darunter mit ganz besonderer Auszeichnung das Buch 
▼on Mannen »Geschichte der unmittelbaren Nachfolger Alexan- 
ders.« Wir verkennen keineswegs die Verdienste dieses Gelehr- 
ten um alte Geschichte und Geographie , wir bezweifeln jedoch 9 
dafs auf ihm ein Historiker, der auf das innigste mit allen Quel- 
len bekannt und selbständig in der Behandlung der Geschichte 
und seinem Urtheile ist, fufsen werde. In dieser Beziehung ist 
daher der Ausspruch offenbar unrichtig, den die Phrase Vorrede 
S. IX enthält: »Auf ihm (Mannert) fufsend konnte Schlosser, 
in Wahrheit ein Historiker im grofsen Styl , auch diesem Abschnitt 
seiner treft(iehen alten Geschichte eine Füllung und eine Deutlich- 
keit geben, wie man sie umsonst bei den Historikern des Aus- 
landes , namentlich bei Gillies sucht. « Wenn auch Herr Droysen 
mit Flathe (Geschichte Macedoniens etc.) nicht in der Art der 
Auffassung der Zustände der Zeit übereinstimmt, so bekennt er 
doch diesem Historiker, der sich in seiner Geschichte nur an die 
Quellen hält, ohne sich um die neuen Forschungen zu beküm- 
mern, viele Aufklärungen streitiger Punkte zu verdanken. Das 
Werk von Champollion Figeac annales des Lagidca ou Chronolo- 
gie des rois Grecs d!Egypte, fand Herr Droysen weder in den 
Sachen noch in den chronologischen Bestimmungen zuverlässig, 
bessere Hülfe leisteten ihm die Clintonschen Fasten nach der 
Hrugerschen Bevision, ferner Niebuhrs Abhandlung über den ar- 
menischen Eusebius und dessen Ansichten über die Zeit der Dia- 
dochen in Grauert's Ansichten. 

Einzelne wichtige Streitpunkte hat der Verf. in besondern 
Beilagen besprochen. Man wird seinen Gründen Beifall geben, 
dafs Alezander ohne Testament gestorben und erst zweihundert 
Jahre nach seinem Tode die Sage verbreitet wurde, dafs die 
Nachfolger nicht durch Gewalt der WafTen , sondern durch testa- 
mentarische Verfugung die Herrschaft erlangt hätten (Beilage III. 
XXX. Jahrg. 2. Heft. 10 



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146 Römer: Versteinerungen. 

8, 698—704). Auch die Sago von Alexanders Vergiftung (Bei- 
läge IV. S. 705 — 707) verwirft er mit Recht. Was die Beilage 
VI. (S. 711—726) über die mittelalterlichen Sagen von Alexan- 
der und seinen Nachfolgern betrifft, so hatten diese, ungeachtet 
ihres historisch -literarischen Interesses, füglich in einem histori- 
schen Werke der Art wegbleiben können. Das beigefugte Re- 
gister gibt nicht nur über den ersten Theil der Geschichte des 
Hellenismus, sondern auch über die Geschichte Alexanders Nach- 
weisungen. 

Die folgenden beiden Bände sollen die politische Geschichte 
des Hellenismus bis zunl Untergange seiner selbständigen staat- 
lichen Existenz enthalten. In den weitern Bänden verspricht der 
Verf. die religiösen und sittlichen Zustände bis auf den Sieg des 
Christenthums und die Reaction im Sassanidenreich und Muham- 
medismus, endlich die Literatur und Kunst bis zu den letzten 
byzantinischen Nachklängen der grofsen Vorzeit zu behandeln. 

Wir wünschen dem Verf. Mufse, Kraft und Ausdauer zu der 
Fortsetzung. Möge derselbe durch eine gedrängtere Darstellung 
und eine freiere Auffassung seines Gegenstandes den Werth des 
Werkes noch mehr erhöhen. 

As chba ch. 



Fr. Ad. Römer, Die Versteinerungen de» norddeutschen Oolithcn- Gebirges 
Zweite und dritte Lieferung, enthaltend: neuen Titel, Text von S. 65 
bis 68 und 15 bis 218 und Taf. 1 - XVI. Hannover 1836. gr. 4. 
(Preis des Ganzen 14 fl. 24 kr.) 

Wir haben die erste Lieferung auf S. 5o d. J. angezeigt, 
und haben die Freude, nicht nur die Vollendung des Werkes so 
bald berichten , sondern auch dem wesentlichsten von uns be- 
zeichneten Mangel desselben abgeholfen, nämlich die gespenstisch 
aussehenden 12 Tafeln der ersten Lieferung durch wohlgediehene, 
ganz neu lithographirte und bei dieser Gelegenheit in einigen 
Punkten berichtigte und zum Theil mit mehr Figuren versehene 
ersetzt zu finden. Zu diesen dankenswerthen Leistungen gesellt 
sich die Erweiterung des Werkes um 4 Tafeln mit Supplemen- 
ten und der Umdruck einiger Seiten des Textes zum Behufe sei- 
ner Berichtigung, indem die 2 Placuna-Arten sich nun wirklich, 
mit unserer früher ausgesprochenen Vermuthung nahe überein- 
stimmend, als Klappen von Pollicipes ergeben haben, welches 
Genus daher bei den Cirrbopoden noch beigefugt werden mufs 
und das erste Auftreten dieser Familie zu bezeichnen scheint. 



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Römer: Versteinerungen. 147 

Von Konchiferen werden im Ganzen nun 35 Genera mit 24a 
Arten angegeben. Zn den früher genannten Geschlechtern kom- 
men nämlich noch hinzu : Lima, Posidonia, Inoceramus, Perna, 
Gervillia, Avicula, Pinna, Mytilue, Modiola, ünio, Trigonia,' 
PfacoJa, Area, Cucullaea , Isocordia, Cardium, Venns, Aatarte 
Cjrrena, Laoina, Corbis, TeUina, Amphidesma, Mactra, Mja,' 
Panopaea, Pholadomya. Unter diesen sind denn natürlich manche, 
die keine ganz bezeichnende äussere Form besitzen , hier nur mit 
sehr zweifelhaften Arten versehen worden , da oft auch die Schaale 
mangelt und gewöhnlich auch das Schlofs nicht zu sehen gestattet 
war. Dies gilt insbesondere von Cardium, Venns, Corbis, Tel- 
lina, Amphidesma, Mactra, Mya, Panopaea, deren Arten oft so- 
gar einen diesen Geschlechtern fremdartigen Habitus besitzen, 
doeb furerst noch nicht besser untergebracht werden können. 

Die Gaiteropoden mit «3 Geschlechtern und 81 Arten zer- 
fallen auf folgende Weise in Unterordnungen: a) Cirrhobranchier 
mit dem Genus Oentalinm ; b) Cyclobrancbier mit dem Geschlecht 
Pateila, dessen 4 Arten jedoch einen befremdlichen Habitus be- 
sitzen; c) Scutibranchier mit dem Genus Emarginula, wovon die 
eine deutlich erhaltene Art eine überraschende Erscheinung in 
den Oolithen ist; d) Tectibranchier mit dem Genus Bulla, wel. 
ches einige deutliche Arten liefert; e) Pectinibranckier mit 7, 
von Lamarck unter die Zoophagen, und mit 13 von demselben 
zu den Pbytophagen gestellten Generibus, nämlich Bnccinum, Fusus, 
Potamides, Cerithium , Nerinea, Pteroceras , Rostellaria, — Sca- 
laria (deutlich!), Pleurotomaria , Trochus, Cirrus, Turbo, Turri- 
teils, Littorina, Nerita, Natica, Melania, Paludina, Helix. Be- 
kannt ist, dafs in den sekundären Formationen: aus der Abthei- 
lung der Zoophagen nur die flugelmundigen Geschlechter Ptero- 
ceras und Rostellaria so wie das Genus Nerinea zn den bezeich- 
nenden gehören , die übrigen aber nur mehr zufallig oder zwei- 
felhaft darin vorkommen. In der Tbat liefern auch hier diese 3 
Genera 9 Arten von 23 ; und von den übrigen 14 Arten trägt keine 
mit Bestimmtheit die Charaktere und den Habitus des Geschlech- 
tes, dem sie beigezählt ist Die thurmfSrmigen Gestalten schwan- 
ken zwischen Cerithium , Potamides , Melania . . . . , die übrigen 
grolstentheils konnten möglicher Weise noch verstummelte Flü- 
gelmunder aeyn. Unter den aufgeführten 7 Nerinea-Arten sind 
N. nodosa und N. fasciata verschieden von den Voltz'schen die- 
ses Namens und gehört die erste gar nicht zu diesem Genus. — 
Unter den Pbytophagen-Geschlechtern wurde das Auftreten von 



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148 



Homer ; Versteinerungen. 



Hei ix in den Oolithen überraschen ; doch hat keine der drei dahin 
gerechneten Arten den bestimmten Charakter dieses Geschlechts. 

Die Cephalopoden endlich sind durch die 4 Genera Beiern* 
nites, Nautilus, Ammcmites und Bbyncholites mit 81 Arten re- 
präsentirt, und bei Angabe der Uoterabtheilungen noch manche, 
nicht in den Weser-Gegenden einheimisch gefundene Arten nebst 
ihren Diagnosen je an ihrer Stelle eingeschaltet* 

Eine Krebsscheere , welche der Verf. Glyphea Meyeri nennt, 
eine Schildkröte Emys Menkii, und einige ? Ichthyosaurus-Zähne 
sind noch abgebildet, aber nicht beschrieben. 

Ein Supplement enthält noch 3 Pecten-, 1 Plicatula- and 1 
Unio-Art , nebst einigen geognostischen Bemerkungen über die 
früher mitgetheilte Gebirgs-GIiederung an der Weser, sowie die 
Nachweisung, dafs unter allen in diesem Werke beschriebenen 
Arten nur 5 sind , welche drei Formationsgliedern : dem Coralrag, 
Portlandkalk und Hilsthone, und nur 4 bis 7 , welche je zweien 
derselben: dem Lias und Dogger?, dem Dogger und Oxford- 
thon?, dem Coralrag und Portlandkalk, oder dem Portlandkalk 
und Hilsthone gemeinschaftlich zustehen; alle übrigen sind, in 
jenen Gegenden wenigstens , auf nur je eines dieser Gebilde be- 
schränkt. 

Das Werk schliefst mit einer Angabe des Inhalts der Tafeln 
und einem Begister der Genera. Was die Ausstattung desselben 
in seiner jetzigen Vollkommenheit betrifft, so ist solche sehr 
glänzend zu nennen. Nicht leicht wird es seyn ein anderes Werk 
zu finden, welches die so trefi liehe Beschreibung von mehr als 
5oo Arten und die oft noch mit Detail -Zeichnung versehenen 
schönen Abbildungen von mehr als 3oo derselben um einen so 
billigen Preis lieferte. Der Umstand, dafs diese Versteinerungen 
aus einer, bis gegen die Mitte von Deutschland reichenden, und 
bis jetzt in Beziehung auf sie fast gar nicht untersucht gewese- 
nen Gegend abstammen , so dafs sie mit denen analoger Gebilde 
im übrigen Deutschland gewifs grofse Ähnlichkeit darbieten und 
viele Belehrung verschaffen können , mufs dem Werke noch eine 
besondere praktische Nützlichkeit geben, sowie andrerseits gewifa 
zu vielen neuen Forschungen anspornen. 

H. G. Bron n. 

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» 

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Uem. de la Societ. de Neuchatel. 



149 



Memoire* de la SoeiiU de» »eieneee naturelle* de Xeuehdtel Tom. i, 99 
pp. t Bulletin de 86 pp. . et Will pll. 4. Neuchdtel 1884i. ( Freit 
20 Franc«; du« Bulletin insbesondere 5 France, beim Secretariat der 
Gesellschaft.) 

Wir freuen ans, den ersten Band dieser Memoiren als einen 
Beweis energischer Tbätigkeit einer noch jugendlichen und klei- 
nen Gesellschaft anzuzeigen, welche sich zur Aufgabe gesetzt hat, 
in ihrem Bereiche den Sinn für die Naturwissenschaften und deren 
Anwendung auf Medizin und Gewerbe mehr zu erwecken und zu 
verbreiten. Es ist die zweite Kantonal-Gesellschaft der Schweitz, 
die aich aber gleichwohl mit der allgemeinen Schweitzer-Gesell- 
schaft in Verbindung halt. Wenn in beiden Kantonen schon eine 
hinreichende Grundlage wissenschaftlichen Sinnes und, Strebens 
vorhanden war, um sich mit Naturforschern von Beruf durch 
deren Anstellung zu öffentlichen Lehrern der Naturgeschichte zu 
verbinden, nämlich in Genf' mit De Candolle einem Fremden, 
hier mit Agassiz einem Eingebornen, so war an beiden Orten 
eben diese Verbindung der Vorbote gemeinschaftlich planmäfsi- 
geren Arbeitens und öffentlichen Auftretens mit diesen Arbeiten. 
In der That zählte diese Gesellschaft bis zum Jänner i835 nur 
34 ordentliche, in Neuchatel ansässige, und ig ausserordentliche 
Mitglieder, welche meistens Neuchateier von Geburt, thcils im 
Hantone, theils im Auslände umher wohnen, oder sich auf Reisen 
befinden. Der erste Band der Gesellschafts-Schrift enthält ausser 
den Berichten der beiden Sekretäre über die Arbeiten der Ge- 
sellschaft im Jahre i833 auf i834, nämlich dem des Professors 
De Joannis von der physikalisch. raathematisch -ökonomischen , 
und den des Professors Agassiz von der naturhistorisch -medi- 
zinischen Sektion , folgende Abhandlungen. Aus dem Gebiete der 
Naturgeschichte finden wir einen Aufsatz von L. Coulon : Be- 
schreibung und Abbildung von einigen seltenen Thieren des Mu- 
seums in Neuchatel, nemlich von Sciurus humeralis C. , Sc. Baf- 
ilesii Horsf., Sc. griseiventer Geoffr., Sc. auriventer Geoffr. , 
und eine Varietät des Palaeornis Benghalensis VVagl. (S. 122 — 
125, Taf. 8 — i3); — Beobachtungen von Allamand über die 
Sitten einiger Hausthiere (S. 77 — 92); — Beschreibung und Ab- 
bildung einiger neuen Cyprinus-Arten ans dem Neuchatcler See, 
Ton Agassiz, nemlich des Leuciscus rodens, L. majalis und L. 
prasinus Ag., der eine allgemeine Charakteristik der Familie der 
Cyprinen (Cyprinus und Cobitis Lin. ohne Zähne in den Kinn- 
laden, im Gegensatz« der Cyprinodonten mit Zähnen und welche 



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Mdm. de la Societ. de Neuchatel. 



die übrigen Cuvier'schen Genera in sieb begreifen) and eine 
Eintheilung derselben in i3 Geschlechter nach des Verfs. eigenen 
Untersuchungen mit Angabe ihrer lebenden und fossilen Species 
vorangeht (S. 33 — 48, Taf. I. IL). Ferner liefert derselbe Verf. 
den Prodromus einer Monographie der Radiarien oder Echinoder- 
men , welche er in drei Ordnungen sondert , in Fistuliden mit 1 1 9 
in Ecbiniden mit 29, und in Stellenden mit 41 — 44 Geschlech- 
tern, die alle neu charakterisirt , theils neu gebildet sind durch 
Zerlegung der schon früher bekannten; bei jedem Geschlechte 
fuhrt der Verf. alle ihm bekannte, lebende und fossile, alte und 
neue Arten namentlich auf, die er in der Lage war auf seinen 
Reisen grofstentheils selbst zu untersuchen. Doch war er nicht 
bedacht , die Arten über die Gebuhr zu vervielfältigen ; er hat 
im Gegentheil solche in manchen Geschlechtern vermindern müs- 
sen, da man bei den fossilen insbesondere nicht berücksichtigt hatte, 
dafs in ihrer Körperhülle die Anzahl der kalkigen Tafelchen in 
jeder Reibe mit dem Alter zonimmt und hiedureb auch die Form 
sich ändert. Auch hat er die Stelle nachgewiesen, wo diese Zu- 
nähme erfolgt: bei den Echiniden nämlich da, wo am die Ei- 
leiter-Täfelchen her die radialen Täfelchen-Reihen sich mit ihren 
kleinsten Täfelchen endigen; bei den Stellenden aber an der (der 
vorigen Stelle entsprechenden) seitlichen Basis der Arme, und 
nicht am Ende derselben, obsebon hier die Reihen der kleinsten 
und unregelmäßigsten Täfelchen sich wahrnehmen lassen. Um bei 
den regelmäßig radialen Echiniden zu einer genauen Parallelisi- 
rung der Theile mit denen der übrigen Formen zu gelangen und 
namentlich zu bestimmen, was vorn und was hinten sey, bediente 
sich der Verf. des sog. Madreporenförraigen Körpers der Stellen- 
den, welchem das unpaare OviduktaUTäfelchen des Scheitels bei 
den Eckiniden (sofern es nicht ganz fehlt und seine Stelle dann 
durch einen blofsen Eindruck angedeutet ist) entspricht. In bei- 
den Fällen steht dasselbe, gleich dem After, zwischen den zwei 
hintersten Fühlergängen und mithin dem unpaaren Füblergange, 
welcher seine Richtung auf der vordem Mittellinie zum Munde 
nimmt, gegenüber (S. 168—199). — Daran schliefst sich eine 
fernere üntertuchung von Agassiz über die fossilen Reste (16 
Arten Echinodermen) des Kreidegebildes im Neuchateier Jura 
(S. 126 — 145, Taf. XIV), welches Aug. v. Montmollin (S. 49 
— 65, Taf. 3) vortrefflich beschrieben und durch Aufzählung sei- 
ner Fossil-Reste — wozu dann jener Aufsatz als Ergänzung gel« 
ten kann — als ein reines Kreide- und zwar Grünsand-Gebilde er- 



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Mcm. d« la Societ. de NeuchaUl. 



151 



diesen hat, in welchem keineswegs eine Untermengung von Oolith- 
Versteinerungen zu erkennen sey. — Nicolet untersuchte die 
Portland, und verwandten Kalksteine um Chaux-de-Fond rücksicht- 
lieh ihrer Brauchbarkeit zur Lithographie; welche sehr befriedi- 
gende Resultate gewahrten, obschon sie grofstentheils nnr in klei- 
nen Tafeln gewonnen werden Können (S. 66 — 70). — Professor 
Ladine bat eioe Abhandlung über die Bildung der gegenwärti- 
gen Oberfläche der Erdkugel geliefert (S. 149—167). — Von 
Osterwald lesen wir eine Bestimmung der Hohe des Neucha- 
teier Sees auf i34*' Par. über dem Meere (S. 146—148),— 
und von Montmollin, dem Vater, Beobachtungen über die 
Änderungen in der Hohe des Seespiegels während der Jahre 
1817 — 1(&4 (S. 116 — 121 nebst 4 Tabellen), sowie eine Dar- 
stellung der Bewegung der Bevölkerung von Neuchatel in den 
34 Jahren seit dem Beginne des Jahrhunderts (S. 116 — 121 mit 
3 Tabellen), wornach 1,8 illegitime Geburten auf 100 legitime, 
eine Geburt auf 35,88 Lebende, eine Heirath auf i56,oi, und 1 
Tod auf 48,a3 Lebende kommen , die mittle Lebensdauer 37,77 
Jahre (im letzten Quinquennium allein nur 35 Jahre) beträgt und 
die wahrscheinliche Lebensdauer der Ncugebornen 38 Vi Jahre ist. 
1 — Endlich hätten wir drei medizinische Abhandlungen anzufüh- 
ren, eine von Dr. de Castella über Heilung eines falschen con- 
secutiven Aneurisma's durch Unterbindung der Crural- Arterien 
(S. o3 — 98), — eine Bemerkung über die Unterbindung dieser 
Arterie, — und Bore Ts Beobachtungen und Betrachtungen über 
Wasserscheu (S. io3— n5). Das Bulletin bibliographique liefert 
eine Übersetzung von Lyell's Beobachtungen über die allmüh- 
Jige Emporhebung einiger Tbeile Schwedens, besorgt von Cou- 
)on (S. 1 — 35, Taf. XV — XVIII), — und eine kurze Anzeige 
von Brandt und Erichson's Monographia generis Meloes, i83i, 
und Erichson's Genera Dyticeorum, Bero). i83a. 

Die gegenwärtige Tendenz der Gesellschaft ist daher vor- 
zugsweise eine naturhistorische , insbesondere auf Zoologie und 
Geognosic gerichtete , im Gegensatze mit der mehr zur Botanik 
und Physik neigenden ihrer Nachbarin, so dafs sich beide gegen- 
seitig ergänzen, wenn nicht, wie zu erwarten, diese Lücke künf- 
tig durch Männer aus ihrem Schoofse selbst ausgefüllt werden 
sollte. 

II. G. Bron m. 



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152 Kramer: Erkenntnüt u. Heilung der Ohrenkrankheiten. 



Die Krlcenntnif» und Heilung der Ohrenkrankheiten. Von Dr. WUh. Kra- 
mer. Zweite, sehr verbesserte und vermehrte Auflage seiner „lang- 
wierigen Schwerhörigkeit ". Mit Abbildungen in Kupferstich. Berlin , 
in der Nicolai'schen Buchhandlung. 1836. gr. 8. 8. VI und 400. 
(Pr. 3 fl. 86 kr.) 

(Vergl. diete Jahrbb. 1834. Utes Heft. No. 59. S. 942 ff.) 

Der Herr Verf. hätte diese Auflage mit allem Hechte eine 
neue Schrift nennen können, und wir müssen sie auch als eine 
80 1 che ansehen; indem man hier eine ziemlich erschöpfende Dar- 
stellung der gesammten Ohrenheilkunde findet , wogegen die erste 
Auflage blos eine fragmentarische Arbeit über die wichtigern 
chronischen Krankheiten des Gehörorgans war. 

Die Schrift zerfällt in zwei Abschnitte. Der erste handelt 
Ton der allgemeinen, der zweite von der besondern Ohren- 
heilkunde. 

Der Herr Vi, gibt in dem ersten Abschnitte (S. i — 94) 
zuerst eine chronologische Übersicht und eine kritische Beleuch- 
tung der wichtigern Leistungen im Gebiete der Ohrenheilkunde. 
Die Kritik des Herrn Verfs. ist scharf und mit Sachüenntnifs ge- 
schrieben, aber oft völlig rücksichtslos, nicht beachtend, dafs 
Einzelne auf dem jedesmaligen Standpunkte, den die Ohrenheil- 
kunde hatte, sehr Wichtiges geleistet haben. Herr Kramer hat 
die Leistungen seiner Vorgänger von einem falschen Gesichts- 
punkte aus beurtheilt , er hat die Zeit und die Umstände , in wel- 
chen und unter welchen die einzelnen Schriften erschienen, nicht 
gehörig ins Auge gefafst, und nicht bedacht, dafs er ohne diese 
Vorgänger gewifs das nicht hätte leisten können, was er in der 
vorliegenden Schrift geleistet hat. Unverkennbar gehört das Bes- 
sere in der Ohrenheilkunde der neuern Zeit an , und diese ver- 
spätete Ausbildung ist hauptsächlich der oberflächlichen und ver- 
nachlässigten Untersuchung des Gehörorgans im kranken Zustande 
zuzuschreiben, wodurch Unsicherheit in der Diagnose und somit 
Planlosigkeit und Verwirrung in dem Heilverfahren entstanden 
sind. 

In den Hippokratischen Schriften werden die Krankheiten des 
Gehörorgans als selbstständige Krankheitsformen fast nirgends er- 
wähnt. Sie waren den Götschen Ärzten nur wichtig als Beglei- 
ter anderer, namentlich fieberhafter und sturmisch verlaufender 
Krankheiten, insofern sie nämlich für die Prognose günstige oder 
ungünstige Momente darboten. — Gelsus begründete eine wissen- 
schaftliche Entwickelung dieses Zweiges der Heilkunst, indem er 



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u. Heilung der 

• 

die Ohrenkrankheiten als selbstständige Krankheitsformen 
aufführte, vortreffliche Vorschriften bei heftigem Entzündungen 
des Gebororgans gab and bei langwieriger Schwerhörigkeit zur 
Ocularinspecction des Gehörganges aufforderte. — Zu Galen's 
Zeiten machte die Ohrenheilkunde einen nicht unbedeutenden 
Rückschritt, indem die bei Oelsas deutlich her vortretende Rich- 
tung zum Individualismen der Krankheitszustande offenbar in den 
Hintergrund trat , man die verschiedensten Krankheiten , obgleich 
theoretisch unterscheidend, in der Praxis aber nicht beachtend, 
mit den heftigsten , erhitzendsten Mitteln bebandelte. Langer als 
ein Jahrhundert erhielten sich diese roh empirischen Grundsatze 
Galens in vollem Ansehen. Die unschätzbaren anatomischen Ent- 
deckungen im Bereiche des Gehörorgans gegen das Ende des 
i5ten und in der ersten Hälfte des i6ten Jahrhunderts durch 
Achilliai, Berengar, Vesalius, Ingrassias, Eustachius, Fallopia 
u. s. w. gewannen keinen Einflufs auf die pathologischen und 
therapeutischen Ansichten der Ärzte damaliger Zeit, so dafs wir 
in der für jene Zeit am meisten in Ruf stehenden Abhandlung 
des H. Mercurialis (de oculorum et aurium affectibus praelectio- 
nes. 1591.) nach Abzog der theoretischen Ausschmückung, in kei- 
ner Beziehung mehr finden, als was Galen 14 Jahrhunderte frü- 
her ausgesprochen hatte. — Fabr. Hildanus (Opera omnia 1646) 
kam zuerst wieder auf den Weg grundlicher Untersuchung, rich- 
tete aber nur seine Aufmerksamkeit auf den äussern Gehörgang 
und dessen krankhafte Zustände. Er erfand zur bessern Unter- 
tuchang des Gehörganges das erste Speculum auris. — Bonet's 
Leichenöffnungen (Sepulchretum. 1679) naDen wenig Werth, da 
keine erläuternden Krankengeschichten beigefugt und die Unter- 
suchungen des Gehörorgans nicht genau sind. — Du Verney's 
Werk (Traite de lorgane de Ponte etc. i683) verdient in anato- 
mischer Hinsicht seinen grofsen Ruf; allein dieser darf nicht auf 
den pathologisch -therapeutischen Theil ubertragen werden. Ein 
Gleiches gilt von den Leistungen eines Vieussens , Yalsalva, Cas- 
sebohm. — Die vereinzelten pathologischen Beobachtungen von 
Wepfer, Willis, Riedlin, Friedr. Hoff mann u. A. konnten die 
Diagnostik und Therapeutik der Ohrenkrankheiten wesentlich nicht 
fordern. Den erfolgreichsten Anstois zu weitern, wichtigen Fort- 
schritten gab ein Postmeister in Versailles, Namens Guyot, in- 
dem er zur Erleichterung eigner Schwerhörigkeit die Eustachische 
Trompete durch die Mundhöhle einspritzte, worüber im Jahre 
»7*4 der Pariser Akademie der Wissenschaften eine kurze Mit- 



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IM Kramer: Erkeontnife u. Heilung der Oi 



theilang gemacht wurde. Dieses Verfahren wurde durch Cleland 
1741 zuerst vervollkommnet, indem dieser einen silbernen, aber 
biegsamen Catheter durch die Nase einzubringen versuchte. Mont- 
pellier sehe Ärzte verwandelten nach einer Reihe von Jahren den 
biegsamen Catheter, als unbequem in der Anwendung, in einen 
unbiegsamen. — Wathen (1 "55) theilte die ersten Krankenge- 
schichten mit, bei denen durch Einspritzungen in die Tuba Eu- 
stachi ein wenigstens theilweise günstiges Ergebnifs von ihm er- 
zielt worden ist. Von der Diagnose der Krankheiten dieses Ha- 
nais war damals noch nicht die Bede. — Nach Herrn Kramer 
hat Leschevin diese Operation nur an Leichen vorgenommen. — 
Büchner, Goiditsch und Wildberg dürfen als ganz unwichtig für 
die Krankheiten des Gehörorgans . übergangen und ihnen auch 
Morgagni zugesellt werden, dessen wenige Sectionsberichte über 
Eiterungen und Caries im Gehörorgan wenig Aufschluß geben, 
da das Organ weder bei Lebzeiten noch nach dem Tode der 
Kranken genau untersucht worden ist. 

Bei all' diesen Mängeln der besten literarischen Arbeiten da- 
maliger Zeit war in der Praxis die Behandlung der acuten Gehör- 
krankheiten leidlich; man fügte sich mit gutem Erfolge den au- 
genfälligen allgemeinen therapeutischen Indicationen. Allein über 
die acuten Kranhheits zustande hinaus reichte die Einsicht der 
Arzte am Schlüsse des i8ten und am Anfange des loten Jahrhun* 
derts nicht; wovon Lentings verunglückter Versuch (1793) den 
besten Beweis liefert. Er verlor sich in Speculationen über die 
krankhaften Veränderungen der Aqua Cotuoni und deren Heilung, 
und seine therapeutischen Vorschläge sind praktisch unbrauchbar. 
(Diese Vorwürfe verdient Lentin nicht, denn er trieb zuerst warme 
Luft in die Eustachische Bohre. Bef.) 

Bei dem gänzlichen Mangel einer gründlichen Diagnostik der 
Ohrenkrankheiten (sagt der Herr Verf.) gewannen selbst die 
abenteuerlichsten Dinge Eingang ; man ergriff am Ende des 18k 
und zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Durchbohrung des 
Trommelfelles, die Elcctricität, den Galvanismus als 
allgemeine Heilmittel der Taubheit mit einem Enthusiasmus, bei 
dem man nur bedauern kann , dafs er nicht eine bessere Bichtung 
genommen hat Allein weder Cooper, noch Himiy, Itard, Deleau 
u. A. , welche die Durchbohrung des Trommelfelles ganz beson- 
ders empfohlen, haben den Beweis gründlich geführt, dafs diese 
Operation die Lobsprüche wirklich verdiene, welche ihr so reich- 
lich gespendet worden sind. Keiner von ihnen hat vor der Ope- 



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raüon die Eustachische Trompete genau untersucht Das unsichere 
Verfahren und die überspannten Hoffnungen brachten diese Ope- 
ration bald in Mifscredit. Noch schlimmer erging es der, freilich 
noch leidenschaftlicher angepriesenen elektrischen, galvani- 
schen und mineralisch-magnetischen Behandlung der Ob- 
renk ranken. Cavallo , le Bouvier - Desmortiers , Grapengieser , 
Sprenger, Augustin, Becker u. A. erwecken durch ihre Mitthei- 
lungen so wenig Vertrauen zu der wohlthatigen Wirksamkeit je- 
ner mächtigen Naturkräfte auf das Gehörorgan, da Ts durch die 
Aufrichtigkeit unbefangener Beobachter, wie Eschke der Vater, 
Schubert, Castberg, PfafF, Pfingsten u. A. in jedem Leser das 
ungläubigste Mifstrauen gegen die gepriesenen Wunderkuren rege 
gemacht werden mufs. 

Fahre d'OIivet behandelt seine , wahrscheinlich auf Electrici- 
tat beruhende, Methode, die Taubheit zu heilen, als GeheimmiU 
tef, rühmt sich der Heilung dreier Taubstummen in wenigen Ta- 
gen. Da er aber das Versprechen , seine Methode bekannt und 
einer wissenschaftlichen Prüfung zuganglich zu machen, nicht 
erfüllt hat, so geräth er mit andern Geheimnifskramern , wie J. 
Williams , Mene-Maurice u. A. in eine Kategorie. 

Sogar bei den sonst ausgezeichneten Ärzten der letzten De« 
cennien begegnet man, nach Herrn Kramers Behauptung, einer 
nur wenig geläuterten Empirie, da sie ohne alle Kritik die ober- 
flachlichsten Beobachtungen und die irrigen Ansichten ihrer Vor- 
ganger wiederholen , nach sogenannten merkwürdigen, ganz isolirt 
aufgefafsten Beobachtungen haschen , sich und die Leser durch 
Hypothesen beruhigen , — statt zu untersuchen , was in den krank- 
haften Veränderungen- des Gehörorgans der sinnlichen Wahrneh- 
mung zuganglich ist. Trampels Arbeit ist zu unbedeutend, als 
dafs sein Name genannt zu werden verdiene, und dieselbe verliert 
noch an Werth durch die weitschweifige Bearbeitung von Menke, 
Selbst Jo«. Frank läfst sich noch im Jahre 1821 durch Autoritä. 
ten zu hypothetischen Annahmen verleiten, stellt Otalgie und 
Ohrentönen als selbstständige Krankheitsformen auf und stutzt die 
Diagnostik überhaupt nur auf subjective Empfindungen der Kran- 
ken , statt auf das objective Resultat der Localexploration. — 
Vergebens bemuhte sich Rauch in Fetersburg mit grofsem Eifer 
um eine gründliche Erforschung der Krankheiten des äussern Ge- 
hSrganges; die unzuverlässige Sonde, deren er sich noch zur 
Erforschung der Krankheitszustände des Trommelfelles bedient, 
fiöfct schon keio Vertrauen ein. 



Chronologisch reihen sich hier an die fleifsigen , aber ohne 
alle, nur durch eigne Erfahrung zu erlangende, Kritik geschrie, 
benen und deshalb zur praktischen Belehrung untauglichen Schrif- 
ten von van Hooven und von Beck, sowie die Volksschrift von 
Biedel und die Aphorismen von Vering. , 

Die Engländer scheinen die Vorarbeiten ihrer Landsleute, 
Cleland und Walthen, ganz vergessen zu haben. Whright's Ar- 
beit ist höchst ungenügend und wird an Oberflächlichkeit und 
Gehaltlosigkeit nur durch Stevenson und Curtis übertreffen. Herr 
Kramer behauptet von Curtis, dafe derselbe trotz alles Nachbeten« 
des Saissy den Catheterismus der Eustachischen Trompete niemals 
an Kranken ausgeübt habe. Man stufst in seinen Schriften auf 
die roheste Empirie und trotz dieses geniefst er bei seinen Lands- 
leuten und im Auslande allgemein den Buf eines ausgezeichneten 
Ohrenarztes. — Nicht minder grofs, obgleich nicht ganz so un- 
verdient, ist der Beifall, mit welchem man die Arbeiten von 
Saunders und Buchanan aufgenommen. Nnach Herrn Kramer ist 
Buchanan der einzige unter den englischen Ärzten, der den Ca- 
theterismus der Eustachischen Trompete kennt und übt, wenn 
auch dies das einzige Gute an seiner Arbeit , welcher alle wissen- 
schaftliche Ordnung fehlt, ist. 

Die Gründlichkeit, deren Mangel wir bei den deutschen und 
englischen Ohrenärzten (fährt der Herr Vf. fort) mit Bedauern, 
aber doch nothgedrungen, nachgewiesen haben, tritt uns endlich 
auf eine recht erfreuliche Weise in den otiatrischen Schriften von 
ltard und Deleau entgegen. Desmonceaux dürfen wir denselben 
nicht zugesellen , selbst nicht Alard , obgleich seine Arbeit von 
ltard klassisch genannt wird. — Monfalcon ist ein sclavischer 
Nachbeter des Leschevin. Selbst Saissy verdient nicht entfernt 
das Ansehen', welches ihm seine beiden Übersetzer in Deutschland 
zu verschaffen gesucht haben. Weit über Saissy erhebt sich ltard, 
obgleich auch er von grofsen Mangeln nicht frei ist, die haupt- 
sächlich in der Systematisirung der von ihm abgehandelten Krank, 
heilen hervortreten. So trennt er die materiellen Krankheiten 
des Gehörorgans von den Function sstorungen derselben; die 
Entzündung des Gehorganges und der Trommelhohle von den 
Nachkrankbeiten derselben u. s. w. Ungeachtet dieser und ande- 
rer Mängel hat er unleugbar das grofse Verdienst, die Ohrkrank- 
heiten umfassender , geordneter und mit mehr Kritik , als jemals 
vor ihm geschehen, abgehandelt au haben. Mit Vergnügen siebt 
man, wie er das Steckenpferd der Autoren, die Erschlaffung 



uigitizeo Dy 



and Spannung des Trommelfelles , die Trennung und 
Verwachsung der Gehörknöchelchen unter sich, die 
Lähmung und die Con vulsionen der Muskeln eben die- 
ser H nocheich eo als ein Ergebnifs theoretischer Speculationen 
betrachtet und sie aus der Reihe der Krankheitsformen des Gehör- 
organs streicht. Am meisten verdanken wir dem Fleifse, welchen 
Itard auf Behandlung der Krankheiten des mittleren Ohres durch 
wasserige Einspritzungen verwendet hat. Aus der grofsen 
Brauchbarkeit seiner Instrumente , aus seiner Art , sie anzuwen- 
den, aus den praktischen Cautelen bei seinem Verfahren sieht 
man deutlich , dafs er die Einspritzungen in der That öfter in 
Anwendung gebracht hat 

Nach solchen Vorarbeiten war der Schritt, statt des Wassers 
couiprimirte Luft in die Trommelhöhle zu treiben und als 
mechanisch-dynamisches Heilmittel bei den Krankheiten, der- * 
selben zu benutzen, nicht so grofs und erstaunenswürdig, als 
Deleau glauben machen möchte. Defsungeachtet hat sein Ver- 
fahren grofse Vorzüge vor der Wasserdouche. Lentin hat schon 
früher warme Luft in die Eustachische Trompete geprefst. Lei- 
der bat sich Deleau 's Fleifs nur auf die Diagnose und Therapie 
der Krankheiten des mittlem Ohres erstreckt. Besonders reicht 
seine Kunst nicht bis in das Labyrinth, dessen Nerv natürlich kei- 
nen wohlthätigen Eindruck von einem Strome comprimirter Luft 
erfahren kann. Da, wo die geprefste Luft frei ins mittlere Ohr 
einströmt, erklärt Deleau die Schwerhörigkeit für nervös und 
unheilbar. Nicht ganz so muthlos hatte sich Itard von diesem 
Felde der nervösen Taubheit zurückgezogen ; er bestimmt sehr 
richtig die Diagnose und Entstehungsweise derselben und machte 
sogar einen, dem Wesen dieser Krankheit vollkommen angemes- 
senen Heil versuch, dessen geringer Erfolg ihn aber leider zu früh 
von dem eingeschlagenen Wege zurückscheuchte. 

Kein Schriftsteller hat seitdem diesen mifslungenen Versuch 
wieder aufgenommen , keiner hat die Mängel zu verbessern ge- 
sucht, weiche den gewünschten Erfolg nothwendig vereiteln mufs- 
ten, so dafs die grofse Zahl nervös -Schwerhöriger noch immer 
ohne alle Hülfe blieb. Diesem Mangel abzuhelfen ist das haupt- 
sachlichste Bemühen des Herrn Vfs. gewesen. Ausserdem ging 
aber das Bestreben des Herrn Kramer dahin , die Krankheiten des 
Gehörorgans naturgemäfser , als bisher, zu ordnen; sie auf be- 
stimmte organische Veränderungen der constituirenden Bestand- 
teile des Ohres zurückzufuhren ; alle hypothetischen und specu- 



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lativen Annahmen zu vermeiden 5 die Diagnose der einzelnen 
Krankheitsformen durch Aufstellung objecti ver Kennzei- 
chen von den immer zweifelhaften Aussagen der Krau- 
ken unabhängig zu machen und auf diese sichere Basis eine 
möglichst einfache und sichere Behandlung za gründen. 

Der Herr Vf. spricht von der grofsen Wichtigkeit des Ge- 
hörorgan! ; ubergeht dessen Anatomie , da sie durch die Arbeiten 
eines Scarpa , Sommerring u. A. als abgeschlossen angesehen wer- 
den kann; zeigt, wie unsicher und unbestimmt unsere physiolo- 
gischen Kenntnisse des Gehörorgans sind und wie wichtig die 
Sorge uro die Erhaltung der Gesundheit desselben ist Hier warnt 
der Herr Verf., zumal bei schon geschwächtem Gehöre, vor 
Kalte und scharfem Schalle als vor zwei sehr wichtigen 
Schädlichkeiten. 

Nur ein einziges Symptom, eine entweder krankhaft ge- 
steigerte oder in den verschiedensten Gradationen verminderte 
Thätigkeit des Gehörnerven ist allen Ohrenkrankheiten ohne Aus- 
nahme eigen. — Bei jeder Krankheit des Ohres mufs die Hör. 
fähigkeit genau untersucht werden. Zur Ausmittelung der 
Hörweite (Entfernung, in welcher ein bestimmter Schall noch 
geh5rt wird) bedient sich der Herr Verf. einer Taschenuhr, 
wie schon vor ihm Sunders. Nur bei einer genauen Messung 
der Hörweite, welche stets unter gleichen Verhältnissen und Be- 
dingungen angestellt werden mufs , kann eine Folgerung zu Gun- 
sten einer oder der andern Behandlungiweise gezogen werden. — 
Der Verlauf der Ohrenkrankheiten neigt vorzugsweise 
zum langwierigen, fieberlosen; selbst der ursprunglich entzünd- 
liche, fieberhafte Charakter mancher dieser Krankheiten ist nur 
sehr selten wahrhaft acut. — Ohrenkrankbeiten sind ausser- 
ordentlich häufig, viel häufiger, als man gemeiniglich glaubt. 
Unbezweifelt sind viele Menschen erblich zu Ohrenkrankheiten 
prädisponirt; auch gibt das höhere Alter eine bedeutende Prä- 
disposition zur Schwerhörigkeit. — Unter den ursächlichen 
Momenten, die aber bei vielen Kranken ungeachtet aller Nach- 
forschungen in tiefes Dunkel gehüllt bleiben, steht Erkältung 
oben an; daran reihen sich die acuten und die chronischen 
Hautkrankheiten mit ihrer dyskrasischen Grundlage. — 
Die Prognose ist im Allgemeinen bei Ohrenkrankheiten nicht 
so schlecht, als man gewöhnlich annimmt. Organische Ohren- 
krankheiten sind im Allgemeinen sicherer zu heilen und nach ge- 
lungener Heilung vor Rückfällen zu hüten, als dynamische. Un- 



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Kramer: Erkenntnis u. Heilung der Ohrenkrankheitei. 159 

ter 3oo Ohrenkran hen (der Herr Vf. gibt S. 93 eine interessante 
tabellarische Übersicht der Heilbarkeit und Frequenz der Ohren- 
krankheiten) fanden sich 104 vollkommen Unheilbare, jeder Bes- 
serung Unzugängliche, die gar nicht in Behandlung genommen 
wurden, also etwa Einer auf Drei; 188 dagegen wurden ent- 
weder ganz geheilt oder gebessert aus der Behandlung entlassen; 
nur 8 waren einer Behandlung unterworfen, bei welcher trotz 
aller Muhe und Sorgfalt keine Besserung erlangt werden konnte. 
Im Allgemeinen ist die Behandlung der Ohrenkrankheiten 
eben noch eine empirische, die sich aber nicht entschuldigen 
läTst, weil bei einer sichern Diagnose eine rationelle Behandlung 
uns zu Gebote steht. Hier unterwirft der Herr Verf. die gang, 
barsten der bisher bei Gehörkrankheiten empfohlenen Mittel einer 
scharfen Kritik. Er theilt sie ein in I. Örtlich und II. AI Ige* 
mein wirkende Mittel. Zu den ortlich wirkenden Mitteln 
zahlt er i, 3 und 3, El e c tric ita't, Galvanismus und den 
mineralischen Magnetismus, welche nach seinem Urtbeile 
bei den Krankheiten des Gehörorgans durchaus keine Hülfe brin- 
gen , sondern den Gehörnerven sehr wesentlich gefährden. Ree. 
hat bei nervöser Schwerhörigkeit die Electricitat öfter, den Gal- 
vanismus aber nur zweimal angewendet, aber nie irgend ein 
gunstiges Resultat erhalten, wefshalb er mit dem Herrn Verf. 
bierin völlig ubereinstimmt. An diese Mittel schliefsen sich an 
4) die Moxa und das Gluh eisen, welche Herr Kramer als zu 
gewaltsame und vernichtende Mittel bei den Obren krankheiten 
verwirft. 5) Spanische Fliegen und Brechweinstein- 
salbe, hinter den Ohren angebracht, sind nur in gewissen Fal- 
len angezeigt, in andern ohne allen Nutzen, bei nervöser Taub- 
heit sogar positiv schädlich. 6 und 7) Fontanelle auf dem 
Arme und Haarseil im Nacken haben Herrn Kramer niemals 
einen wesentlich wohlthätigen Einflufs auf Geh5rkrankheiten be- 
obachten lassen. 8) Douchebader in und hinter die Oh- 
ren sind gefährlich für das Gehörorgan. 9) Eintröpfelungen, 
Einspritzungen, zumal spiritu5ser, scharfer, reizender Mittel 
sind im Durchschnitte nachtheilig für das Gehör , und da die mei- 
sten gegen Taubheit empfohlenen Geheimmittel in diese Klasse 
gehören , so müssen sie als durchaus schädlich verworfen werden, 
besonders das acustische , höchst theure Ol von Mene-Maurice. — 
CajeputÖl , Kampher, Opium, Zwiebelsaft, Gewürznelkenöl, Ka- 
atoreumtinktur , Eau de Cologne und unzählige andere Mittel müs- 
sen als schädlich betrachtet werden. Am nachteiligsten wirken 



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die Mittel, wenn sie in Salbenform in den Gehörgang gebracht j 
werden. — Warme Bähungen, Einspritzungen von warmer 
Milch, Flieder, und Charoillenthee, heifse Dampfe und heifses 
Brod u. s. w. können durch zu grofse Hitze schaden. 10) Blut- 
egel nutzen nur bei acuten Entzündungen des Gehörorgans, 
schaden bei Ohrentönen von Erethismus des geschwächten Ge- 
hurnerven. | 

Die allgemein wirkenden Mittel haben nur selten einen 
wohltbätigen Einflufs auf das Gehörorgan, was sich aus dem ge- 
ringen Säftezuflusse zu den Ohren und der unbedeutenden Ana- 
stomose des Gehörnerven mit den übrigen Nerven erklären läfst. 
Der Hr. Vf. zählt hieher: 1) die russischen Bäder; 2) die 
Seebäder, Schwefel-, Stahl- und andere Bäder; 3 und 4) 
Brech- und Abführmittel; 5) Aderlässe; 6) Hunger- 
und Schmierkur; 7) Gebrauch der Arnica u. s. f. Diese Mit- 
tel können sogar höchst nachtheilig wirken. 

Nach dieser verwerfenden Kritik der allgemeinen gegen Oh- 
renkrankheiten gerichteten Heilmethoden könnte es leicht das An- 
aehen gewinnen, als wollte Herr Kramer die Gehörkrankheiteo 
durchaus als isolirt, ausser allem Zusammenhange mit den Krank- 
heiten des übrigen Organismus für sich bestehend betrachten; 
allein er protestirt förmlich gegen eine solche Auslegung. Er ist 
uberzeugt, dafs bei jeder, namentlich langwierigen, Ohrenkrank- 
heit das allgemeine Befinden des Patienten nach den Regeln der 
allgemeinen und speziellen Therapie sorgfältigst geregelt werden 
mufs, aber nur nicht in der Absicht oder mit der Hoffnung, auf 
diesem Wege das Ohrenleiden zu bessern oder gar zu heilen. 
Die bei weitem gröfste Mehrzahl der Ohren übel ist einfacher 
Natur und nicht von allgemeinen Krankheiten begleitet, welche 
in irgend einer innern Verbindung mit denselben stehen. Diese 
Mehrzahl kann nur von einer dem jedesmaligen Krankheitszustande 
sorgfältigst angepafsten Behandlungs weise Heilung erwarten; diese 
aber naturlich nur durch eine sehr sorgfältig angestellte 
Untersuchung des Gehörganges festgestellt werden. 

(Der Betehlufs folgt.) 



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N\ ü. HBJDBLBEBGBR <837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Kramer, Erkenntnifs und Heilung der Qhrenkrankheüen. 

(Bachlufs.) 

• - 

Der zweite Abschnitt (S. 94 — 400) beschäftigt sich mit 
der besondern Ohrenheilkunde. In der Einleitung theilt der 
Herr Vf. die Einteilungen der Ohrenkrankheiten von mehreren 
Schriftstellern mit nebst einer kurzen Beurtheilung derselben. Er 
selbst bebalt mit geringer ModiGcation die in der ersten Aullage 
angenommene Eintbeilung bei. 

Das erste Kapitel (S. 99 — 239) umfafst die Krankheiten 
des äussern Ohres. Sie gehören vorzugsweise dem kindlichen 
und jugendlichen Alter an, in welchem die natargemäfs reich« 
liebere Absonderung eines weichern, hellgelben Ohrenschmalzes 
einen grofsern Säfteandrang zu diesen Theilen und somit eine 
grufsere Disposition zu Vegetationskrankheiten andeutet. 

1) Krankheiten des Ohrknorpels. Itard und nach ihm 
Vering sprechen dem .Ohrknorpel jeden Nutzen ab; Buchanan 
dagegen macht das feine Gehör vom Ohrknorpel dergestalt ab« 
bangig, dafs er in der Gestalt und dem Anheftungswinkel dessel- 
ben an die Schädelknochen, sowie in der Gestalt und Tiefe der 
Ohrmuschel schon hinreichend zuverlässige prognostische Andeu- 
tungen für solche Falle von Schwerhörigkeit zu finden glaubt. 
Vach Herrn Kramer liegt die Wahrheit in der Mitte. — Es wer- 
den hier abgehandelt: a) die rosenartige Entzündung; b) die 
scirrhose Entartung und c) die Furunkel des Ohrknorpels. 

2) Krankheiten des äussern Gehorganges. Anatomi- 
sche Beschreibung des äussern Gehorganges ; — Untersuchung 
desselben mit dem Ohrenspiegel ; — Beschreibung seines abgebil- 
deten Ohrenspiegels ; — Benutzung des Sonnenlichtes bei der 
Untersuchung mit demselben ; — Beurtheilung der Vorrichtungen 
zum Exploriren von Cleland , Bozzini und Deleau ; — physiologi- 
sche Ansichten der Schriftsteller über den Gehörgang; — Ein- 
tbeilung der Krankheiten desselben nach verschiedenen Autoren ; — 
Herrn Kramers Eintbeilung in a) erysipelatose Entzündung des 
Geborganges; b) Entzündung der drusigen Haut des Gehorgan- 
ges (catarrhalische Entzündung) ; c) Entzündung des Zellgewebes 
im Geborgange (phlegmonöse Entzündung) und d) Entzündung 

XXX. Jahrg. Z. Heft. 1 1 



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1C2 Krämer: Erkenntnis tt. Heilung der Ohrenkrankheiten. 

der Knochenhaut des Gehörganges ( metastatische Entzündung). 
Diese Formen werden genau beschrieben und die ursächlichen 
Momente, die Diagnose, Prognose und Cur exact angegeben.. 

3) Krankheiten des Trommelfelles. Die von den mei- 
sten Ohrenärzten angenommene Erschlaffung und krankhafte An- 
' Spannung des Trommelfelles wird für eine Hypothese, das Zer- 
reifscn desselben ohne vorherige Entzündung für unmöglich, und 
das Selbst verzehren und Selbst durch löchern desselben für einen 
Irrthum erklärt. Nach des Herrn Vfs. Beobachtungen bringt das 
Durchlochern desselben stets einen hohem oder geringem Grad 
Ton Schwerhörigkeit hervor. Herr Kr. nimmt nur die Entzün- 
dungen des Trommelfelles an und unterscheidet : a) acute Ent- 
zündung (Ohrenzwang) und b) chronische Entzündung desselben. 

Zweites Capitel. Krankheiten des mittlem Ohres 
(S. 239 — 33o). Der Herr Verf. begreift darunter alle diejenigen 
Krankheiten, welche sich in der Trommelhöhle und der En- 
stachischen Trompete entwickeln und hier schon bei Leb- 
zeiten der Kranken unserer Diagnose zugänglich sind. — Mifs- 
büdungen der Gehörknöchelchen überläfst er den Handbuchern 
der pathologischen Anatomie; die Lähmung und Zerreifsung der 
Muskeln -der Gehörknöchelchen, die Diagnose der Wassersucht 
der Trommelhöhle, der Oaries, der Ankylose der Gehörknöchel- 
chen u. dgl. m. den Hypothesenträumern. — Nur die Entzündung 
der Schleimhaut der Eustachischen Trompete und der Trommel- 
höhle mit ihren verschiedenen Ausgängen und Nachkrankheiten, 
so wie die Entzündung des unter jener Schleimhaut liegenden 
Zellgewebes lassen sich in der Wirklichkeit als deutlich ausge- 
prägte Krankheitsformen nachweisen. Darum fuhrt der Herr Vf. 
nur folgende Formen an : 

1) Entzündung der Schleimhaut des mittlem Oh- 
res. — Catheterismus der Eustachischen Trompete durch Köh- 
ren von Silber, welche bei den Einspritzungen liegen bleiben 
und mittelst eines Stirnbandes befestigt werden. Mit Deleau er- 
kennt der Herr Vf. die Übelstände der wässerigen Einspritzungen 
und wendet, wie jener, die comprimirte Luft statt der wässerigen 
Einspritzungen an, wozu er eine Luftpresse beschreibt und in 
Abbildung liefert. Ree. hat früher angeführt , dafs schon Lentin 
die Eustachische Trompete durch erwärmte Luft zu Öffnen suchte. 
Derselbe sagt nämlich : » Nach meinen jetzigen Erfahrungen ist es 
weit besser, die durch Schleim verstopften Eustachischen Bohren 
durch erwärmte Luft, als durch irgend eine Flüssigkeit zu 



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: Erkenntnifa u. Heilang der Ohrenkrank heitoo. 168 

offnen, and zwar aus dem Grunde, weil es eines Theils durch 
dieses Mittel eben so gut geschehen kann, andern Theils aber auch, 1 
weil man oft nicht ohne Nachtheil des Gehurs Flüssigkeiten in 
die Trommelhöhle bringt, die nicht leicht wieder abfliefsen kön- 
nen, auch hieher durchaus keine Flüssigkeiten gehören, sondern 
Luft das Element ist, das die Trommel haben mufs u. s. w.c 
(vgl. Lentin, Beitrage zur ausübenden Arznei Wissenschaft Bd. IL 
S. ia8). Herr Krämer geht demnach zu weit, wenn er den Lei- 
stungen Lentin 's alle praktische Brauchbarkeit abspricht« — Dir 
von Deleau gegen die Brauchbarkeit der unbiegsamen silbernen 
Röhren aufgestellten Grunde widerlegt der Herr Vf. und macht 
dann folgende Unterabtheilungen der Entzündung der Schleimhaut 
des mittlem Ohres : a) EntzGndung derselben mit Schleim* 
Anhäufung iim mittlem Ohre; b) Entzündung der 
Schleimhaut der Eustachischen Trompete mit Ter* 
engerung derselben; c) Entzündung der Eustachi, 
sehen Trompete mit Verwachsung derselben. — Die 
Beschreibung, Aetiologie, Diagnose, Prognose und Cur dieser 
Formen ist mit vielem Fleifse gegeben. 

2) Entzündung des Zellgewebes und der Knochen* 
haut in der Trommelhoble (echte innere Ohrenent« 
zündung). Der Herr Verf. unterscheidet und beschreibt zwei 
Formen der inneren Ohrenentzündung : a) eine acute nnd b) eine 



Drittes Capitel. Krankheiten des inneren Ohre. 
(S. 330 — 377). Es gehören hieher die Krankheiten des Laby- 
rinthes, d. h. des Vorhofes, der balbcirhelförmigen Canäle, der 
Schnecke nnd der in diesen Theilen enthaltenen Nervenausbrei- 
tungen. Die sehr rersteckte Lage dieser Theile, die nicht nur 
wahrend der Lebzeiten , sondern selbst nach dem Tode des Kran* 
ken die Untersuchung in hohem Grade erschwert, hat die rein 
speculative Richtung, welche die Bearbeitung der Krankheiten 
des inneren Ohres ron Anfang an genommen hat, ungemein be- 
günstigt — Der Herr Verf. geht nun die Meinungen der ver- 
schiedenen Autoren über diese Krankheiten durch, giebt eine 
scharfe Kritik der einzelnen Leistungen, und behauptet endlich , 
dafs die einzige unzweifelhafte Krankheitsform des Labyrinthes, 
d. b. der darin enthaltenen Nervenausbreitungen, die dynamische 
Affection derselben unter der Form veränderter Thätigkeits* 
Äusserung, der nervösen Taubheit, sey. Man findet ein 
verändertes, ein geschwächtes Gehör, ohne irgend 



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eine materielle Abnormität im ganzen Umfange des 
Gehörorgana. Übrigeos gesteht der Herr Verf. zu, dafs der 
Gehörnerv auch organisch erkranke, allein die materiellen Ter- 
Änderungen entziehen sich unserer sinnlichen Wahrnehmung. Auch 
mufs das Labyrinth sich entzünden können , aber gewifs nur in 
Folge sich weiter verbreitender primär entzündlicher AfTection 
der Trommelhöhle und der sie uroscbliefsenden Knochenpartbiea. 

4 — Der Schwächeznstand des Gehörnerven tritt in zwei wesent- 
lich von einander verschiedenen Formen auf: 1) mit erhöhet er 

•** Reizbarkeit, Erethismus, a) mit verminderter Reizbarkeit, Tor- 
piditat. Den wesentlichen Difierenzpunkt zwischen beiden bildet 
das Ohrentünen, welches der erethischen Form ohne Ausnahme 
angehört, während es der torpiden Form gänzlich fehlt Jedoch 
gehört dasselbe der erethisch - nervösen Form nicht ausschließlich 
an. — Die Diagnose der nervösen Schwerhörigkeit beruht ledig- 
lich auf der genauesten Localuntersuchung des Gehörorgans: der 
Gehörgang ist frei, meistens ohne alles Ohrenschmalz; die 
Trommelhöhle sammt der Eustachischen Trompete ist 
ebenfalls frei von materieller Anhäufung; die eingeblasene Luft 
dringt ohne alle Anstrengung bis zur Mitte des Gehörganges, bis 
zum Trommelfell. Zur nervösen Schwerhörigkeit disponiren eine 
gewisse erbliche Beschaffenheit , Schwäche des Nervensystems 
und hohes Alter. Die Prognose ist unsicher und meist ungunstig. 
Nachdem der Herr Verf. die bisherigen Behandlungsweisen und 
die einzelnen bisher angewandten Mittel einer Kritik unterworfen 
hat, kommt er zu seiner Metbode. Zuerst regulirt er den allge- 
meinen Gesundheitszustand, wodurch sich jedoch in der Regel 
das Local leiden nicht im geringsten bessert. Wie Itard benutzt 
er das Einfuhren ätherischer Dünste in das mittlere Ohr durch 
die Eustachische Röhre. Da sich bei dem Verfahren Itards der 
Essigätber, der vor allen andern Mitteln den Vorzug verdient % 
zersetzt und somit reizend einwirkt; so hat der Herr Verf. eine 
andere Vorrichtung getroffen, wozu er den Apparat abbilden Hefa. 
Wir müssen den Leser ersuchen , die Verfahrungsart selbst nach- 
zulesen, da sie ohne Betrachtung der Abbildung in Kürze nicht 
wiederzugeben ist. — Die Sitzungen , in welchen die ätherischen 
Dünste in das mittlere Ohr geleitet werden, müssen täglich auf 
einander folgen, wenn Nutzen erwartet werden soll. Bei der 
torpid - nervösen Schwerhörigkeit mnfs die Einwirkung kräftiger 
seyn. Defshalb läfst der Herr Verf. den Äther, der bei der ere- 



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Kramer: ErkeootmT« u. Heilung der Ohrcak rankheiten 165 

- - 

thisch nervösen Form durch Walter verdunstet wird, bei der 
torpid • nervösen Form durch eine Öllampe erwarmen. 

Viertes Capitel. Von den Hörrohren (S. 377 — 383). 
Der Herr Verf. halt es nicht der Muhe werth , die verschiedenen 
Hörrohren .zu beschreiben, da sie trotz aller angewandten Bemü- 
hungen doch unpraktisch seycn. Er fafrt deshalb nur das Ge- 
meinsame derselben zusammen und theilt sie, ohne Rucksicht auf 
ihre Form zu nehmen, folgendermafsen ein: sie nehmen entweder 
1) den Schall blos als einfache Leiter auf und leiten ihn unver- 
ändert in seiner ganzen Stärke dem Obre zu , oder 2) sie ver- 
stärken durch das Metall , woraus sie gefertigt sind , den Schall 
und verändern ihn zugleich. Unter der Verstärkung des Schalles 
durch metallische und andere ähnlich construirte Hörinstrumente 
gebt gewöhnlich die Verständlichkeit verloren, oder der Gehör- 
nerv wird in der Art gereizt, dafs die Lähmung um so rascher 
eintritt Darum warnt Herr Kr. nachdrucklich vor dem Gebrau- 
che dieser Instrumente. 

Fünftes Capitel. Von der Taubstummheit (S. 383 
— 400). Der Herr Vf. glaubt , dafs bis jetzt kein einziger Taub- 
stumme wirklich geheilt, d. b. in einen solchen Zustand versetzt 
worden sey, dafs er gleich einem gesundhörenden Menschen mit 
seinen Mitmenschen ungehindert durch das Gehör in allen Ver- 
hältnissen hätte verkehren können. Das so wichtige Problem , ob 
Taubstummheit heilbar sey, ist nach ihm praktisch noch nicht 
gelost, und er zweifelt auch daran, dafs es jemals bejahend auf 
eine befriedigende Weise gelost werden möge. Alle gegen die 
Taubstummheit Torgeschlagenen Mittel und Heilmethoden verwirft 
er unbedingt , und zwar defshalb , weil der Gehörnerv , auch ohne 
primär afficirt zu sey n y dennoch bei allen Taubstummen durch die 
viele Jahre dauernde Unthätigkeit so bedeutend gelähmt werde, dafs 
selbst die passendste Beseitigung materieller Mifsverhältnisse des 
Gehörorgans die Lähmung nicht aufheben könne. — Hier ist der 
Herr Verf. gegen seine Gewohnheit auf das Feld der Hypothese 
gerat hen. Wir wollen hoffen, dafs er den unglücklichen Taub- 
stummen seine Bemühungen für die Zukunft nicht entziehen wird. 

Der gedrängt dargelegte Inhalt dieser Schrift beweist ihre 
Reichhaltigkeit und Gediegenheit. Ihr praktischer Werth wird 
durch Mittheilung sehr vieler, höchst interessanter Krankheitsfälle 
aus dem Gebiete der verschiedenen Formen der Ohrenkrankhei- 
teiten, meist nach eigner Beobachtung, sehr erhöht. 



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16« Dödcrlein: Latein. Synonyme iL Etymologien. 5r Bd. 



Auf Tab. I. sind ein Ohrenspiegel , ein Et leuchtungsapparat 
für den Gehörgang, ein silberner unbiegsamer Gatbeter and ein 
8tirnband , auf Tab. II. die Loftpresse und ein grofser und ein 
kleiner Dunstapparat abgebildet. 

Dieses Werk verdient in hohem Grade die Berücksichtigung 
der Arzte. * 

Dr. Franz Ludic. Feist in Mainz. 



Lateinische Synonyme und Etymo logicen von Ludw. D öder lein. 

- Fünfter TheiL - Leipzig 1836, bei JE. C. W. Vogel. XIV m 
m 392 Seiten 8. 

Seit zehen Jahren bat dieses Werk , dessen vorletzter Band 
jetzt vor uns liegt , sieb auf dem Gebiete der philologischen For- 
schung, in dem Kreise, in welchem es sich zu bewegen bestimmt 
war, Achtung verdient und erworben, und Ref. hat jeden neu 
erschienenen Band in diesen Jahrbuchern bewillkommt und be- 
urtheilt. Wenn er dies auch bei diesem thut, so geschiebt es 
theils weil es von ihm erwartet wird, theils-weil er den lebhaf- 
testen Antheil an der Fortsetzung des Werkes nimmt, theils end- 
lich, weil er sich freut, jetzt im fünften Theile einen Wunsch 
erfüllt zu sehen, den er schon wiederholt, und gleich bei dem 
ersten Theile, ausgesprochen hat Der Verf. erklärt nemlich in 
der Vorrede, »es habe sich die Vollendung dieses Bandes haupt- 
sächlich dadurch verzögert, dafs er sich mehr und mehr über- 
zeugte, dafs er die Sprachvergleichung bei seinen etymologischen 
Untersuchungen weniger entbehren k5nne, als er bei seinem bis» 
herigen Verfahren that, und nach seinen frühern Grundsätzen 
thun zu müssen glaubte.« Es habe darunter, fährt er fort, frei- 
lich die Gleichförmigkeit und Consequenz gelitten, allein zum 
Frommen der Resultate: denn jetzt habe er das Griechische re« 
gelmäfsig , das Deutsche häufig zur Vergleicht! ng beigezogen , und 
bei seiner jetzigen Metbode sey ihm klar geworden, dafs die la- 
teinische Sprache , namentlich im lexikalischen Theile , nur als ein 
Dialekt der griechischen Sprache behandelt werden dürfe, und 
dafs die ungriechischen Elemente derselben auf eine unverhältnifs- 
mäfsig kleine Zahl zusammenschmelzen. Bei Vergleichung der 
germanischen Dialekte sey er vorsichtig gewesen, weil ihm ihre 
Kenntnifs abgehe , auch habe die nächste Bestimmung seines Wer- 
kes ein tieferes Eingehen in historische Forschung abgelehnt.« 



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E«*mologiea^5rB4. 



167 



Daf§ der Vf. nicht auf da« Ansinnen eingieng , vre I che« ein Re- 
censent des zweite^ Theils seines Werltes machte , neinlich das 
Sanscrit zur Grundlage seiner etymologischen Forschungen zu 
nehmen, können wir aus demselben Grunde nur billigen. Da der 
Vf. anfangs beabsichtigte, mit dem fön flen Theile das Werk zu 
echJiefsen, so beflifs er sich gröfserer Kürze und enthielt sich der 
kritischen Excurse, der Polemik gegen fremde Ansichten und der 
^ Häufung von Beweisstellen, konnte jedoch nicht verhindern, dafs 
nicht noch ein sechster Band nöthig wurde. Dieser wird denn 
auch ein Generalregister enthalten, um das lästige Nachschlagen 
der einzelnen Register unnöthig zu raachen , und dieses soll die 
weitere Bestimmung erhalten, zur Ergänzung und zur Bericht!* 
gung des ganzen Werkes sowohl in synonymischer als besonders 
auch in etymologischer Beziehung zu dienen, und mithin die 
Stelle eines Supplementbandes und zugleich einer neuen, verbes-* 
serten und vermehrten Ausgabe, auch wo möglich gar die Stelle 
eines Etymologicum Latinum zu vertreten. Da der Vf. sich zu* 
gleich vorbehält, in einer Einleitung zu dem nächsten Theile sich 
über die Motive seiner ausgesprochenen Bekenntnisse, wonach 
sich in seinen Ansichten und Grundsätzen hinsichtlich der Etymo- 
logie Manches geändert hat, auszusprechen, so versparen wir eine 
Erörterung darüber billig auf die Beurtheilung des letzten Thei- 
les , und fugen unsern obigen Äusserungen hierüber nichts weiter 
bei, um für die Bemerkungen Raum zu gewinnen, welche wir 
über den vorliegenden mitzutheiien haben : Bemerkungen , die 
zwar nicht Anspruch auf hohe Wichtigkeit machen, und zum 
Theil blos subjective Ansichten aussprechen wollen, die aber doch 
vielleicht in einzelnen Puncten bei dem sechsten Theile beachtet 
werden könnten. 

Wenn wir zuvörderst aussprechen, dafs wir in diesem Bande 
die gleiche Sorgfalt und Feinheit der synonymischen BegrifTsbe* 
Stimmungen, oder vielmehr der genauen Unterscheidung schein- 
Jbar synonymer Wörter, mit den treffendsten Stellen belegt, an- 
getroffen haben, wie in den frühern, ja dafs uns eine grofse Menge 
Artikel (der Band enthält ihrer hundert) vorgekommen sind, bei 
denen wir nicht nur Nichts zu erinnern haben , sondern die uns 
gleichsam aus der Seele geschrieben sind , so ist dies nicht eine 
Jblofse Folie, auf welcher, als auf einem glänzenden Hintergründe, 
sich der darauf folgende Tadel besser ausnehmen soll, sondern 
unsre vollste Überzeugung, welche wohl selbst diejenigen thcilen 
durften, die mit dem etymologischen Theile weniger, als wir, 



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168 Dödcrlein : Latein. Synonyme o. Etymologien. 5r Bd. 

einverstanden and zufrieden seyn mochten. Haben wir übrigens 
oben unsere Freude über die Änderung des etymologischen Prin- 
eips unsere Vfs ausgesprochen ; so sind wir doch nicht in dem 
Falle, alle Anwendungen desselben mit Beifall aufnehmen zu kön- 
nen. Indessen spricht er selbst, aus reiner Wahrheitsliebe, öfters 
nicht entscheidend, und hat dadurch gezeigt, wie ihm am per- 
sönlichen Rechtbehalten nichts, an Förderung der Wissenschaft 
alles liege. 

, +. Gleich auf der ersten Seite will uns die S t a m m Verwandt- 
schaft zwischen miiU und mollis, auf welche Seneca Ep. 114 
deuten soll, gar nicht einleuchten: eben so wenig der gemein, 
schaftliche Stamm melc, und die Entstehung von mitis aus melc- 
tis. Alle angegebenen Analogieen von Veränderung der Sylben 
el 9 il und ol beweisen nicht, was sie beweisen sollen, weil nir- 
gends das l wegfällt, sondern nur der Vokal verändert wird; 
was aber unter N. 3 S. 4 angegeben ist , möchte wohl nicht ge- 
eignet seyn , das Unhalthare zu unterstutzen , da es selbst sehr 
zweifelhaft ist. Denn wie kann z. B. die Ausstofsung des / da- 
durch bewiesen werden, dafs proecrus für procelrus stehe, und 
caecus von calim homme, vis (die Kraft) aber von valco herzu- 
leiten sey , und eigentlich vels heifse: da doch U so nahe liegt 
S. Passow u. d. W. Und warum soll denn muleeo von duAy© 
herkommen , und nicht vielmehr mulgeo ? *) — S. 4 konnten 
wir es nicht verdauen, dafs comis aus coquere stammen und mit 
höflich und hübsch verwandt seyn soll. Hübsch ist zwar 
wahrscheinlich höfisch (s. Frisch u. d. W. hupsch): aber was 
höflich und höfisch für eine Wurzel habe, darüber scheint 
doch kaum ein Zweifel seyn zu müssen. Und sind auch die Ab- 
leitungen von Varro aus x<ä>oc, von Baumgarten - Crusius aus 
coirs, die Vermuthung Freunds aus commilis, nicht sicherer, so 
möchten wir doch lieber die Sache dahingestellt seyn lassen, als 
solche Vermuthungen aufstellen und rechtfertigen wollen. Im 
Lateinischen weit mehr als im Griechischen ist in manchen Fällen 
das imytiv das Beste. — - S. 6 oder 10 fg. konnte bei mansue- 
tudo auch auf die Bedeutung des Wortes in der spätem Latini- 
tät , z. B. in der Vorrede des Eutropius , hingedeutet werden. — 
S. 7 hätten wir bei humanitus anstatt in Folge meiner Mensch- 
lichkeit lieber von Seiten meiner Menschlichkeit gesagt. — Zu 



•) Womit übrigens eine StammTerwandttchaft beider nicht gerade 
geläugnct aeyn toll. 



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Synonyme o. Etymologien, ftr Bd. 

S. 18 bemerken wir, dafi der Vf. des Schwäbischen 
nicht Schmidt, sondern Schmid, hiefs. — S. 21 f. war bei 
curiosus in der Bedeutung macer erstlich das Beispiel aus Nonius 
anzuführen, der eurio bei Plaut. Aulul. III. 6. 27. durch curiosus 
erklart; dann hätte aber das curiosus in der Bedeutung von macer 
aas eben jener Piautinischen Stelle III. 6. 36. nachgewiesen wer- 
den sollen (magis cur io tarn nusquam esse ullam belluam), wo 
freilich Mehrere curionem lesen, damit die Frage des Megadoms 
{volo ego ex le teire, qui sit agntu curio) darauf passe, worauf 
dann von Euclio die scherzhafte Antwort gegeben wird : qai ossa 
alque pelUe totus est, ita ut cura macet : wo man dann erst be- 
greift , warum Hr. O. sagt, die Ableitung von cura könne nur für 
Scherz gelten. Liest man aber an jener Stelle curionem und nicht 
curiosam, so bat curiosus in diesem Sinne weiter keinen Beleg 
mehr. — S. a3 hätten wir bei macer wenigstens den Zusammen- 
hang mit uaxobq angedeutet. — S. a5 N. 9 hatten wir die grie- 
chische Etymologie bei tener auch hereingezogen, etwa so: Die 
Ähnlichkeit zwischen Ti>ijv und tener ist gewifs eben so wenig 
zufällig, als die zwischen poqcpri und Jorma» Tendiere aber ist 
gewifs mit xety©, tavva und dadurch mit dehnen verwandt: 
mit tener dann das holländische teder , das franzosische tendre , 
engl, tender und durch diese Vermittelung das deutsche zart. — 
S. 26. Dafs lo%vbq auf igere f und nicht auf to^o, also l^o, zu- 
rückzuführen sey, davon mochten sich wohl Wenige überzeugen 
lassen: noch Wenigere aber von der Behauptung S. 37, dürf- 
tig und dürr seyen stammverwandt Die Buchstaben dür dür- 
fen uns nicht verleiten. Wir verweisen wegen dürftig, der 
Kurze wegen, nur auf den Artikel darben bei Frisch, und ebd. 
den Artikel dürr. — S. 39 wurde es auch passend gewesen 
seyn, die minuti philosophi des Cicero (de Sen. a3, 85. de Divin« 
1. 3o. 6a. p. i5o uns. Ausg. und die dortigen Citate), zu ver- 
gleichen. — S. 32 sollte zwischen tingere und tauchen die in 
Suddeutschland so häufige und fast allgemeine Mittelform tunken 
(d unken) stehen. — S. 35 hätten wir angedeutet, dafs schon 
in der Bildung des Wortes fundamentum (aus fundare) die An- 
deutung liege, dafs es einen kunstlichen (eigentl. gemachten) 
Grund bezeichne. — S. 38. Die Analogie von ^iyvv^i t mü- 
ceo, mixlus, um die höchst problematische Ableitung des Wortes 
restis von slringere, trahere zu vermitteln [dafs nerolich zwischen 
den Endradical und die Endung ein s eingeschoben sey], scheint 
nicht zu passen, denn misceo ist nicht auf diese Weise von pLyv*>\** 



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170 Döderleins Latein. Svnpnjmc u. Etymologien. 5r Bd. 

entstanden, sondern von MlZtö (hebr. TJOBi deutsch mischen) 

kommt es her, woyon es freilich eine alte, erweichte Nebenform 
MITß (daher mengen) gab; das Supinum aber ist von miscitum, 
syncopirt mislum, und erst durch die Aussprache mixtum (nicht 
Ton migstum) geworden. Nan vergleiche nur in dieser Hinsicht 
Sestius und Sexliusi ursprunglich ein Name, dann bekanntlich un- 
terschieden als patricische und plebejische Familie. Mistus also 
ist nicht, wie angedeutet zu werden scheint, aus mixtus entstan- 
den, sondern, wie wir glaubten, umgekehrt dieses aus jenem. *) 
— S. 44 wird zu Sancta puer, Saturni ßlia allzu unbestimmt Lir. 
Odyss. citirt, so dafs man gar nicht nachschlagen bann. Das Ci- 
tat sollte heifsen Liv. Andronic. in Odyssia bei Priscian. VI, 8. 42. 
p. 248. Krehl. p. 698. Putsch. — S. 4~> unten ist in der Stelle 
aus Cic. de Sen. 2. falsch geschrieben quam pueriliae adolcscen- 
tiae surrepU Druckfehler für adoletccntia. — S. 56. Gegen die 
angenommene Buttmann'sche (Lexil. I. 8. 26) Unterscheidung von 
9sXg> und ßovXopaii dafs jenes einen energischen Willen s- 
act, dieses nur ein blofses Gefühl, einen Wunsch bezeichne, 
haben wir einzuwenden, dafs, ob wir gleich die Beduction beider 
Vcrba auf Eine Wurzel und Grundbedeutung nicht bestreiten, 
sich uns doch , bei Beobachtung des Gebrauches der besten Schrift- 
steller , nicht ein blos gradueller Unterschied ergeben, sondern 
die Ansicht festgestellt hat, dafs St'Xciv, ISfXeiv ein Wollen aus 
Neigung, Laune, Eigensinn bezeichne, wo man den Grund des 
Wollens entweder nicht angeben kann oder nicht angeben will, 
aber dafür desto fester darauf beharrt, überhaupt ein Wollen, 
das in der Natur des Wollenden liegt , so dafs er nicht wohl an- 
ders wollen kann , weil er es nicht in Folge ?on vorgestellten 
oder von aussen ihm vorgehaltenen Gründen will : ßovXopai aber 
ein Wollen aus Gründen , mit Absicht oder in Folge eines durch 
Erwägung herbeigeführten Entschlusses. Wir wissen zwar wohl, 
dafs Rost in seinem deutsch - griechischen Wörterbuche (unter 
Wollen) nicht blos so ziemlich die entgegengesetzte Ansicht 
aufstellt, ja dafs er die Ansicht, welche wir aufstellten, und die 



•) Es löTst sich mixtus auch als J>loa durch Umstellung hart xusam- 
inenstorsender Consouanten entstanden denken , dafs neinlich aus 
miscitus warr mi actus, und aus diesem umgestellt miestus , d. i 
mixtua, geworden; ungefähr wie 6ich nervus und viupov (v«Ffov), 
parvua und xau^oq (wovon daa lateinische paulua nur eine andere 
Aussprache ist) verhalten. 



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Döderlein : Latein. Synonyme n. Etymologien. 5r Bd . III 

er auch einem Jenaer Recensenten (1822. i55.) zuschreibt, mit 
der kurzen Bemerkung abfertigt, sie sey grundlos. Passow, ohne 
Buttmanns Ansicht zu widersprechen, druckt sich behutsamer aus. 
\Vir getrauen uns, unsere Unterscheidung eher durchzuführen, 
als wir dies der entgegengesetzten zutrauen. Wenn z. B. Dutt- 
mann sagt, iStXeiv komme häufig vom Willen der Götter vor, 
So ist dies ganz im Sinne der Homerischen Menschen, welche 
ihre Götter nach dem Grundsatze handeln lassen: sie volo , sie 
iubeo : stat pro ratione voluntas. Ferner erklären wir aus unserer 
Ansicht leicht, warum nach Buttmann idsXfsr allein (nicht 0o». 
Xta^ai) gebraucht wird für ävvaoSai, warum fetkuv ohne 'die 
Überzeugung von der Möglichkeit in dem Wollenden nicht statt- 
finde, warum §oi\opai , und nicht e&Ao, bei Homer zuweilen 
für lieber wollen stehe, endlich warum und wie an einer 
Stelle (Odjss. p. 226.) ISiXo und ßovXopai einander entgegen- 
gestellt sind*). Und nun vergleiche man vollends t die Familien 
beider Wörter und die herrschenden, ja fast ausschliefsenden Be- 
deutungen in denselben: man halte ßovXsvuos, ßovXtvoiq, ßov- 
Xiviiii» ßov\ewixb<i , kurz ßovXtva mit seinen Derivaten, dann 

ßovXir^ ßui\r,ua f ßovXr/jyapuq gegen &€Xqai£ , StA^fia, £eA r,u W , 

V$%kovxr t q und alle mit iztXo— zusammengesetzten Wörter, und 
sehe, ob sich nicht ihre Bedeutung am ungezwungensten bei un- 
serer Unterscheidung erklären lafst **). — S. 07 mochten wir 
wir fragen, warum denn bei optare nicht die Bedeutung sich 
Etwas ersehen, wählen, herausgehoben ist, die doch z. B. 

— - • 

*) Damit verträgt sich auch reckt gut der Platonische Sprachgebraach 
von iSAift, z. B. Phaedon. c. 50. n. 51. p. 102 u 103. Steph. ri 
CfXi*{iv oux iZ'tktt treri }x<ya yiyvtvBai und ins7va oux av -rori (pzfxw 
iStX^cra* yivwv dXXtjXwv UiavSat. An solchen Stellen hätte /W- 
X4<rSai darum keinen Platz, weil es sich nicht davon handelt, data 
ein Entschlnfs zu etwas getafet werde, sondern dals das Nicht- 
wollen in der Natur liege und also fast ein Nichtkönnen sey. S. 
Wjttenbach ad Piaton. Phaedon. p. 212 sq. 

••) Ein gelehrter Freund, dem Ref. diese Ansicht niiltheilte, erklärte 
sich darüber so: „die Gränzlinie zwischen ßouko^t und iSiXw möchte 
oft nicht scharf gezogen werden können [natürlich, weil es oft von 
der Subjectivität des Sprechenden und Schreibenden abhängt, wel- 
che Art des Wollens er andeuten wolle]; übrigens glaube ich auch, 
dafs ßouXofjtat mehr auf eine v> illcnsmeinung geht, Willensvcrraö- 
gen vom Verstände bestimmt, «3&u> mehr auf eine Äusserung de« 
•ich seibat überlassenen Willensvermögens : wollen, dafs Etwas ge- 
schehe, weil man ea willt ein unabhängiges Wollen." 



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ganz deutlich in der ans Plaut. Rad. III. 6. 16: utrum vis opta p 
dum licet aasgehobenen Stelle stattfindet, auch offenbar in der 
Stelle aus dem Festua (S. 58 N. 7) gemeint ist, wo es Keifst: 

In re militari optio appellatur is 9 quem dccurio aut centurio op- 
iat sibi rerum privalarum magistrum — mag man npn gegen nie 
. Ansicht des Grammatikers selbst einwenden , was man will. Vgl* 
noch die verschiedenen bei Forcellini angeführten Stellen. — • 
S. 62 wird in Tac. Ann. XI. 9. Walthers Wiederherstellung der 
Lesart der meisten Handschriften Jbetus repente iaciunt, das 
neuerlich auch Ruperti , doch nicht ohne einigen Zweifel , wie et 
scheint, aufnahm, als die richtigere empfohlen, und die Erklä- 
rung Walthers: verba repente iniiciunt de foedere sanciendo haltbar 
genannt. Wir erblicken hier nichts Haltbares, wo eine Erklärung 
gegeben werden mufs, die zwar einen guten Sinn giebt, aber in 
den Worten nimmermehr liegen kann. Die von W. angeführten 
Stellen, welche diesen Gebrauch belegen sollen, sind alle anders: 
Ann. XV. 5o: scelera principis inter se aut inter amicot iaciunt $ 
I. 10: quamquam quaedam de — inst it Ulis eius ieccrat; III. 66: Afa» 
mercus antiqua exempla iaciens ; IV. 7 : neque apud paucos talia 
iaciebai ; IV. 68: La t iuris iacere Jortuitos primum sermonesi VI. 4* 
si qua discordes iecissent, melius obliterari; VI. 3i : veteres — ter- 
minos — per vaniloquentiam ac minas iaciebat ; VI. 46 r ioctis <a- 
men vocibus, per quas intelligentur providus futurorunu Wir las- 
sen uns sogar die Scheller'sohe Erklärung des von W. nicht an- 
geführten Beispieles aus Tac. I. 69 : odia in longum iaciens gefal- 
len: den Grund zum Hasse legen, und finden ans dadurch doch 
noch nicht bewogen, zu glauben, dafs foedus repente iaciunt gesagt 
und so erklärt werden dürfe. Der Sprache angemessener sind die 
nicht von Autoritäten entblofsten Lesarten iciunt (das freilich hier 
einzeln dasteht, da man sonst das Präsens von icere nicht findet), 
faciunt oder die Conjectur sanciunt. Damit aber das von Wal- 
ther gerügte vo-teqov npoxe^ov nicht in die Erzählung komme, 
nehmen wir an , es werde das Schliefsen des Bündnisses mit die- 
sen Worten erst im Allgemeinen angegeben , im Folgenden dann 
das Wie genauer erzählt , so dafs congressique stehe für et coh- 
gressi quidem (primo cunctantur cet). — S. 64 fg. Die angeführ- 
ten Redensarten über den Haufen werfen und nive verberat 
agros Jupiter beweisen nicht, dafs die Grundbedeutung von wer- 
fen der Begriff des Schlagens ist, und dafs verberare, umgekehrt, 
die Bedeutung von Werfen (goth. wairpan), seiner Abstam- 
mung nach, hat. Die erste Phrase entstand aus einem Act beim 
Ringen auf einem mit Sand bestreuten Boden , wenn ein Ringer 
den andern so zu fassen wufste, dafs er ihn über den Sand- 
Haufen hinüber warf, nicht dafs er ihn zu Boden schlug; 
in der zweiten aber ist der Ausdruck poetisch: Jupiter bewirft 
nicht die Felder mit Schnee, sondern er schlägt oder peitscht 
sie gleichsam mit Schnee. — S. 71. In der Stelle aus Columella 
XI. 1. prc. : Claudius Augustalis excudit mihi, cultus hortorum 
prosa ut oratiom componerem hilft es nichts, wenn man die Ver- 



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■ 

betserong extudil damit abweist, dafs sie »die bezeichnete Hand, 
long etwas zn derb, als zwingende Zudringlichkeit tiarsteile.« 
Die Grammatik erlaubt nicht zu sagen excudere alicui, ut aliquid 
faciat. Sagt doch Valer. Max. I. 4. n. 4 : exiuderunt , ut dorn um 
redirct, und V. 2. n. 2 : Pcrseveranti postulatione exiuderunt, ut 
— • addicerelur. So wird auch das starke exlonjuere gebraucht, • 
z. B. Cio. Tuscc. I. 7: extorsisti , ut faterer. Doch wir brauchen 
nicht mehr Beispiele beizubringen. — S. 71 mofs es in dem 
Fragment aus Plautos ne te — cajet, nicht cajat, beiden , da das 
Vernum cajare heilst , wie der Vf. zwei Zeilen weiter oben selbst 
sagt — S. 7«. Die für die Abstammung des Verbums soleo von 
f&o beigebrachten Analogieen haben für uns sehr wenig Über- 
sengendes, wenn schon der Vf. die Ableitung unstreitig nennt. 
Eben so will es uns 8. 77 mit der Beduction von ops auf juvarc 
gehen, nnd S. 83 mit dem zu potis und nÖTvioq gestellten Fe t Zen- 
ker 1. — S. 83 wird zu Tac. Hist. I. 1: Postquam omnem po le- 
st atem ad untlm confcrri pacis interfuit gesagt, Walther habe 
mit richtigem Sinne potentiam hergestellt, da die Allmacht des 
souveränen Herrsebers, nicht die Vereinigung der Staats« 
ge walten io Einer Person der Freimuthigkeit Abbruch gethan 
habe. Aber es handelt sich in dem Satze nicht davon, was der 
Freimuthigkeit Abbruch that, sondern zunächst ob potentiam in 
die Stelle pafst, nnd zu ad unum conferri pacis interfuit fug- 
lich gesetzt werden könne? Und darauf giebt es doch, in Er- 
wägung von conferri, nur eine ferneinende Antwort. Dafs diese 
übertragene potestas eine potentia zur Folge hatte , und dadurch 
der Freimuthigkeit Abbruch geschah, ist richtig nnd lag in der 
Natur der so übertragenen potestas 1 aber das war hier noch nicht 
zu sagen. — S. 85 fg. Was wollte wohl der Vf. mit dem ange- 
fangenen Satze sagen: »Aber eine Vergleichung von S c - 
neca — mit — Oder Plinius — mit — < nnd nun folgt 
keine Vollendung dieses Anfangs. — S. 88 und an verschiedenen 
andern Stellen ist uns aufgefallen, dafs bei der, übrigens ganz 
richtigen ; Unterscheidung zweier Worter nur der Unterschied 
der Bedeutung selbst angegeben ist, der dann, wenn nicht wie 
ein Orakel, doch wie ein Resultat einer Untersuchung erscheint, 
während er doch ganz einfach und offen in der Wortbildung und 
in der Bedeutung der Endungen liegt, nemlich hier in furialit 
die Ähnlichkeit mit den Furien, in furios us die Besessenheit ?on 
den Furien. Es sollte also gesagt seyn , die Bedeutung erhelle 
aus der Bildung der Wörter. — S. 00 will uns die Ableitung 
des Verb, delirare von delinquere nicht zusagen, nnd wir halten 
uns — nicht an lira, was wir, trotz der Erklärung des Plinius 
H. N. 18, 20, 49« mit dem Verf. gerne aufgeben, sondern an 
Xijoslv. Aber nicht viel besser sero von sequi, und noch weniger 
spirare, das eigentlich svenrare geheifsen habe, von ventus (S. 98), 
Heimath von civitas (S. 98), Schelm von calvere, schlimm, 
d. h. schief, von laevus ebd. Gewifs ist schlimm mit limus t 
im Sinne von obliquus, verwandt. Vgl. Frisch u. d. W. schlimm. 



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Döderleln : Latein. Synonyme o. Etymologien. 5r Bd. 



— S. q«. Hier bemerken wir, dafs Cicero nicht nur Univ. 5. am« 
ma für aer setzt, wo 7 Handschriften doch das Letztere geben, 
sondern auch Acad. II. 3o,, 12 j, und hier, wie es scheint, ohne 
Variante. — S. 120 wird ans zugemuthet, ira und Eifer für 
einerlei Wort zu nehmen, und succensere niobt von censere, son- 
• dem von succendere abzuleiten, S. 124 aber indagare , dqo und 
^r.relv von Einem Stamme herzuleiten, und dann soll wieder in- 
daginem buchstäblich das deutsche Za an seyn, S. 125 Fährte 
nicht nur Eines Stammes mit Spur, sondern auch mit vestigarc f 
S. i37 Jamal us von apa herkommen, (das ist eine starke Hin- 
neigung zur Ableitung lateinischer Wörter aus dem Griechischen, 
in Vergleichung mit der frühem Abneigung davon:) S. i5i pala- 
tum mit spclunca und palam verwandt seyn, S. 246 pangere be- 
deuten fangen. Dergleichen anhaltbare Ableitungen machen den 
Nichtkenner and Halbkenner und den Studierenden mifstrauisch 
auch gegen ganz Sicheres, and geben den hohlköpfigen Gegnern 
der Philologie Stoff zu ihren schaalen Witzeleien , welche beson- 
ders heut zu Tage die Masse der Ungebildeten so schmackhaft 
findet. — S. 120. Wenn Hr. Pr. D. Anstand findet,/«/ und bilU 
mit yoli] and Galle zusammen zu stellen, weil er kein evidentes 
Beispiel finde , in welchem das lateinische f dem griechischen % 
entspräche: so bemerken wir, dafs diese Verwechslung in den 
germanischen Dialekten wenigstens sichtbar genug ist : man ver- 

Sleiche das hollandische kracht mit Kraft, lucht mit Luft, ja 
ie zwei deutschen Wörter Schucht und Schluft. — S. 126 
steht in der Note yiy&va sey ein eben so regelmäfsig gebildetes 
Perfect von TONß, wie 6X0X0. von SXa — and doch giebt es 
keine verschiedenem Bildungen. Von yova könnte eben so we- 
nig ein Perfectum yiyava herkommen, als von KOIIß (gebr. 
xojiTw) xix<o*a 9 sondern yiyova wie xtxona. Sodann ist das 
Perfectaugment in yiyaava ein ganz anderes, als in ÖXaXa. Bei 
jenem ist dem augm. syllabicum , gang nach der Regel , der erste 
Stammbachstabe vorgesetzt: bei diesem ist von ÖXm das Perfectum 
mit dem augm. temporale (weil das Verbum mit einem Vocal an- 
fangt) eigentlich &Xa ; zu diesem wird nun , nach einer sich über 
viele Verba erstreckenden Analogie, der ganze Stamm noch 
einmal vorgesetzt , nemlich o X , folglich wird es ÖX - <oXa : gerade 
so bilden sich auch die Perfecte dd-coda, äit-cma, Kp-opa, 
bp-Spoxa, 6?-<bpvxa und andere ähnliche. — S. 148 fg. fiel 
ans die Stelle auf: » Faux existirt in seiner Bedeutung in dem 
schwäbischen Bun gerer d. i. Luftröhre; vgl. Schmids Wör- 
terbuch.« (Die Stelle ist S. 107). Wenn das sonst ganz unerhörte 
Wort nicht durch einen Schreibfehler entstanden ist, was ans 
sehr möglich vorkommt, so liegt es doch von faux so fern ab, 
dafs wir darin anmöglich die Verwandtschaft erkennen können. 
Wer weifs aber, ob es in dem Manuscript, aus welchem es Schmid 
hat, nicht Lungenrer, d. i. Lungenröhre, geheifsen hat ? Eben 
so seltsam war dem Ref. die Stelle S. i5i : »Und sollte nicht das 
deutsche Kottel, Kutt elf leck für Eingeweide, die deutsche 



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Dödcrlcin : Latein. Synonyme u. Etymologien. 5r Bd. 175 

Form für yaoxho and guttur seyn?« Wir wollen die Sache 
nicht weiter auseinandersetzen , nur auf Frisch verweisen, und 
andeuten, dafs Buttel fleck nicht sowohl Eingeweide bedeutet, 
als die xu einer Speise zubereiteten zerschnittenen Kaldauncn. — 
S. 166 will es uns sonderbar vorkommen , dafs urgerc in den Stel- 
len des Horatius (Ep. I. 14. 26: Vrges iam pridem non tacta ligo- 
ntbus arva) und Tibullus (I. 9. 8: Et durum terrae rusticus urget 
opus) nicht denselben Stamm haben soll, der S. 164 angegeben 
ist, sondern für die lateinische Form von ipydgouat angenommen 
wird : als ob die Dichter nicht das starke Verbum urgere in dem 
Sinne Ton sich eifrig beschäftigen brauchen kannten. — 
S. 181. Bei der Zusammenstellung von olxo?, vicus mit Schweig 
[Schwaig, auch Schweich; s. Schmid und Frisch] konnte noch 
ein Mittelglied, das hollandische wyk^ eingeschaltet werden. — 
8. 198 fg. Bei Erörterung der Bedeutung von meditari und m«- 
ditaiio Uonnte darauf hingedeutet werden , dafs die Romer oft sich 
im Spracbge brauche an das wahrscheinlich verwandte ueXexaJv 
and ptXixri erinnerten, und ihnen deswegen die oft ganz mate- 
rielle Bedeutung des Vorübens und Einubens irgend einer Fertig- 
keit gaben, wie eine ziemliche Anzahl von Stellen bei Forcellini 
beweist. Übrigens weifs Ref. wohl, dafs die Verwandtschaft zwi- 
schen utXttdv und meditari neulich von einem nahmhaften Ge- 
lehrten in einer Recension bezweifelt worden ist. Wyttenbach 
erklärte sie für gewifs. In Rucksicht auf das Obige mochte Ref. 
S. 200 bei der Unterscheidung zwischen commentari und meditari, 
(dafs jenes mehr extensiv, mit Mufse, Ruhe und Gründlichkeit, 
dieses mehr intensiv, mit Ernst, Anstrengung und .Lebendig- 
keit über Etwas nachdenken heifse,) wenn beide neben einander 
stehen, wie de Or. 2, 27, 118: locos multa commentatione et mc~ 
ditatione paratos — den Unterschied so roodificiren, dafs sie sich 
fast wie inneres und Äusseres (mens und intern) verhalten. — 
S. 200. Ob das gothische Verbum hugjan, denken, wähnen, mit 
cogitare oder mit voiiv und incohare zusammen hange, welches 
Beides dem Ref. gleich unwahrscheinlich vorkommt, wollen wir 
nicht untersuchen, sondern es nur auch aus dem Holländischen 
in den Wörtern heugen, gedenken, geheugen, Gedächtnifs, nach- 
weisen. — S. 207 war neben das deutsche Vogel, das gothische 
fugls, das althochdeutsche fogal , auch das englische jowl zu setzen. 
— 8. 345. Zu der Stelle aus Tacitus Ann. I. 42: Primane et 
vicesimä legiones, illa signis a Tiberio aeeeptis, tu tot praeliorum 
socio , tot praemiis aueta, egregiam duci vestro graliam refertis be- 
hauptet der Vf. »das Wort primanus stehe unerkannt in dersel- 
ben. Es haben nemlicjh olle Ausleger das Wort Primane als Fe- 
mininum mit der Fragpartikel gefaßt, und sich dann durch das 
folgende egregiam in Verlegenheit gesetzt gesehen , da es entwe- 
der heifsen müfste primane — hänc graliam oder prima — egre- 
giam gratiam rejertis. Lese man aber primane, so rede Germa- 
nicus damit die anwesende, mit vicesima legio die abwesende 
Legion an. « Hieiuit können wir nicht übereinstimmen. Erstlich 



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116 - Dödcrlcl n : Latein Synonyme u. Etymologien. 5r Bd. 

ist nicht die ertte Legion anwesend, und die zwanzigste abwe- 
send , sondern beide sind zugegen , und beide werden als gegen- 
wärtig angeredet : und zweitens läTst sich die Alternative , dafs 
man sonst entweder pr imune — hanc gratiam oder prima — - 
egregiam gratiam refertis lesen müfste, dadurch leicht beseitigen, 
dafs man nach Buperti's Vorschlage (den Hr. Pr. D. nicht zu 
kennen scheint) ganz einfach und ohne alle Änderung Prima ne 
oder nae d. i. profecto, liest: endlich wütde durch die Annahme, 
Primane sey der Vocativ von primanus, die Concinnität das Aus- 
drucks gar sehr leiden, und vicesima legiones gar seltsam daneben 
stehen. Doch genug der Bemerkungen, an welche wir nur noch 
die Berichtigung einiger uns zufällig vorgekommenen ungenauen 
Citate schliefen. S. 102 unten ist. die Stelle aus Tacitus nicht 
IL 4a, sondern 41; 8. i3i oben Tusc. II. 22. 53, nicht 5z; 8. 
i3z nicht Oeiot. 12, 3z, sondern 33; S. 144 ist die Stelle, die 
blos Cic. Rull, citirt wird, zu finden IL 35. 96; S. a3i , oben, 
sollte es Legg. I. 2. 5, für I, 5 heifsen. 

Der Kürze wegen mochte Bef. bei der Erörterung S. 276 
über Cic. de Bep. IV. bei Nonius Marcellus, doch auf seine An- 
merkung zu jener Stelle, nemlich zu IV, 8. p. 428 fg. seiner 
Ausgabe, hindeuten. 

Da wir uns nun bei lauter Einzelnheiten berichtigend oder 
zweifelnd aufgehalten haben , so fragt vielleicht Jemand, der un- 
sere frühem Anzeigen des Werkes nicht gelesen hat: was ist nun 
der langen Bede kurzer Sinn? Nicht der, der aus dem Tadel 
hervorzugehen scheinen konnte, sondern ein sehr entgegengesetz- 
ter. Wir laden vielmehr Jeden, der sich (ur grundliche Wort- 
forschung, Synonymik und überhaupt für gründliches Studium 
der lateinischen Sprache interessirt, falls er diesen Theil oder das 
ganze Werk noch nicht kennte, ein, sich einen eben so reichen 
Geuufs, als vielseitige Belehrung durch dessen Studium zu verschaf- 
fen. Wir waren etwas ausführlich in der Darstellung und Be- 
gründung einer Anzahl von Desiderien, womit wir dem würdigen 
Verfasser besser, als mit einem oberflächlichen Lobe, zu dienen 
glaubten : aber wir wären unerschöpflich , wollten wir die vielen 
treffenden und trefflichen Artikel (dergleichen z. B. der N. 214 
über Scientia. Nolitia. Inscius, Nescius. Lüerae. Artet. Doclrina. 
Disciplina ist) aufzählen oder gar zergliedern. Der Dank der 
Gelehrten, der Lehrer und der Studierenden wird dem Vf. nicht 
entgehen. Mit Vergnügen sehen wir dem Bande entgegen, der 
das Werk noch brauchbarer machen , runden und abschließen wird. 

ü I m. Nov. i836. G. IL Mose r. 



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N°. 12. HEIDELBERGER 1837 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



ÜBERSICHTEN und KURZE ANZEIGEN. 



HIST0RI8CHR LITERATUR. 

Iiistor igch - politische Darstellung der völkerrechtlichen Begründung de» Kö- 
nigreich» Belgien, von Nothomb. iVaeA dem Framotiechen bearbeitet 
mit Anmerkungen und Zugaben von Dr. Adolph Michaeti», ordentl. 
Profetor der Rechte in Tübingen. Mit einer Karte de» Königreich» 
Belgien. Stuttgart und Tubingen, Cotta. 1836. Clf und 501 und 
119 S. gr. 8. 

Ein als Lehrer der Rechtswissenschaft, als Henner der alte« 
ren Rechtsgeschichte von Flandern, wie der Verfassung und des 
Zostandes Ton Belgien auf gleiche Weise berühmter Gelehrter 
hat das Original der oben angeführten Übersetzung in diesen 
Blättern angezeigt, Ref. darf daher um so weniger auf den Inhalt 
zurückkommen, als er die Verhältnisse, von denen hier die Rede 
ist , nicht wie jener Gelehrte aus eigner Ansicht und Einsicht 
der belgischen Zustände und Verhandlungen kennt. Er begnügt 
sich daher mit einer blofsen, nackten Anzeige, womit er die der 
Gegenschrift des Herrn von Keyerberg verbinden will. Die Über- 
setzung enthält nicht blos alle Verbesserungen und Zusätze der 
neuern Auflagen von Nothombs Schrift, sondern auch Bemerkun- 
gen des gelehrten Übersetzers. Der Anhang von hundert und 
neunzehn Seiten besteht aus einem Urkundenbuche, welches die 
wichtigsten diplomatischen Staatsacten und politischen Documenta 
über die belgisch - holländischen Angelegenheiten enthält. Etwas 
weniger diplomatisch- juristisch ängstlich hätte vielleicht der Über- 
setzer verfahren können , ohne dafs der deutsche Leser etwas 
Wesentliches verloren hätte. Es scheint uns nämlich, dafs es 
nicht sehr schwer gewesen seyn würde , den Hauptinhalt der drei 
Vorreden der drei Ausgaben des Herrn Nothomb in einen kleinen 
Baum zusammenzudrängen, statt dafs hier diese drei Vorreden, 
eine nach der andern wortlich übersetzt, mehr als 100 Seiten 
füllen. Nothombs Werk hat übrigens in Holland einen Gegner 
gefunden, der, als Gelehrter und als Geschäftsmann ausgezeich- 
net , die holländische Regierung oder eigentlich den König , der 
unstreitig den besten Willen halte, wenn er auch nicht immer 
glücklich in der Wahl seiner Mittel und seiner Rathgeber war, 
gegen viele Vorwürfe Notbombs glücklich verthejdigt hat; auch 
ton diesem Werke liegt eine deutsche Übersetzung vor uns: 

XXX. Jahrg. 2. Heft. 12 



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118 Historische Literatur. 

■ 

Vom Königreiche der Niederlande. Durch den Freiherrn vom Keverberg, 

Commandcur des königl. Ordern vom niederländischen Löwen, Mitglied 
des Staatsraths und Prdfecten während des Kaiserreichs u. s. w. Stutt- 
gart, Hallbergerache Verlagsbuchhandlung. 183«. 392 S. 8. 

Der Verfasser dieser Anzeige mufs aufrichtig gesteben, dafs 
er sich über den historischen Werth des Bachs sehr getäuscht 
gesehen, da er es bisher nur aus einseitigen Anzeigen und Aus- 
zügen gekannt hat. Wahrscheinlich verdankt das Buch die gün- 
stige Aufnahme , die es gefunden hat , theils der Parteilichkeit 
eines Theils der Leser, und der Neugierde, die Defension der 
Holländer zu lesen, eines andern Theils, theils dem leichten, di- 
plomatisch vornehmen Styl und den klingenden Worten und Phra- 
sen , ganz besonders aber wohl, wie Ref. hofft, dem Hau)) itheil, 
worüber er sich kein Urtheil anraafst, dem Bericht über die hol- 
ländische Verwaltung und Regierung in Belgien. Er überläfst 
daher Männern von Fach, die Vertheidigung der Holländer, als 
den Haupttheil des Buches, zu prüfen, und beschränkt sich auf 
die ersten hundert Seiten, um deutlich zu machen, warum er 
sich geirrt hatte , als er es für historisch hielt. Es ist eine im 
Style der Napoleonischen Zeit geschickt und gewandt abgefafste 
Schrift eines dienstfertigen, geschäftskundigen Kosmopoliten. Das 
ist Alles, was man davon sagen kann; historischen Werth hat sie 
sehr wenig« Der Übersetzer redet in dieser Beziehung viel of- 
fener als der Verfasser. Er sagt nämlich ganz offen heraus, er 
wolle , wenn er den zweiten Theil des von ihm sehr hölzern 
übersetzten Buchs herausgebe, nicht blos widerlegende Rücksicht 
auf die dritte Auflage von Nothombs Buch nehmen, sondern auch 
in eignen Nachträgen Alles widerlegen, was Nothombs Übersetzer 
Neues beigebracht habe, ja, er wolle sogar zu Gunsten des Kö- 
nigs von Holland gegen Osianders Schrift über die niederländi- 
schen Finanzen zu Felde ziehen. Dabei mufs man eingestehen , 
dafs das Buch des Baron von Keverberg sich viel besser lesen 
läfst (nur nicht in der Übersetzung) als das belgische Buch , dafs 
es vortreffliche und genaue Angaben enthält, dafs es vielleicht in 
Beziehung auf seinen eigentlichen Zweck vortrefflich seyn mag , 
dafs es also ganz aliein Ref. Schuld ist, wenn er darin nicht ge- 
funden hat , was er suchte. Um anzudeuten , was er suchte und 
nicht fand , will Ref. die ersten scheinbar ganz historischen Seiten 
des Buchs durchgehen und seine Meinung leise andeuten. Die 
Einleitung will Ref. ganz übergehen , da diese vornehme nnd 
geistreiche Manier ihm für diplomatische Aufsätze passender 
scheint als für historische, weil es bei den erstem auf glänzen- 
den Schein , bei den andern ganz allein auf dürre Wahrheit an- 
kommt; er geht daher gleich zum ersten Abschnitt über, welcher 
überschrieben ist: Entstehung des Königreichs der Nie- 
derlande. Die Geschichte des Falls der alten Republik der sie- 
ben Provinzen hätte Herr von Keverberg lieber ganz übergehen 
sollen, sie hat mit seinem Gegenstande nichts an thon, und was 



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Historische Literatur. 179 

er berichtet , and die Quellen , aus denen er es nimmt, sind doch 
wohl hoffentlich selbst den Lesern, für welche er schreibt, gar 
zu flach. EU scheint uns sogar, als wenn es seiner Geschicktich- 
Ueit als Vertheidiger und Lobredner seines Honigs wenig Ehre 
macht, dafs er so weit ausholt. Wie wurde er sich aus der Sa- 
che sieben, wenn nun einer ihn von dieser Seite fafste (die Bei- 
gien ear nicht angeht) ? Wenn einer zu beweisen suchte , dafs 
seit der Erneuerung des Statthouderats um 1747 Holland unter 
englische Vormundschaft ham ? Wenn er auf die Zeiten von 
Schlüters Phocion und auf das Betragen der Regierung im ame- 
rikanischen Kriege, besonders zur Zeit des Plans der bewaffneten 
Neutralität, als ein schneller Entschluß, den Ludwig von Braun- 
*schweig und Oranien hinderten, der Bepublik ihre alte Bedeu- 
tung im Handel hatte wiedergeben können, zurückkäme? Wenn - 
er der Folgen der preufsischen Besetzung und ihres Zusammen- 
hangs mit dem Einfall um 1795 gedächte und Mirabeau sur le* 
Stadhouderat benutzte? War es nicht besser, die Heldenthaten 
des jetzigen Königs, deren S. 11 u. 12 gedacht wird, ganz zu 
ubergehen , als sich ein si taeuisses zuzuziehen ? Dies gehört 
unter die Dinge, die Herr ?on Keverberg in der guten Schule 
für dergleichen Defensionswerk , worin er zur Haiserzeit lange 
genug gewesen ist, hätte besser lernen sollen. Wir machen den 
Verfasser und das Publikum aufmerksam , dafs ein geschickter 
Gegner die vierzehn ersten Seiten diplomatischer Historie durch 
einen ganzen Band derber, und wie die Sophisten sagen, unarti- 
ger Historie auf eine solche Weise persifliren könnte, dafs da- 
durch auf die Hauptsache ein starker Schatten geworfen würde. 
F>ies wäre für den eigentlichen Inhalt des Buchs sehr Schade, da 
Herr r. Keverberg weiter unten wirklich historisch,' nicht diplo- 
matisch verfahrt, und die Thatsachen für ihn sprechen, auch sein 
Bönig höchst achtbar ist, wäre es auch nur, weil er Charakter 
bat ohne Despot zu seyn. Der zweite Abschnitt, Wiederher- 
stellung der holländischen Neutralität, enthält leider 
kein einziges Datum über den holländischen Aufstand im J. i8i3, 
sondern berichtet nur , was dieser und jener Legationssecretär 
gesagt und dieser and jener General einem holländischen Baron 
oder Grafen geantwortet habe. Wir müssen es also wohl dahin 
gestellt seyn lassen , bis wir bessere Quellen haben , als des Herrn 
Barons on dit, ob in der That die alliirten Mächte ihren Bhein- 
(lbergang von dem Aufstecken der oranischen Flagge und dem 
Volksgeschrei Oranje boven abhängig machten. BeF. traut den 
-verbundenen Mächten mehr zu als ihnen Herr v. Keverberg zu- 
zutrauen scheint , weil er gern beweisen möchte , dafs Holland 
nicht durch die alliirten Mächte, sondern durch sich selbst wieder 
hergestellt sey — Credut Judaetis Apella. Es folgt Seite 21 der 
Abschnitt: Auflösung des französischen Kaiserreichs. 
Dieser Abschnitt bat innere Wahrheit und streitet gegen die be- 
kannten französischen und belgischen Declamationen mit der siegen- 
den Gewalt unleugbarer Thatsachen. Wir übergehen die folgen- 



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180 



HUtoriiche Literatur. 



den beiden Seiten, Frankreichs Stellung im politischen System 
von Europa; denn was auf den beiden weitläufig gedruckten 
Octavseiten steht, ist doch offenbar gar zu wenig für eine so 
viel versprechende Überschrift Bei dem folgenden Artikel, Er- 
richtung des Königreichs der Niederlande, ist der Verf. 
etwas ausführlicher , und gesteht ganz offen und frei , dafs dio 
Verbindung der beiden ganz verschiedenartigen Staaten , Belgien 
und Holland , ein blofses diplomatisches Kunststück , oder , wie 
er sich sehr bedeutsam ausdrückt, eine Wirkung co nser va t i v e r 
Maasregeln der europäischen Monarchien gewesen sey. Dies an- 
genommen, sehen wir nicht ein, warum nicht dieselben Herren 
Diplomaten und ihre Committenten , sobald sie sahen, dafs ihre 
Maasregel nicht conservirend war, die gemachte Einrichtung 
wieder aufheben konnten. Dafs wir dem Verfasser nichts in den 
Mund legen, was er nicht gesagt hat, beweiset nicht blos sein 
Ausdruck conservativ, sondern er sagt S. 28 wortlich: dia 
Mächte hätten zwar den beiden von ihnen verbundenen Theilen 
des neuen Reichs alles mögliche Gute gewünscht , und auch ge- 
hofft, dafs die Einrichtung den Bewohnern dieses Reichs sehr 
heilsam seyn werde; aber gewollt hätten sie doch eigentlich nur 
die Errichtung eines Staats, von dein kein Volk je ehrgeizige 
Anschläge zu furchten habe, vor dem das allseitige Interesse der 
Hauptmächte Europa's (soll wohl heifsen: das Interesse aller Haupt* 
mächte Europa's) Achtung zu haben erforderte, welcher also das 
Unterpfand des allgemeinen Friedens werden konnte. Mit vieler 
Geschicklichkeit macht daher auch der Verfasser den Unterschied 
geltend , dafs Belgien ein erobertes Land gewesen sey , Holland 
dagegen nicht, dafs also über das erste Land durch Protocolle, 
wie über Algier oder über die Moldau, habe verfügt werden 
können, über das andere nicht Dafs diese ganze Argumentation 
eine blofse , sehr geschickte Benutzung des Scheins ist , siebt je- 
der, der weifs , was es eigentlich mit Holland für eine Bewandt- 
nifs hatte, und wie es damit zuging, dafs es sich selbst consti- 
tuirte. Wir würden indessen mit dem Verf. nicht darüber rech- 
ten, dafs er die Thatsache anführt nnd darauf einen Unterschied 
zwischen Holland, welches Republik, und Belgien, welches oster« 
reichische und französische Provinz gewesen war, gründet; lä- 
cherlich ist es aber, wenn man sich jener Zeiten erinnert, wo 
man über Sachsen und Polen schaltete und Italien vertbeilte, dafs 
er hinzusetzt, keine Macht der Welt habe ein Recht ge- 
habt über Holland auf irgend eine Art zu verfügen, 
und dadurch wahrscheinlich andeuten will, die Belgier aber 
hätten gar nichts zu fodern gehabt. Diese Logik schmeckt 
uns zu sehr nach der Kaiserzeit. Das Übrige ist vortrefflich und 
bündig entwickelt, um zu beweisen, dafs man die Rechnung ohne 
den Wirth gemacht hatte, dafs man eine Einigkeit voraussetzte, 
die nicht vorhanden war, dafs auf dem Papier ausgemacht wur- 
de, was sich nicht möglich machen liefs, dafs der neue König 
von Holland die unmögliche Aufgabe erhielt, durch Gesetze ein 



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HUtoriichc Literatur. 181 

* 

Volk zu erschaffen , wo Gott und die Natur zwei Naturen , zwei 
verschiedene Interessen geschaffen hatten. Möglich war das nur 
allein unter der Bedingung, dafs man Bonapartes eisernen Arm, 
seine Gensd'armes oder Hufslands Heere gebrauchen konnte ; dann 
ist freilich Alles möglich. Der Verf. gebt hernach zu einer An. 
deutung der Geschichte Hollands über und preiset 6. 3o* die Ur- 
heber des Aufstandes zu Gunsten des Prinzen von Oranien auf 
eine Weise, die sich in der Übersetzung ganz komisch ausnimmt, 
da diese französischen Stelzen , wenn sie ihren Mann heben sol- 
len, in Deutschland durchaus aus einer philosophischen Fabrik 
aeyn müssen. Was das übrigens für Leute waren , die in Holland 
handelten, sagt der Herr Baron ganz ohne dabei etwas Arges zu 
ahnden , wenn er um den neuen Honig , der übrigens aller Ach- 
tung würdig ist und bleiben wird, desto mehr zu erheben, sich 
darauf stützt, dafs ihm die Souveränität ohne Vorbehalt, ohne 
Sehranken, ohne irgend eine Restriction oder Bedin- 
gung angetragen worden. W T as soll die Geschichte dazu 
sagen ? Von England findet sich auch kein Wort — Oranien und 
die Statthalterische Partbei , die Fagels u. s. w. ohne England!!! 
und doch ist es auf der andern Seite ein Engländer, den der 
holländische Staatsrath über holländische Begebenheiten citirt ! 
Die Geschichte ist indessen getreu und richtig; die Holländer 
geben sich eine Verlassung , die ihnen nicht aufgedrungen , son- 
dern nach ihrer Art und ihrem Willen gemacht wird; alles ist 
fertig , dann kommen die Belgier als grofsmüthiges Geschenk der 
Mächte hinzu. Das ist Alles ganz in der Ordnung, da aber die 
Belgier bei der holländischen Constitution und der Grofsmuth der 
Mächte gar nicht gefragt sind, so scheint auch ihre Verpflichtung 
in der Sache nicht weiter zu gehen, als die Macht derer, welche 
die Einrichtung gemacht hatten. Sobald man auf dem Felde bleibt, 
worauf sich der Verf. in dem Abschnitt Ergänzung der con- 
atitutiven Verhandlungen über das Honigreich der 
Niederlande hält, ist schwerlich etwas Bedeutendes gegen ihn 
einzuwenden , denn es gilt nur positiven und von dem , der die 
Macht hat , gemachten Bestimmungen ; historisch ist das aber 
nicht, als nur in so weit es allerdings das Geschehene getreu- 
lich berichtet. Sobald man einmal darüber hinaus ist, dafs die 
Hauptsache nicht von Innen ausgehen konnte und durfte, dann 
wird man dem Verf. ganz Becht geben, wenn er S. 56 sagt, 
dafs er sich darauf beschränken könne, darzuthun , dafs der Gang, 
den man i8i3 in Holland genommen, i 8i5 in allen constiruiren- 
den Theilen des Honigreichs der Niederlande strenge befolgt wor- 
den, sowohl in der Vorbereitung als Discussion und Annahme 
des Fundamentalgesetzes u. s. w. Über den Hrieg von i8i5 gibt 
der Verf. sehr schone Bedensarten. Was die Hauptsache, den 
Vertrag, der die Wurzel des Übels war, weil er Unmögliches 
möglich machen sollte, angeht, so sagt der Verf. S. 66 — 67: 
Wäre die Begierung der einen oder der andern dieser Stipulatio- 
nen auch nur um das Mindeste ausgewichen, so hätte sie den 



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182 Hittoriicfce Literatur. 

kontrahirenden Mächten gegründete Ursachen zu klagen gegeben. 
Das nennt man Gewandtheit. Weniger Kunst bedurfte das , was 
er vom Negerhandel sagt, dagegen der Artikel Rheinschiflfahrt 
ein Meisterstück diplomatischer Kunst ist. Historisches finden wir 
gar nichts darin. Die Reden über die FamiJienverbindungen des 
Hauses Oranien ubergehen wir; die Nachrichten von der Expe- 
dition gegen Algier und der Bericht über die orientalischen An- 
gelegenheiten sind wenigstens historischer Art. Die Art, wie der 
Verf. zu den belgischen Angelegenheiten S. 83 übergeht, ist die 
beste, die man denken kann, in Beziehung auf das Publikum, 
für welches sein Buch besonders bestimmt ist. Wer das Stuck, 
welches er überschrieben hat: auswärtige Politik in Bezie- 
hung auf die belgische Revolution, gläubig lieset, der ist 
für den eigentlichen Gegenstand schon durch die Meinung ge- 
wonnen, und darauf kommt es ja für den Erfolg der Überre- 
dung nur ganz allein an; was innige Überzeugung ist, davon 
weifs der grofse Haufen der Menschen nichts. Die Demonstration 
ist ungefähr folgende : Die franzosische Juliusrevolution ist die 
Frucht des unruhigen Strebens der Franzosen nach Herrschaft 
und Kriegsruhm (das möchte wohl wahr seyn) , damit ist verbun- 
den Proselytenmacherei, deren Frucht die belgische Revolution, 
deren nothwendige Folge Bedrohung des in Europa bestehenden 
Systems ist. Der König von Holland, der sich weigert, Belgien 
als ein besonderes Königreich bei seinem Hause zu erhalten, ist 
daher nach dem Verf. dem System der monarchischen Machte, 
die ihn verlassen, getreuer als diese Mächte selbst. Das beweiset 
Herr von Keverberg bündig genug; Ref. glaubt indessen hinrei- 
chend angedeutet zu haben , wie meisterhaft hier die -Verteidi- 
gung der holländischen Verwaltung von Belgien nicht sowohl hi- 
storisch , als vielmehr historisch -diplomatisch vorbereitet wird 5 
das Übrige des Buchs mufs er jemandem überlassen, der mit der 
praktischen Staatsverwaltung vertrauter ist, als er. 

Pragmathehe Geschichte der nationalen und politischen Wiedergeburt Grie- 
chenlands bia zu dem Regierungsantritt des Königs Otto. Von J oh 
Ludwig Kl über. Frankfurt am Main. Frans Varrentrapp. 1835. 
gr. 8. 604 S. 

Ref. ergreift um so lieber die ihm gebotene Gelegenheit, 
auf dieses schätzbare Werk auch in diesen Blättern durch eine 
ganz kurze Anzeige aufmerksam zu machen, als er den Enthu- 
siasmus für Griechen und Griechenland mit jedem Tage mehr 
verschwinden sieht , und daher last zu furchten ist , dafs ein so 
ausführliches, gut und in würdigem, einfachem historischen Styl 
geschriebenes Werk nicht die Bedeutung erlange, die es vor vier 
Jahren würde gehabt haben. Thiersch allein hält aus; er bleibt 
immer voller Hoffnung und voller Bewunderung , hat aber nach 
unserer Meinung an Fallmereyer einen so furchtbaren Gegner er* 



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181 



halten, dafs Ref., seitdem ihm der gelehrte Tubinger Professor 
Tafel mündlich noch Manches mitgetheilt bat, offen eingesteht, 
dafs er Fallmereyers Ansicht für die richtigere halten muls, so 
sehr er ihr vorher entgegen war. Er bat selten etwas Stärkeres, 
Kühneres, Grundlicheres gelesen, als Fallmereyers Vorrede zum 
zweiten Theile seioes Morca. Wie selten trifft man unter der 
Masse der täglich erscheinenden Bücher ein einziges an, das auf 
mehrern hundert Seiten so viele wahre Belehrung gewährt, als 
Fallmereyers Vorrede auf wenigen Seiten ! Der Mann hat nicht, 
wie das zu gehen pflegt, vor Gelehrsamkeit, Tiefe der Speculation, 
Objectivitat der Aulfassung, Begeisterung der Poesie, und wie 
die Auadrücke sonst heifsen, den gesunden Menschenverstand ver- 
loren ! Er hat selbst den Orient und Griechenland gesehen , er 
hat gedacht, und das Gedachte mit dem Gelesenen verglichen. 
Man lese ihn! Ref. macht diese Bemerkung, weil er sehr ge- 
wünscht hätte, dafs ein so besonnener Geschichtschreiber, wie 
Herr Hliiher, auf das Resultat des Inhalts jener Vorrede hätte 
Rucksicht nehmen und viele dort gegebene Winke benutzen kön- 
nen. Für die Geschichte , wie sie Herr Kl über behandelt , war 
dort freilich nichts zu gewinnen, aber für Ansicht und Beurthei- 
lung derselben sehr viel , weil manche Begebenheit in einem ganz 
andern Lichte hätte gezeigt werden müssen. Vielleicht ist es 
aber auch besser, dafs Herr Hl übe r in seinem Vertrauen nicht 
wankend gemacht worden; sein Buch wird dadurch allen Par- 
theien als belehrende und lesbare Zusammenstellung der ganzen 
Geschichte um desto brauchbarer. Er bat sogar die ganze Or- 
ganisationsgeschichte des neuen Königreichs aus Maurers bekann- 
tem Werke aufgenommen; obgleich Vieles davon kaum eine hi- 
storische Bedeutung hat, da es eher verschwand, ehe es noch 
ganz fertig dastand , oder gar überhaupt nur in der Idee, oder 
höchstens auf dem Papier je vorbanden war. Nach der Vorrede 
hat der Verfasser dieser Geschichte sehr grofse Vorstellungen 
von der Bedeutung des neuen griechischen Staats und von des- 
sen künftiger Grofse, sowie von der Organisation desselben und 
von dem heilbringenden System, dessen Kind die jetzige Verfas- 
sung und Einrichtung der Griechen sey , und welches alle Mächte 
zu einer sittlich politischen Staatsgesellschaft vereinige. Ref. ge- 
steht, dafs er, auf Fallmereyer gestützt, in Rücksicht des Ersten 
ganz anders denkt, und das Letzte für ein doctrinäres und diplo- 
matisches Hirngespinst hält, das im besten Fall in einer charak- 
terlosen Zeit alle Nationalität und Individualität völlig vernichten 
würde. Der Satz des Vis., dafs man sich nicht über Zügerun- 
gen, Langwierigkeit der Verhandlungen, Anzahl der Noten, Si- 
tzungen und Protocolle beschweren dürfe, weil sie friedlicher 
Natur seyen , und nicht zu vergleichen mit dem Elend auch des 
kürzesten Kriegs, wäre nur dann wahr, wenn das Menschenge- 
schlecht eine Heerde Schaajje wäre , und wenn nicht diese Unter- 
handlungen u. s. w. andere Übel zur nothwendigen Folge hätten, 
die freilich nicht so auffallend als die des Kriegs , dagegen gleich 



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184 



Historische Literatur. 



allen schleichenden Übeln um desto verderblicher wären , and 
Venn der endlich doch unvermeidliche Krieg nicht am Ende mit 
völliger Aullösung verbunden seyn müfste, wenn man ihn künst- 
lich aufgeschoben. Eine nähere Anzeige des Buchs, welches be- 
sonders für Staats- und Geschäftsmänner bestimmt scheint, die 
sich auf dem kürzesten und dabei zuverlässigsten Wege mit der 
Geschichte und Organisation des neuen Königreichs und den Ver- 
handlungen, Unterhandlungen und diplomatischen Künsten, auf 
denen es gegründet worden, bekannt machen wollen, wird man 
von Ref. nicht erwarten, da er nur übersieh genommen hat, die 
Leser der Jahrbücher aufmerksam auf das Buch zu machen. Er 
will daher nur noch mit den eignen Worten des Vis. den Inhalt 
der Hauptabschnitte oder, wie der Vf. sich ausdrückt, die Zeit- 
räume angeben, damit der Leser wisse, was er darin zu suchen 
habe. Der erste, in sechs Abschnitte get heilte, Zeitraum begreift 
die Geschichte der Erhebung der Hellenen zur Befreiung von 
türkischer Herrschaft bis auf Grofsbrittanniens und Rufslands Ver- 
einigung zur gemeinschaftlichen Vermittelung des Streits , also 
vom März 1821 bis April 1826. Dies ist der Inhalt der ersten 
hundert und fünfzig Seiten. Der zweite Zeitraum begreift die 
Geschichte von Grofsbrittanniens und Rufslands, dann auch Frank- 
reichs Vereinigung zur Vermittelung bis auf die Zustimmung der 
Pforte zu den von den vermittelnden Mächten verabredeten Grund- 
lagen für Griechenlands eigne politische Stellung unter türkischer 
modificirter Oberberrlichkeit. April 1826 bis 14. Sept. 1829. 
Zwei Abschnitte von S. 1 53 — 242. Der dritte Zeitraum S. 242 
bis 287 begreift nur einen Abschnitt und reicht von der Zustim- 
mung der Pforte zu Griechenlands eigner politischer Stellung 
unter ihrer modificirten Oberherrlichkeit, bis auf deren Einwilli- 
gung in Griechenlands vollständige politische Unabhängigkeit un- 
ter einem erbmonarchischen Oberhaupt, vom 14. Sept. 1829 bis 
24. April i83o. Der vierte Zeitraum, S. 288 — 406, begreift in 
vier Abschnitten die Geschichte von der Einwilligung der Pforte 
in Griechenlands vollständige Unabhängigkeit unter einem erb- 
monarchiseben Oberhaupt bis auf des Prinzen Leopold von Sach- 
sen-Coburg Rücktritt von seiner Annahme der ihm angetragenen 
Würde eines souveränen Erbfürsteil von Griechenland. Vom 14. 
April bis 21. Mai i83o. Der fünfte und letzte Zeitraum begreift 
endlich in drei langen Abschnitten die Geschichte vom Rucktritt 
des Prinzen Leopold von Sachsen . Coburg , von seiner Annahme 
der Würde eines souveränen Fürsten von Griechenland bis — 
nach Ernennung des minderjährigen Prinzen Otto von Baiern zum 
Konig von Griechenland und nach Anerkennung einer Regent- 
schaft — zu dem Regierungsantritt des Rönigs Otto d. 21. Mai 
i83o bis 1. Juni »835. Angehängt sind Schriften für die Ge- 
schichte der Befreiung Griechenlands S. 5t/3 — 601. Ein furcht- 
bares Register, welches am besten» beweiset, wie nöthig Herrn 
Klübers Buch war, damit man die angeführte Bibliothek entbeh- 
ren kann. Darauf folgt ein Verzeichnifs von Zeitungen und Re- 



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Historische Literatur. 



185 



gierungsblättern, welche seit i8a3 in Griechenland erschienen 
sind , und endlich Verzeichnifs der Landkarten von dem alten and 
neuen Griechenland. 



Denkwürdigkeiten der tpanischen Revolution. Getammelt und herautge- 
geben von J. B. von Pfeilschifter, herzogt. Anhalt - Cöthcwchcm 
Legationtrathe. Aachaffenburg , bei Theodor Pergay. 1836. 375 S. 8. 

Die Verworrenheit der spanischen Angelegenheiten und der 
Mangel eines leitenden und sichern Fadens wird deutschen Lesern 
jeden neuen Versuch, Licht über die neuere und neueste* Ge- 
schichte zu verbreiten , empfeblungawerth machen , Ref. glaubt 
daher auf das aus spanischen Quellen zum Theil wörtlich uber- 
setzte Buch eines sonst gerade nicht sehr beliebten oder als zu- 
verlässig bekannten politischen Schriftstellers aufmerksam machen 
zu müssen, und ergreift diese Gelegenheit, um auf einen vor- 
trefflichen Aufsatz in einer ausländischen Zeitschrift zu verweisen. 
Man findet nemlich in dem Juli- Heft des Foreign Review eine 
Collectivanzeige von Schriften über Spanten, oder vielmehr, wie 
das die Sitte der englischen kritischen Journale ist, unter der 
blofsen Rubrik dieser Schriften einen klaren und vortrefflichen 
Aufsatz über die neuere spanische Geschichte. Ref. hofft, dafs 
dieser Aufsatz in irgend einem der vielen deutschen Journale, 
unter denen leider jetzt ausser dem etwas zu sehr befangenen 
und diplomatischen des Herrn Ranke kein einigermafsen erträg- 
liches politisches oder historisches sich findet, ubersetzt erschei- 
nen werde , da er sich für das grofse Publikum sehr gut eignet. 
Der Aufsatz des Foreign Review giebt eine vollständige, zusam- 
menhängende, beurtheilende Geschichte, Herr Pfeilschifter da- 
gegen giebt nur über einzelne Punkte Aufklärung, und zwar 
grofstentheils durch Übersetzung spanischer Schriften. Schon aus 
dem letztern Grunde, und noch mehr, weil sich Ref. über Spa- 
nien kein eignes Urtheil zutraut , will er nur bemerken , was der 
Leser in diesem Bändchen findet. Die ersten Aufsätze sind aus 
einer Historia de la guerra de Espana contra Napoleon Bonaparte 
ubersetzt, als deren Redacteur Herr' Pfeilschifter nach dem Ge- 
ruchte einen General anhiebt, der sich jetzt in Don Carlos Haupt- 
quartier befindet. So wenig Zutrauen auch Ref. zu Carlistischer 
Geschichte and Carlistischen Geschichtschreibern hat, so ist es 
doch unter den gegenwärtigen Umständen sehr anziehend , zu 
erfahren , wie diese Leute ihre Geschichte betrachten. Das Buch 
beginnt mit einem schrecklichen Gemälde des Godoy, Fürsten 
de la Paz , der uns neulich mit einem höchst langweiligen Buche 
über sich selbst hat beschenken lassen, welches nicht einmal den 
Vorzug der andern zahlreichen Fabrikate von Denkwürdigkeiten 
und Lebensbeschreibungen hat , dafs es eine Menge unterhalten- 
der Lugen verbreitet oder Geschichte im Romanenstyl vorträgt. 
Der gute, ganz redlich te Fürst, seine Helfershelfer und der 



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18« 



Historische Literatur. 



Buchhändler werden sich sehr betrogen finden , wenn sie geglaubt 
haben, der Armut h des Mannes, der einst Millionen besafs, durch 

den Absatz der dicken Bande voll diplomatischen Plunders etwas 
aufzuhelfen. Savary und Montholoo und Frau Junot, schmählichen 
Andenkens, haben das viel besser verstanden. Über diese Denk- 
würdigkeiten und ihre vollige Nichtigkeit und Abgeschmacktheit 
hat Herr Pfeilschifter übrigens hier S. 5 und 6 eine sehr gute 
Beurtheilung und Bemerkung eingeruckt, woraus man sehen kann, 
auf welche Weise dieses Verfertigen historischer Denkmale ge- 
trieben wird. Es ist bekanntlich jetzt in Paris und London ein 
formlich Gewerbe, wie Zeitungschreiben. Der arme Godoy kommt 
in dx-.n Aufsatze, der des Herrn Pfeilschifters Buch eröffnet, sehr 
. schlecht weg, denn der Carlist ist über die schlüpferigen Seiten 
des Helden eben so ausführlich als der Verfertiger von Godoy • 
Denkwürdigkeiten über sein Yerhältnifs zu Honig und Honigin 
unnatürlich kurz ist , oder eigentlicher , gar nichts sagt. Doch 
lafst man ihm auch hier die Gerechtigkeit wiederfahren, dafs er 
wohl zu weiten hart, nie aber grausam gewesen sey. Er habe je- 
den, der ihm widersprochen, heifst es, aus Madrid verbannt; er 
habe aber Jedem seine Besoldung gelassen , selten Einen der 
Freiheit, nie des Lebens beraubt. Übrigens wird er hier beson- 
ders darum sehr hart mitgenommen , weil er kein Pfaffenfreund 
war. Die folgenden Geschichten bis zum preußischen Kriege von 
1806 — 7 enthalten nichts, das uns neu gewesen wäre. Herr 
Pfeilschifter bat sehr wehl gethan, dafs er S. is i.-t der Note 
den ganzen Aufruf mitgetheilt hat, den der Friedensfürst damals 
ergehen liefs ; er gab dadurch bekanntlich dem franzosischen Kai- 
ser den erwünschten Vorwand und die unmittelbare Veranlassung 
zu seiner spanischen Unternehmung. Dafs in der weitern Erzäh- 
lung der elende Ferdinand ganz unschuldig erscheint , wird man 
von einer solchen Quelle nicht anders erwarten. Als Actenstücke 
sind hier beigefügt S. 20 — a3 das Decret des Honigs gegen sei- 
nen Sohn und das Abolttioitsdecret , und von S. s3 — 27 der Be- 
richt über diese ärgerlichen Geschichten aus der Gaceta de Ma- 
drid vom 3i. März 1808. Die folgende Erzählung, von den Er- 
eignissen kurz vor der Entfernung Carls IV. und seines Sohnes 
aus Spanien, ist sehr nüchtern, unzureichend und ungenügend; 
das einzige Merkwürdige, woran man wahrlich nicht ge wohnt ist, 
scheint uns, dafs Ferdinand in diesem Berichte sehr hervorgeho- 
ben wird. Um das zu thun , mufs mnn doch durchaus ein Carlist 
von der blindesten Gattung sey n ! Dabei kommen eben so lächer- 
liche Lügen und Übertreibungen zum Vorschein , als in den Be- 
richten, die der Moniteur giebt, und die von den Bonapartisten 
verbreitet werden. Besser als diese Geschichte , die einen solchen 
Namen nicht verdient, mögen vielleicht die folgenden statistischen 
Angaben seyn, in deren Prüfung wir nicht eingehen können. Ks 
folgt nämlich zuerst S. 49 e * ne allgemeine Bemerkung über Spa- 
niens Staatskräfte im Jahr 1808. Dann S. 55 Bevölkerung , Land- 
bau , Gewerbe und Handel. Daun S. 5o, Verwaltung, Staatsschuld, 



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Historische Literatur. 18? 

Stimmung des Volks , S. 64 folgt endlich Land- und Seemacht 
Wer diese Bemerkungen eines ächten Spaniers und Royahsten 
gelesen hat, der wird sich eher verwundern, dafs noch irgend 
etwas in Spanien geschehen kann, was einer Regierungsmaasregel 
ahnlich sieht, als darüber, dafs eine allgemeine Auflösung sich 
überall kund siebt. Schon 1799 betrug die Ausgabe i8a3 Millio- 
nen Realen , die Einnahme /jcj3 , also das jährliche Deficit 1329 
Millionen ! I Das zweite Stück dieses Bandes ist überschrieben: 
Eröffnung der ausserordentlichen Cortes im, Jahre 
1810 von Don Miguel de Lardizabal v Uribe. Diese für die 
Geschiebte von Spanien zur Zeit der Abwesenheit des erbarm, 
liehen Ferdinands allerdings sehr wichtige Schrift kennt man schon 
aus Pfeilschifters Staatsmann von i8a3. Sie ist unter den jetzi- 
gen Umständen für den denkenden Forscher in Rücksicht derje- 
nigen Stimmung der Cortes, die dem Lardizabal und seinen Col- 
legen so ungemein widrig war, von sehr grofser Wichtigkeit. 
Lardizabal ward Märtyrer für Ferdinand, er diente ihni hernach 
sehr getreu, und doch ward er auf Befehl des elenden Königs in 
harter Haft gehalten , weil er einen Brief an einen Freund ge- 
schrieben hatte, worin er die Verbindung mit portugiesischen 
Prinzessinnen in starken Ausdrücken mifs billigte. Dann folgt das 
unseelige Decret von Valencia , welches Ferdinand sich selbst und 
den PUffen zu Gefallen den 4. Mai 1814 undankbarer und unver- 
ständiger Weise erliefs. Des Louis Jullian Precis historique des 
evenemens politiques et militaires qui ont amene la revolution 
d'&spagne, woraus S. i5o — 182 ein Auszug gegeben wird, ken- 
nen wahrscheinlich diejenigen unserer Leser, die sich für Spanien 
interessiren, aus dem Original, und die Noten des Übersetzers 
werden schwerlich viel Glück machen, so verächtlich auch der 
Liberalismus der eiteln und gemeinen Seelen ist, die unter uns 
und in Spanien ein Gewerbe daraus machen ; denn, wahrlich ! wenn 
je auf einen willkührlichen Herrscher oder einen betenden Dumm- 
kopf, der sich durch Begünstigung des Aberglaubens von jeder 
menschlichen Pilicbt entbunden glaubte, Horazens Worte anwend- 
bar waren, so waren sie es auf den wiedereingesetzten Ferdinand. 
Horaz sagt bekanntlich von dem auf ähnliche Weise wieder ein- 
gesetzten Parteiischen Tyrannen : 

Bedditum Cyri solio Phrabaten 

Dissidens plebi, numero bea- 

torum exirait virtus , populumque falsis 
Dedocet uti 

Vocibus — — — 
Das fünfte Stück dieses Bändchens spanischer Geschichten ist 
die aus den im spanischen Journal la Colmena enthaltenen Acten 
gezogene Geschichte der Empörung des Generals Por- 
tier. Ref. gesteht, dafs ihn diese spanischen Gräuel zu sehr an. 
ekeln, als dafs er in ein solches Detail, als man hier findet, ein- 
gehen mochte , indessen ist die Bekanntmachung dieses acten- 
mäfsigen Berichts für Deutschland sehr wichtig, wie Herr von 



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188 



Hietorisdiu Literatur 



Pfcilschifter durch seine Schlufsbemerkung und seine zwar sehr 
scharfe , aber , wie uns scheint , keineswegs ungerechte Polemik 
gegen Buchholz, Münch, Venturini sehr einleuchtend bewiesen 
hat. Das folgende sechste Stuck enthält die aus Don Juan von 
Halen Memoires übersetzte Geschichte der Verschwörung 
des Obersten Vidal in Valencia. Ob die Spanier, von de- 
nen dort die Rede ist, wirklich glaubten, dafs ein Mensch, wie 
Honig Ferdinand, der doch gewifs zu den Leuten gehörte, .die 
weder etwas lernen noch verlernen , durch eine Reise nach Eng- 
land besser werden könne, lassen wir dahingestellt seyn; Ver- 
kehrteres konnte wenigstens nichts erdacht weiden , als' Carl IV. 
aus Rom zurückzuholen ! Die Geschichte dieser Verschwörung 
ist wenigstens unterhaltend , wenn sie gleich nicht sehr belehrend 
ist. Das siebente Stück enthält die Geschichte der nach 
Amerika bestimmten Armee von zweiundzwanzigtau- 
send Mann, oder der sogenannten Nationalarmee von San Fer- 
nando, aus dem Spanischen des D. Evaristo San Miguel und D. 
Fernando Miranda. Wer alle diese Geschichten aufmerksam ge- 
lesen und das Betragen und die Charaktere derer, die eine Rolle 
in Spanien gespielt haben , geprüft und erwogen , wer ferner die 
Theilnehmer der polnischen Revolution aus den Schilderun- 
gen ihrer eigenen Freunde kennen lernt, der mufs leider 
zu der Überzeugung kommen, dafs es in unsern Tagen weniger 
an den Verfassungen und Regierungen ; als an den Menschen 
überhaupt liegt, dafs wir, wie es scheint, nächstens ganz in die 
juristisch militärischen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts zu- 
rückkommen werden. Wenn jeder nur an sich denkt, kann frei* 
lieh nur der Stock Ordnung halten. Übrigens gesteht Ref., dafs 
er auch hier nicht ganz aufmerksam dem Einzelnen gefolgt ist, 
weil er an der ganzen Sache zu wenig Antheil nimmt. Dasselbe 
gilt von dem achten Stück , von der aus dem Spanischen des 
Obersten Santiago Rotalde übersetzten Geschichte des mifs- 
gl tickten Aufs tan des in Cadix. Wer Verschwörungen und 
Empörungen der Truppen zu leiten hätte, der könnte hier wahr- 
scheinlich manche Belehrung schöpfen. Der (olgende Aufsatz, 
der neunte, Riego's Kreuz zug, nach zwei spanischen Berich- 
ten, welche hier beide mitgetheilt werden, hat wenigstens den 
Vorzug, dafs der Hauptheld eine grofse Bedeutung in den all- 
gemeinen spanischen Angelegenheiten gehabt hat. Die Kunst, 
mit welcher diese Aufsätze dem letzten vorausgeschickt sind , 
mufs man bewundern, denn wenn man das lange Register der 
Verwirrungen , der Mordthaten und des Verraths gelesen hat 
und dann vernimmt, was deutsche Sophisten und Juristen und 
Professoren zu Gunsten des spanischen Despotismus und Aber- 
glaubens vorbringen , oder wie sie uns alles Veraltete dringend 
empfehlen, wird man eher geneigt seyn, mit Achselzucken ein- 
zugestehen , dafs die Hoffnung , in Spanien oder unter Men- 
schen , die den Spaniern gleichen, Tugend, legale Regierung, 
Freiheit und wahre Religion eingeführt zu sehen, ein leerer phi- 



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Historische Literatur. 

lanthropischer Traum sey! Diese Schutzschrift für das Priester- 
thum ist uberschrieben: über die Restauration Spaniens, 
geschrieben im 'Jahre i8a5. Man findet hier zuerst einen aus 
Madrid am 26. Not. i8s3 datirten Brief über die spanischen An- 
gelegenheiten , den der Verfasser des Briefs und dieses Buchs 
schon in »einem Staatsmann hat abdrucken lassen. Da der Geist 
dieser Zeitschrift seiner Zeit bekannt genug war, so braucht Ref. 
über S. 33a — 344 1 vvo dieser Aufsatz zum zweiten Male abge- 
druckt ist , nichts weher zu bemerken. Bei Gelegenheit der 
neaen Nutzanwendung eines alten von den Gläubigen schon ein- 
mal bezahlten Briefs kann Ref. indefs nicht umhin, einen Satz zu 
rügen, den er einem Katholiken nicht übel nimmt, den aber be- 
kanntlich auch die neuen Theologen unserer Kirche, die gar zu 
gern Kirchenväter wären, und allen alten Wust unter dem Titel 
Wissenschaft wieder aufwärmen , gläubig nachbeten: dafs die 
eigentlichen Protestanten (d. h. die nicht auf Formeln 
schworen) sonst wenig Gemeinsames hätten als das Pro- 
testiren. Darauf antwortet Ref. im Namen derer, die für ih- 
ren Glauben niemals Orden oder Besoldungen erhalten haben 
oder werden : dafs sie allerdings keine gemeinsamen Formen und 
Formeln, Dogmen und alte aus diesen oder jenen vergessenen 
Folianten geschöpfte Lehren gemein haben, wohl aber ein ewiges 
Wort in ihrem Herzen, das vor der Welt war, das die Welt 
geschaffen hat und nach der Welt ewig seyn wird, wie es vor- 
her ewig gewesen ist. Dies Wort in ihrem Herzen ist im Leben 
beim Vorwärtsgehen und beim Ruckweichen der theologischen 
* eitel n und herrschsüchtigen und heuchelnden Schaar ihr Trost, 
im Tode ihre Hoffnung, und verbindet sie, nicht mit Pfaffen 
und blinden Gelehrten , sondern mit den Edeln aller Zeiten und 
Orte, mit den grofsen Männern, welche Kirchenväter und Con- 
cilien, anmaßende Theologen und ihre einfaltigen Schüler in die 
Holle stofsen , weil sie ihre Dummheiten nicht nachsprechen. 
Solche Protestanten lassen jeden glauben , was er will ; schimpfen 
niemand, erinnern sich der Worte der Bibel, die sie gleich dem 
Haufen, aber auf andere Weise ehren: mein ist das Gericht, 
ich will vergelten, spricht der Herr, und harren getrost 
seines Tags, wo sich zeigen wird, wer zu den Bocken und 
wer zu den Schaafen gebort. 

Durch diesen Aufsatz S. 33 1 fgg. wird übrigens die Ge- 
schichte keineswegs gefordert, ob die Politik dadurch gefordert 
wird , weifs Ref. nicht , da das sein Fach nicht ist. S. 364 — 3~-5 
findet sich ein nutzliches Verzcichnifs spanischer Schriften über 
die spanische Revolution. 



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190 



, Hittorische Literatur. 



Die Rolle der Diplomatie bei dem Falle Polen». Ein belehrendes Beispiel 
für alle Völker. Von einem ausgewanderten Polen. St. Gallen und 
Leipzig, im Bureau des Freimut h igen. 1835. 198 S. gr. 8. 

Diese Schrift eines ultra •liberalen Verteidigers der polni- 
schen Clubbisten fuhrt leider durch die Geschichte zu demselben 
Resultat, welches der vorher angeführte Schriftsteller, der von 
ganz entgegengesetzten Grundsätzen ausgeht, aus der künstlichen 
Anordnung spanischer revolutionärer Unternehmungen nicht etwa 
durch logische Folgerung , sondern unmittelbar herleitete. Wir 
finden hier denselben Mifsbrauch gewisser hochklingender Heden, 
dieselbe Verschiedenheit der Ansichten und Interessen , dieselbe 
Erbitterung der Partbeien , denselben Ehrgeiz der Fuhrer, den- 
selben Verrath, und wenn Einige reiner scheinen, so ist es nur, 
weil sie nicht zum Handeln kamen. Eine eigentliche Geschichte 
der polnischen Revolution enthalt das Büchlein nicht, sondern nur 
eine Kritik alles dessen, was geschehen ist, und besonders aller 
der Männer , welche irgend eine bedeutende Rolle gespielt haben. 
Heiner der Generale, keiner der leitenden Männer wird verschont; 
Czartoriski und Radzivil fahren besonders übel. Wir wollen nicht 
leugnen, dafs die Herren, die viel zu verlieren hatten, zu viel 
aur diplomatische Waffen vertrauten, dafs sie sich tauschen Hes- 
sen, dafs sie nicht so rasch als die, welche wenig zu verlieren 1 
hatten, vorwärts schritten, weil sie fürchteten, aus der despoti- 
schen Charybdis in die ochlokratische Scylla zu fallen; aber es 
fragt sich doch auch, ob die vom Verf. gerühmten Demokraten, 
denen grofstentheils Alles fehlte, was Gewicht giebt, mit den 
Maasregeln der Clobbs weiter gekommen waren ! Schon Sollyks 

Sinz im demokratischen Sinne abgefafste Geschichte hatte uns in 
ucksicht der Polen fast auf dieselben Gedanken gebracht, als 
Fallmereyers Vorrede und Maurers Buch in Rucksicht der Grie- 
chen; diese Schrift eines geflüchteten Mitglieds der Clubbs über- 
zeugt uns völlig, dafs aus den in Polen gährenden Elementen 
kein Staat entstehen konnte, wohl aber eine Armee. Das Resul- 
tat der Leetüre dieses ungemein heftig geschriebenen Buchs wird 
für jeden aufrichtigen Freund der Freiheit und eines für alle 
gleichen Rechts ein ganz anderes eyn, als sich der Vf. gedacht 
hat. — Jeder Verständige wird verzweifeln und ausrufen , wenn 
diese Menschen nach dem Zeugnifs ihrer eignen Unglücksgenos- 
sen so waren , wie sie hier geschildert sind , wenn die Gebildet- 
sten und Edelsten aus solchen Beweggründen handelten, als ihnen 
hier zugeschrieben werden; wenn Generale und Minister, Regen- 
ten und Deputirte alle diejenigen verriethen, die sich ihnen anver- 
trauten; wenn Chlopizki, Skrzynecki, Dembinski und zehn andere 
nichts taugten, wie sollten wir vom rohen Pobel eines Landes, wie 
Polen, Besseres erwarten und hoffen? Dafs die Verdorbenheit 
srofs und unheilbar war, dafs hinter dem Dunst eines aufwallen- 
den Patriotismus und einer kriegerischen Begeisterung durchaus 
nichts Festes und Ernstes lag, dafs den Leuten alle Solidität, alle 



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Ausdauer fehlte, hat leider der Verf. nur gar zu gut bewiesen! 
Er hat vielleicht die Clubbs gerechtfertigt, er hat die Demagogen 
entschuldigt, er hat aber zugleich bei den Vcrsta'ndigen seiner 
Nation einen schlechten Dienst gethan , und Ruf. nrnfs, so sehr 
ihn das schmerzt, doch eingestehen, dafs er von Griechen, Spa- 
niern , Polen , nachdem er die angeführten Bucher durchgelesen 
hatte, so wenig hoffen kann, als von einem Thiers und (Konsor- 
ten, oder von den übrigen Leuten, welche die Politik als Mittel 
gebrauchen , zuerst ihre Parthei , dann sich selbst ans Ruder zu 
bringen. Er beklagt aber darum das Schicksal der den sogenann- 
ten praktischen Männern hingegebenen Menschheit nicht we- 
niger. Zum Schlüsse will Ref. die Leser noch auf zwei Artikel 
über Polen aufmerksam machen, die ihm viel Belehrung gewahrt 
haben , und durchaus frei von Declamation oder parteilicher 
Rücksicht sind. Der eine ist der Artikel Co n st antin in der 
bei Treuttel und Würz in Paris erscheinenden Encyclopedie des 
gens du monde, von der Gemahlin eines polnischen Generals, die 
in Paris lebt, während ihr Gemahl in russischen Diensten zurück- 
geblieben ist. Dieser Artikel ist im gemässigten Tone geschrie- 
ben , und begreift fast die ganze Geschichte des unseligen Kriegs« 
Der zweite Artikel ist eine Gesammtanzeige im Juli -Stück des 
Foreign Review, worin über die polnischen Angelegenheiten ein 
eben so vollständiger und klarer Bericht gegeben wird , als in 
der andern über die spanischen, nur wäre es sehr nützlich ge- 
wesen, wenn der Vf. das von uns angezeigte Buch gekannt hatte, 
er würde oft ganz anders geortheilt haben, als er gethan hat. 

Mit der Anzeige dieser Bücher, die von der Tagsgeschicbte 
handeln , wollen wir die des Werks eines bekannten gründlichen 
Gelehrten über das Mittelalter verbinden, blos um dem Vf. un- 
sere Achtung und Aufmerksamkeit zu bezeugen , und so viel an 
uns liegt beizutragen, dafs diese gründliche Arbeit nicht mit den 
Producten mechanischen Fleifses , hohler Speculation oder poeti- 
scher Narrheit , an denen wir über das Mittelalter keinen Mangel 
haben, verwechselt werde. 

Die Geschichte des Mittelaltere in eeche Büchern. Von Dr Friedrich 
Hör tum, Prof. der Geschichte an der Hochschule %u Bern. Erster 
Band. Bern 4836. Jenni Sohn. 592 .V. gr. 8. 
Zweiter Band, ebendaselbst. 575 S. 

Dieses Werk würde eine ganz durchgeführte und ausfuhr- 
liche Prüfung mehr als irgend ein anderes verdienen, aber theils 
fehlt es dem Ref. dazu an Zeit, tbeils würde der ihm nach dem 
Zweck dieser Jahrbücher vergönnte Raum dazu zu klein seyn; 
einzelne Ausstellungen an einem Werke von solchem Umfange zu 
machen , würde freilich leicht aber auch ungerecht seyn , eine 
kurze allgemeine Anzeige mag daher hinreichen. Herr Hortüm 
ist durch frühere Arbeiten als Kenner des Alterthums und als 
Forscher des Mittelalters bekannt; er ist ein kräftiger und ern- 



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Historische Literatur. 



» 



ster Mann , der weiter sieht als ein Rühs und Seinesgleichen , es 
wäre daher sehr zu wünschen, dafs dieses Handbuch das ganz in 
gewöhnlicher Compendien - Manier geschriebene Bach von Rühs 
verdrängte. Was Behm betrifft, so ist dessen Geschichte des 
Mittelalters sehr bequem neben Hort ü ms Buch zu gebrauchen, 
weil es die Geschichte auf eine andere Weise nicht weniger gründ- 
lich als das Werk, von dem wir hier reden, behandelt, auf das 
Einzelne genau eingeht und eine ganz vollständige Literatur giebt; 
dahingegen Herrn Kortüms Werk mehr die Form von- Vorlesun- 
gen über die Geschichte des Mittelalters hat. Der Verf. beginnt 
den ersten Theil mit einer Einleitung und einer kurzen Übersicht 
der Geschichte des romischen Reichs von Constantin bis zur Re- 
gierung des Ostgothenkonigs Theodorich, und endet ihn im vor- 
letzten Abschnitt des fünften Buchs mit der sicilianischen Vesper, 
die er eine Blutrache der Hohenstaufen nennt. Im vorletzten 
Abschnitt giebt er eine Übersicht der allgemeinen Völltergeschichte 
ausserhalb Deutschland und Italiens; dann im letzten Abschnitt 
eine Übersicht der innern Geschichte, oder des Zeitalters Grund- 
verfassung, Kunst, Wissenschaft. Den Inhalt des zweiten Bandes 
hat der Verf. in der Überschrift des sechsten Buchs , oder des 
sechsten Zeitraums, der darin behandelt wird, folgendermafsen 
angegeben: Vom Untergange der Hohenstaufen in Westen, der 
Chalifen von Bagdad in Osten bis zur Eroberung Constantinopels 
durch die Osmanen (1268 — i453); des Mittelalters Abnahme und 
Verfall. Ref. war bisher immer in Verlegenheit, wenn er gefragt 
wurde, wo man sich über das Mittelalter vollständig belehren 
könnte? Er wird künftig ohne alles Bedenken auf Kortüms Buch 
verweisen, und glaubt, dafs wer dieses studiert hat, leicht selbst 
erkennen wird , wie die übrigen Werke , deren Verfasser Herr 
Kortüm ganz am Schlüsse genannt hat , gebraucht werden kön- 
nen. Herr Kortüm kennt, besonders was Deutschland und Italien 
angeht, die er immer vorzugsweise im Auge hat, die Quellen 
und das Einzelne der Geschichte und Verfassung, wie sehr we- 
nige unserer Schriftsteller sie kennen. Man findet hier den rei- 
chen Vorrath der Kenntnisse eines tüchtigen Gelehrten, der seine 
Materie Jahre lang studiert bat, in einer gedrängten Übersicht, 
die nicht wie Rühs Sammlungen schnell in ein gewöhnliches Com- 
pendium verwandelt, nur consultirt, nicht aber durchgelesen wer- 
den können, sondern ein Buch, das sich gut lesen läfst. Dabei 
hat Herrn Kortüms Vortrag auch nicht die flache Glätte, die bei 
Hallara in den historischen Stücken so sehr gegen die juristischen 
Parthien seines Buchs absticht. Herr Kortüm macht auch nicht, 
wie jetzt unter uns Sitte ist, Schulphilosophie aus der Geschich- 
te, man findet keine Sophist ih irgend einer Art, obgleich er seine 
eigne Ansicht hat , von der Ref. sehr oft ungemein abweicht. 

(Der Bcschlufs folgt.) 



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N°. 13. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

» 



Historische Literatur. 

(Betcklufa.) 

Ref. hält aber den Mann allein für einen wahren und auf- 
richtigen Geschichtschreiber, der teine Individualitat nicht Ter* 
Stecht, vorausgesetzt, dafs diese Individualität achtbar ist. Ein 
Trotzen auf höhere Ansicht , auf objective Erkenntnifs , auf ein 
poetisches Gemüth , kurz, auf etwas Exclusives oder gewisser- 
mafsen Geoffenbartes, ist dem Publicum, das sich Ref. und ge- 
wifs auch Herr Kortüm wünscht, sehr lächerlich. Herr Kortüm 
wird mit dem Ref. in dem Alter, worin er ist, es Andern über- 
lassen, saevas currere per Alpes, ut pueris mulierculisque pla- 
ceat, utque fabula fiat. Vielleicht hätte Herr Kortum wohlge- 
than , Manches nicht so sehr zusammenzudrängen , als in dem 
Werke geschehen ist und den Schwachen am Geist durch öftere 
Absätze und häuügere Scheidung des Zusammenhangs der Bege- 
benheiten von den Zuständen zu Hülfe zu kommen. Ob der Vf. 
übrigens Recht hat, Karl den Grofsen S. 176 im häuslichen 
Leben glücklich zu nennen, und ob seine Tochter, die Herr Kor- 
tüm in Turnkünsten geübt nennt, so sittsame Jungfrauen waren, 
als sie hier beschrieben werden, darüber wollen wir hier nicht 
disputiren. Herr Kortüm mag das selbst verantworten; wenn aber 
Ref. das Beispiel der Tochter Karls andern Prinzessinnen em- 
pfehlen sollte, so würde er sich doch etwas bedenken. Auch 
würde er in einer allgemeinen Geschichte des Mittelalters nicht 
so ausführlich von Karls des Grofsen Beerdigung und der unbe- 
deutenden Inschrift über seinem Grabe geredet haben, als S. 76 
— 77 geschehen ist. Gedrängt und vortrefflich ist dagegen Al- 
les, was Karls Bauwesen angeht, angegeben, und Ref. hat in dem 
gedrängten Bericht manchen Wink gefunden , der ihm ganz neu 
und sehr belehrend war. Dafs Herr Kortüm der Geschichte der 
HohenstaufTen etwas mehr Umfang gegeben hat, als man in einer 
allgemeinen Geschichte des Mittelalters erwarten würde, wird 
man ihm aus vielen Ursachen Dank wissen. Er steht auf seinen 
eignen Füfsen, er giebt Bericht aus den Quellen und betrachtet 
die Geschichte in einem andern Lichte als seine Vorgänger; aus- 
serdem ist die Einsicht in die Verhältnisse 'des Mittelalters ohne 
eine ganz genaue Kenntnifs dieser Geschichte nicht zu erlangen. 
Er hat auch, weil er die Geschichte der Hohenstaufen sehr spe- 
ziell behandelt , dem ersten Bande zwei Actenstücke aus dem 
Wiener Archiv angehängt Das eine ist ein Schreiben der zu 
Bamberg versammelten Wahlfürsten an den Konig Friedrich II. 
von Sicilien, vom Jahre iaia; das andere ein Brief des Kanzlers 
Peter a Vineis über des unglücklichen Conrads Erziehung. Dem 
letztern, dem die That und die Erfahrung widerspricht, legen 

XXX. Jahrg. 2. Heft. 13 



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194 



Historische Literatur. 



wir, so wie allen den declamatorisch zierlichen Schreiben des 

Kanzlers, Keine gröfsere Bedeutung bei, als den von Bonapartes 
Sophisten in ähnlichem Styl im Moniteur und uberall bekannt ge- 
machten Artikeln. Herrn Kortüms kurze Darstellung der N ehme 
und des Vehmgerichts , so wie überhaupt vieler Sitten und Ein- 
richtungen des Mittelalters erhält dadurch etwas sehr Belehren- 
des, Bewegtes, Lebendiges, dafs Herr Kortüm dem Mittelalter 
sehr gewogen scheint; Ref. gesteht, dafs er nicht so sehr dafür 
eingenommen ist, weil ihm immer Spanien einfällt, welches aller* 
dings auch seine poetischen und vielgepriesenen Seiten hat. Im 
«weiten Theile wie im ersten, hat sich Herr Kortüm hie und da 
von einer gewissen Vorliebe verleiten lassen, das Ebenmaafs der 
einzelnen Theile nicht so eenau zu. beobachten , als die von ihm 
übernommene Verbindlichheit, das Ganze der Geschichte voll- 
ständig zu geben , erfordert hatte. Als Beispiel mag die türkische 
Geschichte dienen, wo er hie und da Besonderheiten und Einzel- 
nes mittheilt, wie wir sie in der Geschichte Karls des Grofsen 
angedeutet haben , oder wie sie in der Geschichte der Hoben- 
stauflen vorkommen. Um den Lesern dieser Blätter zu zeigen, 
welchen Gang Herr Kortum im zweiten Theile genommen hat, 
wollen wir das von ihm selbst gegebene Verzeichnifs des Inhalts 
der verschiedenen Abschnitte dieses sechsten Buchs mittheiten. 
Die erste Abtheilung behandelt die allgemeine Geschichte des 
sechsten Zeitraums , und zwar zuerst die ständische (parlamenta- 
rische) Entwickelung in Deutschland, England, Spanien und Frank- 
reich. Dann folgt, was Herr Kortüm das Freistädterthum nennt 
(der Republikanismus), und die freistädtischen Bünde. Diesem 
Stück hat der Verf. wieder eine Ausdehnung Gegeben, die aller- 
dings uns Deutschen willkommen seyn mufs, die aber doch den 
deutschen Angelegenheiten einen etwas zu bedeutenden Raum 

S'ebt. Dasselbe ist bei Hallam der Fall mit der englischen Ver- 
ssungsgeschichte. Bei diesem bildet die gedehnte und oft ganz 
juristische Ausführlichkeit der Verfassungsgeschichte mit der Dürf- 
tigkeit, Nüchternheit, Seicht ig heit , Oberflächlichkeit der andern 
Parthien einen ganz lächerlichen Contrast. Das ist nun freilich 
Herrn Kortüm nicht vorzuwerfen; man sieht immer und überall, 
dafs er ein Geschichtschreiber, aber nicht wie Hallam ein Advo- 
kat ist, der keck über das, was er gar nicht kennt, das erste 
beste Buch zu Rathe zieht , und mit der Feder oder der Rede 
daraus macht, was sich eben daraus machen läfst. Freilich dient 
so etwas den ge wohnlichen Lesern am besten, Herr Kortüm ach- 
tet aber sein Publikum und wird darum von uns ebenfalls ge- 
achtet. Die Abtheilung, welche die Städtebündnisse begreift, 
zerfallt in die folgenden Abschnitte. Von dem niederdeutschen 
Städtebund der Hanse, Ursprung, Wachs thum, Grundverfassung; 
dann von dem Aulblühen und Untergang des schwäbischen Städte- 
bundes , dann der hochdeutschen (schweizerischen) Eidsgenossen- 
schaft Ursprung und Wachsthum. Darauf folgen ähnliche Ab- 
schnitte über die Abnahme und den Untergang der meisten Frei- 



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Hittorische Literatur. 



Städte Italiens, und zwar zuerst über die Wirren und Umwand* 
Jungen der Republiken Mailand und Florenz; dann von Wirren 
und Umgestaltungen der Republiken Pisa , Venedig und Rom. 
Der dritte Hauptabschnitt befremdet etwas, doch mehr durch 
seine Überschrift als durch den Inhalt, obgleich hier allerdings 
der Verfasser, weniger einheimisch, weniger innig vertraut mit 
der sehr schwierigen Materie ist , als in andern Theilen seines 
Buchs. Er handelt nämlich von der ständisch -republikanischen (??) 
Fntwickelung der Hirche und Priesterschaft, oder vom zweiten 
Kampf des Papstthums mit der weltlichen Fürstenmacht und den 
religiös- philosophischen Brüderschaften. Dies ist der allgemeine, 
nach unserer Meinung etwas sehr ausgedehnte Theil. Dann erst 
folgt der Theil , der das Besondere enthält , und zwar zuerst des 
mittelalterlichen Reichs deutscher Nation Sinken und Verfall ; vom 
Untergang der Hohenstauftcn bis zur Aschaflenburger Verkom- 
nifs unter Kaiser Friedrich III. (1266 — 1447); dann Preufsen und 
Scandinavien ; dann England und Frankreich; Ursprung, Gang, 
Folgen der englisch • franzosischen Nationalkriege ; neuburgundi- 
aches Zwischenreich. Dann folgt Spanien , Portugall und das 
fOrstliche (monarchische) Italien. Im fünften Abschnitt endlich 
wird gehandelt von Slaven, Ungarn, Byzantinern, Osmanen und 
Mongolen , Fall von Constantinopel. Wer geneigt seyn sollte, 
den Vf. wegen der Eintheilung des Werks und wegen der Ver- 
keilung der Materie zu tadeln, der wird hoffentlich die Kunst 
nicht übersehen , mit welcher Herr Kort um nicht allein die wich- 
tigsten Punkte durch Anordnung und Ausführlichkeit der Behand- 
lung zü heben und voranzustellen verstanden hat ; sondern auch 
die Geschicklichkeit, mit welcher er, was sehr selten unter uns 
geschieht, das Buch zu einem Ganzen gemacht hat. Der Verf. 
rasonnirt nicht und macht keine Philosophie über die Geschichte; 
er ordnet aber das, was er giebt, auf eine solche Weise, dafs 
der Leser, der ihm aufmerksam gefolgt ist, zugleich die Kennt- 
nifs des Einzelnen nnd ein allgemeines Resultat nach und nach 
gewinnt. Dies scheint uns die einzige richtige Methode in der 
Geschichte zu seyn; jede andere Manier ist Spiegelfechterei. Die 
Wege und Mittel, den angegebenen Zweck zu erreichen, mu(s 
man billig jedem Schriftsteller selbst überlassen , und man bedarf 
daher verschiedener Werke dieser Art , damit der Leser nach 
seinem Bedürfnifs, welches sich nach seiner Individualität richtet, 
wählen könne. Was das Einzelne angeht, so wird man bei einem 
kräftigen Manne, wie Herr Kortüm, der, innig mit der Sache, die 
er behandelt, und mit den Quellen vertraut, überall selbst urt heilt, 
nnd eigne und eigentümliche, auch mitunter sonderbare Ansich- 
ten aufstellt und vertheidigt, leichter und öfter anstofsen, als bei 
einem Windmacher und Sophisten, oder einem fleifsigen Samm- 
ler und Bachmacher; gerade dieses ist es aber, was einem sol- 
chen Lehrbuche nicht blos für den Lernenden, sondern auch für 
den Gelehrten nnd für die Welt dauernden Werth giebt. 

fU-iV' - 8cMo**er. 



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19C 



UTERÄRGESCHICHTK. 

Catalogue de la Bibliotheque publique de Geneve, ridige par 
Louie V auch er, Poet cur 6$-lettrts et bibliothtcaire konoraire. Ge- 
neve. Se rend chex les prineipaux Ubrairee 1834. / et II Partie. — 
XLIV. 948 und 133 S. in gr. 8. 

Die Bibliothek zu Genf, deren Schätze in diesem Werke zu 
allgemeiner Kenntnifs gebracht werden, fallt ihrer ersten Anlage 
nach in die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, und sie hat seit 
dieser Zeit, theils durch den Patriotismus einzelner Burger Genfs, 
theils durch die Einsicht der leitenden Behörden , auf eine Weise 
zugenommen , dafs sie fuglich den ansehnlicheren Bibliotheken 
der Schweiz und Deutschlands, mehr noch durch die gute Aus* 
wähl und den innern Gehalt der darin enthaltenen Werke , alt 
durch die Zahl der Bände zugezählt werden kann. Was uns in 
dieser Beziehung über die Entstehung der Bibliothek, ihre all- 
raähligen Erweiterungen im Laufe der Zeit, ihre Schicksale bis 
zu dem dermaligen Bestand in der Preface von dem Herausgeber 
Hrn. Vaucher berichtet wird , dürfte wohl geeignet seyn , auch 
ausserhalb der Stadt und der Anstalt, deren Geschichte berich- 
tet' wird , Aufmerksamkeit und Beachtung zu verdienen, zumal 
da Herr Vaucher nicht unterlassen hat , auch über den gegenwär- 
tigen Stand der Anstalt, über die Administration derselben und 
Alles, was dahin einschlägt, genauere Nachrichten mitzutheileo , 
an welche sich zugleich einige weitere Vorschläge über den Ge- 
brauch und die Benutzung der Bibliothek von Seiten des Publi- 
kums knüpfen, um so in jeder Hinsicht ein vollständiges und ge- 
treues Bild der ganzen Anstalt vorzulegen. Wir freuen uns, 
aus dieser Schilderung zu erfahren , wie ausser den zahlreichen 
Geschenken, die von Einzelnen der Bibliothek zugekommen sind 
und deren dankbares Andenken die Vorrede erneuert, insbeson- 
dere die beaufsichtigenden Behörden stets ein sorgsames Augen- 
merk auf die Pilege und auf das Gedeihen dieser Anstalt gerich- 
tet, und namentlich auf die zweckmäfsige Verwendung der zum. 
Ankauf der Bücher bestimmten Fonds so sehr gesehen haben; 
was wir mit Dank und Achtung anerkennen müssen. Man gieng 
und geht auch dort von dem für solche Bibliotheken gewifs al- 
lein richtigen Grundsatz aus, nicht sowohl auf gewisse Raritäten 
alter Drucke und Editionen, die sonst ganz gehaltlos sind, bei 
den Anschaffungen sein Augenmerk zu richten, und gewissen 
Liebhabereien zu folgen , wie sie bei manchen Vorstehern von 
Bibliotheken angetroffen werden, sondern vielmehr, nach Mafs- 

fabe der vorhandenen Mittel , möglichst nützliche und brauch- 
are Werke, die somit durch ihren Inhalt auch einen Werth und 
Gehalt bekommen, anzuschaffen ; ein Grundsatz, dem Ref., nament- 
lich in Absicht auf Universitätsbibliotheken oder auf andere, min- 
der umfangreiche und minder reich dotirto, der öffentlichen Be- 
nutzung übergebene Bibliotheken, mit ganzer Seele ergeben ist. 



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LÜerürgetchichU. 107 

Daft ea übrigen» der Genfer Bibliothek auch nicht an solchen 
literarischen Seltenheiten fehlt, die übrigens wohl meist durch 
Schenkung ihr zugefallen sind, kann eine nähere Einsicht in das 
Verzeichnis dieses Bucherschatzes , wie es uns hier durch die 
Bemühungen des Herrn Vaucher vorgelegt ist, bald lehren. Wir 
linden darin manche merkwürdige Incunabel , manche seltene 
Editio prineeps; so z. B. den Augustinus De civitate dei von 
1468, den Apulejus von 1469, den Suetonius von 1470, ei- 
nen Lactantius aus demselben Jahre, Cicero's Ofticien von 
den Jahren 1 j 6 3 und 1466, die Aid in er Ausgabe der Grie- 
chischen II h et o res von i5o8 (ir Bd.), die selbst unserm 
Freunde Walz in der sorgfältigen Aufzeichnung der wenigen von 
dieser Ausgabe in den verschiedenen Bibliotheken Europas noch 
vorhandenen Exemplare unbekannt geblieben zu seyn scheint, und 
Anderes der Art. 

Die Gesaromtzahl der Bände wird auf 3iooo angegeben; vor 
etwas mehr als einem Jahrhundert, um 1702, belief sie sich 
auf 35o3, wovon 1485 in Folio, 719 in 4to und 1299 in Octav. 
Eine spätere Zählung vom Jahr 1717 erwies die Summe von 6374 
Bänden. Der bedeutende Zuwachs seit dieser Zeit hat in ver- 
schiedenen Ursachen seinen Grund, die aus dem, was über die 
Geschichte und Verwaltung der Bibliothek in der Vorrede be- 
merkt wird , leicht ersehen -werden können. Daher ist es denn 
auch die Literatur des achtzehnten Jahrhunderts oder vielmehr 
eine gute Auswahl des Besseren aus derselben , welche in dieser 
Bibliothek insbesondere zu suchen ist. 

Was nun den Catalog selbst betrifft, zu dessen Bekannt- 
machung durch den Druck die nSthigen Fonds aus Staatsmitteln 
bewilligt wurden, so kennt Jeder, der nur einigermafsen an einer 
Bibliothek gearbeitet und sich mit den dahin einschlägigen Ge- 
schäften bekannt gemacht hat, die grofsen Schwierigkeiten eines 
solchen Unternehmens , 1 die unsägliche , oft wenig oder nur mit 
Undank belohnte Muhe, welche mit der Ausführung eines solchen 
Unternehmens zumal dann unzertrennlich verbunden ist, wenn 
nicht schon eine bestimmte Anlage eines Catalogs exisliit , der 
nur fortgesetzt, und nicht erst ganz neu geschaffen zu werden 
braucht; um so mehr wird man dem Herausgeber dieses Catalogs 
zu besonderem Dank sich verpflichtet fühlen , da er diesem so 
schwierigen und muhevollen Geschäfte sich auf eine, seine Muhe 
zwar unendlich vermehrende, aber auch den Gebrauch und die 
Benutzung des Catalogs für das Publikum unendlich erleichternde 
Weise, mittelst einer streng systematischen Anordnung des ge- 
dämmten Buberschatzes nach den einzelnen Fächern , unterzogen 
hat; während die Anordnung eines freilich blos zum Nachschlagen 
dienenden Nominalcatalogs , der nichts, als das alphabetisch geord- 
nete Verzeichnifs aller Bucher , ohne Rücksicht auf den Inhalt , 
also ohne alle systematische Ordnung enthält, weit leichter gewesen, 
aber auch bei weitem nicht die Vortheile für das Publikum gehabt 
hätte , welche aus einem solchen systematisch nach den einzelnen 

* 

» » 



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190 



Literärgeschicht©. 



Fächern streng wissenschaftlich geordneten Verzeichnisse, oder 
einem Realcataloge , jetzt hervorgehen. Zu diesem Zwecke wur- 
den zuerst alle einzelne Büchertitel auf besondere Zettel geschrie- 
ben , diese dann nach den einzelnen Wissenschaften möglichst 
systematisch geordnet, und so überhaupt die Ausführung des Gan- 
zen und sein Erscheinen durch den Druck möglichst beschleunigt. 
Dankbar nennt der Verfasser bei diesem mühevollen Geschäft 
die Unterstützung und Hülfe, die ihm von Seiten mehrerer der 
namhaftesten Gelehrten Genfs zugekommen ist und es ihm mög- 
lich machte, schneller das ganze Geschäft zu beendigen. Die 
Ordnung des Catalogs ist daher die streng wissenschaftliche, in- 
dem die Bücher nach den einzelnen Wissenschaften, in welche 
sie einschlagen , zusammengestellt und geordnet aufgeführt wer- 
den : woraus denn zugleich ersichtlich ist , was von literarischen 
Hülfsmitteln die Bibliothek in jedem einzelnen Zweige der Wis- 
senschaft aufzuweisen hat : somit z. B. bald und leicht zu sehen 
ist, wie reich das Fach der Geschichte, namentlich der franzo- 
sischen, ausgestaltet ist, oder was von Bedeutung einzelne Zweige 
der Theologie, z. B. die Patristik, enthalten. 

Da die einzelnen Unterabtheilungen hier überaus zahlreich 
sind, was gewifs für den, der den Catafog braucht oder auch nur 
ansieht, nm zu wissen, was in jedem einzelnen Fache und über 
jeden einzelnen Gegenstand vorhanden ist, sehr bequem ist und 
manche Vortheile darbietet; so entsteht aber auch wiederum an- 
dererseits die Frage, ob nicht durch Vermeidung dieser zahlrei- 
chen Abtbeilungen und Unterabtheilungen und der dadurch her- 
beigeführten grofseren Zersplitterung der Herr Verf. sich seine 
schwierige Arbeit und sein mühevolles Geschäft selbst hätte er- 
leichtern können, ohne damit dem wissenschaftlichen Princip und 
der streng systematischen Anordnung und Abtheilung des Ganzen 
Abbruch zu thun: insofern er nemlich Manches zusammengestellt, 
und unter allgemeinere Rubriken gebracht, was jetzt allzu sehr 
von einander getrennt und an zu verschiedenen Orten aufgeführt 
erscheint. So, um ein Beispiel anzuführen, scheint uns die grie- 
chische und romische Literatur, d. h. die alten Classiker sammt 
der ganzen darauf bezüglichen Literatur, doch unter zu viele 
Fächer zerstückelt, dadurch dafs jeder Autor bei dem Fache 
und bei der Wissenschaft angeführt ist, der er seinem Inhalte 
nach angehört, so dafs wir nun die alten Autoren unter der Ge- 
schichte , der griechischen wie der romischen , der allgemeinen 
wie der besondern, unter der Mythologie (bei der Theologie) , 
unter der Kriegswissenschaft u. s. w. zu suchen haben , Wahrend 
dann wieder ein eigener Abschnitt Literalure Grecque und Litcra- 
iurc Romaine nur die Rhetoren und Redner, andere Prosaiker 
(Autres Prosateurs), Dichter und Polygraphen, als Unterab- 
theilungen enthält, und unter der alten Philosophie die Werke 
des* Piato und Aristoteles vorkommen; Einzelnes von Plato steht 
unter der Politik oder unter den Moralisten, wo auch Cicero's 
philosophische Schriften stehen; die rhetorischen Schriften des 



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UUrärgetchithte. 



201 



Aristoteles unter der Rhetorik u. s. f. Dafs das, was man Anti- 
quitäten nennt, sowie die eigentliche Literar- und Culturgescbichte 
u. a. ebenfalls abgesondert ist, wird wohl weniger befremden, 
als die eben erwähnten Trennungen, die wohl Manchem allzu 
zahlreich und dadurch selbst der Übersicht des Ganzen nachthei- 
lig erscheinen durften, wenn auch gleich in der consequenten 
Durchfuhrung des wissenschaftlichen Princips vielleicht zu recht- 
fertigen oder zu entschuldigen. Es würde Undankbarkeit ver- 
rathen, an vorliegendem Catalog eben das tadeln zu wollen, was 
nur aus dem Bestreben einer möglichst consequenten Durchfüh- 
rung des wissenschaftlichen Princips hervorgegangen, die an und 
für sich schon genug muhe volle Arbeit noch vermehrt hat, da 
auf Erleichterung der beschwerlichen Muhe bei solchen Arbeiten 
KU denken, eine gewifs eben so billige als erlaubte Rücksicht ist, 
und Ref. würde schon aus diesem Grunde , zur Vermeidung der 
grÖfseren Zersplitterung und Trennung, einen andern Weg ein- 
schlagen, weil jenes Princip in der consequenten Durchführung 
manchen Schwierigkeiten unterworfen bleibt, zu den bemerkten 
unvermeidlichen Nachtheilen führt , und leicht Verwirrung erre- 
gen oder durch vergebliches Suchen die Benutzung erschweren 
kann; obwohl diesem Übelstande in vorliegendem Catalog wieder 
dadurch abgeholfen ist, dafs am Schlufs noch zwei genaue Regi- 
ster beigelugt sind , eine Table alphabetinue des noms d auteurs 
und eine Table des anonymes, durch welche man im Stande ist, 
Alles mit Leichtigkeit und auf der Stelle zu finden; so wie im 
ersten Bande nach der Preface eine Table raethodique, d. i. eine 
sehr genaue und detaillirtc Inhaltsübersicht des Ganzen , mithin 
jedem Bedürfnifs vollkommen entsprochen und jede Beschwerde 
beseitigt ist. 

Ref. kann seinen Bericht nicht anders, als mit der wieder- 
holten , dankbaren Anerkennung der verdienstlichen Leistungen 
und der einsichtsvollen Leitung, welche dieses schwierige Unter- 
nehmen auszuführen und zu vollenden wufste, beschliefsen ; möge 
das Publikum, das diesen Catalog sowie die darin verzeichneten, 
ihm zur Benutzung gebotenen Schätze benutzt, die gleiche, ge- 
rechte Anerkennung dem Verf. zu Theil werden lassen und so 
der Zweck" des ganzen Unternehmens erreicht werden, den wir 
mit den eigenen Worten des Verfassers am Schlüsse unserer An- 
zeige beifügen wollen: » Ce Catalogue, schreibt derselbe p. XXV, 
roe parait destine ä faire appröcier, comme eile le merite, cette 
Bibliotheque, ä l'etablissement et au developpcment de laquelle 
nos ancOt res ont mis un si grand interet , et par consequent a 
soutenir , a ranimer meme cet interet dans le public de nos jours 
et dans le cot ps dont depend la veritable prosperite de cette pre- 
cieuse collection; 41 servira a montrer les ressources qu elle prä- 
sente a tous ceux qui veulcnt faire des recherches approfondies 
et consciencieuses , recourir aux sources et y puiser des connais- 
sances exaetes et solides, et non t>as ces notions superfizielles 
qu on ne regoit qua de seconde ou de troisieroe main lorsaue I on 



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201) Literärgeschichte. 

■ 

se contente d'ctudier la plupart des ouvrages modernes; il sera 
naitre chez tous ceux qui s'oecupent, com nie maitres ou comme 
clcves, des lettres, des arts ou des sciences, la pensee et le de- 
sir de faire usage du precieux depot qui leur est ouvert et leur 
epargnera de longues recherches ou des courses inutiles ; il pre- 
sentera etc. etc. 



Encyclopidie de» gen» du monde. Tome »eptieme. Premiere et »eeonde Par- 
tie. Pari», Treuttel et IVürtz, Rue de Lille, n. 17. Strasbourg 
mrme mai»on , Grand-Hue pr. 15. 1836. 800 & in gr. 8. 

Indem wir die Erscheinung eines neuen , aus zwei Theilen 
bestehenden Bandes dieser Encyclopädie anzeigen, können wir 
ans wiederholt auf die mehrfach in diesen Blättern und zuletzt 
noch (i836) p. 52 i sq. gegebenen Berichte beziehen, und hier 
nur die Bemerkung wiederholen, dafs die Ausfuhrung, in raschem 
Gange fortschreitend , geleitet durch einen eben so kenntnisreichen 
als einsichtsvollen Redacteur (Hrn. Schnitzler), der sich der Un- 
terstützung der nahmhaftesten Gelehrten Frankreichs, die wir in 
unsern früheren Anzeigen grofsentheils nahmhaft gemacht haben, 
erfreut, sich auch in diesem Bande den früheren durchaus gleich 
geblieben ist ; die aus dem deutschen Werke entnommenen Arti- 
kel verschwinden immer mehr und die eigenthümlichen Vorzuge 
des französischen Werkes, das wir durchaus als ein selbständiges 
nun betrachten müssen, treten immer mehr hervor. Wir hönn- 
tan in dieser Beziehung auch hier wieder eine Menge Artikel aus 
dem Gebiet der Geographie und Geschichte, der Biographie und 
Literärbistorie u. s. w. hervorheben , um daraus die Zweckmäßig- 
keit und Brauchbarkeit des Werks für die Bestimmung, die ihm 
gegeben ist, und für die Zwecke, die durch es erreicht werden 
sollen, nachzuweisen, wenn anders dies nach dem mehrfach Ge- 
sagten noch nothwendig scheinen konnte. So könnten wir z. B. 
im ersten Theile nur auf den umfassenden und wichtigen Artikel 
Croisades aufmerksam machen, dessen Bearbeitung Herr Geh. Rath 
Schlosser sich unterzogen hat; so wird man z. B. unter den bio- 
graphischen Artikeln nicht ohne Interesse die Artikel Courier, 
Dagucsseau, Dante d'Alighieri und zahlreiche andere der Art lesen. 
Ref. bemerkt nur noch am Schlüsse, däfs dieser Band in seinen 
beiden Abtheilungen von Cormenin bis Deport reicht. 



Vollständiges Wörterbuch der Mythologie alter Nationen. Eine ge- 
drängte Zusammenstellung de» IVis&enswürdigsten au» der Fabel- und 
Götterlehre aller Völker der alten und neuen Weit. Von Dr. /*'. Voll- 
mer. In Einem Hände mit einem englischen Stahlstich und 129 Tafeln. 
Stuttgart, Hoffmannsche Verlagsbuchhandlung 1836. 1558 & ingr.S. 

Einige der früheren Lieferungen dieses umfassenden mytho- 
logischen Wörterbuchs sind in diesen Jahrbuchern (i835. p. 1176 f. 



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Lille ra r«^c»t ntcn ti . 



201 



1826 p. io38) angezeigt und dabei auch Plan, Anlage und Be- 
stimmung des Ganzen besprochen worden. Indem wir nun mit 
dem Erscheinen der noch rückständigen Lieferungen und eines 
den Subscribenten unentgeldlich gelieferten Sehl ufsban des, dem 
zugleich eine- Reihe der bildlichen Darstellungen von Tafel XL1V 
bis CXXVIII beigefugt sind, die Vollendung des Ganzen anzei- 
gen, bemerken wir wiederholt, was auch in einer Nachschrift des 
Werkes selbst erinnert wird und was wir bereits in der frühe- 
ren Anzeige bemerkt haben, dafs der Verf. kein gelehrtes Werk 
liefern wollte, »kein Hilfswerk für den Antiquar, für den Ar- 
chaolo^en, für den Philologen«, sondern ein Werk, das dem 
Laien in diesen Wissenschaften zum Nachschlagen dienen und ihn 
mit dem bekannt machen soll , was die besten Quellen über jeden 
Gegenstand sagen, und zwar in einer einfachen und gedrängten 
ten Zusammenstellung. Das Buch ist demnach überhaupt für ge- 
bildete Leser bestimmt , die es zum Nachschlagen gebrauchen sol- 
len, um über jeden vorkommenden. Mythus , über jeden mytholo- 
gischen Namen, der ihnen aufstofst, er scy aus der alten classi- 
schen Zeit der Griechen und Römer, oder aus der Religion der 
nordischen und sla vischen Stämme sowie der Volker Asiens, der 
Inder, Chinesen, Japanesen u. s. w. oder auch der Bewohner der 
neuen Welt, vor der Entdeckung Amerika's, entnommen, be- 
friedigende Auskunft zu erhalten , wobei das Streben nach mög- 
lichster Vollständigkeit berücksichtigt wurde, und alle gelehrte 
Nachweisungen und Erörterungen, Citate u. dgl. wegfielen, eben 
sowohl um Raum zu gewinnen, als um dem Buche keinen zu 
gelehrten Anstrich zu geben und das gebildete Publikum , für das 
es bestimmt ist, abzuschrecken. Papier und Druck, wie über- 
haupt die äussere Ausstattung sind sehr befriedigend ausgefallen; 
insbesondere aber verdienen die sehr gut in Zeichnung wie im 
Druck ausgeführten bildlichen Darstellungen, welche in den oben 
bezeichneten Tafeln über die gesammte Mythologie sich verbrei* 
ten und eben so gut griechische Göttergestalten , als indische 
(z. B. die Incarnationen des Wischnu), chinesische, japanesische, 
mexikanische, deutsche und slavische Götterbilder liefern, eine 
dankbare Anerkennung. 



Die Sanchuniuthonische Streitfrage , nach ungedruckten Briefen gewürdigt 
von Dr. C. L. Grotefend. Hannover 1836. In der Hahn'echen Hof- 
buckhandlung, 28 5. in gr. 8. 

Nachdem in Nr. 5o und 5i dieser Jahrbb. die hier in Frage 
stehende Schrift ausführlich beortheilt worden, so sehen wir uns 
veranlafst , aoeh das vorliegende Büchlein zur Henntnifs unserer 
Leser zu bringen, mit dem Bemerken, dafs nach den darin ent- 
haltenen Mitthailungen, zumal wenn wir damit einige andere, in 
öffentlichen Blättern befindliche, Nachrichten verbinden, es wohl 
kaum einem Zweifel unterliegen kann, dafs die angebliche Ur- 



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2C2 Literürceichichtc. 

Geschichte der Phönizier von Sancbuniathon , womit uns Herr 
YVagenfeld überrascht hat, keineswegs als ein YVerk oder als ein 
Auszug aus dem Werke des phonicischen Weisen , sondern viel* 
mehr als ein Product der neuesten Zeit, und zwar des genannten 
Gelehrten , zu betrachten ist* Dem Herausgeber . dieser Docu- 
menta, Hrn. Dr. Grotefend, aber hat das Publikum alle Ursache 
zu danken, weil durch die Bekanntmachung derselben nun erst 
die ganze Sache klar geworden ist und das ganze Unternehmen 
in seinem wahren Uchte erscheint. 



Das Blumenblatt, eine epische Dichtung der Chinesen, aus dem Origi- 
nal übersetzt von Dr. Heinrich Kurz, Professor an der Kantons- 
schule zu St. Gallen, Mitglied der asiatischen Gesellschaft in Paria. 
— Nebst einleitenden Bemerkungen über die chinesische Poesie und einer 
chinesischen Novelle als Mang. St Gallen, Druck und Verlag von 
Hertmann u Scheitlin, 1836. XXI r und 180. 44 & 

Der gerechte Beifall, der in der neuesten Zeit Mehrerem 
von dem zu Theil geworden ist, das uns in passender Form, in 
gebundener wie in ungebundener Rede, aus der chinesischen Li- 
teratur mitgetheilt worden ist, konnte schon hinreichend den 
Herausgeber rechtfertigen , mit einer deutschen Bearbeitung einer 
epischen Dichtung hervorzutreten , die sich in China zu jeder Zeit 
eines ausgezeichneten Rufes erfreut hat, um damit zugleich einen 
Beitrag zu einer richtigeren und besseren Würdigung einer Lite- 
ratur zu liefern, über die, eben aus Unkunde , die verschieden- 
sten, meistenteils ganz irrigen Ansichten und Urtheile, obwohl 
oft mit der grüfsesten Bestimmtheit ausgesprochen worden sind, 
zumal da der Kreis Derjenigen , welche zu der Quelle selbst zu- 
rückgehen können und die Sprache dieses Landes verstehen, noch 
immer sehr gering ist Aber auch abgesehen von dem Interesse, 
das die Wissenschaft, die Literatur an einer solchen Erscheinung 
nimmt oder vielmehr nehmen mufs, werden selbst Diejenigen, die 
blos eine angenehme Unterhaltung durch Leetüre suchen, sich in 
dieser Dichtung, die bei allem Eigenthümlichen, was die Erschei- 
nung des chinesischen Lebens für uns darbietet, doch mehr Be- 
rührung- und Anziehungspunkte hat, als man auf den ersten 
Anblick glauben sollte, und die eben deshalb uns weit näher liegt, 
als so manche wunderliche Dichtungen anderer Nationen, weit 
eher befriedigt finden, als in dem elenden, schamlosen Roraan- 
und Novellengeschmier, mit welchem jetzt unsere Literatur über- 
schwemmt und besudelt wird , wenn anders in ihnen ein besserer 
Sinn und Geschmack noch nicht völlig erloschen ist« 

Ref. hatte bereits diese Worte niedergeschrieben, als ihm 
Eckermanns Gespräche mit Göthe in die Hände fielen ; er kann 
sich nicht enthalten, folgende Stelle daraus hier beizufügen: »In 
diesen Tagen (sagte Göthe) habe ich Vieles und mancherlei ge- 
lesen, besonders auch einen chinesischen Roman, der mich 



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Literärgeachicnte. 20* 

noch beschäftigt und der mir in hohem Grade merkwürdig er- 
scheint« Chinesischen Roman? sagte ich (Eckermann), der mu(s 
wohl sehr fremdartig aussehen. »Nicht so sehr, als man glauben 
sollte , sagte Gut he. Die Menschen denken , handeln und empfin- 
den fast eben so wie wir und man fühlt sich sehr bald als ihres 
Gleichen, nur dafs bei ihnen Alles klarer, reinlicher und sittlicher 
zugeht Es ist bei ihnen Alles verständig, bürgerlich, ohne 
grofse, Leidenschaft und poetischen Schwung, und hat dadurch 
viele Ähnlichkeit mit meinem Hermann und Dorothea, sowie mit 
den englischen Romanen des Ricbardson. Es unterscheidet sich 
aber wieder dadurch, dafs bei ihnen die äussere Natur neben deu 
menschlichen Figuren immer mitiebt. Die Goldfische in den Tei- 
chen hört man immer plätschern, die Vogel auf den Zweigen 
singen immerfort, der Tag ist immer heiter und sonnig, die Nacht 
immer klar; vom Mond ist viel die Rede, allein er verändert die 
Landschaft nicht, sein Schein ist so helle gedacht, wie der Tag 
selber. Und das Innere der Häuser so nett und zierlich, wie ihre 
Bilder — Und nun eine Unzahl von Legenden, die immer in der 
Erzählung nebenher gehen und gleichsam sprüchwörtlich ange- 
wendet werden — Und so unzählige von Legenden , die alle auf 
das Sittliche und Schickliche gehen. Aber eben durch diese 
strenge Mäfsigung in Allem hat sich denn auch das chinesische 
Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird dadurch ferner be- 
stehen.« (S. Band 1. 8. 3aa ff.) 

Indessen auch für den, der von einem andern, dem wissen- 
schaftlichen, Standpunkte aus die Erscheinungen der chinesischen 
Literatur und des chinesischen Lebens kennen lernen und wür- 
digen will, ohne der Sprache selbst kundig zu seyn , wird es 
weiter keiner besonderen Aufforderung in Absicht auf das vor- 
liegende Buch bedürfen, um so mehr, als der Herausgeber seiner 
Bearbeitung eine Reibe von einleitenden Bemerkungen über die 
chinesische Poesie vorausgeschickt hat, geeignet, irrige und fal- 
sche Urtheile über chinesische Literatur und chinesisches Volk 
und Land, nie sie z. B. noch in Rottecks viel verbreiteter Welt- 
geschichte auf eine so auffallende , nur aus Unkunde zu erklärende 
Weise hervortreten, zu beseitigen und eine richtige Ansicht dar- 
über zu verschaffen. Wir erlauben uns eben deshalb einige Punkte 
aus diesen einleitenden Bemerkungen hier mitzutheilen , die von 
besonderer Wichtigkeit und Bedeutung zugleich zu weiterem 
Studium Veranlassung geben mögen. 

8. VH. »Wie das ganze Leben in China, so zerfällt auch 
der Ausdruck desselben, die Poesie, in zwei scharf von einander 
getrennte Perioden, welche durch das Auftreten Hhungtse's 
bedingt werden. Diesem grofsen Manne (welchen die Europäer 
ganz irrig Confucius nennen) gelang es, dem chinesischen 
Volke eine dem Alterthum beinahe ganz entgegengesetzte Rich- 
tung zu geben, unter dem Scheine, dasselbe in seiner ursprüng- 
lichen Reinheit wieder herzustellen. Vor Hhungtse waren in 
China alle poetischen Elemente vorhanden , die bei einem Volke, 



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t 



*04 Literärgeschichte. 

das eine uralte Geschichte und zugleich eine reichhaltige Sagen- 
welt besitzt, sich nur vorfinden können. Ihm und seiner bewun- 
dernswürdigen Consequenz in Lehre und That gelang es , den 
poetischen Genius seines Volbes , wenn nicht auszurotten , doch, 
in hohem Grade zu unterdrücken. Das chinesische Reich war zu 
seinen Zeiten und vor ihm eine Feudalmonarchie, der deutschen 
nicht unähnlich ; man kann einen gewissen ritterlichen Geist in 
den damaligen Fürsten und Herren nicht verkennen ; das Volk 
bekannte sich zu einer schon in sehr frühen Zeiten aus dem Stern- 
dienste entstandenen Religion und besafs daher auch alle mit Re- 
ligion noth wendig verbundenen poetischen Elemente, u. s. w.« 

»Ganz anders gestaltete sich das Leben in China, als Khuogtse 
auftrat und seine Moralphilosophie sich Eingang zu verschaffen 
wufste. Die Feudalmonarchie sank immer mehr und noch vor 
Christi Geburt wurden die alten zahlreichen Fürstentümer und 
Herrschaften in ein einziges grofses Reich zusammengeschmolzen. 
Die alte Religion wurde abgeschafft , und an ihre Stelle trat der 
leere, prosaische Gedanke; es wurde der Mensch von dem sehn- 
süchtigen HofTen auf ein besseres Jenseits abgezogen , wogegen 
er als Ersatz das schale Treiben des pedantischen Philisterlebens 
erhielt. Der Staat wurde durch ihn die Alles in Bewegung se- 
tzende Triebfeder; der Beamte und der in den administrativen 
Functionen ist Alles; der Enkel eines alten edlen Hauses ebenso i 
sehr als der Gelehrte und Schongeist ist als solcher mehr ver- 
achtet als geehrt und vorgezogen. Staatsver waltun gskunst 
ist der einzige, aber auch unfehlbare Weg zu Ehrenstellen und 
zum Reichthum, und nur einem um den Staat verdienten Manne 
wird die Achtung und die Ehrfurcht der Mit- wie der Nachwelt 
zu Theil. Es ist, mit einem Worte, das ganze Leben so pro- 
saisch, so einförmig; es ist zu einer so ängstlichen und geistlosen 
Nachbeterei des falsch verstandenen Lebens im hohen Alterthum 
geworden ; alle poetischen Elemente sind mit so vieler Einsicht 
unterdrückt, dafs es ein seltenes Glück ist, wenn ein poetisches 
Genie, deren es in China ebensogut giebt, als irgendwo sonst in 
der Welt, zu seiner eigenen Erkenntnifs gelangt.« 

Eben deshalb dringt der Herr Verf., und gewifs mit vollem 
Rechte, auf sorgfältige Unterscheidung der poetischen Erzeugnisse 
vor dem Auftreten des Khungtse oder Confucius und den Poesien 
der neueren Zeit, nachdem dieser grofse chinesische Reformator 
die Reste der älteren Poesie, wie sie in Schrift und Mund des 
Volkes sich erhalten, in eine Sammlung vereint, deren jetzige 
Gestalt allerdings von ihm herrührt, und die eigentlich nur eine 
Auswahl aus jenen älteren Liedern, eine Art von Bluraenlese ist, 
die äusserst mannigfach, über die verschiedensten Verhältnisse des 
öffentlichen wie des Privatlebens sich verbreitet, und darum für 
die Kenntnifs des chinesischen Lebens von besonderer Wichtigkeit 
ist Dieses chinesische Liederbuch, Schiking genannt, das frei- 
lich von den dreitausend Liedern , die der Reformator zusammen- 
brachte, nur wenig mehr als dreihundert enthält, — die übrigen 



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Literärgeschichte. 



soll derselbe vernichtet haben — ist uns bekanntlich seit Kurzem 
durch Rückerts geschmackvolle Bearbeitung näher bekannt ge- 
worden. Nun wendet sich der Verf.. nachdem er die einzelnen 
Theile dieser Sammlung durchgangen , zu der neueren chinesischen 
Poesie und Literatur (nach Confucius), die obwohl durch die 
äusseren Verhaltnisse vielfach eingeengt und gehemmt, doch im- 
merhin noch manches Beachtungswerthe , ja zum Theil sogar Aus- 

Sezeichnete geliefert hat. Besonders reich ist die Romanen- und 
lovellenlileratur, wovon auch die am Schlüsse des Bandes bei- 
gefügte Novelle: »Der weibliche und der männliche Bru- 
der« S. 181 fi. einen Beweis giebt; auch die dramatische Litera- 
tur ist nicht arm zu nennen ; weniger ist vom Epos anzuführen , 
das überhaupt mehr den Charakter erzählender Gedichte ange- 
nommen , wie dies wohl aus der Beschaffenheit der äusseren 
Verhältnisse und der ganzen Entwicklung des chinesischen Le- 
bens sich hinreichend erklären läfst. Mit einer dieser epischen 
Dichtungen, die in China eines besonderen Ansehens und grofsen 
Rufes sich erfreut , hat der Verf. in vorliegender deutschen Be- 
arbeitung uns bekannt gemacht. Diese Bearbeitung , zu welcher 
der Verf. durch seinen verstorbenen Lehrer Abel Remusat zu Pa- 
ris veranlafst ward, die auch unter dessen Leitung begonnen , 
später unterbrochen und jetzt erst wieder aufgenommen und voll- 
endet wurde , giebt uns jene Dichtung getreu wieder , nicht in 
Versen, sondern in nngebundener Rede. »Das Gedicht hätte frei- 
lich gewonnen, sagt der Vf. am Schluß der Vorrede, wenn es, 
statt in Prosa, in Versen wiedergegeben worden «äre; aber zu 
einer guten, metrischen Übertragung, welche die Eigentümlich- 
keit und den Charakter des Originals zu bewahren und mit einer 
ungezwungenen Darstellung zu verbinden weifs, gehurt ein Ta- 
lent, das neben Rückert nur noch wenige Auserwählte besitzen.« 
Freiere poetische Bearbeitungen, in einem deutseben, frei ge- 
wählten Metrum — wozu doch ein Übersetzer am Ende geno- 
thigt ist, wenn er eine poetische Übertragung liefern will, bei 
der Unmöglichkeit das ursprüngliche Metrum beizubehalten, ohne 
in weit grofsere Schwierigkeiten sich zu stürzen und eine gänz- 
lich unverständliche und\ unlesbare Ubersetzung zu liefern, ver- 
wischen gar zu leicht Ton und Farbe des Originals, das doch 
in der Nachbildung, in der Copie , immer erkannt werden soll, 
erschweren dadurch oft die gerechte Würdigung des Werkes , 
dessen Charakter sich nicht mehr in der Nachbildung erkennen 
läfst. Dieser Übelstand wird durch eine getreue prosaische Über- 
tragung vermieden, zumal wenn sie möglichst treu an die Ur- 
schrift sich hält und doch zugleich sorgfältig alle Härten vermei- 
dend , in einem angenehmen und gefälligen Flufs der Rede sich 
bewegt, wie man dies bei vorliegender Uebersetzung dankbar an- 
erkennen in ois. Am Schlüsse derselben S. 168 fl. sind eine An- 
zahl Noten beigefügt, in denen der Vf. alle in dieser Dichtung, 
dessen Abfassung unter die Dynastie der Ming 1367 — 1643 fällt, 
vorkommenden , einer Erklärung zum richtigen Verständnifs des 



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r !tniin*naki<li(«liiii 

liiierdr^CHCUicfiic. 



Ganzen bedürftigen Gegenstände, namentlich solche, welche sich 
auf Eigentümlichkeiten des chinesischen Lebens, oder auf die 
diesem Lande eigenthümliche Bildersprache u. dgl. m. beziehen, 
aufs genaueste erörtert bat. 

Wir zweifeln daher nicht, dafs diese Arbeit mit Beifall werde 
aufgenommen werden, der Vf. aber dadurch sich bewogen finden 
möge, die Übersetzung des Sisiangkhi, eines der geschätzte- 
sten chinesischen Romane , dialogischer Art und aus zwanzig 
Abtheilungen bestehend, an der er seit längerer Zeit arbeitet, zu 
Tolleoden und recht bald nachfolgen zu lassen. 



Die deutsche Philologie im Grundrifs. Ein Leitfaden zu Vorlesun- 
gen von Dr. Heinrich Hof f mann, Professor der deutschen Sprache 
und Literatur an der Universität zu Breslau. Breslau , bei Georg PAi- 
lipp Aderholz. 1836. XXXII und 239 Ä. in gr. 8. (Mit dem Motto 
aus Otfrtd ; Nu freuuen aih ea alle ao uuer so uuola uuolle loh ao 
uuer ai hold io ruuate Francono thiote.) 

Es ist diese Schrift, um des Verfs. eigne Worte zu gebrau- 
chen, ein bibliographischer Umrifs der deutschen Phi- 
lologie, bestimmt, den ganzen Stoff, die 1 Hilfsmittel und die 

Suellen dieser Wissenschaft , wie sie sich jetzt systematisch ge- 
altet, in der genauen Angabe aller darauf bezuglichen und dar- 
über erschienenen Werbe zu verzeichnen , um uns auf diese Weise 
ebensowohl das in dieser Wissenschaft bereits Geleistete als noch 
zu Leistende d. h. die Lucken näher kennen lernen und hervor- 
treten zu lassen. Urt heile über den Werth oder Unwerth der 
einzelnen Schriften, oder Andeutungen über den Inhalt und die 
Tendenz derselben (so weit sie nemlich nicht aus dem Titel ersicht- 
lich sind), beizufügen, lag ausser dem Plane und der Absicht des 
Vis., der dies dem mundlichen Vortrage uberlassen will. Ebenso 
gchlofs derselbe nach S. VII die Ausgaben einzelner deutscher 
Schriftsteller der älteren wie der neueren Zeit und deren Bio- 
graphien aus, weil sie ebenfalls der speciellen Literaturgeschichte 
und der Bibliographie anheimfallen. 

Demnach beginnt das Buch mit einem möglichst vollständigen 
Terzeichnifs aller derjenigen Männer, deren Bemühungen sich in 
mehr oder minder ausgedehntem Grade auf das, was man deut- 
sche Philologie im umfassenden Sinne des Worts, deutsche Spra- 
che und Literatur nennt, erstreckt haben, und zwar in einer ge- 
wissen chronologischen Ordnung von Notker, also von dem Jahre 
looo ungefähr an bis zu dem Jahre t836, äberall mit genauer 
Angabe des Geburts- und des Todesjahres, so weit nämlich eins 
oder das Andere oder auch Beides mit Bestimmtheit angegeben 
werden konnte. Auf diesen Abschnitt, der die Aufschrift fuhrt: 
»Geschiebte der deutschen Philologie«, aber nichts wei- 
ter als das angegebene Verzeichoifs mit diesen Lebens- und To- 
desnotizen enthält, folgt nun unter der Aufschrift Hulfsmittel 



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lerargescnicnie. zvi 

ein Verzeichnifs aller der im Bereiche der deutschen Literatur 
erschienenen Sammlungen gemischten Inhalts, oder, wie sich der 
Verf. ausdruckt, der Mischsammlungen literarhistorischen, 
sprachlichen, kritischen Inhalts nehst Quellenabdruck ( schliefsend 
mit Laube's modernen Charakteristiken?), worunter auch die Zeit- 
schriften und Briefe begriffen sind. Darauf folgen die Quellen- 
sammlungen, zuerst allgemeine und dann nach Zeiträumen (wor- 
unter auch die Musenalmanache und Taschenbücher) , nach den 
einzelnen Dichtungsarten, sowie auch der prosaischen Schriften; 
daran reihen sich bibliographische, bio - bibliographische , biogra- 
phische Werke und Literaturzeitungen. 

Ein zweiter Abschnitt S. ti3 ff. verzeichnet alle in die 
Geschichte der deutschen Literatur, im Allgemeinen wie im Be- 
sondern, d. h. in die einzelnen Zweige einschlagigen Schriften t 
im dritten S. ia3 ff. alle die auf die Sprache selbst und deren 
Studium bezuglichen Bücher, worunter also auch alle Gramma- 
tiken, Wörterbücher , Glossare, alle über die einzelnen Mund- 
arten und Volksdialekte geschriebenen Bucher vorkommen. Den 
BeschluCs des Ganzen machen dann die Schriften über Poetik und 
Prosodie, über Styl, und in einem vierten Abschnitt S. 216 ff. 
über Hermeneutik und Kritik. Die Preise der einzelnen Bucher, 
was vielleicht Manchem wünschenswert!) gewesen, sind nicht bei- 
gefugt, dagegen herrscht in den Angaben der Bucher selbst, neben 
der Vollständigkeit, die ruhmlichste, nur mit dem gerechtesten 
Dank anzuerkennende Sorgfalt und Genauigkeit , welche das Buch 
für den Literarhistoriker überhaupt, sowie specietl für den Freund 
der deutschen Literatur zu einem recht brauchbaren , die Schatze 
dieses Zweigs der Literatur in einer streng methodischen und 
systematischen Weise genau verzeichnenden Hulfsmittel und Hand- 
buch macht, zumal da man nicht leicht eine Schrift voo einiger 
Bedeutung anfuhren konnte, die dem Vf. entgangen wäre. Mehr 
freilich als diese möglichst genauen und wohlgeordneten Bücher« 
Verzeichnisse giebt diese deutsche Philologie nicht, indem keine 
weitere Angaben oder Erklärungen, wenn auch nur in kurzen 
Notizen , den einzelnen Buchern oder den einzelnen Abschnitten, 
nach denen sie geordnet und zusammengestellt sind, beigefügt 
werden; wohl aber enthält die ausfuhrliche Vorrede eine Reihe 
von schatzbaren, den Gang und die Behandlung*- und Eint hei- 
lungsweise, die der Verf. befolgt bat, näher erörternden Bemer- 
kungen zu den einzelnen Abschnitten und Paragraphen seines 
Wnrkes mit weiteren Andeutungen über einige spezielle Punkte 
unserer Literatur, namentlich in ihrem poetischen Theile oder in 
dem verhältnifsmäfsig grofseren Reichthum derselben an biblio- 
graphischen Werken u. dgl. oder über andere und noch sehr fühl- 
bare Lucken derselben u. s. w., wie denn diese Bemerkungen als 
eine zum Verständnifs der Schrift nothwendige, das Verfahren 
des Verfs. rechtfertigende oder näher erklärende Zugabe, somit 
als eine wahre Ergänzung zu betrachten sind. Ein PersonenregU 
ster am Schlüsse des Bandes fehlt nicht. 



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208 



LUerärgeschichte. 



Ref. glaubt durch diese getreue Darstellung Inhalt und Cha- 
rakter hinreichend bezeichnet zu haben um jeden Unbefangenen 
zu einer gerechten Würdigung dieser Schrift bei näherer Ein- 
sicht zu veranlassen. 



Grundriß der Geschieht e der deutschen Literatur. Von Dr. Johann Wil- 
helm Schäfer, ordentlichem Lehrer an der Hauptschule zu Bremen. 
Bremen, Verlag von A. D. Geißler. 1886. X u 133 & m 8. 

Ein seinem Zweck entsprechender und darum zum Gebrauch 
auf höheren Bildungsanstalten oder bei allgemeineren Vorträgen 
zu empfehlender Grundrifs , der nicht ein blofses Gerippe von 
Namen, Daten, Jahrszahlen und Buchertiteln giebt, oder einen 
blofsen Hamen , den der Lehrer erst auszufüllen hat und mit dem 
ohne diesen wenig anzufangen ist, sondern der in zusammenhän- 
gender Darstellung aus der gewaltigen Masse das, was den Stand 
der Bildung und Wissenschaft in jeder Periode am besten be- 
zeichnen und kenntlich machen kann, hervorhebt, und so mit 
den nuthigen, erklärenden, biographischen und bibliographischen 
Notizen begleitet, zu Einem in sich abgerundeten Ganzen ver- 
arbeitet. In das Einzelne einzugehen und die meist sehr gemäfsigt 
und in einem würdigen Tone ausgesprochenen Untheile (wie dies 
bei Schriften , die für die jüngere Generation bestimmt sind, im- 
mer der Fall seyn sollte), weiter zu prüfen, kann der Zweck 
dieser Anzeige und dieser Blätter nicht seyn. Was der Verf. S. 
i3i von der ästhetischen Kritik unserer Zeit schreibt, wie nem- 
lich hier allein die Oberflächlichkeit auf dem Markte der Literatur 
das Wort führe, läfst sich leider auch auf andere Zweige der 
wissenschaftlichen Kritik , wie sie unter namenlosen Artikeln jetzt 
in Deutschland in so manchen Blättern auf eine so schamlose 
Weise gefuhrt wird, anwenden. Wir schliefsen 'auch unsere An- 
zeige mit den Schlufsworten des Verfassers: »Wenn die poeti- 
sche Literatur der Gegenwart Sehnsucht nach einer schönem 
Vergangenheit erregen kann, so finden wir doch in dem wissen- 



der Nation nicht ermattet, dafs neue Keime der Bildung ausge- 
streut werden, damit neue Früchte künftigen Zeiten entgegen- 




Chr. B ä h 



r. 



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♦ 

N°. 14. 8 HEIDELBERGER i837. 
JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



1) Vorläufige Bemerkungen über bemalte Architektur und Plastik bei den 
Alten, von G. Semper. Altona, bei J. F. Hammerith, 1834. XIV u. 
49 & 8. 

2) Über die Polyckromie der griechischen Architektur und Skulptur und 
ihre Grenzen, von Fr. Kugler. Mit einer farbigen Lithographie. 
Berlin, bei G. Gropius. 1835. 4. 75 & 

3) De veterum Graecorum pictura parietum conjecturae. Scripsit G. Her" 
mannue. Lipsiae MDCCCXXXIV. 4. 20 S. 

4) Lettree d'un antiquaire ä un artiete »ur Vemploi de la peinture histori- 
que murale dans la decoration de» temples et de» autree idifiees publice) 
ou particuliere che» lee Grece et lee Romain» ,• ouvrage pouvant eer+ir 
de »uite et de »upplcment ä tous ceux qui traitent de Vhietoire de Vart 
dan» Vantiquitd. Par M. Letronne. Pari», Heideloff et Campt 1835, 
8. XV I und 524 S. 

5) Peinture» antiquea intdite» pr&cedics de recherche» »ur Vemploi de la 
peinture dan» la decoration des idifices saeris et public», chez le» Grec$ 
et chez le» Romain»; faüant »uite aus Monument» inidits, par Af. 
Raoul-Rochette. Pw i» , imprimerie royaU , 1886. 4. XIII u. 470 & 
Mit 15 colorirten Tafeln. 

6) Die Malerei der Alten in ihrer Anwendung und Technik , insbesondere 
al» Decorationsmalerei, von R. Wieg mann. Nebst einer Vorrede von 
K. O. Müller. Hannover, bei Hahn. 1836. 8. XVIII u. 248 S. 

7) Die Malerei der Alten von ihrem Anfange bi» auf die christliche Zeit' 
rechnung; nach Pliniu» , mit Berücksichtigung Vitruv*» und anderer 
alten Oassiker, bearbeitet und erläutert. Aebst theoretischer u. prak- 
tischer Untersuchung der antiken Tafel-, Wand- und Vasenmalerei, 
der Enkaustik und ältesten Mosaik, von J. F. John. Berlin 1836 , 
bei L. Steffen. 8. XVI u. 224 S. 

Die revolutionärste Entdeckung, die auf dem friedlichen Gebiete 
der Archäologie gemacht worden ist, ist die Entdeckung der 
Polychromie in der griechischen Architektur und Sculptur. Bei 
uns Allen, die wir h. z. T. leben, gehört es so zu sagen zu den 
angebornen Ideen, dafs die antike Architektur und Sculptur sich 
mit der reinen Farbe des Marmors begnügt habe, und dafs ihre 
eigentümliche Würde und die gebietende Macht ihrer Schönheit 
eben darin bestehe , dafs sie mit Verschmäh ung alles Farbenreizes 
allein durch die Umrisse der Formen gefallen wolle. Wiockel- 
mann konnte zwar bei seiner ausgebreiteten Kenntnifs der Monu- 
XXX. Jahrg. 3. Heft. 14 



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210 

• 



Schriften übet die Wandmalerei der Alten 



mente nicht ubersehen , dafs sich bei manchen Statuen , z. B. bei 
einem Apollo im Museo Capitolino und bei der Pallas von Por- 
tici noch jetzt Spuren von Vergoldung in den Haaren zeigen, 
und dafs sich bei vielen Köpfen, sowohl von Marmor als von Erz, 
eingesetzte Augen finden *) , ja bei der Betrachtung der Diana 
aus Herculanum , an welcher das Haar, der Saum des Rockes 
ond andere Stücke der Kleidung bemalt sind **) , verbunden mit 
einer Stelle des Plato ***) , kam er wirklich auf die Idee , diese 
Bemalung für einen bei den Griechen üblichen Gebrauch anzu- 
sehen; allein die Meinung, diese Statue sey ein hetruscisches 
Werk, hielt ihn ab, dieser Idee weitere Folge zu geben f): und 
sein Commentator H. Meyer verwarnte alles Ernstes, man solle 
ja nicht glauben, dafs solche eingesetzte Augapfel ursprünglich 
an solchen Denkmahlen gewesen , im Gegentheil ergebe sich aus 
dem Augenscheine , dafs es ein meistens in späterer Zeit hinzu- 
gefugter Schmuck gewesen, von eben der Art, wie die vergol- 
deten Haare und die Ohrgehänge. In gleichem Geiste äussert 
sich auch Gothe , getreu den Lehren , die er ein halbes Jahrhun- 
dert vorher im Kreis der Weimar sehen Kunstfreunde empfangen 
und gegeben hatte, im 4ten Band seiner nachgelassenen Werke 
p. i58: »Wir sind nun unterrichtet, dafs die Metopen der ern- 
» stesten sicilischen Gebäude hie und da gefärbt waren , und dafs 
»man selbst im griechischen Alterthume einer gewissen Wirh- 
» lichkeitsforderung nachzugeben sich nicht enthalten kann. So 
»viel aber mochten wir behaupten, dafs der kostliche Stoff des 
»Pentelischen Marmors, sowie der ernste Ton eherner Statuen, 
»einer hoher und zarter gesinnten Menschheit den Anlafs gege- 
»ben, die reine Form über Alles zu schätzen, und sie dadurch^ 
»dem innern Sinne, abgesondert von allen empirischen Reizen, 
»ausschliefslich anzueignen. So mag es sich denn auch mit der 
»Architektur und dem, was sich sonst anschliefst, verhalten 
»haben.« 



*) Geach. der Kamt B. VII. c. 2 § 12 aqq. 

") R. Rochette giebt Taf. VII. eine colorirto, nach dem Original ge- 
fertigte Abbildung dieser Statue. 

**•) De rep. IV. p. 420. C. a><r*-*p oJv äv il SjfJuSv dv&pdvraQ y^d\povra^ Tgo$- 
iXBwv t/£ t\J/ry« Arfytuv, %n ov t«; xoAA/ctoi; tou {euou rd xaAA/^ra 
QdefjLUHa -r^o(rr<S<i^«v • oi yd? 6ip$aXf*ei, KaAA«rr©v ov, ©ü*k ompto tV- 
aX>ikif*pivoi ihv, dXXä fxäXa»t* tt. r. A. 

i) Gesch. der Kunst B. V II c. 4. §. 15. 



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von Semper, Kogler, Hermann, Letronne, Raoul-Rochette, etc. 811 

Zwar machte Miliin *) auf die siebtbaren Farbenreste an 
der durch Choiseol Goufßer ins Pariser Museum gebrachten Platte 
Ton dem Friese des Parthenon aufmerksam , und Dodwell **) 
machte dieselbe Beobachtung an den Sculptnren des Theseus- 
Tempels: allein diese Beobachtungen waren zu vereinzelt, und 
standen mit den über griechische Kunst herrschenden Ideen in 
so directem Widerspruch, dafs man sich eher entschließen konn- 
te, diese Färbung barbarischen Händen zuzuschreiben, als die 
Kunstler des Per i fleischen Zeitalters solcher Geschmacklosigkeit 
fähig zu glauben. Inzwischen aber brachten die vielseitigen For- 
schungen über griechische Kunst, welche im Laufe unsers Jahr- 
hunderts in Griechenland , Unteritalien und Sicilien angestellt wur- 
den, dasselbe Phänomen auf so verschiedenen Punkten, in Bassae 
in Arkadien, auf der Insel Aegina, in Selinunt in Sicilien und an 
mehrern andern Orten zum Vorschein , bei Bildwerken , von de- 
nen man mit Sicherheit annehmen konnte, dafs sie die ganze Zeit 
der Barbarei hindurch im schützenden Schoofse der Erde verbor- 
gen gelegen haben, dafs man nicht umhin konnte, der Sache mehr 
Aufmerksamkeit zu schenken. Gleichzeitig mit diesen Entdeckun. 
gen kam ein tiefer Kenner der alten Kunst auf dem Wege der 
Speculation zu demselben Resultate. Die Betrachtung des hohen 
Wertbes, den die Griechen in der schönsten Epoche ihrer Kunst 
auf die aus Gold und Elfenbein zusammengesetzten Statuen leg- 
ten , führte Quatremere de Quincy zu allgemeinen Forschungen 
über die farbige Sculptur der Griechen, die er 181 5 in seinem 
Jupiter Olympien bekannt machte. Nun erst, nachdem man durch 
Theorie Und Erfahrung mit der Idee von Bemalung der Statuen 
▼ertrauter geworden war , fieng man an , bei längst -bekannten 
Bildwerken auf eine Zuthat zu merken , vor der man lange Zeit 
mit einer gewissen heiligen Scheu die Augen verschlossen hatte« 
Die Diana von Versailles, die Venus von Arles, die Pallas von 
Velletri , die Vestalin von Versailles, die Amazone des Vatikans, 
Orest und Electra in Villa Ludovisi, die Med iceische Venus, vor 
allen aber die schon erwähnte Diana von Herculanum im alt-grie- 
chischen Styl, und verschiedene andere Statuen, die Herr Kugler 
p. 62 sqq. mit grofser Präcision aufzählt, zeigen an Haaren, Au- 
gen oder Gewändern unverkennbare Spuren ehemaliger Bemalung. 



*) Monam. ined. T. II. p. 48. 
•') Aleani' BsMirUievi della Grecia, Born. 1812. p. VI. 



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21t Schriften aber die Wandmalerei der Alten 

Ebenso gieng es bei der Architektur. Dieselben Forschungen, 
Ton denen wir oben gesprochen haben , führten auch hier zu 
überraschenden Resultaten. An den Attischen Monumenten, dem 
Thesen m , dem Parthenon , dem Erechtheum , den Propyläen , dem 
choragischen Monument des Lysicrates, dem jonischen Tempel 
am Ilissus, an den äusseren Propyläen des Ceres -Tempels zu 
Eleusis, dem grüfsern Tempel zu Bhamnus, ferner an dem Apollo* 
Tempel zu Bassae, dem dorischen Tempel-Ruin zu Korinth, an 
dem Minerven-Tempel auf Aegina, an den Tempeln zu Selinunt, 
in Metapont und an der Basilica zu Paestum hat man an ver- 
schiedenen Theilen eine mit dem Ganzen so harmonische , ge- 
schmachvoll ausgeführte Bemalung entdeckt, dafs man an der mit 
dem Bau gleichzeitigen Entstehung derselben nicht zweifeln kann. 
Nach diesen unwiderlegbaren Beweisen ist es h. z. T. beinahe 
allgemein anerkannt, dafs die Griechen in der Blüthezeit ihrer 
Kunst Malerei mit der Sculptnr und Architektur verbunden ha- 
ben : aber die grofse Frage ist nun die : wie weit gieng diese 
Anwendung der Malerei? dehnte sie sich auf die ganzen Statuen 
und Gebäude , oder nur auf einzelne Bauwerke und Theile der- 
selben aus? Herr Hittorff *) war der erste, der sich für eine 
vollständige Bemalung der Architektur und Sculptur aussprach ; 
und diese Theorie veranschaulichte er durch die colorirte Re- 
stauration eines kleinen Sacellums auf der Akropolis von Selinunt, 
das er den Tempel des Empedocles nennt. Noch weiter geht 
Herr Semper, der es als Resultat seiner grundlichen Studien, 
die er in Griechenland an den noch erhaltenen Gebäuden gemacht 
hat, ausspricht, dafs auch die Pracht-Bauten der Perikleischen 
Zeit vollständig bemalt gewesen seyen , und ein aus farbigen Li- 
thographien und Kupfertafeln bestehendes Werk verspricht, worin 
er seine gesammelten Studien, in ein System gebracht, auseinan- 
derzusetzen gedenkt. Gegen diese Ausdehnung der Polychromie 
nun ist das Werk von Herrn Kugler gerichtet, dessen Erscheinen 
als sehr zeitgemäfs erscheinen mufs. Er prüft zuerst die Zeug- 
nisse der alten Schriftsteller, betrachtet dann die Farbenreste an 
alten Monumenten der Baukunst, geographisch gesondert: nimmt 



*) De l'arcbitccturc polychrome ehez let Greca, on reatitution com- 
{ilete du tcmple d'Empcdoclcs , dang Tacropolia de Sri in ante. Ex- 
trait d un Memoire lu aux Acaduniies des Inacriptions et Bellea- 
Lettrea et den Beanx-Arta de Paris. — Annali deir Inetituto dl cor- 
riapond. archeol. 1830. T. II. p. Z68. 



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von Semper, Kuglcr, Hermann, Letronne, Raoul-Rochette, etc. 213 

> 

davon Veranlassung zu tieferen Untersuchungen über die Eigen- 
thümlichkeiten des Baustyles im Peloponnes und SicHien, — Un- 
tersuchungen , welche eine mehr als nur gelegcnhcitliche Behand- 
lung verdienen , dann aber durch Abbildungen der besprochenen 
Architektur-Theile beleuchtet werden sollten — er entwickelt 
dann an den im reinsten Styl ausgeführten Monumenten von At- 
tila die Bedeutung der architektonischen Formen, und auf die- 
sem Wege kommt er zu der Ansicht, dafs bei der Verschieden- 
heit der Formen das schon an sich beweglichere Gesetz der 
Farbe einem noch gröfseren Wechsel unterworfen gewesen seyn 
müsse, und dafs auch in dieser Beziehung in den Attischen Mo- 
numenten das reinste Maas vorausgesetzt werden dürfe. Nach 
diesen Prämissen entwickelt sich sein System der Polychromie, 
dessen Grundzüge in Kurzem folgende sind: Die Säule vollkom- 
men weifs; ob der Echinus mit Eiern zu verzieren, bleibt unbe- 
stimmt Der Architrav zeigt wiederum eine schlichte Masse, dient 
jedoch als Träger reicher, vergoldeter Weihschilde und Inschrif- 
ten. Das Band über dem Architrav, welches ihn mit dem Fries 
verbindet, durfte — in Bezug auf die dunklere Farbe der Me- 
topen — auch gefärbt und mit einem Mäander verziert seyn. 
Die Triglypben wiederum, als Haupttheile des gesammten Gerü- 
stes, weifs. Das Biemchen darunter mit zierlichem hängenden 
Palmetten-Ornament, welches das Biemchen als eine untere Be- 
grenzung oder Besäumung der Triglypben erscheinen läfst. Die 
Tropfen vielleicht vergoldet. Das Band, welches das Kopfgesiros 
der Triglyphen bildet, vielleicht mit einem ähnlichen, hier natur- 
lich stehenden, Palmetten-Ornament. Die schmalere Fortsetzung 
des Bandes über den Metopen wohl nicht weifs, sondern farbig, 
in einem gewissen Verhällnifs zur Farbe der letztern. Das hoher 
liegende Band, aus welchem die Dielen-Kopfe hervortreten, ge- 
färbt, etwa rotb, mit einem unter den Dielenkopfen durchlaufen- 
den Mäander. Die Dielenkopfe vielleicht, wie sich einige Anga- 
ben finden, und wie es dann als eine Vermittelung zu der färbe 
der Metopen motivirt wurde, blau, mit goldenen Tropfem Das 
Piättchen, welches die Dielenkopfe tragen, und welches unter 
der Hängeplatte liegt, vielleicht ganz roth. Die Bekronung der 
Hängeplatte mit zierlichen Blättchen. Ahnlich die Gesimse des 
Giebels, dessen Tympanum klein zu denken ist, um somit wie- 
derum einen angemessenen Grund für die Statuen des Giebels zu 
enthalten. Der Rinnleisten weifs, mit einer Palmetten-Verzierung 
in Gold. Die Acroterien , Stirn- und First-Ziegel als freier Schmuck 



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214 Schriften ober die Wandmalerei der Alten 

• 

farbig verziert, das Gold aber ebenfalls vorherrschend. Die 
Wände der Cella waren, wenn von Marmor, vermuthlich auch 
weifs. Die Friese für die etwaigen Reliefs blau. Die Aeten- 
Capitale bemalt, der Hals vielleicht mit einer Palmetren- Verzie- 
rung. Die anderweitigen Gesimse ebenfalls bemalt: ajs oberes 
Hauptglied gewöhnlich ein breites Band mit Palmetten. Die Deck« 
halben weifs mit Eierstäben. Der Grund der Cassetten dunkel- 
farbig mit vorleuchtenden Sternen. Dies in Kurze Herrn Kugters 
System der Polychromie, wobei man aber stets festhalten mufs, 
dafs er es nur auf die attischen Monumente deV schönsten Zeit 
angewendet wissen will, für den Peloponnes aber und noch mehr 
iur Sicilien eine reichlichere Anwendung der Farbe zugiebt Auf 
dieselbe Weise begründet Herr K. für die Sculptur sein System 
der Polychromie. Er prüft zuerst die Stellen der alten Schrift- 
steller, betrachtet dann die Monumente, an denen sich noch Far- 
benspuren finden, und hommt so zu dem Resultate, dafs sich die 
Bemalung eigentlich nur auf die Gewandung erstreckt habe, das 
Nachte aber durch weifsen Marmor oder durch Elfenbein darge- 
stellt worden sey : nur für das Auge wurde irgend ein dunkler, 
leuchtender Stein , irgend ein farbiges Material angewendet. Aach 
beim Haare , das dem Menschen als ein Schmuck gegeben ist und 
als solcher gepflegt und getragen wird, wurde Farbe, am häu- 
figsten Gold angewendet. Aller andere Schmuck, wie Agraffen , 
Kopfzierden, Gürtel , Armspangen , ferner die Attribute der Göt- 
ter, Waffen der Krieger, Geschirre der Pferde u. dgl. wurde 
entweder bemalt oder von Metall angesetzt , doch immer bleiben 
die nackten Theile des menschlichen Korpers in der einfachen 
Weise ausgeführt, welche dem vollkommensten Genüsse der rei- 
nen Form kein Hindernifs in den Weg legt. 

Unterwerfen wir nun dieses System, wie es sich nennt, einer 
nähern Prüfung, so erscheint als charakteristisch darin die Gel- 
tung, die der weifsen Farbe des Marmors gesichert wird, Gewifs 
ist es .mit dem bei der Architektur besonders gültigen Grundsatz 
der Zweckmäfsigkeit schwer zu vereinigen, dafs man das schone 
und kostbare Material des Marmors angewendet haben solle, um 
es wieder mit Farben zu verdecken. Am auffallendsten ist dies 
bei Gebäuden, wozu man den Marmor ans grofser Entfernung 
herführte : z. B. in Gortys in Arkadien war ein Tempel des Äs- 
kulap aus Pentelischem Marmor, Paus. VIII, 28, 1 (nicht 41, 5), 
in Delphi erbaute Herodes Atticus das Stadium ans demselben 
Steine, Paus. X, 3a, i. Zur Zeit der Pisistratiden . Herrschaft 



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von Semper, Kugler, Hermann, Lctronne, Raoul-Uodicttc, ete. 215 

erbauten die Alhmäoniden die Vorderseite des Delphischen Tem- 
pels aas Parischem Marmor, wahrend sie durch ihren Vertrag mit 
den Amphiktyonen nur verbindlich waren, Poros-Stein zu neh- 
men, Herod. V, 6a. In allen diesen Fällen sieht man nicht ein, 
warum man mit schweren Kosten das schone Material herbeige« 
schafft haben würde, wenn es nicht gerade durch seine natur- 
liche Beschaffenheit den Glanz des Gebäudes erhohen sollte. Auch 
verdient die Bemerkung von O. Muller (Gottinger gel. Anz. 1 834 
St. 140) Beachtung, dafs der bekannten Bauinschrift vom Krech- 
theum zufolge die Fläche der Wände erst, wenn sie aus den Stein- 
Quadern aufgesetzt waren , im Ganzen polirt wurde , dafs aber 
eine solche Politur annütz gewesen seyn würde, wenn man ihren 
Glanz wieder durch einen Farbenüberzug vernichtet hätte. Diese 
Wahrscheinlichkeitsgründe sucht Herr Kugler noch zu verstärken 
durch die Bemerkung , dafs Pausanias und Strabo öfters von Ge- 
bäuden aus weifsem Stein (X&ov Xtvxov) sprechen, dafs aber 
diese Erwähnung der Farbe gar keinen Sinn hätte, wenn man 
die Eigenschaft des Steines nirgends zu Gesicht bekam. Alle 
noch übrigen Zweifel aber glaubt er durch folgenden aus Hero- 
dot III, 57. geführten Beweis beseitet zu -haben. Die Siphriier 
befragten zur Zeit ihres gröfsten Wohlstandes das Delphische 
Orakel , ob ihr Wohlstand von langer Dauer seyn könne. Die 
Pythia antwortete ihnen : 

'AXV oxav iv Zicpvu n^vrav^'ia Xtvxä yn^rat, 
A$i>uo(ppvq t* ayopit, töts üßi (p^dSfiovoq avdf>6$ 9 

Town 3k XicppLotai %6t» iv ff dyopij *al tö n^vxavri'iov napup 
\&to ttoxr^iva. Diese Stelle ist nicht nur wegen der Angabe 
über die weifsen Gebäude der Siphnier, sondern, wie Herr H. 
richtig bemerkt, wegen des von Herodot angegebenen Grundes , 
warum sie weifs waren, von gröTster Wichtigkeit: dennoch aber 
können wir die Schlufsfolgeruog , die Hr. H. daraus als entschie- 
den zieht, nicht unterschreiben. Diese lautet: »Was in der 
Blüthezeit der griechischen Kunst von Parischem Mar- 
mor — und wir dürfen ohne Bedenken hinzufügen: von 
jedem edlen weifsen Marmor, namentlich dem Pente- 
lischen zu Athen — erbaut worden war, erschien im 
Äussern wesentlich als weifs.« Dafs diese Schlufsfolgerung 
zu allgemein gefafst sey, scheint uns aus folgender Stelle des Pau- 
sanias zu erhellen. Er spricht VII) 22, 4 von Tritäa in Achaja: 



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216 Schriften über die Wandmalerei der Alten 

Siaq xai tq xä dfXXa d$iov nal o%>x jfxtaxa inl t ai q'y p ac{) aiq 9 
at tiaiv inl tot xd<ßov, xi-^vr, Nixio», S^övos xe AtV 
<^avTOC 9 Kai fvvii via nal dSovs bv l^ovaa inl xo) Sqövco, Sf- 
panatva 3* awxjj npoasaxijxs axiddioy (fi^ovaa- *al.vtavia*o$ 
6föo<; ovx tpv 7tw 7s vetcc caxi ^ixcoya ^r3e<Ji>xo)$ xul ^XapvJoc 
inl tw ^ixovt ^otvix^v • Tiapa i?£ arxov oix^tt^ äxövxia ^py 
taxl, xai äyu xvva$ inixrjtlaq Sr^evovaiv ävSpanoic, tzv- 
St'aSat ph' xa öyopia avxöy oux ti'^opev xa^qvat de 
avJpa xai yvvatxa Iv xotvin napioxaxo änaaiv cixa£fty. Nach 
dieser Stelle sah also Pausanias von der Stadt Tritäa ein Grabmal 
(dafs pyi?f*a and rd<f>o<; gleichbedeutend seyen, setzen wir als 
anerkannt voraus) aus* weifsem Marmor, auf dessen äusserer Ober- 
fläche Gemälde ausgeführt waren: und dies geschah in der BIEU 
thezeit der griechischen Kunst, denn die Gemälde waren Ton 
Nicias , der nach Plin. XXXV, 1 1 , s. /p ». zu den berühmtesten 
Malern gehörte. Herr Raoul - Rochette (Journal des savans i833 
p. 369) erklärt zwar in der ganz ähnlichen Stelle Paus. VII, 25, 
7. die Worte inl x<jp uvjjuaxt von dem Innern des Grabmales, 
und ohne Zweifel versteht er in der von uns angeführten Stelle 
die Worte inl xov xd(pov^ebenso , da er beide Stellen neben 
einander stellt; allein Herr Hetronne, der dieselben Stellen in sei- 
nem sechszchnten Briefe für einen von dem unsrigen verschiede« 
nen Zweck bebandelt, hat vollkommen Recht, wenn er diese 
Erklärung nicht nur für sprachlich, sondern auch für sachlich 
unmöglich hält, denn so lange das Heidenthum bestand, konnte 
Pausanias in das Innere der Grabmäler nicht eindringen , und Ni- 
cias, einer der ersten Maler seines Jahrhunderts, würde sich wohl 
nie dazu hergegeben haben , das Innere eines Grabmales mit Ge- 
mälden zu schmücken , die Niemand zu Augen kamen. Die Stelle 
des Herodot verliert dadurch ihre Geltung nicht, aber eben so 
wenig , als wir aus der angezogenen Stelle des Pausanias auf die 
Bemalung aller Marmor-Gebäude schliefsen, eben so wenig darf 
Herr Kugler aus der Stelle des Herodot herleiten, dafs alle weifs ' 
gewesen seyen. Eine weitere Folgerung , die wir aus dieser 
Stelle machen können, ist die, dafs der Ausdruck des Strabo und 
Pausanias, dieses oder jenes Gebäude sey aus weifsem Stein ge- 
baut, durchaus keinen Beweis gegen die Bemalung derselben ab- 
giebt, dafs sie vielmehr unter Xiöo« Xtvxoq weifsen Marmor ver- 
stehen , ohne damit zu entscheiden , ob er seine natürliche Farbe 
behalten , oder eine fremde bekommen habe. Noch minder glück- 
lich ist Herr H. in den übrigen gegen die polychrome Arcbitek- 



« 



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von Seroper, Kugler, Hermann, Letronne, Raoul-Rochette etc. 117 

< 

tur angeführten Stellen. Plinius 36, C. 2 3. erzählt, dafs Panänus 
im Tempel der Minerya zu Elis den Stucküberzug der Winde 
in einer Auflösung von Milch und Safran aufgetragen habe, und 
dafs noch zu seiner Zeit der Geruch und Geschmack des Safrans 
empfindbar gewesen sey, wenn man die Wand mit Speichel rieb. 
Um nun aus dieser Stelle die Notiz von einer gelblichen Farbe 
der Wände zu entfernen , sagt Herr Kugler : » Die ganze Stelle 
ist eine von den wenig bedeutenden Kunstler- Anekdoten , in de- 
ren Aufsammlung sich Plinius wohlgefallt: die Hauptsache ist ihm 
der Safrangeruch , der noch zu seiner Zeit entstanden war, wenn 
man jene Wand mit Speichel rieb. « Wir möchten im Gegen, 
theil behaupten, dafs diese Stelle eine sehr bedeutende ist; denn 
das ist doch sonnenklar, dafs Panänus diesen Anwurf der Wände 
in der Absicht machte, um darauf zu malen, und insofern ist 
diese Stelle ein sicherer Beweis, dafs die griechischen Meister in 
der schönsten Periode der Kunst auf die Wand gemalt haben. 
Diese Sitte wird uns bestätigt durch die Angabe des Pausanias 
V, n, 2, dafs derselbe Panänus die um die Jupiter- Statue in 
Olympia herumlaufende Brustwehr auf drei Seiten mit Gemälden 
geschmückt , die vierte Seite der T^ür gegenüber blos einfach 
blau angestrichen habe. Auch diese Stelle fuhrt Herr K. an , und 
nimmt mit Völhcl (Archäol. Nachl. p. 5i) richtig an, dafs unter 
dieser Thüre die unmittelbar hinter der Statue befindliche Thure 
des Opisthodomus zu verstehen sey, so dafs b\so an dem hintern 
Theile der Brustwehr, wohin wenig Beschauer kamen und wohin 
nur ein geringes Licht fallen konnte, die Gemälde überflüssig 
waren. »Aber, sagt er nun weiter, wenn dieser Theil blau au- 
sgestrichen wurde, so liegt es nahe, in seiner Farbe eine Über- 
»einstimmung mit den umliegenden Wänden der Cella zu suchen; 
»waren diese weif 's , so hätte man, wie es scheint, die Wand 
» der Brustwehr am täglichsten ebenfalls weifs gelassen.« Wir 
müssen bekennen , dafs wir nicht einsehen , wie diese beiden Stel- 
len in Herrn Kuglers Buch kommen konnten, denn der Verlauf 
seiner Untersuchung zeigt uns, dafs er nur die Aussenseite der 
Gebäude behandeln wollte; dafs somit diese Stellen dem Zweck 
seines Buches ganz fremd sind ; wollte er aber auch auf das In. 
nere der Tempel Bucksicht nehmen , so konnte er unmöglich von 
» ganz einzeln stehenden und wenig bedeutenden Äusserungen der 
Alten über polychrome Architektur« reden, sondern mufste in 
seinem Plinius und Pausanias, die er fast auf jeder Seite citirt, 
Stellen dem Dutzend nach finden , die ihn von dem Gedanken an 

• 

i 

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218 Schriften über die Wandmalerei der Allen 

weifte Wände ablenken konnten. Da wir uns hierüber weiter 
unten ausfuhrlich aussprechen werden, so verweilen wir jetzt nicht 
langer dabei, und schreiten zur Prüfung des Koglerschen Systems 
der Polychromie. Vorerst können wir hier die Bemerkung nicht 
unterdrücken, dafs uns bei den bis jetzt vorliegenden, von Hrn. 
IL zwar mit grofser Sorgfa't aufgezählten, aber doch immer höchst 
fragmentarischen Daten die Ankündigung eines Systems der Po- 
lychromie anno Domini i835 etwas frühe vorkommt: doch man 
mufs sich h. z. T. daran gewöhnen, dafs die jüngere Generation 
mit folgerechten Systemen parat ist, wo andere Leute, wie in 
unserem Falle ein Gottfr. Hermann und Bröndsted, bescheidene 
Muthmafsungen äussern. Doch wollen wir an einem Beispiele 
zeigen, wie es bei diesem Verfahren hergeht Vitruv IV, «. 
§. 2. sagt, dafs man bei dem alten Holzbau vor die Balkenköpfe 
Bretter genagelt, und, um diese Verdeckung dem Auge wohl- 
gefällig zu machen , mit blauem Wachse bemalt habe : daraus 
Seyen dann die Triglyphen entstanden. Man sollte glauben, dafs 
bei einem Gegenstande, wo wir von der Angabe der alten Schrift- 
steller so ganz entblöst sind, ein solches Zeugnifs vom Meister 
Vitruv um so willkommene^ wäre, da Bröndsted (Reisen in Grie- 
chenland B. 3. p. 147) versichert, dafs diese Angabe Vitruv • 
durch seine und seiner Reisegefährten Untersuchungen in den 
Dorischen Tempeln von Griechenland und Sicilien durchgängig 
auf eine merkwürdige Weise bestätigt werde, indem die Trigly- 
phen der altdorischen Tempel überall, wo ihre Farbe noch er- 
kannt wurde, bimmelblau gewesen; ihre Zwischenflächen aber 
eben so allgemein einen hochrothen oder doch fast immer einen 
röthlichen Anstrich gehabt zu haben scheinen. Diese beiden Zeug- 
nisse waren Herrn K. nicht unbekannt, allein gefärbte Tryglypben 
passen einmal in sein System der Polychromie nicht: als Haupt- 
theile des gesammten Gerüstes müssen sie weifs seyn, wie die 
Säulen und der Architrav, und daher ist er der Meinung, dafs 
man bei Vitruv, da er über einen Gebrauch der Vorzeit berichte, 
mehr an alterthümliche Monumente, als an die eines entwickel- 
ten Styl es denken müsse,- zugleich an solche, welche ihm, wie 
die et russischen oder sicilischen, näher lagen, als die hellenischen: 
als ob Vitruv nach Weise der heutigen italienischen Künstler nur 
die Bauten seines Vaterlandes gekannt oder wenigstens präsent 
gehabt hätte, während sich ja in seinem Werke deutlich aus- 
spricht, dafs er mit den Gebäuden Griechenlands und Hleinasiena 
ebenso bekannt war , wie mit denen Italiens und Siciliens ; Herrn 



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von Semper, Kupier, Hermann, Lctronne, Raoul -Röchelte etc. 119 

^ * 

Bröndsted's Zeugnifc aber wird p f 46 damit zurückgewiesen , dafs 
er nar sicilische Monumente im Sinne zu haben icheine, wäh- 
rend er doch ausdrucklich von Griechenland und Sicilien spricht. 
Aus diesem Verfahren sehen wir zwar, wie fest Herr K. von der 
Folgerichtigheit seines Syst cm es uberzeugt ist} wir aber sind da- 
durch in unserer Überzeugung nicht wankend geworden , dafs 
man bei Sachen, die man nicht a priori sondern nur a posteriori 
wissen kann , glaubwürdigen Zeugnissen des Alterthums und neue- 
rer Reisenden den ersten Rang einräumen müsse. Für die Thä. 
tigheit der Phantasie bleibt immer noch ein weites Feld offen, 
sobald es sich darum handelt , aus einzelnen gegebenen Fragmen- 
ten ein harmonisches Ganzes zu componiren. Was diesen Punkt 
betrifft , so ist Herrn Huglers Restauration des Parthenon , nach 
seinen Ideen von Herrn Architekt Strack ausgeführt, sehr ge- 
schmackroll: wie weit sie im Einzelnen wahr ist, kann nicht un- 
tersucht werden. Der Hauptpunkt, der durch Herrn Kuglen 
Untersuchungen herausgestellt wurde, ist der, dafs der weifse 
Marmor seine Naturfarbe behalten müsse , weil wir bis jetzt noch 
nicht Data genug besitzen , um die Bemalung der Architektur 
auch auf die aus weifse m Marmor aufgeführten Gebäude der schon*, 
sten Periode griechischer Kunstubung auszudehnen. Dieses Re- 
sultat ist aber mehr negativ und so prekär , dafs wir nicht wis- 
sen , ob wir das, was wir am Ende des Jahres i836 für wahr 
halten, bis zum Ende des nächsten Jahres hinüberretten werden; 
denn sollte es Herrn Semper gelingen, seine p. a3 ausgesprochene 
Überzeugung , dafs die goldne Kruste der griechischen Monumente 
nicht Bodensatz der Zeiten, sondern Rest der antiken Male- 
rei sey, zu beweisen, so wird uns das Demonstriren und Weh- 
klagen der Systematiker ebensowenig hindern, eine durchgängige 
Bemalung der Architektur anzunehmen , als uns das bisher gang- 
bare System der Ästhetik gehindert hat , an eine theilweise Be- 
malung zu glauben. Die apriorische Wahrscheinlichkeit scheint 
uns viel mehr für das Gelingen als für das Mifslingen des Bewei- 
ses zu seyn; denn wenn dieser Punkt ins Reine gebracht ist, so 
sind alle Data zur Construction eines Systemes der Polychromie 
vorhanden. Wir haben oben gesehen, dafs auf die Aussenseite 
von Grabmälern sogar historische Gemälde durch berühmte Mei- 
ster ausgeführt wurden, ähnlich wie wir dies in den alten Städ- 
ten von Deutschland, Italien und der Schweiz in vielen Häusern 
erblicken , und dafs selbst der weifse Marmor die Bemalung sich 
gefallen lassen mufste. Als Beispiele für öffentliche Gebäude 



1 



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220 Schriften fiher die Wandmalerei der Alten 

erwähnt Pausanias I, a8, 8 zwei Gerichtshöfe in Athen, welche - 
der Grüne und der Rothe nach ihren Farben hiefsen, und bis auf 
seine Zeit diese Namen führten. Dafs diese Farben den an der 
Pforte der Gerichtshofe angebrachten Buchstaben entsprochen ha- 
ben und als ein blofses Abzeichen zur Unterscheidung für die 
der Schrift Unkundigen zu betrachten Seyen , wird uns Herr 
Raoul-Rochette und Herr Kugler ebenso wenig überzeugen, als 
wir je glauben werden , dafs das rothe und das grüne Haus in 
Stuttgart diesen Namen yon rothen oder grünen Täf eichen, auf 
denen die Feuer-Assekuranz oder die Strafsen-Nummer bezeichnet 
ist, erhalten haben. Die Fac,ade der Privathäuser wurde eben- 
falls bemalt, wie Herr Let rönne in seinem zweiundzwanzigsten 
Briefe aus vielen bis jetzt unbeachteten Stellen der Alten nach, 
weist. Tempel, die aus geringerem Material aufgeführt waren, 
wurden mit einem Anwurf überzogen, dessen Bemalung, wie 
Herr K. p. 7. richtig bemerkt, in ein gewisses Verhältnifs zu den 
mit weifsem Marmor errichteten Prachtbauten gesetzt worden 
seyn wird. Es kommt nun also Alles darauf an, welche Ent- 
deckungen an den letzteren in Zukunft gemacht werden. Woll- 
ten wir uns durch Systemsucht bestimmen lassen , so konnten wir 
der Erfahrung vorgreifen, und das, was wir an den verschiede- 
nen Arten von Gebäuden wahrgenommen, durch einen Inductions- 
Beweis auch auf die Gebäude aus weifsem Marmor in ihrer All- 
gemeinheit übertragen: aber wir halten es für unwissenschaftlich, 
ohne entscheidende Beweise die oben angeführten , von Herrn K. 
wesentlich verstärkten Wahrscheinlichkeitsgründe, welche für 
die weifse Farbe der Marmor-Bauten sprechen, zu verwerfen. 

Wenn wir denv Gesagten zufolge dem Kuglerschen System 
der Polychromie in Rücksicht der Architektur nur mit grofsen , 
Beschränkungen beitreten können, so müssen wir von demselben 
in seiner Anwendung auf die Sculptur ganz abweichen. Die äl- 
testen Holzbilder, welche roth angestrichen und ganz nach mensch- 
licher Weise bekleidet waren , lassen wir wie Herr K. ausserhalb 
des Bereiches unserer Untersuchung, und betrachten mit ihm die 
Akrolithen als die ersten Versuche einer entwickelteren Kunst- 
periode. Dies waren Statuen aus Holz, deren Extremitäten, Kopf, 
Hände und Füfse, von Marmor angesetzt waren: dieser Marmor 
war nach ausdrücklicher Bemerkung des Pausanias bei einigen 
parischer oder pentelischer.. Wenn nun aber Herr K. p. 5a dar- 
aus schliefst, dafs jedenfalls dieser Marmor im Wesentlichen in 
seiner natürlichen Farbe erschienen sey, weil es widersinnig wäre, 



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von Semper, Kugler, Hermann, Letronne, Raoul - Röchelte etc. 221 

wenn man an einzelnen Theilen ein anderes und zwar kostbareres 
Material angefügt, und dessen Eigentümlichkeit wieder durch 
einen Farbenüberzug verdeckt hätte, so ist dies eine petitio prin- 
eipü, d. h. Herr K. setzt als bewiesen voraus, was erst bewiesen 
werden sollte: wir haben aber bereits oben einen positiven Be- 
weis aus Pausanias angeführt , dafs der X3o( Xtvxbt die Bema- 
lung nicht ausgeschlossen habe. Betrachten wir die Sache psy- 
chologisch , so finden wir es im Gegentheil sehr unwahrschein- 
lich, wie das an die menschlich aussehenden Schnitzbilder ($6ava) 
gewohnte Äuge des gläubigen Volkes sich mit solchen gespenster- 
artig aussehenden Akrolithen befreundet haben sollte: erhielten 
aber die Marmortheile einen dem vergoldeten oder bemalten Tronc 
entsprechenden Anstrich, so finden wir darin einen wesentlichen 
und doch gegen die Ansprüche der gläubigen Menge nicht ver- 
stoßenden Fortschritt der Kunst , denn der Marmor gestattete 
nicht nur grofsere Präcision in Bildung der Gesichtsformen, son- 
dern auch, wenn die Färbung nicht zu dick aufgetragen wurde, 
grofsere Natürlichkeit des Colorits. In noch höherem Grade war 
dies bei dem Elfenbein der Fall, das vermöge seines weichen 
Charakters durch eine leichte Bemalung des schönsten Fleisch- 
tones fabig war. Dafs aber dieses Material in dem Pcrikleischen 
Zeitalter, wo die vom ganzen Alterthum angestaunten Wunder- 
werke der Kunst aus Elfenbein und Gold ausgeführt wurden, 
wirklich bemalt worden sey, dafür spricht uns der Umstand, dafs 
Plutarch (Perikl. c. 1a) unter den von Perikles beschäftigten 
Künstlern ausdrücklich die Elfenbeinmaler erwähnt; wenn es aber 
eigene Künstler gab, die sich damit beschäftigten, so können wir 
uns nichts denken , was sie malen konnten , als eben diese Statuen, 
denn von sonstiger Anwendung des Elfenbeins bei den Periklei- 
schen Unternehmungen haben wir keine Kunde. Herr K. sieht 
sich nun freilich p. 55 veranlagst , um diesem Schlufs zu entgehen, 
eine von Beiske und Facius (Excerpta p. 9) vorgeschlagene Emen- 
dation zu adoptiren. Diese wollen nemlich statt der gewöhnli- 
chen Lesart, .xqvcrov paXaxT>??f$y iXtyatxoc £*yp«tyoi p lesen: 
Xpvaov fioXaxT^pe$ xai iXifpawoq , ^ypacpoi Diese Verbesse- 
rung trägt die unverkennbaren Spuren eines Zeitalters, wo man 
von bemalter Sculptur keine Idee hatte, und darum mit den 
Worten l\i<f>ap%oq {oypcußot keinen Sinn zu verbinden wufste : 
h. z. T. aber sollte niemand mehr, am wenigsten ein Schriftstel- 
ler über Polychromie der Alten, diese längst zerfallene Hinter- 
thür aufsuchen, zumal da es stets eine mifsliche Sache ist, wenn 



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222 Schriften ober die Wandmalerei der Alten 

man eine kritisch unverdächtige Stelle einer aufgestellten Hypo- 
these zulieb abändert. Derogemäfs ist wohl der Scblufs von der 
Existenz eigener Elfenbeinrnaler aof Bemalung des Elfenbeins an 
den Statuen gerechtfertigt, und haben wir dies Datum gewonnen, 
so schliefen wir mit gröTserem Recht von der Bemalung der 
cbryselephantinen Bilder auf das ähnliche Verfahren bei den Akro- 
lithen, als Herr K. p. 54 von der Analogie der Aerolithen, de- 
ren weifse Extremitäten er nur postulirt, aber nicht beweist, auf 
die Nicht-Bemalung des Elfenbeins schliefst. Wenn er aber wei- 
ter argumentirt , dafs das Elfenbein an trocknen Orten durch 
Wasser, an nassen durch Öl frisch erhalten werden mufste, was, 
bei einem stärkern Farbenüberzug ohne Wirkung gewesen wäre 
und eine leichtere Färbung bald beeinträchtigt haben würde, so 
machen wir ihn darauf aufmerksam, dafs nach Pausanias V, 14, 
5. die Reinigung der Olympischen Jupiter-Statue den Nachkom- 
men des Phidias , unter dem Titel (pa 1 S ^vvxal 9 als erbliches 
Ehrenamt anvertraut war. Die Verwendung dieses Künstlerge- 
schlechts zu diesem scheinbar einfachen Dienste erhält ihren vol- 
len Sinn erst dadurch , wenn wir annehmen , dafs die Pbädrynten 
nicht blos das Öl einzureiben, sondern auch für die Erhaltung 
des zarten Colocits zu sorgen hatten ; und sofern diese Thätigkeit 
nur die Fortsetzung von dem Geschäft der Elfenbeinmaler war, 
wird uns diese Nachricht eine Bestätigung von der herkömmlichen 
Lesart in der Plutarchiscben Stelle. Wenden wir uns nun zu 
den Marmorbildern, so erblicken wir an den Selinuntischen , Agi- 
netischen, Attischen und Phigalischen Bildwerken unverkennbare 
Spuren der Bemalung, die sich bei den Ägineten, wie Herr H. 
p. 68 selbst erwähnt , nicht blos auf die Gewandung , sondern 
auch auf Augen und Lippen erstreckte: an den Augen der Mi- 
nerva war sogar noch der ümrifs des Augapfels und noch ein 
Hauch von Färbung zu erkennen. Damit verbindet sich , dafs 
einer der grofsten Meister auf dem Culminationspunkte der Kunst, 
Praxiteles, diejenigen von seinen Marmorarbeiten am höchsten 
schätzte., an welche der Maler Nicias Hand angelegt hatte: tan« 
tum circumütiont ejus tribuebat (Plin. XXXV, c. 11. s. 40.). 
Herr K. giebt p. 59 selbst zu, dafs die naturlichste und einfach- 
ste Erklärung dieser Stelle diejenige sey, welche die Hulfelei- 
stung des Nicias von einer vollständigen Bemalung verstehe: aber 
um diese einfache Erklärung zurückzuweisen, hält er sich an die 
Ton Sillig im Catalogus Artificum gemachte Bemerkung, dafs die 
Bluthe der beiden Kunstler um 5o Jahre auseinanderfalle, wefs- 



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von Semper, Kngler, Hermann, Letronne, Raoul-Rochette etc. 223 

wegen SilHg zwei Hünstier dieses Namens annimmt. * Wollen 
»wir jedoch,« sagt Herr K., »diese Annahme nicht gelten 1ns- 
»sen und das späteste Alter des Praxiteles mit der frühesten Ju- 
ngend des Nicias in Verbindung bringen, so müssen wir gleich* 
* wohl jedenfalls zogeben, dafs hieroit der Haaptumstand der obi- 
gen Untersuchungen verschwindet: der Nicias, von dem die 
»Circumlitio an den Statuen des Praxiteles herrührte, konnte ent- 
» weder dazumal noch kein berühmter Maler seyn , — oder er 
»war es überhaupt nicht; seine Arbeit schlug also, möglicher 
t> Weise, nicht in das Gebiet der hohem Kunst« Wir haben 
diese Argumentation wörtlich beigesetzt, weil wir gestehen müs- 
sen, dafs wir ein solches Dilemma nicht verstehen, nur so viel 
ist uns klar, dafs die Erzählung des Plinius dadurch ihrer Be- 
weiskraft beraubt werden soll; will man aber den Nicias durch 
ein Dilemma todtschlagen , so glauben wir unsererseits, ihn durch 
ein Dilemma retten zu können. Wir können in der angeführten 
Stelle entweder Einen Nicias oder zwei statuiren: gab es nur Ei- 
nen, so konnte dieser bei einer Altersverschiedenheit von fünf, 
«ig Jahren zu Lebzeiten des Praxiteles noch kein berühmter Name 
seyn, aber Praxiteles konnte schon in dem Junglinge den grofsen 
Künstler ahnen und seine Arbeiten denen anderer bekannteren 
Meister vorziehen: waren es aber zwei, so ist es allerdings mög- 
lich, dafs der ältere kein berühmter Maler war, wahrscheinlich 
aber ist es durchaus nicht, denn die hochachtungsvolle Äusserung 
eines Praxiteles scheint uns ein besserer Beweis für, als Herrn 
Kuglers Dilemma gegen seine Kunst. Wenn aber Herr Sillig 
zwei Nicias annahm, so war dies nicht der gewöhnliche Ausweg , 
den man bei schwierigen Zeitbestimmungen ergreift, sondern 
Plinius selbst gab ihm den Grund dazu an die Hand , indem er 
zu der in Bede stehenden Stelle beifügt: non satis dtscernitur, 
alium eodem nomine, an hunc eundem quidam faciant Olympiade 
centesima duodeeima. Wir dürfen wohl annehmen, dafs durch 
die frühzeitige Vermischung der Namen auch die Werke beider 
Künstler unter Einen Namen geworfen worden sind, und dafs 
demnach unter den von Plinius genannten Gemälden mehrere dem 
altern angehören, namentlich möchte die Gewandtheit, die Ge- 
mälde stark über die Fläche hervortreten zu lassen (ut eminerent 
e tabu Iis picturae, maxime curavit) als Folge seiner Bemalung 
der Sculptur zu betrachten seyn. Da demnach das Factum, dafs 
ein Maler Nicias Hand an die Bildsäulen des Praxiteles gelegt 
habe, auf keine Weise entkräftet werden kann, so handeln wir 



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224 Schriften über die Wandmalerei der Alten. 

den Gesetzen der Kritik angemessen, wenn wir dieses Handanle- 
gen von der dem Maler eigentümlichen Thätigkeit, von dem 
Bemalen ( und zwar in dem Fall , dafs es blos Einen Nicias ge- 
geben hätte, von dem enkaustischen Bemalen) verstehen, und 
wir verweilen uns bei den abweichenden Erklärungen um so we- 
niger, da Herr K. selbst dies als die einfachste Erklärung aner- 
kennt. An dieses Zeugnifs reiht sich die oben angeführte Stelle 
des Plato De Republ. IV. init. , wo er von dem a vd^id vtulc, yoo> 
<ßctv als einer gewöhnlichen Sache spricht. Dieses Bestreben, 
auch das Nackte der Bildsäulen zu bemalen, theilte sich selbst 
dem Erzgusse mit, daher erzielte Silanion, der Zeitgenosse des 
Lysippus, bei seiner sterbenden Jo haste die Todesblässe des Ge- 
sichts durch Mischung des Silbers unter die Bronze (Plut. de 
aud. poet. 3. Qu. Symp. V, 1), und Aristonidas brachte durch 
Eisenbeimischung Schamrothe im Gesiebt seines reuevollen Atba- 
mas hervor (PI in. XXXIV, 14). Wenn aber Herr K. dies zu 
der bereits entarteten Kunst zählt, so rauchten wir ihn ausser 
dem Zeitalter des Silanion auf die Bacchantin des Scopas , die 
aus Marmor war, aufmerksam machen. Hier war die Todten- 
blässe des zerrissenen Ziegenbockleins neben der vollen Lebens- 
farbe der taumelnden Bacchantin bis zur täuschenden Ähnlichkeit 
nachgeahmt; \ttav ovaav ttjv vXqy tiq bavdxov xai dnjpti 
viiv pipiiaiv sagt Callistratus Stat. 2. Somit haben wir aus der 
schönsten Periode der griechischen Kunst eine Reihe von Bewei- 
sen für die Bemalung der Statuen in den verschiedensten Zwei- 
gen der Kunstübung ; allein Hr. K. sagt uns p. 57 , in einer Stelle 
des Lucian sey mit Bestimmtheit ausgesprochen, dafs 
die bedeutendsten Statuen des Alterthums im Wesent- 
lichen farblos erscheinen. In dieser Stelle (de imagin. 5 — 
10) sagt Lykinos, er wolle sich eine vollendete Schönheit zusam- 
mensetzen, in welcher er die gelungensten Theile der vorzüg- 
lichsten Statuen vereinige. 

(DU Fort$et*ung folgt.) 



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X°. 15. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Schriften über die Malerei der Allen von Semper, Kugler, 
Hermann, Lei rönne , Haoul-Rochelle, Wiegmann und John. 

(Fortsetzung.) 

So nimmt er denn von der ltnidischen Venus des Praxiteles 
den Hopf und die Gröfse : von der Venus des Alkamenes in den 
Garten (zu Athen) die Brust und die vordem Theile des Gesichts, 
die Hand und die schönzugespitzen Finger; von der Lemnischen 
Pallas des Phidias die weichen Wangen und die symmetrische 
Nase; von der Amazone des Phidias den Mund und den Nacken; 
von der Sosandra des Calamis das sanfte Lächeln und die Sitt- 
samkeit; für das Colorit aber nimmt er das Haar von der Here 
des Euphranor, die Augbrauen und die Rothe der Wangen von 
der Cassandra des Polvgnot, den übrigen Körper von der Pakate 
(richtiger Pankaste) des Apelles, die Lippen von der Roxane des 
Aetion. Nun möchten wir gern hören, inwiefern in dieser Stelle 
ausgesprochen seyn soll , dafs die genannten Statuen farblos ge- 
wesen seyen. Es ist ganz der Natur der Sache genial s , das Ly- 
kinos die Formen für die ideale Schönheit , die er sich compo- 
nirt , von den Statuen entlehnt; nun ist es ober in der Kunst eben- 
sowenig als in der Natur der Fall , dafs mit der schönsten Form 
immer die schönste Farbe verbunden ist, wie die Venetianische 
Malerschule am evidentesten zeigt ; darum wählt er das Colorit 
für sein Idealbild von den anerkannt gelungensten Parthien der 
gefeiertsten Gemälde: nicht weil die Statuen nicht bemalt gewe- 
sen sind, sondern weil das Vollendetste in der Farbengebung in 
der Malerei, und nicht in der Sculptur, zu suchen ist. Somit 
ist also mit dieser Stelle nur so viel bewiesen, dafs ein Gemälde 
des Apelles ein schöneres Colorit gehabt habe, als eine Statue 
des Praxiteles, und da Niemanden einfallen wird, dies zu bestrei- 
ten, so gehört diese Stelle zu denen, welche zu der vorliegenden 
Frage gar nicht gehören. Dennoch nehmen wir unsern oben auf- 
gestellten Satz, dafs die Griechen auch das Nackte ihrer Statuen 
bemalt haben, wieder auf, und bestätigen ihn durch die an ein- 
zelnen Bildern erhaltenen Farbenspuren. An dem Capitoliniscben 
Apoll mit den Greifen scheint das Nackte ursprunglich mit einer 
XXX. Jahrg. 3. Heft. 15 



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226 



Schriften über die Wandmalerei der Alten 



rothen Farbe bedeckt gewesen zu seyn ; ebenso ist es mit dem 
Gesichte der Vestalin von Versailles (Quatreraere de Quincy Jup. 
Olymp, p. 54). Im Pariser Museum ist ein Pan mit Bocksfufsen , 
von griechischer Arbeit, in Haut-relief, an dem die Horner, 
die Bocksfüfse und die Nebris von Metall und ohne Zweifel ver- 
goldet waren, während die Lippen und das Innere des Mundes 
mit Zinnober roth gefärbt waren (R. Rochette Journ. d. Sav. i833 
p. 362). An der Pallas von Velletti waren nach Fcrnows Bericht 
im Neuen deutsch. Merc. 1798 p. 3oi , nach ihrer Entdeckung 
Augen und Mund mit einer schwachen violetten Tinte gefärbt, 
welche an den ersteren nicht allein den Augapfel, sondern auch 
die Augenlieder und die zwischen diesen uud den Brauen befind- 
liche Vertiefung über den Augen einnahm, und am Munde waren 
gleichfalls nicht die Lippen allein, sondern auch der ganze Um- 
fang der Oberlippe von den Mundwinkeln bis an die Nase und 
ein Theil der Unterlippe mit derselben Tinte gefärbt. Herr K. 
betrachtet diese Statue als eine Copie aus der Kaiserzeit nach 
irgend einem altern trefflichen Werke, und nimmt daher diese 
barbarische Bemalung als eine Zuthat des italischen Copisten an. 
Allein damit ist die Sache nicht abgethan, denn veilchenblauer 
Teint war auch in der Kaiserzeit nie Mode , darum strich auch 
der dümmste Copist gewifs nie ein Gesicht mit dieser Farbe an. 
So viel ist wohl gewifs , dafs Mund und Augen an dieser Statue 
bemalt waren; bei dem Umstürze der Statue aber scheint das 
Metall der Helmzierde vor das Gesicht zu liegen gekommen zu 
seyn , und durch seine Oxydation die ursprungliche Farbe alterirt 
und weiter auf die nächsten Theile ausgebreitet zu haben. Die 
Volscischen in Velletti gefundenen Reliefs aus Terra cotta zeig- 
ten bei ihrer Entdeckung eine vollständige Bemalung: das Nackte 
war fleischfarben , die Gewandung weifs und gelb, zuweilen auch 
roth, die Haare stthwarz, die Pferde weifs, auch braun und 
schwärzlich, die Wagen gelb, die Waffen und andern Geräthe 
meist weifs. Sollte die Menge der aufgezählten Monumente etwas 
zur Verstärkung unserer Argumentation beitragen , so konnten 
wir noch zahlreiche Reliefs aus Marmor oder Terra cotta anfüh- 
ren , könnten uns auch auf viele kleine vollständig bemalte Figu- 
ren aus Terra cotta berufen, aber wir glauben, dafs die ange- 
führten Monumente für unsern Zweck genügen, und daher wen- 
den wir uns zu der letzten Seite unserer Aufgabe, zu der Recht- 
fertigung unserer Ansicht von dem Gesichtspunkt der Ästhetik aus. 
Nach unserm Geschmack, für den wir natürlich keine andere als 



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von Semper, Kugler, Hermann, Letronne, Raoul-Rochette etc. 217 

subjective Geltang ansprechen , sind nur die zwei Extreme mög- 
lich , entweder ausschließende Herrschaft der reinen Forra % mit 
Verschmähung alles Farbenreizes , oder vollkommene Naturnach- 
ahmung. Die von Vielen gewählt« Miltelstrafse aber, vermöge 
der die Naturnachahmung in den Nebentheilen zugegeben, lur 
die Hauptformen aber der Conventionelle Typus der weifsen Farbe 
erhalten wird, scheint uns das Ergebnifs der Unentschiedenheit 
zwischen zwei entgegengesetzten Ansichten, deren jede mit ge- 
bieterischer Gewalt sich geltend macht: die eine durch altes Her- 
kommen, die andere durch zahlreiche Entdeckungen und Zeug- 
nisse der Schriftsteller. Es ist bei der Sculptur ein anderer Fall, 
als bei der Architektur : bei dieser ist es im Verhältnifs zur Na- 
tur gleichgültig , ob die Säulen und das Gebälke weifs oder roth 
oder gelb sind, und darin hat eine nur theilweise Bemalung für % 
das Auge und für den Geschmack nichts Störendes: bei der Statue 
aber bildet die Natürlichkeit in Augen, Haaren, Lippen, beson- 
ders in der Gewandung und Bewaffnung einen unangenehmen 
Contrast mit der gespensterhaften Unnaturlichkeit des weifsen Kor- 
pers : das Abstractionsvermogen des Beschauers wird durch die 
Verbindung von Natürlichkeit und Unnaturlichkeit in Einem und 
demselben Bilde so stark in Anspruch genommen, dafs er sich 
nicht mehr in dem zum GenuPs des Kunstwerkes erforderlichen 
Gleichmaas der Seelenvermogen befindet. Denken wir uns aber 
die weifse Fläche des Marmors von einer sanften Rothe ange- 
haucht , so haben wir auf der einen Seite treue Naturnachahmung, 
auf der andern aber durch die über die Naturerscheinung sich 
erhebende Schönheit des Bildes den für das Kunstwerk erforder- 
lichen Charakter des Ideales. Nehmen wir einen leichten fleisch, 
farbenen Ton, etwa wie bei den Volscischen Reliefs, für das 
Nackte an, so wird es uns auch erklärlich, warum die Spuren 
dieser Färbung sich in so seltenen Beispielen erhalten haben: 
ferner sehen wir dann ein, wie Pausanias an vielen Marmorsta- 
tuen das Material trotz der Bemalung als Parischen , Pentelischen 
und weifsen Stein bezeichnen, wie er VIII, 24, 6. sagen konnte, 
die FlufsgStter werden insgemein aus weifsem Stein gearbeitet, 
die Statuen des Nils aber aus schwarzem : denn einer leicht ge- 
rötheten durchsichtigen Hautfarbe war nur der weifse Marmor 
fähig , den man auch unter der Beraalung leicht erkennen konnte. 
Jedoch wir enthalten uns weiterer Muthmafsungen über die Art 
und Weise dieser Bemalung , denn wir dürfen , wie Herr K. rich- 
tig bemertU, dem griechischen Genius vertrauen, dafs er die 



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228 Schriften ühcr die Wandmalerei der Alten 

herrlichen Schöpfungen seines Meiseis nicht durch ein unpassen- 
des Colorit entstellt haben werde. Das Gewisseste , was wir über 
diese Bemalung aussagen können, ist das, dafs sie schon gewesen 
sey. Um übrigens de/i modernen Ästhetikern , denen zu grofse 
Naturwahrheit Schauder erregt, einen Beweis zu geben, wie leicht 
man sich mit der Verbindung von Plastik und Malerei befreunden 
könne, berufen wir uns auf das L itheil eines durch Geschmack 
und Talent gleich berühmten Künstlers. Herr Professor Wach 
aus Berlin sah in Prag und im Egerlande mehrere bemalte Holz- 
staluen, welche einen Eindruck auf ihn machten, den er durch 
die Verbindung dieser Künste gar nicht geahnet hätte, und er 
spricht die Vcrmuthung aus , dafs vielleicht diese Kunst zu nie ' 
geahnten Resultaten führen konnte (Kunstbl. i833, nr. 2). Wenn 
nun diese von unbekannten Holzschnitzern herrührenden Statuen 
durch die Malerei so tiefen Ausdruck erhalten konnten, was dür- 
fen wir erst von solchen erwarten , bei denen die Kunst eines 
Praxiteles und Nicias in freundlichen Bund getreten,? Am Schlufs 
dieser Untersuchung mögen die Worte Herrn Semper's p. 24 
stehen: »Man protestirt gegen die Wachsfigurengallerien , man 
» spricht von Gefühlen des Grauens, die bei zu grofser Treue in 
» der Plastik erregt werden , man versichert , dafs Farben ange- 
» wendet auf Bildnerei die Formen verwirren und das Auge ver- 
» wohnen müssen. Im Gegentheil , sie entwirren die Formen, 
»denn sie gewähren dem Künstler neue Mittel des Hervorhebens 
»und des Zurücktreibens. Sie bringen das Auge wieder zurück 
»auf den natürlichen Weg des Sehens, den es verloren hat durch 
»die Macht des Abslractionswcsens , das so haarscharf in der 
» Kunst die sichtbaren unzertrennlichen Eigenschaften der Körper, 
»die Farbe von der Form zu trennen weifs , durch jene unse- 
»ligen Principien der Ästhetik, welche das Gebiet der einzel- 
» nen Künste genau umschreiben und keine Streifereien in das 
» benachbarte Feld erlauben. Die Wachsfiguren erregen Grauen. 
»Ganz natürlich, denn nicht von Künstlern, sondern von Markt- 
»schreiern, und was oft dasselbe bedeutet, von Ärzten, wurden 
»hier die wirksamsten Hebel der Kunst gehandhabt. Und gesetzt 
»auch, man könne zu natürlich werden, bleibt nicht selbst bei 
»gemalter Plastik noch immer der Convention die Herrschaft? 
»Convention und Geschmack, das sind die beiden heilsamen Ge- 
ygengewichte schrankenloser Freiheit in der Kunst!« 

Eine andere Streitfrage , welche die Pariser Archäologen seit 
einigen Jahren beschäftigt , betrifft die Bemalung des Inneren der 



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« 

Ton Semper, fingier, Hermann, Lctronne, Raont-Rochette, etc. 229 

Gebäude. Herr Hittorff stellte in dem schon erwähnten Memoire 
über polychrome Architektur in dieser Beziehung die Behauptung 
auf, dafs die Wände der Tempel, Hallen, Propyläen, Pallaste 
und Grabmä'ler in Griechenland zu allen Epochen der Kunst mit 
historischen Gemälden bemalt gewesen scyen , gema'fs einer von 
Ägypten angenommenen Sitte ; derselbe Gebrauch sey für Italien 
durch die ältesten Wandgemälde in Atdea, Lavinium und Caere 
bezeugt, endlich seyen die Mosaiken der ersten Basiliken und die 
Fresken aus der Zeit der Renaissance nichts weiter, als eine 
Fortsetzung dieser Sitte. Gegen diese Theorie erklärte sich Herr 
Raoul Rochette in einer Abhandlung » De la peinture sur mur 
chez les anciens«, die er in das Journal des Savans i833, p. 36i 
— 371, 429 — 440, 486 — 491 einruckte. Er sucht darin die von 
BSttiger in der Archäologie der Malerei aufgestellte Behauptung, 
dafs die Arbeiten der grofsten Meister Griechenlands nicht auf 
der Wand, sondern auf Holz ausgeführt gewesen seyen, zu ?er- 
theidigen und in solcher Ausdehnung geltend zu machen, dafs er 
geradezu ausspricht p. 368: »nous navons ä ma connaissance au- 
cune preuve positive de texistance de peintures historiques executees 
sur mur et appartenant ä la haute antiquite Grecque. Diese Ab- 
handlung gab Herrn G. Hermann Veranlassung zu dem Leipziger 
Oster- Programm von i834 1 worin er mit dem ihm eigenthüm- 
lichen Scharfsinn und vollkommener Unparteilichkeit manche die 
Polychromie der Sculptur und Architektur betreffenden Stellen 
der Alten behandelt und verbessert, im Ganzen aber Herrn R. 
Rochette s Behauptung in ejnigen Punkten beschränkt: doch wid- 
mete er der ganzen Sache nur wenige Seiten: Herr Letronne 
hingegen unternahm es in einer Reihe von sechsundzwanzig an 
Herrn Hittorff gerichteten Briefen, dessen Meinung gegen die ihr 
entgegengestellten Behauptungen zu vertheidigen , und durch den 
gelehrten Apparat, der dem Kunstler abgieng, sicher zu stellen, 
und dies gelang ihm vermöge seiner siegreichen Dialektik zum 
grofsen Theil auf eine so schlagende Weise, dafs man ordentlich 
überrascht war, als Herr Raoul Rochette ein Jahr später mit 
einem grofsen Werke auftrat, worin er seine früher aufgestellte 
Ansicht mit einem wahrhaft glänzenden Apparat von Gelehrsam- 
keit zu halten und in ihrem weitesten Umfange zu begründen 
sucht. 

Da dieser Punkt für die Geschichte der alten Malerei von 
grofser Wichtigkeit ist, so wollen wir es versuchen, unsern Le- 
sern den Stand der Streitfrage vor Augen zu legen, und zu die- 



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S30 Schriften über die Wandmalerei der Alten 

scm Zwecke diejenigen Stellen, von deren Erklärung die Ent- 
scheidung hauptsächlich abhängt, zu prüfen. 

Wir haben von Panänus, dem Bruder oder Bruders Sohn 
des Phidias, zwei unumstößliche Beweise, dafs er auf die Wand 
gemalt habe. Plinius XXXVI , s3 , 55. sagt von ihm : in EHde 
aedes est Minervae, in qua frater Phidiae Panaenus tectorium in- 
duxit lacte et croco subactum, ut ferunt. Es ist zwar hier nicht 
ausdrücklich gesagt , dafs er diese Wand bemalt habe , aber selbst 
Böttiger und R. Rochette müssen dies als Zweck des Überwurfes 
annehmen. Nach Pausanias V, 1 1 , 5. schmückte er die um die 
Statue des Olympischen Jupiters herumlaufende Schutzwehr, die 
in einer Mauer bestand (rponov toIx<op ntnoinpiva)) auf ' drei 
Seiten mit Gemälden. Diese beiden Facta kann Herr Rochette 
nicht leugnen, dennoch aber behauptet er (Journ. de Sav. p. 43 1) , 
man könne daraus nicht mit der mindesten Sicherheit abnehmen , 
dafs diese Art der Malerei bei den Griechen in der schonen Epoche 
der Kunst und durch Künstler ersten Ranges ausgeübt worden 
sey. Das Beispiel des Panänus beweise nur soviel, dafs er bei 
dem thätigen Antbeil, den er an den Arbeiten des Phidias in Elis 
sowie in Athen genommen, es nicht verschmäht habe, die Hand 
an Arbeiten zu legen, die unter der Würde seiner Kunst und 
seines Talents scheinen konnten, dafs er sich aber durch die 
Bande der Verwandtschaft und Freundschaft, die ihn mit Phidias 
verbanden , zu diesen subalternen Arbeiten habe bestimmen las« 
sen. Dafs sich in diesem Haisonnemen t ein Widerstreben , den 
natürlichen Sinn der Worte anzuerkennen, ausdrückt, können 
wir am besten darlhun, wenn wir eine andere ebenso klare Stelle 
vornehmen. Plinius XXXV, 4o. sagt von Pausias : pinxit et 
ipse penicillo parietes Tbespiis cum reficerentur, quondam a Po- 
lygnoto picti. Hier ist von zwei berühmten Malern deutlich aus- 
gesprochen, dafs sie auf die Wand gemalt haben: Bottiger (Ar. 
chäol. der Mal. p. 368) und ü. Rochette (Journ. de Sav. p. 43 i) 
können nicht umhin dies anzuerkennen , doch verrouthet Letzte- 
rer, der Name Polygnot's könne sich durch Unachtsamkeit in die 
Stelle des Plinius eingeschlichen haben. Dagegen bemerkt Herr 
Letronne ganz treffend,, dafs für die Sache damit nichts gewon- 
nen scy; denn wenn Pausias, Zeitgenosse des Apelles, der im 
vierten Jahrhundert v. Chr. blühte, diese Wandgemälde wieder, 
herstellen mufste, so darf man doch immer annehmen, dafs sie 
ein Jahrhundert vorher gemacht seyn mufsten, was mit dem Zeit- 
alter des Polygnot übereinstimmt: und somit ist jedenfalls soviel 



4» 

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?on Seroper, Kogler, Hermann, Lctronne, Raoul-Rochette, etc. 231 

erwiesen, dafs um diese Zeit von irgend einem ausgezeichneten 
Künstler in Tbespiä Wandgemälde ausgeführt worden sind. Dies 
scheint Herrn Röchelte bestimmt zu haben, in seinem neusten 
Werke p. 182 seine eben erwähnte Vermuthung zurückzuneh- 
men, und in diesem Falle ein von Polygnot ausgeführtes Wand- 
gemälde anzuerkennen, aber mit der ausdrucklichen Restriction: 
ce n'est la du reste qu'une exception au Systeme general de la 
peinture grecque, exception unique sans doute dans la vie de 
Polygnote. c Was es mit der einzigen Ausnahme im Leben 
Polygnot's auf sich hat , werden wir später sehen : aber schon 
jetst, wo wir noch an der Schwelle unserer Untersuchung ste- 
hen, müssen wir uns wundern, wie dieser Fall als eine Ausnahme 
von dem allgemeinen System der griechischen Malerei aufgestellt 
werden kann, nachdem wir bereits zwei berühmte Künstlernamen, 
den des Panä'nus und den des Pausias, den einen im Zeitalter 
des Phidias , den andern im Zeitalter des Apelles mit Wandmale- 
rei beschäftigt gefunden haben. Wenn wir trotz dieser Zeug- 
nisse noch immer von einer Tradition des ganzen Alterthums, 
dafs die grofsen Künstler blos auf Holz gemalt haben, sprechen, 
und die Wandmaler verächtlich als Decorateurs der Mauern be- 
zeichnet sehen, so können wir nicht läugnen, dafs wir in die 
Unbefangenheit von Herrn Kochet te Mifstrauen setzen, und füh- 
len uns ebendeswegen zu desto strengerer Prüfung mancher sehr 
specioser Demonstrationen aufgefordert. Kehren wir denn zu 
Polygnot zurück, dessen Kunstübung sich an mehrere der berühm- 
testen Gebäude Griechenlands anschließt, aber am meisten im 
Streite liegt. Der Haupthebel, womit Kottiger und R. Kochelte 
ihr System unterstützen, ist ein Zeugnifs des Synesius über die 
Gemälde^des Polygnot in der Z-rod Hom&q zu Athen. Nachdem 
dieser Biscboff von Cyrene im Jahre 402 n. Chr. Athen besucht 
hatte , so schreibt er unter andern Bemerkungen über seine Reise 
Epist. 54. *al %iiv iv 5 Z^vav i<pi\oo6q>u HotxtAqv, vvv ovxix* 
Ovoav TloixLX^V. O yuy äv^v .tu r xd$ 0 Ol» n) a t, u^tiAtio ' 

innra Ixa'kvoev avxovq im xij ao(pia uei£ov (pgoviiv. Die- 
selbe Angabe wiederholt er noch bestimmter Epist i35: 6 yä$ 
dv^vnaioq xdg aavütaq dftiXexo , iv <*U ^xatfäiTO t^v 
xiyv^v 6 ex Qdoov Jlo'kvyvaxoq. • Diese Stellen sprechen unbe- 
zweifelt von Gemäldeo auf Holz , und wir sind dadurch nicht im 
mindesten befremdet, da beide Zweige der Kunstübung nicht nur 
in Einem Zeitalter, sondern auch bei Einem und demselben Mei- 
ster vereinigt seyn konnten. Darum können wir auch die Art, 



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232 Schriften über die Wandmalerei der Alten _ 

wie Herr Letronne dieses Zeugnifs zu entkräften sucht, nicht 
billigen. Er vermuthet nemlich, die Wandgemälde des Polygnot 
und Micon seyen zu der Zeit des Synesius grofsentheils verschwun- 
den gewesen , und nach und nach durch Gemälde auf Hole , 
welche man an den Wänden aufbieng, ersetzt worden; diese letz- 
teren nun habe der Proconsul weggenommen. Als man aber dem 
Synesius von den weggenommenen Gemälden erzählt habe, so 
habe er dies, voll seiner classischen Erinnerungen, auf die Ge- 
mälde des Polygnot bezogen; oder Synesius konnte bei dem An- 
blick der Mauern , deren Gemälde durch die Länge der Zeit ver- 
bleicht waren, auf die Vermutbung gekommen seyn, sie seyen 
ehemals mit Gemälden behängt gewesen, weil man zu seiner Zeit 
die Hallen mit Tafelgemälden schmückte. Uns fiel bei Lesung 
dieser sophistischen Argumentation mit einiger nähern Beziehung 
auf den Gegenstand unserer Untersuchung der bekannte Vers ein:- 

Iliacos intra moros peccatur et extra. 

Es würde übrigens ungerecht seyn, wenn wir die Gründe, welche 
Herrn Letronne zu seiner Erklärung bewogen, verschweigen woll- 
ten. Alle andere Zeugnisse des Altert Ii ums nemlich lauten so, 
dafs man sie am natürlichsten auf Wandgemälde deuten mufs. 
Plinius XXXV, 35. sagt: hic (sc. Polygnotus) e't Athenis porti- 
cum, quae Poecile vocatur, gratuito (pinxit), cum partem ejus 
Micon mercede pingeret. Lycurg (bei Harpocrat. v. IloXvfvaxos) 
u. Plutarch. Cim. c. 4* sagen ebenso: lloXvyi wt«, — ty^aCe %r,v 
ovoäv TCoolxa. Suidas (v. Heien« i ax-reiix; ) sagt: vattpov 3e 
^oypoKßq&cloa IloixiXq ixXr^rj. Lucian bis accus. §. 18. nennt 
sie xa%dypa(f)o<;. Allein da die Ausdrücke de» Synesius so be- 
stimmt von Tafeln sprechen, so halten wir uns britisch nicht für 
befugt, ein ausdrückliches Zeugnifs mehrern minder bestimmten 
aufzuopfern. Für Aufhängung von Tafelgemälden spricht auch 
der Umstand , dafs diese Halle jedenfalls nicht gleich bei ihrer 
Erbauung mit Gemälden geschmückt wurde , denn sie hiefs ur- 
sprünglich lletaiavdxTeioq , und erhielt erst später nach ihrer 
Ausschmückung mit Gemälden den Namen lloixikrj. Auch die 
Beschreibung des Pausanias I, i5, obwohl an und für sich zu- 
nächst auf Wandgemälde hinweisend, läfst sich mit Tafelgemäl* 
den wohl vereinigen; denn im Vergleich mit den zahlreichen ein- 
zelnen Scenen, aus denen jedes der Gemälde in der Lesche zu 
Delphi bestand, erscheint die Composition sehr einfach. Auf der 
ersten Wand standen die Athenienser in Schlachtordnung gegen 



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V • . * 

von Semper, Kugler, Hermann, Letronne, Raoal-Rochettc, etc. 23ö\ 



die Lacedamonier bei Oenoe. Auf der mittlem Wand , im Fond, 
waren zwei Gegenstande , die Schlacht der Atbenienser mit den 
Amazonen, und darüber die Eroberung von Troja ; dann in zwei 
Scenen : die Griechen , welche so eben Troja erobert haben , und 
die Versammlung der Honige wegen des Frevels, den A)as an 
der Cassandra begangen. Auf der dritten Wand war die Schlacht 
von Marathon in drei Scenen: 1) die Schlacht; 2) die Flucht der 
Barbaren, welche einander in den Sumpf treiben; 3) die phoni- 
ci sehen Schiffe, bei denen die Barbaren Zuflucht suchen. Bei 
dem reliefartigen Charakter, in welchem wir uns diese Gemälde 
zu denken haben, liefsen sich diese drei Scenen wohl auf Einer 
Tafel vereinigen : sollte aber auch jede Scene auf einer besondern 
Tafel dargestellt gewesen seyn , worüber wir nicht disputiren wol- 
len, so ist auch in diesem Fall eine symmetrische Anordnung 
wohl denkbar. Somit haben wir also an der Poecile ein Beispiel, 
dafs Polygnot auf Holz gemalt habe : ein anderes von seiner 
Wandmalerei haben wir früher kennen gelernt, und so können 
wir denn mit vollkommener Unbefangenheit an die Untersuchung 
seiner übrigen Arbeiten gehen. Die Cella im Tempel des The- 
seus war von Micon und Polygnot gemalt. Pausanias I, 17. nennt 
zwar den Namen Polygnot's nicht, aber die Correction iv S^aioq 
ifpej) für iv ©ijaarpw , welche Beinesius und Valckenaer bei Har- 
poeration s. v. üoXryvwTos machten , darf als entschieden ange- 
nommen werden. Ob die Gemälde auf Holz oder auf der Mauer 
ausgeführt gewesen, kann aus den Ausdrucken des Pausanias nicht 
mit Bestimmtheit entschieden werden , doch scheint der Ausdruck 
xov dk TptTot» xmv rot^ov ij ypCHp^ u^ nv^OfxtvoK, et "ktyovaiv 
ov aatfpfc iaxiv mehr auf Mauergemälde hinzuweisen. Doch um 
uns ein bestimmtes Urtheil zu bilden y müssen wir uns an das 
Monument selbst halten, das einer der wenigen Tempel ist, an 
denen die Cella erhalten ist. An den Wänden der Cella sieht 
man noch hie und da mehr oder minder beträchtliche Übcrbleib- . 
sei von Stuk, und auf den nackten Seiten der W T ände bemerkt 
man regelmäfsige Meiseiscbläge , wodurch die Wand rauh ge- 
hauen und zum Festhalten des Stuks taugVich gemacht wurde. 
Die Vermuthung , dafs dieser Stuk zum Behuf der von Pausa- 
nias erwähnten Gemälde aufgetragen worden sey, liegt sehr nahe, 
und wenn O. Müller aus diesem Grund diese Gemälde wirklich 
für Wandmalereien gehalten hat ( Handb. der Kunst-Archäöl. p. 
3io. 5.), so können wir darin mit Herrn Hermann p. i3 und 

» 



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Schriften ober die Wandmalerei der Alten 



Herrn Roche tte p. 1 48 *) so wenig als Herr Letronne eine Leicht- 
fertigkeit (levitas) erkennen: wenigstens würde Herrn Rochelte 
derselbe Vorwarf treffen , wenn er bei dem von Panänus im 
Tempel zu Elis gemachten Anwurf schliefst: »il est manifeste, 
que cet endnit n avait ete* prepare , que pour peindre « (Journ. d. 
Sav. p. 43o). Neuere Notizen hierüber haben unsere beiden Kam- 
pfer durch Fried. Thiersch erhalten, der bei seinem Aufenthalt 
in Griechenland an Ort und Stelle Forschungen angestellt hat, 
and es ist amüsant , zu sehen , wie dieselben Mittheilungen von 
jedem von beiden als Bestätigung seiner Ansicht benützt worden 
•ind. Herr Thiersch bemerkt nemlich einstimmend mit Semper, 
dafs die innere Mauer der Cella einen zehn bis zwölf Kufs hohen 
Sockel aus weifsem Marmor enthalte, darauf folgt eine 1 % Zoll 
zurücktretende Vertiefung, mit Stuk beworfen, auf dem er die 
Gemälde ausgeführt glaubt, und darauf folgt ein etwa drei Fuff 
hoher Fries aus Marmor. Auf der Stukmasse bemerkte Herr 
Thiersch farbenlose Linien , wie bei den Vasen , und diese hält 
er ftir die Umrisse der verschiedenen Gemälde. Von Lochern 
und Nägeln , die zur Befestigung von Holztafeln hätten dienen 
können, bemerkt man keine Spur. Oafs diese Notizen für Herrn 
Letronne's Ansicht sehr günstig sind, springt von selbst in die 
Augen : aber auch Herr Bocbette zieht daraus einen materiellen 
Beweis für sein System, und betrachtet als Zweck dieser Ver- 
tiefung den , um die Holztafeln darin anzubringen ,' die in ihrer 
Hohe und Dicke dieser Vertiefung so genau entsprechen mufs- 
ten , dafs sie keiner Befestigung durch Eisen bedurften. Die Be- 
merkung der Contouren , die ihm Thiersch wohl ebensogut als 
Herr Letronne mitgetbeilt hatte, übergeht er mit Stillschweigen. 
Später aber bekam er ein Zeugnifs von Herrn v. Klenze, das 
noch eben recht kam, um es in der Vorrede p. XII nachtragen 
zu können. Herr v. Klenze liefs auf Bitten von Herrn Bochette 
durch einen unter seiner Direction stehenden Künstler untersu- 
chen, ob sich auf den innern Wänden des Tbeieus-Tempels wirk- 
lich Spuren von Wandgemälden finden : und das Resultat der mit 
Leitern, Lichtern und der scrupulösesten Sorgfalt (»pour ainsi 
dire a la loupe.*) vorgenommenen Untersuchungen war, dafs auf 
keiner der noch übrigen Stukmassen, welche aus christlicher Zeit 
herzustammen scheinen, die mindeste Spur von Farben oder 



*) Wir bemerken hier ein* für allemal, dafs wir im Folgenden das 
gröbere Werk mit der blühen Seitensahl anführen. 

• 1» 



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Vpa Semper, Ktigler, Hermann, Letronne, Rnoul Rochcttc etc. 285 

Umrissen sich finde. Siegreich ruft daher Herr Bochette aas : 
»voilä dooc on fait qui devra desormais etre admis dans la science 
avec lautorite du nom de M. de Klenze, et qui remplacera tant 
d'observations fugitives, de conjectures hasardees , d'inductions 
gratuites ou interessees, auxquelles arait donne Heu le monument 
dont il s'agit.« Wir können in diesem Triumpbgesang nicht 
vollkommen einstimmen: denn was besagt hier die Autorität des 
Herrn ▼. Klenze, der ja die Sache nicht selbst untersucht, son- 
dern durch einen, ohne Zweifel sehr ebrenwerthen , aber unbe- 
kannten Kunstler untersuchen liefs, und nach Paris schrieb, was 
dieser ihm dictirte. Wir haben es also durchaus mit keiner Au- 
torität zu thun, wodurch die von Semper und Fr. Thiersch mit 
Einem Hiebe vernichtet wurde. Da Herrn Klenze's Beauftragter 
ausser Leuten und Lichtern , die auch Thiersch anwendete , noch 
so zu sagen die Luppe brauchte, so wollen wir ihm glauben, 
dafs es mit den Umrissen nichts ist, denn die Erfahrung lehrt, 
dafs die Phantasie der Naturforscher und Archäologen über das, 
was sie finden möchten , leicht eine Illusion machen kann ; neh- 
men wir also an, dafs die Wände ganz weifs seyen, so bleibt 
noch immer die Frage, wozu der Stuk und die nicht bestrittenen 
Meiselhiebe auf der Mauer dienen sollten, wenn man nicht darauf 
malen wollte. Wenn sich aber Herr Bochette p. 147 darauf be- 
ruft, dafs es unbegreiflich sey, wie die Reste der Farben bei 
den Sculpturen am Äussern der Cella sich haben erhalten können, 
während die Gemälde im Innern der Cella ganz verschwunden 
seyen, und im Bewufstseyn dieses schlagenden Argumentes sagt, 
dafs ihm darauf noch niemand geantwortet habe, ohne Zweifel 
weil man nicht habe antworten können , so hat er S. 99 in Herrn 
Letronne's Schrift ubersehen, wo der einfache Grund angegeben 
ward , dafs der Tempel frühzeitig in eine christliche Kirche ver- 
wandelt worden sey , dafs darum mit dem Act der Weihe die 
profanen Bilder ausgekratzt oder mit Farbe uberstrichen werden 
mufsten : und um diese vollkommen befriedigende Antwort zu 
geben hat man nicht einmal nothig, in die Mysterien der Archäo- 
logie eingeweiht zu seyn. Man sage einem von der Mutter Natur 
nur mäfsig bedachten Laien, der Theseus-Tempel sey zur Kirche 
des heiligen Georgius verwandelt worden, und er wird die Con- 
clusion von selbst ziehen , dafs man im Innern der Kirche die 
heidnischen Gemälde vernichtete, hingegen die mit dem Äussern 
des Gebäudes eng verwachsenen Sculpturen des Frieses und der 
Mctopen unangetastet liefs, um das Gebäude nicht zu beschädigen. 



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23G 



Schriften über die Wandmalerei der Alten 



Dem Gesagten gemäfs glauben wir denn noch immer mit über- 
wiegender Wahrscheinlichkeit annehmen zu dürfen , dafs die Ge- 
mälde Polygnot's and Micon's auf der Wand ausgeführt waren. 

Schreiten wir nun weiter zu den Propyläen. Pausanias sagt 
I f 23, 6.: toxi 3k iv dpiaxcpa %&v n^onvXaicov otxijpa iypv 
ypafas, bnooaic, yi ui\ xaSeot^xev 6 %povoq alxioq ÖKpavtaiv 
tlvai (nach Hermanns Emendation p. 19). In diesen Worten ist 
nicht bestimmt gesagt , ob die Gemälde auf Holz oder Wand 
gemalt gewesen , und Herr Rochette p. 176 hat ganz Recht, dafs 
ofxi?pa t%ov ypa(f>ä<; nichts weiter heifst, als ein Haus, das Ge- 
mälde enthält; wir glauben ferner, dafs verschiedene unter den 
angeführten Gemälden, namentlich die Portraits von Alcibiades, 
dem Dichter Musäus und einem Athleten , auf Holz gemalt wa- 
ren, was auch Herr Letronne nicht leugnet: dafs aber auch 
Wandgemälde darunter gewesen, finden wir hauptsächlich in dem 
Beisatz ausgedrückt: önoaaii f* n>; xa&caTqxey 6 %f6voq atxiog 
atyavtoiv ilvai : denn das Verbleichen und allmählige Verschwin- 
den trifft doch hauptsächlich die Wandgemälde, und der Aus- 
druck dfivtyd ypafii Paus. VII, a5, 7. war für Herrn Rochette 
selbst (Journ. d. Sav. p. 369) ein Bestimmungsgrund, jenes Ge- 
mälde für Wandgemälde zu halten. Herr Hermann p. 19 schärft 
diesen Beweis durch passende Anziehung von Paus. X, 38, 9, 
wo von einem Tempel der Diana gesagt wird: y^üUpai dl inl 
tcov Tot'/Giv c^txjjXot TS r t aav vnb xov %povov xut ovükv ext 
iXeLntto ic Se'av gcvt<dv. Wir wundern uns, dafs Herr Letronne 
diesen Beweis ganz übergangen hat: von Bedeutung aber ist al- 
lerdings seine vom jetzigen Zustand des Monumentes entnommene 
Bemerkung, dafs sich keine Spuren von Nägeln in den Mauern 
befinden, dafs dagegen die h. z. T. nackten Mauern mit dem 
Meisel gepickt sind, ohne Zweifel zu demselben Zweck, wie in 
dem Tempel des Theseus. Herr Rochette glaubt nun aber jeden 
Gedanken an Wandgemälde in den Propyläen dadurch zu unter- 
drücken, dafs er aus Harpocration v. Ä«/n« s das Werk des Po- 
lemon ne^l xmv iv Hponv'kaioi<; mvdxov citirt. Wir geben 
Herrn Rochette zu, dafs nlva§ nur von Gemälden auf Holz ge- 
braucht werde, glauben aber darum doch nicht, dafs aus diesem 
Titel gefolgert werden dürfe, in den Propyläen seyen nur Ge- 
mälde auf Holz gewesen, so wenig wir aus einem andern Werk 
desselben Schriftstellers ne?l xmv iv £txvct>t mvdx&v folgern 
mochten , dafs in Sicyon blos Gemälde auf Holz existirt haben , 
während wir bereits den Pausias aus Sicyon mit Wandmalerei be- 



» 

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tod Semper, Kngler, Hermann, Lctronne, Raonl Rochette etc. 237 

schäftigt gefanden haben. Dieser Polemon ist ganz in gleichem 
Falle mit Herrn Rochette. Dieser betitelte sein bedeutendstes Werk 
* Monuments inediis « , obwohl wir uns manches schon früher be- 
kannten Monuments daraus entsinnen : allein wir sind weit ent- 
fernt, den gelehrten Herausgeber darum zu tadeln, denn er ban- 
delte nach dem Grundsatz: denominatio fit a parte potiori: eben 
so machte es auch der alte Polemon mit dem Titel seiner beiden 
genannten Werke. Nun wäre noch immer die Frage übrig, ob 
unter diesen Wandgemälden gerade die von Polygnot befafst ge- 
wesen: dies wollen wir nicht bestimmt behaupten, aber dafs man 
bei den verblichenen Gemälden zunächst an die ältesten denkt, 
wird man uns nicht bestreiten: die ältesten waren aber wohl die 
des Polygnot. 

Betrachten wir ferner den Tempel der Minerva Area zu Pla- 
tää. Von ihm sagt Pausanias IX, 4, 2: yqaepai de tiaiv iv 1$ 
vaq, Ylo"kvyvwxov plv % Ob*voo%v$ tovq fifijtfTijpas xaTCip^aapl- 
vo,, 'Ovare? tH A (1/ .• • • int 0j;£a£ 7] npoxeoa orpareta • ar- 
Tai filv d*ij ticriv Ini tov npovdov tav toi^gjv al yoacpaL, 
Wenn Letronne diesen letzten Ausdruck nach dem Vorgang von 
Winckelmann, Hirt und Stieglitz von Wandgemälden versteht, 
so folgt er gewifs dem naturlichen Sinn der Worte, während es 
ganz gezwungen lautet, wenn Herr Rochette p. 190 den Aus- 
druck youKftaX ln\ tov npovdov täv toLx<ov als Gegensatz von 
den Gemälden, welche an Säulen aufgehängt waren, 0% vlonivd- 
xta, betrachtet; denn die biebei vorausgesetzte Erklärung von 
aTvXomvaxta ist bis jetzt noch nichts weiter, als eine Conjek- 
tur von Herrn Rochette: gesetzt aber auch, sie sey richtig, so 
kennt wenigstens Pausanias keine Gemälde , welche an Säulen 
hingen: in keinem Fall aber hatte er notbig , irgend einem seiner 
Deser zu bemerken , dafs Odysseus der die Freyer erlegt hat von 
Polygnot , und der erste Feidzug der Argiver gegen Theben von 
Onatas nicht an den Säulen gehangen haben, denn dies waren 
ohne Zweifel grofse Gemälde, und vermöge des Alters ihrer 
Meister, auch wenn sie auf Holz waren, zu einer Zeit in dem 
Tempel, wo man den Raum noch nicht an den Säulen suchen 
mufste. 

Noch knüpft sich der Name Polygnots an eines der berühm- 
testen Heiligthümer Griechenlands, den Tempel zu Delphi, was 
unsere beiden Kämpfer übersehen haben. Herr Rochette spricht 
von diesem Tempel p. 110 mit der Bemerkung, dafs wenn Be- 
raalung der Tempel üblich gewesen wäre, dies bei diesem Tempel 



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238 Schriften über die Wandmalerei der Alten 

vermöge seiner Bedeutung und Berühmtheit zu erwarten wäre. 
Dafs aber dies nicht der Fall gewesen, ist ihm so ausgemacht, 
dafs er sogar seinem Gegner eine für sein System günstige Stelle, 
die ihm entgangen sey n soll, bezeichnet. Es ist dies Plin. XXXV, 
4o: Aristoclidcs, qui pinxit aedera A pol Jinis Delphis. Es scheint 
aber im Gegentheil Herrn Rochette entgangen zu seyn , dafs diese 
Stelle bei Letronne p. 114 citirt, und aus derselben der Scblufs 
gezogen ist, dafs auch in diesem Tempel die Wände bemalt ge- 
wesen seyen. Ehe wir nun beweisen, dafs dies durch Po- 
lygnot in Verbindung mit Aristoclides geschehen sey, 
müssen wir vorher eine andere Argumentation Herrn Rochette's 
zurückweisen. Die mögliche Voraussetzung von Wandgemälden 
in diesem Tempel sucht er nemlich dadurch abzuschneiden, dafs 
nach Euripides Jon 189 — 21 5 im Pronaos des Delphischen Tem- 
pels Gemälde existirt haben , und dafs die geschicktesten Kritiker 
mit Inbegriff von Bockh (Graec. tragoed. p. 80 sqq.) nur darüber 
verschiedener Meinung seyen, ob Bilder auf Leinwand oder Holz, 
mit andern Worten , ob Gemälde oder Tapeten gemeint seyen. 
Was soll nun hier die Autorität der geschicktesten Kritiker be- 
sagen ? Niemand prägt es uns öfter ein, als Herr Röchelte, 
welch grofser Unterschied zwischen einem guten Kritiker und 
einem tüchtigen Archäologen sey. Im vorliegenden Fall, wo der 
Text unverdorben ist, Konnte also nur die Autorität der geschick- 
testen Archäologen Geltung haben: solche kennen wir aber unter 
den Bearbeitern des Euripides nicht, und es ist wahre Illusion, 
wenn Böckh wegen seiner jetzt allgemein anerkannten Celebrität 
uns als eine alles weitere Forschen abschneidende Autorität gel- 
ten soll , wegen eines ganz gelegenheitlichen Ausspruchs in einer 
Schrift, die er im Jahr 1808 als Jungling schrieb. Diese Auto- 
ritäten erlaubten also ebensowohl an eine dritte Art von Gemäl- 
den , auf der Wand , zu denken , wie es von dem Tempel der 
Minerva zu Platää heilst: avrai [xlv #17 eiaiv inl tob hqovolov 
räv Toi%G)v a't ypacpal (Paus. IX, 4 1 2 )> Allein ein oberfläch- 
licher Anblick der Stelle belehrt uns , dafs gar nicht von Gemäl- 
den, sondern von Metopen die Rede ist. Man sehe gleich v. i85: 

ovx tv ral( £a&cau$ 'Adqvcuc 

ivxtovt; ijuov avXal 

Sccdv UOVOV X. T. X. 

Besonders treffend aber ist v. ao5: 

axtjm x).6vov iv »vv^aloi 
"Kaiv ata 1 ytyuw&v. 



Gou£ 



ron Semper, Kogler, Hermann, Le trenne, Raoul- Röchelte etc. 239 

Wir fragen, wo kann eine den Giganten Enkeladus erschlagende 
Pallas iv n x v y alo i Xa Iva tot dargestellt seyn , als in den 
Metopen. Besonders interessant ist, dafs gleich die erste v. 190 
— 199 geschilderte Gruppe, Herkules und Jolaus, die Hyder er- 
legend unter den Metopen an der rordern Seite des Theseus- 
Tempels Torkommt. Dieselbe Ansicht über diese Stelle finden 
wir bei Brondsted Reisen u. Unters, in Griechenland B. 2. p. i5i. 
Für unsern Zweck ergiebt sich aas dem (gesagten so viel, dafs 
diese Stelle gar nicht Jacher gehört. Mit dieser Beweisstelle Ter* 
liert nun auch eine weitere p. 112 geführte Argumentation einen 
grofsen Theil ihrer Beweiskraft. Herr Rochette macht nemlich 
darauf aufmerksam, dafs Pausanias , welcher eine so detaillirte 
Beschreibung vom Tempel zu Delphi liefere, und nicht nur die 
Sculpturen der Frontons und die an dem Fries aufgehängten 
goldnen Schilde beschreibe (X, 19, 3), sondern auch von dem 
Pronaos so viele specielle Notizen gebe — dafs Pausanias, sage 
ich , der hier befindlichen Gemälde gar nicht erwähne. Daraus 
macht er den Schlufs, dafs diese Gemälde, welche sich früher 
hier befanden , von ihm nicht mehr angetroffen , folglich im Laufe 
der zahlreichen Kunstplünderungen entfuhrt worden, folglich — 
auf Holz geraalt gewesen seyen. Dieser Schlufs ist nun zwar in 
den Pronaos beseits beseitigt, da er aber auch auf 
den übrigen Tempel angewendet werden kann, so sehen wir 
uns doch veranlafst, in Bezug auf das Stillschweigen des Pausa- 
nias ein- für allemal unsere Erklärung abzugeben. Wenn bei 
diesem Schriftsteller das argumentum ex silentio gelten soll , so 
bin ich erbütig , Herrn Rochette zu beweisen , dafs Lord Elgin 
ein römischer Proconsul vor dem Zeitalter der Antonine gewesen 
sey. Es ist notorisch , dafs Lord Elgin die Metopen und den Fries 
vom Parthenon entführte; Pausanias erwähnt dieser Bildwerke 
nicht, was er gewifs gethan , wenn er sie noch angetroffen hätte, 
da sie zum wenigsten ebenso interessant waren, als die Gemälde 
des Aristoclides , eines Malers zweiten Ranges, im Tempel zu 
Delphi; also folgt ganz consequenterweise , dafs sie schon damals 
entfuhrt waren, und weiter, dafs der Entfuhrer , Lord Elgin, vor 
des Pausanias Zeit gelebt habe. Ebenso verhält es sich mit dem 
Theseus-Tempel. Pausanias I, 17, 2. spricht nur von den Ge- 
mälden darin, und doch wissen wir wenige Dinge in der Archäo- 
logie so gewifs , als dafs zu seiner Zeit die Metopen und der Friea 
vorhanden waren: dafs wir aber die ypofai, welche Pausanias 
erwähnt, von bemalten Reliefs verstehen sollen, wie man schon 



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240 Schriften über die Wandmalerei der Alten. 

< 

vorgeschlagen hat, wird uns hoffentlich Niemand zumutben. Nach 
diesen unvermeidlichen Digressionen nehmen wir unsern oben 
aufgestellten Satz wieder auf, dafs in dem Delphischen Tempel 
die Wände von Polygnot in Verbindung mit Aristoclides gemalt 
worden seyen. Plinius XXXV, 35. sagt von Polygnot: hic Del- 
phis aedem pinxit, was Herr Letronne p. 190 auf die Lesche be- 
zieht. Herr Bochette hat dieses Verfahren nicht nur nicht ver- 
bessert, sondern sogar p. 180 selbst adoptirt. Nun ist aber be- 
kannt, dafs aedes oder aedis im Singula»- nie von einem gewöhn- 
lichen Gebäude, sondern blos von einem Tempel gebraucht wird. 
Wir setzen die Worte des deutschen Herausgebers von Forcel- 
lini's Lexicon bei: singulari quidem numero, si nude ponitur, 
Semper signiflcat domum D cor um , gr. vabq s. templura, was die 
von Forcellini gesammelten Stellen bestätigen. Dennoch kann 
aedes nie auf ein profanes Gebäude, nie eine Lesche, bezogen 
werden , und wir haben in den Worten des Plinius nichts ande- 
res zu finden, als die lateinische Übersetzung seines griechischen 
Originals: rbv iv Ae\(pol<; vabv xotx^pa^e, and somit ist dies 
gleichbedeutend mit XXXV, 40. Aristoclides, qui pinxit aedem 
Apollinis Delphis. Auf diese Weise haben wir durch eine un- 
anfechtbare Exegese die Thätiglteit Polygnot's für den Delphi- 
schen Tempel gewonnen, und somit waren denn, ganz entspre- 
chend der Idee, welche sich Herr Rochette von der Bedeutung 
und Berühmtheit dieses Heiligthums macht, zwei Hünstier mit 
der Ausmalung desselben beschäftigt, einer ersten Banges, Po- 
lygnot, der andere zweiten Banges (primis proximus Plin. 1. 1.), 
Aristoclides, den auch Herr Letronne p. 114 als Zeitgenossen 
Polygnot's annimmt, obwohl ihm unsere Combination fremd ist. 
Wir finden dies um so passender, weil es befremden konnte } 
wenn der durch seine Arbeiten in der Lesche zu Delphi so be- 
rühmte Künstler nicht auch mit Bemalung des doch ungleich 
wichtigeren Tempels beauftragt worden wäre. 

(Die Fortittzung folgt.) 



« 

1 



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N°. 16. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

-==—-== U I 

. - • 

Schriften über die Malerei der Alten von Semper, Rugler, 
Hermann, Letronne, Raoid-Rochette , Wiegmann und John. 

(Fortsetzung. ) 

Wir fühlen, dafs wir ans schon zu lange bei dem Delphi- 
schen Tempel verweilt haben, aber noch ist ans ein letzter Ein- 
wurf Herrn Rochette's übrig, den er für den schlagendsten an- 
sieht. Es war nein lieh nach Polemon bei Athenäas XIII, 84. p. 
606 in Delphi eine eigene Gemäldegallerie, ein mvdxov S^ar- 
f>o v Herr Rochette denkt sich die Sache so : in dem Tempel 
zu Delphi sey eine eigene Kapelle (edicule particulier) gewesen , 
worin sich unter andern Kunstwerken auch eine Gemäldegallerie 
befunden habe: und dafs diese Gemälde auf Holz gewesen seyen, 
schliefst er sowohl aus dem Ausdruck nivaxeq, als auch daraas, 
dafs diese Thesauren nichts anderes als Weihgeschenkc enthiel- 
ten. -Aber wir mochten vor Allem wissen, woher Herr Rochette 
weifs, dafs dieser Thesaurus in dem Tempel zu Delphi war. In 
Olympia war in der Altis ein eigener Unterbau aus Poros-Stein , , 
auf dem die Thesauren erbaut waren. Pausanias VI, 19, 1. sagt: 
taxt dk Xt&ov itopLvov xp^nlq iv iy "AXtei, npbq äpxrov xov 
'H(»atot>, xard vfixov <tk avf^s nap^xtt xb Kpöviov. inl Tavrriq 
Tjfo xptinldoq tioiv oi Sr;o «r^oi, xada xal iv AfX<ßol{ 
'EXXnvav xivhq e n 0 1 r\ a * v t 0 Tcp 'Ait6\\<ov 1 Ä^aav- 
Qovq. Man lese nur die Beschreibung, welche Pausanias Ton 
den Thesauren der Sikyonier, Kartbaginenser , Epidamnier, Syba- 
riten, Kyrenäer, Selinuntier, Metopontiner , Megarenser und Ge- 
loer macht , und man wird leicht begreifen , dafs diese in der 
Cella des gröfsten antiken Tempels nicht Raum gehabt haben 
konnten. Ebenso war es in Delphi, wo nach Herrn Rochette's 
eigener Bemerkung die meisten griechischen Städte und Volker 
ihre eigenen Thesauren geweiht hatten, und demgemäfs scheint 
es ans mehr als wahrscheinlich, dafs dieser mvdxQv ^nuav^bq 
ein in der Reihe der übrigen Thesauren stehendes, von dem 
Tempel unabhängiges Gebäude gewesen sey. Polemon 1. 1. sagt 
auch nichts weiter, als: iv dtX(pol<; iv nivdxav Srjcratro«. Setzen 
wir aber auch den Fall, dafs dieser mvdnav ^noavobq eine im 
XXX. Jahrg. *. Heft. 16 



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Mi Schriften über die Wandmalerei derlAlten , 



Tempel befindliche aedicula gewesen sey, mit weichem Recht 
konnte daraus geschlossen werden, das die Gemälde des Polygnot 
und Aristoclides nicht auf der Wand gewesen seyen? Mit dem- 
selben Rechte konnten wir schliefsen: weil in der Kirche des heil. 
Franciscus in Assisi am Hauptaltar und an den Seitenaltären Ge- 
mälde auf Leinwand und auf Holz sind , so können in dieser Kir- 
che keine Frescogemälde seyn , oder umgekehrt : weil in der 
Kirche del Carmine zu Florenz eine der Kapellen von Masaccio 
a fresco gemalt ist, so können in dieser Kirche keine Gemälde 
auf Leinwand seyn. Doch wir sehen voraus, Herr Röchelte, der 
seinen Gegnern so oft vorwirft, dafs sie ihre in den Kirchen, 
Klöstern und Pallästen Italiens gebildeten Ideen auf das griechi- 
sche Alterthum übertragen, wird uns solche Analogien nicht gel- 
ten lassen. Dies veranlafst uns, hier eine Bemerkung auszuspre- 
chen, die uns bei Lesung von Herrn Rochette's Werk mehr als 
einmal aufgestofsen ist« G. Hermann nennt auf der ersten Seite 
seines Programms ebenso einfach als wahr drei Quellen, aus de- 
nen die Archäologie zu schöpfen bat: ipsorum contemplatio su- 
perstitum monumentorura ; testimonia literarum, indagatio eorum 
quae rei eujusque natura vel fert vel poscit. Hätte Herr Rochette 
der dritten dieser Quellen , die ihm ebensogut bekannt ist, als die 
zwei ersteren, mehr Rücksicht geschenkt, er wurde diejenigen 
Behauptungen , welche die Grundpfeiler seines Systems ausma- 
chen , um ein Bedeutendes ermä'fsigt haben. Denn seine Argu- 
mentation ist ohngefahr immer diese: wir wissen von Polygnot, 
Zeuxis und Protogenes, dafs sie auf Holz gemalt haben, folglich 
müssen sie das immer gethan haben ; wir wissen , dafs im Tempel 
zu Delphi eine eigene aedicula mit Holzgemälden war, folglich 
können die Wände nicht bemalt gewesen seyn; die Römer ent- 
führten drei Jahrhunderte lang aus Griechenland die schönsten 
Gemälde, diese waren alle auf Holz, folglich gab es keine (histo- 
rische) Gemälde auf den Wänden. Vor solchen Schlüssen wurde 
er bewahrt worden seyn, wenn er den so naturlich sich darbie- 
tenden Analogien der neuem Kunst einigen Werth beigelegt hätte. 
Wir können ebenso sagen, seit drei Jahrhunderten werden Ge- 
mälde aus Italien ausgeführt , und alle sind auf Leinwand , aber 
Niemand wird daraus schliefsen wollen, dafs es darum in Italien 
kerne Wandgemälde gebe. Ebensowenig wird es Jemand bet- 
gehen zu leugnen, die Stanzen im Vatican, die berühmte Kuppel 
in Parma, oder die Aurora im Pallast Rospigliosi seyen nicht von 
Rafael, Correggio oder Guido Reni, weil diese Meister in über- 



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▼on Semper, Kngler, Hermann, Letronne, Raoul- Rochette, de. 243 

wiegender Mehrzahl auf Leinwand gemalt haben. Solche Ana- 
logien neben gewissenhafter Prüfung der alten Zeugnisse zu Ra- 
the zu ziehen, halten wir sogar nicht unter der Würde des Ar- 
chäologen , dafs wir vielmehr glauben , der klarsehende Alter* 
thumsforscher wird ebensoviele Ähnlichkeiten als Verschieden- 
heiten zwischen der alten und der neuen Welt finden: ein Punkt, 
den gerade der jungst verschiedene B5ttiger, dessen Manen Herr 
Bochette sein W 7 erk ehrfurchtsvoll weiht, mit so glücklichem 
Erfolg bei allen seinen Forschungen hervorgehoben hat. Die 
Rucksicht auf die jedem Zweig der Runstübung eigentümliche 
Art und Weise wird uns wohl auch am sichersten leiten , um zu 
bestimmen, welcher Art die Gemälde Polygnot's in der Lesche 
zu Delphi gewesen seyen. Bekanntlich feierte dieser Meister in 
den zwei grofsen Gemälden , mit denen er die Seitenwände die- 
ser Halle bedeckte , den Triumph seiner Kunst. Auf der einen 
Seite war die Eroberung und Zerstörung Troja's, auf der andern 
der Besuch des Ulysses in der Unterwelt dargestellt. Über die 
Art dieser Gemälde haben wir keine bestimmte Angabe, denn 
die Stelle des Plinius : hic Delphis aedem pinxit , haben wir be- 
reits -als nicht hierher gehörig beseitigt; somit sind wir allein aaf 
Pansanias verwiesen. Dieser sagt X, 25, i: vnkp t^v Kaa* 
awn'ili iariv oix^a y^arpä<; l%ov tc5v HoXvyv^xov , ivd^fia 
u£» KviJtov, xaXeira* 91 vnb AeX^rav Xia^jj. Herr Rochette 
behält die alte Lesart ava&tuaxa bei, welche seinem System 
gunstiger ist : doch halten wir dies nicht für absichtliche Ignori- 
,rung der richtigen Lesart, denn wir glauben auch in sonstigen 
Citaten bemerkt zu haben, dafs er sich der Siebelis'schen Aus- 
gabe bedient. Dafs aber dvdSjjfia, was von Bekker aus Codex 
Paris. 1410 aufgenommen und vom Codex Angelicus bestätigt ist, 
die richtige Lesart sey, erhellt schon aus den Correlativ-Partikeln 
Avd^ijua per KvtfKoi», xaXstTot* 9 h i-nh A. Xea^i?. Es ist aber 
auch dem Sprachgebrauch des Pausanias ganz angemessen, der 
avdSr^ua und *vui&ivai nicht nur von mobilen Weihgeschen- 
ifen gebraucht, sondern auch von Gebäuden, Tempeln, Thesauren, 
Hallen , die einer Gottheit zu Ehren aufgeführt werden. Da Herr 
Rochette darauf, dafs die iva^i;uaTa immer von mobilen Gegen- 
ständen, also in Beziehung auf Gemälde von Holzgemälden ver- 
standen werden mufsten, eine grofse Anzahl seiner Beweise grün- 
det, so müssen wir unsere Behauptung durch evidente Belege 
Sichern. Der Thesaurus der Sikyonier in Olympia heifst VI, 19, «. 
Mrpoytx; ipdbftpa Ibid. §. 5. 6 dl rpiroq tcov $no<*vp*>P *«* 



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144 Schriften aber die Wandmalerei der Alten 

& rixagroq &vä$npd iaTtv 'Emdavplov. §. 10. heifst es: IV 
Xft)G)V dl rJtra^ua t6v TS Syjaar^öv Kai tgc a^aXuaxa tlvat 

ra at'Tw Xs')ft to e7n'/oapua j dasselbe, was §. 9 so ausge- 
drückt ist: Meya^elq Ith — £>7;aarp6v TS ( ; ixoJopi;aavTO xal 
dya^ifftara av&eaav Ii tov S^^aavpov. Der Tempel, den Dio- 
medes in Trözen errichtete, heifst II, 32, 2: Atoprtfovc dva^xa. 
Somit ist der Beweis , den Herr Bochette aus seiner Lesart a va- 
^fiaxa für Gemälde auf Holz zieht, entkräftet, der Ausdruck 
oUr^a ygafäi txov entscheidet für keine Ton beiden Ansichten, 
und es bleibt uns nichts übrig , als aus Gründen der Wahrschein- 
lichkeit 'uns für eine der beiden Ansichten zu entscheiden. Man 
denke sich zwei grofse Compositionen , jede aus siebzehn einzel- 
nen , in drei Reihen über einander geordneten Gruppen bestehend, 
über eine ganze Wand ausgebreitet: welcher Zweck, welcher 
Voitheil liefse sich vermuthen, diese auf hölzernen Tafeln auszu- 
führen ? an Rahmen , welche jede einzelne Tafel umgeben hätten, 
läfst sich bei dem engen Zusammenhang der einzelnen Gruppen 
nicht denken : man hätte wohl die ganze Wand mit Brettern be- 
decken müssen, auf die der Künstler nur an Ort und Stelle hätte 
malen können, da er stets die Disposition des Ganzen im Auge 
haben mufste. Alle diese Umständlichkeiten hätten nur dann ei- 
nen vernünftigen Grund, wenn man die Wandmalerei nicht kannte: 
da es aber notorisch ist, dafs sie nicht nur bekannt, sondern na- 
mentlich von Polygnot ausgeübt wurde, so scheint uns die zu- 
sammenhängende Fläche der Wand um so viel geeigneter zur 
Ausführung einer solchen organisch gegliederten Compositum, 
dafs wir es als feste historische Überzeugung aussprechen, dafs 
wir hier Wandgemälde zu erblicken haben; dabei wissen wir aber 
gar wohl, dafs dies beim Mangel an urkundlichen Beweisen nur 
subjektiven Werth bat. 

Nach den bisher behandelten Beispielen können wir schon 
zum Voraus annehmen , dafs Herr Bochette auch an andern Stel- 
len , wo in unbestimmten Ausdrücken von Gemälden die Rede 
ist, Gemälde auf Holz erblicken werde, z. B. in Athen im Tem- 
pel der Dioskoren, wo Polygnot und Myron malten (Pausan. I, 
18, 1), im Porticus des Ceramicus (I, 3, 3), im Tempel des 
Dionysos (I, 20, 3), im Tempel des Äskulap (I, 21, 4), im 
Erechtbeum (I, 26, 5). Uns machen nicht sowohl Ausdrücke, 
wie inl dh Ttp Toi^cp tö nt^av %i\aivq laxi yty^a^tvoq (1$ 
3, 3), oder yoayui dk inl räv zoiyav (1, 26, 5), geneigt, an 
Wandgemälde zu denken, als eine allgemeine Betrachtung, die 



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vnn Cpmimr knolfr Hermann I.rtrnmif» llnnn I- KnrhpHr nfr f4ft 

Sich ans aus Veranlassung der vielen Tafelgemälde , welche Pau- 
aanias in Griechenland nach Herrn Rochette's System vorfand, 
aufgedrungen hat Denn lesen wir die Geschichte der Kunst- 
plünderungen in Griechenland, wie sie Volhcl, Siebter, Jacobs 
und nun auch Herr Rochette p. 46 — 86 beschrieben haben, und 
betrachten wir das mehrere Jahrhunderte hindurch fortgesetzte 
System der römischen Statthalter, so können wir uns nicht genug 
wundern, wie Pausanias noch so viele Gemälde gerade von den 
berühmtesten Meistern angetroffen haben solle. Plinius (XXXV, 
35) kannte in Rom nur Ein Gemälde von Polygnot, welches Hr. 
Letronne p. i85 ohne zureichenden Grund für ein von der Wand 
ausgesägtes Wandgemälde hält; ist es nicht auffallend, dafs man 
die übrigen Gemälde dieses berühmten Meisters im Theseustem- 
pel, in den Propyläen, in der Poecile, im Tempel der I Positu- 
ren, in Platää unangetastet liefs, ja dafs aus der Lüsche in Del- 
phi, aus welchem Orte Nero allein fünfhundert Statuen entführen 
liefs, auch nicht eine einzige Tafel von den vielen, aus denen 
die zwei grofsen Gemälde zusammengesetzt waren, weggekommen 
seyn soll? und dies aus einem Gebäude, wo nieht einmal die 
Scheu vor der Heiligkeit des Ortes den Raublustigen zurück- 
schrecken koonte. Wir müssen gestehen, dafs der Schutz, wel- 
chen der Genius der Kunst dieser Classe von Kunstwerken leistete, 
an das Wunderbare grenzt. Vielleicht könnte es scheinen , als 
stehe Herr Rochette mit sich selbst in einem kleinen Widerspruch ; 
denn wenn er p. 62 erzählt, dafs Nero den Acratus und Carinus 
nach Griechenland und Asien geschickt habe, »pour en enlever 
iout ce qui pouvaii y rester encore de stalues et des peintures pre- 
cieuses,« so folgt daraus nach der streng buchstäblichen Deutung , 
welche er selbst bei den Ausdrücken anderer Schriftsteller gel- 
tend macht , dafs nach dieser Sendung von kostbaren Statuen und 
Gemälden nichts mehr übrig gewesen sey: und daraus würde sich 
nach gerade für unsre Ansicht ergeben, dafs diejenigen Gemälde, 
welche sich nachher noch vorfanden, nicht transportabel, d. h. 
auf die Mauer gemalt gewesen seyen. Wollen wir aber auch den 
Ausdruck in dem weiteren Sinne, in dem ihn der Verfasser ver- 
stand, aufTassen, so soH dem ganzen Zusammenhange der Ab- 
handlung nach jedenfalls soviel ansgesagt werden, dafs nach die- 
ser Plünderung Gemälde auf Holz äusserst selten gewesen seyen. 
Dies sind sie aber nach Herrn Roehette's System so gar nicht, 
dafs vielmehr sämmtliche Arbeiten eines sehr berühmten Meisters 
bis auf eine einzige , welche nach Rom entführt worden war , an 



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246 



Schriften ober die Wandmalerei der Alten 



ihren ursprunglichen Bestimmungsorten erhalten waren. Indem 
auf diese Weise Herr Rochette durch die Geschichte der Kunst- 
Plünderungen den materiellen Beweis liefern wollte, dafs alle 
Gemälde der berühmtesten Meister auf Holz gewesen seyen, hat 
er zugleich einen Wahrscheinlichkeitsbeweis gefuhrt, dafs das, 
was nicht entfuhrt wurde, nicht entführbar war, d. h. auf der 
Wand fest safs. Auf der andern Seite hieng es mit diesem Sy- 
stem der Kunst nlünderung ganz natürlich zusammen, dafs sich in 
den Pinakotheken Italiens wo nicht ausschließend , doch grüfsten- 
t hei Ii Wandgemälde befanden. Wenn sich daher Herr Rochette 
p. 160 sqq. auf die von Philostratus dem Älteren beschriebene 
Geranldegallerie in Neapel beruft, und aus dem Ausdruck (im 
Prooemium p. 4 cd. Jacobs) fiaXtaxa dk i;v%a (sc. % axoä) 
fQacyaiq , ev^ppoajit'i u>v «kij nivdxuv , der unleugbar von Ta- 
felgemälden, die in die Wand eingelassen waren, zu verstehen 
ist, schliefst, dafs dies in den Hallen und Leschen Griechenlands 
ebenso gewesen sey, so müssen wir uns wundern, wie er die 
Verschiedenheit der Zeit Verhältnisse so ganz übersehen konnte. 
In der Zeit, wo Philostratus schrieb, war die historische Malerei 
so zu sagen verloschen. Kennen wir doch aas dem ganzen Zeit- 
raum von den Antoninen bis zur Gründung Constautitiopels nur 
zwei Hünstiernamen: den Eumelus, von dem eine Helena auf 
dem Forum zu Rom zu sehen war (Pbilostr. Vit Soph. II, 5), 
und dessen Schüler Aristodemus aus Carien, bei dem Philostratus 
Tier Jahre zubrachte, um sich die für einen Sophisten notwendigen 
Kunstkenntnis e zu erwerben. Dafs in dieser Zeit historische Ge- 
mälde, wie sie Philostratus beschreibt, nicht mehr auf den Wänden 
ausgeführt werden konnten, ist ganz klar. Dafs aber die Galierie 
nicht Jahrhunderte lang vor Philostratus in Neapel gewesen, wird 
dadurch wahrscheinlich, dafs kein anderer Schriftsteller derselben 
erwohnt. Sollen wir also wirklich an die Realität dieser Galierie 
glauben, so müssen wir annehmen, dafs sie in der Blüthe dieser 
Stadt, die namentlich von Hadrian sehr gehoben wurde, errich- 
tet und dafs die Gemälde aus den Städten Grofs-Griechenlandi 
und Siciliens zusammengekauft worden seyen. Dafs diese Gemälde 
auf Holz waren, ist ganz natürlich: aber was soll daraus für die 
Hallen und Leschen Griechenlands in der schönsten Periode der 
Kunst folgen? Wenn aber Herr Rochette p. 160 die Realität 
dieser Gemäldegallerie des Philostratus als eine durch Einstim- 
mung der gröfaten Kritiker des letzten und des gegenwärtigen 
Jahrhunderts entschiedene Frage betrachtet, so machen wir ihn 



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tod Semper, Kugler, Hermann. Lctronae, Raoul-Rochette etc. tll 



jetzt auf eine von dieser Ansicht abweichende Abhandlung auf. 
merksam, die er bei Abfassung seines Werks noch nicht kennen 
konnte, nemlich auf die Vorlesung von Franz Passow über die 
Gemälde des altern Philostratus in der Zeitschrift für Alterthums- 
wissenschaft i836 Nr. 71 — 73. 

Da es uns bei den Grenzen , die durch das Wesen einer 
Becension geboten sind , nicht möglich ist , das ganze Bach Schritt 
vor Schritt durchzugehen, so möge es an den bisher geprüften 
Stellen genügen. Ohne leugnen zu wollen, dafs die Maler der 
schönsten Kunstperiode Griechenlands auf Holz gemalt haben, 
glauben wir klar dargethan zu haben, dafs in derselben Pe- 
riode historische Gemälde von den ersten Meistern 
auf den Wänden der Tempel und Hallen ausgeführt 
worden seyen. Die Wahrheit dieses Satzes wird noch bestä- 
tigt dadurch, dafs wir nach positiven Zeugnissen auch in Italien 
gleichzeitig mit oder wenigstens nicht lange nach der Einwande- 
rung griechischer Künstler historische Gemälde auf den Wänden 
der Tempel ausgeführt finden. Wir setzen die betreffende Stelle 
aus Plinius XXXV, 6. her: exstant certe hodieque antiquiores 
Lrbe pioturae Ardeae in aedibus sacris, quibus equidem nultat 
aeque demiror, tarn longo aevo durantes in orbitale tecti, veluti 
recentes; similiter Lanuvii, ubi Atalanta et Helena cominus pic- 
tae sunt nudae ab eodem artifice, utraque excellentissima forma, 
sed altera ut virgo , ne ruinis quidem terapli coneussae. Gajus 
prineeps tollere eas conalus est, libidine accensus, si tectorii na- 
tura permisisset. Durant et Caere, antiquiores et ipsae. — Be- 
seitigen wir hiebei die Angabe, dafs diese Gemälde älter als die 
Stadt gewesen seyen, als ein dem Plinius von unwissenden Cice- 
roni aufgebundenes Mährchen, so bleibt in dieser Stelle immer 
soviel übrig, dafs in Italien in sehr früher Zeit, wohl nicht lange 
nach Einwanderung der von Demaratus geführten korinthischen 
Colonie nach Tarquinii, historische Gemälde auf die Wand ge- 
malt worden sind, und da die Gegenstände aus der griechischen 
Mythologie genommen waren, so schliefst man mit Grund, dafs 
die Künstler Griechen oder von Griechen gebildete Etrusker wa- 
ren. Um aber nun den weiteren Schlufs, dafs die Griechen eine 
Technik , die sie in Italien ausübten , aus ihrem Mutterlande mit- 
gebracht haben müssen, abzuweisen, sagt Herr Rochette p. 970, 
die griechische Kunst habe sich auf dem fremden Boden nach 
dem Klima und dem Geist der Einwohner moditiciren müssen. 
9 La brique, qui fut dabord et qui resta longtemps leiement es- 



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248 Schriften über die Wandmalerei der Alten 

sentiel des construetions romaines, exigeait l'emploi da stuc pour 
revetir au dedans et au dehors la surface de teraples ou d'edi- 
fices bätis de cette maniere. Et ce stuc ne pouvait manquer 

detre colorie. De la, sans doute cet usage de peiotures 

Sur mur, ou sur enduit, que nous a fait connaitre le temoignage 
de Pline, pour quelques-uns des plus anciens temples du Latium.« 
Wir würden Herrn Röchelte sehr dankbar gewesen seyn, wenn 
er uns nachgewiesen hätte, dafs der Backstein ursprünglich das 
wesentliche Element der romischen Bauten gewesen sey. So weit 
uns die Anschauung der romischen Ruinen belehren konnte, fan- 
den wir bei den aus dem Königthum und den ältesten Zeiten der 
Republik herrührenden Bauten immer Peperino (lapis Albanus) 
und Travertin (lapis Tiburtinus) angewendet: so ist es bei der 
Cloaca maxima , bei den ältesten Resten der Stadtmauer , bei den 
Substructionen des Capitols, bei dem Emissar des Albaner-Sees» 
Wenn wir aber bei diesen Gebäuden, namentlich bei der Cloaca, 
auf Etruricn zurückgewiesen werden , so ist dies noch viel mehr 
der Fall bei den Tempeln , da uns der gründlichste Forscher über 
römische Alterthümer, Varro, bei Plin. XXXV, 45. berichtet, 
dafs vor Erbauung des Tempels der Ceres im J. d. St. 258 in 
den Tempeln alles etruskisch gewesen sey. Im alten Etrurien 
aber ist uns von Backstein- Constructionen ebenfalls nichts be- 
kannt, und wenn wir die Cyclopen-Mauern , mit denen die Et Mis- 
ker ihre Städte umgaben, betrachten, so wird uns sehr unwahr- 
scheinlich, dafs sie diese Mauern darum so fest gemacht haben 
sollten , um dahinter Gebäude aus Backstein zu bergen. Das ein- 
zige, was uns ausser diesen Mauern von ihrer Architektur übrig 
ist, sind ihre Grabmäler, die gewöhnlich in Tuffstein gehauen 
sind. Da nun vollends Vitruv II, 8, 9 eine Mauer aus Back- 
steinen in Aretium als eine Ausnahme für das alte Italien anfuhrt, 
so bleiben wir , bis wir eines Besseren belehrt werden , bei un- 
serer alten Meinung, dafs in Etrurien und Latium in den ältesten 
Zeiten der Steinbau herrschend gewesen sey, und dafs die häfs- 
licben Backstein-Ruinen, welche Rom und seine Campagna , sowie 
den paradiesischen Meerbusen von Bajä und die Ebene von Olym- 
pia bedecken, erst der spätem Zeit der Republik und dem Kai- 
serreich angehören. Ist dem aber so, so möchten wir wissen, 
welche Modificationen das Clima und der Geist der Einwohner 
in die griechische Kunstübung bringen sollte. Auch in Griechen- 
land waren die Marmorwände, besonders vor der Perikleischen 
Zeit, selten, und selbst diese wurden mit Stuk überzogen, wie 



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von Semper, Kugler, Hermann, Lctronne, Raoul-Rochette, etc. 



bei dem Tbeseus-Tempel gesehen haben: wenn der Tufstein 
bei dem Tempel zu Olympia, den die Eleer im Wetteifer 
Parthenon erbauten, angewendet wurde (Paus. V, io t 
3), so dürfen wir wohl voraussetzen, dafs er bei den meisten 
Tempeln, in deren Nähe er sich vorfand, gebraucht worden sey. 
Um dieses nnd anderes anscheinbare Material dem Auge angenehm 
so machen, wurde ihm ein Überwurf gegeben, welcher colorirt 
: und wenn wir dies ebenso in Italien finden, z. B. an 
aus porösem Tra verlin gebauten Tempeln zu Paestum und 
an dem Sibyllen-Tempel zn Tivoli, so haben wir dies nicht als 
eine Modificatioo der griechischen Kunst zu betrachten , sondern 
als eine im Gefolge der übrigen Technik geschehene Übertra- 
gung. Doch, wollten wir auch zugeben, dafs in Italien zur Zeit, 
als die griechische Kunst dahin verpflanzt wurde, der Backstein- 
Bau herrsehend gewesen sey, so hatten die griechischen Künstler 
auch in diesem Falle durchaus nicht notbwendig gehabt, Modi* 
ficationen in ihrer Kunst anzubringen, da auch in Griechenland 
auf Backstein-Wände gemalt wurde , wie aus der Erzählung bei 
Vitruv II, 8, 9, dafs Varro und Muräna in Lacedamon Gemälde 
intersectis lateribus aus den Wänden ausschneiden liefsen , zu er- 
sehen ist. Betrachten wir nun ein anderes Beispiel von früher 
Wandmalerei in Italien. Plinius XXXV, 45. sagt: Plastae lau- 
datissimi fuere Damopbilus et Gorgasus , iidemque pictores : qui 
Cereris aedem Bomae ad Circum Maximum utroque genere artis 
suae excoluerunt, versibus inscriptis Graece, quibus significarent, 

a dexträ opera Damophili esse , a parte laeva Gorgasi Ex 

hac, cum reliceretur , crustas parietura excisas tabulis marginatis 
inclusas esse (auctor est Varro): item signa ex fastigiis dispersa. 
Dieser Tempel wurde im J. d. St. a58 erbaut , und drei Jahre 
nachher, 261, geweiht, drei Jahre vor der Schlacht von Mara- 
lhon. Herr Bochette macht darauf aufmerksam , dafs nirgends 
angegeben sey , ob die Arbeiten dieser Kunstler gleichzeitig mit 
Erbauung des Tempels gewesen sejen , und dafs der Name 
imophilus sich ein halbes Jahrhundert später bei einem Maler 
aus Himera linde, welcher als Lehrer des Zeuxis , von dem eben- 
falls tiglina opera bekannt sind , genannt wird. Diese Combination 
hat ihre Wahrscheinlichkeit , ändert aber an dem, was die Stelle 
für unsern Zweck beweisen soll , nichts. Wichtiger aber ist die 
r Bemerkung, welche llerr J\ochette nach dem Vorgang von Grund 
(Malerei der Griechen Bd. I. p. 289) macht, dafs diese Arbeiten 
des Gorgasus und Damopbilus gemalte Basreliefs aus Terra cotta 



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250 Schriften über die Wandmalerei der Alten 



gewesen sejen , womit der Fries im Innern der Cella geschmückt 
gewesen sey, und dafs darin die Vereinigung der Plastik und 
Malerei bestanden habe. So sehr sich auch diese Erklärung durch 
die Analogie mit den vielen architektonischen Zierden aus be- 
malter Terra cotta, die uns aus Griechenland, Etrurien und Born 
zugekommen sind, empfiehlt, so scheinen doch die Worte »utro- 
que genere artis exeoluerunt« nicht sowohl das Zusammenwirken 
beider Künste in Einer und derselben Arbeit, als zwei verschie- 
dene Kunstprodukte zu bezeichnen. Zu dieser Unterscheidung 
werden wir namentlich durch das Verfahren bei der Restauration 
des Tempels veranlaßt Oer Ausdruck crustas parietum excisas 
tabulis marginal» inclusas esse stimmt schon den Worten nach 
zu genau uberein mit der Erzählung Vitruvs II, 8, 9. Lacedae- 
raone e quibusdam parietibus ctiam picturae excisae, intersectis 
lateribus, inclusae sunt in ligneis formis. Es ist zwar möglich, 
dafs die Reliefs in die Wand eingelassen und mit Mörtel darauf 
befestigt waren, so dafs bei ihrer Abnahme die Stücke Wand 
mitabgenommen werden mufsten , aber dafs man diese Wand- L n- 
terlage zugleich in hölzerne Rahmen gefafst haben soll, ist uns 
nicht wahrscheinlich , wenn wir solche Reliefs betrachten , deren 
nackte Platten stark genug sind, um sich bis auf den heutigen 
Tag zu erhalten. Zur Zeit des Plinius waren bematte Wende 
und Ausschneidung einzelner Stucke daraus eine so alltägliche 
Sache, dafs man unter crustae parietum excisae nichts anderes 
verstand, als Gemälde, und somit liegt iu seinen Worten selbst 
die Unterscheidung von zweierlei Arbeiten : Gemälden an den 
inneru Wänden der Cella, und Statuen oder Reliefs in den Gie- 
belfeldern. Dafs aber diese Statuen oder Reliefs aus Terra cotta 
gewesen seyen, wird uns nicht nur durch die Vorliebe, welche 
man in Etrurien für die Art Arbeiten hatte, wahrscheinlich, son- 
dern auch durch die Werthschätzung , welche ihnen bei der Re- 
stauration des Tempels gegenüber von den Gemälden zu Tbeii 
wurde , denn die signa der Giebelfelder , sey es , dafs sie durch 
die Zeit stark gelitten hatten , oder dafs man auf das Material 
keinen Werth legte, wurden zerstreut, während man die Ge- 
mälde so hoch schätzte, dafs man sie aus der Wand ausschnitt 
und in Rahmen fafste. Dem Gesagten zufolge scheint uns der 
Schlufs, welchen Herr Letronne p. 44 aus den angeführten Stel- 
len des Plinius zieht, vollkommen gültig, dafs sobald die Aus- 
führung historischer Wandgemälde für Italien ausgemacht ist, 

die Frage auch für Griechenland entschieden ist. 

» 



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ron Seroper, Kugler, Hermann, Lctronne. Raoul-Rochette, etc. 251 

Ehe wir jedoch ein Conclusurn ziehen, müssen wir noch eine 
Stelle des Plinios prüfen, die Herr Rochette als den stärksten 
Beweis seines Systems betrachtet. Es ist dies die Stelle XXXV, 
40. sed nulla gloria artiHcum est, nisi eorum, qtii tabulas pin« 
xere; eoque ?enerabilior apparet antiqaitas. Non enim parietes 
cxcolebant dominis tantum, nec domos uno in loco mansuras, 
qoae ex incendiis rapi non possent. Casula Protogenes contentus 
erat in hortulo suo. Nulla in tectoriis Apellis pictura erat, Non- 
durn libebat parietes totos pingere. Omnis eorum ars urbibus 
excubabat : pictorque res communis terrarum erat. Herr Rochette 
sagt p. 71 , seit der Wiedergeburt der Wissenschaften, wo so 
vieler Streit über Gegenstände des Alterthums gefuhrt worden, 
sey diese Ansicht des Plinius das Orakel der Kritik geblieben , 
und führt zum Beweis dafür eine Stelle aus Ansaldi, de sacro et 
publico apud Ethnicos pictarum tabularum cultu , Augustae Tauri- 
noram 176a p. 379 an : quia Graeci Romanique pictores usura 
piogendi in linteis prorsus ignorantes, .... suos credere labores 
ligneis tabu Iis consueverant, ut fuse Menardus, Maffejua , Belgra. 
dos, Abbas de Guasco, aliique sexcenti ostenderunt : und mit Be- 
ziehung hierauf fahrt er also fort : » vers la fin du siecle dernier 

le nombre des savants qui avaient adhere, sans une seule 

exceplion , au jugement de Pline, pouvait ctre evalue a sixcents; 
et ce nombre a peut-etre 6ic double dans Tintervalle d'un demt- 
siede. W'ir müssen offen gestehn, dafs es uns ordentlich bange 
wird, wenn wir denken, wir sollten ein Bollwerk angreifen, das 
durch so schweres Geschütz und von zwölf hundert Getreuen 
vertheidigt wird. Doch ehe wir uns entschliefsen können, als 
feiger Überläufer die dreizehnte Centurie dieser Glaubensarmee 
zu eröffnen, und das oi u,ßo\op , nulla glona artißcum est, nisi 
eorum, qui tabulas pinxere, zu beschwören, versuchen wir den 
Weg der Capitulation. Wir sind erbürtig den Eid zu leisten, 
unter der Bedingung , dafs Herr Bochette unsern ebenfalls auf 
PJinius ausdruckliches Zeugnifs gegründeten Satz adoptirt, dafs 
alle einigermafsen bedeutenden Gemälde vor der drei- 
und neunzigsten Olympiade auf der Wand ausgeführt 
gewesen. Plinius sagt ixXV, 36: nonagesima autem Olym- 
piade fuere Aglaophon , Cephissodorus etc. omnes jam il- 
lustres, non tarnen, in quibus haerere expositio debcat , festinans 
ad lumina aitis, in tjuihus plinius rcfulsit Apollodorus Atheniensis 




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232 Schriften aber die Wandmalerei der Alten 

uiiius ostentktur, quae Untat ooulos. Hier sagt also Plinius deut- 
lich, dafs vor Apollodor (Olymp. 93.) kein Gemälde auf Holz 
(tabula) aufzuweisen sey, das den Beschauer fessele. Da aber 
Panänus, Micon, Onatas und Polygnot lange vor Apollodor be- 
rühmte Maler waren , wie Plinius selbst wenige Zeilen weiter 
oben ausspricht, da namentlich von Polygnot, dem ißoy^d<poq 9 
vorauszusetzen ist, dafs er durch den Ausdruck, welchen er in 
•eine Gemälde zu legen wufste, die Augen der Beschauer gefes- 
selt haben müsse, so können wir diesem Widerspruch nur da- 
durch ausweichen, wenn wir den Ausdruck des Plinius streng 
nach dem Buchstaben Mos auf die Gemälde aus Holz bezie- 
hen, woraus denn folgt, dafs die genannten Meister nicht darun- 
ter begriffen, sondern als Wandmafer zu betrachten Seyen. So- 
mit würde der angeführte Ausspruch des Plinius ihre Gemälde 
ebensowenig treffen , als die auf den Wänden des Lanu vinischen 
Tempels gemalte Helena und Atalanta, welche die Augen des 
Caligula so sehr fesselten, dafs er in Liebe zu ihnen entbrannte. 
Wir sehen voraus, Herr Rochette wird uns diese Exegese nicht 
zugeben, und auch wir fanden uns nur aus dem Grunde dazu 
veranlafst, um zu zeigen, welche Widersprüche entstehen, wenn 
man einen Schriftsteller, wie Plinius, au pied de la lettre erklä- 
ren will. Es ist gewifs richtiger, wenn wir tabula im allgemein- 
sten Sinn von Gemälden verstehen , und die Worte » neque ante 
eum tabula ullius ostenditur , quae teneat oculos « so auffassen , 
dafs die Gemälde Apollodor's , namentlich in Beziehung auf die 
Behandlung von Licht und Schatten, die seiner Vorgänger bei 
weitem übertroffen haben. Es gieng dem Plinius wie noch h. z. 
T. so manchen Schriftstellern , welche über Kunst schreiben , dafs 
sie in der augenblicklichen Begeisterung, worein sie durch die 
Leistungen eines Hünstiers versetzt werden, die Ausdrücke ein- 
zig, un vergleieblich, al les übertreffend, unerreicht 
u. dgl. mit grofser Freigebigkeit gebrauchen , ohne darum ein 
Präjudiz gegen die Werke anderer Künstler aussprechen zu wol- 
len, mit andern Worten 1 man spricht häufig im Superlativ, wo 
man nach der strengsten Consequenz im Positiv oder Comparativ 
sprechen sollte. So ist es auch mit der besprochenen Stelle: 
nulla gloria artificum est, nisi eorum, qui tabulas pinzere. Der 
Ausdruck , der ebenso ausschliefsend lautet , wie der oben ange- 
führte, sagt nicht mehr, als dafs die Gemälde auf Holz ihre Mei- 
ster weit berühmter machen , als die auf der Wand ; und dies ist 
der Natur der Sache ganz gemäfs, denn alle Vortheile, welche 



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» 

zu der schnellen and weiten Verbreitung eines Kunstler-Naraens 
dienen, stehen auf Seiten der Holzgemälde. Sie sind in der Re- 
gel kleiner , der Künstler bann also weit mehr produciren , kann 
sie in seinem Atelier mit aller Mufse in dem ihm günstigsten Lichte 
ausfuhren, und ihnen im Einzelnen eine Vollendung geben, wel- 
che Gemälde auf der Wand, namentlich auf der nassen Wand, 
nicht zulassen; und zu dem allen können sie nach allen Seiten 
bin verbreitet und bei vorkommender Feuersbrunst gerettet wer» 
den. Sind nun die Wandgemälde in den öffentlichen Gebäuden 
der Städte ausgeführt (omnis eorum ars urbibus exeubabat), so 
ist es noch einigermafsen möglich, dafs die Künstler bekannt 
werden : sind sie aber in Häusern der Privatleute eingeschlossen, 
so ist aller Buhm für den Künstler verloren. "Ganz dieselbe An- 
sicht über unsere Stelle finden wir bei Herrn Wiegmann p. 93, 
dessen gehaltreicher Schrift wir folgende Worte entheben: »Es 
mufs uns auffallen , dafs das Verhältnis der Wand- und Tafel- 
bilder ein ganz ähnliches war, wie bei uns zwischen den YVand- 
ond Staffeleibildern stattfindet. Nicht weniger übereinstimmend 
sind die Zwecke jener und dieser. Wie die Alten besondern 
Werth auf den Privatbesitz ausgezeichneter Tafeln legten, oder 
sie in Pinakotheken sammelten, so wir unsere Staffeleibilder. 
Wie die Alten ihre Heiligthümer und öffentlichen Gebäude mit 
durch die Architektur bedingten und mit derselben verschmolze- 
nen Fresken schmückten, — so wir noch heut zu Tage. Und 
dieses Verhältnifs ist in der That auch zu natürlich , als dafs das- 
selbe hätte je ganz verleugnet werden können. Es wird gültig 
bleiben und stattfinden, so lange echte Kunst geübt wird; denn 
es ist ein notwendiges, « 

Wir schliefsen nun die Beurtheilung dieser beiden gelehrten 
Werke mit der Versicherung, dafs wir dieselbe mit vollkomme- 
ner Unbefangenheit unternommen haben. Das uns gewordene Er- 
gebnifs ist das, dafs die Ansicht über die Wandmalerei im alten 
Griechenland, die wir uns bei Lesung des Pausanias und Plinias 
längst gebildet hatten, sich nun durch die nothwendig gewordene 
Prüfung der entgegengesetzten Ansicht zur festen Überzeugung 
erhoben hat Wir wünschen aber jetzt im Interesse der Wissen- 
schaft , dafs die Behandlung dieser wichtigen Frage fernerhin 
nicht mehr als Controvers , sondern als ruhige wissenschaftliche 
Untersuchung geführt werde, und hoffen, Herr Röchelte werde 
in seiner Geschichte der alten Kunst , mit der er schon seit Jah- 
ren beschäftigt ist , seine Vorliebe für eine subjecüve Idee ver- 



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»I Schriften über die Wandmalerei der Alten 

läugnen und den Gegenstand mit der Objectivität behandeln, 
welche des Geschichtschreibers würdig and für Werke, die 
xT^uara cl{ dei scyn sollen, unerläfslich ist. Die verschiedenen 
Bei werbe, mit denen Herrn Bochettes Werk ausgeschmückt ist, 
müssen wir hier ubergehen: vielleicht wird uns Gelegenheit, an 
einem andern Ortte davon zu sprechen. 

Wir wenden uns nun zu den beiden Schriften von Herrn 
Wiegmann und Herrn John, die sich hauptsächlich mit dem tech- 
nischen Theil der alten Malerei beschäftigen, und sich somit an 
die bisherigen Untersuchungen als sehr willkommene Ergänzung 
anschliefsen. - Herr Wiegroann, ein durch O. Muller s Vorlesun- 
gen archäologisch gebildeter Architekt, theilt uns ganz neue, 
durch genaue Untersuchung der Pompejanischen Gemälde und 
durch eigene Versuche gewonnene Beobachtungen mit. Er nimmt 
die vielfach behandelte, und in neuerer Zeit als unergründlich 
fast aufgegebene Frage, wie die Wandmalerei der Alten ausge- 
führt worden sey , wieder auf, und behauptet, dafs es eine Art 
Frescomalerei gewesen , die sich jedoch in mehr als einer Hin- 
sicht von der jetzt gebräuchlichen unterscheidet. Diese Ansicht 
gründet sich hauptsächlich auf die Beobachtung, dafs an Wan- 
den, deren Oberfläche grofs oder auch verziert ist, der letzte 
Stukuberzug nicht in einem Male über die ganze Fläche aus- 
gebreitet worden ist , sondern nach Mafsgabe der Eintheilung der 
Felder, und ausserdem in den Winkeln des Zimmers sich ange- 
setzt zeigt, and dafs auch die Bilder, welche sich innerhalb der 
Felder zu befinden pflegen, von einer Ansatzfuge umgeben sind. 
Daraus schliefst Herr W. mit Becht, dafs eine gewisse Frische 
and Feuchtigkeit des letzten Überzugs zum Färben , Glätten und 
Malen erforderlich war, da sonst mit grösserer Leichtigkeit und 
Gleichheit die ganze Wand auf einmal hätte uberzogen werden 
können. Ferner bemerkte er Umrisse, Eintheilungen und Hfilfs- 
Knien , welche mit einem Griffel eingedruckt und nicht immer 
durch die Malerei wieder verdeckt worden sind. Diese Zeich- 
nungen konnten nur gemacht werden, während die Masse der 
Bekleidung noch weich und für leichte Eindrucke empfänglich 
war; denn in einem bereits völlig erhärteten Stuk hätten sie sich 
wohl einreiben, nicht aber eindrucken lassen. Der Umstand, 
dafs diese Umrisse nicht bei allen alten Wandgemälden sichtbar 
sind , ist kein Beweis für eine verschiedene Art der ßemalung ; 
denn man machte diese Zeichnung nur da , wo es auf grofse Ge- 
nauigkeit ankam; war dies nicht der Fall, so traute man dem 



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von Semper, Kngler, Hermann, Letronne, Rnoul -Rochette etc. 255 

durch Übung geschärften Augenmafse. Zuweilen ist die Zeich- 
nung auch defshalb nicht mehr sichtbar, weil der starke Farben- 
auftrag sie verdeckt hat. Zu diesen beiden Erscheinungen, für 
die sich nur im Falle der Frescomalerei ein vernunftiger Grund 
denken lädt , kommt eine dritte Beobachtung , dafs in jeder Farbe 
ohne Ausnahme, selbst in dem tiefsten Schwarz, Kalk vorhanden 
ist »Wie sollte aber der Antbeil Kalk zu allen Farben kom- 
men, wenn nicht als Auflösung in dem Wasser, welches von 
der feuchten Masse des Stühs aus die Farben durchdringt, und 
dieselben während der Krystallisation als Tropfsteingebilde bindet?« 
Diese durch sorgfaltige Forschung eines in jeder Hinsicht befä- 
higten Zeugen ermittelten Gründe scheinen uns den Gebrauch 
der Frescomalerei bei den Alten so evident darzuthun, dafs die 
von Herrn Hirt in den Abhandlongen der Berliner Akademie 1799 
und 1800 und neuerdings von Herrn Letronne in seinem vierund- 
zwanzigsten Briefe wider sie erhobenen Zweifel dagegen weichen 
müssen. Die Stelle des Vitruvius VII, 3: Colores autem udo 
tectorio tum diligenter sunt indueti, ideo non remittunt, sed fiunt 
perpetuo permanentes , quod calx in fornaeibus exeocto liquore 
et facta raritatibus evanida jejunitatc coacta corripit in se etc. 
handelt allerdings nur vom Bemalen des Stukanwurfes , und wir 
haben auch von dem Architekten, besonders an dieser Stelle, 
weitere Nach Weisungen gar nicht zu erwarten. Anders aber ver- 
halt es sich mit Plinius XXXV, 3i : ex omnibus coloribus cre- 
tutam amant udoque Mini recusant purpurissum , Indicum , caeru- 
leum, Melinum etc. Denn wenn man die Stelle in ihrem Zusam- 
menhang betrachtet, so kann man nur soviel darüber sagen, dafs 
es unentschieden sey, ob von dem blofsen Anstreichen oder von 
wirklichem Bemalen die Rede sey. Wundern müssen wir uns, 
wenn Herr Letronne p. 367 sagen mag : » le verbe dlini dont se 
sert Pline, et cjui ne repond pas du tout au Z&y$a(pglv grec, 
montre, quil ne sagit pas de la peinture proprement dite en cet 
endroit^ l'auteur ne parle que de l'opcration d'enduire les mu- 
railles de ces couleurs plates , qui etaient un des ornemens usites 
par les anciens , während er doch p. 200 in Betreff der Poecile 
in Athen die Ausdrücke des Suidas: 31 £ 0 y p a rp ?; $■ 1 1 a a II01- 
üiXii UXfön, und des Persius Sat. III, 53. illita Media porticus 
in Parallele setzt, und das Wort illinere als eine Hinweisung auf 
Wandmalerei betrachtet. Illinere heiPst nicht anstreichen, son- 
dern die Farbe auftragen. So sagt Plinius XXXV, 36. von Apel- 
les: absoluta opera atramento illinebat ita lenui. Ebenso wird 

t 



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256 Schriften über die Wandmalerei der Alien. 

sublinere gebraucht bei Plin. XXXV, 26. Pingentes sandyce sab- 
Uta — fulgorem minii faciunt. Si purpuram facere malunt, cae- 
ruleum sublinunt. Wenn aber Plinius sagt, das Weifs von Melos 
(Melinum) lasse sich nicht auf frischem Mauerbewurf auftragen, 
so finden wir darin keinen Widerspruch mit der Angabe, dafs 
dieses Melinum eine der vier Hauptfarben war, deren die alten 
Maler sich bedienten : denn sehen wir die Stelle XXXV, 32. na- 
her an, so heifst es : quatuor coloribus solis immortalia illa opera 
fecere, ex albis Melino, ex silaeeis Attico, ex rubris Sinopide 
Pontica, ex nigris atramento, A pell es; Echion, Melanihius, Nico- 
machus, clarissimi pictores, cum tabulac eorum singulae oppido- 
rum venirent opibus: es ist also nicht allgemein von allen alten 
Malern ausgesprochen , wie es Herr Hirt p. 352 und Herr Le- 
tronne p. 367 angeben, sondern nur von vieren, die wir als 
Maler auf Tafeln kennen. Wollte man aber den Ausspruch des 
Plinius auch auf die älteren Maler und selbst auf die Wand- 
maier ausdehnen, so konnten ja letztere das Melische Weifs auf 
einen Kreidegrund auftragen. Herr Lctronne fuhrt ferner an, 
nach Plinius XXXV, 25. haben Polygnot und Micon ihr Schwarz 
aus Traubenmark bereitet, diese vegetabilische Farbe aber sey 
von der Frescomalerei ausgeschlossen; es ist aber nicht gesagt, 
dafs sie dieses Schwarz bei allen ihren Gemälden gebraucht ha- 
ben, sondern unter den verschiedenen Arten, Schwarz zu berei- 
ten, wird auch diese angeführt; dabei versteht sich aber von 
selbst, dafs sie dieselbe nur bei der Art von Maierei, womit sie 
sich vertrug, anwendeten. Die Herren Hirt und Letronne hätten 
noch weiter darauf aufmerksam machen können, dafs sich auf 
den alten Gemälden Purpurissum finde, was nach Plinius XXXV, 
3i. auf dem nassen Bewurf nicht zu gebrauchen ist; allein Herr 
Wiegmann beseitigt diesen möglichen Einwurf damit, dafs diese 
Farbe erst mit Eiwcifs oder der gl. aufgetragen werden konnte, 
nachdem alles Übrige vollendet und durchaus trocken war. Viel- 
leicht gab man auch, um vor der Wirkung des Halbes ganz si- 
cher zu seyn , auf den Stuk einen schwachen Kreidegrund. Solche 
Farben waren naturlicher Weise nie so dauerhaft und fest, wie 
die andern : aber was blieb den Alten für ein anderes Mittel, wenn 
sie nun einmal das Purpurissum anwenden wollten ? — Unter den 
Frescofarben gab es keine ähnliche und giebt es noch gegenwär- 
tig keine. Und die Schönheit und Kostbarkeit derselben entschul, 
digt jene Inconsequenz hinlänglich. 

(Der Be$chlufs folgt.) 



N°. 17. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Schriften über die Malerei der Alten von Semper, Kngler, 
Hermann, Lef rönne, Raoul- Rochelte, Wiegmaim und John. 

(Beschluft.) 

Soweit sind wir ganz einverstanden mit Herrn Wiegmann: 
hingegen sind wir noch nicht uberzeugt , ob nicht auf die bereits 
bemalten Wände einzelne Ornamente enkaustisch aufgetragen wur- 
den. Wenigstens erinnern wir uns einzelner Fragmente von Pom- 
pe janischen Wänden, auf deren roth bemalter Fläche grunlichte 
Decorationen in schmalen Schnörkeln so erhaben aufgetragen sind, 
and einen solchen Fettglanz an sich tragen, dafs man unwillkuhr- 
lich an ein fettes Bindemittel, wie Wachs, erinnert wird. Dafs 
enkaustisebe Malerei in Pompeji ausgeübt wurde, dafür scheinen 
uns schon die daselbst gefundenen Farbentopfe zu sprechen. Wir 
haben obnlängst bei Herrn Bauinspector Sibland in München ein 
solches Gefafs gesehen , mit ziemlich starber Ausbauchung und so 
schmaler Basis , dafs es ohne Zweifel in einem Behälter gestan- 
den hat: und dafs dieser Behälter zur Heizung eingerichtet war, 
sieht man aus den Spuren des Rauches, welche an dem Gefäfse 
in der Gegend der Ausbauchung, welche aus dem Behälter her- 
vortrat, sichtbar sind. Wenn uns aber auch zugegeben wird, 
dafs solche Gefäfse zu dem Apparate eines Enkaustikers gehört 
haben, so ist damit naürlich noch lange nicht bewiesen, dafs die- 
ser Enkaustiker auf den Wänden gemalt habe ; darum möge auch 
diese Bemerkung blos als eine gelegenheitlich hingeworfene be- 
trachtet werden. 

In den folgenden Abschnitten von der Polychromie der Werke 
der Plastik bei den Alten und von der Anwendung des Marmor- 
stuks und dessen farbiger Cbertunchung am Äussern der Bau- 
werke der Alten finden wir des Vfs. Ansichten den unsrigen oben 
ausgesprochenen so nahe stehend, dafs wir eine besondere Aus- 
einandersetzung derselben nicht für nothwendig halten, und es 
konnte pedantisch erscheinen, wenn wir uns bei einzelnen Ver- 
sehen aufhalten wollten, wie p. 107, wo die Kentauromachic und 
Amazonenschlacht am Hypäthros zu Phigalia und die Bildwerko 
vom Apollotempel zu Bassä in Arkadien als zwei verschiedene 
Dinge aufgeführt werden. Als besonders interessant heben wir 
XXX. Jahrg. 8. Heft. 11 



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Schriften über die Wandmalerei der Alten 



das sechste Capitel, Tom Gebrauch wirklicher Gemälde an Bau- 
werken als architektonischer Schmuck , heraus , worin wir das 
schöne Prognostikon der künftigen Leistungen dieses scharfsinni- 
gen Kunstlers zu erblicken glauben. Herr W. kommt hier auf 
den Fries des Erechtheums auf der Akropolis von Athen zu spre- 
chen. Dieser war noch nach Stuarts Zeit vorhanden, und be- 
stand aus eleusinischem Stein, der ein dichter grauer Kalkstein 
ist Auf der ganzen Ober! lache war er mit vielen Löchern ver- 
sehen, welche sich jedoch mit dem nämlichen Marmorstuck aus- 
gefüllt fanden , der die übrige Oberfläche des Steins bedeckte und 
sehr sorgfältig geglättet war. Hier ist nun schwer zu begrei- 
fen, wie ein griechischer Künstler für so wichtiges Bauglied den 
schlechten Eleusinischen Stein gewählt haben solle, während der 
ganze übrige Bau vom schönsten Marmor ausgeführt war. Welche 
Art von Bildwerken sollen wir uns auf diesem Fries denken ? 
Marmor-Reliefs hätten auf Platten gearbeitet seyn müssen , welche 
zwischen dem Vorsprung© des Architravs und des Kranzgesimses 
eingesetzt waren. Dann sieht man aber nicht ein , wozu die vie- 
len Klammerlöcher und der Stuck dienen sollte ; zudem springt 
die Friesfläche nicht so weit hinter den Architrav zurück, dafs 
die Tafeln mit den Bildwerken auch bei mäfsiger Stärke in die 
richtige Ebene hätten fallen können. Bei runden Figuren liefsen 
sich die Klammerlöcher am ehesten erklären; allein wo hat man 
ein Beispiel von runden Figuren in einem Fries, und wozu diese 
auf einem grauen Stein aufstellen, wenn das Übrige von weißem 
Marmor war ? Nun heifst es aber in der Bau-Inschrift des Erech- 
ineums : 

6 'EXtvaiviaxbs 

Xföof | 7tp5c co xot £coa .... 
Da nun ioiov gewöhnlich Gemälde heifst, so macht Herr W. 
p. 1 36 folgende Combination : * Der Fries des Erechtheums sollte 
mit Figuren bemalt werden, — und zwar der Dauerhaftigkeit 
und der Eleganz des Grundes halber — a fresco. Da zu dem 
Zweck der Stein des Frieses mit Marmorstuk überzogen werden 
roufste, so war es nicht nöthig , dafs man dazu den nämlichen 
kostbaren Marmor nahm , aus dem die übrigen Theile des Gebäu- 
des bestanden ; es genügte der schlechtere eleusinische Stein. 
Dieser war aber ein dichter Kalkstein, auf dem der Stuck ohne 
besondere Vorkehrung nicht dauernd gehaftet haben würde, zu- 
mal in einer solchen Dicke, als für die wirkliche Malerei unum- 
gänglich noth wendig war , wenn sie gehörig binden und ihr Grund 



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von Semper, Kugler, Hermann, Letronnc, Raoul-Rochettc etc. 259 



glänzend werden sollte. Deshalb traf man das sehr zweckmafsige 
Auskunftsmittel , jene erwähnten Löcher als sichere Haltpunkte 
des Stucks einzubauen.« Von diesem Beispiele ans schliefst nun 
Herr W. weiter , dafs es bei den Griechen Sitte gewesen , die 
Friese und Metopen an ihren Tempeln mit farbigen Bildern zu 
schmucken, entweder mit halberhabcnen Sculpturen, enkaus tisch 
bemalt, oder mit wirklichen Frescogemälden auf ebenem Grunde: 
und es hat uns wahrhafte Freude gemacht, diese scharfsinnige 
Vermuthung sobald durch entsprechende Entdeckungen bestätigt 
zu sehen. Herr Haoul-Rochette in seinem oben genannten Werke 
p. 391 theilt nach Briefen des Herrn v. K lenze vom 26. Sept. 
und 94. Nov. i834 die Nachricht aus Griechenland mit, dafs zwei 
neugefundene Stucke vom Fries der Propyläen, eines in der Lange 
von zwei Metopen und drei Triglvpben , das andere von drei 
Metopen und zwei Triglvphen, die Eigentümlichkeit darboten, 
dafs die Metopen abwechselnd etwa acht bis neun Zoll tief hohl 
oder voll und glatt waren, woraus sich ergab, dafs die vollen 
Metopen gemalt , die leeren mit Sculpturen ausgefüllt waren. 
Wirklich trugen auch die vollen Metopen sichtbare Spuren ver- 
schiedener Farben , besonders von Bolh und Blau , ohne dafs man 
jedoch die bestimmten Formen der Ornamente unterscheiden 
konnte. Die folgenden Abschnitte dieser Schrift handeln von der 
Enkaustik; der Kausis, die Herr W T . von der Enkaustik unter, 
scheidet, der Anleitung zur Stuckmalerei , und von den Farben, 
Mit diesem letzten Abschnitt sind die Untersuchungen von Herrn 
John p. it2—i43 seiner Schrift zu verbinden, die durch die 
chemischen Kenntnisse des Vfs. grofses Interesse erhalten. Als 
wichtigster Theil dieser Schrift aber erschienen uns die Unter- 
suchungen über die gebrannten Thonarbeiten der Alten in Rück- 
sicht auf ihr Material und Farbe p. 163—189, wozu Herr John 
aus der reichen Sammlung des Berliner Museums die verschieden, 
artigsten Fragmente zur chemischen Zerlegung erhielt. Nach 
diesen einzelnen Abschnitten wäre zu wünschen gewesen, der 
Herr Verf. hätte dem Titel der Schrift gemäfs die alte Malerei 
gerade von dem ihm eigentümlichen Standpunkte aus nach einem 
selbstständigen Plane behandelt: statt dessen aber erhalten wir 
eigentlich einen Abdruck seiner Collectancen. Er giebt nemlich 
zuerst eine deutsche Übersetzung des ganzen fünfunddreifsigsten 
Buches und der übrigen auf Malerei bezuglichen Abschnitte des 
Plinius, und schliefst daran seine Bemerkungen in Form eines 
fortlaufenden Coramentars an. Durch diese Anordnung mag die 



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Dr. Schncckenbargcr 



Schrift für den Anfänger, welcher die ersten Ideen über die Ma- 
lerei der Alten erhalten soll, immerhin ihren Nutzen haben: vor- 
gerücktere Leser aber, denen diese Basis für die Geschichte der 
alten Malerei schon aus dem Originale bekannt ist, machen wir 
auf die zwei oben genannten, frei verarbeiteten Artikel aufmerk- 
sam , welche die Archäologie als schätzenswert he Beiträge eines 
erfahrenen Chemikers mit Dank aufzunehmen hat. 

Tübingen. Chr. Wal*. 



Über da* Evangelium der Ägyptier. Ein historisch kritischer Per- 
tuch von Dr. Matth. Schnekenburger , Prof. d. Theol. an d. Uni- 
versität zu Hern, der historisch- theol. Gesellsch. zu Leipzig Mitglied. 
Bern, bei Jenni. 1834. 45 S. in 8. 

Die neuesten Untersuchungen: ob die geschichtlichen Erzäh- 
lungen unserer kirchlichgültigen (kanonischen) Evangelien aus 
der Tradition*) (historischer Überlieferung) unmittelbarer und 



*) Der Untcmchied , ob Tradition? oder ob Mythe? die Quelle 
unterer Keontnifs Ton Jesu Lehre und Leben scy, ift wichtig. Hi- 
storische Tradition besteht hauptsächlich aus dem, was man 
als geschehen sah und als gesprochen hörte, zum Thcil aber 
auch aus dem, was die Seher und Hörer daran unabsicht- 
lich insofern mehrend und mindernd änderten, als jeder Mensch 
nur nach seiner Fassungskraft auffafst und berichtet. Bemüht sich 
nun der Geschichtsforscher, in dem Tradierten das abzusondern, 
was nach der Individualität der Zeugen nur als ihre Meinung . 
au der Thatsache hinzugekommen oder von ihr weggelas- 
sen war, so bleibt doch aus der Tradition das Factum, 
die Basis des Gesehenen nnd Gehörten ! Die Mythe dagegen wäre 
nur eine aus Meinungen später entstandene und blos ge- 
schichtlich eingekleidete Sage. Sondert der Forscher die 
Meinung ab, so bleibt nicht das geschichtlich glaubli- 
che, sondern nur eine geschieh tartige Einkleidung oder 
Sage, von welcher nicht zu behaupten ist, dafs ihr etwas Gesche- 
henes oder Gehörtes als Factum zum Grund liege. Der Streit zwi- 
schen rationeller Behandlung der historischen Tradition und dor 
Hypothese von Mythen dreht sich demnach am Ende um die Frage: 
ob von Jesu Lehre und Leben uns fac tische Data, Kenntnisse 
dessen, was wirklich war, übrig bleiben, wenn wir die Tradition, 
soviel möglich, rationell von den Meinungen der Überlicferer rei- 
nigen? oder ob, wenn wir nur spätere Mythen, eine Nachgeburt 
der Phantasie, haben, uns nichts wirklich vorgegangenes, kein 
Factum des Worts oder der That, übrig bleibe, sondern nur 



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über da« Crange Ii um 



h den Acgypticrn 



mittelbarer Zeugen des Geschehenen und aus der Auffassungs- 
weise der Zeugen? oder aus später entstandenen und in das Le- 
ben Jesu blos zurückgetragenen »Mythen«, als Glaubenssagen 
und Meinungsverwirklichungen , abstammen? sind allbekannt. Sie 
machen auch aufs neue auf die sogenannte apokryph is che 
Evangelien, auf deren Ursprung, Alter, Verhältniis zu den ka- 
nonischen und zu der christlichen Religionsgeschicbte überhaupt 
aufmerksam. 

Der Verf., welcher gegen die Ableitung des ersten Evange- 
liums von Matthäus und überhaupt von einem Apostel, schon in 
seinen Beiträgen zur Einleitung ins Neue Testament (Stuttg. i83a) 
S. 16 — 47 bemerkenswerthe , aber doch, nach meiner Überzeu- 
gung , durch Berichtigung mancher Voraussetzungen wohl auf- 
lösbare Zweifel auf eine sehr würdige Weise bekannt gemacht 
hat, wurde dadurch auf neue Untersuchungen über das nur nach 
wenigen Fragmenten und alten Notizen bekannte, aber durch eine 
eigene Gnosis sonderbare Evangelium, quod, wie Origenes 
Homil. 1. in Locam sagt, scribitur secundum Aegyptios , geleitet. 

Er hat durch vorliegende Schult das schätzbare Verdienst, 
für mehrere Kenntnifs von diesem Apokryphon eine neue (Quelle 
in dem alten Aufsatz, welcher als Epistola II. Clementis Roinani 
citirt zu werden pflegt und eine Art von Homilie gewesen seyn 
mufs, entdeckt und überhaupt die Verwandtschaft des ägyptischen 
Evangelium mit einem altgnostischen Theil der Ebioniten und 



die Meinung der Späteren, die «ich ihr Meinen durch ■agen- 
hafte Erzählungen anschaulich machten? 

In wiefern geben Homer, Hesiod etc. Mythen? Ihre Glaubens- 
Meinung eetzte Gätter voraus mit gewissen charakteristischen 
Eigenschaften. Nun dachte der Begeisterte, wie jeder Gott nach 
seinem Charakter gehandelt und gesprochen haben könne oder 
müsse. Dies haben diese Gewciheten der Musen, voll vom Geiste 
der Götter, geschichtartig in sinnreiche Sagen verwandelt. Aber 
jeder, der denkt, was Mythe bedeuten soll, weifs, dafs ihm da- 
durch nichts bleibe, als die Kenntnifs , welche Meinung die My- 
thologcn von ihren Göttern hatten , welche Reden und Thaten sie 
derselben würdig achteten. Von den Göttern selbst bleibt durch 
die Mythe nichts übrig. 

Deutlich gemacht ist durch die neueste Durchführung der Mj- 
thenhypothese, dafs nur die Wahl bleibt, ob die rationelle Gc- 
schiehtfornchung uns Lehre und Leben Jesu, als gluubli- 
chei Factum gewähren könne, oder ob nur ein späteres 
Meinen über ihn durch die Mythik übrig seyn solle. 



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262 Dr. Schneckenbnrger 

Therapeuten nachgewiesen zu haben. Auch macht er sehr wahr- 
scheinlich, da Ts die beiden, als alt, merkwürdigsten apobyphi» 
sehen Evangelien, das nach den Hebräern und das nach der 
Ägyptiern, in der Wurzel Eines gewesen seyen. Sie wurden nur 
nach verschiedenen dogmatischen Bedurfnissen , anders bei dem 
popularglaubigen Theil der Ebioniten und Nazaräer, anders bei 
den Gnosticierenden redigiert und mit traditionellen Äusserungen 
Jesu vervollständigt. 

Für unsere Leser, denke ich, möchte das angemessenste seyn, 
wenn ich ihnen theils was ich durch des Verfs. eigentümliche 
Combinationen selbst gelernt , theils was. ich dabei in etwas ver- 
schieden zu denken veranlafst bin, in einem jene urchristliche 
merkwürdige Gedankenreliquien beleuchtenden Überblick vor- 
lege, und zugleich den altchristiichen Unterschied zwischen 
Pistis und Gnosis in Erinnerung bringe. 

Zuvörderst legt Herr Seh. die Stellen vor, welche in den 
Kirchenvätern als Citate aus dem Evangelium noch den 
Ägyptiern autbewahrt sind. Diese Methode, die Texte selbst 
aus den Quellen, mit nöthigen Erläuterungen, darzulegen ist al- 
lein die richtige, weil sie zu eigener Prüfung und Überzeugung 
vorbereitet. Joh. Casp. Orelli hat sie zu gründlicher Bildung 
der Zuhörer am Zürcher Carolinum in den Jahren i8ao — «5 
treftlich durch seine vSelecta Patrum Ecclesiae ad uoriy^Tixriv 
sacram angewendet. Mag man in akademischen Vorträgen noch 
80 viel über schwierige Punkte ans dem Allerthum discutiren, 
ohne das eigene Hineinblicken in die vieldeutigen Überlieferun- 
gen selbst entstehen meist nur moderne, nicht alterthumliche, 
Ansichten. 

Wer die letzten Bucher der Archäologie des Josephus, sei- 
nen judischen Krieg , den Gesandtschaftsbericht des Philo und 
dann das nur allzu Wenige , was von der Zerstörung Jerusalems 
an bis ans Ende des zweiten Jahrhunderts von christlichen Quell« 
Schriften da ist, der Reihe nach ohne Voiui theil liest, wird in 
kurzer Zeit viel anschaulicher in den äussern und innern Zustand 
der Juden und Christen der urchristlichen Weltperiode eingeführt 
seyn , als sonst durch eine Menge umschreibender Beschreibungen. 
Auch für die Theologen sollte (wie Semler und Stroth 
eine solche Förderung des theologischen Quellenstudiums beab- 
sichtigten) eine solche zweckmässig auswählende, gedrängte, nur 
durch die nöthigsten Sprach- und Sacherläuternngen ausgestattete 
»Bibliothek ihrer Classiker« bearbeitet werden; freilich aber 



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über das Evangelium nach den Aegjptiern. 



nicht, wie ja wohl Versuche gemacht worden sind, von Anfän- 
gern, sondern von geübten Sachkennern, die sich von dem An- 
wendbaren nichts wesentliches entgehen lassen , den alten Über- 
flufs von geschmackloser patristischer Vielredenbeit ober zusam- 
men wissen. 

Nach Clemens Strom ata 3, i3. berief sich Cassian, als En- 
kratite auf ein p»;tov, welches Cl. tv rop xat Aiyvnxtovs tvayy. 
fand. Nicht auf eine später mythisch und ohne Ge- 
währschaft entstandene Sage, sondern auf eine Beglei- 
terin Jesu, Salome (vgl. Mark. i5, 40) berief sich der doketisch 
gesinnte Enthaltsamkeitslehrer, indem er die wörtlich dunkle Stelle 
uberliefert: Der Herr habe auf ihr Fragen: wann das, wovon 
gesprochen worden war (??) erkennbar werde? geantwortet: 
»Alsdann, wenn ihr getreten habt die Kleidung der Scham, und 
»wenn die Zwei Eines geworden sind, und das Männliche nebst 
»dem Weiblichen weder männlich noch weiblich ist.« 

Dies klingt orientalisch räthselhaft genug, in der Tbat aber um 
so mehr wie ursprungliche ächte Rerniniscenz und Überlieferung. 
Zum Glück hat der sog. II. Brief von Clemens Rom. die be- 
stimmtere Notiz uns erhalten, auf welche Frage Jesus so ge- 
antwortet habe. Jemand nämlich habe ihn befragt: wann das 
Reich (der messianische höhere Regierungszustand 1 Hör. 1 3, 24) 
kommen werde? und die Antwort sey gewesen: »Alsdann, 
»wenn die Zwei Einet seyn werden, und das Äussere wie das 
»Innere, und das Männliche nebst dem Weiblichen weder mann- 
»lieh noch weiblich.« 

Der Sinn des Rathseis ist demnach unverkennbar eben der, 
welcher Mt. 2a, 3o. Lk. 20, 35. populär und kirchlichfafslich 
ausgedruckt ist. Die Sadducäer hatten Jesu aus der Voraus- 
setzung, dafs nach der pharisäischen crassen Vorstellung durch 
Auferstehung ein zur Fortpflanzung gebildeter Leib zu erwarten 
sey, eioe Einwendung gegen die idealischere Anastase, gegen die 
Fortdauer der Geister in angemessenen Leibern überhaupt, vor- 
getragen. Ihnen deutete Jesus pneumatischer darauf, dafs es 
in dem künftigen Äon des Reiches Gottes Leiber ohne Geschlechts- 
theile geben könne, weil man weder heirathen , noch sich ver- 
heirathen lassen werde , tv m avaoxaati ovxt yapovat , ovx$ 
iuyapi£ov%<xi. Paulus, über die pharisäische craste Dogmatik 
erhoben, deutet auf ähnliche Weise 1 Hör. iö, 39. darauf, dafs 
der Leiber (der organischen Mittel iür das äussere Bewufst- 
werden der Geister) gar mancherlei Arten seyn könnten, 



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204 

« 



auch solche, die nicht mehr für das Psychische, die Animalitat, 
sondern rein der Geistigkeit angemessen ( nviv^arixa ) wä- 
ren. Nach vs. 5o ist ein aus Fleisch und Blut bestehender Leih 
für jene ewige paoiXiia deov nicht zu erwarten, da die ßaoe 
Acta tov $eov nicht in Essen und Trinken bestehe. Rom. 14, 17. 
(Das Pneuina des Urchi istenthums ist, in allen solchen Stellen, 
die leidenschaftlos wollende Vernunftkraft des die begehrende 
iJ^^tj (to «juSvuijtixov) sowohl als den Leib regierenden Geistes.) 

Auch Jesu mehr änigmatische und deswegen schwerlich un- 
echte Beantwortung ging demnach darauf, dafs »nach dem ir- 
dischen Tode, wenn man auf diesen Leib, dessen Glieder zum 
Theil Scham erwecken, als auf einen abgelegten und der Erde 
übergebenen trete, ein Gottesreich beginne, wo man weder 
Mann noch Weib (weder heirathend , noch sich verheirathen las- 
send) sey, wo vielmehr das Äussere wie das Innere, das ist Alles 
geistig, und für das Geistige passend, seyn werde.« (Dies wäre 
das, was man dann einen verklärten Leib nannte.) 

Der Enkratite Cassian aber fehlte darin, dafs er, was Jesus, 
zwischen der pharisäischen crassen Behauptung und der saddu- 
cäischen grundlosen Verneinung künftiger Organisationen für die 
Menschengeister in der Mitte stehend, von einer ohne Verdauungs- 
und Fortpflanzungs-Organe wohl im höheren Aon denkbaren Kör- 
perlichkeit gesagt hatte, gegen die Fortpflanzuug diesseitiger 
irdischer Organisationen anwenden und das diesseitige Gebähren 
deswegen (gegen den Sinn Jesu, Matth. 19, 11. 12.) hindern zu 
müssen meinte. Auch dieser Irrthum entstand, weil die populäre 
Theologie damals, wie fast immer noch, die Sunde nicht im im- 
perativen Wollen des Geistes fand, sondern die zur Zeugung 
physikalisch nothwendige Erregbarkeit des Leibs, indem sie in 
das Leidenschaftliche ausarten kann , als Sünde deutete. 

Abgesehen von dem Dogmatischen dieser Gnosis (die wir 
übrigens nach S. 4* 5. bis von der pythagoräischen Zahlenphilo- 
sophie abzuleiten für allzu entfernt halten) fuhrt nun Herr Sch. 
S. i3 einen Schritt weiter. Ein Gluck ist's, dafs die Epa II. Cle- 
mentis jene Hauptstelle aus dem ägyptischen Evangelium aufbe- 
wahrt hat. Wir erfahren dadurch, nicht blos was Jesus antwor- 
tete, sondern auch wie er befragt worden war, und dafs also 
seine Antwort nicht auf den jetzigen Erdenzustand, sondern dar- 
auf sich bezog , wie ein Beich Gottes unter den Auferweckten 
und mit neuen, aber umgewandelten oder verklärten Leibern auf 
der Erde (in dem neuen Jerusalem ?) bestehen werde. 



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über da* Evangelium nach den Aegyptiern. 



Das Weitere ist noch etwas mehr problematisch. Auch die 
dogmatischen Grundideen des Clementinischen Fragments stim- 
men, wie der Verf. bemerkt, mit dem, was die speculative 
Parlhie unter den Ebionifen lehrte und gnostisierte , uberein. 
Sollten also, fragt er weiter, nicht auch die übrigen Evangelien- 
citate in derselben Reliquie aus dem ägyptischen Evangelium ge- 
nommen seyn? Dadurch wurde unsre Henntnifs von diesem um ia 
Citationen, welche §. 8. angiebt und beleuchtet , vermehrt werden. 

Ich finde nichts bedeutendes, was gegen diese Wahrschein- 
lichkeit einzuwenden wäre. Denn dafs Eine der zv»ölf Citalionen 
— Xiri* yap xvptoc iv to zvayyikua* ti to uixpo? ov* e-r >.('>> 
aaxt, to peya xi$ vptv ^att, Xfyo yap vutv, öri b itioibQ 
iv LXayioKo xal iv itoXX(3 moioq iaxi — mit Lukas 16, 1 1. 
»örtlich übereinstimmt, an Matth. s5, 23. aber nur entfernter 
erinnert, beweist uns nicht das Gegentheil, da die Redactionen 
der apokryphischen Evangelien offenbar späterhin ihre Texte im- 
mer mehr vervollständigten = ein einziges EvayyiXiov aber 51X17- 
pfOTaxov haben wollten. Sollte jedoch auf diese von dem Verf. 
scharfsinnig gefundene Probabilität einst etwas weiteres gebaut 
werden, so würde, dafs sie indefs nur eine Wahrscheinlichkeit 
ist , alsdann nicht vergessen werden dürfen. Man baut vergeb- 
lich, wenn nicht, so oft ein neuer Stein aufgestellt werden soll, 
die Festigkeit der Grundlage genau sondiert wird. 

Indefs scheint auf alle Fälle durch diese erweiterte Henntnifs 
von dem ägyptischen Evangelium weniger, als ich wünschen 
mochte, gewonnen, weil schwerlich zu bestimmen seyn wird, in 
welcher Zeit diese Epistola II. oder diese Homilie dem Cle- 
mens Rom. untergelegt worden sey. Wahrscheinlich doch nicht 
so lange er lebte? Wäre es früher entstanden, so müTste ein 
Umstand auffallend werden , den der Verf. nicht hervorgehoben 
hat, der Umstand nemlich, dafs wo die (S. s3 — 28) angegebenen 
und beurtheilten Citate des Briefs mit dem Matthäustext überein- 
kommen , sie auch schon den griechischen, nicht einen chal- 
däischen syrischen, Text als ihm einverleibt zeigen. Wie nun 
auch dasjenige Hebräer-Evangelium, welches Hieronymus 
aus dem mit hebräischen Buchstaben aber in chaldäisch - syrischer 
Sprache geschrieben, von den Nazaräern zum Übersetzen ins 
Griechische und Lateinische erhalten hatte, Spuren der Ent- 
stehung aus dem griechischen*) Matthäustext in sich 

') Ich habe aie in diesen Jahrbb. 1832. Juli, S. G30-S5 deutlich gemacht. 



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zw 



Dr. Schncckenburger 



hat, so werden, wenn das ägyptische Evangelium der Epa II« 
Dementis zum Grund liegt, diese Spuren vermehrt, dafs der 
griechische Text des Matth, schon die Grundlage dieser zwei 
Hauptstämme des Hebräerevangeliuros sey , welche mehr für 
hebraizirende als für gräcissirende Judenchristen aus Traditio- 
nen (wie von Salome) vervollständigt, aber nach dem Zweck der 
Partheien verschiedentlich modißcirt wurden. 

Der griechische Matthaustext dagegen war, wie mir sein 
Inhalt beweist, mehr für die griechischen Judenchristen in 
Galiläa aus früheren Aufzeichnungen des Zollpachters, Matthäus, 
zu Capernaum, zusammengetragen und so redigirt, dafs diese 
galilaischen und alle gräcissirenden Judenebristen das, was von 
den hebräischen oder alt palästinischen Juden an Jesu, des Mes- 
sias, Schicksalen anstößig aufgefafst werden mochte, durch alt- 
testamentliche Parallelen und Analogien desto eher vertheidigen 
konnten. Das Innere dieses galilaischen Evangelium pafst so sehr 
auf den bei Capernaum stationirt gewesenen Zollpächter Matthäus, 
dafs wir hierin die Tradition nicht bezweifeln können. Je viel- 
seitiger sie mit Scharfsinn betrachtet und bezweifelt worden ist, 
desto schärfer werden nach und nach die Grenzlinien erkennbar, „ 
innerhalb deren sie als wahr besteht, weil der Inhalt des Evan- 
gelium mit der äussern Hunde harmouirt. 

Sehr richtig ists, dafs weiterhin der VI. bei Betrachtung der 
mit einander nahe verwandten ältesten apokryphischen Evangelien 
zugleich auf den historisch und psychologisch gewissen Unterschied 
ihrer Partbeimeinungen und Bildungsstufen viele Rücksicht nimmt. 
Sogar unter den Ebionäern, die doch meist aus palästinischen 
Judenchristen, welche wegen der romischen Zerstörung aus Je- 
rusalem und dem Lande flohen, als abgesonderte Gesellschaft ent- 
standen waren, und bei denen also meist nur eine populäre Pi- 
stis (persuasio fiduciam et Ii dem gignens) vorauszusetzen ist, 
zeigt sich, wie ich auch sonst schon bemerklich machte, unter 
dem Namen Elxai (das ist El-csai = Gottesge- 
heimnifs) eine Gnosis. 

Nur ist unter dieser Bemerkung nicht speciell an die durch 
Irenäus bekannter gewordenen Gnostiker zu denken, welche sich 
besonders mit allerlei gleichsam genealogischen Ableitungen der 
Geistcrwelt und des materiellen und moralischen Übels aus dem Ur- 
wesen abmüheten. Nicht nur überhaupt bedeutet yivvoxtiv immer 
ein tieferes, genaueres Erkennen. (Das yyo&t oeavioy 
fordert zur Tiefkenntnifs und Scheidung dessen auf, was im 



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über dat Evaogdium nach den Aegyptiern. 261 

Menschen subjectiv und was individuell ist) Um die Zeit des 
ürcbi isienthums schrieb schon in jeder Parthie der selbstdenkende 
Theil sich eine Gnosia zu, insofern er die populäre Pistis von 
allzu sinnlichen Vorstellungen reinigen und dadurch glaublicher 
machen zu kennen bemuht war ( wie z. B. nach dem oben er- 
wähnten aich Paulus die neue Kürperauferstehung pneumatischer 
dachte.) Man wufste wohl, wie Gegner sich eine Gnosis als 
tiefere Kenntnifs zuschrieben, und nannte sie deswegen (nach 
i Timoth. 6, ao.) eine ^tvdinvv^. Sie lege den schönen Na* 
men ihren verkehrten Speculationen fälschlich bei. Auch der 
1. Br. v. Job. redet schon gegen solche, welche zu sagen liebten: 
syo lyv&xa 'Avxörl 2,4-, welche also ausdrucklich unter der 
Benennung jvaaiq sich eine Tief kenn Itiifa (dafs nämlich die 
Sunde nur in der crup(, nicht im Pneuma sey) zuschrieben und 
in dieser Beziehung die Johanneische Christen als beschränkt- 
denkende und allzu ängstliche verachteten. Dagegen sagt der 
Brief mit Recht und immer beharrend auf dem Kunstwort syrav 
xaucy, dafs Job. und die Seinigen die ächte Gnosis über die Sunde 
hätten, die nicht in der oafi sey, da auch der Messias einen 
wahren Menschenleib gehabt habe. 

Die sittlich schädliche Seite des Doketismus, welche denn 
auch leicht in ein Verbieten der Ehe, der Speisen etc. *, a. 
uberschreiten konnte , hatte sich also schon in dieser frühen Zeit 
gezeigt. Und überhaupt ist es zu allen Zeiten psychologisch nicht 
anders möglich, als dafs die Meisten sich an unentwickelte Über- 
zeugungen als an ihre Pistis glaubenstreu (gleichsam ankle- 
bend) halten, Andere aber das überschwengliche Wie und War- 
um tiefer und höher, superrational und sogar speculati? (von 
oben, gleichsam aus der Adlers-Perspective, vom Absoluten her- 
ab) zu erkennen d. i. eine Gnosis zu haben sich bereden. Des- 
wegen steht zu allen Zeiten diese unächte Gnosis, welche das 
wesentliche Seyn Gottes und der Geister durch gnädige Mitthei- 
lungen zu erkennen und die menschliche Rationalität zu überstei- 
gen (zu transcendiren) oder zu überfliegen meint, auf Stufen 
von gröTsercr und grÖfserer Hohe und blickt von ihren Höhen auf 
alles, was nicht sie selbst ist, als auf das Fade, Leere, Niedrige 
und Niedrigere herab. Die rationelle Gnosis hingegen steigt, wie 
der Johannesbrief in seiner wahren Ergründung des Sitzes der 
Sünde, in die Selbstkenntnifs des menschlichen Geistes und sei- 
nes Verhältnisses zur Natur und zu Gott mit beller Beobachtungs- 
kraft binab , wird dadurch dessen , was gottandächtige aber zu- 



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2(58 Dr. Schncckenburger 



gleich helldenkende Menschen über das GÖttlichvoIlkommcne und 
über alles übrige Unvollkommene theils erschliefscn theils beob- 
achten können, gewifs und berichtigt sich das, was in den un- 
Maren und unbestimmteren , wenngleich redlichen , Überzeugun- 
gen der Ungeübteren mehr Ahnung und Meinung, als reine, vor- 
urteilsfreie Gewifsheit seyn kann, ohne Übermut h und Eigen- 
dunkel , so , dafs sie auch in die Pistis , insofern dies Wort den 
Glaubensinhalt bedeutet, richtigeres, soviel es ohne Störung des 
Vertrauens geschehen kann, durch Grunde all mahl ig uberträgt. 

Jesus mufste zu seiner Zeit dem Pharisäismus im Setzen 
der äussern Handlungen über die praktische Gesinnung und in 
crasseren Dogmen, dem Sadducäismus aber in dessen politi- 
scher und theoretischer Selbstsucht, mit Ernst und Eifer als der 
Messias , das ist als Verwirklicher eines geistigen Reiches Gottes, 
entgegen seyn. Nur das Gottandnchtige der Essäer oder 

Seelenärzte, O^DN (- v gl* a °ch welche auch einige 

• M • | II 

Heilungskenntnisse , ohne Theorie , nach ägyptischer und über- 
haupt orientalischer Weise unter sich hatten, mufste als das Bes- 
sere aus dieser dritten judischen Religionspaithie Ihm näher ste- 
hen, ungeachtet er von den Sonderbarkeiten derselben unabhän- 
giger wirkte, als der Täufer Johannes. 

Diese Essäer nun theilten sich, dem Lande nach, in palästi- 
nische und ägyptische. In beiden Ländern lebten manche ganz 
abgesondert ihreo geistigen Beschauungen und Andachtübungen. 
Die palästinischen , nach Plinius Hist. natur. in der Nähe des 
Asphaltsees, also auch in der Nähe von dem Geburtsort des 
Täufers. Die in Ägypten bei Alexandria können durch den grie- 
chischen Namen Therapeuten, wenn er gleich ebenfalls nichts 
anderes als Seele närzte bedeutet, treffend unterschieden wer- 
den, weil sie für ihre Contemplation auch, was sie durch das 
Griechische erfahren konnten, theosophiscb benutzten. Die von 
der strengeren Observanz am todten Meere wohnenden schöpften 
mehr aus dem Hebräischprophetischen. 

Die meisten von beiden Parthien und Ländern aber waren 
auch in vielen Orten als die Stillandächtigen im Lande, zerstreut 
und waren äusserlich an ihrer weifsen Kleidung kennbar. Nach 
Josephus v. jud. Kr. II, 6. p. 785. Xev^etf*oyiiv Sia nuvroq tv 
xaXa r&gvxai. Sie haben, sagt derselbe ferner, nicht Eine 
Stadt (allein für sich), aber in Jeder wohnen Viele mit. 
Und Denen, welche anderswoher kommen, (sie blieben 



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über das Evangelium nach den Aegypticrn. 2G9 



also auch nicht allzu beschränkt auf die Heimath!) wird alles, 
was sie haben, wie eigen, dargeboten und sie tretten bei denen, 
die sie vorher nicht sahen, ein wie die gleichartigsten Bekannten. 
Deswegen machen sie auch ihre Beisen in die Fremde = <*»o- 
ditfiiac, ohne etwas mitzutragen. Nur wegen der Bäuber sind 
sie bewaffnet. (Vgl. Matth. 10, 10 — 13. Lüh. 22, 36.) 

Die Natur der Sache bringt es mit sich, dafs viele von die- 
ser zerstreuten und doch zusammenhaltenden Volksklasse für Jesu 
Auf forderungeu empfanglicher und , bei äusserer Armuth, im Geiste 
beseeligt (Mt, 5, 3.), wohl auch für das Bechte, die Jiaxcuo- 
avvr, , wirksam waren. 

Die vor dem Sclavenpressen der romischen Eroberer (Luk. 
21, 24«) fliehenden Christen im Lande waren naturlich Ebio- 
nim, meist arme. Sie hatten ohne Zweifel manche Essäisch- 
erzogene unter sich. Eine ziemliche Zeit vor dieser Flucht mufs 
schon das Evangelium oder die Memorabiliensammlung des Mat- 
thäus , meist aus seinen galiläischen Aufzeichnungen, geordnet 
worden seyn. Was darin über die Tempelzerstörung und die Be- 
lagerung Jerusalems gesagt wird , ist noch weit einfacher, als das 
bei Lukas, also von den Vorboten des Erfolgs noch entfernter. 
Lebensbeschreibung ist der Zweck nicht. Die Forderungen , die 
man daran, als Biographie macht, sind willkuhrlich und unbillig. 

Wer nun von solchen Flüchttingen essäisch -christlicher Art, 
die nach Matth. 24, 20. noch den Sabbat beobachteten, nach 
Pella oder weiter nach Arabien zog, blieb mehr in der palästini- 
schen Sprache und Weise, da jenseits des Jordans weithin Juden 
ansässig waren. Diese mögen dann auch in ihrer Pistis ebio- 
ni tisch heifsen , ohne dafs es recht und billig ist, ihre noch 
zeitnahe Kenntnifs von Jesu Persönlichkeit armseelig zu 
nennen. 

Andere nach Ägypten geflüchtete wurden mehr therapeutisch- 
gnostisch. Beide modificirten ihr Evangelium nach dem Gang 
ihrer Ausbildung; das der Ägyptischen wurde gnostischer, in dem 
oben angegebenen Sinn eines Strebens nach einer über die Pistis 
mehr transcendent als rationell sich erhebenden Tieferkenntnifs. 
Aber die Grundlage ihres beiderseitigen Evangeliums war eine 
gemeinschaftliche und schon vorhandene. 

Darauf deutet auch eine dritte Bedaction, die durch Ori- 
genes behanntere und von Hieronymus^ins^Griechische und Latei- 
nische ubersetzte, welche er von hcbräischen'Christen in 
Syrien als in chaldäischsyrischer Sprache, aber mit hebräischen 



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270 Dr. Schneekenbarger üb. d. figypt. Evang. 

Buchstaben geschrieben erhielt und die (mochte doch seine dop- 
pelte Übersetzung noch irgendwo gerettet seynü) viele eigene 
Anekdoten und Zuthaten gehabt haben mufs, weil er sie sonst 
nicht besonders ubersetzt haben wurde. Nach dem, was er dar- 
aus mittbeilt , war sie mehr historisch und nicht so umgebildet , 
wie Epiphanius aus der ebionitischen (seiner Zeit) Beispiele giebt. 

So lange wir der Regel folgen werden, dafs das Einfachere, 
wenn es nicht Merkmale der Entstehung durch Epitomiren (wie 
das Markusevangelium) in sich hat, das Ursprungliche ist, werden 
wir das so einfache galiläische Aneinanderreihen fragmentarischer 
Memorabilien , das die Tradition Matthäusevangelium nennt und 
dessen Inhalt so gut aus den Verhältnissen dieses Zolleinnehmer« 
bei Capernaum zu erklären ist, für die frühere Grundlage zu hal- 
ten habe, welche, schon als griechisch, Lukas durch zwei 
kleine Sammlungen (K. 1. u. 2. als libelltts de Infantia und dann 
K. 9, 5i. — 18, 14. ein libellus ltinerum ) vermehrte, Markus 
ebenfalls aus dem Griechischen epitomirte. 

Die syrischen Nazarencr hatten es späterhin (wahrscheinlich 
als ubersetzt) im syro-chaldäischen Dialekt mit hebräischen Buch- 
staben, durch allerlei, soriel aus den Überresten zu sehen ist, 
historischen Anekdoten vervollständigt. Die ägyptischen oder 
therapeutischen suchten für ihre Theosophie mehr änigmntisehe 
Überlieferungen, erwünschte Paradoxien von einer Salome, de- 
ren auf perfectior deutender Name schon bedeutsam scheinen 
mochte. Diese Redaction aber deutet auch auf Abstammung aus 
dem Griechischen als Urtext. 

Die transjordanische, gewohnlich ebionitisch genannte, ist 
am wenigsten bekannt, scheint aber ebenfalls — wenigstens bis 
eine Geheimnifslehre , elcesaitisch genannt, dazu kam — syro- 
chaldäisch gewesen zu se?n. 

- 

a8. Jan. 1O37. Dr. Paulus. 



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Chr. G. Schütz, Darstellung ■. Lebens, Briefe u. t. w. 271 

1 



Christian Gottfried Schütz. Darstellung deines Lebens, Charakter» 
und Verdienste»; nebst einer Auswahl aus seinem literarischen Brief- 
wechsel mit den berühmtesten Gelehrten u. Dichtern seiner Zeit. Her- 
ausgegeben von seinem Sohne, Friedr. Karl Julius Schütz. I. Bd. 
XU. 484 S. Briefe von Philologen. II. Bd. WML 558 S. Briefe von 
andern Gelehrten und Dichtern. Halle 1834. 1835. bei Scharre. 8. 

Mit Einstimmung las Ref. kürzlich bei der Recension des 
tod 8 nebelischen Briefwechsels die Bemerkung eines Zeit- 
kenners in der Allg. Literaturzeitung Nor. i836. S. 417: »Wer 
durch amtliche oder andere Verhältnisse die hentige Jugend in 
den höhern Classen der Gymnasien und auf den Universitäten 
kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat , wird es mit uns bekla- 
gen, dafs das jüngere Geschlecht immer weniger von 
der Geschichte der nächsten Vorzeit weifs and dafs ihm 
die lyrischen and epischen Dichter aus dem Zeitalter der Hohen- 
Staufen besser bekannt sind als Gdthc, Schiller, Herder, 
Wieland, Vofs und Andere, durch welche seit Leasings Zeit 
die deutsche Literatur einen so glänzenden Aufschwung erhalten 
bat.« Dies gilt unstreitig nicht blos, ja nicht einmal hauptsäch- 
lich, in Beziehung auf das Schöngeistige, sondern noch viel- 
mehr auf den Gang der wissenschaftlichen Aufklärung 
überhaupt. Wie wenige hätten sich wohl von einigen nach Kant 
und Fichte einst schnell aufgeschossenen , indefs aber ins Stocken 
gerathenen Grofsphilosophen nach dem Sprichwort: Verdammt 
sey, wer vor Uns etwas erfunden hat! bereden lassen, dafs das 
Vorausgegangene nur Aofklärerei gewesen sey, wenn sie auch 
zuvorderst nur literarisch - historisch zu wissen sich bemüht hat« 
ten, was alles vorher, seit Friedrich der Grofse den freithätigen 
Verstandesgebrauch mit allen seinen klüger machenden Pro und 
Contra zum zuverlässigsten Alliirten und Garanten seines neuge- 
schaffenen, gegen allen Unverstand und Schlendrian protestanti- 
schen Staates gewählt hatte, in allen Fächern wegzureinigen, 
hinauszakiären und durch anderes, wenngleich nicht vollkomme- 
nes, doch nicht lichtscheues, aber auch nicht überspanntes und 
alleinrechthaberiscbes zu ersetzen gewesen sey. Und wieviel ar- 
rogantes , zweckwidriges , ja unsinnig verderbliches wurde hof- 
fentlich unterlassen, wie viele durch unvorbereitetes oder ohne 
verständige Mäfsigung benutztes Vorschreiten verursachte Ruck- 
schritte und Ruckfälle wurden leicht erspart worden seyn, wenn 
mau zurückgeblickt hätte, durch welche Vereinigung der nach 
Ehre and Ruhm strebenden Grofsen und Machthaber mit denen 



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272 Chr. 6. Schutz., Darstellung Lebens , Briefe a L w. 

« 

das Ehrenhafte vorschlagenden Rathgebern und Gelehrten mehrere 
Decennien hindurch viele verbesserte Institutionen, ohne Papier- 
Verschwendung, in die Wirklichkeit versetzt worden sind, wel- 
che seitdem durch Unkenntnifs der erprobten Mittel und Wege 
in Beargwohnung gestürzt und auf Jahre hinaus rückgängig ge- 
macht sind. Die Geschichte wird nur dann die Lehrerin der 
Menschen , wenn man , wodurch und wozu das Bedeutende ge- 
seheben ist, im Detail, pragmatisch und psychologisch kennen 
lernt. Da immer nur unter gleichen Umständen gleiches zu ra- 
then seyn bann, so ist nichts ralhsamer, als dafs von Denen, 
welche wirken wollen, jenes Detail vornehmlich an denen noch 
näheren Vorgängen der nicht schon allzusehr abweichenden Epo- 
chen der Vorzeit bis zur speciellsten Sachkenntnis studirt werde. 

Dergleichen Betrachtungen erneuern sich sehr natürlich bei 
einem sechsundsiebenzigjährigen Zeitbeschauer , besonders wenn 
die interessanten Briefsammlungen von Männern, denen er gleich- 
zeitig und geistesverwandt gewesen zu seyn als das reinste Glück 
seines Lebens schätzt, wieder durch Eine vermehrt wird, welche 
besonders in die Studierzimmer der Literaten und in das Pro- 
blem , was , und wie es nach Umständen ihnen möglich wurde, 
hineinblicken läfst. Schütz selbst hatte feines encyklopädisches 
Talent genug, um nicht allein als Philolog im umfassenden Sinn, 
sondern auch, da die Philosophie, in viele Terminologie und Dia- 
lektik gehüllt, in die Vorderreihe trat, den Geist aus dem Buch- 
staben in eine mehr geniefsbare Tinctur herauszuziehen und sogar 
in entfernteren Fächern als Bedacteur einer damals einzigen Be- 
urtbeilungsanstalt über die Gesammtliteratur die geistigere Behand- 
lung zu fördern. Auch seine philosophirenden Programme und 
manches Extemporisii te dieser Art gehört zu dem durchsichtig- 
sten oder durchlcuchtendsten jener antiskeptischen Kristallisatio- 
nen, die aber mit dem Karfunkel der mittelalterlichen Bomantiker 
und Leiermänner nichts gemein hatten. Auch durch Zudring- 
lichkeiten der Bonaventura s und anderer Herrschgierigen erhielt 
er sein Institut und seine Laune ungestört. 

(Der ßcschlufs folgt.) 



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N°. 18. HEIDELBERGER ' 1837. 

/JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

ggg ^ mssassssss g^gg " 1 " i 

Chr. G. Schute, Darstellung seines Lebens, Briefe u. s. w. 

( Betchluft.) 

Wer als Menschenkenner lesen kann und zu combiniren 
versteht (was freilich schwerer ist, als das apriorische Construt- 
ren oder das dialektisch mythische Destruiren der Geschichte !) 
der wird aus den beiden Bänden, welchen hoffentlich der 
dritte bald folgen wird, zwar nicht ganz neue Gestalten, 
aber doch viele Zuge in das literarische Zeitgemälde der nächsten 
Vergangenheit einzutragen finden. Mich selbst hat es erfreut, 
durch das im II. Tb. S. 3 06 — 329 aus meinen längst vergessenen 
Briefen Mitgetheilte wieder an manche heitere Stunde und an 
Verhältnisse erinnert zu werden, aus denen uns nichts reuen darf. 
Ich bekenne den Wunsch, dafs ich gar gerne noch, was der zeit* 
kundige Biograph seines Vaters aus den vielen Briefen von Gries- 
bach auswählen wird, zur Beminiscenz zu lesen bekommen möchte. 
Der mannhafte Griesbach, wie oft steht er noch vor mir, mit 
seinem lächelnden Scharfblick, mit der Zuverlässigkeit und Nicht- 
aufdringlichkeit seiner Forschungen, die auf den mühsamsten, 
vom Kleinen zum Umfassenden aufstrebenden Lucubrationen be- 
ruhten , mit der Umsicht, im Leben für Kirche und Staat wie in 
der Wissenschaft nur um des Praktischen willen der möglichst 
richtigen Theorie nachzuspüren , und dann zugleich mit jener auf- 
richtigsten, festen Biederkeit, den redlich dissentirenden nichts 
entgelten , den Jüngern von seinem Übergewicht nichts drücken- 
des fühlen zu lassen! Dafs ich ihm, einem solchen Mann, die 
fiübzeitige Einführung in akademische Wirksamkeit, von der mir 
Geistesausbildung und soviel inneres Glück abhieng', vornehmlich 
zuzuschreiben hatte, darüber und für sein lebenslängliches Ver- . 
trauen wird mein Dankgefühl nie verloschen. Ich darf wohl be- 
kennen, dafs, wie mir der gelehrteste, consequenteste und herz- 
lichste supernaturalistische Dogmatiker, Dr. Storr, bei den ab- 
weichenden Uberzeugungen oft zum Maasstab, was er mir ent- 
gegenzuhalten haben würde, geworden ist, ich ebenso bei exe- 
getisch kritischen, psychologisch historischen, auch chronologi- 
schen Untersuchungen , welche auch nur nachzuprüfen jetzt nicht 
XXX. Jahrg. 3. Heft. . •„ 18 



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274 ' * Müller i Arithmetik und Algebra. 

modisch ist, mir gar oft den gegen Neues nie abgeschlossenen, 
aber auch nicht nachsichtigen Blick Griesbachs vergegenwär- 
tigte, um, wie weit ihm meine Probabiiitäten genügen könnten, 
voraus zu wissen. Ehrwürdige Zeit , die uns solche Vorbilder 
gewährte. 

Jan. 1837. Dr. Paulus. 



Arithmetik und Algebra , nebst einer systematischen Abhandlung der juri- 
stischen, politischen, kamcralistischen , sowie der im Leben überhaupt 
vorkommenden praktischen Rechnungen. Von Dr. Anton Müller, 
grofsherzogl. Bibliothekar und Privatdoeenten an der Universität zu 
Heidelberg. Heidelberg, Mohr, 1833. 8. MI 11. 587 S. 

Die Ausarbeitung und Herausgabe dieser Schrift ist zunächst 
durch den Umstand veranlafst, dafs die praktische Arithmetik seit 
langer Zeit keine Tollständige Bearbeitung erhalten hat, und des- 
halb dem Geschäftsmanne die Hülfsraittel , deren er bedarf, wenn 
es sich um wichtige Rechnungsfragen handelt, nicht zu Gebote 
stehen; ferner dafs, grofstentheils wegen eben dieses Mangels, 
beim Unterrichte in gelehrten Anstalten auf Fragen aus der prak- 
tischen Arithmetik nur wenig Bucksicht genommen wird. Ein 
anderer Bestimmungsgrund lag in der Uberzeugung , dafs die 
theoretische Arithmetik in manchen Punkten einer wesentlichen 
Verbesserung und Nachhülfe bedürftig ist. 

Bei der Bearbeitung der theoretischen Arithmetik bin ich 
von der Ansicht ausgegangen, dafs die Angabe der Mittel und 
Wege, wodurch die Beantwortung der, durch die Bedürfnisse 
des Lebens (in der weitesten Bedeutung) hervorgerufenen Rech- 
nungsfragen möglich wird, die Aufgabe der allgemeinen Arith- 
metik ist; der Mensch mufs sich durch sie befähigen, und für 
alle Fälle einen Haltpunkt in ihr finden können. Um aber diese 
Aufgabe richtig zu lösen hielt ich folgende Punkte fest 

Der Mensch, wie er aus dem Leben kommt, mit seiner Ge- 
wohnheit, nur das Einzelne zu nehmen, unterscheidet leicht an 
Gegenständen jene Eigenschaften, vermöge welcher sie als ein 
Ganzes constituirend genommen werden können. Die Fragen, 
welche in Bezug auf solche Gegenstünde stellbar sind , sind zu- 
gleich so einfacher Natur, dafs ihre Beantwortung nicht schwer 
fallt. Deshalb, und weil keine Aufgabe denkbar ist, wo nicht 
wenigstens eine dieser Elementarfragen vorkäme, ist die Beant- 
wortungweise derselben der erste Gegenstand der Beschäftigung. 



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Müller i Arithmetik und Algebra . - 173 

Hierbei bleibt der gewöhnliche Mensch stehen ; er lieht sich 
in den Stand gesetzt, in einem gewissen Kreise alle einzelnen 
Fragen zu beantworten. Allein die Einsicht schreitet auch wei- 
ter: man erkennt an vielen einzelnen Fragen ein Gemeinsames, 
man unterscheidet Fragen derselben und Fragen verschiede- 
ner Art; es wird Bedürfnifs, ein einfaches Mittel zur gemeinsa- 
men Beantwortung der Fragen einer Art zu gewinnen, man 
kommt auf die Bildung und Festhaltung von Ausdrucken (Zahl- 
formeln), wodurch man der Zurückschreitung zum einzelnen 
Falle uberhoben wird. 

Sobald aber Fragen einer, und Fragen verschiedener 
Art unterschieden werden, giebt sich auch bei Fragen verschie- 
dener Art etwas Gemeinsames kund, wodurch sie verwandt wer- 
den , und ebenso stellt sich in den allgemeinen Beantwortungs- 
weisen derselben eine überraschende Ähnlichkeit dar. Es wird 
deshalb ein weiterer Schritt gemacht, und die gemeinsame Be- 
antwortungsweise von Fragen verschiedener aber verwandter Ar- 
ten aufgesucht Je gröfser dieser Schritt der Einsicht ist, desto 
schwerer ist er. Allein die Erkennung des Grundes, warum Fra- 
gen verschiedener Art verwandt erscheinen, fuhrt zum Ziele: es 
beruht alles auf der Beziehung, in welcher die Gegenstande in 
den Fällen der einzelnen Arten zu einander stehen , und auf der 
Weise, wie diese Beziehung festgehalten wird. Ist dies einge- 
sehen, so stellt sich auch das zur Zusammenfassung von Fällen 
verschiedener Arten, zur gemeinsamen Beantwortung ganz hete- 
rogener Fragen leicht dar. 

Das Festhalten der gemeinsamen Beantwortungsweise von 
Fragen derselben Art , oder von Fragen verschiedener aber ver- 
wandter Arten fuhrt unmittelbar zum Gebrauche allgemeiner Zei- 
chen statt der einem besonderen Falle entnommenen Zahlen , und 
mit der Einfuhrung dieser Zeichen (der Buchstaben) ist erst das 
Mittel zum Zusammenfassen aller Einzelnheiten gefunden. 

Dies ist der Weg, auf dem der Mensch zur wissenschaftli- 
chen Einsicht und Bildung sich emporarbeitet, also auch der 
Weg, auf dem der einer Leitung Bedürfende geführt werden 
mufs, auf dem die Entwicklung der Arithmetik zu geschehen 
hat. Demgemäfs habe ich zunächst die arithmetischen Elemen- 
taroperationen mit Bezog auf das Allgemeine der einschlägigen 
Fragen dargelegt; darauf gehe ich sogleich zum Zusammenfassen 
der Fälle von einerlei Art, uod zu dem der Fälle verschiedener 
Arten über, und bewirke das Letztere durch die Einführung po- 



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216 Möller: Arithmetik und Algebra. 

sitiver und negativer Grofsen; hieran schliefst sich in natürlicher 
Ordnung die Buchstabenrechnung, und damit ist die Grundlage 
vollendet; auf welche die Theorie der Gleichungen und alles 
Übrige folgen kann. 

Von den Ent Wickelungen der einzelnen Gegenstände erlaube 
ich mir zwei besonders anzuzeigen: die Theorie der negativen 
Grofsen, und den Beweis der Realität der imaginären Gr5fsen. 

Sucht man sich die einfache Frage zu beantworten: unter 
welchen Bedingungen kommt man, nach den gangbaren Regeln 
der Arithmetik, auf negative Zahlen, als Resultate? so liegt das 
ganze Gebeimnifs der negativen Grofsen klar und offen vor. Es 
werde, beispielsweise, durch a das vorhandene Vermögen, durch 
6 die Summe der Ausgaben bezeichnet, so wird man den Ausdruck 

a—b 

als Norm für die Berechnung des Vermogenstandes nehmen, je- 
doch unter der Bedingung , dafs immer a gröfser als b sey. Für 
jene Fälle, in denen die Ausgaben b grofser als a sind, wird 
man dagegen den Ausdruck 

6 — a 

als Norm aufstellen, oder man würde den ersten Ausdruck a — b 
noch als Schema beibehalten , dem Resultat fiber die Form 
— -(o — o) geben. 

Bei näherer Betrachtung dieser Beispiele kann nicht wohl 
entgehen, dafs das Behandeln der Falle der zweiten Art nach 
der Norm a — b für die Fälle der ersten Art durchaus nicht 
nothwendig, sondern dafs es der freien Wahl anheimgestellt 
ist, die Norm a — b oder b — a zum Grund zu legen. Ist aber 
dies wahr, so fallt überhaupt die Nothwendigkeit der nega- 
tiven Zahlen weg, und man steht mit der Einsicht auf dem rech- 
ten Punkte, nämlich die Zulassung oder den Gebrauch negativer 
Grofsen als will kührliches Mittel zu betrachten. 

So fafste ich die Sache auf, und bestimmte und entwickelte 
sie in der Weise, dafs ich in aller Vollständigkeit die Bedingun- 
gen zu eruiren und festzustellen suchte, unter welchen die Be- 
handlung von Fragen verschiedener aber verwandter Arten nach 
gemeinsamen Normen geschehen kann. Dabei kam ich auf die 
bekannten Sätze. Dem Kundigen kann der grofse Unterschied 
zwischen meiner Darlegung und der sonst gangbaren nicht ent. 
gehen: bei mir erscheinen die erwähnten Sätze als Bedingungen , 
unter welchen der Gebrauch eines Mittels zulässig ist, eines Mit- 
tels aber, das man, nach völlig freier Wahl, gebrauchen 



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Müller : Arithmetik und Algebra. 2U 

m 

kann oder nicht; in der gangbaren Mathematik dagegen sucht 
man die absolute Existenz jener Sätze zu beweisen. 

In Bezug auf die sogenannten imaginären Grüften ist die 
allgemein angenommene Argumentation folgende: »weil eine ne- 
gative Zahl — A nicht zweite Potenz einer andern Zahl aeyn 
kann, so folgt, dafs \f — A eine unmögliche GroPse ist.« Die 
Unbaltbarkeit dieser Beweisart fallt in die Augen, wenn map die 
Frage beantwortet: unter , welchen Bedingungen kommt der Fall 
vor, dafs aus einer negativen Zahl die Quadratwurzel gezogen 
werden soll? Um die einfache Antwort leicht zu erhalten, sta- 
tuire man zwei Beihen von Rechtecken , bezeichne durch a ir- 
gend eines der ersten, durch b irgend eines der zweiten Reihe, 
und setze fest, es soll die Differenz zwischen a und b in ein 
Quadrat verwandelt werden, » Wird durch x eine Seite dieses 
Quadrates bezeichnet, so ist der für die Bestimmung der Grolse 
des Quadrates dienende Satz 

entweder x*=za~— b 

oder x*=b — a 

je nachdem b kleiner oder grüfser als a ist. Verfahrt man, so 
unterscheidend, so erhält man für x x nie eine negative Zahl; 
macht man aber die Unterscheidung nicht, legt also z. B. den 
ersten Satz x 1 = a — b als Norm nicht nur für die Fälle, in de- 
nen a grofter als b ist , sondern auch für jene , in denen b grö- 
fser als a ist, zum Grunde, welches man, nach ganz freier Wahl, 
thun oder lassen kann , so erhält man für alle Fälle der letzteren 
Art die Bestimmungsnorm 

= — (b — a) 

Wie in diesem Beispiele , so tritt nun überhaupt der Fall , dafs 
aus einer negativen Zahl die Quadratwurzel gefordert wird, nur 
(]|nn ein, wenn die Fälle zweier verschiedener aber verwandter 
Arten nach einem einzigen Gesetze bebandelt werden, welches 
Gesetz zunächst nur die Norm für die Fälle der einen Art aus- 
drückt 

Wird aber die Richtigkeit dieser Antwort — und sie ist wohl 
richtig — zugegeben, so mufs es einleuchten, dafs die bisherige 
Auffassungs- und Erklärungsweise der imaginären Grüften un- 
haltbar, dafs zwischen den Vordersätzen und dem Schlufssatze , 
welcher die Unmöglichkeit der Grofsen von der Form \f — A 
ausspricht, logisch kein Zusammenhang ist. 

Um meine Auffassungs- und Fixirungswcise kurz anzudeuten, 
nehme ich das obige Beispiel wieder vor, und wähle den Falli 



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278 Müller : Arithmetik and Algebra. 

_ * 

in welchem das Rechteck b gröfser als a ist. Legt man die für 
die Bestimmung des Quadrats dienende Vorschrift x % — b — a zum 
Grunde, so erhält man für die Angabe der Seite % den Satz 

x =s \^(b — a) ; 

wird aber die andere Vorschrift x* = a — b zum Grunde gelegt, 
so ist der zur Bezeichnung der Seite dienende Satz 

x=\T—{b — a)=\/(b — a). \/— i 
Hier haben wir nun für eine nnd dieselbe Seite zwei Wert- 
ausdrücke: der eine wie der andere giebt an, dafs die Grobe der 
Seite =\/(b — a) ist, in dem zweiten ist aber durch das Zei- 
chen \/— ' 1 eine Beziehung festgehalten , in welche die Seite x 
dadurch gebracht worden, dafs man für die Angabe der Gröfse 
des Quadrats den Satz x*=a— b als Norm gebraucht hat. Diese 
Beziehung ist aber folgende: 

Man kann die Quadrate, deren jedes die Differenz zwischen 
einem Rechteck a der ersten , und einem Rechteck b der zweiten 
Reihe ist, in zwei Gruppen vertheilen: in der einen (a) kann 
man jene Quadrate zusammenstellen, deren jedes die Differenz 
zwischen einem gröfseren Rechteck a der ersten, und einem 
kleineren Rechteck b der zweiten Reihe, oder deren gemeinsame 
Bestimmungsnorm durch den Satz x*=a — b festgehalten ist; in 
der zweiten Gruppe (ß) aber kann man jene Quadrate vereini- 
gen, deren eines jeden Grofse nach dem Satze x*=zb — o, wo 
6>a vorausgesetzt ist, bestimmt wird. Wählt man nun für die 
Angabe der Quadrate der Gruppe (ß) eben den Satz x* = a — 6, 
welcher für die der Gruppe (o) Norm ist, so hebt man das Be- 
sondere der Quadrate in (ß) auf, bringt sie mit jenen der Gruppe 
(a) in eine Klasse, und legt ihnen damit eine Eigenschaft bei, 
welche sie vorher nicht hatten. Durch diese Transferirung d*r 
Quadrate (ß) ist die Seite x eines derselben in eine neue Bezie- 
hung gebracht, es ist ihr eine neue Eigenschaft beigelegt, und 
dies wird dadurch festgehalten, dafs man dem eigentlichen Werth- 
ausdruck \/(b— a) der Seite noch das Zeichen \/ — i beifugt. 

Wie raein Bestreben dahin ging , die sogenannten imaginären 
GröTsen als ein Mittel zu fixiren, das zur Zusammenfassung hete- 
rogener Fragen und Gegenstände dient, das man aber, nach völ- 
lig freier Wahl , gebrauchen kann oder nicht , so habe ich auch 
darzuthun gesucht, dafs die Logarithmen negativer Zahlen, und 
von Zahlen der Form A.*/ — l ebenfalls dazu dienen , eine Man- 
nigfaltigkeit von Beziehungen der Gegenstände zu fixiren. 



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Möller i Arithmetik and Algebra. . *19 

• * • • 

In der praktischen Arithmetik setze ick zuerst die allgemei- 
nen Methoden, die bei praktischen Rechnungen vorkommen, auf- 
einander; sodann folgt, in einzelnen Abschnitten, die Darlegung 
der Mischungsrechnungen, Münzrechnungen, der einfachen Zins- 
und Babatt-Becbnung, der zusammengesetzten Zinsrechnung , Ge- 
sellschaftsrechnung, des Nachlasses am Pachtzins; hierauf nehme 
ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung vor, zeige die beim Spiele 
vorkommenden Berechnungen , und schliefse , nachdem vorher 
noch das Wesentliche von der Ordnung in der Sterblichkeit und 
von der Bestimmung der Lebensdauer beigebracht worden, mit 
der Berechnung der Leibrenten, Lebensversicherungen und Witt, 
wenpensionen. Beim Vortrage der einzelnen Gegenstände war ich 
bemüht, das Wesentliche, auf das es ankommt, hervorzuheben, 
und keine Seite des Gegenstandes, die der Beachtung werth ist, 
unberücksichtigt zu lassen; dadurch wurde ich in der Wahrschein- 
lichkeitsrechnung auf neue Fragen geführt, welche auf neue 
Branchen der Analysis hinweisen, auf deren ausfuhrliche Behand- 
lung ich aber, wegen der Bestimmung des Buches, mich nicht 
einlassen durfte; die gegebene Andeutung wird jedoch zur An. 
regung genügen, 

Schlielslich erlaube ich mir noch über zwei Beurteilungen 
meiner Schrift ein Wort zu sagen. Die eine derselben steht im 
Jahrgang i834 der Allgemeinen Scbulzeitung S. 966, die andere 
in den Neuen Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik, 1 036. 
Bd. XVII, S. 5i u. ff. 

Diese Becensionen haben zunächst das eigen, dafs die eine 
lediglich eine zweite Ausgabe der andern ist, und zwar so wenig 
verändert, dafs die Bedaction der einen Zeitschrift von der der 
andern wegen Plagiat belangt werden konnte: ein gewisser Herr, 
der seinen Namen durch D. B. anzeigt , hat entweder aus Liebe 
zu seiner Becension oder aus besonderer Bücksicht auf meine 
Schrift, die Keckheit und den Unverstand gehabt, die erste Be- 
cension noch einmar abdrucken zu lassen, mit einigen unwesent- 
lichen Veränderungen und Zusätzen. 

Die Beurtheilung selbst, die der Herr D. B. in diesen zwei 
Ausgaben liefert, enthält so ziemlich Alles, was Unverstand, Bos- 
heit, Ignoranz, Frechheit und Faulheit mit einander zu Stande 
bringen können. Wenn man die Kapitelüberschriften, welche in 
der Beurtheilung angegeben sind, abrechnet, so ist das Übrige, 
was als in meiner Schrift enthalten angeführt wird, so sehr das 
Gegentheil und ein ganz Anderes, dafs ich selbst in den Angaben 



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180 Müller: Arithmetik und Algebra. 

den Inhalt meiner Schrift nicht finden bann; grofstentheils wird 
jedoch nicht gesagt, was ich gethan, und wie, sondern lediglich 
geschimpft und die Weisheit mitgetheilt , die der Herr R. aus 
einigen verdorrten Compendien geschupft hat. In seines Geistes 
Armuth und Liederlichkeit fuhrt Herr R. z. B. an, ich stellte 
mich, als ob die Darstellung der Wurzelgröfsen durch Potenz, 
ausdrücke mit Bruchexponenten von mir herrühre, während er, 
zu seiner Belehrung, in meiner Schrift die bestimmte Angabe, 
von wem die Bezeichnung eingeführt ist , hätte finden können. 
Ferner wird angegeben, ich wolle den imaginären Grofsen da- 
durch Realität verschallen, dafs ich z. B. ^/ — 49=1/49. \/ — 1 
= 7.-^/— 1 setze, und das sei doch eine so einfache und bekannte 
Sache, dafs er sich über mich wundern müsse. Wäre der Un- 
verstand des Herrn R. sonst nicht so stark voi leuchtend , so 
konnte man an dieser Stelle sagen : si taeuisses etc. Endlich wird 
mir vielfach vorgeworfen, dafs ich die Gegenstände, namentlich 
die Logarithmen, unvollständig behandelt hätte: die Wahrheit 
ist aber, dafs Herr R., entweder weil er das Buch nicht gelesen 
hat, oder aus Bosheit, baate Lugen zum Besten giebt. Dem 
praktischen Theile spendet er sogar Lob, aber damit nichts ohne 
Hudelei und Darlegung seines Unverstandes hingehe, so wird 
unter andern Dingen behauptet, bei den Leibrentenrechnungen 
kämen viele geometrische Reihen vor, die ich nicht summirt hatte« 
Während diese Behauptung nun einerseits eine Luge ist, so ist 
sie auch ein Beweis , wie der Herr in jener Partie zu Hause ist. 

Dafs Herr R. in der zweiten Ausgabe seiner Recension an- 
fuhrt, es scheine ihm, als ob ich Ideen, die er in andern Recen- 
sionen ausgesprochen, aufgefafst und zu benutzen gesucht habe; 
ferner, dafs in der ersten Ausgabe gesagt wird, es scheine, als 
ob ich Breithaupts praktische Rechnungen vor mir gehabt habe, 
in der zweiten Ausgabe aber die Benutzung des Breithaupt'schen 
Buches als bestimmtes Factum angeführt wird , — dies und ähn- 
licher Plunder ist belustigend und keines weiteren Wortes werth. 

Der saubere Herr R. ist übrigens dadurch bekannt, dafs er 
durch keine Abweisung seiner liederlichen Schreibereien abge- 
schreckt wird , den Redactionen kritischer Blätter seine Dienste 
anzubieten. 



A. JH iille r. 




» 



Bäbu. Lebensbilder aus Oatindien. Von Andrer. 281 

• * 

Der Bäbu. Lebensbilder aus Ottindien. Aus dem Englischen übersetzt von 
Karl Andre*. Erster Band. Leipzig, 1835. Verlag von Ludw. Schu- 
mann. 508 S. 8. 

— 

Der Anfang dieses Romans erregt nicht eben ein gunstiges 
Yorurthcil für die Originalität des Verfassers. In dem Frühstück- 
Zimmer einer vornehmen englischen Dame zu Kalkutta harren 
zwei junge Männer auf die Erscheinung der schonen , geistreichen, 
gelehrten und tonangebenden Herrin des Hauses Lady Auguste 
Wroughton, als der Gemahlin eines Oberbeamten der ostindischen 
Compagnie. »Beide, heifst es, waren Männer nach der Mode, 
und hatten sich (olglich bemuhet, der ihm?n nicht recht zusagen- 
den hindustanischen Kleidung so viel Ton zu geben , als sie nur 
immer vertragen konnte. Beide zeigten darin einen ganz -ver- 
schiedenen Geschmack. Roderich Rivers hatte die Einfachheit 
seiner schlichten weifsen Jacke durch eine geblümte, Scharlach- 
rotbe Weste, die dicht mit einer Reibe goldner Knopfe besetzt 
-war, zu heben gesucht. Jeder einzelne Knopf aber trug 
die Figur eines mit gehorigerLunte versehenen Fuch- 
ses. Dm den Nacken hatte Rivers ein schmales seidenes Halstuch 
geschlungen, das die Farbe seiner rothen Wangen, eine Selten- 
heit bei Leuten, die bereits längere Zeit in Bengalen gelebt ha- 
ben, noch erhöhet e. Das ganze Wesen des Mannes zeugte von 
einem Hange zur Pferde- und Jagdliebbaberci. Er war übrigens 
kurz und gedrungen von Gestalt und hatte etwas eingebogene 
Schenkel, wie sie bei. passionirten Reitern häufig vorkommen. — 
Friedrich Mosely , obgleich nicht weniger sorgfältig herausgeputzt, 
trug in seinem Wesen einen ganz andern Charakter. Seine 
Weste hätte im Musterbuche des berühmten Londoner 
Schneiders Stultz sicherlich den Preis davongetra- 
gen; unter dem rund ausgeschnittenen Fallkragen sah man den 
Rand einer mehrgrünen Unterwestc nur eben hervorstechen, etwa 
wie der Rand ein Gemälde einfafst; dazu trug er eine schwarze 
Halsbinde ä la militaire ....«: 

Genug; hat Ref. doch dieses Wenige mit Widerwillen abge- 
schrieben. Wann erscheint endlich in Europa der schaffende. 
Genius (denn was vermag hier die Kritik?), der uns von dieser 
Misere erlösen , und Lesern , Buchhändlern und Schriftstellern eine 
Manier ent leiden wird, die mit nichts Anderem beschäftigt scheint, 
als um einen oft winzigen Kern eine recht zierliche aber unge- 
nielsbare Schale zu bilden? 



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283 Bäbo. Lebensbilder aus Ostindien. Von Andree. 

Von dem ersten jener schneidermäfsig geschilderten jungen 
Männer erfahrt man in diesem ersten Bande des Romans nur 
höchst Unbedeutendes; er ist durchaus Nebenperson; der andre, 
Herr Moscly, ist zwar bestimmt, eine Rolle darin zu spielen, 
aber lange müssen wir uns mit der kahlen Versicherung begnü- 
gen, dafs der Mann mit der eleganten Weste ein Maler und Dich- 
ter ist, und erst Seite 100 erfahren wir zufällig, dafs »Mosely 
durch und durch ein redlicher, ehrenhafter Mann war«; aber 
bis dahin hatte er gerade nur so viel gesprochen und gethan, 
dafs man nicht unterscheiden konnte , ob er der beste Mann von 
der Welt, oder ein heimlicher Schurke sey, und er war, wohl 
gemerkt , dabei nicht etwa als rätselhafter Mensch aufgetreten , 
sondern höchst trivial geblieben. Auf derselben Oberfläche schwim- 
men auch die übrigen Charaktere des Verfassers ; von ihrem eng- 
lischen Con?enienzleben in Ostindien erfahren wir allerdings das 
■genaueste, und wir lernen die englischen Rosse Pluto und Nimrod 
psychologisch näher kennen , als manche Charaktere des Romans, 
deren Aussei lichkciten halbe Seiten gewidmet sind. 

Dies ist die tadelnswerthe Seite des Ruches, die es mit vie- 
len englischen und deutschen Kostumeromanen gemein hat , und 
bei der es uns recht begreiflich wird, wie die romantische Schule 
in Frankreich in ihren Romanen lieber des Teufels werden will, 
um doch eine Seele zu bekommen, als in dieser Körper- oder 
vielmehr Hleiderwclt der modernen Detailschilderung des Lebens 
untergehen. 

Wenn man aber darauf verzichtet hat, eine innere Welt 
hier anzutreten, so wird man sich in diesem Roman mit der 
äussern Welt doch allmä'hlig befreunden, und es gibt hier, wenn 
auch nicht ästhetisch, doch historisch und ethnographisch man- 
cherlei zu lernen. Vor allen Dingen ist das englische Gesellschafts- 
leben der hohem Klasse, das wir nach Ostindien verpflanzt hier 
zu schauen bekommen, mit einer Wahrheit und Genauigkeit ge- 
schildert , bei welcher mancher deutsche Romandichter in die 
Schule gehen dürfte. Dann erfahren wir über Europäer, Moha- 
medaner und Hindus und ihr Verhältnifs zu einander in Ostindien 
, in den anschaulichsten Scenen mehr , als uns die ausführlichste 
Reiseheschreibung vielleicht je gegeben hätte : aus den Gesell- 
schaftszimmern einer Diri-Ri oder vornehmen englischen Dame 
in Ostindien werden wir in den Kreis der Gentlemens von Cal- 
cutta und in ihre verschiedenen politischen Landesansichten ein- 
geführt ; ein andermal sehen wir einen Beamten und einen Nabob 



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4> 



Bäbu. Lebensbilder aus Ostindien. Von Andree. 283 

einander gegenüber. Der Afghane JussufT Ali Khan erzahlt seine 
in das Mark des Romans einfließende Geschichte; dazwischen 
thut sich wieder ein englischer Maskenball, nach Ostindien ver- 
pflanzt, auf; ein englisches Wettrennen stäubt im December, 
dem- fashionabeln Monat der Ostindier, Tor Persern, Hindus, Ma- 
laien, Chinesen, Amerikanern und Engländern vorüber; und mit 
einemmal sind wir in die weitläufigen Regiei ungs- und Gerichts* 
gebäude von Calcutta versetzt, ergötzen uns an der unendlichen 
Mannigfaltigkeit orientalischer Kostüme, und sehen den Oberrich- 
ter in hierländischer Form einen verwickelten Procefs verhandeln. 

Und durch dieses Alles schlingt sich eine der Erfindung nach 
keineswegs gemein zu nennende Novelle, welche das Hauptlebens- 
bild aus Ostindien bildet und von der wir auf künstlichen Irrge- 
winden im ersten, bis jetzt erschienenen Bande dieser Übersetzung, 
im Wesentlichen Folgendes erfahren. 

Bei Lady Wroughton ist das wunderschone Töchterchen ei- 
nes englischen Landpredigers , Eva Eldridge , eine weitläuftige 
Cousine dieser Geisteskönigin von Calcutta, angekommen, der zu 
Liebe, da sie um einen gestorbenen Bräutigam trauert, die Lady 
ihr geräuschvo'les Haus vereinsamt, und nur wenige Freunde bei 
sich sieht. Jener todtgeglaubte Bräutigam nun , der Hauptmann 
bei den Truppen der ostindischen Compagnie , Heinrich Forester, 
ist der eigentliche Held dieses Bomans, wenigstens im ersten 
Bande. Durch die wohlberechneten Bemühungen der Lady und 
ihres Freundes, des Dichters Mosely , der sich gelegentlich in 
die schone und unglückliche Fva verliebt, sowie durch den wun- 
derbarsten Zufall , der Foi estern mit der Lady zusammenführt, 
erfahren wir, dafs Forester selbst der Braut seinen Tod nach 
England gemeldet hat, weil er durch ein unentrinnbares Verhäng- 
nifs in ein zärtliches Verhältnifs mit einer eingebornen Muham- 
medanerin verwickelt worden ist. Im Kampfe mit den Engländern 
war Dost Ali Khan, ein Häuptling des Georgischen Stammes der 
Afghanen, mohamedanischen Glaubens, gefallen, und seine Toch- 
ter Dilafroz aus dieses Nabobs Harem von einem Europäer ge- 
raubt worden. Diese Nachricht erhielt in seinem Heerlager der 
Bruder des Verstorbenen, Jussuf Ali Khan, und schwur, furcht- 
bare Bache an den Mordern seines Bruders und dem Entführer 
• seiner Tochter zu nehmen. Auf diesem ßachezuge begegnet ihm 
ein englischer Oflicier, der Abgesandte des britischen Befehls- 
habers, der ihm Frieden anzubieten gesandt ist; in dem Augen- 
blicke sieht der Mubamedaner, dafs er von den meisten seiner Leute 



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281 Däbu. Lebensbilder aas Ostindien. Von Andre«. 

schimpflich verlassen worden ist , und ist genothigt , in die dar- 
gebotene Versöhnungshand einzuschlagen. Eine Erkennungsscene 
folgte. Der OfTicier (Heinrich Forester) ist — nicht der Räuber, 
sondern vielmehr der Retter der holden Dilafroz. Aber Jussuf 
hält ihn für jenen, und besteht mit ihm am andern Morgen einen 
Zweikampf , in welchem endlich Forester des Muselmanns Turban 
kci haut und dieser mit blutendem Hopf in den Staub sinkt. Aus 
der Bewußtlosigkeit erwacht, fühlt er sich gastlich gepflegt und 
seine Bruderstochter an seinem Lager. Ihr war kein Leid ge- 
schehen. Forester hatte sie mit Lebensgefahr vor den Beleidi- 
gungen der englischen Plünderer geschirmt. Dieser selbe hat 
dem verwundeten Feinde , der ihm Unrecht gethan , sein Zelt 
eingeräumt und pflegt ihn hier. Aber jenes reb engelochte Mäd- 
chen hat sich um sein Herz gerankt ; und weil , wenn der Blick 
eines Ungläubigen auf eine unverschleierte Afghanen- Jungfrau 
fällt, sie niemals mit einem Manne ihres Stammes vermählt wer- 
den kann , so erbarmt sich Forester ihrer — er wird Mahomeda- 
ner, fchliefst seinen Liebesbund mit Dilafroz, wird Jussufs, sei- 
nes Feindes, Freund, und erhält das Commando über jene Fe- 
stung, die bisher das Eigenthum von Jussufs Bruder gewesen. 

Dies alles war geschehen, ehe Forester nach England gegangen 
war und sich mit Eva verlobt hatte. Da ergreift ihn eine zeh- 
rende Krankheit, für welche der Arzt als einziges Rettungsmittel 
eine Rückkehr ins heimathliche Klima vorschlägt. Aber Forestern 
däucht es unmöglich , sich von der Geliebten zu trennen. Dila- 
froz, um ihn zu bestimmen und zu retten, macht ihn glauben, 
sie habe sich ertränkt Dadurch hofft sie ihn sich zu erhalten 
und dereinst den aus England zurückgekehrten gesundet für im- 
mer besitzen zu dürfen. Nun hält sie Forester für todt, reist 
nach England , verliebt sich mit erneutem Lebensinuthe dort und 
Ii ehrt als Eva's/ Bräutigam nach Ostindien zurück. Aber hier fin- 
det er Dilafroz lebend und ihren und seinen holden Knaben her- 
anwachsend. Dieser lebende Beweis, dafs früher schon eine an- 
dere Zuneigung in seinem Herzen lebendig gewesen war, 'ent- 
schied bei ihm, trotz seiner neuen innigen Liebe, für Dilafroz, 
und er liefs sich eine unverantwortliche Fälschung zu Schulden 
kommen: er schrieb an Eva , den Namen eines Andern mifsbrau- 
chend , er sey nicht mehr am Leben. Es war besser, dafs Eva 
ihn für todt als für treulos hielt. Und damit Eva alle Hoffnung 
aufgebe, hat ihr nun Forester auf einem Maskenballe in CalcutU 



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Biba. Lebentbilder aas Ostindien. Von Andrce. 



seine eigne Todtenlarve vorgehalten , aber auf eben jenem Aben- 
theuer auch träumend seine Liebe zu Eva vor Dilafroz verrathen. 

Diese Geschichte ist der Hern, um welche sich der erste 
Band allen seinen müTsigen Gestalten , kurzweiligen*Nebenereig- 
nissen und interessanten Aufschlüssen über Menschen und Leben 
in Ostindien dreht. Der Namensheld des Romans, der Bäbu, 
Sirkar (Kassierer) des Sir Charles Wroughton , ein tuchischer 
Hindu, Namens Brischmohun Bonurschi , tritt in diesem ersten 
Bande nur als Schurke in einem betrügerischen Processe gegen 
Jnssuf auf. Dadurch ist ohne Zueifel sein Schicksal mit Forester 
und Dilafroz verflochten ; ob er eine Hauptrolle in der Geschichte 
zu spielen hat , muff die künftige Fortsetzung lehren. 

Forester ist durch sein Veihältnifs zu einer mohamedanischen 
Eingebornen gewissermaßen vor der englischen Gesellschaft ge- 
brandmarkt, denn nie wird eine solche Vereinigung durch intel- 
lektuelle oder religiöse Bande inniger geknüpft, und seihst ein 
kuhner Mann wird Anstand nehmen , einer sittsamen europaischen 
Jungfrau ein Verhältnis zu gestehen, das sie zufolge den Grund- 
sätzen , nach denen sie erzogen wurde , für lasterhaft und verab- 
scheuungs würdig halten mufs. (S. 1 55.) Dies entschuldigt inzwi- 
schen Foresters Verbrechen gegen Eva in den Augen Lady 
Wroughtons nicht. Sie schlägt ihm die Bitte, sein Leben der 
Verlassenen zu verheimlichen, ab, und unterrichtet das Mädchen 
von Allem. 

Eva (wie es der Verf. mit allen seinen Charakteren Macht, 
bisher äusserlich zwar aufs genaueste signalisirt als geistig in to- 
taler Neutralität erhalten) entwickelt bei dieser Nachricht plötzlich 
eine ganz ausserordentliche Seelenstärke. »Mein Herz, sagt sie, 
mufs hier ganz aus dem Spiele bleiben. Hauptmann Forester ist 
mir fortan durchaus fremd, er hat Weib und Kind.« Auf die 
Frage, ob sie ihm vergeben könne, erwiedert sie: »Vergeben 
kann kein Weib eine Sunde , für deren Urheber sie nur Gott um 
Verzeihung bitten kann.« Und doch vermag sie es über sich, 
jetzt in einem Cirkel der Lady dem verlorenen Geliebten Aug' 
im Auge zu sehen. Mosely stellt ihn vor. »Herzlichen Dank, 
dafs Sie uns den Hauptmann Forester leiblich vorstellen , rief Sir 
Charles (Wroughton), denn ich habe von allen Seiten erzählen 
boren, er sey längst todt. — Gottlob, dafs dem nicht so ist 
(antwortet Forester), und dafs jenes Gerücht falsch war; ich 
hoffe noch manches Vergnügen auf Erden zu erleben. — Dahin 
gebort auch das, einer Dame wie Mifs Eldridge vorgestellt zu 



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286 Bäbu. Lebensbilder aus Ostindien. Von Andrce. 

— 

anzublicken.« (S. 273.) 

In derselben Gesellschaft kommt das belebte und geistreiche 
Gesprach auch auf das Verhältnis der Mahomedaner and der 
Hindus zu einander, und wir fuhren an, was der Vf. seine Per- 
sonen darüber sagen läfst , um die Bebandlungsweise der eigent- 
lich »ostindischen Lebensbilder« in dem Buche durch ein Bei- 
spiel kenntlich zu machen. Zugleich wird das Urtbeil über die 
Hindus, die man gewohnt ist, sich als äusserst gutmütbige Men- 
schen zu denken, manchen Leser überraschen: 

»leb bin überzeugt, sagt Forester, dafs alle Damen, die die 
ritterlichen Tugenden zu schätzen wissen, den muthigen, krie- 
geriscben Charakter des muntern Muselmanns dem intriguanten, 
hinterlistigen, bedachtsamen, habsüchtigen, sich selbst martern- 
den, düstern Hindu vorziehen werden. Jener ist obentheuernd 1 
folgt dem Strome des Glücks, ist lustig und groUtnüthig , wenn 
es ihm lächelt, und ergiebt sich in sein Schicksal, wenn es zürnt; 
er ist ungestüm, tapfer, und, wie ich zugestehe, etwas despo- 
tisch, aber sanfteren Gefühlen und Hegungen leicht zugänglich; 
auch weifs er Sitten und Einrichtungen des Westens besser zu 
schätzen und zu würdigen.« 

»Ei, ei, Forester! rief Beavoir, Sie dürfen, wenn Sie auf 
das Urtheil der Damen sich berufen, deren Einbildungskraft nicht 
blenden wollen. Dieser Abentheurer, von dem mein Freund 
spricht, kommt überall hin, kommt überall hin mit einem schar- 
fen Schwerte und einer leeren Tasche. Das erste läfst er auf den 
armen Hindu fallen, und behandelt diesen, als wäre er ein Hund; 
er zwingt ihn dann , die zweite zu füllen. Dankbarkeit und Eh- 
renhaftigkeit kennt er nicht; kurz zwischen dem Unterdrücker 
* und dem Bezwungenen kommt es eben nur darauf an, wer das 
Glück auf seiner Seite hat. Die Geschichte würde uns aber bes- 
ser als die Romantik lehren, dafs nicht nur all das Unglück, 
welches gewöhnlich im Gefolge der Tyrannen zu seyn püegt, von 
den Mahomedanern über die Hindus gebracht worden ist, son- 
dern dafs auch die Laster, welche jetzt unläugbar an den Hindus 
haften, eine Folge der Unterdrückung gewesen sind. Sie werfen 
ihnen Ränkesucht, Mangel an Ehrgefühl und Wahrheitsliebe vor, 
und Sie haben Recht ; allein sind sie nicht eben durch ihre Zwing- 
herren so schlecht geworden? Ihre mahomedanischen Dränger 
achteten weder Gesetz noch Recht, der Hindu war Gewaltthätig- 
keiten aller Art biosgegeben , und nirgends fand er Sicherheit 



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* 



Bäbn. Lebensbilder ans Ostindien. Von Andree. 28? 

and Schatz; da sah er zuletzt, dafs er nur durch Ba'nhe and 
Schliche, durch Pfiffigkeit, den Sturm von sich abwenden konnte; 
er stellte sich arm, er ward Heuchler, um nicht für reich zu 
gelten ; da er sein Recht nicht auf geradem Wege erlangen konn- 
te, nahm er zur Bestechung seine Zuflucht. Aus der Lage and 
dem Verhältnisse, in welchem bisher beide zu einander gestan- 
den, läfst sich auch die Verschiedenheit ihres Charakters erklären. 
Auf der einen Seite finden wir alle Verbrechen der Tyrannei und 
Bigotterie, auf der andern Seite alle die widerlichen, unedeln 
Künste und Bänke, durch die der Unterdrückte sich zu sichern 
sucht. « 

»Das Alles gebe ich zu, und mache dabei nur Eine Aus- 
nähme , die jedoch von wesentlicher Bedeutung ist. Wir müssen 
nämlich nicht in Anschlag zu bringen vergessen, wie grofs die 
Versuchung war, welche hier mehr als irgend anderswo die Er- 
oberer bestimmte, so und nicht anders zu handeln, als wie sie 
eben gethan haben. Bedenken Sie nur das Übergewicht der Brah- 
minenkaste , welche die ganze Nation in geistiger Hinsicht von 
jeher bevormundete und beherrschte , und vergleichen Sie mit 
derselben die Mollahs, Imams, and Mollawis der Mohamedaner, 
die ohne alle irdische Macht sind und lediglich nach Tugend 
streben. « 

»In Allem, was auf Priester th um Bezug hat, pflichte ich 
Ihnen vollkommen bei.« 

Der Charakter des Bäbu scheint bestimmt jene theoretische 
Schilderang der Hindus praktisch zu bestätigen. Er tritt aber in 
diesem Bande erst gegen den Schlufs so auf, dafs sein Charakter 
durch seine Handlungen kenntlich zu werden beginnt. Auch das 
Motto des Buches mufs erst im Verfolge der Geschichte seine 
Anwendung erhalten. Es ist angeblich einer alten Handschrift 
entnommen und lautet so: »Alle Aristokratien in England, die 
der Geburt und des Reicht hums sowohl als jene des Verstandes 
und Verdienstes, sind intolerant, und es ist zweifelhaft, welche 
von allen die unduldsamste seyn mochte. Alle aber sind zu uber- 
wältigen ; nur eine einzige liegt ausserhalb alles menschlichen Be- 
reichs, und das ist die Aristokratie der Haut. Wo weifse 
Männer herrschen , wird der farbige stets als unter diesen stehend 
und mehr oder weniger als ein Wesen niederer Gattung betrach- 
tet werden. 

Der vorliegende Roman wird es jedoch nicht so weit brin- 
gen, uns zu beweisen, dafs die Aristokratie der Haut, sobald sie 



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Bäbu. Lebensbilder aus Ostindien. Von Andrec. 

■ 

in Mifshandlung aasartet, weniger barbarisch und unvernunftig 
sey, als der Mifsbrauch jeder andern Superiorität , und dafs es 
nicht ausserhalb des Bereichs menschlicher Vernunft, wohl aber 
vielleicht ausserhalb des Bereichs menschlichen Eigennutzes und 
der Leidenschaft liege, dem Übel grundlich abzuhelfen. Denn 
gesetzt auch , was doch noch nicht als bewiesen anzunehmen ist, 
alle Hautfarben ausser der weifsen seyen durch eine moralische 
und intellektuelle Inferiorität bedingt: so wurde daraus noch gar 
nichts von Widerwillen und Härte gegen die von der Natur stief- 
mütterlicher bedachten Racen folgen. Vielmehr, so gewifs sich 
die Menschheit als eine grofse Familie zu fühlen und zu beneh- 
men den Beruf hat, so gewifs sollte sie gegen den Schwächeren 
und minder Begabten dasselbe Mitleid und dieselbe Schonung in 
ihren Institutionen wirken lassen, welche im engern Familienkreise 
das auch nur wenig cultivirte Gefühl verwahrlosten Hindern oder 
Geschwistern angedeihen läfst. 

Die Übersetzung, in welcher wir das Buch erhalten, ist flie- 
fsend und liest sich angenehm. Aufgefallen ist dem Beuitheiler 
nur das Imperfektum »siedete« statt »sott«. Während unsre 
grundlichsten Sprachforscher uns bewiesen haben, dafs unsre Spra- 
che nicht nur eine einzige reguläre Conjugation besitzt , wie sie 
Adelung angenommen, und alle andern Verba sich in Irregulari- 
täten zersplittern, fangt die Bequemlichkeit unsrer Schriltsteller 
an, die schone, gegliederte Mannigfaltigkeit aufzuheben und all- 
mählig eine häfsliche Regelmäfsigkeit einzuführen, die zu einer 
Gleichförmigkeit der Fäulnifs führen würde, wie wir sie z. B. 
io der neugriechischen Grammatik antreffen. Lesen wir doch 
schon nicht nur sehr häufig er haute statt er hieb, sondern 
auch bereits in manchen Tagblättern erfahren wir, dafs die und 
die Ständeversammlung sich über diesen und jenen Gegenstand 
beratbete. Ref. glaubte auf diese Nachlässigkeit einen Über- 
setzer, der alle Anlage zu einem guten und correkten Styl ent- 
wickelt, aufmerksam machen zu müssen. 

G. Schwab. 



UigitizGci by 



N°. 19. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



ÜBERSICHTEN und KURZE ANZEIGEN. 



PHYSIKALISCHE LITERATUR. 

1) Die Beugungserscheinungen aus den Fundamentatgesetzen der Ündu- 
lationstheorie analytisch entwickelt und in Bildern dargkstellt von F. M. 
Schwer*. Mit 18 zum Theit illuminirten Tafeln. Mannheim (und in 
mehreren Buchhandlungen) 1835. XII u. 143 & gr. 4. mit XIV Tab 

Ref. beginnt die Übersieht der neuesten physikalischen Lite- 
ratur mit diesem gehaltreichen Werke, welches mit vollem Rechte 
an der Spitze zu stehen verdient. Seitdem der durch Gelehrsam- 
keit und Scharfsinn gleich ausgezeichnete Britto Thomas Young 
als neuer und gewiegter Vertheidiger der ündulationstheorie auf- 
trat, zeigte hauptsächlich Fresnel, wie sehr diese durch die 
damals schon bekannten Beugungserscheinungen unterstutzt werde. 
Hauptsächlich aber war es Fraunhofer, welcher ein wahrhaft 
unermeßliches Feld neuer und höchst interessanter Erscheinungen 
eröffnete, dessen weitere Bearbeitung das Publikum von diesem 
Koryphäen in der Optik mit Sehnsucht erwartete, als ein früh, 
zeitiger Tod ihn seinem schonen Wirkungskreise entrifs. Die 
Phänomene, welche Fraunhofer mit seinen unvergleichlichen 
Vorrichtungen erzeugte , erregten freudiges Erstaunen , aber nur 
wenige Physiker waren mit den erforderlichen kostbaren Appara- 
ten versehen, um sie selbst mit Leichtigkeit hervorzurufen, und 
so blieb man im Ganzen bei dem bereits Aufgefundenen stehen. 
Der jüngere Her sc hei vermehrte das Bekannte durch einige 
neue Tbatsachen, im Ganzen aber war die Aufmerksamkeit seit- 
dem vorzugsweise auf die Theorie und die Phänomene der Po- 
larisation gerichtet. 

Mit Recht kann unser Verf. nach Fresnel und Fraunho- 
fer als der Dritte genannt werden, welcher nicht blos die Phä- 
nomene der Inflezion durch eine Menge neuer Tbatsachen erwei- 
tert, sondern auch der Ündulationstheorie durch diese eine neue 
bedeutende Stutze verschafft hat. Sein Werk , womit er das 
Publikum beschenkt, zeichnet sich zuerst durch die grofse Menge 
von Beugungsphänomenen aus, die er vermittelst einfacher und 
•ehr wohlfeiler *) Apparate genau beobachtet, gemessen und be- 



") Der Verf. erbietet tich , die läramt liehen zu seinen Versuchen gehö- 
rigen Vorrichtungen , womit man (im Besitze eines achromatischen 
Fernrohrs und, wenn man messen will, eines Theodolithen ) die 
Versuche wiederholen kann , für die geringe Summe von sechs alte 
Louisd'or unter seiner Aufsicht anfertigen zu lassen. 

XXX. Jahrg. 3. Heft. 19 



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290 Physikalische Literatur. 



schrieben hat. Es liegt zwar in der Natur der Sache, dafg die 
verschiedenen Modifikationen der lnflexionserscheinungen zahllos 
seyn müssen, allein man fühlt dieses erst dann recht lebhaft, wenn 
man aas der Menge der hier nachgewiesenen auf die vielfachen 
noch möglichen Veränderungen schliefst Ausserdem sind nicht 
blofs die Apparate und die Art, wie man sie in Anwendung bringt, 
nebst den Phänomenen, die dadurch hervorgerufen werden, so 
deutlich und vollständig beschrieben , dafs es bei einiger Lbung 
im Experimentiren durchaus nicht schwer fallt, die sammlicbcn 
Versuche zu wiederholen, sondern alle diese Erscheinungen sind 
einfach aus der Undulationstheorie abgeleitet , indem zuerst die 
allgemeinsten Gesetze der Wellenbewegung aufgestellt, durch Fi- 
guren versinnlicht , und dann auf die jedesmaligen optischen Er- 
scheinungen angewandt werden. Alles dieses ist so einfach dar- 
gestellt , dafs es auch ohne Calcul verständlich seyn wurde, wenn 
man sich blofs an die Figuren und die zugehörige Beschreibung 
halten wollte. Ref. hält dieses für sehr nutzlich ; denn Viele, die 
sich gern mit optischen Untersuchungen beschäftigen mägten, 
werden durch die Schwierigkeiten der Formeln abgeschreckt, und 
die ganze Optik, die nun einmal ohne die Vorstellung von Grofsen 
und Bewegungen nicht begriffen , mithin ohne geometrische Hülfs- 
mittel nicht grundlich dargestellt werden kann, erscheint sonach 
den Laien leicht als ein Labyrinth mathematischer Künsteleien, 
worin ohne diese und ausser diesen weder etwas zu finden noch 
auch zu begreifen sey. Riicksichtlich der mathematischen Behand- 
lung des Gegenstandes , welche hier aus leicht begreiflichen Grün- 
den nicht fehlen durfte, legt der Verf. die zur Undulationstheorie 
gehörigen, durch Fresnel aufgestellten, Formeln zum Grunde, 
erweitert diese, und fuhrt dann jede Erscheinung darauf zurück, 
so dafs die genaueste Übereinstimmung zwischen der Theorie und 
den Phänomenen erkannt wird, und man willkubrlich jene aus 
diesen, oder noch leichter und in gröTserem Umfange diese aus 
jener ableiten kann. 

Weiter ins Einzelne einzugehen würde überflussig seyn , da 
diese Anzeige nur dazu dienen soll, die Aufmerksamkeit der Phy- 
siker und der Liebhaber der Naturlehre auf das gehaltreiche Werk 
zu richten, was ihnen sicher einen reichen Genufs gewahren wird. 
Beiläufig möge noch die Bemerkung Baum finden, dafs der Vf. die 
Fraunhofer'schen Messungen der Licbtwellen zum Grunde gelegt, 
zugleich aber auch eigene angestellt hat, deren Resultate von 
jenen nur unbedeutend abweichen. 



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Physikalische Literatur. 



t) Beiträge zur Aufklärung der Entkeimungen und Gesetze de* organi- 
schen Leben», von G. R. Treviranue. Ersten Bande» Erste» Heft. 

Auch anter dem besonderen Titel : 

• 

06er die blättrige Textur der Krystallünse de» Auges, als Grund de» Ver~ 
mögen», einerlei Gegenstand in verschiedener Entfernung deutlich zu 
sehen, und über den innem Bau der Retina. Bremen 1835. VI und 
80 9. 8. Mit 2 Steindrucktofeln. 

Bef. bedauert, dafs dringende Arbeiten ihn verhinderten, 
diese gehaltreiche Schrift schon früher zu lesen, weil ihm dadurch 
während dieser ganzen Zeit diejenigen Belehrungen entgingen, 
die ihm jetzt durch dieselbe zu Theil geworden sind. Das eigent- 
liche, hier ausfuhrlich behandelte, Problem, nämlich die Weibe, 
sprochene Adjüstirung oder A ccommodir ung des Auges 
für nahe und ferne Gegenstände ist schon früher vom Verf. in 
seinen schätzbaren Beiträgen zur Anatomie und Physio- 
logie der Sinnes Werkzeuge, Bremen 1828 fol. erörtert, al- 
lein die Physiologen wurden dadurch nicht von der aufgestellten 
Hypothese uberzeugt, theils weil noch immer bedeutende Erfah- 
rungen derselben entgegenstanden , theils weil zwar bewiesen 
wurde, dafs der blofse Bau des Auges in Folge der eigentüm- 
lichen Krümmungen der Cornea und der Hrystalllinse hinreiche, 
von Gegenständen aus sehr ungleichen Entfernungen ein deutli- 
ches Bild auf die Betina zu werfen , nicht aber dafs dieses auch 
für eine sogenannte unendliche Entfernung möglich sey. Inzwi- 
schen ist die Aufgabe in dem vorliegenden Werke auf eine ganz 
andere Weise ausfuhrlich und grundlich behandelt, und wenn der 
Vf. bemerkt, dasselbe werde nur von Wenigen gelesen und ver- 
standen werden, so mofs Bef. wünschen und hoffen, dafs er hierin 
irren möge, weil die höchst wichtigen, darin enthaltenen, Wahr- 
heiten allgemeiner bekannt zu werden verdienen. Allerdings ist 
der Vortrag rein mathematisch, allein die säromtlichen Berech- 
nungen sind vollständig mitgetheiit, und können daher von Jedem 
geprüft werden, der sich die Mühe nimmt, sie nachzurechnen; 
sie gehören ausserdem zu den elementaren der Analysis, die we- 
nigen vorkommenden Diflerentialformeln nicht ausgenommen, und 
können daher ohne tiefere Kenntnifs des höheren Calcüls leicht 
verstanden werden. Zugleich sind für Mathematiker von Profes- 
sion die erforderlichen anatomischen und physiologischen That- 
sachen so deutlich angegeben, dafs es ihnen nicht schwer wer- 
den kann, der Darstellung zu folgen. 

Den Inhalt der Schrift einzeln anzugeben wurde zu viel Baum 
erfordern , wir wollen ihn jedoch der Hauptsache nnch bezeich- 
nen. Dafs das Auge von Gegenständen in Entfernungen, die von 
etwa 8 par. Zoll bis zum sogenannten Unendlichen verschieden 
sind, ohne weitere Veränderung seiner Gestalt oder Verrückong 
seiner Theile deutliche Bilder auf der Betina zu erzeugen ver- 
mag, beruht im Wesentlichen auf zwei Bedingungen, zuerst auf 



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dem blätterigen Baue der Krystalliinse', und zweitens auf einer 
ungleichen Weite der Pupille. Der Verf. äussert auf Veranlas- 
sung einer Bemerkung von Arnold, es sey ihm nicht bekannt, 
dafs Pouillet gleichfalls die Hypothese aufgestellt habe, die Zu- 
sammensetzung der Krystalliinse aus Lamellen von ungleicher Dich- 
tigkeit und die verschiedene Weite der Pupille diene zur Erklä- 
rung der Deutlichkeit des Sehens in verschiedenen Entfernungen, 
inzwischen findet sich die hierher gehörige Äusserung wirklich 
in dessen reichhaltigem Handbuche der Physik *) , jedoch nur als 
blofse Hypothese im Allgemeinen angedeutet, unser Verf. dagegen 
liefert den geometrischen Beweis aus den bekannten Thatsachen 
der Lichtbrechung und den gemessenen Dimensionen der Theile 
des Auges. Zuerst untersucht er die Bahn der Lichtstrahlen bei 
einer aus gleich dicken Schichten von gleich mafsig nach Innen 
wachsender Dichtigkeit bestehenden Kugel. Hiervon werden dann 
im folgenden Abschnitte (von p. 4> * n ) die erforderlichen Anwen- 
dungen auf das Auge, und zwar speciell das menschliche, ge- 
macht. Der Verf. bemerkt zugleich , dafs die Krystalliinse keine 
Kugel sey, und dafs die angegebene Art der Schichtungen von 
gleicher Dicke und gleichmäfsig wachsender Dichtigkeit in der 
Wirklichkeit nicht stattfinde, allein niemand wird deswegen gegen 
den Schlufs etwas einwenden, dafs man zu keinen andern Mitteln 
seine Zuflucht nehmen müsse, um das deutliche Sehen aus un- 
gleichen Entfernungen zu erklären , sobald dieses Problem aus 
dem eigentümlichen Baue des Auges genügend gelöset werden 
kann. Pouillet gründet seine Hypothese hauptsächlich auf die 
Voraussetzung, dafs die einzelnen Schichten der Linse eine un- 
gleiche Dicke haben , wobei man eine gleicbmäfsige Zunahme der 
Dichtigkeit mindestens als höchst wahrscheinlich annehmen darf. 
So viel ist wohl nach den mitgetheilten Berechnungen unbestreit- 
bar, dafs ein gewisses Verbältnifs der Dicke und der Dichtigkei- 
ten bei den Lamellen der Linse aufzufinden seyn würde, aus 
welchem unter Mitwirkung der ungleichen Öffnung der Papille 
und der eigenthümlichen Krümmungen der Oberflächen der Kry- 
stalliinse das Deutlichsehen ungleich entfernter Gegenstände voll- 
ständig erklärt werden konnte. 

Auf die durch den Calcül gefundenen Resultate gründet dann 
der Verf. folgende zwei Hauptsätze, zuerst: vdafs die Verände- 
rungen des Durchmessers der Pupille beim Nahe- und Fern- 
ssehen mit dem bewiesenen Gesetze übereinstimmen, wonach 
v dieser Durchmesser immer dem Producte aus dem Sinus des 
»Winkels, den die aussersten , van dem Obiecte ausgehenden, 
v Strahlen mit der Axe der brechenden Fläche machen, in die 
»Entfernung des Objectes vom Mittelpunkte dieser Fläche, ent- 



•) Klemens de Phvsiqnc oxpdri mentale et de radteorologie. Par CS. 
M. M. R. Pouillet. ParU 1829. Tome second, premiere partie, 
vag. 331 u. »32, §. 549, wo man auch einige der anderweitigen 
Hypothesen über dieses Problein findet. 



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rhjHikaluchc Literatur. 



»spricht, und demselben einen beständigen Werth gibt.« Dieses 
Gesetz auf das menschliche Auge angewandt , den Halbmesser 
der Hornhaut = 4 Lin. und ein Brechungsverhältnifs der wässe- 
rigen Feuchtigkeit = i,3366 angenommen, gehören den Entfer- 
nungen Ton 100 Linien bis zur unendlichen die zwischen 1,064 
und 1,1 Lin. wachsenden Halbmesser der Pupille zu, die sonach 
geringer sind , • als die in der Erfahrung gegebenen , welches 
jedoch davon abgeleitet wird, dafs bei der Berechnung auf 
die Brechung der Cornea , deren Flächen noch obendrein ver- 
schieden gekrümmt sind , nicht Rücksicht genommen ist. Der 
zweite Hauptsatz beifst: »dafs durch die Zusammensetzung der 
»Krystall linse aus Blättern, deren Dichtigkeit nach der Mitte der 
»Linse zunimmt, die Abweichung der Strahlen von einem ge- 
y roeinschaftlichen Brennpunkte gemindert wird, und dafs dadurch 
»die von einem und demselben Punkte unter verschiedenen Win- 
» kein ausfahrenden Strahlen innerhalb gewisser Grenzen auf eine 
»andere, der sonstigen entgegengesetzte, und mehr als diese dem 
»deutlichen Sehen angemessene Art gebrochen werden.« Auch 
in Beziehung auf diesen Satz sind die oben bereits erwähnten 
Voraussetzungen über den Bau der Krystalllinse angenommen, die 
in der Wirklichkeit nicht stattfinden, allein auf gleiche Weise 
gilt auch hierfür die ganz nahe liegende Kolgerung, dafs die ei- 
gentliche Beschaffenheit der Schichtungen der Krystalllinse , wie 
sie sich in der Natur findet , noch weit günstigere Resultate lie- 
fern würde. Nach Messungen des Querdurchschnitts von KrystalL 
korpern, die in Weingeist erhärtet waren, soll die Dicke der 
einzelnen Schichten = o,ooo5 Lin. gefunden seyn, und hiernach 
ihre Zahl i5oo betragen *), welche letztere in der Rechnung be- 
nutzt wird, um den Einflufs der Schichtung bei der Linse ge- 
nauer zu bestimmen. Ausser den beiden genannten Bedingungen 
mifst der Verf. mit andern auch der Turgescenz der Papillen der 
Retina einigen Einflufs auf das deutliche Sehen in ungleiche Eni- 
fernungen bei , und um diesen gehörig zu würdigen tneilt er die 
Resultate seiner mikroskopischen Untersuchungen über die Be- 
schaffenheit der Markiabstanz des Sehnerven mit, die in anato- 
mischer Beziehung von Interesse sind. 

In einem dritten Abschnitte macht der Verf. Anwendungen 
seiner Theorie auf die Erscheinungen des Sehens, um die erstere 
durch die letztere zu unterstützen. Sehr beweisend in dieser 
Beziehung ist die Erfahrung, dafs kleine Gegenstände deutlicher 
gesehen werden , wenn man sie durch ein enges Lochclchen in 
einer Karte betrachtet, weil dieses die Pupille vertritt, die sich 
so weit nicht verengern kann, als erfordert würde, um in so 
geringer Entfernung zu sehen. Gleich wichtig ist eine andere 
Erfahrung, dafs Weitsichtigkeit unmittelbare Folge einer künst- 




ln cl eingeführt, die Resultate bedeutend abändern würde. 



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Physikalische Literatur. 



liehen Erweiterung der Papille ist Dabei wird nicht übersehen, 
was sehr wichtig ist, dafs man allezeit nur die Deutlichkeit des 
im Augenblicke des Sehens erzeugten Bildes unmittelbar empfin- 
det, die des früher erhaltenen aber nur in der Erinnerung hat, 
und beide daher schwer genau mit einander verglichen werden, 
eine Wahrheit, wovon man sich augenblicklich uberzeugt, wenn 
man zwei optische Instrumente mit einander zu vergleichen ver- 
sucht. Ausserdem aber zeigt der Verf. als Resultat seiner For- 
meln, dafs, wenn ein Object aus irgend einer Entfernung bei 
angemessener Öffnung der Pupille deutlich gesehen wird , der 
Ort des Bildes durch eine Veränderung der Weite der Pupille, 
die den Winkeln von 40 bis 5o Minuten zugehört, nur unmerk- 
lich geändert wird, wodurch die Erfahrung Aulklärung erhält, 
dafs man auch dann bei umgeänderter Entfernung noch deutlich 
sieht, wenn die Pupille durch ungleich starkes Licht eine ver- 
schiedene Weite hat. Inzwischen ergiebt die Erfahrung überein- 
stimmend mit der Theorie, dafs bei einer in Folge wenigen Lich- 
tes grofseren Öffnung der Pupille die Bilder auf der Retina gro- 
fser sind , weswegen Gegenstände in der Dämmerung oder im 
Nebel gröfser zu seyn scheinen, woraus sich zum Theil auch die 
Vergr5fserung des Bildes der Sonne und des Mondes beim Auf- 
gange und Untergange erklären läfst. Eine neue, aber sehr an- 
sprechende und der Beachtung sehr werthe, Bemerkung ist end- 
lich noch die, dafs ein in völliger Dunkelheit gesehener heller 
Punkt, z. B. ein glänzender Stern, in Folge des gleichzeitigen 
Einflusses der Finsternifs und des Lichtes vielleicht wellenartige 
Bewegungen im Rande der Pupille hervorbringen m5ge, wodurch 
das erzeugte Bild sich stets verändern müsse, so dafs hieraus das 
Funkein der Sterne zum Theil erklärbar werde. Dieses soge- 
nannte Blinkern der Fixsterne ist gewifs noch nicht genügend 
erklärt , und daher darf man die angegebene Hypothese keines- 
wegs ganz verwerfen, wenn sie auch das interessante Problem 
nicht sofort aufzuhellen vermag. 

Überblicken wir nochmals das Ganze, so ist nicht in Abrede 
zu stellen, dafs der Verf. das Problem zollständig geloset habe, 
denn es lassen sich weder gegen die zum Grunde gelegten Grofsen« 
best im m 11 ngen, noch gegen den darauf gebauten Calcül gegründete 
Einwendungen vorbringen. Das hier nachgewiesene Verhalten 
des Auges beruht also auf ausgemachten Thatsachen , statt dafs 
alle andere Erklärungen einer Adjüstirung desselben blofs hypo- 
thetisch sind. Dennoch aber bleiben noch einige bedeutende 
Zweifel übrig, ob alle Erscheinungen nach dieser Ansicht genü- 
gend erklärt werden Können. Dahin gehört hauptsächlich die Ei- 
gentümlichkeit der sogenannten steifen Augen, die in einem 
gewissen normalen Abstände genau sehen, aber in grofseren und 
geringeren Entfernungen keine deutliche Bilder geben, eine 
Beschaffenheit, die selten ursprünglich ist und meistens durch 
anhaltendes Sehen in bestimmte Entfernungen erzeugt wird. Da- 
hin gehört ferner die bekannte Erfahrung, dafs es eine gewisse 



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Physikalisch« Literatur 



Zeit erfordert, bis das Auge Gegenstande in grüfserer Ferne 
deutlich siebt, wenn es einige Zeit auf nähere gerichtet war, und 
die hiermit übereinstimmende, dafs anfangs Gegenstande nicht 
deutlich gesehen werden, die bald nachher mit bestimmten Um- 
rissen erscheinen, obgleich sich die Entfernung nicht ändert, 
weswegen es bekanntlich so schwer hält, die genaue Gesichts- 
weite der Individuen zu bestimmen. Soll alles dieses aus der 
verlornen oder in ungleichem Grade vorhandenen Fähigkeit einer 
Verengerung und Erweiterung der Pupille erklärt werden, so 
wäre es sehr der Mühe werth, hierüber genugende Erfahrungen 
zu sammeln. Was der Verf. endlich am Schlüsse von einer Con- 
centrirung der Sehkraft auf einen einzelnen Punkt der Retina 
sagt, wie solche auch in der Extase und im Schlafwandeln inso- 
fern stattfinden soll, dafs die Sehkraft sich ganz von der Retina 
entferne und nach andern Centraltheilen des Nervensystems hin- 
ziehe, raogte Ref. insofern bezweifeln, als es schwerlich über- 
haupt eine der Concentrirung fähige, für sich bestehende, Seh- 
kraft giebt. Die Sehkraft ist bei klarem und gut gebautem Auge 
das Resultat der Empfindlichkeit der Retina, mag dieselbe in ei- 
ner gröfseren oder geringeren Ausdehnung vom erzeugten Bilde 
getroffen werden , ob aber das erzeugte Bild wahrgenommen 
werde, oder zur Apperception gelange, das hängt von der Auf- 
merksamkeit, von der psychischen Thätigkeit ab, mit Rucksicht 
darauf, dafs der stärkere Sinneseindruck den schwächeren ver- 
drängU 

An diese Schrift schliefst sich unmittelbar eine zweite: 

8) JVeu« Beiträge sur Philologie de» Genchtatinnee von Dr. A. W. Volk- 
marin, au*$erordentl. Profeaor zu Leipzig. Leipz. 1836. 206 S. 8. 
mit 3 Stcindrucktafeln. 

Die Functionen des Gesichtssinnes sind so mannigfaltig, so 
zusammengesetzt, und so schwer in gehöriger Allgemeinheit und 
mit der nüthigen Bestimmtheit durch Berücksichtigung der zahl- 
reichen bedingenden Umstände, und mit Ausscheidung der so 
leicht sich eindrängenden Eigentümlichkeiten , aufzufassen, dafs 
gründliche Forschungen in diesem Gebiete stets willkommen seyn 
müssen. Hieraus, in Verbindung mit der Wichtigkeit des Ge- 
genstandes, wird dann zugleich die Fülle der bereits vorhandenen 
Untersuchungen, und der vom Vf. bemerkte Umstand erklärlich, 
dafs man bei der Verschiedenheit der Ansichten, welche berühmte 
Physiologen und Physiker bereits aufgestellt haben, kaum irgend 
einer Meinung beipflichten kann , ohne zugleich in Widerspruch 
mit dem einen oder dem andern derselben zu kommen. Der Vf. 
bat im Ganzen mit grofeer Unbefangenheit geprüft, durchgehends 
selbst, und meistens auf eine eigenthümliche Weise, experimen- 
tirt, und giebt die Resultate mit so lobenswerther Bescheidenheit 
auf gleiche Weise klar und bestimmt, dafs man ihm mit grofsem 
Vergnügen auf jedem Schritte folgt, und unwillkürlich in sich 



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Physikalische Literatur. 



das Verlangen fühlt, über das noch immer ungewifs bleibende 
mit ihm zu verhandeln. Hierzu fehlt an diesem Orte der Raum, 
und Ref. mufs sich daher leider auf einige allgemeine Bemerkun- 
gen beschränken, die sich füglich mit einer Anzeige des wesent- 
lichsten Inhalts verbinden lassen. 

Das erste Capitel über den anatomischen Bau des Auges,, 
zunächst in Beziehung auf die Nervenfasern und Nervenkügel- 
cben , überläfst Bef. den Anatomen von Fach , und übergebt der 
Kürze wegen das zweite über die Sinnesthätigkeit im Allgemeinen 
und das dritte über das nach Aussen Setzen der Gesichtsobjecte. 
Die interessantesten und nichtigsten Capitel des ganzen Werkes 
sind wohl ohne Zweifel die beiden folgenden, welche über den 
Stand (den Ort) des Netzhautbildchens und die Drehungen des 
Auges neue Aufschlüsse geben. Auf der Retina entsteht bekannt- 
lich ein verkehrtes Bild des gesehenen Gegenstandes, für dessen 
Erzeugung, wenn wir uns der Bequemlichkeit wegen ein verti- 
cales, schmales Object vorstellen, die vom oberen Theile dessel- 
ben oberhalb der Axe des Auges auf die Cornea fallenden Licht- 
strahlen diese Axe irgendwo schneiden müssen. Der von der 
Mitte des Objects ausgehende, in der Axe selbst liegende, Licht- 
strahl leidet keine Brechung (welches der Verf. durch die Äus- 
serung p. 49, dafs selbst die Axenstrahlen der Lichtkegel nicht 
ungebrochen durchgehen können, sicher sieht zu bestreiten be- 
absichtigt), und so müssen nothwendig auch vom untersten und 
von allen andern Punkten des gesehenen Objectes Strahlen durch 
das Centrum der Linse gehen, wie Ref. schon an einem andern 
Orte bemerkt hat, ohne damit den Durchschnittspunkt der Haupt- 
strahlenbündel mit der Axe zu bezeichnen. Nehmen wir diese 
Strahlen von den beiden äussersten Enden des Objectes, so bil- 
den diese den sogenannten Gesichtswinkel, dessen Spitze hier- 
nach in der Linse läge, obgleich man sie, bei der Kleinheit des 
Unterschiedes, und wo es auf absolute Genauigkeit nicht ankommt, 
auch wohl in die Cornea setzt , die aber nach dem Verf. am 
richtigsten in den Durchschnittspunkt der Lichtstrahlen und der 
Axe hinter der Linse zu setzen ist. Diejenigen Lichtstrahlen, 
welche vor der Cornea oder vor der Linse die Axe schneiden, 
künnen sie hinter der Linse nicht abermals schneiden, woraus 
sich ergiebt, dafs nicht alle Strahlen in einem einzigen Punkte 
in der Axe Concentrin sind , was auch der Theorie und Erfah- 
rung über die Erzeugung der Bilder hinter sphärisch -convexen 
transparenten Korpern zuwider seyn würde. Inzwischen existirt 
allerdings in der Axe des Auges ein physischer Punkt, wo die 
Hauptstrahlen sich durchkreuzen, um dann durch Vereinigung der 
zusammengehörigen ein Bild auf der Retina zu erzeugen. Be- 
stimmte Angaben über die Lage dieses Punktes erinnert sich Ref. 
nur undeutlich irgendwo gefunden zu haben, unser Verf. aber 
construirte zur Auffindung desselben ein eigenes Instrument, Ge. 
Sichtswinkel raesser genannt, und fand vermittelst desselben den 
Abstand des von ihm so genannten Kreuzungspunktes der 



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Physikalische Literatur. 



Sebstrahlen von der Vorder! In che der Cornea zwischen 0,42s 
and o,522 par. Zoll, im Mittel alse 0,466 Zoll oder 5,592, in 
rander Zahl 5,6 par. Linien. Noch wichtiger, als dieses Resul- 
tat, and als eine interessante Erweiterung unserer Kenntnifs der 
Functionen des wunderbarsten aller Organe ist zu betrachten die 
aufgefundene Wahrheit, dafs dieser Punkt zugleich das Centrum 
der Drehungen des Augapfels ist. Die Versuche des Verfs. zur 
Begründung dieses Satzes sind allem Anschein nach streng be- 
weisend; auch mufs man gestehen, dafs diese Einrichtung die 
einfachste und zweckmäfsigste war , welche die Natur dem Auge 
geben konnte, um die Verlängerung seiner Aze über die zu se- 
henden Gegenstände hingleiten zu lassen, and die Abstände der 
einzelnen gesehenen Punkte durch den Winkel, welchen die ver- 
schiedenen Bichtungen der Augenaxe bilden , zu messen. Der 
Verf. erwähnt gehört zu haben, dafs das Fett der Augenhohle 
selbst nach auszehrenden Krankheiten noch vorhanden zu seyn 
pflege, ond betrachtet dieses als eine weise Vorsorge der Natur, 
damit das zum Bollen eingerichtete Auge in der leeren Hohle 
nicht schlottere. Bef. ist hierin nicht competent , meint aber, das 
Fett der Augenbühle werde im krankhaften Zustande, und selbst 
durch Ursachen , welche die Lebenskraft deprimiren , sehr bald 
resorbirt, und erzeuge durch Zurückziehung des Auges das so- 
genannte hohläugige Aussehen; übrigens bleibt auch nach dem 
Schwinden eines 1 heiles des Fettes noch Zellgewebe genug, um 
ein eigentliches Schlottern des Auges in der engen Hohle zu ver- 
hüten, da krankhafte Afiectionen des Korpers das Volumen des 
Angapfels nicht zu vermindern pflegen. Es verdient hier zu- 
gleich, wegen der Wichtigkeit der Sache, bemerkt zu werden, 
dafs mit dieser wälzenden Bewegung des Auges um den angege- 
benen Centraipunkt eine Veränderung der Form des Augapfels 
durch die Muskeln ganz un vertraglich ist, insofern hiernach die 
Anspannung des einen nothwendig von einem Nachlassen des ent- 
gegenstehenden begleitet seyn mufs , und zugleich ist es eine in* 
teressante Aufgabe für die Anatomen, die eigentümliche Thätig- 
keit der Muskeln, wie sie zur Erzeugung dieser wälzenden Be- 
wegung erfordert wird, zur deutlichen Vorstellung zu bringen. 

Zunächst kommt das Aufrechtsehen zur Untersuchung , wor- 
über der Verf., wie billig, äussert, dafs dieses eigentlich keiner 
Erklärung bedürfe. Bef. halt alle Angaben über beobachtetes 
Verkehrtsehen durchaus für apokrvphisch ; denn abgesehen davon, 
dafs das Verhältnifs zwischen dem empfundenen Netzhautbildchen 
und dem Gegenstande zuverlässig durch den Tastsinn gegeben 
wird , schliefst die unmittelbare Übertragung des empfundenen 
umgekehrten Bildes auf die Gegenstände einen Widerspruch in 
sich, indem ein mit dieser Fähigkeit behaftetes Subjcct die ver- 
kehrt gesehenen Gegenstände so zeichnen , und dann wieder ge- 
rade sehen müfste. Im siebenten Capttel, welches von der Schä- 
tzung der Grofse handelt, folgert der Verf. in Gemäfsheit der 
von ihm aufgefundenen Lage des Drehpunktes im Auge, dafs für 



29« 



Ph rai k ali sehe Literatur. 



den kleinsten Gesichtswinkel = 3o See. (die innere Axe des Au- 
ges mit Einschiufs der Hornhaut nach Treviranus = 0,816 Z. 
und den Abstand des Drehpunktes des Auges [von der Cornea] 
=; o, . 1 6 6 Z. angenommen, wonach also von da bis zur Retina 
o,353 Z. übrig bleiben, den Abstand des Objectes aber =48,466 
Zoll genommen) der Diameter des kleinsten empfindbaren Bildes 
= 0,00006 Zoll seyn wurde. Es sollen aber v. Bär's Schuler 
ein Haar von Y«o Lin. noch in a8 Fufs Abstand wahrgenommen 
haben, und dann betrüge die letztere Grofse nur 0,0000014 Z. , 
auch meint der Verf., jedes nur mittelmäfsige Auge erkenne ein 
Haar von 0,00". Z. Durchmesser in 3o Z. Abstand, was o,oooos3 
Z. geben würde, und es müfsten also die kleinsten Netzhautbild- 
chen kleiner seyn, als die kleinsten Elemente der Retina, deren 
Mafs wir kennen. Es dürfte hierbei jedoch fraglich seyn, ob ein 
so (scheinbar) gesehenes Haar, welches, wie gewöhnlich gegen 
das Licht gehalten, in Vergleichung mit dem seitwärts einfallen- 
den Lichte kaum überall empfindbares Licht rellectirt, eigentlich 
gesehen werde , und nicht vielmehr einen blofsen Schatten er- 
zeuge. Hiermit stimmen auch die im Nachtrage S. 201 mitge- 
theilten Erfahrungen überein. 

Ref. würde zu ausführlich werden, wollte er dem Verf. wie 
bisher mit seinen Bemerkungen folgen, da der untersuchten Pro- 
bleme zu viele sind, und es möge daher genügen, mit Über- 
gehung der folgenden Capitel über Schein er s Versuch, über 
die Richtung des Sehens und das Einfachsehen mit beiden Au- 
gen sogleich zu der wesentlichsten und vielbestrittenen Frage 
über die Accommodation des Auges überzugehen, nur sey es er* 
laubt, folgende Bemerkungen mitzutheilen. Der Ort des gesehe- 
nen Gegenstandes wird durch die Richtung der Augenaxen ge- 
geben, weswegen die Bestimmung desselben den Schielenden so 
schwer, das Einfädeln einer Nadel aber nach dem Verschliefsen 
des einen Auges fast unmöglich ist; die automatische Richtung 
der Augenaxen , und die hiermit zusammenhängende Bestimmung 
des Ortes, geht am überzeugendsten aus II ersehe Ts interessan- 
tem Versuche hervor, welcher im Wörterbuche T. VHL p. 777 
mifg et heilt ist; die Unterscheidung der Farben aber, wo der Ge- 
gensatz zweier oder des weifsen Lichtes fehlt , ist eins der schwie- 
rigsten Probleme, wie schon daraus klar wird , dafs beim Sehen 
durch ein langes, enges, inwendig geschwärztes Rohr alle Far- 
ben , mit Ausnahme des Gelben, fast gänzlich verschwinden. Die 
ganze folgende Hälfte der Schrift ist denjenigen Untersuchungen 
gewidmet, welche sich auf das Accommodations* Vermögen des 
Auges beziehen, oder damit in einiger Verbindung stehen. Na- 
türlich konnte hierbei eine beständige Rücksicht auf die oben 
angezeigte Schrift von Treviranus und die frühere desselben 
nicht fehlen. Unser Verf. stellt die Gültigkeit der Resultate des 
Calcül's nicht in Abrede, was viel zugestanden heifst, hegt aber 
dennoch viele Zweifel , die ihn hindern , der Ansicht jenes be- 
rühmten Physiologen beizutreten. Inzwischen läfst sich der gröfste 



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Theil der gemachten Einwurfe durch den Ein flu fs der 
den Pupillen-Öffnung beseitigen. Wie bedeutend dieser sey , und 
wie leicht er erfolge, davon kann man sich uberzeugen, wenn 
man sein eigenes Auge im Spiegel betrachtet, und dabei die Ent- 
fernungen wechselt. Ref. hat diesen Versnch oft bei verschiede- 
ner Intensität des Lichts angestellt, und sich dabei ausnehmend 
über die Beweglichkeit seiner Pupille gewundert, wodurch je» 
doch der oben von ihm gemachte Einwurf an Gewicht zunimmt, 
da sein Auge mit so beweglicher Pupille dennoch aus Entfernun- 
gen, die nicht eben bedeutend von der gehörigen Gesichts weite 
abstehen, nur sehr undeutliche Bilder erhält. Mehrere der vom 
Verf. aufgefundenen oder bestätigten Thatsachen wird Trevira- 
nus zur Unterstützung seiner Ansicht benutzen, und wenn na- 
mentlich der nachgewiesene Drehpunkt im Auge ein unveränder- 
licher im strengsten Sinne ist, so fallen damit die meisten ange- 
nommenen Mittel der Accommodation von selbst weg. Die Re- 
sultate der Versuche mit Belladonna, die der Vf. anfuhrt, schei- 
nen keineswegs für ein Accommodations- Vermögen zu sprechen, 
denn weitsichtig war das Auge mit erweiterter Pupille allerdings 
geworden, wenn gleich der Bereich, innerhalb dessen mit ihm 
gelesen werden konnte, kleiner war, als bei dem gesunden Auge, 
was sich leicht aus krankhafter Afteclion desselben und dadurch 
verminderter Reizbarkeit erklären liefse. Überhaupt ist es ein 
übler Umstand, dafs die Frage über die Accommodation des Au- 
ges blos aus der anderweitig vielfach bedingten Deutlichkeit des 
empfundenen Bildes entschieden werden raufs , und es könnte 
damit ebenso gehen, als mit der auf gleiche Weise geprüften 
Achromatie des Auges, die hiernach lange Zeit behauptet, und 
dennoch zuletzt durch fernere Versuche als nicht vollkommen 
vorhanden erkannt wurde. Das Problem wird vermuthlich noch 
eine geraume Zeit streitig bleiben, bis alle Einwürfe beseitigt 
sind; es ist jedoch sehr wichtig, dafs einmal eine so gründliche 
Basis durch Treviranus gegeben ist. 

Wir fügen dieser Anzeige deutscher Original werke noch die 
einiger werthvollen Übersetzungen hinzu. 

4) Abrifs einer Geschichte der Fortschritte und de* gegenwärtigen Zu- 
Standes der physischen Optik, t on Humphrey Lloyd, Professor tu 
Dublin. Aus dem Heport of the fourth Meeting of the British Associa- 
tion for the Advancement of Science. Lond. 1835. Übersetzt und mit 
ergänzenden Anmerkungen versehen von G. A. Kloeden. Berlin 18ä6 
196 S. 8. 

Die Engländer haben in den neuesten Zeiten die Optik vor* 
zugsweise bearbeitet, und die berühmten Namen Brewster, 
A iry und insbesondere Herschel verdienen in dieser Beziehung 
vorzugsweise genannt zu werden. Sowohl durch diese als auch 
durch andere Gelehrte ist diese Wissenschaft nicht blos erwei- 
tert , sondern sogar bedeutend umgestaltet , insbesondere durch 
fast allgemeine Aufnahme der Unduiationstheorie. .Lloyd giebt 



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300 Phjiiknliichc Literatur 

hier eine sehr vollständige Übersicht des gegenwärtigen Zustandes 
der Optik, ohne die mathematischen Formeln, deren man sich 
gewöhnlich zur schärferen Bezeichnung der Sachen zu bedienen 
pflegt, und ohne erläuternde Figuren. Dieses geschah wohl, weil 
die Abhandlung zu einer Vorlesung in der Versammlung der 
brittischen Naturforscher bestimmt war; jedoch weifs Ref. nicht, 
ob sie wirklich in dieser Ausführlichkeit gehalten ist, in welchem 
Falle sie nothwendig ermüdend seyn mufste. Ungleich geeigneter 
ist sie zum Lesen, denn sie ist sehr gelehrt, geht tief in das ei- 
gentliche Wesen der optischen Erscheinungen und Gesetze ein, 
und ist zugleich sehr bestimmt und klar. Alle Anwendungen, 
die nicht direct zur Erläuterung und Begründung der Gesetze 
über das Verhalten des Lichtes geboren, z. B. vom Sehen, sind 
weggelassen. Der Übersetzer hat ganz in diesem Sinne einige 
werthvolle Anmerkungen hinzugefugt, und die Schreibart ist so, 
das das Werk fuglich als Original gelten konnte. 

4) Abrifs einer Geickichtc der neueren Fortschritte und de» gegenwärtigen 
Zustandet der Meteorologie. Von Juni es Farben, Professor an der 
Universität zu Edinburgh u. s. w. Aus dem Report of the ßrst and se- 
cond Meetings of the British Association cet. Lond. 1833. Übersetzt 
und ergänzt von W. Mahlmann. Berlin 1886. VI u. 248 & 8. 
Vit 3 Tafeln. 

Der an die Stelle des bekannten Leslie gekommene James 
Dr. Forbes zu Edinburgh, allgemein geachtet wegen des Um- 
fangs seiner Kenntnisse und seines regen wissenschaftlichen Eifers, 
gab in der ersten Versammlung der brittischen Naturforscher zu 
York i83i und in der zweiten zu Oxford i83a eine Übersicht 
dessen , was gerade jetzt zur Beförderung des Studiums der Me- 
teorologie geschieht, und eine Bezeichnung des Standpunktes, 
worauf sich dieser Zweig der physikalischen Wissenschaften be- 
findet , hauptsächlich in der Absicht , um mehrere der anwesenden 
Gelehrten zu veranlassen, einige noch dunkle Probleme durch 
neue, zweckmäfsig eingerichtete, Versuche aufzuhelfen, die auch 
wirklich angestellt , und deren Resultate in den späteren Versamm- 
lungen vorgelegt wurden. Es war dieses zugleich interessant und 
nutzlich, denn in Grofsbrittannien herrscht sehr allgemein Liebe 
zu den Naturwissenschaften, inbesondere auch zur Meteorologie, 
es wurden daher bisher schon an sehr vielen Orten Witterungs- 
beobachtungen aufgezeichnet, hauptsächlich von den Geistlichen, 
jedoch trugen diese bis jetzt noch fast allgemein Spuren des Man- 
gels an einer eigentlich genauen Kenntnifs der Sache. Forbes 
bezeichnet diesen Standpunkt, indem er sagt: »die meteorologi- 
schen Instrumente sind meistenteils als Spielzeug betrachtet, 
»und auf die Beobachtung derselbrn ist nicht wenig Zeit und 
»Mühe verwandt worden, die ganz unnutz für irgend einen wis- 
senschaftlichen Zweck erscheinen. Ja selbst von den zahlrei» 
» chen Tabellen , die einen höheren Werth als jene Beobachtun- 



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Phyaikaliiche 



Literatur. 



301 



»gen haben, und die monatlich, vierteljährlich oder jährlich der 



»Welt bekannt gemacht werden, kann nur wenig speeifische Be- 
v lehrung über irgend eine Hauptlehre oder ein Hauptfactum der 
»Wissenschaft erwartet, oder durch sie beabsichtigt werden. Sie 
»enthalten kaum das Geringste, was sich dazu eignete, einem 
» Abrifs über die Fortschritte der Meteorologie einverleibt zu 
»werden.« Wenn er aber zugleich den Satz ausspricht, dafs vor 
einer zweckmäßigen Behandlung der Meteorologie zuerst das We- 
sen der Wärme-Erscheinungen näher gekannt werden müsse, wozu 
vorzuglich das Studium der Werke von Fourier und Poisson 
dienen könne, so durfte es noch lange dauern, bis die Bearbei- 
tung der Meteorologie nur beginnen kann , denn das Wesen und 
das eigentliche Verhalten der Wärme wird sobald nicht er- 
grundet werden , da hier noch so viel zu thun vorliegt , so 
manche Schwierigkeiten noch zu beseitigen sind , und einige der 
wichtigsten Resultate der theoretischen Forschung mit ausgemach, 
ten Thatsachen im Widerspruche stehen; wie denn unter andern 
r. Humboldt noch neuerdings darauf hingewiesen hat, dafs 
Hofs bei seinem Winteraufenthalte zu Bootia felix eine geringere 
Wärme beobachtete, als Fourier und Svanberg dem Welt- 
räume beilegen, wonach also in jenen, sicher noch nicht kälte* 
sten , Gegenden der Erde die Kälte mit der Hohe über der Erd- 
oberfläche abnehmen müfste. 

Nach dem Plane, welchen Korbes im Voraus angiebt, theilt 
er zuerst eine Übersicht der Literatur mit, die sich jedoch blos 
auf die Meteorologie von Daniel 1 und das Handbuch der Physik 
von Pouillet bezieht; die Werke von Schübler und Hämtz 
waren ihm nur dem Namen nach bekannt, doch sind die wichtig- 
sten Abhandlungen auch in franzosischen und selbst deutschen 
Zeitschriften von ihm nicht unbenutzt geblieben. Der Übersetzer 
bat indefs keineswegs eine eigentliche Übertragung des Textes 
geliefert , auch sich nicht begnügt , diesen mit Anmerkungen zu 
begleiten, sondern er hat die Ergänzungen und Erweiterungen 
so geschickt eingewebt, dafs man nicht mehr erkennt, was aus 
der Originalschrift entnommen , und was von ihm zugesetzt ist. 
Bei einigen Anmerkungen, namentlich im Anfange, ist zwar be- 
merkt, dafs sie zugesetzt seyen, allein dieses läfst sich als blofse 
Ausnahme betrachten. Somit dient die Abhandlung von Forbes 
nur gleichsam als Grundlage eines , wie der Übersetzer selbst 
sagt, mehr einem Compendium, als einer geschichtlichen Über- 
sicht, gleichenden Werkes über die hauptsächlichsten Probleme 
der Meteorologie, wobei die im Originale gewählte Reihenfolge 
beibehalten ist. Hiernach folgt auf die genannte kurze Angabe 
der Literatur zuerst über die Beschaffenheit (hauptsächlich Zu- 
sammensetzung) der Atmosphäre, dann über die Temperatur, 



Feuchtigkeitszustand derselben, und endlich über die atmosphä- 
rischen Phänomene und Niederschläge, als die Winde, den Thau, 
den' Regen, den Schnee und, nach einer Untersuchung der Luft- 




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elektricität, die Gewitter, den Hagel nebst dem Nordlichte. Haupt- 
sächlich sind hierbei die reichhaltigen Arbeiten von Hämtz und 
Do vc benutzt, die Quellen findet man sebr vollständig und genau 
angegeben , und somit dient also die Schrill denen , welche die 
größeren benutzten Werbe und namentlich die in Poggen- 
3 orf Ts reichhaltigen Annalen enthaltenen Abhandlungen nicht 
zur Hand haben , als ein reicher Schatz wissenswert hei- Thatsacben 
und der Resultate der neuesten gelehrten Forschungen im Ge- 
biete der Meteorologie. 

6) Ünterhaltungen aus dem Gebiete der Naturkunde. Von Dr. Fr. Arago. 
Au» dem Franzöeuehen übersetzt von Carl v. Rem*. Erster Theit. 
Stuttgart 1837. Fl u. 278 & 8. 

In der Vorrede wird bemerkt, dafs dem seit 1827 zu Paria 
jährlich erscheinenden Annuairt presente au Roi par le Bureau des 
Longitudes (einem kleinen, eng gedruckten Tni leiten- Alma nach , 
worin ausser dem Kalender noch die Mafsc und Gewichte, die 
Posten , die wichtigsten geographischen Ortsbestimmunsen u. s. w. 
enthalten sind) meistens noch kürzere oder längere Abhandlungen 
unter dem Titel : No/ices scien/ifiaues angehängt zu seyn pflegen , 
die meistens die neuesten und interessantesten Gegenstände aus 
dem Gebiete der Physik enthalten. Ihr Verfasser, Arago, hat 
bekanntlich die Gabe, bei tiefer Gelehrsamkeit einfach und klar 
zu seyn , seine Darstellungen werden daher ausnehmend gerne 
gelesen, und es ist in der That zu verwundern, dafs nicht schon 
früher jemand auf den Gedanken kam, diese Abhandlungen ent- 
weder in der Grandsprache vereint herauszugeben , oder ins 
Deutsche zu ubersetzen, denn sie sind nicht blos im Allgemeinen 
belehrend, sondern auch mitunter selbst dem Physiker von Fach 
unentbehrlich, welcher sich dann die einzelnen Jahrgänge, und 
damit zugleich die fast unverändert wiederkehrenden Sachen an- 
schaffen mufs , von denen er keinen Gebrauch machen kann. 
Ebenso sind auch in den meisten Jahrgängen der Connaissance 
des Temps, namentlich denen aus dem laufenden Jahrhundert, sehr 
gelehrte Abhandlungen enthalten, die man selbst in Frankreich 
nicht von der blos für Astronomen von Fach geeigneten Abthei- 
lung getrennt erhalten kann. Ref. zweifelt daher keinen Augen- 
blick, dafs die vorliegende Übersetzung Beifall finden werde, nur 
vermissen sicher die meisten Leser eine Angabe der Jahrgänge, 
woraus die einzelnen Abhandlungen genommen sind, insofern man 
oft veranlagst wird, zum Originale uberzugehen. 

Die in diesem ersten Theile enthaltenen Abhandlungen sind: 
zuerst die weitläufigste unter allen, über die Dampfmaschinen. 
Man findet darin eine sehr ausführliche Geschichte der Erfindung 
dieser neuerdings so berühmt gewordenen Apparate, worin mit 
tief eingehender Kritik die Ansprüche der verschiedenen Gelehrten 
an diese Ehre geprüft werden. Unser Verf. legt sie dem Salo- 
mon de Caus um das Jahr i6i5 bei, den er zugleich seiner 
Nation vindicirt, obgleich anderweitig erwiesen ist, dafs dieser 



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Physikalische Literatur 



Heidelberger Professor ein Deutscher war. Dafs der von den 
Engländern so allgemein angenommene Marquis von Worchester 
nicht der Erfinder sey, laut sich wohl genügend dort hu n, allein 
nach unserer Ansicht gebührt die Ehre entweder dem Heron 
Ton Alexandrien , welcher eine dem Segnerschen Wasserrade ähn- 
liche Maschine durch Dampf in Bewegung setzte, oder dem Dio- 
nysius Papinus (von welchem Arago wohl nicht mit Unrecht 
sagt: »der Mann von Genie, der seinem Jahrhundert zu weit 
» vorausgeeilt ist, wird überall verbannt, in welchem Fache es 
»seyn mag«), denn dieser erfand den jetzt allgemein gebräuch- 
lichen Embolus und die Stiefel mit Ventilen, statt dafs die Ma- 
schine des de Caus nur ein durch Dampf getiiebener Heronsball 
ist, dem Sa Vary das Saugwerk hinzufugte. Inzwischen erfor- 
derte die Construction der Maschine des Letzteren weniger tech- 
nische Fertigkeit, und ihrem Erfinder standen bedeutende Hülfs- 
roittel zu Gebote , statt dals der Marburger Professor mit Mängeln 
aller Art zu kämpfen hatte, ein Umstand, welcher in der Ge- 
schichte der Erfindungen und wissenschaftlichen Leistungen über- 
haupt wohl berücksichtigt zu werden verdient. 

Ref. darf des Baumes wegen dem reichhaltigen Inhalte nicht 
weiter folgen, nnd unterläfst dieses um so mehr, je sicherer die 
Schrift selbst sehr viele Leser finden wird. Die folgenden Ab- 
handlungen betreffen die Artesischen Brunnen, gleichfalls mit ge- 
nauen historischen Nachrichten über die ersten Versuche, solche 
Quellen aufzufinden. Es folgt dann die bekannte gelehrte Abhand- 
lung uher den Wärmezustand unserer Erdkugel, hierauf über den 
frostbringenden Mond und den Thau, worin die dem Monde falsch- 
lich beigelegte Hälteerzeugung aus der bekannten Wärmestrahlung 
abgeleitet wird; demnächst eine kurze Zusammenstellung der den 
verschiedenen Thierarten eigenen Temperatur , und endlich über 
die ägyptischen Hieroglyphen. Überall findet man interessante 
Bemerkungen eingestreuet , und mitunter schwierige Probleme 
höchst anschaulich dargestellt, wie z. B. den Zusammenhang eini- 
ger Quellen mit der Ebbe und Fluth, wenn anders die Thatsache 
völlig begründet ist. Die Übersetzung, obgleich man sie als sol- 
che erkennt, ist sehr iliefsend, und der Druck correct, nur findet 
sich 8. i3i ein leicht irre führender Druckfehler, indem 80 Mil- 
lionen statt 80 Billionen steht. 

7) Die denkwürdigen artesischen Brunnen zu Oberditchingen in H'ürtem- 
berg , in geognottisch - hydrographischer und construetiver Beziehung 
ausgeführt und dargestellt von A. R Bruckmann, Architekt u. 9. w. 
Mit einer Steintafel. Heilbronn 1836. 60 8. 8. 

Wir erwähnen diese kleine Schrift von dem Sohne des be- 
kannten Verfassers eines ausfuhrlichen Werkes über das Bobren 
artesischer Brunnen, dem Neffen des als praktischen Hydrotectea 
rühmlichst bekannten Bruckmann zu Heilbronn, weil der be- 
handelte Gegenstand von allgemeinem Interesse ist, und die Er- 
gebnisse solcher Operationen allezeit belehrend für diejenigen sind, 



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304 Physikalische Literatur. 

welche ahnliche Unternehmungen aaszufuhren beabsichtigen. Aus- 
scrdem ist es interessant, zu erfahren, dafs in einem Abstände, 
welcher nicht mehr als 260 Fufs betrug , drei Bohrquellen mit 
einem reichlichen Ertrage zon Wasser, zusammen von 1408 Ku- 
bikfufs in einer Stunde, aufgeschlossen wurden, welches bei allen 
beträchtlich über die Bodenfläche anstieg; auch wird der Geognost 
nicht ohne Interesse die Verschiedenheit der durchbohrten Schich- 
ten in einem so geringen Bereiche aus den Zeichnungen entnehmen. 

Ref. erwähnt noch zwei Schriften, um sie nicht mit Still- 
schweigen zu ubergehen, obgleich die Gesetze unseres Instituts 
verbieten, uher inländische literarische Producte ein Urtheil zu 
fällen. 

■ 

8) Lehrbuch der Physik zum Gebrauche bei Vorlesungen und beim I nter- 
richte, von IV. Eisenlohr, Professor der Mathematik u. Physik am 
grofsherz. Gymnasium in Mannheim. Mit 8 Tafeln. Mannheim 1836. 
VIII und 448 8. 8. 

Der Verf. befolgt die gewohnliche Ordnung, indem er in 2 
Abschnitten von der Beschaffenheit der Korper handelt , dann die 
Bewegungsgesetze folgen la'fst , woran sich die Wellenbewegung j 
und die Phänomene des Schalles schliefsen. Die folgenden Ab- 
schnitte sind den Inponderabilien gewidmet, zuerst dem Lichte, 
darauf der Wärme und der Elektricität nebst Magnetismus, wor- 
auf das neuerdings entdeckte gegenseitige Verhalten des Magne- 
tismus und der Elektricität zu einander unter dem Ausdrucke: 
Electrodynamik , zusammengefaßt wird. Veranlassung zur Her- 
ausgabe des Handbuches gab das Halten von Vorlesungen vor 
einem zahlreichen und ausgezeichneten Publikum , wobei der 
Wunsch ausgesprochen wurde, den Inhalt der Vorträge gedruckt 
zum Nachlesen zu besitzen. 

9) Beiträge zu einer künftigen Physiographie des Grofsherzogthums Baden 
und seiner Angrenzungen, in einer Hei he zwangloser Hefte. Heraus- 
gegeben von Dr. C. Fr. Wucherer. Erstes Heft. Freiburg 1836. 22 S. 8. 

Die Schrift enthält die vom Verf. im Jahre 1820 in der hie- 
sigen Versammlung der Naturforscher und Ärzte gehaltene Vor- 
lesung über die Cassinische Mittagslinie zu Karlsruhe, die dortige 
Abweichung der Magnetnadel, und Länge des Secundenpendels. 
Neues ist nicht hinzugesetzt, ausser einige literärische Nachwei- 
sungen. 

M u n c k e. 



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N 0 .2O. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



SCHUL SCHRIFTEN. 

Die Entwicklung des deutschen Schalwesens bildet sich im« 
mer bestimmter in die einzelnen Anstalten aus, die von der fort- 
schreitenden Cultur verlangt werden. Die Gelehrten- und poly- 
technischen Schulen neben einander, und die niederen Volksschulen 
scheinen sich in dieser Ausbildung scharfer von einander sondern 
au wollen, und zwar wie ehedem nach den Stufen der Stände, so 
jetzt nach den Zwecken des Erwerbs; weshalb das Bedürfnifs der 
Gelehrtenschulen gegen sonst etwas zurücktritt. Da nun seit cini- 

§en Jahren, wo die Überfullung der Adspiranten besonders unter 
en Theologen und Juristen unangenehm gefühlt wurde, die Fre- 
quenz auf den Universitäten in einer bemerkbaren Abnahme be- 
griffen ist , so dafs gegenwärtig in den deutschen Ländern , deren 
Gesammtbevolkerung etwa aus 3o Millionen besteht , ungefähr 
10,000 deutsche Studirende sich befinden, so wird sich in dieser 
Hinsicht die Zahl derer, die für den Gelehrtenstand unterrichtet 
werden, vielleicht bald ins Gleichgewicht setzen, und diesem wird 
denn auch die Abtheilung der vorbereitenden Schulen zeitgeroäfs 
entsprechen. Die Hauptgrundsätze für jede Art derselben haben 
sich geltend gemacht, und hierin bringt die Literatur dermalen 
wenig Neues, aber die Nachrichten über die Art, wie sie in die- 
sen verschiedenen Anstalten in das Leben eingeführt werden, hat 
dafür, wie Ref. früher einmal in diesen Jahrbb. äusserte, jenen 
literarischen Werth gewissermafsen übernommen. In dieser Be- 
ziehung zeigen wir auch jetzt wieder einige Schulschriften an. 

1) Gelehrtenschulen. Einer der verdienstvollsten Lehrer 
einer solchen vorzuglichen Anstalt, der schon früher auch durch 
Druckschriften wirksam gewesen, hat herausgegeben: 

Ansichten über Erziehung und Unterricht in gelehrten Schulen. Eine Aus- 
wahl der Schulachriften von Dr. J. G. K. FöhUich, Grofeher*. Bad. 
Hofr. und Dlrector des Gymnatiume zu IVcrthheim. Erste Sammlung, 
Karleruhe, in der Braun'$chen Hofbuchhandl. 1836. IX u. 880 S. 

Es sind Abhandlungen von 1814 bis zu i834, und bezeichnen 
also für diesen Zeitraum von 20 Jahren zugleich eine geschicht- 
liche Entwicklung dieser Ansichten. Die erste (v. J. 1814) redet 
über die logische Wichtigkeit der Mathematik in 
Gymnasien, nebst einigen wissenschaftlichen Anden- 
tungen. Auch jetzt noch, seitdem dieser formale Nutzen der 
Mathematik allgemeiner anerkannt worden, ist diese Abhandlung 
den Schulmännern sehr zn empfehlen, da sie mit tiefer Sachkennt- 
nis den Gegenstand ins Klare setzt; sie zieht an durch die reiche 

XXX. Jahrg. 3. Heft. 20 



* 



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306 Schuluchriften. 



Belescnheit und den belebten Styl des Verfs. Sowohl die treff- 
lichen katechetischen Proben als die Winke für eine nützliche 
Schullogik werden den Lehrern dienen. — Die zweite Abh. redet 
Über dasVerhältnifs der Mittels chulen zu dem Geiste 
unserer Zeit (v. J. 1821). Unter dem provinziellen Ausdruck 
Mittelschulen werden nämlich die Gelehrtenschulen verstanden, 
und für diese wird sowohl die Idee ihrer hohen Bestimmung, 
als der Weg zur Ausführung , und zwar praktisch angegeben. 
Den sittlich bildenden Schulmann erkennt man überall, z. B. in 
folgender Stelle: »So zweckmäßig die belobende Hervorhebung 
der Volkstugenden und namentlich der Vaterlandsliebe überall ist, 
so erfordert doch der Vortrag ihrer Beweise, vorzüglich aus der 
alten Geschichte zu unserer Zeit und vor einer christlichen Ju- 
gend, besondere Vorsicht. Die Aufopferungen eines Harmodius 
und Aristogiton, eines Mutius Scävola, M. Brutus u. A. sind da- 
her nichts weniger als unbedingt zu empfehlen, sondern vielmehr 
aus ihren Triebfedern und dem sittlichen und wissenschattlichen 
Bildungsgrade des Zeitalters zu erklären. Die höhere und fried- 
lichere Ansicht des Lebens, welche die Christuslehre und Liebe 
der Welt verkündigt hat , verbannt alle feindselige Leidenschaf- 
ten aus dem Herzen, achtet auch im verworfenen Gegner noch 
den Menschen , und opfert den Dolch der Bache dem Geiste der 
Liebe auf.« Diese Worte der Wahrheit in dem J. 1821 ausge- 
sprochen, wo der politische Fanatismus die Jünglinge (und Kna- 
ben!) schon auf den Schulbänken ergriffen hatte, waren Worte 
zu seiner Zeit , und sind es noch. Wie oft wird in solchen Schu- 
len durch eine falsche Bewunderung jener Männer unter Griechen 
und Römern das sittliche Gefühl und L itheil verfälscht! — III« 
und IV. Über Menschenbildung durch das Schone, mit 
besonderer Hinsicht auf Ton- u. Zeichenkunst, haupt- 
sächlich in Mittelschulen (1823 u. 24). Hier geht dieser 
Freund des Schonen, von Schiller, Gothe und den Griechen ge- 
leitet, ins Einzelne, um zu zeigen, wie jener Unterricht die Seele 
zum Schonen und auch von dieser Seite zum Wahren und Guten 
erheben könne. Nachdem der zweiten Abth. der Verf. das Schil- 
lersche Wort vorgesetzt: »Was wir als Schönheit hier empfun- 
den, — Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn « , fuhrt er 
auf den tieferen Grund hin: » Der Bildungstrieb der menschlichen 
Natur erscheint in seinem innersten Wesen als Streben nach Ent- 
wicklung. Wie sich die Pflanze dem Lichte zuwendet, um sich 
an dessen Lebenswärme zu entfalten, so sehnt sich der lebendige 
Beim der Menschenkraft nach einem milden Beize der Erregung. 
Diese eingeborne Sehnsucht nach Selbstgestaltung ist das Wesen 
der Liebe, welche alle Geschöpfe bildet, und mit einander zu 
einem Höheren verbindend, sie zur Darstellung eines stets eigen- 
tümlichen Urbildes emporzieht.« Dafs der Verf. nicht blos bei 
den ästhetischen Reflexionen stehen bleibt , die nur zu oft zur 
Einseitigkeit und Überschätzung jenes Einflusses führen, sondern 
praktische Anleitung, um das Zeichnen u. 8. w. zweckmäfsig zu 



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Schulschriften 



im 



üben, eitheilt, ist sehr zu billigen, und gibt dem Grundsatze, 
den er ausdrücklich ausspricht : » Die Menschenbildung durch das 
Schone bezieht alle einzelnen Bestrebungen auf ein Höchstes und 
Gottliches«, seinen Werth auch für die Gymnasien. — Die Abh. 
V. u. VI. ÜberZweck, Inhalt und Form der öffentlichen 
Prüfungen in Mittelschulen (i8s5 u. 26) sagen ebenfalls 
Vieles, und das mit Vernehmung pädagogischer Stimmen aus alter 
und neuer Zeit, das Beberzigung verdient; indessen wäre hier 
noch Manches zu erinnern, und die Hauptpuncte, an welche der 
Verf. aus seiner Gedankenfülle und Belesenheit Mehreres anknüpft, 
konnten kurzer gefafst werden. Im Ganzen gibt der erfahrne 
Schulmann auch hier viel guten und anwendbaren Rath. — VII. 
Das Gymnasium, eine natürliche Vorschnle der Phi- 
losophie ( IÖ3-2). Wir hören gerne, dsfs der Verf. die allge- 
meine Bildung durch Sprachen , Geschichte und Mathematik auf 
classischem Wege begründet, und hierin »eine naturgemäße Vor- 
bereitung zur vernünftigen Beurtheilung der verschiedenen philo, 
sophischen Systeme der neueren Zeit« findet, nur halten wir es 
weder für naturgeraäfs, noch für vorbereitend, wenn die Schüler 
schon kritisiren lernen. Vor der Mannesreife und der reinen Auf- 
fassung ist die Kritik nur die Mutter des Dünkels und Vorurtheils; 
sie kommt keinem Schüler, sie kommt nur dem Meister zu. Ein 
Lessing wurde ein solcher Meister, weil er auf der Schule kei- 
nen philosophischen Cursus gemacht , sondern sich mit reichen 
Scbulkenntnissen genährt hatte. Wenn der Jüngling auf seinem 
Gymnasium und Lyceum schon ein Philosoph zu seyn wähnt, so 
wird er es nie werden. Der Vf. geht zwar von derselben Über- 
zeugung aus, und sagt ausdrücklich, dafs der Widerstreit der 
allgemeinen wissenschaftlichen Grundansichten, welcher sich durch 
alle Wissenschaften und Lehrbücher derselben durchzieht, der 
Jugend, welcher der friedlichere Boden der historisch - wissen- 
schaftlichen Bildung angewiesen ist, am besten noch völlig un- 
bekannt bleibe«; allein wir glauben, er hätte noch weitergehen 
und z. B. » eine kurze Darstellung des wissenschaftlichen Lebens 
der Griechen« nicht so, wie es o. 245 geschieht, mehr auf die 
Empfehlung von Andern hin , den Gelehrtenschulen empfehlen 
sollen. Er selbst spricht auch in dieser Abh. trcfllich von der 
Schulbildung zur Philosophie durch Mathematik und Sprache, 
und von den Nachtheilen des Unterrichts in der Philosophie auf 
Schulen, aus einer umsichtigen, reichen Erfahrung. Das, was er 
aus seinen Schülerjahren seiner eignen Erfahrung hierin mittheilt, 
verdient in die Geschichte des Schulwesens aufgenommen zu wer- 
den. — VIH. Aphorismen über allgemeine Schulrefor- 
men, welche manchen guten Rath für die verschiedenen Arten 
der Schulen ertheilen. 

Die drei letzten Aufsätze dieses Bandes: Erinnerungen 
an F. A. Wolf, als Lehrer und Pädagogen; dessen Abh. 
De doctrinae a/que institutionis discrimine commentatio ; Erinne- 
rungen an Dr. A. H. Niemeyer, vormal. Kanzler der Uni- 



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808 SchoUchriften. 

versität zu Halle als Päd agogen ; ein Beitrag zur neue- 
ren Geschichte der Pädagogik u. der gel. Schulen; — 
sind von uns schon damals, wie sie als einzelne Programme er- 
schienen, in diesen Jahrbb. angezeigt worden (i834* N. 76. und 
im folgenden Jahrg.); in diesem Abdruck sind sie durch Anmer- 
kungen bezeichnet. Oberhaupt theilt der Verf. aus einem grofsen 
Schatz von Literatur und gelehrter Belesenheit in Text und Noten 
dem Leser so freigebig mit, dafs schon hierdurch sein Buch vor- 
zuglich belehrend geworden, aber auch durch die eignen Gedan- 
ken, welche sich oft nur zu weit in ihrer blühenden Sprache er- 
weisen, wird der Geist des gemüth vollen Verfs. sieb den Dank 
der Schulmänner erwerben, welche sein Buch lesen. 



Schätzbare Beiträge liefert ein anderer würdiger Lehrer an 
einer Gelehrtenschule, Herr Professor G. W. Muller, Bector 
des Gymnasiums zu Torgau, durch einige Einladungsschrif- 
ten zu dortigen Schulfeierlichkeiten i835 und i836, welche ge- 
schichtliche Nachrichten über dieses Gymnasium ertheilen. Die 
Schulgesetze desselben vom J. 1828 stimmen zu dem aus Tacit. 
Germania vorgesetzten Motto : Plus boni mores valeant , quam 
bonae leges; die neueste Einrichtung v. J. i835 ist in dem Pro- 
gramm von i836 ausfuhrlich angegeben. Sie verdient auch aus- 
wärts gekannt zu werden, da sie Treflliches enthält, das sich 
auch für andere Gymnasien empfiehlt, namentlich was die Privat- 
arbeiten , den gegenseitigen Unterricht und die Beschäftigung der 
unteren Schuler durch obere betrifft. 



2. Polytechnische Schulen. Wir geben hier nur eine 
historische Notiz von diesen in unserer Zeit so wichtig geworde- 
nen Bildungsanstalten, welche wir der Schrift verdanken: 

Die höhere technische Lehramtalt, oder die technische Abtheilung de* her- 
zogt. Collegii Carolini zu Braunschweig, nach Zweck, Plan und Ein- 
richtung, unter Mitwirkung ihrer Lehrer dargestellt von dem Vorsteher 
derselben A. Uhde, Dr.phü., Prof . d. Mathem. u. Astronomie. Braun- 
schweig bei Vieweg u. Sohn 1836. IV u 90 & 8. 

Wir theilen unsern Lesern aus der Nachricht von der Stif- 
tung des Collegium Carolin um im J. 1745 eine Hunde mit, wel- 
che wenig bekannt seyn durfte , dafs nämfich der berühmte Abt 
Jerusalem den Plan zu dieser Anstalt gemacht, und sie mehrere 
Jahre geleitet. Er schreibt 1743 in dem Entwürfe zu diesem Plane: 
» Diejenigen, welche in den gröfsten Welthändeln der Welt nützen, 
die mit Einrichtung gemeinnütziger Anstalten, der Handlung, der 
Verbesserung der Naturalien , Vermehrung des Gewerbes und der 
Landwirtschaft umgehen , die sich auf mechanische Künste le- 
gen, die zu Wasser und zu Lande, über und unter der Erde das 
gemeine Beste suchen , machen einen eben so wichtigen Theil des 



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SchuUchriffen. 



309 



gemeinen Wesens als die Gelehrten aus. Und dennoch hat man 
bei allen Unkosten, die man auf die Einrichtung der Schalen und 
Akademieen verwandt hat , für diese bisher so wenig und oft gar 
nicht gesorgt.« Wir erfahren hieraus i) dafs die Idee von tech- 
nischen Bildungsanstalten für die Jugend neben den gelehrten von 
jenem berühmten Kanzelredner ausgegangen ; 2) dafs derselbe sie 
schon damals in einer Bestimmtheit vorgezeichnet , wie sie sich 
erst nach nunmehr beinahe hundert Jahren entfaltet hat, (welches 
an ein Wort von J. P. Richter erinnert , dafs die Deutschen zwei 
Jahrhunderte brauchen, um etwas Gutes ins Leben zu setzen, 
das eine um die Mißbrauche wegzuschaffen , das andere um das 
Bessere zu bewirken; — ob das nun ein Tadel oder ein Lob sey? 
denn wir denken: »gut Ding will Weile haben«); dafs also in 
jener Zeit, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wo sich 
Mehrere > zum Umschwung der Geistescultur vorbereitete, auch 
dieses wichtige Moment in der Cultur hervorkeimte. Diese Wich- 
tigkeit liegt nunmehr vor Augen in mehreren blühenden Anstalten 
der Art., und so auch in dem vorliegenden Plane. Wir stimmen 
dem bei, was der in seinem Fache bereits dem Publicum rühm- 
lich bekannte Vorsteher Dr. Uhde S. 5 sagt: »Die raschen Fort- 
schritte der Industrie, die Vervollkommnung und Ausbreitung, ja 
das Entstehen solcher Wissenschaften, welche die Erzielung von 
Natur- und Kunstprodukten betreffen , meistens in Folge des kraf- 
tigen Aufschwungs der Naturwissenschaften in neueren Zeiten, die 
ausgedehnteren Beziehungen und die grofartigen Verhältnisse und 
Institute des Handels — das Alles hat eine Steigerung der For- 
derungen bewirkt, welche gegenwärtig an den jungen Mann ge- 
macht werden, der sich einem der genannten Fächer widmen 
will , dafs die bisherigen Mittel seiner Ausbildung keineswegs mehr 
für zureichend gehalten werden konnten.« — Von dem Plane 
selbst haben wir nicht weiter zu reden, als dafs die Gesammt- 
anstalt, das Collegium Carolinum , nunmehr in drei Abtheilungen 
zerfällt: die humanistische, die merkantil ische und die technische. 
Diese letztere ist es , deren Einrichtung hier ausführlich angege- 
ben wird; sie hat ihre Aufgabe so hoch gestellt, dafs die Jüng- 
linge in diesen Fächern es sehr weit bringen mögen. 



3. Und nun noch die Anzeige eines Werkes für die Volks- 
schulen , das unmittelbar für die Praxis bearbeitet ist, wie es denn 
auch aus derselben hervorgegangen. Es besteht aus mehreren 
Abtheilungen; die Titel sind: 

a. Lehrplan für die Elementar - Clane der Knaben - Zahl schule Sebalder 
Sprengel» in Nürnberg. Herausgegeben von W. K Schultheifi , 
Lehrer an der Bildungsanstalt. Zweite verm. u. verb. Aufl. Nürnberg, 
im Selbstverläge de» Verfasser». 183S. (Die erste Aufl erschien 1829.; 
AT/u Ol) & mit mehreren Tab. 8. 

b. Lehrbuch für den Anfangsunterricht in Volksschulen und Privatlehr- 
anstalteu vom W. K. Schultheifs etc. Im Selbstverl, de» Verf. MM 



SchuUchriften 



Erster Abschn. Per Leseschvier etc. 140 Ä. Zweiter Abschn. Sittenlehre 

in Beispielen ete Ite Abth. 192 S. 'ite Abth. Biblische Geschichten elo 
181 S. Dritter Abschn. Per elementirende Schön- und Hecht schreibe- 
Schüler etc. 32 S. mit Tab. Vierter Abschn. Per elementirende Rech- 
ner ete. Ir Th. 1835. (Ite Aufl ) 68 & Fünfter Abschn. Anderweitig 
Gemeinnützliches etc. 1SJ(>. 104 S. '6te Abth. Leitfaden beim ersten Un- 
terricht im Singen, u. eine Samml. leichter Singstücke etc. 1836. 40 S, 

c. Pas Schulhalten im neunzehnten Jahrhundert , odtr vom Element an 
lückenlos fortschreitender , ineinandergreifender Unterricht für 2080 
Lchrstunden in der Volksschule , von etc. D ürnberg , im Selbstverlage 
des Verfs. 1835. (XXXIV S. Vorr.) Methodenbuch zu dem Anfangs- 
unterricht in l'olkssch. u. Privatlehranst. etc. Erster Abschn. Penk-, 
Sprech-, Lese- u. Sprachübungen etc. Ite verb. Aufl. XVI u. 72 A>. — 
Zweiter Abschn. Vorbereitung zum Unterricht in d. Religion f. Volk»- 
schulen etc. Ite Abth. 183«. (XXIV u. 120 S ) — Dritter Abschn. Per 
elementirende Schön- u Rechtschreibe- Lehrer etc. (Ute Aufl. 1836. XIV 
u. 50 & mit Vorschriften) — Vierter Abschn. Per Rechnenlehrer in 
Volksschulen; eine Anweisung, wie Kinder ete. (Ite verb. Aufl. 1835. 
84 S.) — Fünfter Abschn. Anderweitig Gemcinnützlivhes für Polksseh' 
tte. (1836. 42 S.) Ite Abth. Gesanglehre etc. (1836. VIII u. 19 S.) 

Der Verf. erzählt in der Vorrede von seiner Reise, die er 
im J. 1 034 gemacht, auf welcher er auch den Unterzeichneten 
mit seinem Besuche erfreute, und theilt etwas aus dem Gespräche 
mit, worin ihm Ref. diese literarische Unternehmung wohlmeinend 
widerrattien , weil er pecuniäre Nachtheile für ihn besorgte, in- 
dem ein solches ausfuhrliches Werl; wohl nicht im Publikum hin- 
reichend Unterstützung finden mochte, und weil dergleichen Be- 
arbeitungen bereits mehrfach vorhanden wären. Die Entgegnun- 
gen des Verfs. bewiesen aber dem Ree. in Herrn Schultheis ei- 
nen von dem wichtigen Zwecke seines Schulamts begeisterten und 
für denselben durchgebildeten Lehrer, wefshalb Ref. auch dem- 
selben unumwunden sagte, er halte ihn zum Lehrer geboren, und 
so möge er denn seine Arbeiten dem Druck ubergeben. Herr 
Sch. erzählt das selbst in der Vorr. mit mehreren) Andern von 
seiner damaligen Reise. Ohne nun dieses Werk genau mit Be- 
merkungen zu durchgehen, welches weder dem Ref. möglich, 
noch unsern Lesern genehm seyn wurde, glaubt Ref. dafs es sein 
Urtheil über den troll liehen Schulmann rechtfertigen wird, und 
wünscht es defsfalls in die Hände recht vieler Lehrer an den 
Volksschulen. Der Grundsatz , der den Verf. zu dieser seiner 
Arbeit und in derselben geleitet , ist , dafs der Lehrgang in einer 
solchen Schule völlig lückenlos und wohlgeordnet für alles sey, 
was in jenen Schulen gelehrt werden soll. Allerdings gibt es 
allgemeine Gesetze solcher Anordnung, auch ist es belehrend für 
jeden Lehrer, wenn sie bis aufs Kleinste angewandt erscheinen: 
das aber kann nur als Beispiel, nicht als objectiv feststehende 
Norm gelten, ohne in einen Pedanlismas und Mechanismus zu 
gerathen, welcher dem Verf. selbst zuwider ist. Denn es hängt 
dabei nicht nur Vieles von Umständen ab , sondern man raufs 
auch der persönlichen Ansicht des Lehrers so vieles in der Aus- 
führung überlassen , dafs wir nie die des einzelnen noch so treff- 
lichen Lehrers zur Norm machen dürfen. Jeder Lehrer mag seine 



uigitizeo Dy 



SchuUchriften. 



SU 



Manier haben, wodurch gerade er aufs beste wirkt, aber die Ma- 
nier ist nicht Gesetz, and was dieses als objectiv geltend macht, 
•oll sich zugleich subjectiv frei gestalten. 

Schwarz. 



Handbuch der Geographie von Dr. W. K. Folger, Rector am Jo- 
hanneum zu Lüneburg. Vierte stark venu. Aufl. Hannover 1830. im 
Verlage der Hahn'achen Hofbuchhandlung. Enter Theil 11 u. 711 & 
Zweiter Theil 630 & in gr. 8. 

Die früheren Ausgaben dieses umfassenden Werkes haben wir 
bereits in diesen Blättern ausführlich angezeigt (vgl. Jahrg. 1828 
8. isa5 ff., Jahrg. i83o S. n5o ff., Jahrg. i832 S. 1128 11., 
Jahrg. i836 S. 82S.). Indem wir nun auf jene früheren Anzeigen 
verweisen , haben wir in Beziehung auf die vor uns liegende neue 
Auflage besonders anzuführen, dafs der Herr Verf. derselben den 
grofsten Fleifs zugewendet. Die Bogenzahl ist nicht nur stärker 
als in den früheren Auflagen, sondern das Buch hat vorzuglich 
durch zweckmäßige Einrichtung des reichhaltigen Formates und 
Druckes auch einen bedeutenden Zuwachs gewonnen. 

Ein Handbuch der Geographie veraltet , wie der Herr Verf. 
selbst mit Recht in der Vorrede (S. I.) bemerkt , dem Bearbeiter 
desselben schon unter den Händen bei den täglich sich ereignen- 
den Veränderungen und bekannt werdenden neuen Nachrichten. 
Doch hat Herr Volger bis zum letzten Termine, den der Drucker 
ihm zugestand, Alles benutzt, um jede bis dahin vorgefallene 
Veränderung einzutragen, oder mangelhafte Angaben von Dar- 
stellungen nach den ihm zur Kenntnils gekommenen Nachrichten 
zu verbessern. Es stellt sich somit diese neue Auflage in der 
That als eine verbesserte dar. 

H a u t %. 

Die Redaction bemerkt, dafs inzwischen auch von desselben 
Herrn Verfs. Lehrbuch der Geographie Dritter Curaus, 
die zweite, verbesserte und stark vermehrte Auflage (auch mit 
dem besondern Titel: Vergleichende Darstellung der al- 
ten, mittleren und neuen Geographie, ein Lehrbuch 
für die obersten Gymnasialclassen), Hannover 1837, * m 
Verlage der Hahn 'sehen Hofbuchhandl. X u. 45 1 S. in gr. 8. er- 
schienen ist. Wir verweisen auf die früheren Anzeigen i832 p. 
1123 ff. i836 p. 824; die neue Auflage zeichnet sich durch gro- 
fsere Vollständigkeit, Genauigkeit und Sorgfalt in allen einzelnen 
Angaben vorteilhaft aus und läTst die bessernde Hand des uner- 
müdet thätigen Verfassers überall erkennen. Der correcte Druck 
und die würdige äussere Ausstattung gereicht der Verlagshandlung 
sehr zur Ehre. 



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512 



i 



GRIECHISCHE LITERATUR. 

■ 

S. Gregorii, Nation zeni Theologi, in Caeearium Jratrem Ora- 
tio funcbria. Graece. Sccundum cditiuncm D. Clcmcnccti ad upti- 
morum Codicum MSS. fidem denuo reeensuit, Annotaiione illustravit , 
Scholiaque gracca iia$ilii minori» Cae*areen$is kactenu» incdita adjecit 
L. de Sinn er. Parhiis , apud Caume fratrce , bibliopotas, etc. 1836. 
XII und 59 Seiten in 8. 

Eine desto verdienstlichere Schrift, je kleiner die Zahl der 
Arbeiter in diesem Fache und je ungebahnter der Weg ist, den 
ein Herausgeber zu nehmen bat. Denn ausser Matthäi's Chry- 
sostomus und Boisso n a d e 's, Krabinger's, Segaar's Gum- 
men taren zu Eunapius, Synesius, Gregor von Nyssa und Clemens 
von Alexandria fand Herr v. Sinner fast nichts, was ihm als 
Vorbild dienen konnte, als er einige Jahre hauptsächlich der Le- 
sung berühmter Kirchenväter widmete, und mit der Herausgabe 
ihrer vorzuglichsten Werke umging. Das konigl. Schulcollegium 
zu Paris kam ihm hier entgegen durch seinen Beschluis *) , aus* 
erlesene Reden der griechischen Kirchenväter in den Unterrichts* 

ßn der dritten Gymnasialclassen Frankreichs aufzunehmen. Es 
lte an Schulausgaben : Herr v. S. besorgte daher einen Abdruck 
von Chrysostomus' schätzbarer Oratio in Eutropium eunuchum, 
-wobei zwar Montfaucon's sehr lückenhafter Text zum Grunde 
liegt, aber mit Hinzufügung einer Auswahl von Lesarten der Pa- 
riser Handschriften, die dem Buche sehr gute Dienste leisteten. 
Auch erhielt es den Beifall des konigl. Senats für den öffentlichen 
Unterricht, und der gelehrte Herausgeber fand sich dadurch ver- 
anlafst, jenem Probestuck diese, unserm Jacobs dedicirte, Trauer- 
rede Gregors von Nazianz folgen zu lassen. Ja er ist Willens f 
in gleicher Art eine Anzahl ähnlicher Beden zu bearbeiten. 

»Si libellus iste meus«, sagt er, » non displicet viris eru- 
ditis, si Senatus Begius scholis regendis praeposilus iaborem meum 
approbat, vires mihi crescent eundo. Sunt enim Orationes fune- 
bres SS. Patrum graecorum complures eaeque pulcherriroae, quae 
scholarum in usum denuo ut edantur impnmis sunt dignae. Quo 
in delectu judicium sequar acumenaue viri illustrissimi A. Villemain 
(Essai sur COraison fiinebre, in Melange* historiques et littcraires, 
tom. 4.) , in Senatu Begio instruetionis publicae praesidis vices 
gerentis, Poris Franciae. Tres autem statuo Imxdyiav Horum 
classes ; laudationes sunt sive parentum et fratrum sororumque ; 
sive cu jusdam e familia Imneratoria ; sive magni Doctoris seu mar. 
tyris. Ex prima classe edam, si Deo placet, S. Gregorii Naz. 
Orationes funebres in Gorgoniam sotorem, et in patrem. In se- 
cunda classe comprehendentur S. Gregorii Nysseni iiuxdtcpioi in 
Pulcheriam Theodosii Imp. filiam , et in Flaccillam Imperatricem , 



Arröttf du Conseil Royal de l'inctruction publique cn dato du 20. 
seutembre 1836. 



Griechische Literatur. 818 

acribus ob parellelismi gratiam addi possunt Gemistt Plethonis lau- 
dationes Cleopes et Hypomones Imperatricum , editae hactenus, at 
pessime, paucissimisque notae. In tertia classe edi poterunt S. 
Gregorii Naz. Oratt. Inn. in S. Atbanasium, et in S. Bastlium 
Magnum , et in eundem Oratio fun. S. Gregorii Nysseni fratris. 
His adjungantur, e martyrum aliorumque Sanctoram lmxa<pioi$ 9 
8. Gregorii Nyss. et S. Job. Chrysostomi laudationes Meletii, S. 
Basilii M. et Joa. Chrysostomi panegyrici S. Barlaam niartyris. 
Ex S. S. Patribus Latin ig vir illustriss. A. Villemain nobis indicat 
1. 1. S. Ambrosii Mediolanensis Elogiam funebre Satyri fratris, et 
ejuidem Consolationem de motte Valentiniani , itemque S. Hiero« 
nymi de morte Nepotiani ad Heliodorum Epistolam. Ouominus 
autem quam citissime hanc, quam promittimus, collectionem Ora- 
tionum fun. SS. Pah um absolvamus, multa sunt iropedimenta. Ad 
S. Gregoriura Naz. describenda sunt scholia graeca inedita Basilii, 
quem cum Fabricio Minorem nomino *) ; S. Gregorii Nyss. oratio 
gr., post Krabingeri egregium hac in re specimen , ad codd. MSS. 
denuo est refingenda ; tommentarius omnino est scribendus talis qua- 
lern in SS. Patres gr. philologi concitmare nondum sunt aggressi.« 

Man ersieht hieraus die Bedeutsamkeit dieses Unternehmens, 
das, wiewohl zunächst auf Frankreich berechnet, auch im Ans« 
lande dazu dienen kann, sowohl griechische Sprachkunde zu ver- 
vollständigen , als besonders den Sinn der Studierenden auch auf 
christlich - religiöse Gegenstände zu richten, und die Bedenklich« 
keiten mancher Wohlmeinenden, als sey alte Literatur nichts als 
ein Tempel des Heidenthums, zu beben. 

Was nun das vorliegende Buch selbst anlangt, so konnte 
Herr v. S. hierbei nicht einmal des sonst um griechische Litera- 
tur verdienten Auger Text benutzen, weil er zu fehlerhaft ist, 
sondern basiite seine Ausgabe auf den prachtvollen, wenn gleich 
ebenfalls nicht ganz korrekten, Abdruck des Benedic tiners D. 
Clemencetus, wobei er den Codex Regius No. 524, aus dem 
Ii. Jahrhundert, den Wansleben 1671 zu Nikosia in Cypern 
kaufte, von neuem verglich, und an einigen Stellen No 5io, die 
allerälteste Handschrift des Gregorius, zu Rathe zog. Über die 
hinzugefugten Noten , Beweise grofser Belesenheit und gesunden 
Urtheils, erklärt er sich so S. VI: » Commentariura perpetuum 
eumque plenum dare nec volui , nec potui. Unum est quod spec» 
tavi; demonstrare volui, S. Doctorem Theologum non solum bene 
graecc , sed etiam antique elegant er qut scripsisse. « 

Aus diesen Worten spricht der geschmackvolle Philolog, der 
von den Klassikern herkommt, und sie überall wiederfindet. Eine 
sehr verzeihliche Parteilichkeit. Denn eigentlich ist Alles, was 
unser Herausgeber hier an seinem gefeierten Autor rühmt , eine 
Unmöglichkeit im 4ten Jahrhundert nach Christus, zu welcher 



*) Er war im 10. Jahrhundert Bischof su Casaren in Kappadocien , und 
nannte sich selbst aus Bescheidenheit i/^/i-o;, um nicht mit Ba- 
silius Magnus verwechselt zu werden. 



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314 



Griechische Literatur. 



Zeit Gregorius von Nazianz lebte. Auch wurde der fromme Bi- 
schof selbst, wenn er von den Todten auferstände, dieses Lob 
antiker Eleganz von sich ablehnen. Nicht lange zierliche Prunh- 
reden, wie er wohl in der Rhetorenschule gehalten und sonst 
geliebt habe, heifst er zu Anfang des *En4*u<jp(0{ seine Zuhörer 
von ihm erwarten. »Das war,« sagt er, »bevor ich zur höch- 
sten Wahrheit aufblickte und Alles Gott gab, bei dem über Al- 
les gilt: »»Gott für Alles zu achten.«« Niemals vermutbet Sol- 
ches von mir, wenn ihr vernünftig urtheilen wollt!« Und seine 
Grabschrift, die er selbst verfafste , lautet so (Anthol. Palat. vol. 
2 , pag. 56o) : 

Tpriyoqiov Novize xs (piXov xixoq h$d9t x tlx ai f 
T^tddoq I>i?yopio$ Sipajicov, 

Kai aoqWij aotpiris 3s dpay pivof , fi&eo? re, 
olov nXovxov ex®" iXnid* Inovgav iijv. 

* 

(Nonne's Sohn und des frommen Gregorius ruhet im Grab hier, 
Auch Gregor er genannt, Diener der heiligen Drei, 

Welcher weise die Weisheit erhör, unsträflicher Jungling, 
Und sein Reichthum hier himmlische Hoffnung allein.) 

Denn Gregor war auch Dichter. Ausser den a54 Epigrammen', 
welche die Anthologie unter seinem Namen aufbewahrt hat, wird 
ihm mit der größten Wahrscheinlichheit das bekannte, dem Eu- 
ripides nachgebildete, Drama vom Leiden Chtisti zugeschrieben; 
und die überströmende Beredsamkeit seiner Reden selber ist halbe 
Poesie. »Ses eloges funebres sont des hymnes • , sogt Ville- 
main (Melanges, t. 3. p. 35o). Kurz, er war einer der begab, 
testen Theologen seiner Zeit , aber doch ein Geschöpf dieser Zeit, 
in welcher sich schon der Verfall des Geschmacks in Hunst und 
Wissenschaft sehr deutlich zeigte. Daher Mangel des schonen 
Maafses reicher Mannichfalti&keit , die wir in antiken Meister wer- 
ken bewundern , und Einförmigkeit der Gedanken bei Überbau, 
iung rhetorischen Bilderreichthums. Man höre nur §. 3 : fla* 
uty ix xijq dy^itXaiov xaXüc iyxev tpta&cic $lq xr t v xaXXiiXatov 9 
xut xooovxov xoivavqaac xi}$ ntöxr t xoq 9 maxt xal dXXovq iyxtv~ 

Xbq v-^rjXaaq xov Xaov xovSe 7CQoxa%e£6p*vo<i , ' Aorpwv xiq dtv- 
xtfOQ ?} M&i'oriq, 0cw nXr\oid$tiv r^ivßtro; , xui StLav (p&vr\w 
Xopnyiiv xolq dXXotq ioxapivou; noppwStv , npdoq , d6^yr\xoq , 
yaXnvbq xb ildoq, Sepuds nvti^a , noXvq xb <f>cuyd>eyov, 
nXovoi&xtfos xb x^vnxo^evov. (»Mein Vater ward schon vom 
wilden Ölbaum auf den ächten gepfropft, und tbeilte der Fettig- 
keit soviel mit, dafs er auch Andern den Glauben und Sorge für 
die Seele einimpfte, hoch auf hohem Stuhl diesem Volke vor- 
sitzend*), ein zweiter Aaron oder Moses, Gott zu nahen gewür- 
digt , und die göttliche Stimme den Fernstehenden voranzutönen, 
sanft, fern von Zornrauthigkeit, ruhiger Gestalt, der Geist feu- 



*) Gregors Vater war cbcnlail* Bischof von Nazianzus. 



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Griechische Literatur. 315 

i 

rig, bedeutend in der äussern Erscheinung, reicher im Unsicht- 
baren.«) Und von Cäsarius selbst §. 7: II o iov ulv $ldo$ ovh 
£3t>;X^£ natdivotasi uöcXXov dk nolov , aq ovdk povov txtpoq; 
%'ivi (tk ytn^ijxtv lyyvq aitov jeveaSai, xat xard uixybv 9 m; 
oti t<dv xa^' tat-Tov x t >~> avi^ qXiXtat, dtXXa x. tg)V npfoßo- 
nrc'pov x. nuXaioxc'pav er toi$ poi^i-un ut , x. notyra tr i%a<j- 
ttr t aaq 9 x ävii nuvi&v Ixaoxov , tor^ ntv nirroi, in 1 cßvoiv 
(f>tXon oviot. viX)joa( , xovq <)'t ytwaiovq tj^ a<;xr;aiv dtuvoiu; 
ö^vxrixt, päWov ili i<*X*i pkv xovq xu%ti$ t onovüri fil xovq (f>i- 
Xonovovq vnepfirx\o)v y x. Tor? *ax* d(A(pM fit^iovi du<puT£po<£. 
(»Welche Art von Kenntnissen ergriff er nicht?*) oder viel- 
mehr: welche ergriff er nicht, wie ein Anderer kaum eine ein- 
zige? Wen liefs er sich nahe kommen, auch nur ein wenig, 
und «war nicht allein die von gleichem Alter, sondern auch 
Ältere und in den Wissenschaften ergraute, Alles wie Eins übend, 
und Eins wie Alles, die Feuerkopfe überflügelnd durch Arbeit- 
samkeit, die Unermüdlichen durch Scharfsinn, oder vielmehr die 
Baschen an Raschheit, die Arbeitslustigen an Eifer übertreffend, 
und die in Beidem Ausgezeichneten in Beidem?«) Welch ängst- 
liches Wenden und Ausmalen des Gedankens, das auch dem klei- 
nen Basilius aufgefallen seyn mufs, da er hierbei anmerkt: -w- 
ifdiy xavxa tu nuxgi xb axpicpctv xt xal avvdynv pLtxd xctX- 
Xorq f (xat) xa tj; (tqdait ovi taxoa^i^ii va x. xaT^apaafi^ya 
ajipöxipov dixayyiX'ktiv. Zuweilen scheint unser Schonredner 
(denn da» ist er, mag er wollen oder nicht, und schwerlich ohne 
geheimen Kunstlerneid nennt er im 12. §. Julian ^iyav iv Xoyta» 
AfivoTrTi), gar mit der Heidenschaft zu kokettiren, indem er 
biblische Bilder, die den Christen geläufig sind, in ein gewisses 
milderndes Halblicht stellt, z. B. im 17. wo er den Verstor- 
benenen so anredet: 2i> tik npiv ovLfavov<; lp[iaxtvot<; 9 ed Stta 
k. itpä xt(ptM\r t9 x. iv HoXnoiq Affyadfi, o'uivtq dij ovxoi eioiv, 
dvunavuaio ! (»Du aber geh* ein in die Himmel, o göttlicher 
heiliger Mann, und ruhe in Abrahams Schoofs, welcher Art 
er seyn mag!) Ein Beisatz, der fast ins Lächerliche schattirt. 

Doch genug von solchen Muttermalen der Zeit! Dagegen 
Stöfs t man uberall auf eigentümlich Schönes und aus der Natur 
Geschöpftes, das von Herzen zu Herzen geht. So beifst es §. 18,: 
»Wie weit kam uns denn Casarius zuvor? wie lange werden wir 
noch den Abgeschiedenen beweinen ? Streben wir nicht zu der- 
selben Heimat ? wird uns nicht bald ein gleicher Stein decken ? 
werden wir nicht über ein Kleines derselbe Staub seyn? und un- 
ser Gewinn in dieser kurzen Lebenszeit, was wird er seyn als 
mehr noch der Übel, die wir theils sehen, theils leiden, theils 
vielleicht thun werden?« Und §. 23: »Was ist der Mensch, 



*) Eigentlich war Cäsarius, Gregors jüngerer Bruder, ein geschickter 
Arst, beliebt bei den Kaisern Constantias, Julian, Valentinian und 
Valens. Er starb frühxeitig zu Ende des Jahrs 368, oder im An- 
fange des folgenden. 



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Prip/hio,.lin I i iawain m 
UrrlcniiBintJ Liiicrtiiur. 



dafs du sein gedenkst? Welch wunderbares Geheimnifs, das 
mich umschwebt? Klein bin ich und grofs, niedrig und erhaben, 
sterblich und unsterblich, ein Geschöpf der Erd' und des Him- 
mels. Jenes hienieden, Dies mit Gott; Jenes im Fleisch, Dies 
im Geist. Mit Christus mufs ich begraben sevn , mit Christus auf- 
erstehen , mit Christus erben, Gottes Sohn, Gott selbst.« — 

Wie man hier unter Bednerilitttern achtes Gold findet, und 
zugleich sieht, was nachzuahmen und was zu vermeiden ist, so 
ist es auch auf der andern Seite interessant, Gregors wahrem 
Charakter nachzuforschen, der durch Beschränkung und Vorur- 
theil, wie durch einen Nebel hindurchschimmert. Damals war 
keineswegs eine Zeit ruhiger Forschung und gegenseitiger Duld- 
samkeit. Zwar hatte, nach langen und grausamen Kämpfen, end- 
lich unter Constantin die neue Religion gesiegt ; aber die Gegen- 
partei war keineswegs vernichtet oder hoffnungslos. Kaiser Julian 
selbst, ausgezeichnet durch Geist und Muth, erhob sich öflent- 
lich als ihr Vorkämpfer, nachdem er lange Zeit, an dem ver- 
ächtlichen Hofe des Constantius, seinen Hafs gegen das Christen- 
thum mit seinem abschreckenden Äussern, seinen Mönchen, sei- 
nen Asceten, seinen unter sich selbst hadernden Theologen, im 
Stillen genährt, und dagegen an dem heitern Anblick der alten 
Gotter, wie Sänger und Bildner sie dargestellt , sowie an den 
Meisterwerken grieebischrömischer Geschichtschreibung und Phi- 
losophie, sich erquickt hatte. Einsichtsvoll und scharfsichtig, wie 
er war, nahm er gute Einrichtungen der Christen willig an, aber 
im Ganzen betrachtete er sie als Schwärmer, deren Unwissenheit 
und Intoleranz er durch Nichtachtung beschämen müsse. Er ver- 
schlofs ihre Kirchen nicht, eröffnete aber die Tempel wieder; 
Viele strebten nach Miirtyrerkronen , aber er belächelte diese Thor- 
heit, wie er sie schalt, und bestrafte nur wirkliche Ruhestörer. 
(M. s. Joh. v. Mullers Allgem. Gesch. I. Bd. S. 490 — 49&) So 
hoffte er den GährungsstofT zu neutralisiren, die Streitpunkte 
friedlich auszugleichen , und nach und nach den Glanz alter thüm- 
Hcher Bildung wiederherzustellen. Ein chimärischer Plan , dessen 
Scheitern vorauszusehen war , und der die Erbitterung der Chri- 
sten nicht so sehr hätte erregen sollen, als es wirklich geschah. 
Namentlich unser Bischof nennt Julians, von aller Gewaltsamkeit 
entferntes, Verfahren Wuth und satanische Hinterlist. (§. 11.) 
W T er mochte hier nicht an ihm irre werden ? Wer nicht eben- 
sosehr seinen Verstand als die Reinheit seiner Gesinnung in Zwei- 
fel ziehen? Und doch war Gregor unstreitig bei vielem Geiste 
auch, wie seine ganze Familie, ein Vorbild christlicher Frömmig- 
keit, die nicht mit schönen Worten zufrieden ist, sondern sich 
am liebsten in edler That zeigt. Wenigstens bestimmten sowohl 
Casariiis, als seine Eltern, ihr sämmtliches Vermögen den Armen; 
jener im Testament , diese durch Schenkung bei Lebzeiten. — 

W r erfen wir jetzt noch einen kritischen Blick auf diese Trauer- 
rede ! Im Ganzen ist sie so beschaffen , wie man es von der Ein- 
sicht und Sorgfalt des Herrn v. Sinner erwarten konnte. Nur 



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Griechische Literatur 



317 



einigemal stiefsen wir an; z. R im i3ten $. an den Worten 0$ 
naxobq 1 vtvxovs , vo man eher &iv%ovq erwartet, da von Gre- 
gorius dem Vater die Rede ist, nnd © naidav Svarv^äv folgt; 
wenn anders nicht Julian , dessen Worte es sind , den Greis we- 
gen des Besitzes solcher Sohne glucklich preist, was etwas hart 
scheint. §. 6, wo es so heifst: xt$ {ikv dpyovoiv Ixtlvov -ripio- 
TfMK j ti£ ^ T >i ^oXei nda7j , xaixoi yt dia rb uty&oq ndvi&v 
IfXQvrtTopivav 9 r\ OGJ<p$oavvri yv^qi^L&xtqoc, 9 r { inl avviatk 
ntoi<f>aviaxtgoq ; ist in den Worten xaLtoi — ivxovnT. der 
Sinn unbeholfen ausgedruckt, wenn nicht gar a^tobv oder ein 
ähnliches Wort fehlt. Wenigstens erklärt Basilius, kein unge- 
schickter Scholiast, die Stelle so: xatrot — f* £ 7- T *7$ no\t&$ 
'AXt^oivilptiaq 8n\a1fii f mq ueyinxr^ avxr t c, vn ap%ovotn , k. r>i tx 

TO fW/fSoC nOLVXGlV O'/jtinV X ?V OUEV&V > X. fUgd! / VG?£ i £o p £ VG> V 

etc. Im i3. §. mochte man fast r Ap' orx MtloaTt anstatt ednerac 
vermuthen, weil 'AUa SapaiiTt folgt. Bekanntlich sind die 
Buchstaben a und t öfters verwechselt worden. §. 17 ist die 
Stellung der Worte M«s ©ecp ^t'Xov xaio ävvauiv poetisch, und 
wahrscheinlich zu setzen: Sud (p. ual tö x. 9, 

Und so nehmen wir denn Abschied von dem verdienten Her- 
ausgeber, und wünschen ihm Zeit, Lust und Kräfte, um so nutz- 
liche Arbeiten, zu welchen er vor vielen Andern Beruf und Ge- 
legenheit hat, fortzusetzen. Auch den Verlegern danken wir für 
die schone Ausstattung des Buchs, dessen Papier, Druck und 
Correctheit nichts zu wünschen übrig lafst, und ihre, sehr an- 
zuerkennende, Vorliebe für diesen Zweig der Literatur von neuem 
bewährt. Bekanntlich drucken die Herren Gaume schon seit län- 
gerer Zeit die sämmtlichen Werke des Chrysostomus und des 
Augustinus , jene griechisch und lateinisch , in 26 Lieferungen zu 
14 Franken; diese in 22 Lieferungen zu 7 Franken. Von jenen 
sind bereits 14 Lieferungen heraus, jede von ungefähr 5oo Sei- 
ten in Grofsoctav, von diesen 7. Desgleichen veranstalteten sie, 
mit Benutzung der besten Hiilfsmittel , wie sie Paris gewähren 
kann, schone Ausgaben von Augustins Schrift über die Musik, 
und von seinen Confessiones. Ehre, dem Ehre gebührt! 



Zo$o*\tovi 'Avnyovtjy Sophocli» Antigona etc. Parietalem lectio- 
nü et Adnotationem adjecit L. de Sinner, Acadetniae Regiae Rotho- 
ma gen sis Sociu*. Pari: 1835 112 & 8.* 

Herr v Sinn er ruckt in seiner Ausgabe des Sophokles im- 
mer weiter fort, und wird, wie wir boren, in Kurzem auf hö- 
here Veranlassung auch die bisher von ihm noch nicht bearbeite- 
ten Stucke des Euripides (wir wünschen, auch Aschylus und Ari- 
stophanes) in gleicher Art ausstatten. Da wir früher unser Ur- 
theil über dieses Werk in den Heidelb. Jhrbb. d. L. niedergelegt 
haben, so beziehen wir uns darauf, indem wir nur bemerken, 
dafs der Fleifs des gelehrten Herausgebers bei der Auswahl der 



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318 



Griechische Literatur. 



wichtigsten Varianten aus Handschriften und Drucken der Pariser 
Sammlungen und sein Geschmack im Zusammenstellen der pas- 
sendsten Erklärungen sich gleich blieben; sonach diese bequemen 
Ausgaben nicht allein den zahlreichen Liebhabern griechischer 
Literatur und Dichtkunst willkommen seyn werden , sondern be- 
reitwillige Aufnahme, wie in Frankreichs Normalschule, so auch 
in die Lyceen und Gymnasien Deutschlands und der Nachbarlän- 
der, gar wohl verdienen. Dafs der Zweck solcher Bearbeitungen 
nur das Nothwendige erlaubt , ist klar, und kein billiger Be- 
ortheiler wird daher Diatriben hier erwarten, oder Verweisun- 
gen aus einer Grammatik in die andere und überflüssigen Gitaten- 
prunk. Sogar, was neulich Jemand wünscht, ein ganz neu ge- 
arbeiteter Commentar aus Einem Gufs ist unnöthig , und es stört 
keineswegs, verschiedene Herausgeber und Gelehrte mit ihren 
eigenen Worten zu hören; vielmehr dient diese Manier zur Un- 
terhaltung und verhindert mancherlei Mifsversta'ndnisse , die beim 
Excerpiren und Verarbeiten ( Umstylisiren mochten wir es nen- 
nen, eine sehr bedenkliche Sache) fast unvermeidlich sind. 



Wir verbinden hiermit die Anzeige des folgenden W 7 erkes, 
ebenfalls von Herrn v. Sinner für die wackern Bruder Gaume 
in Paris besorgt, und von ihnen elegant ausgestattet: 

S. Joannit Chrysostomi in Entropium eunuchum, Patricium 
ae Consulem, Homilia , seeundum edit. D. Bemhardi de Montfau- 
con. J'arictatcm tectionis sehet am e tribus Codd. MSS. Paritiui» regiit 
adjecit L. de Sinner, Pari». 1836. Vlll u. 24 & 8. 

Die Veranlassung dieser berühmten Kirchenrede ist bekannt. 
Ghrysostomus entfaltet hier die ganze Kraft und Anmuth seines 
blühenden Styls. Herr v. S. benutzt ausser den auf dem Titel 
erwähnten drei Handschriften aus dem 10. und 12. Jahrhundert 
noch eine vierte, wiewohl selten und mit grofser Vorsicht, weil 
sie einen sehr abweichenden und interpolirten Text enthält ; dann 
besonders die Ausgabe von Saville. Den Varianten ist meist 
das Urtheil des Herausgebers beigefugt. 

Dafs auch spätere Schriften von solchem Werth mit Nutzen 
in den Schulen erklärt werden, und zur Abwechslung dienen 
konnten, ist keine Frage. 

Konstanz. F.H.Bothe. 



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Griethische Litcralar. 319 

P hilosophorum Graeeorum Veterum pracsertim qui ante Platonem 
ßorucrunt, Oper um Reliquiae. Ileccnsuit et illustravit Simon Kar* 
sten. Volumen primum. Part altera. Parmenides. Am*telodami t 
sumtibus J. Müller et soc. 1835. (Mit dem Motto: Antiquität, quo 
propiue aberat ab ortu et divina progenie, hoc melius ea fortutsc, quae 
tränt vera, eernebat.) 211 Ä. in gr. 8. 

Aach mit dem besonderen Titel : 

Parmenidis Rleatae Carminit Reliquiae. De vita ejus et studiis 
disseruit, fragmenta explieuit , pkilosophiam illustravit Simon har- 
nten, phil. theor. Mag. Litt, doett. instituti, regii belg. sodal. corresp. 
gymnas. Amitfurt. licet. (Mit dem Motto de« Parmenidet : M^j r 
tSo; voXmtpv l&ov xara tij'v3s ßtue&w , No^iv avno-KVv gpfJLa Kai ^YX*** 
eav dnovijv neu yhbaw HfTvai Ii Xeyai — ) 

Der Herr Vf., fortschreitend auf der Bahn, die er schon vor raeh- 
rern Jahren durch die Herausgabe der Reste des Xenophanes, als 
ersten Theils dieser Sammlung der Fragmente vorplatonischer Phi- 
losophie *), so ehrenvoll betreten, la'fst in diesem zweiten Theile eine 
ähnliche Monographie über Parmenides folgen, die schon früher 
vorbereitet, in ihrem Erscheinen durch den Ausbruch der belgischen 
Unruhen verzögert wurde. Auch hier geht eine Untersuchung: 
De Parmemidis vita et studiis voraus, in welcher der Verf. die 
wenigen Nachrichten, die wir über das Leben dieses berühmten 
Philosophen erhalten haben , mit dem , was über seine Lehrweise 
und über die Art und Weise, die Philosophie zu behandeln, über 
deren Einflufs und Bedeutung im Allgemeinen zu bemerken war, 
geschickt zu einem Ganzen zu vereinigen sucht. Daran schlicfsen 
sich von 8. 26 — 48 die einzelnen auf uns gekommenen Bruch, 
stucke , zu deren Zusammenstellung und Ordnung zwar auch 
schon von Andern, namentlich von Fullebern und Brandis, deren 
Verdienste auch dankbare Anerkennung bei dem Verf. linden, 
"Rühmliches geleistet worden, die aber hier von neuem revidirt, 
in einem auch mehrfach berichtigten Texte, bei conserjuenter 
Durchführung der Jonischen Formen , vorliegen. Auch ist gegen- 
überstehend die lateinische Übersetzung beigefugt. Daran reiht 
sich von S. 49 an ein sehr genauer und ausführlicher Commentar, 
bestimmt alle einzelnen, einer Erklärung in sprachlicher wie sach- 
licher Hinsicht bedürftigen Stellen und Worte, welche in den 
Fragmenten Vers für Vers vorkommen, auf eine befriedigende 
Weise zu erklären. Um aber das Ganze zu vervollständigen, ist 
am Schlüsse des Commentars, der einen grofsen Theil des Bnches 
einnimmt, eine eigene Untersuchung De Parmenidis philosophia 



*) Aach- mit dem betondern Titel : Xenophanit Colophonii Carminum 
Heliquiae. De vita ejus et studiis disscruit, fragmenla exnlicait, 
placita illustravit Simon Karsten etc. Bruxellis, sumtibus J. 
Frank , bibliopolac 1830. XXI and 208 8. in ähnlichem Druck und 
Format and ähnlicher Einrichtung. (Mit dem Motto au« Xenophanea: 
«J; nai iywv J$«Aev wux/vcv v&u d^ßo^cat Ylpcßvyivifr »r Mv.) 



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Griechische Literatur. 



et placitis 6. i3i ff. beigefugt, welche alle einzelnen Punkte in 
der Lehre des Parmenides, soweit sie uns bekannt ist, durch- 
gehend, sie zu dem Ganzen Eines Systems zu verbinden sucht . 
um so eine möglichst vollständige Einsicht in die Philosophie des 
Parmenides, und in die Beziehungen derselben zu der Sokratisch* 
Platonischen Philosophie zu gewinnen , wobei ebensowohl alle 
Stellen der Alten, als die Untersuchungen der Neueren, nament- 
lich der deutschen Gelehrsamkeit, die dem hollandischen Verfasser 
durchaus nicht fremd geblieben , die gebührende Berücksichtigung, 
manche Stellen der Alten aber auch ein neues Licht erhalten , wie 
z. B. die allerdings schwierige und dunkle, vielfach mifs verstan- 
dene Stelle bei Cicero De Nat. Deor. (I, u.) p. 244 seq. Wir 
können hier in dieser Anzeige nur im Allgemeinen auf die Schrill, 
die gewifs als eine wahre Bereicherung unserer Literatur anzu- 
sehen ist , aufmerksam machen und ihren reichen Inhalt nur im 
Allgemeinen andeuten; für den Freund der alten Philosophie wird 
es ohnehin keiner besondern Aufforderung bedürfen, durch ein 
specielleres Studium sich naher mit den in dieser Schrift enthal- 
tenen Forschungen und den dadurch gewonnenen Resultaten be- 
kannt zu machen, selbst wenn ihm auch über manche Punkte 
Zweifel oder Bedenken entstehen sollten , die bei so schwierigen 
and dunkeln Gegenständen nie ausbleiben Können. — Am Schlüsse 
sind die nöthiffen Sach- und Wortregister beigefügt Druck und 
Papier, wie überhaupt die äussere Ausstattung, ist vorzuglich. 



Gymnasxi Herncnsis annuas lectiones inde a die XIII mensis ApriK» haben- 
des — indicit Dr. Georg. Ferd. Rettig, litt, antiqq. Profeee., gyn- 
naeii h. t. Direetor. In sunt I. De Tim a ei Platoniei initio Com- 
mentatio. II. Annalee Scholaeticu — Bemae, typie Caroli Stacmpfli. 
MDCCCXXXri. ZU S in 4 

Dieses Programm schliefst sich gewissermafsen als Fortsetzung 
den schon früher begonnenen Untersuchungen des Hrn. Vfs. über 
Plato, deren wir auch in diesen Jhrbb. i835 p. 1124 gedacht ha- 
ben, rühmlichst an. Inhalt und Tendenz bezeichnen hinlänglich 
die als Überschrift vorangestellten Worte: v Veram in Timaeo de 
Reipublicae fine sententiam Platonem pronunciasse docetur.* Der 
Widerspruch nemlicb, der über Zweck und Anlage der Politie in 
Piatons eigenen Äusserungen am Schlufs dieses Werkes und am 
Anfang des Timäus zu liegen scheint, wird hier einer näheren 
Untersuchung durch genaue Behandlung und Erörterung der Pla- 
tonischen Stelle selber unterworfen, und so das in der Überschrift 
ausgesprochene Resultat erzielt. Daran knüpfen sich dann auch 
weitere Erörterungen, namentlich über den innigen Zusammenhang 
der drei Dialogen, der Politie, des Timäus und Krilias, die so 
gewissermafsen ein grofses Ganze bilden. Angehängt sind inter- 
essante Nachrichten über den Zustand und die erneuerte Einrich- 
tung des Gymnasiums zu Bern, und dessen Verhaltnifs zu der 
neu gegründeten Hochschule. Chr. Bahr. 



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N°. 21. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Getchichtliche Darstellung des Calviniumus im Verhältnift zum Staat in 
Genf und Frankreich bis nur Aufhebung des Edikts von Kantet. Fem 
Dr. Georg Weber, Voreteher der lateinischen Schule xu Bcrgeabcrn 
in Hheinbaicm. Heidelberg 1836, bei Mohr. 312 5. 8. 

Der Verfasser dieser Anzeige hat von Herrn Weber, wie die 
Leser dieser Jahrbücher aus einigen dem Buche vorausgeschick- 
ten Zeilen sehen werden, so gutige Beweise einer wohlwollen- 
den Gesinnung und freundlichen Aufmerksamkeit erhalten, dafs 
ein allgemeines Lob von seiner Seite her sehr verdächtig seyn 
wurde ; er hat daher doppelten Grund seiner Sitte getreu zu blei- 
ben. Diese Sitte besteht darin, dafs er anfuhrt, was die Verff. 
der angezeigten Bucher berichten oder urtheilen, und sein Lob 
oder seinen Tadel über das Angeführte ausspricht, wo es dann 
gar oft der Fall seyn kann, dafs ein Anderer, nach andern Grund- 
sätzen, lobt, was er tadelt, und tadelt, was er lobt. Er wird 
sich übrigens dieses Mal darauf beschränken, den Inhalt anzuge- 
ben und Proben der Ausfuhrung mitzutheilen. 

Was das ganze Buch und den Inhalt angeht, so gehört et 
zu den nützlichen Werken , an denen die deutsche Literatur lange 
Zeit hindurch grofsen Mangel hatte, in welchen eine Materie zu- 
gleich gründlich und aus den Quellen und dennoch so behandelt 
wird , dafs jeder einigermafsen Gebildete das Buch mit Vergnügen 
lesen kann. Viele Gelehrte, die sich einen Buhm oder eine Pro- 
fessur einschreiben wollen oder müssen, achten, wenn sie in un- 
gern Tagen dergleichen Geschichten schreiben , worin von Reli- 
gion und Disciplin , von Glauben und Kirche die Rede ist, nur 
allein auf eigentliche Gelehrte und auf Leute, die mit der Mode- 
theorie des Tags bekannt sind. Sie wärmen den Quark alter theo- 
logischen Grübeleien wieder auf, oder faseln auch süTslich und 
frömmeln in weibischer Manier. Der Verf. hat diese Klippen 
glücklich vermieden, er schreibt ruhig und klar, und mit der 
Theologie bat er, wie schon der Titel zeigt, durchaus nichts 
zu thun. 

Übrigens mufs Bef. einen Tadel gleich Anfangs aussprechen. 
Dieser betrifft den Titel. Der Verf. hätte sein gut geschriebenes 
und nützliches Buch Kurze Geschichte der Reformirten 
XXX. Jahrg. 4. Heft. 21 



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in Genf und Frankreich nennen sollen; denn ei leistet mehr 
als es verspricht Die Leser haben dabei unstreitig gewonnen, 
und das Buch eignet sich, wie es ist, für ein gröTseres Publikum 
als der Titel in Anspruch nimmt; dies macht es indessen doch 
Refn. zur Pflicht, hie und da anzudeuten, wo es dem Titel niebt 
entspricht. Das erste Capitel hat es indessen in der That nur 
mit Genf und mit Calvin zu thun , und die Darstellung des Zu- 
Standes der Partheien kurz vor Calvins Ankunft hat Refn. beson- 
ders Wohlgefallen. Herr Weber beweiset, dafs er besitzt, was 
den mehrsten Schriftstellern dieser Gattung fehlt — die erforder- 
lichen Eigenschaften eines Lehrers der Geschichte. Er 
sagt S. 10— 12 : 

In den bewegten Zeiten der letzten dreifsig Jahre lassen sich 
in Genf dreierlei Classen von Einwohnern erkennen, die an An- 
sichten und Sitten sehr verschieden waren. Erstens die Anhänger 
des herzoglichen Hauses, grofstentheils savoyischen Ursprungs , 
die im Gefolge dieser Fürsten nach Savoyen gekommen waren 
und sich dort, wahrscheinlich vom Herzog ermuntert, angesiedelt 
hatten; zweitens, die patriotische Ciasse der ächten Bürger, zu 
denen die Parthei der Eidgenossen gehörte, und drittens die 
niedrige Volksklasse, wie uberall, Werkzeug der Schlauen. Die 
Ersten, mehrentheils vornehme und reiche Leute, hegten aristo- 
kratische und monarchische Grundsätze und waren daher dem 
Burgerthum eben so feind, wie der neuen Lehre , die auf gleiche 
Rechte Aller hinarbeitete ; sie hatten grofstentheils freiwillig oder 
gezwungen die Stadt verlassen und ihre Stelle nahmen nach und 
nach vertriebene Protestanten aus Frankreich ein. Die letzte 
Classe, bigott und unwissend, stand gänzlich unter dem Einflüsse 
der Mönche, namentlich der Franziskaner, die zwei Klöster in 
der Stadt hatten, auch von diesen wurden die Zügellosesten, die 
hartnäckig bei der alten Lehre beharrten, verjagt und die Stadt 
auf diese Weise sehr entvölkert. Es war daher besonders die 
Mittelclasse der Einwohner, auf welche Calvin einzuwirken such- 
te, die patriotischen, republikanisch gesinnten Burger, voll mu- 
thigen jugendlichen Sinnes als Folge der neu errungenen Unab- 
hängigkeit, aber auch voll jugendlichen Leichtsinns, der ihnen 
das schätzbare Gut der Freiheit als in Rohheit und Frechheit 
bestehend, vormalte. — — — — — — — 

Daher fanden Calvin und seine Freunde einen so harten Wider- 
stand , als sie nach der Reform der Kirche auf die Reform der 
Lebensweise drangen; vorher hatte es sich nur darum gehandelt, 



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den Katholizismus zu stürzen, aahcr begnügte man sich, die neue 
Lehre immer nnr im Gegensatze der alten zu predigen , wobei 
man es denn an derben Ausfallen und Schmäh Worten nach dem 
Geiste jener Zeit nicht fehlen liefs, dies mufste jetzt aufhören, 
und die Leere , die im Gemuthe des Menschen entstanden war, 
seitdem man ihn genotbigt hatte , die Eindrücke der Jugend ab- 
zulegen and dasjenige zu verachten , was ihm bisher heilig schien, 
mufste durch eine gesunde Moral ausgefüllt werden, wenn nicht 
alle Religiosität verschwinden sollte. Diesen Kampf hatte Bonni- 
vard als unvermeidlich vorhergesagt , als man ihn wegen Einfüh- 
rung der neuen Lehre um Rath fragte, und Calvins Strenge war 
dem leichten Volk bald unerträglich. Hier ist nach Ref. Met« 
nung die Aufgabe, die Calvin zu lösen hatte, ganz vortrefflich 
und klar entwickelt, und der Knoten für alles Folgende geschürzt, 
sogleich aber die Vertreibung Calvins, die unmittelbar folgt, sehr 
gut vorbereitet« 

Das zweite Capitel, Genf während Calvins Leben, ent- 
hält die Dinge, die dem gelehrten Leser freilich wohl bekannt 
seyn mögen , die aber in nnsern Tagen , wo man weit mehr be- 
dacht ist, Dogmatik, Pfründen, Besoldungen, Hoffarth der Theo« 
logen als Moral, Demotb nnd Einfalt der Sitten wiederberzu« 
stellen, sehr nützlich zu lesen sind, da sie hier ohne alle Schwe- 
belei und Nebelei vorgetragen werden. Wenn der Verf. gegen 
das Ende dieses Capitels auf Calvins Verfahren gegen Servet 
kommt, so geräth er, ein noch junger Mann, in einige Verlegen- 
heit, wie er sich und seinem Leser helfen soll, und es macht 
seinem Herzen Ehre, dafs er sichtbar stecken bleibt und auch 
seinen Leser sitzen läfst. Wäre er ein gemachter Theolog unse- 
rer Zeit, oder der Candidat einer Professur, wie man jetzt diese 
Candidaten verlangt , oder ein abstracter loyaler Philosoph , er 
hätte seinem Vorbilde gewifs einen Taschenspielerkniff abgelernt 
gehabt, um den Stein hinunterzuschlucken und zu verdauen, und 
dem Publikum glauben zu machen dafs es Brod gewesen ! Übri- 
gens war das für Herrn Weber Nebensache, da er weder Calvins 
Leben noch die Geschichte der Reformation schreibt Ref. war 
1807, als er das Leben des Theodor Beza schrieb, noch etwas 
junger als Herr Weber, und erinnert sich recht gut, dafs er bei 
mancher Thatsache in Verlegenheit gerieth, sich und zugleich 
seinen Helden aus der Sache zu ziehen. In einem zweiten Ab- 
schnitt geht dann Herr Weber S. 33 zu Frankreich über, und 
bebandelt zuerst die Geschichte und Verfassung der calvinischen 



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A2J Weber: Geichichte dei Calviniimtig 

Kirche in Frankreich bis zu Heinrich IV. Tod. Wenn Herr 
Weber blos eine gelehrte Abhandlung über Calvins Thätigkeit 
hatte schreiben wollen, so wurde man ihm vorwerfen können, er 
hätte etwas zu weit ausgeholt und nicht immer Calvin im Auge 
behalten ; aber man darf nicht vergessen , dafs er nicht ein über- 
flussiges Buch für Gelehrte, sondern ein nutzliches und brauch- 
bares für das grofse Publikum schreiben wollte , dem man gerade 
das sagen mufs, was in gelehrten und ausführlichen Werken ihm 
unzugänglich ist. 

Das Mehrste in den beiden ersten Capiteln d. h. bis S. 57 
geht die allgemeine Geschichte der Entstehung der franzosischen 
Gemeinden an, wo wir indessen gewünscht hätten, dafs der Vf., 
der , auf das Belehren der Laien bedacht , oft seinen Hauptgegen- 
stand zu sehr aus den Augen verloren hat, den Zusammenhang 
und die Einwirkung Beza's und Calvins auf die einzelnen Ge- 
meinden, auf die Grofsen, auf die ganze Sache immer im Einzelnen 
nachgewiesen hätte. Dazu ist der reichste Stoff in Calvins und 
Beza s Briefen, Bef. mag sich irren, er glaubt aber in den beiden 
Capiteln nur eine Stelle darüber gefunden zu haben, und dies ist 
blos eine allgemeine Bemerkung, welche er indessen doch hier 
mittbeilen will. S. 54 : Alle diese Kirchen standen mit Calvin 
und seinen Freunden in Verbindung, waren nach seinen Vor- 
schriften eingerichtet, und erhielten fortwährend Bath und Be- 
lehrung von ihm ; sie wurden meistens von Geistlichen gegrün- 
det , die ihre Bildung in Genf schöpften , eine enthusiastische 
Liebe für ihre Sache und eine Thätigkeit zeigten, die sich nicht 
auf ihre Pfarrgemeinden beschränkte, sondern sie zur weitern 
Verbreitung ihres Glaubens antrieb, theils unmittelbar in ihrer 
Umgebung theils durch Bildung von Schülern. Im dritten Capi- 
tel kommt der Verf. auf die Zeit der Verfolgung und der bür- 
gerlichen Kriege in Frankreich, und giebt einen sehr guten, kur- 
zen und passenden Bericht von der Verfassung der Kirche und 
der Gemeinden und eine Übersicht des Verfahrens der Regie- 
rung, welche uns besonders darum sehr wohl gefallen hat, weil 
Herr Weber durchaus nichts Überflüssiges aus der politischen 
Geschichte einmischt, sondern nur was gerade nothig ist Das 
vierte Capitel führt die Geschichte bis auf den ersten Beligions- 
frieden, und Bef. hat die ihm übrigens ganz bekannte Geschichte 
mit grofsem Vergnügen hier gelesen, und ist überzeugt, dafs sie 
auch andere Leser mit eben dem Vergnügen lesen werden, nur 
hat oft der Verf. zu sehr vergessen , dafs sein Titelblatt den Cal- 



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in Genf und Frankreich. 



325 



Ttnismus hervorhebt, dafs er also öfter als geschehen ist, einmal 
gelegentlich sich wieder nach Calvin und nach Genf hätte um- 
sehen sollen. Das fünfte und das sechste Capitel hätten wohl 
etwas ausfuhrlicher seyn dürfen. Das sechste Capitel endigt mit 
der Geschichte der Bartholomäusnacht , wo der Vf. seinem Zweck 
gemäfs in das Einzelne oder in besondere Untersuchung nicht 
eingeht, was hie und da wohl hätte geschehen können. Das sie- 
bente Capitel behandelt die folgenden Geschichten , besonders die 
Belagerung von Sancerre und von la Rochelle bis auf die Waf- 
fenruhe nach der Erwählung des künftigen Thronfolgers von Frank- 
reich zum Konig von Polen. Das achte Capitel fuhrt die Ge- 
schichte bis auf die Entstehung der Ligue, und mit dem Bericht 
über diese Entstehung beginnt das neunte Capitel. Dies ist ein 
sehr schwieriger Punkt, und man konnte dem Vf. vielleicht vor- 
werfen, dafs er die Sache etwas gor fluchtig abgethan habe, 
wenn man nicht immer vor Augen haben müfste, dafs er ein 
gröfseres Publikum von dem Zusammenhang der Hauptumstände 
auf eine angenehme und klare Weise belehren , nicht historische 
Forschungen anstellen oder Angaben kritisch prüfen wollte. Eins 
mochten wir des Titels wegen auch hier wieder tadeln , dafs nicht 
der Verf. , statt in die Labyrinthe der Kabalen jener Zeit z. B. 
die guerre des amoureux einzugehen , sich der zahlreichen Brief- 
sammlungen jener Zeit bedient hat, um den Zusammenbang der 
Genfer und deutschen Calvinisten und ihrer Organisation, ja auch 
der niederländischen und ihres Helden Wilhelm mit den Franzo- 
sen und ihren organisirten Gemeinden nachzuweisen. Dies würde 
dem Titel besser entsprechen und seine Leser von trostlosen Ka- 
balen protestantischer und katholischer Hofleute und reformirter, 
halbreformirter und katholischer grofser Herren zur Wahrheit 
und Überzeugung bürgerlicher Herzen geführt haben. Das eilfte 
Capitel erzählt den Krieg mit den Protestanten bis auf den Tod 
des Prinzen von Conde, wo wir nur bedauern, dafs der Verf. 
auf der einen Seite Davila und auf der andern de Thou, von 
dem er sonderbarer Weise immer die französische Übersetzung, 
nicht das lateinische Original citirt , zu unbedingt gefolgt ist. 
Wie z. B. wenn er S. 120 de Thou nachschreibt, dafs alle 
Verschworungen gegen das Leben der Königin Elisa- 
beth von England von den Guisen ausgegangen. Im 
zwölften Capitel ist der Verf., da er sich einmal soweit in die 
Geschichte der Religionskriege eingelassen hatte, über die Orga- 
nisation der Bürgerschaft von Paris, über das Verhältnis der 



Sechzehner zu den Mönchen, über den Zusammenhang der Pa- 
riser Bürgerschaft mit der Ligue, über die Anstalten zu Barri- 
kaden, Ketten, Fässer, enge Strafsen , etwas zu kurz, gerade für 
das Publikum, für welches sein Buch berechnet ist. Dies wird 
man am besten erkennen, wenn wir die kurze Stelle anführen, 
worin die Dauer der Fahrt der Konigin Mutter in den Palast des 
Herzogs von Guise beschrieben wird. Selbst ein Pariser unserer 
Zeit würde den Sinn nicht fassen , wenn man ihm nicht erst 
sagte, welche Strafsen zu passiren gewesen und in welchem Zu« 
Stande sich diese damals befunden hätten. Dies war um so leich- 
ter deutlich zu machen, da sich die lange Strecke der la Ferro- 
uerie und Verrerie fast noch in dem alten Zustande befindet Die 
erwähnte Stelle lautet S. 129: Nach langer Berathung bescblofs der 
Hof gegen Abend , die Konigin Mutter an den Herzog abzuschicken 
und dessen Vorschläge zu vernehmen ; zwei rolle Stunden mufste 
sie zubringen, ehe sie zu dem Palaste desselben gelangte , indem 
man die Barrikaden überall öffnete und hinter ihr wieder zu- 
schlofs. Der Verf. würde sagen können, er habe ja ausdrucklich 
& 128 gesagt, dafs unter dem Geläute der Sturmglocke die Stra- 
fsen vorher überall mit Ketten, Fässern, Balken so gesperrt wer* 
den, dafs in wenigen Augenblicken die grofse Stadt von dreifsig 
zu dreifsig Schritten abgeschlossen gewesen« Es kam aber ge- 
rade darauf an, nachzuweisen, wie das möglich war, welche 
feste Einrichtungen damals zu diesem Zweck in Paris bestanden, 
und wie die Bürgerschaft und das Innere der Stadt gerade durch 
diese Einrichtungen ein furchtbares Instrument der Mönche, der 
vornehmen unzufriedenen Herren oder des Parlaments wurde, 
je nachdem eine der genannten Partheien mit dem Hofe im Streit 
war. Diese Lücke auszufüllen gehört nicht hieber, doch wollen 
wir gelegentlich bemerken , dafs über das Barrikadenwesen in den 
Memoire* de Betz , die bekanntlich zu dem Besten in ihrer Gat- 
tung gehören, recht anziehende Nachrichten vorkommen. Auf 
dieselbe Weise hat Herr Weber die Scene in Blois (den Mord 
des Herzogs von Guise, die Verhaftung des Cardinais und des 
Erzbisch offs von Lyon) S. 1 3 3 offenbar zu flüchtig erzählt und 
das Schauderhafte der That und der Anstalten dazu theils gar 
nicht erwähnt, theils nicht genug mit der Geschiebte des Kriegt 
gegen die Reformirten in Verbindung gebracht. Die Umstände 
der Ermordung des Herzogs und die berüchtigten vierzig Mor- 
der werden nicht erwähnt, der Ermordung des Cardinais wird 
nur im Vorbeigehen gedacht , und wenn nicht etwa Ref. im ttüch* 



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in Genf und Frankreich. 



iigen Lesen etwas ubersehen bat, so ist die Geschichte des Erz- 
bischoffs ganz übergangen. Das dreizehnte Capitel endigt mit 
der Ermordung Heinrichs III. , und die drei folgenden erzählen 
die bekannten Geschichten der Unternehmungen Heinrichs IV. 
bis zur Einnahme von Paris. Im siebzehnten kommt endlich der 
Vf. auf den Gegenstand zurück , den sein Titel verspricht , näm- 
lich auf das Verhältnifs des Calvinismus zum Staat. Wir hätten 
gewünscht, der Verf. hätte die beiden Fortsetzungen des sieben- 
zehnten Capitels etwas ausführlicher gefafst und durch einzeln« 
Beispiele aus der folgenden Geschichte erläutert, statt dafs er 
nur ganz im Allgemeinen die Hauptpunkte der Einrichtungen 
andeutet Er giebt aus dem Edict von Nantes unter der Rubrik 
A die bircbliche Stellung der Huguenotten summarisch an, dann 
unter B ihre bürgerliche Stellung, wo er unstreitig im Letzteren 
etwas ausführlicher hätte seyn müssen, wenn er seinen Lesern 
eine Einsicht in die inneren Verbältnisse der folgenden Geschieb- 
ten, die ohnebin ohne ausführliche Behandlung der ganzen poli- 
tischen Geschichte schwer zu verstehen sind, hätte geben wollen. 
Das achtzehnte Capitel führt die Geschichte bis auf Heinrichs IV. 
Tod, wo wir wieder gewünscht hätten, dafs der Verf. nicht das 
allgemein Bekannte erzählt hätte, sondern seinem Titel getreu 
immer nach dem Genfer Pabstthum, nach den Synoden und Ver- 
sammlungen und den Geistlichen schauend, seine Geschichte im- 
mer an den Calvinismus , nicht an den Hof und seine Creaturen 
geknüpft hätte. Endlich in der zweiten Abtbeilung, überschrie- 
ben: Der Hugenotische Bund in Frankreich unter Lud- 
wig XIII., kommt der Verf. S. 179 wirklich auf den Calvinis- 
mus zurück. Nach einer einleitenden Bemerkung über die Ent- 
stehung der Jesuiten, über Beschaffenheit und Zweck des Or- 
dens, kommt er S. 187 auf die franzosish - reformirte Gemeinde, 
die sonderbar genug eine formliche Bepublik im Schoofse eines 
monarchischen Staats bildete. Das wird man schon aus dem 
Wenigen sehen, was der Verf. S. 187—188 von der kirchlichen 
Verfassung sagt. Er hat übrigens offenbar zu wenig davon ge- 
sagt, und hätte nicht allein ausführlicher seyn, sondern auch die 
bedeutende Verschiedenheit bemerken sollen, die in den verschie- 
denen Theilen des Beichs statt fand. Wir sehen aber aus der 
Note- zu der ausführlicher angegebenen politischen Einrichtung 
des Bundes, dafs der Verf. wegen der Quellen und Hülfsroittel 
in Verlegenheit war. Nacbweisungen darüber zu geben scheint 
uns um so weniger nothig , als die von Herrn Weber zusammen- 



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828 



Weber: Geschichte dea Calviniimn« 



gestellten Nachrichten für den Zweck seines Buchs , eine klare 
und lesbare Übersicht der Geschichte der franzosisch. reformirten 
Gemeinde in Frankreich zu geben , völlig hinreichen. Wenn der 
Verf. hernach auf die Streitigkeiten in den ersten vier Jahren 
nach dem Tode Heinrichs IV., oder auf die Händel der Maria 
?on Medicis mit den Grofsen in den Jahren 1610 — 1614 kommt, 
so fafst er sich, was wir sehr loben, kurz, und geht schon S. 
106 auf die Protestanten über, worauf es dem Titel nach ganz 
allein ankommt. Dieses Stück bis an das Ende des Capitels ist 
eins der besten und belehrendsten in dem Buche. Im zweiten 
Capitel behandelt der Verf. das Labyrinth der politischen Handel 
seit 1614, also sehr bebannte Sachen. Offenbar konnte er nur 
darauf bedacht seyn , dem Publikum , dem er sein Buch bestimmt, 
eine klare und fafsliche Erzählung zu geben. Er bat sich be- 
strebt, aus der ungeheuren Masse von Nachrichten, die wir ge- 
rade über diese Zeiten besitzen, solche Punkte auszuheben, die 
diesem Publikum nutzlich wären; er scheint seinen Zweck er- 
reicht zu haben, nur hätten wir gewünscht, er hätte weniger 
von den Andern und mehr von den Protestanten gesagt. Dies 
hätte am so leichter geschehen können, als die Protestanten mit- 
telbar oder unmittelbar nicht aus eignem Antriebe Tbeil nahmen, 
sondern von vielen grofsen Herren , die aus Politik protestantisch 
waren, eingemischt wurden. Im dritten Cspitel S. 314 fuhrt der 
Zusammenhang der allgemeinen Geschichte selbst den Verf. auf 
die Protestanten zurück. Dieses dritte Capitel ist das anziehend- 
ste, theils weil es die Spezialitäten, die man in den allgemeinen 
Geschichten leicht übersieht, besonders hervorhebt, was eigent- 
lich in dem ganzen Buche hätte geschehen sollen , theils weil um 
dieselben Zeiten die Jesuiten auf dieselbe Weise in Frankreich 
und in Deutschland verfuhren. Diese religiösen Sophisten ge- 
brauchten damals gegen die Reformirten dieselben Mittel, welche 
die politischen Sophisten unserer Tage gegen die Feinde des Ab- 
solutismus anwenden. Im zehnten Capitel wird diese Materie fort- 
gesetzt und der Krieg erzählt, den die Protestanten fast mutb- 
williger Weise angefangen hatten, und welcher durch den Frie- 
den von Montpellier beendigt ward. Dieser Krieg war es be- 
kanntlich, der die beiden folgenden herbeiführte und dem Car- 
dinal Richelieu Gelegenheit verschaffte, la Rochelle zu erobern 
ond das Gnadenedict von Nismes an die Stelle des Dankbarkeit*» 
edicts von Nantes zu setzen. Auch dieses Capitel ist besonders 
anziehend , da der Vf. aus vielen Büchern f die man gewöhnlich 
• 




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in Genf und Frankreich. 



nicht zur Hand zu nehmen pflegt, sehr gute Nachrichten gezo- 
gen , gut geordnet und gut vorgetragen hat. Man erhalt auf diese 
Weise eine viel bessere Vorstellung rom Leben der Zeit, von 
von den Verhältnissen der protestantischen und katholischen Be- 
völkerung der sudlichen Gegenden, als man sie aus der besten 
allgemeinen Geschichte schöpfen kann. Wir bedauern daher um 
so mehr, data der Verf. so viel Raum an die allgemeinen Ge- 
schichten verschwendet hat, die er mit wenigen Worten hätte 
andeuten können. Das folgende Capitel enthält die Geschichte 
des zweiten Kriegs, und erst das sechste die Geschichte der be- 
rühmten Belagerung von la Rochelle. Die Letztere ist für das 
Publikum, welches sich der Verf. wünscht, sehr gut und anzie- 
hend behandelt, sonst wäre es wohl nothig gewesen, hier auf 
die Geschichte der protestantischen Herren, die an der Spitze 
standen, Rucksicht zu nehmen, und noch mehr auf die Geschichte 
von England und auf die Art, wie Buckingham und sein König, 
ganz absolute Gemuther, die Protestanten und ihren Krieg be. 
trachteten. Es ist indessen sehr gut, dafs der Verf. nicht nach 
dieser Bemerkung, die Ref. nur gelegentlich und im Vorbeigehen 
hat machen wollen, auf die allgemeine Geschichte sich eingelas- 
sen hat, da diese niemand in diesem Buche suchen wird. Übri- 
gens würden wir 8. 254 nicht gerade eine Stelle aus Guizot't 
Geschichte angeführt haben , da diese weder durch innere Wahr- 
heit noch durch gedrängte Darstellung der Thatsachen vor der 
ersten besten englischen einen Vorzog hat. Gerade über diese 
Sachen hätte sich Herr Weber aus Ursachen, die jedem von 
selbst einfallen werden, unbedingt an Rapin Thoyras halten dür- 
fen, wenn er keins der englischen Bücher, welche Buckingham 
und diese Geschichte speziell angehen , hätte benutzen können 
oder wollen. Man findet hier über Belagerung und Einnahme 
von la Rochelle die interessantesten Nachrichten zusammengestellt 
und die franzosische Sammlung der Memoires recht gut benutzt. 

Von S. 266 an beginnt die dritte Abtheilung: Zustand der 
Huguenotten seit dem Verluste der Selbstständigkeit 
ihres Bundes. Ref. will den Anfang des ersten Capitels mit- 
theilen, weil er ganz mit Herrn Weber übereinstimmt und man 
schon aas den wenigen Worten sehen wird, wie ruhig, besonnen 
und verständig dieser die Geschichte behandelt hat. Richelieu, 
heifst es , gab durch nichts mehr seine tiefe Weisheit zu erken- 
nen, als durch das Gnadenedict von Nismes. Er sah wohl ein, 
daft er den Staat seiner fleißigsten und tbätigsten Untertbanen 



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SSO Weber : Geschichte des Calvinistuas 

berauben wurde, wenn er den Glauben des Burgers antastete, 
worin dieser die Beruhigung seines Gewissens und den Trost sei- 
nes Lebens fand. Die Lehre der Huguenotten war in seinen Au- 
gen kein Verbrechen; obwohl Cardinal und früher nicht ohne 
Meinungseifer, hegte er jetzt duldsamen Sinn, einzig auf die 
Grufse des Staats und der königlichen Allmacht bedacht ; blos die 
selbstständige Verfassung des Bundes war ihm ein Dorn im Auge; 
sie mufste vernichtet werden. Sobald daher die Protestanten auf 
gleicher Stufe standen mit der Masse des Volks, waren sie seine 
Feinde nicht mehr. Übrigens führt das erste Capitel dieser drit- 
ten Abtheilung der Geschiebte der Reformirten in Frankreich die * 
Geschichte duich die Zeiten der Fronde hindurch und das Re- 
sultat der Erzählung wird S. 276 ganz vortrefflich auf folgende 
Weise kurz zusammengefafst : Der Hof verkannte die Verdienste 
der Huguenotten in jenem drohenden Zeitpunkte nicht, und Ma- 
zarin selbst gestand ein , dafs der Thron gewankt habe und dafs 
die Protestanten ihn festgehalten hätten; und nach Beendigung 
der Unruhen gab man ihnen manchen Beweis der Zufriedenheit. 
Die unglücklieben Calvinisten aus Pamiers, die in den Religions- 
kriegen von ihrem Eigenthum vertrieben worden waren und seit- 
dem hülflos und zerstreut an andern Orten lebten, durften in 
Folge eines Erlasses vom Jahre i652 in ihre Heimath zurück- 
kehren und Besitz von ihrem Vermögen nehmen, und es war 
nicht Schuld des Hofes, wenn die Ränke des Bischoffs von Pa- 
miers und die Ungerechtigkeit des Gerichtshofs von Toulouse die 
Wirkung dieser billigen Verfügung vereitelten. In Alais, Nismes 
und andern Orten erhielten die Protestanten Berechtigungen, die 
Sie in Bezug auf die Theilnahme städtischer Ämter in ein glei- 
cheres Verhol tnifs zu den Katholiken setzten, und am si. Mai 
i65a wurden alle bisherigen Edicte zu Gunsten der Reformirten 
feierlich erneuert. An mehrern Orten, wo seit einigen Jahren 
der Calvinische Gottesdienst verhindert worden war, sang man 
aufs neue die Psalmen, und die ersten Regierungs jähre des jun- 
gen Honigs versprachen den Huguenotten ein goldnes Zeitalter. 
Das ganze zweite Capitel ist der Geschichte der Verhältnisse ge- 
widmet, die der Verf. nach dem Titel seines Buchs ganz beson- 
ders behandeln wollte, dies wird man schon aus folgender Über- 
schrift des Capitels sehen können. Die Calvinisten werden 
von Mazarin begünstigt — Sie unterstützen die Wal- 
denser in den Thälern von Piemont. Die katholische 
Geistlichkeit macht die Huguenotten am Hofe vor- 



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dächtig, daher einige strengere Maasregeln. In allen 
Provinzen werden Contmissäre ernannt, zu untersu- 
chen, ob das Ediet von Nantes überall gehalten wird. 
Letzte Nationalsynode der Hugnenotten zu Loudün. 
In diesem Capitel hat Ref. viele anziehende, ihm, da er sich mit 
der speziellen Untersuchung dieser Sache nie beschäftigt halte, 
ganz neue einzelne Umstände gefunden, die sieb auch für die 
allgemeine Geschichte recht gut gebrauchen lassen. Im dritten 
Capitel wird sehr klar und zugleich sehr gemäfsigt und ruhig, 
vortrefflich nachgewiesen, auf welche Weise man gleich nach 
Mazarins Tode langsam und schlau den Plan der Vertilgung des 
Protestantismus auszufuhren anfing. Herr Weber hat zu dem 
Ende mit der Erzählung der Unterdrückung der höheren pro* 
testantischen Lehranstalt in Montauban begonnen und geht alsdann 
zu den Conversionen über. Der Verf. hat S. 390 sehr gut be- 
merkt: Der Hof durfte nur ein einziges Mal kund geben, dafs er 
eine Kränkung der Huguenotten nicht mit demselben Auge be- 
trachte, wie eine Verletzung seiner übrigen Untertbanen, um je- 
nen ein schreckliches Loos zu bereiten , indem von dem Urtheils- 
•pruche des Untersuchungsgerichts keine Berufung an die ge- 
mischten Hammern Statt fand, sondern nur an den Staatsrath. 
Jedem Freunde der Geschichte, der sich über diese wichtige 
Geschichte auf dem kürzesten Wege gründlich belehren will, 
müssen wir dieses Capitel dringend empfehlen, wo man nur ThaU 
sachen mit Nachweisung der Quellen findet. Tantumne relligio 
potuit suadere malorum? Derselbe Gegenstand wird im folgen- 
den vierten Capitel von dem Jahre i663 bis 1679 durchgeführt, 
und Ref. gesteht, dafs diese letzten Capitel ihm im ganzen Buche 
am besten gefallen haben; denn der Verf. hat mit Weglassung 
alles Unwesentlichen die Hauptumstando und das Einzelne, wor- 
auf es ankommt, vortrefflich hervorgehoben, und Ref. bedauert 
sehr, dafs der Baum dieser Blätter ihm nicht erlaubt, dieses durch 
Anführung ganzer Stellen zu beweisen. Der Verf. hat sehr gut 
verstanden, seinen Lesern anschaulich zu machen, wie man ganz 
consequent Schritt vor Schritt dem Ziele näher rückte und den 
Letzten Gewaltstreich vorbereitete. Das fünfte Capitel enthält die 
bekannten Geschichten Ludwigs und der Maintenon und den An- 
fang der gewaltsamen Maasregeln. Das sechste Capitel ist wieder 
mehr speciell und enthält die Geschichte der Verfolgungen von 
&68i—i685, ohne dafs der Verf. dabei, wie das zuweilen im 
forher flehenden Cauitel geschehen war . die Protestanten aus dem 



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332 P. Li mi t Prlnc. di Scordia 

Auge verliert. Dieses Capitel ist ebenso anziehend als das dritte 
und vierte, weil es uns Geschichten erzählt, die man aus den 
angeführten Werken nur mit greisem Zeitaufwande herausfinden 
wurde, wenn man auch Lust und Zeit hatte, sie zn lesen. Wir 
bewundern übrigens die Ruhe und Leidenschaftlosigkeit des Vfs. 
in einer Sache, wo man, besonders in seinem Alter, so geneigt 
ist, heftig zu werden und Parthei zu nehmen. 

Schlosser. 



Coneidcrazioni sulla itoria di Sieüia dal 1531 al 1789 da servirc d'aggiunte 
« di ehion al Botta, di Pietro Lomo, principe di Scordia. Pa- 
lermo $tamperia di Antonio Sduratori. 1836. 591 & 8. 

Ref. glaubt dem deutschen Publicum , welches selten die 
Producte sicilianischer Pressen zu Gesichte bekommt, und dem 
erlauchten Verf., der so gutig war, ihm das Buch zu schenken, 
einen Dienst zu thun, wenn er den Inhalt desselben kurz anzeigt, 
weil es eine Lücke füllt, welche alle neapolitanischen Geschieht- 
Schreiber, auch der neueste und gröTste unter ihnen, gelassen 
haben. Collelta hat Sicilien nur gelegentlich berührt; der Verf. 
des angeführten Buchs erwähnt seiner gar nicht, wir zweifeln 
auch , dafs in unsern doctrinären Tagen ein wahrhaft großartiger 
Geschichtschreiber wie Coli et ta die Anerkennung finden werde, 
die ein Botta gefunden hat. Übrigens urtheilt der Prinz von 
Scordia ganz richtig über Guicciardini , dafs er seine Geschichte 
auf einem trostlosen Grundsatz der Selbstsucht , oder mit andern 
Worten, auf dem Grundsatz der Diplomaten und Politiker grün- 
de; er hat aber Unrecht, wenn er dabei den Helvetius nennt, 
er hätte den Macchiavelli und die grofsten Männer seiner Nation 
nennen sollen , die im sechzehnten Jahrhundert erfunden , classisch 
vortrefflich entwickelt und meisterhaft befolgt haben, was die 
Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts nur unvollkommen nach- 
lallen. Die an sich und im Munde eines sicilianiachen Prinzen 
merkwürdige Stelle lautet : Jo ben anco ammiro e venero Guic- 
ciardini, roa assai mi duole come Botta dice, che fondamento alle 
soa storia c la brutta e dolorosa dottrina di Elvezio. Diese Er- 
wähnung des Helvetius ist doppelt ungerecht« Was Botta an. 
geht , so sagt der Vf. in seinem discorso proemiale , er verdiene 
allerdings Dank, dafs er die Fortsetzung des Guicciardini unter- 
nommen habe; dadurch hätte Italien wenigstens endlich einmal 



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einen allgemeinen Geschichtschreiber erhalten . allein er habe theilt 
so schnell gearbeitet, da seine allgemeine Geschichte in fünfte- 
halb Jahren fertig gewesen sey , theils habe er einzelne Geschich- 
ten, welche besonders angeführt werden, gar zu Kurz abgefer- 
tigt. Unter diese Geschichten wird denn auch die von Sicilien 
gerechnet, welche Lücke der Prinz durch sein Buch ausfüllen 
will. Man wird sich verwundern , in einem italienischen Schrift- 
steller unserer Zeit die Genauigkeit und besonders die kritische 
Schärfe zu entdecken, die der Verf. uberall bewiesen hat Wir 
dürfen, so sehr uns die Art der Behandlung angezogen hat, dem 
Vf. durch das Einzelne nicht folgen, wir wollen aber den Inhalt 
kurz andeuten, um zu zeigen, was man hier findet, und wie 
glücklich der Vf. den leeren Wortschwall und das eitle Phrasen- 
drechseln der beutigen Italiener vermieden hat. Wir wollen zu« 
erst die Stelle anfuhren, worin er sich über seine Quellen und 
seinen Zweck ausspricht; man wird aus seinen eignen Worten 
erkennen, dafs er weifs, worauf es ankommt, und dafs er nicht 
zu den vornehmen Schriftstellern gehört, denen ihr Rang ohne 
Muhe den Ruhm schafft, sondern dafs sein Buch eine in unser □ 
Tagen in der italienischen Literatur sehr seltene Erscheinung ist. 
I nostri storici, sagt er, le constituzioni e i capitoli del siciliano 
reame e i varii manuscritti patrii di cui abbonda questa libreria 
del Senato mi sono serviti di norma nel mio scabroso Camino, 
apprestandomi tutta quella luce che ra'era d'uopo. Non posso 
pero negare che in questa medesima scelta ho dovuto impiegare 
una diligente critica a fin di separare le cose genuinamente nar- 
rate dalle tante futili , di cui spesse volte sono imbrattate le carte 
dt nostri avL Das erste Buch, oder die ersten 69 Seiten ent- 
halten die Geschichte der Jahre i53o — 1646, die wir ganz über- 
gehen. Wir wollen nur bemerken, dafs der Verf. auch hier bei 
aller Kurze, die wir ihm zum grofsen und besondern Verdienst 
anrechnen , Nachrichten aus Buchern beibringt , die in unsern 
Gegenden selten oder auch völlig unbekannt sind. Im zweiten 
Buche sucht er bei der Geschichte sicilianischer Unruhen und 
Umstände mehr Botta zu ergänzen, als zu berichtigen, er lobt 
vielmehr dessen Darstellung der Bewegungen in den Jahren 1646 
— 1649. Wir dürfen auch auf die in diesem Buche enthaltenen 
Geschichten nicht näher eingehen, müssen aber zur Ehre des 
Vfs. bemerken, dafs er sehr weit von den Vorurtheilen entfernt 
ist , die wir Deutsche , und besonders die Protestanten unter uns, 
sonst seinen Landsleuten vorzuwerfen pflegen. Er spricht sich 



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über Ketzergerichte mit demselben Abscheu aus , als Colletta. Er 
berichtet nämlich unter dem Jahre i658, S. 106, wo er der Fe- 
ste in Sicilien wegen der Schwangerschaft der Honigin Ton Spa- 
nien erwähnt, S. 107. Aber auf die andern Festlich beiten folgte 
eine grausige und barbarische. Die bestand in einem Auto da fe. 
Dies war (die Nachricht verdient bemerkt zu werden) das zweite 
tragische Schauspiel dieser Art, welches unter uns aufgeführt 
ward, woran man nicht ohne Schauer und Grausen denken bann 
(del quäle lumanita non puö non sentire ribrezzo ed orrore). 
Etwas weiter unten folgt eine dahio gehörige Notiz, die wir un- 
gern Lesern mittheilen wollen. Er sagt nämlich : Achtzehn Jahre 
nachher ward diese hollische Handlung gegen einen Diaconus 
aus dem Augustiner-Orden, gegen den Bruder Diego la Matira 
erneut (Diciotto anni conseguitaronsi , dopo i quali videsi rinno- 
vato quel infernale operamento in persona di un diacono agosti- 
niano per nome frä Diego la Matira). Mit derselben Freimuthi'g- 
keit, wie über die geistlichen Angelegenheiten, redet der Verf. 
über die weltlichen. Man wird nicht allein sehr Yiele unterhal- 
tende Geschichten aus seinem Buche ziehen können, sondern Sit- 
ten und Gebräuche und Formen des Lebens wird man hier weit 
besser kennen lernen als aus Reisebeschreibungen. Um an einem 
Beispiele zu zeigen , wie der Verf. erzählt , urtheilt und eine 
Spezialgeschichte unterhaltend macht, wollen wir eine Stelle auf 
den Zufall hin ausheben. Wir wurden die ganze Geschichte der 
Verwaltung des Vicekonigs Ayala hier übersetzen , wenn wir der 
Erzählung einen gröfseren Raum widmen könnten, wir werden 
daher nur den Anfang mittheilen. Wer die ganze Geschichte im 
Zusammenhange lieset, wird sehen, wie wichtig der Streit des 
Vicekonigs mit den Burgern von Messina als Schritt einer monar- 
chisch-militärischen Regierung ist. Nicht blos aus dem Grunde, 
weil dieser Streit einen formlichen Aufstand veranlagte, sondern 
weil fast in demselben Jahre, als man die Vorrechte der 
Burgerschaft von Messina antastete, unmittelbar nach dem west- 
philiscben Frieden , mit den Rechten vieler deutschen Städte fast 
ebenso verfahren wurde. Es heifst: Der Vicekönig erliefs eine 
Verordnung an die Messinenser, dafs bei der Wahl ihrer Raths* 
herren die Geschwornen der vorigen Verwaltung oder des vori- 
gen Jahrs nicht Theil nehmen sollten. Dies war den bürgerlichen 
Freiheiten von Messina geradezu entgegen und verdrofs die Ein- 
wohner so sehr, dafs sie zwei Abgeordnete sandten u. s. w. 
Charakteristisch ist es, dafs diese Deputate in städtischnn An- 



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Contiderazioni »Ha storia dl Sicilia 



33» 



gelegenheiten Mönche sind. Diesen Streit mögen die Leser im 
Bache selbst aufsuchen, wir wollten eigentlich nur den Anfang 
einer andern Geschichte mittheilen. Dieser lautet S. 107 — 108 
folgendermafsen : Im Jahre 1660 kam der neue Vicekönig Graf 
Ayala, und er trat gleich mit spanischem Stolze auf. Nicht zu- 
frieden mit dem Vielen Spanischen (di tutto quello che qui erast 
introdotto d'iberico), was bei uns schon eingeführt war, wollte 
er auch noch die äussern Gebräuche und Gewohnheiten seines 
Vaterlandes einfuhren. Jn dem Anzüge der Gerichtsbeamten 
(mkiistri togati) änderte er Manches, und verordnete, dafs sie 
ein Doctor-Barret , Gorra genannt, statt des Hots tragen sollten , 
and hätte er sich mit dergleichen Neuerungen begnügt, so wäre 
wenigstens nichts daran verloren gewesen , und man wurde seines 
Namens nicht mit Verachtung gedenken müssen ; aber er war eitel 
(borioso) und hochmüthig wie kein Anderer, und reizte Alles 
zum heftigen Zorn. Erst fing er mit dem Erzbischoff von Pa- 
lermo, dann mit dem Adel, endlich mit der Stadt Messina Streit 
an. Mit dem Ersten hatte er allerlei Händel (varii disgusti) , and 
dieser bediente sich seiner priesterlichen , der Vicekönig der 
weltlichen Waffen ; der Letztere der Soldaten , der Erstere geist- 
licher Vermahnungen ; als aber (wie das ganz naturlich ist) die 
Waffen des Vicekönigs kräftiger wirkten (agivano con piu forza) 
and des Prälaten Sache nicht mehr fort wollte (andava a ritroso), 
so zog dieser sich in der besten Ordnung vom Schlachtfelde. 
Er entfernte sich unter dem scheinbaren Vorwande (col orpello), 
Visitation in seinem Sprengel zu halten , auf einige Zeit aus Pa- 
lermo, und kam erst dahin zurück, als ein besserer Wind für 
ihn wehte. Der Adel war damals heftig unter sich selbst ent- 
zweit, denn es war Zwist zwischen dem alten und dem neuen 
Adel. Der erste wollte allein Anspruch auf die grofsen Adels- 
vorrechte der Sicilianer haben, und wollte nicht zugeben, dafs 
irgend ein Neugeadelter daran Theil hätte. In der That waren 
die siebenzehn Fürstentümer der letzten Zeit durch neue Di- 
plome und Belehnungen bis zu Sechsundsechzig vermehrt worden, 
es waren daher der neuen viel mehr als der alten. Die neuen 
machten mehr Lärm, und weil die Zahl ihrer Anhänger viel 
gröfser als die ihrer Gegner war, so setzten sie den Vicekonig 
sehr in Schrecken ; denn dieser wufste nicht recht, wohin er sich 
wenden sollte. Er kannte die Kräfte und die Macht des alten 
Adels und die Zahl und Entschlossenheit des neuen; er sah also 
liein anderes Mittel, dem Streit ein Ende zu machen, als dafs er 



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336 P. Lama, CoaaMeraiioni »all« itorit di SIcilia. 

beide gutlich zu befriedigen suchte. Man liefe den Fürsten alte- 
ren Ursprungs daher einige besondere Vorrechte und gab den 
Andern einige neue. Wenn wir die traurige Geschichte der 
Fehde Messinas mit dem Vicekonig hinzufügten, so würde man 
ein vollständiges Bild spanischer Verwaltung haben und sich leicht 
erklären , warum diese grofse und reiche Monarchie und alle ihre 
Theile und Provinzen im 'Laufe des siebenzehnten Jahrhunderts 
so ganz unbegreiflich tief herabsank. Bei dieser Gelegenheit wol- 
len wir bemerken, dafs das Bild spanischer Verwaltung in der 
Lombardei, welches Manzoni in den promessi sposi entwirft, ganz 
getreu und historisch ist Wie weit die absichtliche Verwirrung 
und Unordnung ging, sieht man auch daraus, dafs, nachdem 
Ayala die Stadt Messina, zur grofsen Freude der Einwohner von 
Palermo, aufs härteste und strengste bebandelt hatte, und dafür 
in Palermo allerlei Beweise der Zuneigung erhalten , sein Nach- 
folger, der Duca di Sermoneta, welcher vorher Statthalter von 
Mailand gewesen war, ein ganz entgegengesetztes System be- 
folgte. Er zeigte sich ohne Gruod den Palermitanern ganz ab- 
geneigt und wollte sogar Anfangs sein Amt nicht einmal , wie das 
hergebracht war, in Palermo antreten. Dies that er freilich zu- 
letzt, doch bewies er schon im ersten Monat seiner Verwaltung 
seine Abneigung gegen Palermo. Wir wollen hier wieder eine 
Stelle übersetzen, damit unsere Leser selbst über den Ton und 
die Manier des Prinzen urtheilen können. Diese Parteilichkeit, 
sagt er, welche die Statthalter bald für die eine bald für die an- 
dere Stadt zeigten, war für ganz Sicilien höchst verderblich, 
denn sie vermehrten dadurch die erbliche Mifsgunst (aschio) der 
beiden Städte und nährten jene Zwietracht, welche ein Haupt- 
unglück der armen Insel war. Sermoneta verliefs Palermo schon 
im Laufe des zweiten Monats seiner Verwaltung und reiste nach 
Messina, wo er, sey es nun aus Furcht, sey es im geheimen und 
ganz besondern Auftrage, sey es aus eigner besonderer Vorliebe, 
•ich bestrebte , diese Stadt auf jede Weise zu begünstigen , ohne 
•ich um das übrige Reich zu bekümmern. 

(Der Bcschlufs folgt.) 



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N°. 22. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



P. Lanza, Princ. di Scordia, Considerazioni sulla storia 
di Sicilia. 

(Dc$cl U/9.) 

Diesen Satz beweiset der Vf. sehr gut durch das angeführte 
Gesetz, dafs die Ausfuhr der Seide nur von Messina aus gesche- 
hen dürfe. (Er fuhrt an die Pragmatica Prohibitiva di non po- 
tersi extrahere sete per fuori regno se non che solamente dal 
porto di cpiesta nobile ed exemplare cittä di Messina etc. etc. 
stamp. del Senato 1664.) Nach langem Lärmen und Streit senden 
die Palerraitaner ihren Hauptpfarrer nach Madrid, der alsdann 
eine Aulbebung des Verbots bewirkt. Diese und alle bis S. i3o 
erzählten Dinge hatte Botta ubergangen und hatte blos die Un- 
ruhen und den Aufstand von Messina erzählt, so genau dieser 
auch mit der Eifersucht zwischen Palermo und Messina zusam- 
menhängt. Die Geschichte dieser Unruhen giebt dem Verf. Ge- 
legenheit, sein kritisches Talent und seine Kenntnifs der Geschichte 
seines Vaterlandes auf eine recht glänzende Weise zu zeigen, in- 
dem er zugleich von Botta, den er oft kritisirt, oft auf Irrthü- 
mern und Übereilungen ertappt, mit Aufmerksamkeit und grofser 
Achtung redet. Er sieht sehr wohl ein, dafs ein allgemeiner 
Geschichtschreiber um desto eher Fehler begehen kann, je um- 
fassender seine Arbeit, je leichter sein Vortrag ist. Der Verf. 
giebt nämlich zuerst einen ganz kurzen Abrifs von dem , was 
Botta in seiner Geschichte auf vierzig Seiten von dem Aulstande 
in Messina erzählt hat, dann leitet er seine kritische Prüfung die- 
ser Erzählung mit folgenden Worten ein : Narrate in succinto Je 
cose dette dal egregio storico Piemontese in buona parte del suo 
Jibro vigesimo nono, credo esser delK obbligo indossato far os- 
servare, o almeno indagare in pria ii luogo da dove egli abbia 
potuto ritrarre questo suo vivo raconto, ed indi inditare un qualche 
lieve peccato che io col mio limitato intelletto ho potuto nel suo 
lavoro notare. Übrigens wurde sich zeigen, wenn wir die lange 
Stelle übersetzen dürften, dafs er nach und nach die ganze Er- 
zählung des Piemontesers auseinanderlegt und dafs am Ende nichts 
als Stellen aus Brusoni, verbrämt mit Rhetorik und was die Leute 
XXX. Jahrg. 4. Hüft. 22 



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338 P. Lama, Princ. di Scordia, 

Philosophie zu nennen pflegen, übrig bleibt. Der Aufstand von 
Messina, ebensosehr aus Hafs gegen Palermo als gegen die Spa- 
nier, fiel in die Zeit, als Ludwig XIV. nach seinem Einfall (1672) 
in Holland mit Spaniern und Holländern in Krieg war. Die Ein- 
wohner von Messina nahmen die Franzosen in ihre Stadt auf, 
die Spanier und Palermitaner wurden von den Holländern, die 
damals um ihre eigne Existenz mit den Franzosen zu kämpfen 
hatten, unterstutzt; dieser Theil des Buchs gehört daher der all- 
gemeinen Geschichte an. Wir wollen bei der Gelegenheit eine 
Nachricht einrücken, die vielleicht denen nutzlich seyn kann, die 
in unsern Tagen griechische Handschriften in Spanien einzukau- 
fen suchen. Ms ist nämlich S. 157 die Hede von der harten Be- 
strafung der von den Franzosen aufgegebenen Stadt Messina (um 
1679). Die Stadt, heifst es, ward des Ordens della Stella, wor- 
auf die Burger so ungemein stolz waren , beraubt ; sie verlor 
Universität und Archiv, obgleich es falsch ist, dafs die erstere 
nach Catana versetzt ward , wo vorher schon eine war. Was das 
Archiv angeht, so sagt der Verf.: Das Archiv ward unter dem 
Glockenthurm der Domkirche aufbewahrt, und es ist nicht rich- 
tig, dafs man es vorzuglich wegen ganz besonderer Privilegien 
und wegen eines vorgeblichen Briefs der heiligen Jungfrau in 
hohem Werth hielt, denn schon Francesco Aprile hat gut und 
sehr gelehrt bewiesen (Cronologia universale della Sicilia. Paler- 
mo 1725), dafs die Erzählung von diesem Briefe eine fromme 
Erdichtung gewesen. Man legte im Gegenthei! grofse Be- 
deutung auf das Archiv wegen der griechischen Hand- 
schriften, welche Constantin Lascaris dort niederge- 
legt hatte. Übrigens, fahrt er fort, waren freilich alle Doch* 
mente, welche für authentisch galten und Privilegien und Vor- 
rechte von Messina enthielten , mit alter Schrift und auf altera 
Pergament geschrieben ; ausserdem waren die Privilegien der \ er- 
schiedenen K5nige in besonderen Hasten verwahrt, auf deren 
Deckel der Name des Honigs stand , der sie ertbeilt hatte. Die 
Copien, in fünf Bänden enthalten, kannte jeder, weil man nie 
die Originalien gebrauchte, um sie nicht abzunutzen (per non 
logorarsi). Als das Archiv ausgeräumt ward (dies ist es, was 
wir bemerken wollten), so finde ich nirgends geschrieben, dafs 
mao jenen apokryphischen Brief der Jungfrau Maria gefunden 
habe, oder auch nur eine Abschrift davon; dagegen wird Je- 
der, der Sinn für allgemeine Bildung und für Gelehr- 
samkeit hat (che ha hör di senno e che e vago di dottrina), 



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Conaidcrazioni sulla storla di Sicilia. 



innig bedauern, d a f s die Sammlung der griechischen 
Manuscripte des Lascaris, die der Senat von Messina 
gekauft hatte und die dort aufbewahrt ward, verlo- 
ren wurde. Diese Sammlung ward nämlich von dort 
gewaltsam weggenommen und zuerst nach Palermo 
gebracht, dann liefs sie der Vicekonig, Herzog von 
Uzeda, nach Spanien bringen. So verloren Sicilien 
und Messina diesen kostlichen Schatz. Messina hatte bis 
dabin gewissermaßen eine Republik gebildet; das war jetzt vor- 
bei. Es erging der Stadt, doch einigermafsen verdienter Weise, 
wie in Deutschland fast am dieselbe Zeit den Städten Mainz, 
Magdeburg, Erfurt, Königsberg und sehr vielen andern. Auch 
diese Städte, wie die Gegenden des alten Landes, des Landes 
Hadeln, behielten einen TheU ihrer alten Rechte, da bekanntlich 
die Städte und die freien Leute der Leutkircher Heide erst in 
diesem Jahrhundert den Schatten der Freiheit, welche überall der 
allgemeinen Centralisalion , Bureaukratie und staatswissenschaft- 
lichen Weisheit studirter Beamten weichen mufste, verloren. Son- 
derbar genug schwemmte die Fluth monarchischer Heere nach 
dem Frieden von Nimwegen die bürgerliche Freiheit zugleich 
in Preufsen und Poromern, in Thüringen und Schwaben und im 
EJsafs und in Sicilien hinweg. Messina wurde indessen doch von 
dem bärtesten Schicksal betroffen. Der Prinz berichtet S. 159: 
Tierhundert Familien, welche nach Caruso (Mongitori storia de' 
Parlament! III. p. 71) auf sechszehntausend Kopfe jedes Alters, 
jedes Geschlechts, jedes Standes betragen mochten, verließen ihr 
Vaterland und folgten ihren Unterdrückern (den Franzosen) durch 
Noth gezwungen , um nicht die Wirkung des gereizten Zorns der 
Spanier zu erfahren. Sie waren theils verbannt, theils wanderten 
sie freiwillig aus und begaben sich theils nach Italien theils nach 
Frankreich; sie wurden von den Franzosen mit der Hoffnung 
getäuscht, dafs man für sie eine Generalamnestie erhalten würde. 
Als Frankreich hernach Gelegenheit hatte, einen vorteilhaften 
Frieden zu schliefsen , überliefs es alle diese Leute ihrem un- 
glücklichen Schicksal. Im dritten Buch, welches die Zeiten von 
1680 — 1716 begreift, wird besonders von den Streitigkeiten mit 
dem päbstlicben Stuhl gehandelt, welche während der kurzen Zeit 
fortdauerten, während deren Victor Amadeus König von Sicilien 
war, und bei dieser Gelegenheit wird die sogenannte Monarchie* 
Siciliae sehr grundlich erörtert. Der Vicekonig, der Graf Anni- 
bale Maffei, war mit dem Streit mit dem Pabste gar nicht zu- 



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040 r. Lanza, Princ. di Scordia, 

frieden, denn er war. sehr stolz auf Vorzüge eines Geistlichen, 
die ihm als Repräsentanten des weltlichen Herrschers der Insel 
zukamen. Wir wollen die Worte mittheilen : E non gia che vago 
non fosse della singolar prerogativa Siciliana, conciosiache non 
poche volte tenne Cappella Reale, che appunto e quella cere- 
roonia in cui il nostro sobrano , o chi lo rappresenta, spiega cd 
forma publica laugusto carattere di legato a latere coprendosi il 
capo nel ricever l'incenso dal diacono durante la celebrazione 
della gran messa. Über Alberonis Expedition gegen Sicilien fin- 
det man hier S. 292 u. f. sehr genaue Nachrichten, nur über die 
Rolle des Honigs Amadäus, des Vicekönigs und des Generalcapi- 
täns erhalten wir nicht den wahren Bericht. Bei Gelegenheit der 
ausfuhrlichen Geschichte der Einnahme von Palermo durch die 
Spanier finden wir eine literarische Notiz, die in den italienischen 
Lilerargeschiehten und auch in den politischen Geschichten fehlt, 
dafs nämlich die unter Mongitore's Namen bekannte Geschichte 
der Parlamente eigentlich dem Andreas Marchese angehört, der 
sie auf Maffei's Geheifs gesammelt hatte. Wenn man sehen will, 
wie wenig ein Italiener die Herrschaft eines Andern dulden kann, 
und wie er immer fremde Herrschaft vorzieht , so mufs man hier 
die ausfuhrliche Geschichte und die einzelnen Umstände der Ver- 
treibung der Piemonteser lesen , die absichtlich immer Savoyarden 
genannt werden. Der Verf. benutzt übrigens bei der Geschichte 
der schnellen Besetzung von Sicilien durch Alberoni's Heer and 
auch im Folgenden das handschriftliche Tagebuch Mongitore's. 
Nur die festen Plätze, Messina, Syracus, Melazzo , Termini, wa- 
ren noch zu erobern , als die Engländer dazwischen kamen. Über 
den spanischen Zug gegen Messina und über die näheren Um- 
stände der Belagerung von Messina findet man hier einen sehr 
anziehenden Bericht, den der Verf. aus einer kleinen von ihm 
angeführten Schrift gezogen : Vera e distinta relazione delle armi 
Spagnole in Messina etc. etc. da un curioso e veridico Palermitano 
(das sey, meint der Verf., nur ein angenommener Name) In Mes- 
sina per d'Amico. 1718. Der Verf. ubergeht Alles oder setzt et, 
als aus Botta bekannt , voraus , was die allgemeine Geschichte 
von Europa angeht , und nimmt den Faden seiner Ergänzung erst 
da wieder auf , wo die englische Flotte der spanischen gegenüber 
bei Messina erscheint. Wir dürfen freilich unser Publicum von 
den Kriegsereignissen zwischen den Spaniern und Kaiserlichen 
und von den Berichtigungen der irrigen, oft ganz allein aus Bu- 
rignv geschöpften, Erzählung Botta s nicht unterhalten; doch 



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Contidcrnzioni sulla storia di SUilia 



341 



können wir versichern, dafs alle Trockenheit und Langweiligkeit 
lehr glücklich vermieden ist , und dafs man diese Geschichten hier 
mit Vergnügen Hesel, so wenig sie für das Game entscheidend 
sind. Der Prinz von Scordiano kommt hernach , nachdem er die 
Ereignisse erzählt hat, welche die Vereinigung Siciliens mit Nea- 
pel unter kaiserlicher Regierung um 1721 herbeiführten, auf die 
schreckliche Geschichte des Autodafe in Palermo 1724, welche 
Colletta lib. 1. §. 9. p. 28 so ungemein schon erzählt hat. Wir 
linden hier freilich p. 367 die Scene , die Colletta ausführlich 
beschrieb, nur mit wenigen Worten angedeutet, wir wollen aber, 
zur Ehre unserer Zeit, den Schlufs ubersetzen, damit man sehe, 
dafs sicilianische katholische Gelehrte verständiger sind , als viele 
unserer gelehrten protestantischen Theologen , die, wenn sie ver- 
geblich versucht haben, gewisse Bücher zu widerlegen, sie gern 
verbieten lassen mochten. Es heifst hier: Wie dem nun auch 
seyn mag, die Thatsache ist, dafs beide unter schwarzer und be- 
trübender Feier lebendig verbrannt wurden. Man sagt, dafs sich 
unter der unermefslichen Zahl von Zuschauern anch der Vice- 
bönig befunden habe; Barbarei über Barbarei! Was mich an- 
geht, so kann ich mich nicht enthalten, wenn ich auf dergleichen 
Erzählungen stofse, die unglückselige Beschaffenheit jener Zei- 
ten zu beklagen, und die ehrenvolle StandhaftigUeit von Neapel 
zu loben, mit welcher sich diese Stadt der furchtbaren Inquisition 
stets zu entziehen gewufst hat. In dieser Rucksicht verdient 
Caracciolo den höchsten Preis. Ober Mongitore urtheilt daher 
der Prinz von Scordiano, der übrigens dessen Bucher alle kennt 
und gebraucht, viel härter als der General Colletta. Der Letz- 
tere sagt: Dieses Auto- da- fe hat Antonio Mongitore in einem 
dicken Bande beschrieben, und seine ganze Erzählung wie seine 
Sentenzen beweisen, dafs er ein warmer Vertheidiger des Inqui- 
sitionsgerichts war. Dieser Mann, der als Schriftsteller, anderer 
Werke wegen, besonders aber wegen der sicilianischen Biblio- 
thek , viel Lob verdient, zeigt, dafs der wohlthätige Einflufs 
menschlicher Wissenschaft in seiner Seele den Vorurtheilen seiner 
Zeit und der Unduldsamkeit seines Standes weichen mufste. Er 
war Canonicus an der Domkirche. Der Prinz von Scordiano ur- 
theilt viel schärfer und richtiger S. 368 von ihm : Es sind von 
diesem betrübten Ereignifs zwei Beschreibungen vorhanden, die 
eine ist von Antonio Mongitore, der mit seiner Unge- 
heuern Gelehrsamkeit sehr viel Aberglauben und ei- 
nen völligen Mangel an Beurthci lungs kraf t verbindet 



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843 



P. Lansa, Princ. di Scordia, 



(che al vastissimo suo intelletto accoppia moltitsima superstizione 

e nessuna critica). Bef. bedauert , dafs er die Darstellung der 
inner» Verhältnisse nicht im Auszuge mittheilen kann, die Leser 
wurden mit ihm erkennen, dafs wir über die innere Geschichte 
•ehr weniger europäischen Staaten während des achtzehnten Jahr- 
hunderts so vollständige Nachrichten haben, als über Neapel , 
wenn man Colletta und Lanza zusammen vergleicht ; und wir 
möchten nicht entscheiden , wer von Beiden freimüthiger ist. 
Das fünfte Buch beginnt da, wo Colletta sein ganzes Werk be- 
gonnen bat, bei den Bourbons und Carls III. Regierung. Hier 
scheint uns, wenn wir Colletta vergleichen, die Freimuthigkeit 
des Prinzen nicht mehr so grofs wie vorher; er ergiefst sich in 
ein unbedingtes und unbestimmtes Lob. Er kann Carl III. nicht 
genug rühmen, dafs er nicht allein einen inalterabil rispetlo ge- 
habt habe, perle leggi fondamentali del Siciliano regno, das 
möchte hingehen , sondern auch per tutti i diritli e franchigie 
dei domini suoi; besonders kann er nicht Worte genug finden, 
lobend anzuerkennen , wie der König den Vorrang von Palermo 
vor allen Städten des Reichs bestätigt und anerkannt habe. Auf 
dieses Mongitore'scbe Lob können wir, um unsern Lesern zu zei- 
gen, wie sie den neapolitanischen Tacitus (den wir jedem, dem 
es mit der Geschichte Ernst ist, rathen, nocturna versare manu, 
versare diurna) als Correctiv jeder allgemeinen Declamation ge- 
brauchen sollen, am besten durch die Worte antworten, mit weU 
eben Colletta angiebt, an welchen Klippen Carls und seiner Mi- 
nister bester Wille nothwendig scheitern mufste. Es heifst lib. I, 
c. III. §. 3o; Non osö abattere i trovati errori, la feudalita, la 
nobilta, le pretensioni del clero, i privilegi delle cittä , erano 
intoppi altorno a quali si aggiravano i provedimenti per res Irin- 
gere o confinare i mali pubblici, che maggior sapienza o ardire 
avrebbe distrutti. Die Freude über die Krönung in Palermo, 
über die Heise des Königs in Sicilien , Ober die Feste und Ehren 
scheint den Verf. ganz aus seinem Gleise zu bringen, denn er 
verweilt bei diesen Dingen von S. 400 bis S. 424. Man mufs 
aber bedenken , dafs er für seine Landsleute schreibt und einen 
Botta, nicht einen Colletta ergänzt; das letztere möchte aller- 
dings schwer halten. So wenig übrigens hier an eine Manier 
und an eine classische Historiographie , wie sie sich bei Colletta 
zeigt, zu denken ist, so nötzlich wird das Buch denen seyn, die 
Material, nicht aber Lehre und Wissenschaft bei dem Historiker 
suchen, Übrigens wird ein denkender Forscher auch aus dem, 




aalla ttoria di Sicilia. 

s v» 

was der Verf. lobend von Carl III. erzählt, im Einzelnen bemer- 
ken können, auf welche Weise das sicilianische Parlament die 
Absichten des Königs, den geistlichen Mifsbrä'uchen zu steuern, 
schon seit 1738 forderte, und wie der Konig und seine Minister 
den ganz gesunkenen Handel wieder zu beleben suchten und des- 
wegen eine eigene Behörde schufen. S. 434 : Stabiii un supremo 
roagistrato di commercio indipendente al qual riferir dovevansi 
tutti i litigi che insorger pntevano da ogni maniera di economia. 
Der Prinz rühmt bei dieser Gelegenheit zum zweiten Mal, 
ich den Beifall irgend eines Verständigen haben 
dafs der König die Juden ausdrücklich in sein Reich rief. 
Es ist etwas ganz anderes, die Juden, die in einem Lande ge- 
boren sind, dulden und ihnen alle bürgerlichen Rechte geben, 
was billig und recht scheint, und wieder etwas anderes, aus- 
drücklich zum Schachern Juden ins Land rufen. Der Verf. 
dagegen, als er S. 436 angeführt hat, seine Landsleute hätten 
lieh beklagt, del facile accesso agli Ebrei aperto dalla providenza 
de) principe, ruft betrübt und unwillig aus; Vedi umana stol- 
tezza ! Uns scheint es , als wäre bei der Geschichte des lächer- 
lichen Rangstreits der Städte Messina und Palermo, bei der Wuth 
der Palermitaner , als in dem Tractat mit der Pforte Messina Ca- 
pitale genannt war, bei den Memorialen und gedruckten Schrif- 
ten darüber, kurz bei allen den Geschichten, die hier viele Sei- 
ten füllen, der Ausruf: Vedi umana stoltezza ! viel besser ange- 
bracht. Man kann in der That kaum etwas Lächerlicheres den- 
ken, als wenn der Verf. hier, nachdem er den Rangstreit be- 
richtet und die Schriften darüber angeführt hat , endlich noch 
hinzusetzen mufs : Dabei blieb es nicht bewenden , denn der Rath 
von Palermo machte noch 1749 eine sogenannte Consulta bekannt, 
worin er alle Usurpationen aufzählt, welche Messina bis dabin 
begangen habe, und endlich feierlich betheuert , der Anstand, die 
Ruhe, der Frieden des Landes fordere, dafs diesen Mifsbrä'uchen 
ein Ziel und ein Zügel gegeben würde. Der Verf. erklärt sich 
hernach sehr ernst und sehr würdig und ausführlich gegen diese 
Erbärmlichkeiten, die seinem Vaterlande so wesentlich geschadet 
hätten. Er sagt ausdrücklich; del cjuale malgrado la mia avver- 
sione mi e stato gioco forza riparlare. Dann fügt er hinzu, er 
wünsche wenigstens , dafs endlich die Eifersucht verschwinden 
ro5ge, welche jetzt schon seit vielen Jahrhunderten entbrannt, 
sich in tausend giftigen Formen gezeigt und alles das Gute zer- 
stört habe, welches das fruchtbare Sicilien hervorgebracht. Möch- 



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144 P. Laiisa, Prioc. di Scordia, 

ton, ruft er aas, die Zeitgenossen wenigstem lernen, diesen'un- 
seeligen Hafs zu verabscheuen, mochten sie aus dem Verderben, 
welches dieser angerichtet hat, das grofse Versehen unserer Vor- 
fahren erkennen, und einsehen lernen, wie weit sie von der wah- 
ren Liebe des Vaterlandes entfernt waren. Was von den Parla- 
menten, ordentlichen und ausserordentlichen, berichtet wird, ist 
nicht erfreulicher, als was wir aus jenen Zeiten von den soge- 
nannten Ständeversammlungen Deutschlands etwa berichten konn- 
ten. S. 449 honirot der Verf. auf die Geschichte der Pest in 
Messina um 1743, und verweilt mit Recht etwas länger dabei, 
weil er an der relazione storica des Francesco Testa eine ganz 
vortreffliche Quelle hatte. Der Verf. nämlich, nachdem er die 
berühmten Beschreibungen seiner italienischen Classiber , des 
Boccaccio von der Pest um i34&, des Macchiavelli von der Pest 
um 1527, und des Manzoni von der Pest in Mailand im Jahre 
i63o angeführt hat, setzt er hinzu: ebbero questc chiari ed elo- 
quenti sei ittori , certo , io diceva, narrator piu pulito e piü terso 
aver non potea questa di Messina del 1743 nella persona di Fran- 
cesco Testa uno di que' chiari ingegni che nel decorso secolo 
rallegrarono delle Inro dottrine questo beato suolo e divenire il 
fecero lumiera splendidissima di ogni maniera di letlere. Wir 
wollen eine Stelle mittheilen, welche uns den Zustand von Mes- 
sina zu der Zeit beschreibt, als die Pest einen hohen Grad er- 
reicht hatte. Das liebliche Messina, heifst es S. 4^7 , ward nun 
eine Schaubühne jedes betrübenden Aufzugs, und zwar besonders 
aus dem Grunde, weil man nicht sogleich die Verordnungen des 
Palermitanischcn Gesundheitsraths befolgt hatte, als dieser die 
Verbrennung der verdächtigen Waaten und die Aufhebung alles 
wechselseiligen Verkehrs verordnet hatte. Wir müssen hier näm- 
lich bemerken, was der Vf. erst S. 4^9 erzählt, dafs auch jetzt, 
und seihst während der Dauer der Pest die Eifersucht der beiden 
Hauptstädte und die Privilegien der Stadt Messina Ursache gro- 
fscr Übel wurden. Die Sanitätscommission (deputazione di 
sanitä) von Palermo war nicht für die ganze Insel gel» 
tende Behörde, sondern ihre Beschlüsse hatten in 
Messina nur die Kraft guter Rathschläge, nicht von Be- 
fehlen. Wir fahren fort die Beschreibung zu übersetzen : Da 
alle Thore von Messina geschlossen waren , so hüi te jeder Ver- 
kehr mit der Gegend umher auf , die Slrafsen waren mit Schlag- 
bäumen gespeirt, und selbst der Handel war ausdrücklich ver- 
boten. Alle Zusammenkünfte, von welcher Art sie auch immer 



«45 



mochten, waren untersagt; alle geistlichen and bürgerlichen 
Geschäfte and Übangen horten aaf; alle Kirchen, öffentlichen 
Gebäude, Bureaus waren geschlossen; die Straften lagen voller 
Todlen oder Personen, die ohne allen Trost den Geist aufgaben. 
Man sab oft die jugendliche Mutter, die durch die Krankheit schon 
Gatten, Eltern, Verwandte verloren hatte, ihren unmündigen 
Säugling mit giltiger Milch nähren und unter Zuckungen und 
Schluchzen und Schmerzen die Seele der Gottheit zurückgeben. 
Greise und abgelebte Alte starben verlassen, gleich dem Vieh des 
Feldes, nicht sowohl weil die Krankheit sie hinraffte, als aus 
Mangel an gehöriger Nahrung und Pflege; denn wir müssen he- 
merken, dafs niemand da war, der ihnen Nahrung hatte holen 
oder bereiten können. Schaaren von Pestkranken gingen gedrängt 
durch die Strafsen, so lange nur noch ein Hauch in ihnen war; 
sie zeigten dort ihre abgemagerten blafsgelben Gesichter, betäub, 
ten die Ohren mit ihrem Schreien und flehten doch vergeblich 



% um Hülfe und Nahrung. Wohin man auch immer gehen mochte, 
hörte man nur Heulen und Jammern und Klagen, selbst aus dem 
Innern der Häuser; eine Todtenblässe sah man auf allen Gesich- 
tern. Verwandte suchten einer den andern, aber das blühende 
Mädchen, die frische Kraut, der kräftige Jungling waren, wenn 
man sie wiederfand , zu faulenden , verpestenden und Tod ver- 
breitenden Leichen geworden, oder wenn sie noch athmeten, so 
waren sie von Zuckungen, von Fieberhitze und Wahnsinn und 
von heftigen Schmerzen so gequält, dafs sie, der Sprache be- 
raubt , nur auf die kranken Theile des Körpers , die blauen Mäler, 
die Pestbeulen, die geschwollenen Achselgruben und den ge- 
schwollenen Unterleib deuteten , welche weder die Kunst des Arz- 
tes noch die Kraft der Arzneimittel zu heilen vermochte. Jeden, 
der, ich will nicht sagen ein fühlendes, sondern nur ein mensch- 
liches Herz im ßusen hat, mufs eine so traurige und jammervolle 
Erzählung mit kaltem Schauer erfüllen (rabbrividire), und doch 
waren diese Übel bei weitem nicht Alles. Zum Mangel an die- 
nenden Personen , an Arbeitern und an Leuten zu den geringeren 
Geschäften, an welchen es fast ganz fehlte, weil sie entweder 
schon gestorben oder sterbend waren , kam der Mangel an Ärzten 
und an Dienern des Altars, weil die christliche Barmherzigkeit, 
mit welcher viele auf eine lobenswfirdige Weise Sterbenden den 
letzten Trost unserer Religion reichten , von ihnen selbst mit dem 
eignen Leben bezahlt ward. Endlich fehlten sogar die Todten- 
gräber, und die auf den Plätzen und Strafsen aufgetürmten Lei- 



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P. Lanta, Cootideraiioni sulla •toria dt SiciUa. 



chen , von Würmern zerfressen und von Hunden zerrissen, ver- 
pesteten die Luit noch viel ärger durch ihren unerträglichen Ge- 
stank. In diesem Zustande eines fortdauernden Sterbens und un- 
aufhörlicher Angst verflnfs der ganze Monat Juni, dann begann 
die grausige und todtliche Heftigheit der Krankheit nachzulassen.« 
Wir müssen es unsern Lesern überlassen, die Fortsetzung dieser 
Beschreibung bei dem Verf. selbst nachzulesen, nur wollen wir 
die Stelle anführen, wo sich das schreckliche Resultat findet. Es 
heilst S. 462: »Auf diese Weise nahm die Heftigkeit der Krank, 
heit, sowohl in Messina selbst als in den umliegenden kleinen 
Dorfern ab , und sie horte nach und nach ganz auf. Man fand 
nach einer Zählung, die Turriani machen liefs und Testa aufge- 
zeichnet hat, dafs in der Stadt und den erwähnten Dörfern 42663 
Personen das Leben verloren hatten. Am Schlüsse der Regie- 
rung Carls III. macht der Verf. dieser sicilianischen Geschichte 
vortreffliche Bemerkungen über die ganze Regierungsgeschichte 
dieses Königs. Er urt heilt über die grofsen Bauwerke zu Caserta 
und Maddaloni ungemein richtig und billig; ebenso über die Mi- 
nister Monteallegro, Fogliani; Tanucci, und man wird Vieles bei 
Colletta aus ihm ergänzen können. Sehr wohl gefallt uns der 
Ausdruck , dafs das Wort libertä eine enigmatica e misteriosa 
parola sey. Übrigens bedauern wir, dafs der Verf. Colletta nicht 
hat benutzen können. Man wird im Ganzen die Freimütbigkeit 
bewundern , mit welcher dieser sicilianische Prinz die innere Ge- 
schichte der Jahre 1760 — 1783 in einem in Palermo gedruckten 
Buche beschreibt; wir glauben schwerlich, dafs einer unter un- 
sern deutschen Grofsen die Geschichte des Staats, worin er lebt, 
auf diese Weise behandeln würde. Wir meinen, in Beziehung 
auf die Hauptsache, denn die von den Franzosen entlehnten Re- 
densaiten kommen hier freilich nicht vor. Um 1783 sagt er ganz 
richtig, Konig Ferdinand und dessen Gemahlin, die berühmte und 
berüchtigte Konigin Carolina (donna di animo grande, e che insin 
dal giorno del suo matrimonio non poco prevalse nelie regie con- 
sulte) hätten für ihre damaligen (wie wir uns ausdrücken würden) 
Josephiuischen Absichten , Caracciolo dem Samboca vorgezogen. 
Über Caracciolo urtheilt er sehr richtig : Caracciolo ministro non 
fu perö ne Caracciolo ministro nelle es/ranee corti , nc Caracciolo 
vicere di Sicdia , forse l'etä giä fatta avanzata in seguito di sua 
vita travagliata molto, in parte il suo spirito abbatuto avea. Er 
erklärt sich hernach noch naher über seine Ansichten von Feu- 
dalität und Aufklärung, bricht aber plötzlich ab, wo der Boden 



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unter ihm glatt und schlüpfrig zu werden anfängt Ref. hofft, 
dafs die Leser ans seiner Anzeige sehen werden, dafs dieses si- 
cilianische historische Werk weder eine Compilation noch eine 
breite and zierlich seyn sollende Rede über Geschichte, wie fast 
alle italienischen Geschichten seit Muratori, sondern ein britisches, 
nützliches, brauchbares Buch ohne Weitschweifigkeit ist. *) 

Schlosser. 



Die allgemeinsten Gesetze der sphärischen Polygonomctrie , und die allge- 
meinsten Gleichungen der gauchen Polygone. Entdeckt und dargeutellt 
von Dr. Anton Müller. Heidelberg, Druck und Verlag von Karl 
Grooe, 1830. 4. U und 137 & 

Der Zweck der Mathematik verlangt , dafs jede ihrer Partien 
in möglich gröfster Vollständigkeit entwickelt sey; nur so gewährt 
sie dem mit ihr Vertrauten die hinlänglichen Mittel, um uberall, 
wo in der Natur oder im Leben sich Fragen darbieten mögen, 
leicht und logisch sicher die 'passenden Antworten zu cruiren. 
Zwar konnte es scheinen, als ob für die Bedürfnisse der Praxis 
schon Einzelnheiten aus einzelnen Partien genügten; allein es ist 
doch wohl nicht zu läugnen , dafs dieser oder jener Zweig der 
Praxis seine Bedurfnisse als Maasstab der Forderungen, welche 
an die speculative Mathematik gestellt werden können, nicht gel- 
tend machen kann, indem der Erkenntnifs- Erwerb sich in gar 
mannichfachen , und auch in solchen Regionen bewegt , welche 
über dem Gesichtskreis sehr vieler Menseben liegen ; und dann 
wird wohl nicht in Abrede zu stellen seyn, dafs man just nur so 
viel gebraucht oder anwendet, als zur Verfügung steht, selbst 
wenn man sich behellen müTste. Wie gut aber die Menschheit 
sich aufs Behelfen versteht , zeigt die Geschichte , wie jeder an. 
deren Wissenschaft, so auch der Mathematik und ihrer Anwen- 
dung. Man sehe z. B. nur die Astronomie an. Lange befriedigte 
die Ptolomniscbe Epicykel- Voraussetzung; Copernicus verbreitete 



•) Ref. .beeilt »ich, nachträglich einen Irrthani zu berichtigen, auf 
welohen ihn Herr van Kampln aufmerksam gemacht hat. S. 6 un- 
ten , im Janoarhf ft die«. Jahrbb. , wo die Markisate Breda und Dicat 
als eingebracht dem Prinzen tou Oranien durch seine erste Gemah- 
lin beseichnet werden , indem Breda schon 1404 durch die Hrirath 
Engelberte L, Grafen von Nassau, mit Johanna, der Erbtochter 
Johanns von Polanen, an das Nassauische Haus kam, Dlest aber 
nicht später ols 145^0» 



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848 Malier;: die Gesetze der sphärischen PolyRonomctrie. 

durch seine immerhin beschrankte Annahme für die Menschen 
ein Licht, das gewissen Leuten sogar gefahrlich schien ; Keppler't 
Entdeckung endlich, dafs die Bewegung der Planeten in Ellipsen 
stattfinde, steht bekanntlich bis auf den heutigen Tag fest, ob* 
gleich der Satz, bei der Anwendung des Newton'schen Gravita- 
tionsgesetzes auf das Planetensystem, sich als unwahr erweist; 
man benutzt die Keppler'sche Entdeckung als Anlehnpunkt, gleich- 
sam als Normalzustand, nimmt sodann seine Zuflucht zu Abwei- 
chungen oder Störungen , und verwendet schon seit einem Jahr- 
hundert das Ungeheuerste an Talent , Fleifs und Zeit , um diese 
Abweichungen zu bestimmen. Nun dürften die Intelligenteren 
zwar wohl wissen, dafs es, scientivisch , schlechthin absurd ist, 
Ausnahmen von Regeln, Abweichungen von Normalzuständen zu 
statuiren — in der Natur sind nur giofse fort- und ineinander- 
laufende Gesetze — ; man nimmt aber dennoch zu dergleichen 
Dingen seine Zuflucht, weil der Vorrath an Hülfsmitteln nicht 
mehr darbietet. Es .fehlt, für die Astronomie, an Partien der 
höheren Analysis und der Geometrie , freilich aber auch zu deren 
Fort- und Durchbildung an gar mancherlei Mitteln. 

Wie in der Astronomie, so sieht es mehr oder weniger auch 
in anderen Theilen aus. 

Sieht man die Sachen so an, so dürfte es nicht blos nicht 
überflüssig, sondern sogar sehr nothig erscheinen, dafs die ein- 
zelnen Partien nach allen Seiten und Richtungen hin aufs voll- 
ständigste entwickelt und durchgeführt werden. 

Diese Bemerkungen auszusprechen , halte ich für zweck- 
mässig, weil sie den allgemeinen Standpunkt, von welchem aus 
ich meine Arbeiten angesehen wünsche, und zugleich den Maas- 
stab anzugeben geeignet sind , nach welchem die Forderungen 
hinsichtlich der Vollständigkeit zu reguliren seyn durften. 

Bei der vorliegenden Arbeit kam es auf zweierlei an : die 
Gleichungen zwischen den Elementen sphärischer und gaucher 
Polygone zu entwickeln, zugleich aber auch die Mittel herbeizu- 
schaffen , durch deren Zuziehung es muglich wird , jene Glei- 
chungen so , wie es die Zwecke der Wissenschaft erfordern , zu 
fixiren. Es ist nicht schwer, sich, zu uberzeugen, dafs es rein 
unmöglich ist, den Zusammenhang zwischen den Elementen eines 
sphärischen Polygons von n Ebenen, oder eines gauchen Poly- 
gons Von n Seiten, auszudrucken, wenn man keine anderweitige 
Hülfe hat, als die vorhandene Mathematik gewährt: die Aus- 
drücke wachsen beim Fortgange ins Unübersehbare, und beste- 



Müller : die Gesetze der sphärischen Folygonoraetrie. 34!) 



hen dabei aus solchen Producten und vielfach ineinander ver- 
schlungenen Produclenreihen, dafs es vergebliche Muhe ist, diese 
prolixen Dinge durch die bekannten Hülfsmittcl der Analysis in 
kurzen Ausdrucken festhalten zu wollen. 

Deshalb mufste vor allen Dingen auf die Einfuhrung zweck, 
mäfsiger Functionen , als die conditio sine qua non , Bedacht ge- 
nommen werden. Bei näherer Überlegung bieten sich in dieser 
Beziehung zunächst folgende Bemerkungen dar. 

Wenn 

a, a a a s . . . . a„ (a) 
die Ebenen - Winkel , und 

(ai , a a ) (a,, a 3 ) (a n , a,) (ß) 

die Neigungswinkel eines sphärischen Polygons bezeichnen , und 
wenn aus diesen zwei Reihen folgende dritte 

ai (a h a s ) a s (a t , a s ) (7) - 

gebildet wird, so kann eine Function sich beziehen entweder 
auf nach einander folgende Glieder der Reihe (a) oder ((3), oder 
auf Glieder der Reihe (7). 

Im Falle eine Function auf Glieder der Reihe (7) sich be- 
zieht, so ist wieder zweierlei möglich: die Anzahl der Glie- 
der , auf welche die Functionsweise sich erstreckt , ist entweder 
gerade oder ungerade. 

Diese Bemerkungen sind festgehalten, und darnach drei 
Fonctionsweisen unterschieden worden : 

eine Functionsweise, welche auf Glieder der Reihe (a) oder 

4 (ß) sich bezieht, 
eine Functions« eise, welche eine ungerade Anzahl Glieder der 
Reihe (7) , und 

eine Functionsweise , welche eine gerade Anzahl Glieder der 
Reihe (7) umfafst. 

9 Die für diese Functionsweisen gewählten Zeichen [ und Aus- 
drucksweisen sind: 

5 [ai a, a s a m ] 

9> [ai (ai , a a ) a m (a m , a«, t ,) a m t , ] 

g [a! (a! , ai) a DI (a n , a,,, t , ) ] 

Die Function £ bezieht sich auf die Glieder der Reihe (a) oder 
(0); die Function *p auf eine ungerade, und g auf eine gerade 
Anzahl Glieder der Reihe (7). 

Zur Fixirung der Eigenschaften, welche den Functionen 2 
zukommen sollen , ist der allgemeine Satz 



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SSO Müller: die Gesetze der «pliärischen Polviroaoinetrie. 



8 |>i a, a, a„, t J e= 

sb g[i x aa • • • a«-, 90° + a.] . t[a*tt}i 
and als Ausgangspunct im Besonderen der Satz 

§ [a,] = sin. ai 

aufgestellt. Der letztere Satz ist zur Abkürzung gewählt) eigent- 
lich sollte statt seiner festgesetzt seyn 

S [o] aa o 

e [a.]* + « [90° + *]■ =^ 1 ; 

es schien aber solchen Lesern gegenüber, für welche die Schrift 
bestimmt ist, passender, durch den einen Satz die ganze Reihe 
von Eigenschaften anzudeuten, welche, den letzten zwei Sätzen 
gemäfs, der Function £, im Falle sie nur auf einen Winkel sich 
bezieht, zukommen, als diese Eigenschaften noch besonders ab- 
zuleiten. 

Diesen Feststellungen gemaTs hat die Function V, wenn sie 
nur auf einen Winkel sich bezieht, alle Eigenschaften von sinus 
und cosinus, und wenn sie auf mehrere Winkel sich erstreckt, 
so bezeichnet sie ein Product von so vielen Factoren, als Winkel 
da sind, und jeder der Factoren ist wieder eine Function $. 

Damit der Umfang und die Zweckmäßigkeit des für die 
Function S aufgestellten Begriffs bestimmter hervortrete, werde 
angenommen, es seyen b, b 2 b s . . . . irgend welche Winkel, 
und es sey das Gemeinsame folgender Producte zu fniren : 
sin. b] , 

cos. bj . sin. b s , 

cos. b, . cos. ba . sin. bs , 

cos. b, . cos. b s . cos. bj . sin. b« , 



Dieser Forderung genügt vollständig die Aufstellung des Ausdrucks 

^ [bi b 2 . . . . b, t , ] , 
indem die vorstehenden Producte der Reihe nach sich ergeben, 
wenn in diesem Ausdrucke s = o, 1,2,... gesetzt wird. 

Soll gleicher Weise durch einen einzigen Ausdruck das Bil- 
dungsgesetz der Producte 
— cos. b, , 
sin. bi . sin. bi , 
sin. bi . cos. b% . sin. bs , 

festgehalten werden, so wird der Zweck durch den Gebrauch 
des Ausdrucks 

S[>70 0 + b, b, b, . . . b ifl ] 



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Maller: die Gesetze der sphärischen Poljgonometrie. 851 

erreicht , indem die genannten Producte anmittelbar entstehen , 
wenn in diesem Ausdrucke s = o, 1, 2, . . . gesetzt wird. 

Es ist wohl nicht in Abrede zu stellen, dafs die Einfuhrung 
der Function £ deshalb, weil mittels ihrer eine grofse Mannig. 
faltigkeit von Producten nicht aliein fixirt, sondern auch einem 
einzigen Bildungsgesetze unterworfen werden können, ein Ge- 
winn ist Der Gewinn wird aber noch bedeutend grofser, wenn 
man sich dazu entschliefst , die Functionen sinus und cosinus völ- 
lig zu verabschieden, und lediglich die Function £ zu gebrau- 
chen; man hat alsdann bei Deductionen , welche auf Producte 
fuhren, wie die vorhin angemerkten sind, sogleich das ganz ein- 
fache Gesetz, und man ist nicht genothigt, dem Gedä'chtmTs eine 
Mannigfaltigkeit aufzuladen, welche lediglich dadurch Bestand hat, 
dafs man den zu engen und deshalb unzweckmafsigen Begriff von 
sinus oder cosinus aufnimmt. 

mg 

Möge diese Bemerkung einer weiteren Überlegung wertb ge- 
achtet werden ! 

Cm das Eigentümliche der Functionen s ]) und g festzustel- 
len, sind die allgemeinen Satze 

*P Oi (ai , ai) . . . a, (a,, a, tl ) a 1+ ,] = 

= 9> [ai (a, , a,) a,., (a._, , a.) 90 0 + a;] 

.9>[a.t.] 

+ 8 t a > ( a i 1 a >) «• ( a « 1 a »t«)l 

. 9>0 7 o° + a <tl ] 

8 [ a i («ii «1) «it. («itn a «t»)] = 

= 8 f a i («ii «s) «. 2 7°° + ( a .i Mi)] 

.» [i8o°— (i itM a. t ,)] 

+ V [ a i ( a i 1 «i) «. («11 «»t») «»!■] 

. <P [45o°— (a. t( , a, t ,)] 
und ausser diesen noch die besonderen Sätze 
<P [a,] = Sin. a, 

% [•• (•. , a,)] = »[t,] . $[450" — (a, , .,)] 
angenommen. 

Hier ist ebenfalls nur der Kürze wegen der Satz <p[a,] = sin. a, 
statt der zwei 

V [o] = o 
V [«.?+?> [90°+««? = 1 

gewählt 

Aus diesen Annahmen ist nun eine bedeutende Reihe von 
Eigenschaften abgeleitet, die den Functionen ^> und g zukom- 
men j es sind vorerst die bemerkenswerthesten , und für den wei- 



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Müller: die Geaetse der suhärischen Polvtronomctrio. 



teren Fortgang unmittelbar noth wendige» aufgenommen, und an- 
dere ubergangen, viele vielleicht auch übersehen. Unter den ab- 
geleiteten Sätzen sind, mit andern, besonders jene merkwürdig, 
in welchen die Darstellung der Functionen $ und g durch die 
Elementar- Function £ ausgedruckt ist. 

Um bemerkbar zu machen, wie der obige allgemeine Satz, 
worin eine Eigentümlichkeit der Function »p ausgedruckt ist, 
zu Bekanntem steht, werde der besondere Fall s=i gewählt, 
für welchen ist: 

f [ ai (a, , ai) aj = [900 + a,] . [a,] 

+ g[ ai (a x ,a,] *9l*JO*+**l 
oder, wenn die Function g[ ai (a 2 , a t )] nach dem Obigen ersetzt 
wird : 

9>[ai («i , a») at] = <P[9<>°+ a,l . ty[a*] 

+ V[ai] • M45o°-(a, , a,)] . W^+a,] 
Nun ist bekanntlich wahr, dal*, wenn in einem sphärischen 
Polygone der Neigungswinkel zweier auf einander folgender Flä- 
chen = 180 0 wird, die zwei anliegenden Ebenenwinkel einen ein- 
zigen bilden, welcher durch die Summe derselben ausgedrückt 
wird. Wenn also in dem vorstehenden Satze (ai , a t ) = 180 0 ge- 
setzt wird , so geht die Winkelreihe a, (a t , a 2 ) a 2 in den einzi- 
gen W 7 inkel ai -f a*, und der Satz (X), nachdem ^[270°] = — 1 
gesetzt ist, in folgenden über 

y [ fll + a,] = 9) [90- + a,] . $ [a,] 

welcher in anderer Gestalt der bekannte Satz 

sin. (a, -f Bt) = COS. n, . sin. a, + sin. a t . COS. a 2 
ist. Wird in (X) (ai , a 2 ) = 180 0 , und zugleich 90° + a t statt 
01 gesetzt, so ergiebt sich der bekannte Satz 

cos. (ai -f* a i) — cos. a, . cos. a 3 — sin. ai . sin. a* 
Diese Andeutung bekannter Sätze, welche in dem erwähn- 
ten allgemeinen Satze als specielle Fälle enthalten sind, mag we- 
nigstens zu einiger Erläuterung dienen. 

(Der Beuchlufs folgt.) 



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N°. 23. HEIDELBERGER 1837. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Müller: die Gesetze der sphärischen Polygonvmetrie. 

(Beschluft.) 

Die Aasdrücke anlangend, welche durch die Functionen 9> 
and g vertreten werden, so läfst sich ein Überblick nicht wohl 
geben. Jedoch mögen einige Beispiele hier eine Stelle finden. 

Wenn in dem Satze (X), auf der rechten Seite, sin, statt <P 
gesetzt wird , so entsteht : 

9>[ai (a, , a a ) a a ] = cos. a t . sin. a* 

— sin. a t . cos. (ai , a 2 ) . COS. a* 
Ebenso ergiebt sich aus (X), dafs 

9>[ a i (a, , a 2 ) 90°+ a a ] = cos. aa . cos. a» 

+ sin. a, . cos. (a, , a 2 ) • sin. a a 

and 

9[ 2 7°°+ a i ( fl i 9 & >) a i] = sin - a i * si [1 - a * 

-f. COS. a ] . COS. (ai , a a ) . COS. 8i 

Die Ausdrucke auf der rechten Seite in den letzten drei 
Sätzen wird man als alte Bekannte begrufseo. Ihrer grofsen Ver- 
schiedenheit ungeachtet sind sie einem Bildungsgesetze unter- 
worfen, und was noch mehr ist, mittels der Function s ]> kann 
jeder derselben als ein Glied einer ins Unendliche fortgehenden 
Reihe aufgefafst werden, deren Bildungsgesetz das der Function 
9> ist. 

Nach den obigen Feststellungen ist ferner, wie man leicht 
finden kann : 

g [a, (ai , a 2 )] es sin. ai . cos. (a s , a a ) 
% [a x 270°+ (ai , a a )] = sin. a 2 . sin. (a! , a a ) 
% 1^70°+ ai (a! , a a )j = — cos. a, . cos. (a, , a a ) 
und 

g [ai (a, , a,) a 3 (a* , a 8 )] = cos. ai . cos. a t . cos. (a a , a s ) 

-f sin. a t . sin. (a x , a 2 ) . Sin. (a 2 , a$) 

— sin. a ! . cos. (a ! , a 2 ) . cos. a a . cos.(a 2 , as) 

SI a 1 ( a ii a ») a a 2 7°° + ( a >t a s)] = cos. a 1 . cos. a 2 . sin. (a a , as) 

— sin. a i . si n.(a 1 , a 2 ) . C0S.(a 2 , as) 

— sin a! . cos(a! , a a ) . cos. a a . sin(a 2 , a s ) 
g[270 0 +a 1 (a, , a a ) a a (a a , a s )] = sin. a, . cos. a a . cos. (a a , a 3 ) 

— cos.ai .8in.(ai,a a .sin.(a a ,as) 

4. cos. a A . cos.(a lf a a ) . cos. a a . cos.(a 2 , a s ) 
XXX. Jahrg. 4. Heft. 23 



854 Möller : die 

Pia Ausdrucke auf der rechten Seite in den ersten drei die- 
ser Sätze sind dem Leser ans der sphärischen Trigonometrie be- 
kannt; desto interessanter durfte es seyn, ihre Verwandtschaft 
unter einander sowohl , als mit unzählig vielen anderen Ausdrucken 
hier durch ein einfaches Mittel festgehalten zu sehen. 

Ausser den bisher betrachteten Functionen £ <P g sind noch 
Tier andere % M eingeführt, über deren Beschaffenheit in 
Kürze etwas anzugeben jedoch unthunlicb ist 

Nachdem durch die Theorie der eingeführten Functionen die 
Mittel gewonnen waren, die Gleichungen zwischen den Winkeln 
eines sphärischen Polygons von n Flächen auszudrücken, so ist 
die Ableitung dieser Gleichungen als Gegenstand der Aufgabe 
vorgenommen worden. Hierbei kam es wesentlich darauf an, 
nicht allein Gleichungen überhaupt, sondern sogleich alle mög- 
lichen Grundgleichungen aus einer gemeinschaftlichen Quelle her- 
zuholen. Und der Leser dürfte leicht die Überzeugung erhalten, 
dafs keine Täuschung unterläuft, wenn behauptet wird, dafs die 
Auffindung aller Grundgleichungen gelungen sey. Das Resultat 
der Untersuchung ist kürzlich folgendes. 

Die verschiedenen Grundgleichungen, welche möglicherweise 
zwischen den Winkeln eines sphärischen Polygons statthaben kön- 
nen, zerfallen nach geraeinsamen Prädicaten der Bildung ihrer 
Bestandt hole in sieben Systeme, und das Bildungsgesetz für alle 
Gleichungen eines jeden Systemes ist in einem Norm- Satze 
fizirbar. Die sieben Norm-Gleichungen , welche hiernach 
Stattfinden müssen, sind folgende: 

% [170° + a! (a x , a a ) . . . . a, (a, , a. t ,)] == ) , * 

= g[270°+a, t , (M-, «.tO • • • a - ( a - a *)l ) 
q>[Q70°+a 1 (a 1 ,a 1 )...a l (a„ a, t ,)a. t ,]=: ) , v 

=9>[45oo-(a. t , , a. t ,) i8o°-a. t , ... i8o°-(a„ a^] J w 

|> [270°+a, (a A , a*)... a,., (a,_ a , a.) Q0 o +aJ ss ) 

= Sf a «t« ( a »t>» a *t») • • • a « ( a »> a *)] » 
g[27P°+a J (a 4 ,Bi)...#.a70 e 4.(a. 1 a, t ,)] ) /..n 

= 9>[«8o°-(a itl , M 0...i8o°-(a B ,a 1 )] ] 1 " 

$ [*i (ai y es) . . . a_, (a.. t , aj 90°+ a,] =a > ( * 

^9>Kti(MMa.t.)...9 0O + an ] ) 
»[i8o # — (aMaiXiSu 0 — e*...«70 Ä — (s < ,a. tl )]= ) ( * 

m W^8o°^(a. t ,, a, + ,)i8o <, -.a Ät ,..» 7 e 0 -( a -t a i)] $ 
g[a 1 t>,,a,)...a.a7O 0 +(a, f a. tl )]s= ; ) { v 

«=8[»Bo^(a. tl1 a. t ,)...45o--a.] $ v f| 



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Müller : die Geselle der Sphärischen PolygoDoroetrie. 366 

Die einzelnen verschiedenen Grundgleichungen ergeben sich 
dadurch, dafs in diesen Normgleichungen sso,i,i,,|,, ge- 
setzt wird. 

Einer näheren Ansicht bietet sich dar, dafs die Gleichungen 
(«i) und (coj), jede, alte sn Winke), die Gleichungen («») und 
(*<) jede nur an — i Winkel, nnd von den Gleichungen (©,) 
(*•) (**t) jede nur an — a Winkel des Polygons enthält 

In (a>i) und (a>,) sind die in Winket so vertheilt, dafs in 
der einen Gleichung auf jeder Seite eine gerade Anzahl Winket, 
in der anderen aber auf jeder Seite eine ungerade Anzahl Win» 
he! vorkommt; eine weitere Yertheilungsweise ist nicht möglich. 

Desgleichen sind in (o s ) und (o 4 ) für an — 1 Winkel, und 
in («*) (o 0 ) K) für an- 3 Winkel die möglichen Weisen del 
Vorkommens enthalten. 

Wird zu diesem Allgemeinen noch das gefugt, was die ein- 
zelnen Gleichungen der sieben Systeme darbieten , so ergiebt sich, 
dafs kein weiterer Fall denkbar ist, der nicht in den aufgestellten 
Sätzen enthalten wäre. 

Die Zahl der einzelnen verschiedenen Grundgleichungen ist 
bei jedem Polygone grofs. Wenn n=2m+i ist, so ist die ge- 
nannte Anzahl = 10. (m-p-i) — 1, und wenn n = ara-}-2 ist, so 
ist diese Anzahl =3 10. (m+ i) + 5. Darnach finden statt 
für ein sphärisches Dreieck 19 Grundgleichungen 
» » » Viereck a5 » 

9 » » Fünfeck 39 » 

U. 8. W. 

Die u) Gleichungen für das sphärische Dreieck sind in der 
Schrift besonders aufgeführt. Dabei bot sich eine Gelegenheit 
dar, eine neue Ableitungsart der Gaustischen Gleichungen anzu- 
zeigen. Wenn nämlich in der gewöhnlichen Bezeichnung a b c 
die Seiten, und ABC die gegenüberstehenden Winkel eines sphä- 
rischen Dreiecks bedeuten, so finden folgende drei Gleichungen 
statt* 

cos. a cos. b + sin. a cos. C sin. b = cos. c 

sin« a sin. b + Cos. a cos. C cos. b = sin. A sin. B 

— cos. A cos. c cos. B 
— cos. C es cos. A cos. B — sin. A cos. c sin. B 

Werden diese Gleichungen durch Addition verbunden, und 
wird jedes Resultat yon 1 subtrahirt, so ergiebt sich zunächst: 

(1— cos.(a— b)) . (i+cosX) = (i — cos.(A — B)) . (1— cos.c) 



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*$6 Müller : die Gesetze der sphärischen Polygone raetric. 

and hieraas folgt: 

a— b C . A — B . c 
sin. . cos. — = sin. . sin. - 

2 2 2 2 

Wie diese eine, so können auch die drei übrigen GaussU 
sehen Gleichungen aas den obigen drei Sätzen abgeleitet werden. 

Wenn dies für Freunde neuer ona einfacher Beweise inter- 
essant ist, so ist auch bemerkenswert!! , dafs neben den erwähnten 
Gaussischen Gleichungen noch eine ganze Schaar anderer bildbar 
ist, mit denen jene theilweise in Systeme gebracht, und auf diese 
Weise einem allgemeinen Bildungsgesetze unterworfen werden. 
Das Interesse an dem Besonderen dürfte freilich durch den Um- 
stand gemindert werden, dafs das eben Ausgesprochene eine spe- 
ciale Folge aus den allgemeinen Sätzen ist, welche im weiteren 
Fortgange der Schrift für Polygone von n Flächen entwickelt 
werden. 

Hinsichtlich der gauchen Polygone ist gefunden: die an 
Winkel eines gauchen Polygons von n Seiten können als die Win- 
kel eines sphärischen Polygons betrachtet werden, deshalb finden 
zwischen denselben die sieben Sätze (©i) — (w 7 ) statt. 

Für den Zusammenhang zwischen den Seiten und Winkeln 
eines gauchen Polygons ergeben sich vier Grundgleichungeo. 
Sind Bj Bs, B s B» , . . . ., B„ iBi die Seiten, ferner b, b 2 b, ... 
b D die äusseren Winkel , und (i , b 2 ) (b 2 , b s ) .... die Neigungs- 
winkel eines gauchen Polygons, so sind die Grundgleichungeo: 
o = B n Bx + 2, B r B rt ..$[b 1 (b 1 ,b a )...oo° + b r ] 
o ob 2 r B r B r+f . 9>[*70*+bi(bi f l>s) . .. oo°+b r ] 
o sa Z, B r B rt , . g[i8o°— (b a , bi) 180°—^ . . . 45o°— b r ] 
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